Chapter 9

Wilhelm Meister.

J. Mynster hatte mich also von der falschen Sentimentalität geheilt, und Bentzon mich auf das tüchtige Objective aufmerksam gemacht. Das war Alles ganz gut, aber nicht genug; ich bedurfte wieder Etwas für das Herz. — Der herrliche Wilhelm Meister hatte mich sehr erquickt; besonders, da ich mich — wenn nicht von der Seite des Characters, so doch von der Seite der Ereignisse — in so naher Verwandtschaft mit Wilhelm Meister fühlte, daß ich oft in den ersten Büchern meine eigne Lebensbeschreibung zu lesen glaubte. Das Marionettspiel, die Characterschilderung von Mariane, Philine, die Abenteuer mit den Schauspielern und Seiltänzern erfreuten mich unendlich. Den Besuch bei dem Grafen und der Gräfin, den närrischen, protegirenden Baron mochte ich auch sehr gern. — Aber Jarno und Lothario waren mir zu kalt vornehm. Es gefiel mir nicht, daß Wilhelm sich von den steifen und stolzen Formen der Convenienz imponiren ließ; besonders da ich die Absicht bei dem Dichter zu bemerken glaubte, der vornehmen Welt das Wort zu reden. „Die Bekenntnisse einer schönen Seele“ machten mich oft an meine Mutter denken; — deßhalb waren sie mir lieb, obgleich ich mich in dieser Welt nicht recht zu Hause fand. Unendlich dagegen entzückte mich der Harfenspieler und Mignon; in ihren herzergreifenden Liedern erkannte ich ganz denerstenGöthe, in ihrer Schilderung den vollendeten Meister wieder.

Jean Paul.

Aber meine nach Liebe dürstende Seele konnte sich mit diesen classischen Dichtungen nicht begnügen; ich bedurfte eines unendlichen Dichtermeeres, in dem mein Geist sich wiegen und in Ahnung, Sehnsucht und Wehmuth, in Laune und Uebermuth taumeln konnte; und dies fand ich, als O. H. Mynster mich mit Jean Paul bekannt machte — und ich seinen Hesperus, Siebenkäs und das Campanerthal gelesen hatte. Freilich mußte ich mich hineinarbeiten; viele Gleichnisse und Anspielungen verstand ich nicht; ich mußte über Haiden gehen, durch Moräste waten, und Dornengebüsche durchbrechen, um zu den schönen Oasen zu gelangen, welche mitten in der Wüste der Weitläufigkeit lagen. Aber wenn ich nun dort stand, wie labte mich die Quelle, wie belohnt fühlte ich mich. Jean Paul hat ausgesprochen, was kein anderer Dichter auszusprechen wagt. Oft beginnt er da, wo Andere schweigen, und setzt seine Rede fort, bis sie gleich himmlischer Musik in den Wolken verschwindet. Welche Kenntniß von Allem, welch tiefer Blick in das menschliche Herz, welch schöne Liebe für alles Schöne! Er hat sich an eine ermüdende Manier gewöhnt, die ihm zur andern Natur geworden und wohl auch ursprünglich aus seiner eignen hervorgegangen ist; aber er sollte sie gebildet und eingeschränkt haben, denn auch des Humoristen extravagante Natur läßt sich bilden, ohne das Characteristische zu verlieren. — Wie freuten mich seine komischen Figuren, seine Personen, die ungeachtet aller subjectiven Eigenheiten der Darstellung doch objective Wahrheiten behalten. Der Caplan, Victor, Flamin, Mathieu, die holde Clotilde, Leibgeber, Agathe, Stiefel. — Seine Characterzeichnungen erinnerten mich oft an das Bild eines Königs, das ich in meiner Kindheit gesehen hatte; es bestand aus lauter kleinen Sechsen, wenn man es genauer betrachtete, und war doch ähnlich. — Freilich flattert Jean Paul allzusehr in der Morgen- und Abendröthe umher, verliert sich allzu oft in der Milchstraße und den Nebelsternen; doch lohnt es sich wohl der Mühe, mit diesem Luftschiffer in dem poetischen Ballon in die Höhe zu steigen, wennman auch zuweilen Nichts vor lauter Wolken sieht und von den Nebeln durchnäßt wird. Wie viele schöne Morgen- und Abendstunden habe ich nicht mit ihm in dem kleinen Garten meines Vaters unter dem Kirschbaume zugebracht, der seinen weißen Blüthenschnee auf die Blätter des Buches streute. Wie oft habe ich nicht seinen Namen auf dem Titelblatte bei der Lectüre seiner herrlichen Schilderungen geküßt; eine Gewohnheit, die ich stets habe, wenn ein Verfasser mich hinreißt.

O. H. Mynster selbst hatte Jean Paul's Bekanntschaft in Wien gemacht und ging in den ersten acht Tagen fast nicht aus dem Hause, um vom Morgen bis zum Abend in seinen Werken lesen zu können, obgleich ihm diese große österreichische Hauptstadt noch ganz fremd war.

Göthe sagt in einem seiner Briefe an Schiller: „Wenn man nicht sowohl von Werken, wie von Handlungen, mit liebevoller Theilnahme, mit einem gewissen poetischen Enthusiasmus spricht, so werden sie so vollständig zu Nichts, daß es nicht der Rede werth ist. Lust, Freude, Theilnahme an den Dingen ist das einzige Reale, das wieder Realität hervorbringt, alles Uebrige ist nur leer und eitel.“

Deßhalb, lieber Leser, suche ich jedes Mal, wenn ich von einem neuen Verfasser spreche, Dir meine Gefühle und die Freude auszudrücken, welche die Lectüre seines Buches mir bereitete; denn das ist ein wichtiges Stück meines geistigen Lebens. Du wirst leider nur allzu oft vortreffliche Werke auf den Tischen der kritischen Anatomen finden; sie schneiden einen großen Mann auf, um den Zuschauern die Breimasse zu zeigen, mit der er gedacht, den kalten Fleischklumpen, mit dem er gefühlt hat. Aber ich glaube, daß auch ein Kritiker Zeichen von Phantasie und Herz geben muß, und wer das nicht kann und doch kritisirt, kritisirteben ohne Verstand. Man muß mit Geist von Geist, mit Witz von Witz, mit Phantasie von Phantasie, mit Verstand von Verstand, mit Kenntnissen von Kenntnissen sprechen. Sonst ist es Nichts! Ein Kritiker soll auch Künstler, Schöngeist, ein edler Mensch sein. Seine Untersuchung von dem Schönen muß selbst schön, von dem Edlen selbst edel sein, sonst bringt er ein Dunkel hervor, während er Andere aufklären will; er zerbricht das Kunstwerk mit plumpen Händen, wundert sich dann darüber, daß es keinen Zusammenhang hat, und trägt mehr, als irgend Einer zur Schiefheit der Gedanken und Gefühle und zur Verwirrung in der geistigen Welt bei.

Erwachendes Selbstgefühl.

Während ich nun mehrere solch' herrliche Bücher las, ging es mir, wie Correggio, der das Raphael'sche Bild sah und ausrief: „Anch'io son' pittore!“ oder wie der gute Hans Sachs in Göthe's Holzschnitt:

„Er fühlt, daß er eine kleine WeltIn seinem Gehirne brütend hält;Daß die fängt an zu wirken und leben,Daß er sie gern möchte von sich geben.“

„Er fühlt, daß er eine kleine WeltIn seinem Gehirne brütend hält;Daß die fängt an zu wirken und leben,Daß er sie gern möchte von sich geben.“

„Er fühlt, daß er eine kleine WeltIn seinem Gehirne brütend hält;Daß die fängt an zu wirken und leben,Daß er sie gern möchte von sich geben.“

Dieses Gefühl äußerte sich auf eine wunderbare, fast komische Weise eines Abends bei Oersteds, als der Physiker, das Doctor-Examen gemacht hatte, und einige junge und ältere Männer der Wissenschaft bei ihnen waren. Sie sprachen zuerst über verschiedene gelehrte Dinge. Ich saß still in einem Winkel, leerte zuweilen mein Glas, füllte die Gläser der Anderen und ließ sie reden; wie ich überhaupt selten laut in großen Gesellschaften bin. — Nun kam endlich auch die Dichtkunst an die Reihe, und in Bezug hierauf äußerte eine barmherzige Seele ihr Mitleid mit der dänischen Dichtkunst, daß sie seit Ewald's Zeiten so außerordentlich gesunken wäre. Bei diesen Worten erfüllt mich Geist und Feuer, ich stehe rasch auf, trete mitten in den großen Kreis, sehe ihnen Allen kühn und stolz in die Augen und rufe, indemich mit geballter Faust auf den Tisch schlage: „Ja, es ist wahr, sie ist gesunken, aber sie soll sich, hol' mich der Teufel, wieder erheben.“

Ich hatte damals noch nichts Andres drucken lassen, als einige Lieder und ein kleines Stück: „der zweite April“, eine dramatische Situation, wie ich es nannte. Ich durfte mich nicht beleidigt fühlen, wenn mich die ganze Gesellschaft ausgelacht hätte; aber mochten sie mich nun aus Gutmüthigkeit nicht demüthigen, oder glaubten sie vielleicht, in dem Kerl muß doch Etwas stecken; — genug, sie schwiegen, blickten mich verwundert an, und nicht einmal ein spöttisches Lächeln strafte mich. Aber dieser Hochmuth war gerade allein geeignet, mich zu demüthigen; ich schlich mich wieder in meinen Winkel zurück und fühlte, daß ich eine Dummheit begangen hatte. — Aber Oersteds, meine Freunde, betrachteten es als eine Prophezeihung. Wir glaubten schon damals gegenseitig von einander, daß Jeder von uns in seinem Fache es weiter als bis zu dem Gewöhnlichen bringen würde.

Lustige Streiche.

Wenn ich nun im Klub war, und die große Bowle geleert wurde, so füllten die Anderen zuweilen tüchtig mein Glas, weil sie bemerkt hatten, daß meine Schüchternheit und mein Schweigen verschwanden, und daß ich lustig und gesprächig wurde, wenn ich einige Gläser getrunken hatte. Eines Abends auf der Straße, als wir aus dem Klub gingen, beschuldigte mich Einer im Scherz, daß ich einen Rausch hätte. Ich bat gleich die forteilende Schaar, einen Augenblick zu warten und rief: „Meine Herren, hier muß eine Ehrensache entschieden werden, ehe wir weiter gehen. Mein Freund dort beschuldigt mich, betrunken zu sein; um ihm und Euch Allen nun meine Nüchternheit zu beweisen, werde ich an jener Leiter, die dort hängt, auf den Laternenpfahl hinaufklettern und Euch eine Rede halten!“

Es war dem Klubhause schräg gegenüber, auf einem Platzemit Planken eingefaßt, wo die abgebrannte Synagoge gestanden hatte. Ich weiß nicht, ob es Mangel an Geld oder an Gottesfurcht gewesen war, der die Gemeinde gehindert hatte, die Synagoge wieder aufzubauen. Aber so viel ist gewiß, daß daselbst nur ein Plankenwerk mit einem Laternenpfahl stand, an dem sich nicht einmal eine Laterne, wenigstens nicht an diesem Abend, befand. An der senkrecht hängenden Leiter kletterte ich also hinauf und stand oben auf dem kleinen Quadrat des Laternenpfahls, um zu beweisen, daß ich keinen Rausch hatte; ein handgreiflicher Beweis dafür, daß ich gerade einen hatte, denn nüchtern wäre ich bestimmt herabgefallen, wie ein Nachtwandler vom Dache, wenn man seinen Namen ruft. Wie ich nun da oben stand und zur Erbauung der rund umher Versammelten redete, kam der Wächter und fragte: „was ich da zu thun hätte?“ — Ich antwortete ruhig: „„Ich studire Astronomie!““ Nun wollte er Lärm machen; aber meine Zuhörer, unter denen mehrere Offiziere waren, riethen ihm, einen jungen Menschen nicht in seinen Studien zu stören. Er ging seiner Wege, und ich stieg glücklich wieder herunter, ohne mir Hals und Beine zu brechen.

Der Dichter Pram.

In Dreyer's Klub machte ich die Bekanntschaft des DichtersPram, eines feurigen Norwegers, voller Geist und Herz, mit großen Talenten, der sich aber mit zu vielen Dingen abgab, als daß er es in irgend einem zur Vollkommenheit hätte bringen können. Er schrieb nicht nur lyrische und epische Gedichte, heroische Dramen und Komödien, Singspiele und prosaische Erzählungen, sondern auch große, statistische Abhandlungen; er war Oekonom im Commerzcollegium, politischer Schriftsteller in der Minerva und opferte viel Zeit finanziellen Berechnungen. In Allem, was er unternahm, sah man den Mann von Kopf; aber da er so rasch arbeitete, hatte er, wie Madame Sevigné (und ich glaube Plinius vor ihr) sagt, nicht Zeit kurz zu sein, sondern drückte sich gewöhnlich weitläufig in schwerfälligen Perioden und Parenthesen aus. Ueberhaupt schien er nicht von der Natur das Talent bekommen zu haben, sich mit Leichtigkeit auszudrücken.In seinem epischen Gedichte Stärkodder stehen besonders die holprigen Verse und die Weitläufigkeiten vielen einzelnen Schönheiten im Lichte. Man reist, wie früher, auf dem Steindamme von Hamburg nach Lübeck. In einigen seiner Theaterstücke und Novellen sind gute Scenen und Stellen, in denen sich die dänische Nationalität mit Humor äußert. Sein GedichtEmiliens Quelleist mir stets als das hübscheste erschienen.

Dieser vortreffliche Mann kam mir gleich freundlich und vertraulich entgegen. Wir mußten auch Brüderschaft mit einander trinken. Ich habe keinen Menschen gekannt, der einen so hohen Grad von Gutmüthigkeit und Wohlwollen mit einer so aufbrausenden Heftigkeit vereinigt hat. Aber er meinte nichts Böses damit, und wer ihn kannte, betrachtete sein Lärmen, wie das Klappern einer Mühle, während das nährende Korn dabei gemahlen wird. Freilich konnte Der, der den sausenden Flügeln zu nahe stand, zuweilen auf eine tüchtige geistige Ohrfeige rechnen. Er hatte keinen Freund, dem er nicht die Thür gewiesen und mit Prügeln gedroht hätte; und er hatte doch viele Freunde, und war von Jedem, der ihn kannte, herzlich geliebt. Alles Inländische von einigem Werth schätzte er hoch; aber er war, wie die meisten Dichter damals, aus der französischen Schule und tadelte eifrig Göthe und Schiller; Lafontaine und Kotzebue ließ er dagegen gelten, weil sie keine Opposition gegen den französischen Geschmack bildeten. Hat man nicht auch in Paris lange Zeit Kotzebue Göthen vorgezogen? Und Menschenhaß und Reue und die zwei Brüder wurden imThéâtre françaisgespielt, beweint und beklatscht; eine Ehre, die kaum Göthe zu Theil werden wird.

Ich hatte eine kleine nordische Erzählung, die sich jetzt, durchaus umgearbeitet, in Hroar's Sage befindet:Erik und Roller, geschrieben und wollte gern Pram's Urtheil darüber hören. Er bestimmte mir einen Tag zum Vorlesen. Ich kam zur festgesetzten Zeit, fand ihn aber nicht zu Hause. Einige Tage darauf besuchte ich ihn wieder, ohne das Manuscript mitzubringen. Ichbegrüßte ihn freundlich und sagte ihm bescheiden und ohne Vorwurf, daß ich vorgestern nach seiner Erlaubniß bei ihm gewesen sei, ihn aber nicht getroffen habe. — „Was?“ rief er aufgebracht, — „willst Du auf mich sticheln weil ich nicht zu Hause war? Dann geh' wieder und fahr' zur Hölle!“ — Ich bedachte mich einen Moment, was ich antworten sollte. In demselben Augenblick kam das Mädchen herein und stellte eine Tasse Kaffee für ihn auf den Tisch. „„Nein,““ — antwortete ich nun ruhig, — „„ich gehe nicht, sondern ich bleibe hier und trinke Kaffee mit Dir!““ — „Das kannst Du auch!“ — antwortete er gleich wieder freundlich gestimmt, indem er mir die Hand zur Versöhnung reichte; und zum Mädchen sagte er: „Bring' dem Herrn da auch eine Tasse!“ So hatte ich auf eine freundliche Weise den guten Pram darauf aufmerksam gemacht, daß er mein Wirth sei, und sich davor hüten müsse, die schöne Pflicht der Gastfreundschaft zu übertreten. Nun waren wir wieder Freunde, aber von der Novelle sprach ich nicht mehr, habe ihm auch nie wieder Etwas von meinen poetischen Producten vorgelesen; dagegen erwies er mir späterhin oft die Ehre, meinen ästhetischen Vorlesungen beizuwohnen.

Deutsche Schriftsteller in Dänemark.

Die Tragödien des unsterblichen Schiller setzten alle Kenner in Erstaunen. Bekanntlich waren der Herzog von Augustenburg und Graf Schimmelmann seine Wohlthäter; er sandte ihnen daher stets seine Stücke im Manuscript, ehe sie gedruckt wurden. Man las sie in einem gebildeten Kreise vor und beurtheilte sie, und auf diese Weise hatte Schiller hier in Kopenhagen einige seiner ersten Bewunderer. Aber dies waren Deutsche! Die Dänen fingen erst später an, ihn zu verstehen und zu genießen. Alles muß seine Zeit haben; selbst das Licht bedarf langer Zeit, um seine Strahlen von den Fixsternen zu den Planeten zu senden; und erst jetzt beginnt man ja in Frankreich und England Deutschlands großen Geistern Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.

Die älteren dänischen Schriftsteller, besonders Thaarup und Pram, konnten Göthe und Schiller nicht leiden. Rahbek mochtedamals nur denerstenGöthe, wie er ihn nannte, den Verfasser Werther's, Götz' von Berlichingens, Stella's und Clavigo's. Von Schiller liebte er damals nur die Räuber, Fiesco und Cabale und Liebe. Später hat er selbst Wilhelm Meister und mehrere Stücke übersetzt. Baggesen (den wir fürs Erste nicht mehr zu den Dänen rechnen durften) bewunderte Schiller; aber gegen Göthe hatte er einen eingewurzelten Haß, der wohl für den Augenblick gedämpft wurde, aber bald wieder aufs Neue ausbrach; welches sein Faust beweisen kann, wenn er ohne spätere Veränderungen gedruckt wird.

Ein junges Blut wie ich, hatte also genug zu thun, um seine, noch nicht durch philosophische Klarheit befestigten Ansichten im Umgange mit Aelteren zu äußern und zu vertheidigen, deren Gespräche stets seine liebsten Gefühle verletzten. Mit Pram disputirte ich zuweilen, bis er rasend und ich hitzig wurde. — „Höre,“ sagte er einmal, als wir von Schiller sprachen, „wenn ich einem deutschen Unteroffizier sage: Du sollst mir so ein Stück schreiben, wie Wallenstein, und der Schlingel es nicht in vierundzwanzig Stunden thut, so hat er siebenundzwanzig Stockprügel verdient!“ Nun brach ich in ein Lachen aus, legte die Hand auf seine Schulter und sagte: „„Lieber Pram, und wenn man Dich todt schlüge, Du könntest nicht eine einzige solche Scene schreiben.““ — „Das ist, meiner Treu, sehr möglich,“ sagte er nun ganz freundlich; „ich habe auch nicht von mir gesprochen.“ Er brach auch eigentlich nicht in Zorn gegen Schiller aus, sondern nur gegen mich, den Jüngern, der ihn, den Aeltern, hofmeistern wollte.

Niemals schrieben Pram und Thaarup eine Zeile gegen die großen deutschen Dichter; sie machten nur zuweilen unüberlegt ihrer bösen Laune in Worten Luft. Bedenkt man dagegen, wie unverschämt und einfältig der Holländer Bilderdyck von den großen deutschen Meistern gesprochen hat, so stehen die Dänen im Vergleich zu ihm mit der Palme in der Hand da.

O. H. Mynster.

Mein einziger Trost bei all' diesen ästhetischen Anfechtungen waren Mynsters. Diese, von einem ganz anderen Glauben, liebten Göthe und Schiller sehr und waren bereits in das Heiligthum eingetreten, um ihre zartesten Schönheiten zu fühlen.

Hieronymus Mynster hörte mit Geduld meine Verse an, und als Ersatz ließ ich sie ihn corrigiren, es amüsirte ihn und seine Bemerkungen waren größtentheils richtig. — Wenn ich ihn des Morgens auf dem Friedrichshospital besuchte und er frisirt wurde, wie es damals Gebrauch war, fand ich ihn zuweilen in komischer Unterhaltung mit seinem Friseur, einem ehrlichen Kerl, den er gern mochte, aber doch immer neckte. Oft sagte MynsterIhrzu ihm, bloß weil er wußte, daß der Andere aus honnetter Ambition auch Ihr sagen würde; denn trotz seiner Ehrerbietung vor Mynster glaubte er doch, daß er seiner Ehre solche Repressalien schuldig sei. Zuweilen wollte derselbe Mann wissenschaftliche Kenntnisse verrathen, wo er deren nicht besaß, und das amüsirte Mynster am Meisten. Sie sprachen eines Tages davon, wie viel Grad es in der vorigen Nacht gefroren habe. „Herr Doctor,“ fiel nun der Friseur Mynster in's Wort, — „Grad — sind das nicht fünfzehn Meilen?“ „„Ja, sehr richtig,““ antwortete Mynster ganz ernst.

Er und sein Bruder Jakob, oder wie er ihn nannte, Job, schrieben Beide sehr hübsche Verse, sowohl dänische wie deutsche, in denen immer etwas Originelles und Geschmackvolles war; aber sie ließen Nichts drucken. — „Oehlenschläger!“ sagte Hieronymus eines Tages zu mir, als ich ihn besuchte, „ich habe eine Gespenstergeschichte geschrieben, willst Du sie hören?“ — „„Ja, mit dem größten Vergnügen!““ — „Nun dann setze Dich! ich will sie Dir vorlesen, sie ist nicht lang, aber erschütternd!“ — „„Lies, bester Freund! ich bin ganz Ohr!““ — Er las:

„Es war Mitternacht! Der Mond warf sein schwaches Licht auf die Marmorbrücke; die eingehüllte Gestalt mit dem Korbe unter dem Arm konnte nicht weiter gehen. Sie setzteden Korb auf den Rand der Brücke und schaute mit ängstlichem Blick umher, ob Jemand in der Nähe sei. Nur der Mond blickte mitleidig auf das schöne todte Kind“ — —

„Ja, weiter bin ich nicht gekommen,“ sagte Mynster ganz phlegmatisch, indem er sich erhob, legte das Blatt fort und ließ mich voller Erwartung mit offenen Augen und Ohren dasitzen. Das machte ihm nun Spaß.

Der Componist Weyse.

Wer damals nie meine Erwartung täuschte, wenn ich ihn zu Hause fand, war der ComponistWeyse. Wir besuchten uns gern und es that uns nur leid, wenn wir uns verfehlten. Eines Tages, als ich ausgegangen war, fand ich mit großen Kreidebuchstaben an die Thür geschrieben:

Oehlenschläger ist nicht zu Hause,Sitzt vielleicht bei einem Schmause.Weh' mir, rief ich, zehnfach Weh'!Erde zittre, Welt vergeh'!

Oehlenschläger ist nicht zu Hause,Sitzt vielleicht bei einem Schmause.Weh' mir, rief ich, zehnfach Weh'!Erde zittre, Welt vergeh'!

Oehlenschläger ist nicht zu Hause,Sitzt vielleicht bei einem Schmause.Weh' mir, rief ich, zehnfach Weh'!Erde zittre, Welt vergeh'!

Weyse sprach damals noch meistens deutsch, und es amüsirte ihn, lustige deutsche Knüttelverse zu machen. Sein Humor war sehr angenehm. Er hatte eine alte, taube Haushälterin, der er auf eine komische Weise ins Ohr schrie, wenn er ihr Etwas aufzutragen hatte. Sie schrie wieder ärger als ein Papagey; und dieses entsetzliche Lärmen war oft der Vorläufer zum schönsten Adagio, wenn er sich ans Fortepiano setzte. Seine schöne Melodie zu Thecla's Lied im Wallenstein: „Der Eichwald brauset,“ riß mich hin, und ich benutzte sie später im Sct. Hansspiel. Er hatte begonnen, Bretzner's Schlaftrunk zu componiren, spielte mir viele herrlichen Nummern daraus vor, und ich versprach ihm, dasselbe für die dänische Bühne umzuarbeiten.

Schriftstellerische Versuche.

In den Stunden, in denen ich nicht Jura studirte oder Latein las, beschäftigte mich besonders die altnordische Mythologieund Geschichte. Ich las Snorro Sturlesön und Saxo Grammaticus, um Stoff zu einer Tragödie oder einem heroischen Drama zu finden. Harald Schönhaar's Geschichte, wo er die Kleinkönige bezwang, um die schöne Gyda zu gewinnen, schien mir vortrefflich dazu geeignet, obgleich es nur Stoff zu einer Reihe von Episoden hätte geben können. Einige solcher Episoden schrieb ich, deren eine, von Herlaug (der sich lebendig begraben läßt, um nicht von Harald besiegt zu werden) selbst fast ein Ganzes ausmachte. Ich zeigte sie Sander. Er lobte, wie gewöhnlich, rieth mir aber auch zugleich, wie gewöhnlich, Nichts drucken zu lassen.

Ganz konnte ich dem Verfassergelüst doch nicht widerstehen. Ich hatte einen MusenalmanachSiofnaherausgegeben, in dem eine Uebersetzung von Wieland's komischer Erzählung „der Fischer“ den größten Theil ausmachte. Ich schrieb sie während eines Nervenfiebers, das auch bald wieder vorüber ging. Von meiner nordischen Erzählung: Erik und Roller hatte ich mehrere Bogen drucken lassen; Anton Wall's: Adelaide und Aimar hatte ich übersetzt; dies gab mir später die Idee zu dem Singspiel: „die Räuberburg.“ Göthe's Götz von Berlichingen übersetzte ich auch.

Ich studirte noch etwas Isländisch mit Hülfe von Björner's und Peringskiold's schwedischen Uebersetzungen, wodurch ich auch Schwedisch lernte. Ich las Alf's, Frithjof's, Rolf Krake's und Welent's Saga. Die letztere übersetzte ich.

Der Alterthumsforscher Arndt.

Es ist mir öfter begegnet, daß, wenn ich eines literarischen Mitarbeiters bedurfte, er gerade in mein Zimmer trat. So kam diesmalArndt, eine der merkwürdigen Karrikaturen unsrer Zeit, mit schmutzigen Wasserstiefeln, einem groben blauen Ueberrock, und den langen gelben Haaren, die, zwischen den Rock und Ueberrock gesteckt, ihm bis zu den Hüften hinabhingen. Dieser wunderliche Mensch, in Altona geboren, war, so zusagen, ein Gespenst des Alterthums, und lebte eigentlich gar nicht in der Gegenwart. Doch war er von der Natur ausgegangen und hatte sich zuerst auf die Botanik gelegt; aber bald verdrängten Grabsteine und Runen die Pflanzen und Blumen. Er war ein Antiquar erster Klasse. Alles, was da lebte, blühte, sproßte und kräftig in der Gesellschaft wirkte, verachtete er; nur die vermoderten Ueberreste, nur die dunkeln Sagen der halb oder ganz verschwundenen Sprachen liebte er. Ganz Europa betrachtete er wie eine große Studirstube, in der er zuweilen etwas weit umhergehen mußte, um Citate zu sammeln. So war er einmal hoch oben in Finnmarken, um Runensteine abzuzeichnen, als es ihm plötzlich einfiel, daß es doch wohl am Besten wäre, wenn er nach Venedig hinunterginge, um einige griechische Zeilen von einer Statue abzuschreiben, in denen er etwas Dänisches aus der Zeit derWäringerzu finden glaubte. — Den Culturzustand und die politischen Institutionen ignorirte er ganz; und wenn er davon sprach, so geschah es nur, um mit Flüchen und Schimpfworten seinem Herzen Luft zu machen. Auf seinen Wanderungen quartirte er sich bei Gutsbesitzern und Predigern ein; er ließ sich von ihnen bewirthen, schlief in ihren Betten, vergalt aber gewöhnlich ihre Gastfreundschaft mit Grobheit und Unverschämtheit. Er glaubte, es sei ihre Pflicht, einem Manne wie ihm, der aus Eifer für das Alte, allen Bequemlichkeiten des Lebens entsagte, zu helfen. Ein Dienstmädchen, das einmal gewagt hatte, seine Stiefeln zu putzen, schalt er heftig aus. „Lasse sie,“ sagte er, „ein anderes Mal meine Stiefeln in Frieden, ich brauche das dumme Putzen nicht; wenn meine Stiefeln schmutzig sind, so spüle ich sie in einem Bach rein und damit ist's gut.“ — Oft bekam er Schläge und wurde zur Thüre hinausgeworfen; aber das kümmerte ihn gar nicht. Er hatte keinen Freund, keine Heimath. Alle seine Manuscripte trug er in den Taschen, bis sie ihm zu schwer wurden; dann verbarg er sie, — nicht in einer Stadt oder bei einem Bekannten; denn für ihn gab eskeine Städte und keine Bekannten; sondern in einem Steinhaufen aus dem Felde oder in einer alten Ruine, wo er sie wieder finden konnte.

Dieser seltsame Mann kam gerade zu mir, wie ich über meinen isländischen Sagen studirte; er half mir bei Einem und dem Andern und verschaffte mir einen Begriff von der isländischen Grammatik. Um neuere Poesie kümmerte er sich durchaus nicht; dagegen war ihm jeder Reimbuchstabe, jedes verdrehte Bild bei den alten Skalden heilig; und da er mit den Sitten und dem Wesen der nordischen Heldenzeit vertraut war, lernte ich eine Masse von ihm, und es amüsirte mich, mich mit dem Antiquar in das Dunkel des heidnischen Alterthums, gleich Aladdin mit Noureddin in die unterirdische Höhle nach der wunderbaren Lampe, zu wagen.

A. Oersted wird mein Schwager.

Ungefähr zur selben Zeit wurde ich durch eine höchst angenehme Nachricht überrascht. Anders Sandöe Oersted, der so oft mit mir nach Friedrichsberg gegangen war, hatte meiner Schwester Bekanntschaft gemacht; und ohne mir ein Wort davon zu sagen, hatten sie sich auf eigne Hand verlobt. Die Hochzeit folgte bald darauf. Er wurde Assessor im Hof- und Stadtgericht, und dies gab unsern gesellschaftlichen Verhältnissen neues Leben. Hätte der gute Oersted damals nur nicht zu sehr, als Folge zu eifriger Studien, gekränkelt. Auch meine Schwester litt oft an den Folgen eines Scharlachfiebers; wenn sie rasch ging, fühlte sie ein eigenthümliches Klopfen in der Brust, vermuthlich eine Venenverstopfung. Doch vermochte dies nicht ihre lebhafte Munterkeit zu schwächen.

Die Dichterin Frau Koren.

Damals besuchte uns die Dichterin Frau Koren aus Norwegen mit ihrer Tochter Sara, einem schönen Mädchen von zwölf Jahren, voll nordischen Gefühls, Ernstes und Characters.Der Tod raubte dieses holde Kind wenige Jahre darauf in seiner blühendsten Jugend. Ihre Mutter hatte das schöne Talent, Wohlwollen zu verbreiten, und die Herzen, wo sie hinkam, einer muntern Geselligkeit zu eröffnen. Sie dachte von allen Menschen gut, sie idealisirte sich in ihrer idyllischen Unschuld; und so zwang sie Viele wenigstens auf kurze Zeit besser zu sein, als sie wirklich waren; denn die Menschen sind oft so, wie man sie nimmt. Das wirklich Gute entging niemals ihrer Aufmerksamkeit! Eine solche Frau ist ein Schatz in der Gesellschaft! Die schöne Eintracht, das freundschaftliche Verhältniß, das sie zwischen Männern stiftet, hat wohlthuende Folgen, selbst lange nachdem sie wieder heimgegangen ist. Du folgtest Deiner Sara! Deine kleinen Gedichte werden nicht viel gelesen, aber Du hast ein Band um viele Edle geschlungen, und so lange sie leben, werden sie Deiner liebevoll gedenken!

Es ergriff mich auch, als ich erfuhr, daß mein lieber Lehrer Dickmann sie in frühern Jahren geliebt habe; aber sie war bereits verlobt und folgte treu und ergeben ihrem Koren nach Norwegen. In meinem Zimmer und in meiner Gegenwart sahen sie sich nach vielen Jahren der Trennung zum ersten Male wieder und es war dies auch das letzte Mal.

Nächtliches Abenteuer.

Ehe mein FreundBullmit mir zusammen wohnte, hatte ich eine Zeitlang einen andern guten Freund bei mir, den ich nicht vergessen darf. Mit ihm übte ich mich viel im Lateinischen. Wir hatten einander sehr lieb, disputirten aber zuweilen; dann lief er fort und kam wieder, wenn die Hitze vorbei war. Eines Sommerabends bei schönem Mondenschein zankten wir uns, ehe wir zu Bett gingen. Er lief wie gewöhnlich fort. Ich dachte: „Wo will er hin? es ist jetzt zu spät, um wo anders unter Dach zu kommen; er kommt gewiß wieder.“ Ichlegte mich zu Bett, verschloß die Thür nicht und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen, als ich erwachte, und ihn an meiner Seite zu finden hoffte, war Niemand da. Ich stand auf, setzte mich betrübt an den Theetisch und gerade, wie ich einschenken wollte, trat er vergnügt und munter ins Zimmer. „Guten Morgen, Oehlenschläger!“ — „„Guten Morgen, lieber Freund! wo warst Du denn heute Nacht?““ — „Ich war auf Friedrichsberg und habe in einem Gartenhause im Südfelde geschlafen. Es war dort ganz charmant. Aber ich hatte einen curiosen Schlafcameraden; ein Stachelschwein schlief in einem Winkel desselben Gartenhauses.“ Ich glaubte erst, es sei Satyre, weil ich zuweilen auf ihn stichelte; aber es war vollkommener Ernst. Ich hatte sonst nie von Stachelschweinen im Südfelde sprechen gehört. — Dieser Freund war ein vortrefflicher Mensch, zuweilen aber hatte er ganz sonderbare Einfälle. Wenn er sich erkältet hatte, pflegte er Kampher in Bier zu thun, dies zu wärmen bis der Kampher zerlaufen war und es so zu trinken. Aber da er fürchtete, daß der Kampher beim Schmelzen verdunste und er dann nur das warme Bier trinken würde, wollte er es ein Mal besser machen und bröckelte den Kampher wie Brot ins Bier und trank dies dann mit den Stücken. Die Folge hiervon war, daß er in der Nacht ganz verstört im Kopfe erwachte. — Damals schlief er nicht mehr bei mir. — Sein Zimmergenosse glaubte, er habe den Verstand verloren. Man fuhr ihn in diesem Zustande zum seligen Professor Bang nach dem Hospital hinaus. Auf Königs-Neumarkt glaubte der Freund drei nackte Nymphen in der Neujahrsnacht im Schnee tanzen zu sehen, obgleich es im hohen Sommer war. Als er zum Professor kam, der aus dem Bett geholt wurde, sagte er: „Ach Herr Professor! es begegnet Ihnen heute Nacht ein Zufall mit einem Menschen, dessen Gleichen Sie in ihrem Leben nie gekannt haben.“ — „Ach, lieber gar,“ antwortete der alte Bang verdrießlich, weil er in seiner Nachtruhe gestört war; „'s ist ja eine reine Bagatelle, fahren Sie nur nach Hause und schlafenSie den Rausch aus; morgen ist's vorbei. Und trinken Sie künftig nicht Bier mit Kampher.“ Der Doctor hatte Recht; am nächsten Mittag aß der Patient mit uns und hatte einen so guten Appetit, als wenn gar Nichts passirt wäre.

Erste Bekanntschaft mit Steffens.

Ein früherer Kaufmann Richter hatte ungefähr zu derselben Zeit eine Restauration auf Königs-Neumarkt etablirt, wo man sehr gutes Beefsteak aß und sehr guten Rothwein trank. Dort saß ich eines Mittags, als mir Jemand leise auf die Schulter klopfte. Ich wandte mich um und sah O. H. Mynster hinter meinem Stuhle mit einem jungen schlanken Manne, der ein schönes Gesicht voller Leben und Geist hatte. „Darf ich Dich,“ sagte Mynster zu dem Fremden, „mit einem jungen Manne bekannt machen, der schon mehrere Gedichte herausgegeben hat?“ „„Ich habe bereits einige davon gelesen,““ sagte der Fremde höflich. „Du sprichst mit Dr. Steffens,“ sagte Mynster. Ich sagte dem Herrn Doctor wieder einige höfliche Worte und er ging mit Mynster fort.

Später erzählte Sander mir, daß Steffens ein eifriger Anhänger, ein wichtiges Mitglied der sogenannten neuen Schule sei und man sich sehr vor ihm in Acht nehmen müsse. Dies nahm ich mirad notam.

Mehrere Abende darauf traf ich ihn in Dreyer's Klub. Er sprach viel, äußerte mit Beredtsamkeit und Kühnheit viel neue Ansichten, wodurch uns die Haare zu Berge stiegen; und wir staunten ebenso sehr, wie der Küster und der Voigt in Erasmus Montanus, wenn dieser beweisen will, daß die Erde rund und der Küster ein Hahn sei. Ich spielte gewissermaßen des Küsters und des Voigts Rollen und „fand in meinem Gewissen,“ daß Steffens Unrecht habe; aber ich war ihm in der Disputation nicht gewachsen und meine philosophischen Kenntnisse waren zu schwach, als daß ich mich mit diesem muthigen Kämpen auf das Glatteis hätte wagen sollen. Doch that ich, wasich konnte und war der Einzige von allen Anwesenden, der ihm zu widersprechen wagte. Er behauptete unter Anderm, daß Lessing kein wirklicher Dichter sei, und ich, der Lessing liebte, suchte das Gegentheil auf alle nur mögliche Art zu beweisen. — Als Steffens gegangen war, lobten meine Glaubensverwandten mich und sagten, daß ich die gute Sache gut vertheidigt habe. — Ich sagte: „Hört Kinder, Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, daß ich immer mit diesem Manne streiten will. Ich fühle es, Steffens und ich wir werden die besten Freunde werden. Mag er auch in Einigem Unrecht haben, aber welche Beredtsamkeit, welche Begeisterung, welches Feuer! welchen Verstand und Witz hat er!“ — Damit waren die Anderen nur wenig zufrieden, ich aber suchte ihn bald auf.

Da er sich wie ein neuer Ansgarius vorgenommen hatte, unsere Schöngeister und Philosophen im Norden vom Irrglauben abzuwenden, so war es ihm wohl auch recht lieb, einen jungen kecken Heiden zu treffen, der ihm für seinen Plan helfen konnte, wenn er selbst erst getauft war. Ich besuchte Steffens. Er wohnte in einem wunderlich alten Saal mit seltsam gemaltem Getäfel; Jakob Böhme's Aurora lag aufgeschlagen auf dem Tische. Er fing mit mir um elf Uhr Vormittags an zu sprechen, und so fuhren wir bis drei Uhr in der Nacht fort, also volle sechszehn Stunden. Indessen aßen wir Beefsteak, tranken Wein bei Richter, gingen nach Friedrichsberg und im Südfelde umher, von dort nach Kopenhagen, wo ich bei Steffens schlief aber im Traum aus dem Bette sprang und lärmte, nachdem ich etwas geschlummert hatte. Den Morgen darauf nach dem Frühstücke ging ich nach Hause, setzte mich gleich hin und schrieb das lyrische Gedicht „die Goldhörner,“ um Steffens zu beweisen, daß ich ein Dichter sei, worin er nach den „einigen Gedichten, die er bereits gelesen,“ noch Zweifel zu setzen schien. Er gestand, daß er nach dem Gedichte was er gesehen, zu schließen, mich sich als einen alten ausgelebten Mann mit Zopf und Perücke gedacht habe. Dies war nämlich das satyrische Gedicht an Apoll, nachalter Form zugeschnitzt, aber doch nicht ohne Salz; ich habe es deßhalb trotzdem später in meine Sammlungen aufgenommen.

Aus der Kunstkammer waren kurz vorher die zwei uralten Trinkhörner gestohlen und von dem Diebe eingeschmolzen worden, so daß sie auf ewig für die Nachwelt verloren gingen. Dieses Ereigniß faßte ich allegorisch auf und erzählte daß die Hörner zum Lohn für treues Alterthumsforschen gefunden, aber wieder von den Göttern fortgenommen seien, weil man keinen Sinn für ihren wahren Werth gehabt und sie nur neugierig wie andere Curiositäten begafft hätte.

„Ei mein Bester,“ sagte Steffens, als ich ihm das Gedicht vorgelesen hatte, „Sie sind ja wirklich ein Dichter.“ Ich antwortete ihm, daß ich es fast selbst vermuthete. Nun nahm er sich meiner sehr eifrig an, und wir waren von dem Tage an unzertrennlich.

Ich habe Niemand mehr geliebt als Steffens, und er verdiente es, denn er war in hohem Grade liebenswürdig, phantasiereich, verständig und gefühlvoll. Er äußerte keine Ansicht, in der ich nicht in reiferen Jahren etwas Wahres und Schönes gefunden hätte; und waren seine Aeußerungen auch zuweilen übertrieben, so muß man dies theils der Natur der Opposition zuschreiben, welche leicht verleitet wird zu weit zu gehen, theils seiner feurigen Jugend.

Das Erste, wodurch er mein Herz gewann, war seine Ehrerbietung und Liebe für die Poesie; dies äußerte er nicht nur begeistert, sondern deutete und bewies auch mit philosophischer Klarheit den Werth der Poesie.

Ich hatte dies stets gefühlt, aber es war mir noch nie geglückt, die geahnten Wahrheiten in deutliche Begriffe zu fassen. Stets hatte ich mich tief in meinem Herzen gekränkt gefühlt, wenn ich die Poesie von Leuten von Bildung zu einer hübschen Nebensache herabwürdigen hörte, mit der ein Talent sich in seinen Freistunden beschäftigen könne, wenn es erst die besten Kräfte dem Nützlichen geopfert habe. Die Poesie war unnütz, das Nützlichewar das Beste; also kam der Kunst ihrer Natur nach ein untergeordneter Rang zu. Die Phantasie, ja selbst das Genie rechnete man zu den niedrigeren Seelenkräften! Zuweilen ließ ich mich von diesen Sophismen blenden, und dann konnte ich in der Einsamkeit darüber weinen, daß die Natur mich zu etwas durchaus Untergeordnetem bestimmt habe. Oft dachte ich: „Es ist doch seltsam! Um die Kunst auszuüben, die doch nur ein Spielwerk im Leben ist, bedarf es seltener Naturgaben; um ein nützlicher Bürger im Staate zu werden, bedarf es nur des Fleißes und des gesunden Menschenverstandes. Und doch ist dieser edler und ehrwürdiger. Wunderbar! Ganz gegen den gewöhnlichen Gang der Dinge. Doch es muß wohl auch so in der Natur sein; der Apfel ist gewiß edler als die Rose, weil man den Apfel essen und die Rose nur riechen kann; und Kartoffeln und Erbsen sind gewiß wieder edler als die Früchte, weil man sich an jenen, nicht aber an diesen satt essen kann.“

Steffens lehrte mich bald das Schiefe dieses Schlusses einsehen, das daher kommt, daß man das Nützliche als das höchste Ziel des Menschen betrachtet und das Nothwendige mit dem Höchsten vermischt. Bald sah ich ein, daß das Nützliche nur eine Bedingung für unsere irdische Natur sei, damit wir als Menschenthiere gesund und bequem leben und gedeihen könnten; aber unser überirdisches Ziel als Menschengeister ist Kenntniß, Genuß und Ausübung des Wahren und Schönen, zu welcher Kenntniß und Ausübung in der höhern Bedeutung wir nur durch Wissenschaft und Kunst gelangen können. Auch hier sah ich bald ein, daß die Ausübung des Schönen nicht der subjectiven Anschauung untergeordnet ist; da gerade das Wahre und Gute darin besteht, daß man das Schöne in allen Verhältnissen der Natur erkennt und ausübt.

Aus diesem Irrglauben des Nützlichen konnte man nun leicht alle Mißgriffe und schiefen Ansichten der Zeit herleiten, z. B. die übertriebene Achtung vor der sogenannten Aufklärung, welche nicht in einer wahren Aufklärung, sondern in einer egoistischenVergötterung der Zeitansichten bestand; wozu gehörte, Alles zu verachten, was Bezug auf Phantasie und höhere Idee hatte und dem Triviellen und Alltäglichen einen phantastischen Werth beizulegen.

Die neue Schule.

Diese Irrthümer hat die neuere Schule gut bekämpft, doch wenn es zur Selbstthätigkeit kam, so verfiel sie oft in entgegengesetzte Uebertreibungen.

Sie hatte vollkommen Recht darin, daß man früher das Poetische und Schöne des Mittelalters weder richtig gekannt noch geschätzt hat. Sehr viel Lob verdienen die Sprachforscher und Dichter der neuern Schule, welche alte Bücher und Bilder aus dem Klosterstaube hervorholten und von ihnen genährt und begeistert, selbst Werke schufen, in denen das Schöne des Mittelalters neugeboren und idealisirt erschien; aber man hatte Unrecht, wenn man Alles im Mittelalter schön fand, blind für alle die Tollheiten und Grausamkeiten der dunkeln Jahrhunderte war und uns einbilden wollte: daß die Zeit seitdem zurückgegangen sei und daß wir nichts Besseres thun könnten als künstlich wieder romantische Barbaren zu werden.

Es war rühmenswerth, daß die Minnelieder und Heldengedichte der Ritterzeit herausgegeben wurden, daß man auf den nationalen Character, das heroische Gepräge, den Wohlklang in der Sprache und die vielen einzelnen schönen Stellen in diesen Gedichten, die nicht besser sein konnten, aufmerksam machte; aber Unrecht war es, unendlich lange Reimchroniken, in denen Monotonie und Wiederholungen herrschten, als vollendete Meisterwerke zu rühmen; während man unbarmherzig und streng gegen alles Neuere war und Vieles in unsrer Zeit, in dem doch viel Schönes war, verkannte und verurtheilte.

Recht und billig war es von den Protestanten, den alten Groll fahren zu lassen und das Schöne selbst in dem katholischen Gottesdienste zu bewundern; denn der Protestantismus war zu weit gegangen, und im Geist der Bilderstürmer protestirte man zuletzt gegen alles Poetische, das sich doch so herrlich mit derReligion verbindet und sie stärkt. Es war nicht mehr die Rede von schönen Kirchen, von Gemälden darin, von einer herzergreifenden, erhebenden Musik, von poetisch rührenden Gesängen des christlichen Alterthums. Ein häßlich melancholischer Geist hatte sich vieler Protestanten bemächtigt. Sie betrachteten das Leben, gleich fanatischen Märtyrern, wie ein Jammerthal, ohne Kraft und Freuden; nur noch mit halb wahnwitzigen Augen starrten sie auf Tod, Grab, Blut, Verwesung, Vernichtung. Die neuere Schule zeigte das Poetische, dasHeiter-Schönein dem katholischen Gottesdienste, und daran that sie Recht. Aber sie hatte Unrecht, wenn sie Luther's großen Schritt zur Verbesserung verkannte, wenn sie blind für die Lehren neuerer philosophischer Christen war, und ihre vernünftigen Ansichten thörichte Aufklärungen nannten; wenn sie das Kindisch-Spielende, oft Geschmacklose in den katholischen Ceremonien der einfältig ernsten Größe des geläuterten Christenthums vorzogen; wenn sie einen plumpen Köhlerglauben über Willenskraft und Tugend setzten, die Herzensgüte und milden Gefühle als dumme Sentimentalität ausschalten, und Toleranz oder billige Schonung zu einem Scheltnamen machten, der laue oder schlechte Gleichgültigkeit bezeichnen sollte.

So waren damals die Ansichten der Schule, so glaube ich wenigstens, sie verstanden zu haben. Uebrigens hatte Jeder seine eigenen Ansichten, Steffens auch die seinigen, und sein liebevoller Sinn, sein leicht bewegliches Herz konnten keinen Hang zu Härte und Kälte haben, so wenig, wie sein wissenschaftlicher Blick für die Natur ihn einseitig schwärmen ließ.

Gerade sein poetischer, für jeden Gegenstand offner Sinn, der muntre Witz, mit dem er die Pedanterie und den Eigensinn verspottete, gewannen mein Herz. Er hielt naturphilosophische Vorlesungen, auch Vorlesungen über Goethe's Werke, wodurch ich Vieles in den Gedichten dieses großen Meisters besser verstehen lernte. In mehrere Dinge legte Steffens eine philosophische Bedeutung, in denen ich vorher nur die schöne Darstellungdes Wirklichen oder Gedachten bewundert hatte. Ich bin später zu dieser ersten Anschauung zurückgekehrt, und glaube nicht, daß ein wahrer Dichter gewinnt, wenn man seine Poesie in Philosophie übersetzt. Eine Idee, ein Hauptgedanke muß wohl das Ganze zusammenhalten, aber die ideale, geniale Darstellung, Erfindung und Gefühl des schönen individuellen Menschlichen sind und bleiben die Hauptsache der Dichtkunst.

Göthe's Faust, sein philosophischestes Werk, war auch Steffens' Lieblingsgedicht, und er äußerte Vortreffliches darüber. Steffens eigner poetischer Geist zeigte sich bereits hier in einem philosophischen Gewande; und ohne selbst Dichter zu sein, würde er mich wohl auch nicht so ganz gewonnen haben; denn obgleich ich mir Kant's, Fichte's und Schelling's Hauptansichten und Hauptgedanken von meinen philosophischen Freunden in die Volkssprache, d. h. in die Muttersprache übersetzen ließ, und sie auf diese Weise recht gut kannte und begriff, war es mir doch eine Unmöglichkeit, mich selbst durch die terminologischen Systeme derreinen Vernunft, derästhetischen Urtheilskraft, derWissenschaftslehreund desIdealismushindurchzuarbeiten. Ich verstand leicht, was ich las; aber ich hatte nicht Geduld genug, um lange in diesen Büchern zu lesen; es ging mir zu langsam, die Form sagte mir nicht zu, und oft schien es mir auch, daß die Verfasser von dem geraden Wege, dem rechten Ziele abwichen, um auf einem langen Umwege zu einem anderen Ziele zu kommen.


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