The Project Gutenberg eBook ofMeine Lebens-Erinnerungen - Band 1This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1Author: Adam OehlenschlägerRelease date: March 22, 2015 [eBook #48557]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La MonteH.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 1 ***
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Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1Author: Adam OehlenschlägerRelease date: March 22, 2015 [eBook #48557]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La MonteH.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)
Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1
Author: Adam Oehlenschläger
Author: Adam Oehlenschläger
Release date: March 22, 2015 [eBook #48557]Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La MonteH.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)
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Ein NachlaßvonAdam Oehlenschläger.Deutsche Originalausgabe.Erster Band.LeipzigVerlag von Carl B. Lorck.1850.
Als ich das erste Mal mein Leben niederschrieb, geschah es in Folge einer Aufforderung des Buchhändlers Max in Breslau, des Verlegers meiner deutschen Schriften. Ich mußte mich beeilen; und obgleich dies natürlich eine genaue Aufzeichnung vieler characteristischen Züge unmöglich machte; wie es mich auch zwingen mußte Vieles zu übergehen, das theils vergessen wurde, theils nicht ausgeführt werden konnte, — so dachte ich doch: Etwas ist besser als Nichts. Ich erinnerte mich so vieler Verfasser, die Nichts über ihre Erlebnisse hinterlassen hatten, weil sie es während ihres Lebens von einem Tage zum andern aufschoben. Damit dies nun nicht mit mir geschehen solle (theils wußte ich, daß Viele meine Biographie wünschten, theils fühlte ich mich dazu durch den dem Menschen eingegebenen Selbsterhaltungstrieb gedrängt), so schrieb ich sie rasch nieder und übersetzte sie später in das Dänische. Sie ist mit vieler Aufmerksamkeit und Theilnahme gelesen worden. Aber wenn ich diese Biographie jetzt lese, so finde ich sie so fragmentarisch und unvollständig, daß sie mich selbst auf keine Weise zufrieden stellen kann. Oft ist Das, was dort steht, nur die Ueberschrift zu Kapiteln, die nicht geschrieben sind. Danun das philosophische Gesetz: „Kenne Dich selbst!“ nicht anders befolgt werden kann, als indem man sich selbst recht genau betrachtet, und sich in der Reihe aller seiner Handlungen, Meinungen, Gefühle und Verhältnisse verfolgt; — so ist ja eine solche Aufzeichnung eine Pflicht für Den, welcher sie zu geben vermag, und sie zu einem Nutzen und Vergnügen für Andere machen kann. Ich bin selbst ein großer Liebhaber von Biographien, wenn sie gut geschrieben sind; das heißt: wenn der Verfasser Das, was er erlebte, mit Geist und Herz aufgefaßt hat, und Phantasie genug besitzt, um all' die kleinen Züge darzustellen, die an und für sich unbedeutend erscheinen, aber zusammen genommen die Linien und das Colorit hervorbringen, welche eine bestimmte Physiognomie darstellen und den beachtenswerthen Menschen von der einförmigen Menge unterscheiden.
Aber während wir nun also mit Lust und Offenherzigkeit ans Werk gehen, begegnen wir auf dieser Rückreise des Lebens, ebenso wie auf der Hinreise, manche Klippen, die umschifft werden müssen, und Berge, die nicht überstiegen werden können, sondern die man umgehen muß.
Das Zartgefühl, die Bescheidenheit, die Schonung gebieten uns oft, Verhältnisse mit Anderen nicht zu berühren, über deren Offenherzigkeit wir kein Verfügungsrecht haben. In solchen Augenblicken fühlt man den Nutzen des Romans, in welchem der Dichter viel Wahres, Geschehenes und Erlebtes darstellen kann, das er sonst nicht mitzutheilen vermöchte, weil persönliche Verhältnisse oder Schonung ihn dazu zwingen, die Begebenheiten in den Schleier der Erfindung einzuhüllen. Wir sprechen hier nicht von dem höhern Gewinne: die einzelnen Züge zu etwas Besserem, zu etwas Zusammenhängendem und Vollkommenem zu idealisiren. ImRomane muß die Göthe'sche Form: „Wahrheit und Dichtung“, befolgt werden. Hier kann der Dichter die arme Wirklichkeit mit allen Reichthümern der Einbildungskraft, des Gefühls und Gedankens verschönern oder ausmalen. Aber in der Biographie selbst, scheint mir, darf dies nicht Statt finden. Das höchste Verdienst und größte Interesse der Biographie besteht gerade darin, daß sie eine wirkliche Lebensbeschreibung ist. Das Geschehene gewinnt, je mehr der Verfasser im Stande ist, es mit dem Gedanken, dem Gefühle und der Phantasie aufzufassen; aber hierin besteht das Ideale; nicht darin, Erfindungen mit Ereignissen zu vermischen, wodurch es weder das Eine noch das Andere wird, obgleich diese Mischung wohl, wenn der Verfasser Genie besitzt, auch sehr interessant werden kann. Und spricht man es, wie Göthe, offen auf dem Titelblatte aus, so hat man ja Keinen hinters Licht geführt. Göthe meint, es sei unmöglich, Etwas zu erzählen, ohne zu idealisiren. Sobald das Idealisiren in der Darstellung und nicht in der Composition liegt, huldige ich ihm; dann wird es zur „Wahrheit und Dichtung“, und so hat der große Dichter gewiß auch — bis auf einzelne Episoden — sein Leben erzählt.
Für mich hat die arme ehrliche Wahrheit, und die Gabe, das Leben in seiner Beschränktheit mit klarer Wahrheitsliebe auffassen zu können, auch einen eigenen Reiz; sie gehört der Biographie, sowie der Geschichte selbst an, und ich habe mich stets befleißigt, an ihr festzuhalten: sollte dies in einzelnen Kleinigkeiten nicht geschehen sein, so ist mir mein Gedächtniß untreu geworden.
Viele Bedenklichkeiten fallen hinweg, wenn die Menschen, mit denen man gelebt hat, gestorben sind, deßhalb sind die Lebensbeschreibungen am vertraulichsten und amwenigsten zurückhaltend in den Jugendjahren des Erzählers und werden verschwiegener und vorsichtiger, je mehr sich die Zeit seiner letzterlebten Periode nähert. Was nun das betrifft, so sind Viele heimgegangen, seitdem meine erste Lebensbeschreibung erschienen; ich habe freiere Hand bekommen, ich habe auch Manches seitdem erlebt, das sich erzählen läßt, und so bin ich also im Stande, meinen Lesern jetzt eine weit vollständigere Selbstbiographie, als das erste Mal mitzutheilen.
Aus einem Stammbuche, das von meinem Großvater und Vater deutsch geschrieben ist, ziehe ich folgende Aufzeichnungen als Einleitung aus. Erst die meines Großvaters August Henrich Oehlenschläger.
Aufzeichnungen meines Großvaters.
Anno 1672 — sagt er — wurde mein seliger Vater Christoffer Oehlenschläger geboren, und nach seines Vaters, Henrich Oehlenschläger's Tode, bekam er nach ihm, von Seiner hochfürstlichen Durchlaucht, dem Bischof von Eutin, den Organistenposten in Rensfeld. Anno 1696 starb mein Großvater. 1705 ging mein seliger Vater ein christliches Ehebündniß mit meiner Mutter Elisabeth Gerdes, in Schlutop geboren, ein. Anno 1715 den 2. Februar Abends zwischen 10 und 11 kam ich ans Licht und empfing durch Gottes Gnade den 6. dito die heilige Taufe. 1718 wurde mein jüngerer Bruder, Peter Christoffer, geboren. Anno 1729 den 11. December Morgens 10 Uhr schlief mein lieber Vater sanft und selig ein, und am 21. dito wurde er zu seiner Ruhestätte gebracht. Sein Leichentext war der 11. Vers des 84. Psalms: „Denn ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend. Ich will lieber der Thür hüten in meines Gottes Hause, denn lange wohnen in der Gottlosen Hütten.“
Der Großvater meiner Mutter väterlicherseits hieß Marcus Gerdes, wohnte in Schlutop und war ein Fischer. Ihr Großvatermütterlicherseits, Peter Hofemann, war auch Fischer. — Anno 1737 ging mein Bruder Christoffer von Lübeck fort, und ich bekam einen Brief von ihm aus Bremen, in dem er schrieb, daß er beabsichtige, nach Holland zu reisen. Von Amsterdam meldete er mir, daß er Willens sei, entweder nach Ost- oder Westindien zu gehen, daß er nach Middelburg in Zeeland reisen und bei Einem wohnen wolle, der Ludwig Korn op de Kay hieß. In Amsterdam hat er einen Kaufmann gekannt, der Conrad Spiek hieß. Ein späterer Brief meldete, daß er in Ostindien employirt werden solle, wohin er mit dem Schiffe „Wickenburg“ gegangen war, und daß er keinen unserer Briefe erhalten hätte, weil sie alle von Jochum Havemann aufgeschnappt wären. Aus Batavia erhielten wir 1739 den 30. Januar einen Brief von ihm, worin er meldete, daß er „op de Guarnisoncammer“ angestellt sei, daß er die Kinder des ersten Buchhalters informire, und daß er Hoffnung habe, Buchhalter zu werden. Unsere Briefe an ihn mußten die Aufschrift haben: „Batavia in het Casteel op de Guarnisoncammer to behandigen: Pieter Christoffel Keulensläger“. Mehre Jahre darauf in meiner Kindheit suchte mein Vater Nachrichten über diesen Oheim mit dem veränderten Namen zu erhalten, von dem das Gerücht ging, daß er ein reicher Mann in Batavia geworden sei; aber wir hörten nie Etwas von ihm.
Mein Großvater verheirathete sich zum ersten Mal 1743 mit Anna Margaretha Faasch. Mit ihr hatte er einen Sohn Joachim Joseas; die Mutter starb 1746 und das Kind ein Jahr nachher. Darauf erzählt mein Großvater: „Anno 1747 den 12. Mai ließ ich mich mit meiner herzliebsten Gattin Tolstrup kopuliren. Gott, der das Herz des Menschen beherrscht, führe uns stets auf den rechten Weg, und vermehre unsere innige Liebe von Tag zu Tage, und füge es auch so mit uns, daß wir ihm allezeit danken, und seinen heiligen Namen loben und preisen müssen, Amen! Dazu helfe uns der Herr Jesus! Amen!“
In diesem frommen Ton sind alle Aufzeichnungen abgefaßt.Anno 1748 den 31. Juli wurde mein VaterJoachim Conradgeboren. Der geheime ConferenzrathJoachim Brockdorfauf Nöer war sein Pathe, und nach ihm ist mein Vater vermuthlich genannt worden.
Aufzeichnungen meines Vaters.
Nun kommen die Aufzeichnungen meines Vaters. Aus diesen ersehe ich, daß mein Großvater 1753 als Organist in Krusendorf starb, nachdem er sein Amt zehn Jahre lang „lobenswerth und als ein guter Christ“ verrichtet hatte. Das Jahr darauf verheirathete meine Großmutter sich wieder mitMarquard Bolt, der das Amt meines seligen Großvaters bekam. 1765 kam mein Vater nach Rendsburg zum OrganistenRosenbaum, blieb bei ihm zwei Jahre, und machte dort Fortschritte in der Musik. Und nun wurde der siebenzehnjährige Schleswiger von seinem Stiefvater nach Kopenhagen zu dem damals in Dänemark allmächtigen Grafen Adam Gottlob Moltke geschickt, der wahrscheinlich bei irgend einer Gelegenheit versprochen hatte, sich des Jungen anzunehmen, und ihn seiner Zeit zu befördern.
Meine Mutter.
Daß mein Vater ein tauglicher Clavierspieler gewesen sein muß, kann ich daraus wissen, daß er, wie er selbst erzählt hat, bei seiner Ankunft in Kopenhagen gleich den jungen Comtessen Unterricht auf dem Clavier gab. Auch habe ich noch ein Attest von dem Pastor Lorch an der deutschen Friedrichskirche auf Christianshafen, worin dieser meinen Vater nach abgelegter Probe wegen der Kenntnisse und der Fertigkeit lobt, deren es bedarf, um ein guter Schullehrer auf dem Lande in den deutschen Provinzen zu werden. Aber sowie Jacob dem Laban mehrere Jahre dienen, und erst die häßliche Lea nehmen mußte, ehe er die schöne Rahel bekam, so mußten in jenen Tagen auch die Bürgerlichen oft im buchstäblichen Sinne den Großen dienen, wenn sie von diesen befördert werden wollten. Dies war ein Schicksal, dem sich zuweilen selbst theologische Candidaten unterwarfen.Mein Vater, ein halber Bauerjunge aus den Hütten in Krusendorf, hat wahrscheinlich durchaus nichts dagegen gehabt, den Winkel im Dorfe mit dem Palais auf Amalienburg zu vertauschen, und Theilnehmer an allen großen Festen, Lustbarkeiten und Genüssen zu sein; gleichviel ob dies sitzend oder stehend, früher oder später geschah. — Hier lernte er meine Mutter Martha Maria Hansen kennen. Ihr Vater, ein Deutscher, war königlicher Bevollmächtigter. Meine Großmutter mütterlicherseits, Anna Maria, war die Tochter eines Bäckers Severin in Kopenhagen. Mein Großvater mütterlicherseits hinterließ bei seinem frühen Tode eine Wittwe mit drei Kindern. Die Eltern meiner Mutter waren also Deutsche, und sie, ebenso wie mein Vater, wurde deutsch erzogen. Mir ist, als ob mein Vater mir erzählt hätte, daß meine Großmutter nach dem Tode ihres Mannes mit ihren Kindern eine Reise nach Deutschland machte; aber in der äußersten Noth zurückkehrte. Meine Mutter war in ihrer frühesten Jugend auf dem Lande bei einem Verwandten: dem VerwalterBruunaus Herlufsholm, im südlichen Seeland. Ich habe sie im Scherz erzählen hören, daß, wenn nicht Altersverschiedenheit zwischen ihnen Statt gefunden hätte, aus ihr und dem Sohne, der in die herlufsholmer Schule ging, und später der bekannte DichterThomas Christopher Bruunwurde, ein Paar hätte werden können. Von Bruun's kam sie als Wirthschafterin zum Prokanzler Cramer in Kopenhagen, der sie mit außerordentlicher Güte und Achtung behandelte, und ihr Bücher, unter andern seine eigenen Predigten verehrte, die ich noch besitze. Cramer's Haus war ein Sammelplatz für ausgezeichnete Deutsche, und dies hat gewiß viel zu der mehr als gewöhnlichen Bildung meiner Mutter beigetragen. AuchKlopstockkam dort ins Haus. Ich entsinne mich, daß meine Mutter mir erzählt hat, wie sie ihm einmal ihre silbernen Schuhschnallen lieh, als er zur Maskerade wollte. Sie liebte ihn übrigens nicht sehr, er war ihr zu überspannt;Gellertsagte ihrem Herzen viel mehr zu. Von Cramer's aus wurde sie Kammerjungferbei der GräfinMoltke; und das war in der damaligen Zeit für ein armes Bürgermädchen eben so viel, als ob sie zur Königin käme und ihr Glück machte. Meine Mutter soll in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein. Mein Vater hat erzählt, daß mehre junge vornehme Damen sie beneideten, weil sie weißere Hände, als sie hatte, obgleich diese die ihrigen doch täglich mit Mandelkleie wuschen, und sie nur mit grüner Seife. —
Abstammung.
Man sieht also, daß ich von väterlicher Seite durch mehrere Glieder von angelsächsischen Musikanten und Fischern abstamme. Der Vater meiner Großmutter, von väterlicher Seite,Tolstrupwar ein Jütländer, mein Großvater mütterlicherseits,Hansenein Hochdeutscher, und der Vater meiner Großmutter mütterlicherseits,Severin, ein Kopenhagener. Weiter weiß ich nichts Zuverlässiges von meinem Geschlechte zu sagen. Daß der berühmteAdam Oleariusoder Oehlenschläger, der die morgenländische Reise mitPaul Flemmingmachte und ein seiner Zeit klassisches Werk darüber herausgab, zu unserer Familie gehörte, ist wahrscheinlich. Sein Vater war Schneider und indem ich mit ihm in Verwandtschaft komme, könnte ich, sowie Göthe, Schneiderahnen haben. Er war nicht nur Lehrer, sondern auch Schöngeist, konnte gut persisch und übersetzte Saadi's Rosengarten und Lockman's Fabeln ins Deutsche. Da er Bibliothekar und Hofmathematiker des Herzogs von Holstein-Gottorp war, und nach seiner Reise wieder nach Holstein zurückkam, ist es um so wahrscheinlicher, daß er zu unserer Familie gehört. Zu den Patriciern Olenschlager in Frankfurt wage ich mich nicht zu rechnen, obgleich ich mich erinnere, daß mein Vater zuweilen von Frankfurt als einem Orte sprach, wo Verwandte leben sollten.
Stellung meines Vaters.
Von 1767 bis 1778 war mein Vater beim Grafen Moltke; darauf heirathete er meine Mutter und wurde Organist in dem eine Viertelmeile von Kopenhagen gelegenen Friedrichsberg.Meine Eltern wohnten zuerst in der nach Friedrichsberg führenden Vorstadt „Westerbrücke“ im Hause Nr. 53, gleich rechter Hand, wenn man aus der Friedrichsberger Allee kommt. Dieses kleine, mit Fachwerk gebaute Haus, steht zufällig noch jetzt so wie vor 70 Jahren. Das Jahr darauf 1779 wurde ich am 14. November geboren.
Ein älterer Bruder desselben Namens, wie ich, der ein Jahr früher geboren war, wurde nur 24 Stunden alt. Ein Jahr nach meiner Geburt erhielt mein Vater die Stelle als Bevollmächtigter auf dem Schloß Friedrichsberg bei dem Generalinspector Schmidt, einem sehr tüchtigen Manne und gutem Kopfe. Mein Vater hatte Hoffnung, nach ihm Schloßverwalter zu werden, wenn Schmidt seinen Abschied nahm und nach Jütland zog, denn er war ein vermögender Mann. Aber als ein Verwandter von Schmidt, ein junger Mann, Voigt, der die neue Gärtnerkunst in England gelernt hatte, nach Hause kam, erhielt er das Amt. Erst viele Jahre später wurde mein bei weitem älterer Vater, nach dem Tode des Jüngern, Schloßverwalter. Voigt gestaltete den in der Zeit Friedrich's V. angelegten Park „Söndermarken“ (das Südfeld) nach neuestem Geschmack um. Er war Gärtner mit Leib und Seele, zog bei den Gutsbesitzern in Seeland umher, half ihnen Gärten anlegen, und überließ meinem Vater das Schloß. Er erwies ihm all' die Achtung, die der Jüngere dem Aelteren erweisen kann, obgleich er über ihm stand. Er hatte ein freundliches Gesicht; wenn er mir in meinen Kinderjahren begegnete, so nannte er mich stets „Master Adam!“ Ich konnte nicht begreifen, wie ich schon Meister geworden sei; erst viele Jahre später begriff ich, daß dies eine Redensart war, die er von England mitgebracht hatte.
Schmidt wurde sehr alt, ich glaube gegen 90 Jahre. Ich besitze einen Brief von ihm, den er in hohem Alter an meinen Vater mit kräftiger Hand geschrieben hat, — in welchem er ihmzu seinen Kindern Glück wünscht, und aus dem ich sehe, daß dieser Greis Sinn für Poesie hatte.
Meine Geburt.
Bei meiner Geburt war ein berühmter Arzt Culpin, ein Deutscher, meiner Mutter behülflich. Kaum war ich zur Welt gebracht, als Culpin, ein flinker lustiger Mann, um meine Mutter, die ein Jahr vorher ein Kind verloren hatte, zu trösten und zu erfreuen, mich bei den Beinen nahm, ihr entgegenhielt und ausrief: „Meiner Seel' ein großer Junge!“ —
Man hatte damals die üble Gewohnheit, welche vielen Menschen an Gliedern und Gesundheit geschadet hat, die Kinder mit den Armen einzuwickeln. Ein kleiner Junge, der uns gegenüber am Eingange zur Allee wohnte, kam einmal herüber, um mich in der Wiege zu sehen, lief aber gleich wieder erschreckt nach Hause, und rief seiner Mutter zu, die ihn fragte, warum er so schnell zurückkomme: „Mutter! das Kind hat keine Arme.“ Dies war der jetzige Herr JustizrathHvalsöe. Ich hatte viel vornehme Pathen in der Friedrichsberger Kirche; die Gräfin Moltke hielt mich über die Taufe. Als sie meine Mutter fragte: „Wie soll das Kind heißen,“ und meine Mutter geantwortet hatte: „Adam Gottlob,“ sagte sie: „Das will ich hoffen.“
Der Sohn, den meine Eltern ein Jahr vorher gehabt hatten, hieß auch Adam Gottlob. Er wurde, wie gesagt, nur 24 Stunden alt. Mein Vater, ein munterer, launiger Mann, pflegte oft, wenn er von seinen Kindern sprach, zu sagen: „Ja, mein ältester Sohn, der war ein ganz anderer Kerl, als dieser Poet.“
Ich entsinne mich noch deutlich des Morgens, wo das Mädchen hereinkam, und meinem Vater und mir sagte, die wirin einem Bett mit grünen, wollenen Gardinen im Comptoir, dicht neben dem sogenannten Ostthore im Schlosse, schliefen, daß meine Schwester Sophie geboren sei. Ich war damals dritthalb Jahr alt. Ich lag im Bett und sah einen großen Nagel in der Wand an, der mit Papier umwickelt war, und der Wind heulte im Schornstein und Ofen, wo man kurz vorher eine große Eule gefunden hatte, die herabgefallen war. Ich sehe meinen Vater noch den Kamin und das Fenster öffnen und die Eule über die Bäume auf dem Schloßberg wegfliegen.
Erste Jugendthat.
Die erste That, deren ich mich entsinne, in der Welt ausgeführt zu haben, war ein Mord in aller Unschuld an einem kleinen Hunde, den ich sehr lieb hatte. In dem gewölbten unterirdischen Gange, der vom Schloß zur Küche führt, sind zwei Luft- und Lichtlöcher, beide jetzt bedeckt, und das eine im Garten der Königin verborgen; aber damals waren beide zugänglich, unbedeckt und nur von einem Geländer umgeben. — Zu dieser Zeit war im Schloßgarten ein Handlanger, der Schulz hieß, mit einem großen schwarzen Bart, welcher mir Angst vor ihm einflößte. Vielleicht um mich vor den Löchern in dem geheimen Gange einzuschüchtern, hatte man mir gesagt, daß dieses unterirdische Gewölbe „Schulze's Kirche“ sei. Einmal, als ich im besten Spiele mit dem kleinen Hunde begriffen war, bekam ich den tollen Einfall, — nicht um dem Hunde zu schaden, oder weil ich böse auf ihn war; ich streichelte und küßte ihn im Gegentheil; — ihn in Schulze's Kirche hinabzuwerfen. Obgleich mir selbst davor bange war, dort hinunter zu gehen, so glaubte ich doch, daß der Hund daselbst gut aufgehoben sei. Vielleicht hoffte ich auch, daß er bald zurückkommen und mir Etwas von der wunderbaren Kirche erzählen könne. Ich eilte also aus allen Kräften, obgleich mein Vater mir auf den Fersen war, und warf ihn hinab. „Was hast Du gethan, Junge? wo ist der Hund?“ „Ich habe ihn in Schulze's Kirche hinuntergeworfen.“ — „Folge mir!“ — ich mußte mit in die schreckliche Kirche hinabgehen, und als ich dort meinen Liebling jämmerlichzerschmettert und todt fand, erfüllte ich das Gewölbe mit meinem Geschrei, und mein Vater hatte alle Mühe, um mich von der Höhle, von dem kleinen todten Hunde fortzubringen, den ich wieder lebendig küssen wollte.
Die Leibgarde.
Als kleiner Junge nahmen meine Eltern mich einmal nach Kopenhagen zu einigen Bekannten mit, wo ich beinahe das Leben verloren hätte, indem ich fiel und mir das Kinn zerschlug. Ich trage noch jetzt eine tiefe Narbe davon. Auf meinen Reisen im Auslande setzte mich dies in Respect, denn sie sah wie eine Narbe von einem Säbelhiebe aus, den ich in einem Duell bekommen hätte.
Was ich in dieser frühen Kindheit auf dem Schlosse am meisten liebte, war die Leibgarde. Ich hatte mir ein kleines Holzgewehr mit Kienruß überstrichen verschafft; damit stand ich immer in einer gewissen Entfernung von den Soldaten auf dem Schloßhofe und präsentirte nach dem Commando der Offiziere. Der Kronprinz, später Friedrich VI., sah mich daselbst oft von seinem Fenster aus, und soll einmal, als ich nicht da war, gefragt haben: „Aber wo bleibt denn Adam heute?“ — Wenn ich mich zuweilen dem Offiziere nähern durfte, und er mir erlaubte, seinen Säbel herauszuziehen und die Klinge zu betrachten, so fühlte ich mich von dem feierlichsten Gefühle durchdrungen. Die schöne blanke und blau angelaufene Stahlwaffe schien mir wie ein Talisman; wer sie in seiner Hand schwang, glaubte ich, müsse stets siegen und erobern. Wenn die königliche Familie im Herbst nach der Stadt zurückkehrte, so spielte die Leibgarde an dem Tage, wo sie fortging, immer einen andern Marsch, als den gewöhnlichen. Ich ging hinterher, als ob ich einer Leiche folgte, und am Hügel, wo wir uns trennten, weinte ich meine bitteren Thränen. Mein einziger Trost bestand darin, mit meiner Schwester Sophie in die leeren Zimmer hinaufzugehen, und Medicinflaschen zu suchen, deren dort immer viele standen.Wir wuschen sie aus und spielten mit ihnen, bis sie entzwei gingen. Zwei Mal wurde ich auf das Angenehmste durch einen Fund überrascht, den ich nie erwartet hatte: der eine war ein Kupferschilling, der auf einem Marmorconsoltisch bei einer Hofdame von Puder bedeckt lag; der andere ein Kuchen auf einem Brett in der Conditorei.
Wintervergnügen.
Im Winter fuhr ich mit einem kleinen Schlitten, der dem Kronprinzen gehörte, und den mein Vater unter anderm Gerumpel auf dem Boden gefunden hatte. Oft bat ich die Bauern vor dem Schloßthore, daß ich meinen Schlitten an ihren Wagen binden dürfe; und wenn sie es mir erlaubten, so fuhr ich mit ihnen den Berg hinunter. — Ein Mal wollte ein schlechter Kerl mir meinen Schlitten wegnehmen und griff nach dem Stricke, aber ich schlug seinen Arm so derb mit dem Besenstiel, den ich mit hatte, daß er los ließ. Mit zwei Besenstielen pflegte ich mich sonst auf dem Schlitten selbst den Berg hinunter zu schieben, wenn keine Wagen da waren.
Meine Schwester war zuweilen mit dabei. Sie spielte gern mit mir. Der Kronprinz, der uns im Sommer oft auf dem Schloßhof zusammensah, fragte mich einmal freundlich, als er an uns vorüberging: „Adam, wie heißt Deine Schwester?“ „Sie heißt Sophie,“ antwortete ich. „Sie sollte Eva heißen,“ meinte der Kronprinz.
Ich entsinne mich eines Winterscherzes, der nicht so munter ablief, wie die Schlittenfahrt. Es war ein schneeiger Tag, es begann zu thauen und ich machte einen meiner gewöhnlichen Schneemänner auf dem Hofe; die Augen von Kohlen und die Lippen von rothem Ziegelstein. Nun kam mir aber die Lust, in diesem Fache weiter zu arbeiten, und ich bekam einen — meiner Ansicht nach — köstlichen Einfall. Das eiserne Gitterdes Schlosses stand an diesem Tage gerade nicht offen. Es fuhren viele Bauern von Kopenhagen nach Hause. Die Wachstube der Leibgarde war neben dem eisernen Thore, das Fenster lag nach der Landstraße hinaus und im Zimmer stand ein großer Tisch. Was hatte ich zu thun? Ich bedecke den Tisch mit Schneebällen, sowie ein Bäcker seine Fächer mit Pfannenkuchen, mache das Fenster auf und bombardire nun von meiner sichern Festung aus die Bauern, während sie vorüber fuhren, mit Schnee in den Nacken. Von ihnen hatte ich Nichts zu fürchten, denn erstens konnten sie nicht herein kommen und zweitens konnten und wollten sie nicht Pferde und Wagen verlassen. Aber ich hatte nicht an einen mächtigen Bundesgenossen gedacht, der sich der unschuldig Angegriffenen annahm, und mir unerwartet in den Rücken fiel. Dies war mein eigener, leiblicher Herr Vater, der die Thür der Festung öffnete, und meinen Rücken mit einem Endchen Tau verarbeitete, das er zu diesem Gebrauche mitgenommen hatte, ohne sich im Geringsten durch das Inventiöse der Ausführung und das Lustige der Situation bestechen zu lassen.
Die Schule.
Sie brachten mich zu einer verdrießlichen alten Frau in die Schule, wo ich der Gelehrsamkeit zu Liebe sehr Viel ausstehen mußte. Wir mußten stets auf den Bänken still sitzen, und unser einziges Vergnügen bestand darin, die Wolle aus unsern Jacken zu zupfen und kleine Kugeln daraus zu machen. Wenn sie es bemerkte, so schlug sie uns mit dem Fingerhut auf den Kopf. Zuweilen bekam man einen Schlag mit einem Stücke Brennholz, wenn gerade nichts Anderes bei der Hand war. Ich weiß noch, wie ich die Hühner und Enten auf dem Hofe beneidete, die da draußen in freier Luft umherlaufen und gakeln und schnattern konnten ohne bestraft zu werden. Unsere Lehrerin hießMadame Bergau, ihr Mann war Maler gewesen; in dem Zimmer hing ein Portrait von ihm, wo er mitPalette und Pinsel saß; dies betrachtete ich häufig aufmerksam. Er sah so fromm und freundlich aus, während seine Wittwe uns schlug, wenn wir nicht unsere Lectionen konnten. Eines komischen Ereignisses entsinne ich mich aus jener Zeit. Eines Tages, als ich in die Schule gehen sollte, und etwas später kam, wollte ich quer über den offenen Platz, welcher sich damals vor dem Schulhause befand, gehen. Quer über diesen Platz lief ein Graben, den ich ganz vergessen hatte. Die Sonne schien mir in die Augen; das konnte ich nicht vertragen, ich machte die Augen fast ganz zu, lief vorwärts, und ehe ich mich's versah, stand ich bis an die Hüften im Graben im Schlamm. So kam ich in die Schule, wo ich ausgekleidet wurde und den Unterrock der Hausmamsell anbekam, während meine Beinkleider gewaschen, getrocknet und geplättet wurden, und mußte so den ganzen Vormittag sitzen zum Spott und Hohn für Knaben und Mädchen, die es nicht unterlassen konnten, mich auszulachen. Bald lachte ich mit ihnen, bald weinte ich, und so verging die Zeit, bis die Hosen trocken waren.
Mein Trost war Hübner's biblische Geschichte. Wenn wir unsere Lectionen gelernt hatten, bekamen wir Erlaubniß, ein Stück daraus zu lesen. Jeder hatte sein Lesezeichen von mehr oder weniger vortrefflichem Stoffe, von Kattun an bis zum Gold- und Silberbrocat. Meine Mutter hatte mir Zeichen letzter Art gegeben, die wohl auch Zeichen der verschwundenen Herrlichkeit der Zeit sein mochten, wo sie bei der Gräfin Moltke war. — Mit all' diesen Zeichen zwischen den Blättern konnte Hübner's Geschichte gar nicht zugemacht werden, sondern lag immer gähnend auf dem Rücken, und streckte die unzähligen Zungen bei Moses, Joseph, David, Salomon u. s. w., u. s. w. heraus.
Madame Bergau hatte einen Schwiegersohn, Herrn Kinderlein, der ein Kinderfreund war. Wenn er sie besuchte, war es ein Fest; denn erstens bekamen wir frei, und zweitens schnitt er unsere Federn, was Madame Bergau selbst nicht konnte.
Tragische Geschichte.
Zu dieser Zeit ungefähr muß folgende tragische Begebenheit eingetroffen sein, die einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machte. Ich hatte einen Vetter, einen jungen Menschen, der meine Eltern besuchte. Er spielte einmal mit mir, ich ritt eben auf seinem Kniee, und war seelenvergnügt, als es mir einfiel ihn zu fragen: „Was ist Dein Vater?“ — „„Landrichter!““ — „Landrichter!“ rief ich, „pfui!“ und sprang von seinem Kniee. Der Vetter machte große Augen und konnte nicht begreifen, woher diese Furcht und dieser Ekel vor dem Landrichter komme. Die Sache war die: Kurz vorher hatte sich ein Höker an einem Weidenbaume in der Friedrichsberger Allee gehängt. Mein Vater nahm mich mit, damit ich ihn sähe. Der Höker hing ganz niedrig, so daß die Füße fast den Erdboden berührten. Sein spanisches Rohr hatte er neben dem Graben eingesteckt, darauf hing sein dreieckiger Hut und die Zopfperrücke. Gerade gegenüber an einem Lindenbaume in der Allee war ein kleines Buch mit feinen Nägeln angeschlagen, in welchem berichtet stand, daß er sich aufgehängt habe, weil seine Frau ihn zum Hahnrei gemacht habe. Zwei Ruthen hatte er gebunden und unter den Baum gelegt, die eine war eine Birkenruthe, damit sollte die Frau gestraft werden, die andere war ein Dornenreis, und für ihren Buhlen bestimmt. — Von all' Dem verstand ich nicht das Geringste, sondern starrte nur mit Entsetzen auf den Gehängten hin. Er sollte abgeschnitten werden, aber Keiner wollte ihn anrühren, bevor der Landrichter angekommen sei und Hand an ihn gelegt hätte, um die Arbeit ehrlich zu machen. Ich sah ihn mit seinen Leuten kommen; er berührte die Schulter des Gehenkten, der nun abgeschnittenwurde. — Daher kam mein Entsetzen und mein Widerwillen gegen den Vater meines Vetters. Ich hatte keinen andern Begriff von einem Landrichter, als daß er ein Mann sei, der Leute abschneiden müsse, die sich selbst aufgehängt hätten.
Ich hatte Einen bei jedem zweiten Worte schwören hören und fand, daß es ihm gut stehe. Nun bekam ich auch Lust, und sagte eines Tages jeden Augenblick zu meiner Mutter: „Nein, das thut Adam weiß es Gott nicht.“ Statt mich zu strafen, sagte sie jedesmal ganz ruhig: „Nein, das thut Adam gewiß nicht.“ Auf diese Weise brachte sie mich bald dahin, das Schwören zu unterlassen.
Mein Vater pflegte zuweilen, wenn er mit mir spielte, mich in's Ohr zu kneipen und zu sagen: „Bist Du nicht meine Canaille?“ — Eines Tages, als Fremde bei uns waren, stellte ich mich mitten in's Zimmer, stützte beide Hände in die Seiten, sah meinen Vater starr an, und rief laut: „Bist Du nicht meine Canaille?“ Zuerst bekreuzte man sich über den kleinen, schon so früh verlorenen Sohn; aber als man hörte, daß es eine Liebesbezeigung sei, die mein Vater mich selbst gelehrt habe, lachte man um so mehr.
Die Schule des Küsters.
Aus der Schule der Madame Bergau avancirte ich in die des Küsters, woBernt Winckler, Sohn eines wohlhabenden Grundeigenthümers und Gärtners in der Stadt und ich Kameraden mit den Straßenjungen wurden. Wenn wir dazu kommen konnten, so spielten wir gern mit ihnen nach der Schulzeit Anschlagens, am häufigsten bei den Steinpfeilern des Thores, welches den Eingang zum Schloßgarten bildete. Hier saß ein alter Mann, der Brot, Aal und Branntwein verkaufte. Wenn ich ein paar Schillinge hatte,kaufte ich wohl ein Brot und ein Stück gebratenen Aal mit Salz und vielen Staub darauf. Das schmeckte mit besser als das leckerste Gericht zu Hause. Einmal wollte einer meiner Schulkameraden mich dazu verführen, auch einen Schnaps zu trinken. Ich hatte bereits das Branntweinglas in der Hand, als mein guter Engel in der Gestalt meines Vaters zum Gartenthor hereinkam. Vor Schreck verschüttete ich den Branntwein: glücklicher Weise sah er mich nicht und ging in der Ferne vorüber; aber die Furcht hatte mich davon curirt, dieses gefährliche Experiment zu wiederholen.
Naturgenüsse.
In dem von Voigt angelegten Südfelde hatte ich täglich ein Bild von englischer Natürlichkeit vor Augen, sowie in dem alten Garten von französischer Regelmäßigkeit und zwischen Beiden das italienische Schloß voll schöner Zimmer und Gemäldegalerien. Meine Umgebung war im Sommer und Winter so verschieden, wie die Natur. Im Sommer wimmelte es draußen von Menschen, von schönen geputzten Damen; der ganze Hof war dort, schöne Tafel- und Janitscharenmusik konnten wir Kinder jeden Sonntag hören. Von einer Galerie aus konnten wir die königlichen Herrschaften bei Tische sitzen sehen. — Das Südfeld dagegen war meist unbesucht, da es nur für den Hof bestimmt war. Aber mein Vater hatte den Schlüssel, und ich und meine Schwester machten viele Bekannte glücklich, wenn wir dort mit ihnen spazieren gingen. Da war es still und einsam, wie zehn Meilen von der Stadt. Wir besuchten das sogenannte Norwegische Haus, wo die große Natur im Kleinen täuschend nachgeahmt war; den Eremit in seiner Hütte, die Grotte mit den Crystallen und Erzstufen, einer Zauberhöhle gleich; das chinesische Lusthaus mit seinen großen Conchilienspiegeln, seinen bunten Bildern von Mandarinen und Damen mit Klumpfüßen; und den Glöckchen auf dem Dache, die sich im Winde bewegten und erklangen.
Einmal im Sommer machten wir gewöhnlich eine Wallfahrt nach dem Thiergarten, den schönen Strandweg entlang, oder über Ordrup, wo dann die uralten Buchen uns einluden, in ihrem Schatten die Erfrischungen zu genießen, die wir selbst mitgenommen hatten. Wir sahen dort den Seiltänzer und Kasperle, aßen im Grase und schnitten unsere Namen in eine dicke Buche, die sie noch trägt.
Leben im Winter.
Kam nun der späte Herbst, und zog die königliche Familie zur Stadt, so wurde auch der Schauplatz ein ganz anderer. Keine Musik mehr, keine Spaziergänger; aber Alles voll von Handwerkern und Arbeitsleuten auf dem Schloß und im Garten. Nun ging ich zwischen Maurern, Zimmerleuten, Tapezirern und Malern einher, zuweilen wagte ich mich sogar mit den Bleideckern aufs Dach hinauf. Und wie ich im Sommer die feine Lebensweise der großen schönen Welt bewunderte, so lauschte ich jetzt den Handwerksleuten ihr Wesen und ihre Eigenthümlichkeiten ab, und sah zu, wenn die Gärtner säeten, pflanzten oder Bäume pfropften. — Mit Eintritt des eigentlichen Winters waren wir auf dem großen Schlosse mit zwei Wächtern und zwei großen gelben Hunden ganz allein. Das ganze Schloß gehörte dann uns, und ich ging in die königlichen Zimmer, betrachtete die Gemälde und baute Luftschlösser. Wenn gutes Wetter war, so erlaubte mein Vater mir zuweilen in die Stadt zu gehen, um Bücher aus der Leihbibliothek zu holen. Mit sechs Büchern in ein blaues Taschentuch gebunden, auf meinen kleinen Stock gesteckt und so auf dem Rücken getragen, kam ich dann in der Dämmerung wieder nach Hause. Wenn wir Thee getrunken hatten, und das Licht auf den Tisch gesetzt war, so kümmerten wir uns nicht um Sturm, Regen oder Schnee. Mein Vater saß dann im Lehnstuhl mit dem kleinen Hund im Schlafrocke und las laut vor; oder ich selbst las leise und folgte Albert Julius und Robinson Crusoë nach ihren Inseln, schwärmte imFeenlande mit Aladdin umher, oder amüsirte mich mit Tom Jones und lachte über Siegfried von Lindenberg. Die meisten von Holberg's Comödien wußte ich halb auswendig.
Eine Hundegeschichte.
Ich habe eine Hundegeschichte erwähnt und muß noch zwei erzählen. Wir hatten ein Dienstmädchen die nicht viel taugte, die aber doch den kleinen Present sehr liebte. Als sie nun fortzog und in Kopenhagen in Dienst trat, verschwand der Hund eines Tages, alles Suchen war vergebens, er war nicht zu finden; das rief große Trauer in der Familie hervor. Ich und meine Schwester beweinten den kleinen verschwundenen Freund, und glaubten, er sei todt. Die schmerzliche Wunde fing bereits an zu verharrschen, als ich vierzehn Tage darauf mit meinem Vater nach Kopenhagen ging. Zufälligerweise begegneten wir dem Mädchen mit dem Hunde unter dem Arm. Kaum sieht sie mein Vater, so geht er ihr gerade auf den Leib, und mit den Worten: „Ei du Canaille! hast Du meinen Hund da?“ faßt er den kleinen Present ganz ruhig in den Nacken und reicht mir die Beute. Mehr Worte wurden nicht gewechselt. Aber mit welchem Entzücken ich den Hund nach Hause trug, und mit welcher Freude wir empfangen wurden, läßt sich nicht beschreiben.
Ernster, aber doch nicht so schlimm, wie sie hätte werden können, ist die zweite Geschichte: Ich kam eines Tages den beiden großen Doggen, die im Hofe angekettet waren, zu nahe. Der eine biß mir ein Stück aus dem Aermel und die Spur seiner Zähne saß in meinem Arm. Kaum sah meine Mutter dies, als sie die Wunde sorgfältig auswusch; darauf ging sie zum Wächter und sagte: „Er schießt mir gleich den Hund todt!“ — „„Gott bewahre, Madame, das ist ein königlicher Hund, von großer Seltenheit, ein Geschenk von einem vornehmen Herrnfür das Schloß, das wage ich nicht.““ „Er schießt mir gleich den Hund todt,“ fuhr meine Mutter fort, „jetzt fehlt ihm Nichts, aber er könnte vielleicht toll werden; er hat meinen Sohn gebissen und ich muß für die Rettung meines Kindes sorgen. Das Kind einer Mutter ist mehr werth, als ein Hund. Ich nehme Alles auf mich!“ — Der Hund wurde erschossen, und die Eigenmächtigkeit nicht gemißbilligt, obgleich die mütterliche Sorge ohne Zweifel eine übertriebene Vorsicht veranlaßt hatte.
Ein Meteor.
Wenn mein Vater die guten Freunde im Städtchen Friedrichsberg besuchte, so spielten sie Quadrille, bis wir Kinder in Schlaf fielen, und wir wurden erst dann wieder geweckt, wenn wir nach Hause gehen sollten. Ich mußte gewöhnlich die Laterne tragen, und entsinne mich noch eines sehr kalten dunkeln Winterabends, wo wir durch den Garten zum Schloß gingen. Plötzlich wurde es ganz hell, ein schöner Mond schwebte langsam über den Himmel dahin und verschwand. Meine Kniee zitterten, ich glaubte der Mond sei herabgefallen und ich wunderte mich darüber, daß mein kleines Licht in der Laterne noch brenne. Nun erzählte mein Vater mir allerlei von Sternschnuppen und Nordlichtern, was er in „Gottsched's Weltweisheit“ gelesen hatte. Ich habe später nie ein so großes und schönes Meteor gesehen.
Kunsteindrücke.
Im Winter 1789 wurde unsere einförmige Lebensart eines Nachmittags unterbrochen, indem mein Vater und ich mit dem besten Freunde meines Vaters Winckler im Schlitten nach Kopenhagen fuhren, um die Illumination zu sehen, welche auf Veranlassung der Rückkehr des Kronprinzen aus Norwegen veranstaltet war. Ich wunderte mich über all' die Lichter in der großen Stadt und glaubte mich in die Feenmährchen Tausend und einer Nacht hin versetzt. Ich bildete mir sogar ein, daß der Schnee auf den Straßen, dem die vielen Lichter einen gelbenSchimmer gaben, Sand sei, der auf das Pflaster gestreut war, um das Fest zu schmücken. Noch mehr wunderte ich mich im nächsten Jahre beim Einzuge über all' die schönen Sinnbilder und Ehrenpforten.
Ich ging übrigens nicht auf Rosen in meiner Kindheit, denn meine Eltern waren arm und litten an Nahrungssorgen. Dazu kam, daß meine jüngste Schwester Christine Marie mit einem Wasserkopf geboren wurde, und fünf Jahre in der Wiege lag, ehe sie starb, mit einem Körper wie ein Säugling, und einem Kopfe, größer als der eines erwachsenen Menschen. Ueber dieses große Unglück verfiel meine Mutter in eine tiefe Melancholie und war endlich für uns Alle und für sich selbst verloren. Aber der kindlich leichte Sinn tröstete mich, ich eilte rasch von dem Drückenden hinweg zu dem Schönen, wo ich mich meinen Träumereien hingab, die als Dichterknospen in der Phantasie des Knaben keimten. Das herrliche Schloß mit seiner gesunden frischen Luft, mit seiner schönen Aussicht vom Berge, seinem lustigen Menschengewühl im freundlichen Garten, seiner romantischen Einsamkeit in dem stillen, dunkeln, hüglichen Südfeld, Architectur und Malerei entzückten mich. Ich studirte die Bilder aus dem Schlosse täglich. In der kleinen Galerie machten die schönen Italienerinnen einen tiefen Eindruck auf mein Herz. Die Römerin in Bauerntracht, welche sitzt und näht; die Schöne, welche von der Maskerade mit der Maske unter dem niedlichen dreieckigen Hute kommt; die Blondine mit dem purpurfarbenen Mieder; die Schöne mit dem Tuche über dem Haar, und der schlanken Gestalt in dem grünen geschnürten Seidenkleide u. s. w. Als Gegensatz hing dort der starke Gustav Adolph mit seinem ehrlichen derben Rittergesicht. Auf den Plafonds sah ich die griechischen Götter; hier saßen sie alle bei der Tafel, dort fuhr Juno mit ihren Tauben, hier kamen Venus, Thetis, Neptun, Merkur zum Jupiter. Dort floh der finstere Haß mit denFackeln in den Händen vor dem Frieden. Die herrliche Copie vonLorenzennach einem von Rubens Meisterstücken, wo sie das Weib zu Jesus bringen, welcher sagt: „Wer sich ohne Schuld unter Euch fühlt, der werfe den ersten Stein auf sie,“ machte besonders einen außerordentlichen Eindruck auf mich, und macht ihn noch jetzt. Nie habe ich seitdem ein Gesicht von Jesus gesehen, das mir ihm so sehr gleichen zu müssen schien, wie dieses. Dies Gefühl kommt wohl daher, daß ich ihn so zum ersten Male gemalt sah; aber der Kopf Jesu in diesem Rubens'schen Gemälde ist auch voll großer Schönheit, Adel, Klarheit, Milde, Verstand und Gefühl. Das kastanienbraune Haar ist vielleicht etwas zu röthlich, das Gesicht etwas zu sanguinisch blühend; es fehlt das tief Mystische, das eigentlich Göttliche! aberwerkönnte das auch wiedergeben? könnte es wohl selbstRaphael? könnte esThorwaldsen? — Ich stelle diesen Jesuskopf vonRubensüber den strafenden Jesus desGiovanni Belliniin der Dresdner Galerie, vonCarlo Dolci'ssüß sentimentalem Christus nicht zu reden. Der Pharisäer und Saducäer Rubens, sind im höchsten Grade meisterhaft; welche vortreffliche Composition ist das Ganze! Der Pharisäer in der goldbrokatenen Kopfbedeckung mit dem prächtigen Bart, ein höchst merkwürdiges Gesicht! Man sieht, daß es ein Mann ist, der es vermag, die Ansichten seiner Zeit mit Energie zu beherrschen, und ihre Vorurtheile zu befördern. Man liest Bosheit, Strenge, Grausamkeit, Frechheit in dem verzogenen Lächeln, in den starrenden, tückischen Augen! Und nun der Saducäer — der nicht an die Unsterblichkeit glaubt, und deshalb seinen Körper recht gemästet hat, bevor die Würmer ihn verzehren; mit gemeiner phlegmatischer Ruhe blickt er auf Jesus; aber heimtückischer Zorn über das Ideale, das Göttliche, das sich geltend zu machen wagt, schwebt auch auf seinem feisten Antlitz. Auch die Sünderin ist gut; die Lust, welche Rubens hatte, blühende Weiber zu malen, war hier an ihrem Platze. Sie schämt sich; ihr Gesicht ist halb verborgen; schöne Züge,welche die Fülle bereits zu verwischen beginnt, zeugen von einem Weibe, das mehr Körper als Seele ist. Es ist nicht Reue, sondern nur Verschämtheit, die sich bei ihr äußert. Der Vater, der ihr gleicht und neben ihr steht, hat ihr bereits vergeben. Der Erlöser zeigt ihr auch keine besondere Aufmerksamkeit, sondern nimmt nur von ihren Verhältnissen Veranlassung, eine allgemeine Lehre für den Menschen zu entwickeln, indem er sie von einem entsetzlichen Tode rettet. — Was Wunder, daß ein solches Bild einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machen mußte? Ich machte durch dieses zuerst Bekanntschaft mit der religiös-historischen Malerei, und nach Allem, was ich später Herrliches und Großes in fremden Galerien gesehen habe, kehrt die Erinnerung doch oft dankbar zu Dem zurück, welches mir den ersten Eindruck gab.
Die herrlichen Landschaften vonPoulsen, welche in demselben Saale hängen, wirkten auch stark auf mich ein. Ich lernte aus ihnen zuerstNorwegenkennen. Besonders stand ich immer staunend und betrachtete den schäumenden Sarp. Der Weg an den jähen engen Felsenklüften entlang, wo ein Pferd die Cariole hinunterzieht, indem es mit den bis zur Erde eingebogenen Hinterbeinen hinabgleitet, gefiel mir ganz besonders. — Fügte ich nun die Vorstellungen, welche mir diese Gemälde erweckten mit dem norwegischen Hause im Südfelde zusammen, das ich täglich besuchte, so bekam ich keinen ganz schlechten Begriff von Norwegen, wovon ich mich viele Jahre später überzeugte, indem ich das Original mit meiner kindlichen Vorstellung verglich. — Ein Bild in dem sogenannten Rosen- oder Maskeradensaal beschäftigte mich auch sehr. Dort sitzt ein berauschter junger Herr, mit weißseidenen Pantalons, einem Ritterhute, und einem Lächeln im Gesichte, das der Rausch fast zur Maske verwandelt, obgleich er die Maske abgenommen hat. Er hat ein großes Glas Rheinwein in der Hand, das er im Begriffist zu verschütten. Ihm zur Seite stehen nüchterne Musikanten, die für's Brod arbeiten, während er trinkt. Der Türke (wahrscheinlich Friedrich IV.) lüftet die Maske der schönen Türkin etwas, mit der er neben mehreren anderen Schönen spricht. Wenn ich in meiner stillen Winterruhe ein Mal ein recht munteres Freudenfest mit glänzendem Gewimmel aller Stände haben wollte; — so ging ich blos in den Maskeradensaal hinauf, und stand und starrte dort empor, bis mir der Nacken steif wurde; — dann hatte ich mir ohne die geringsten Kosten das prächtigste Fest angerichtet.
Malerei und Musik trugen früher, als die Poesie dazu bei, meinen Dichtergeist zu wecken. Das Altarbild in der Schloßkirche und die Gemälde in der Friedrichsberger Kirche versetzten mich in die heilige Geschichte. Ich sah Christus als schönes, reines Kind vor den heiligen drei Königen und sah den entseelten Körper des Erlösers, vom Kreuz herabnehmen und einwickeln von den treuen Hinterbliebenen. Oben in den vergoldeten Wolken lag phantastisch das Lamm mit der Fahne auf dem Buche mit den sieben Siegeln. Durch ein kleines Schiff, welches in der Kirche zum Andenken an einen dort begrabenen Seemann hing, bekam ich den ersten Begriff von der Einrichtung eines Schiffes.
Die Musik wirkt mächtig auf das kindliche Gefühl ein, und ich hatte Musik von jeder Art; von Pfeifen und Trommeln der Leibgarde an, bis zu den frommen heiligen Tönen der zwei Orgeln. Die Tafelmusik konnte ich jedesmal hören. Die Blaseinstrumente waren höchst unterhaltend, aber wenn zuweilen Concert war, und das Saitenspiel dazu kam, so wurde es erst ein rechter Genuß. So hörte ich zeitig schon viele gute Compositionen.