Chapter 2

Steffens als Gegner Schiller's.

Auch mein lieber, höchst poetischer Steffens theilte damals noch die Vorurtheile der poetischen Schule gegen Schiller, was mir sehr leid that; besonders als er einmal anfing Wilhelm Tell in der Gegenwart eines jungen Schweizers, eines seiner Zuhörer, vorzulesen, das Buch aber mitten während der Vorlesung, so daß es auf den Boden hinfiel, mit den Worten fortwarf: „Das kann ich nicht länger aushalten.“ Ich konnte es auch nicht länger aushalten und ging auf mein Zimmer. Steffens folgte mir auf dem Fuße. Sein Zorn gegen Schiller galt eigentlich mir, weil er wußte, daß ich großen Werth auf Wilhelm Tell legte, und da er sich noch nicht von der alten Gewohnheit losreißen konnte, meinen Geschmack beherrschen zu wollen, so betrachtete er meine stumme Mißbilligung als einen vermessenen Aufruhr und verfolgte mich. Ich hatte vorausgesehen, daß dieß geschehen würde, und um eine heftige Scene zu verhüten, schloß ich die Thüre ab; aber unglücklicherweise war es eine Glasthür. Als er nicht gleich herein kommen konnte, schlug er die Scheiben ein, öffnete die Thür von innen und fragte mich nun erbittert, ob ich ihn aus seinem eigenen Hause ausschließen wollte? Dies war der Culminationspunkt des Zornes; denn kaum hatte ich ihm einige freundliche Worte gesagt und ihn daran erinnert,er möge sich hüten, seine Frau zu erschrecken, die hochschwanger war, so umarmte er mich brüderlich, schwamm in Thränen und küßte mich. Eine so wunderbare, leichtbewegliche Natur war Steffens, aber höchst liebenswürdig, poetisch, gedankenreich, originell. Ich habe keine ähnliche Natur gekannt. In Manchem glichen wir uns; ich war auch hitzig, hatte aber doch mehr von dem, was die Franzosengros bon-sensnennen. Die augenblickliche Inspiration strömte stets über seine Lippen, ich verschloß meine Begeisterung mehr für meine Werke; in muntern Einfällen und poetischen Phantasieen begegneten wir uns unablässig, und dies gab unserm Zusammenleben einen großen Genuß und eine sehr angenehme Erquickung. Aber in seine Einseitigkeit konnte ich mich nicht länger finden. Auch Lessing's Nathan und Voß' Louise vertheidigte ich aufs Neue mit vielem Eifer, Lessing hatte ich niemals aufgegeben und gegen den Tadel der romantischen Schule, daß man ihn zu kalt verständig fand, hatte ich bereits in meiner Langelands Reise Etwas an Lessing mit den Worten geschrieben:

„Sag' wer lehrte Dich selbst den Verstand romantisch zu machen?“

Bei diesem Verhältniß war es um so merkwürdiger, daß Steffens nicht verstimmt gegen mich wurde und mich etwa durch Lauheit gegen meinen Hakon Jarl bestrafte. Im Gegentheil, er legte großen Werth darauf und dies war ein Zug seines guten Herzens; denn ein Anderer von seiner Klugheit, ohne sein Herz, würde genug zu tadeln gefunden haben, wenn er einmal Den tadelnwollte, der ihm oft genug schroff widersprach.

Aufnahme Hakon Jarl's.

Ehe ich weiter reise wird es meine Leser vielleicht interessiren, Etwas über die Wirkung, welche Hakon Jarl in der Heimath hervorbrachte, und über die Annahme des Stückes zu hören. Ich war im hohen Grade gespannt, ehe ich Etwas von dem Schicksal des Stückes wußte und fürchtete, daß es ebenso, wie Freia'sAltar verworfen werden würde. Schleiermacher tröstete mich an dem Abend, wo Steffens uns das Stück vorlas und sagte, daß er, obgleich er sich nicht große Begriffe von der Theaterdirection mache, doch 4 Groschen gegen 10 Louisd'or wetten wolle, daß das Stück angenommen werde. Dies war mir um so wichtiger, als mein Reisestipendium, 500 Thaler, forderte, daß ich mir durchaus Etwas dazu verdienen müsse, wenn es genügen sollte. Ich hatte durch H. C. Oersted zwei Exemplare an die Gräfin Schimmelmann geschickt und hoffte, daß sie es für mich einreichen würde; die Gräfin aber, welche wahrscheinlich fühlte, wie komisch es sei, wenn Hakon Jarl einer Dame seine Einführung auf der Bühne verdanke, sandte Oersted das eine Exemplar zurück; er ließ es mich wissen und ich schrieb nun gleich einen Brief an die Direction. Hierauf erhielt ich die Antwort, daß sie das Stück zur Aufführung angenommen habe, selbst wenn der Verfasser dieselbe unbedingt ohne Veränderung fordere; da das Stück aber viel zu lang sei, so wolle sie mir sagen, was sie weggelassen wünsche, ohne, wie sie glaube, dadurch dem Ganzen zu schaden. Hierunter war nun: „Die Scene, in der Grib König spielt“, die Nichts mit der Haupthandlung zu thun habe, und eines so langen Zwischenraumes bedürfe es nicht, damit Bergthor seine Tochter einschließen könne. Eine Scene mit Karker brauche auch nicht so lang zu sein, „um Karker's Dummheit zu schildern, die ja so schon deutlich genug sei.“ „Einar's und Hakon's Scene würde Schwierigkeit bei der Aufführung finden, wenn der sichere Schuß gesehen werden solle, wo nicht, so würde die Scene ohne Effekt auf der Bühne sein.“ Auden's Offenbarung wünschte man auch weggelassen, die große Masse der Zuschauer würde sie uninteressant finden. Es würde dem Theater auch höchlich conveniren, und das Interesse des Publikums für den Helden nicht verringern, wenn Thora's letzte sentimentale Scene fortbliebe. Endlich ließ man mich wissen, daß vor Hakon Jarl ein anderes Originalstück (Die Danen-Frauen, von Möller) eingeliefert sei, welches gleich diesem einen Theil Unkostenerfordere; daher müsse die Aufführung des Hakon Jarl ausgesetzt bleiben, bis die Theatercasse im Stande sei, so viele Ausgaben zu machen.

So kam ich doch noch ziemlich gnädig davon. Der Geist, — wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen soll — in diesem Schreiben der Theaterdirection war Prof. Kierulf, ein sehr braver, gelehrter, in vielen bürgerlichen Dingen vernünftiger Mann, aber kein Schöngeist. Er konnte es wohl nicht vergessen, daß ich vor 10 Jahren als Knabe auf der Schulbank saß, wo er mich in der Geschichte examinirte. Daß er damals sehr zufrieden mit mir war, hatte er dagegen wahrscheinlich über den tollen Verfasser des tollen Freia's Altar vergessen. Ich fand es sehr natürlich, und habe in viel spätern Jahren ähnliche Schulmeistereien und Zurechtsetzungen von einem jüngern ähnlichen Kritiker geduldet, der späterselbstzugestand, daß meine Schriften viel zu seiner Bildung beigetragen hätten.

Daß Hakon Jarl in meinem Familien- und Freundeskreise Freude und Begeisterung hervorrief, kann man sich denken. Christiane schrieb mir:

„Donnerstag kamen alle Deine Herrlichkeiten an; am Abend war ich bei Oersted, um Sophie Deinen Brief zu zeigen. Wir beschlossen gleich, daß Hakon Jarl am Sonntag Abend vorgelesen werden solle. Ich übernahm es sofort, nach dem Hügelhause hinauszuschreiben, um zu hören, ob es Rahbek Recht sei, und bekam die Antwort, die ich längst geahnt hatte: daß Rahbek auf eine so lange Reihe von Abenden keine Zeit habe, daß wir uns den Gedanken aus dem Kopf schlagen müßten, das Stück von ihm lesen zu hören. Karl schwor Stein und Bein, daß er es nicht lesen könne; aber nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte er, daß er es verteufelt gern möchte. Ich bereitete ihn darauf vor, daß Vater mit zu Oersteds kommen wolle; da erschrak er sehr und meinte, daß Vater sagen würde, er lese jämmerlich vor; da aber Karen Margrete und ich ihn trösteten, so faßte er Muth. Er ging gleich zu Doctor Oersted hin, umdas Stück durchzusehen um so bekannt damit zu werden, daß er wenigstens die Handschrift ohne Stockung lesen könne; Du kannst Dir aber leicht denken, daß, je mehr er las, ihm umsomehr angst und bange wurde, und er an demselben Abende ganz den Muth verlor. Von dem Augenblicke an, wo er versprochen, es uns vorzulesen, hatte er nichts Anderes im Kopfe, als die schwere Arbeit, die er übernommen hatte. Jeden Augenblick schlug er einen andern Menschen vor, von dem er schwur, daß er das Stück tausend Mal besser lesen könne als er selbst. Rosing lag ihm immer im Kopfe.“

Hier will ich Carl Heger's eigenen Brief mittheilen:

„In einem beständig steigenden Freudenrausch über Alles, was ich nun seit drei Tagen über Dich und von Dir gehört habe, Du herrlicher Junge! habe ich gelebt, und lebe ich, so zu sagen, noch jetzt. In solcher Verfassung kannst Du Dir leicht meine Unfähigkeit vorstellen, Dir Etwas mitzutheilen und zu schreiben, in dem Verstand wäre. Einen kleinen Anfang aber, um mich Dir ein Wenig zu zeigen, will ich diesmal doch mit Karen Margrete's Brief folgen lassen. Sie bittet mich auch so dringend darum. Und wenn es Dir lieb ist, daß ich zuweilen fortfahre, so soll es geschehen. Gott weiß, wie gern ich es thue.

Hakon Jarl.

Dein „Hakon Jarl“ wurde uns also, wie Du nun schon weißt, von Rosing vorgelesen. Ich glaube es wird Dich unterhalten, wenn ich Dir erzähle wie es zuging, und wie liebenswürdig und zuweilen komisch er sich bei der ganzen Geschichte benahm. Zugleich erfährst Du, was mir zur Entschuldigung dienen muß, wenn Du, was mich sehr schmerzen würde, unzufrieden damit sein solltest. Da wir es nicht aufschieben konnten bis Rahbek Zeit hatte, so hattest Du mich ja in Ermangelung seiner zum Vorlesen ausersehen. Du kannst Dir selbst denken, wie lieb mir das war. Aber, liebster Oehlenschläger! Du dachtest natürlich nicht daran, daß ein Fremder in dem Kreise sein könne, in dem es vorgelesen werden sollte, und DeineFreundlichkeit und gute Meinung über mich, die besser ist, als ich sie verdiene, täuschen Dich, so daß Du glauben konntest, ich sei im Stande, einer solchen Aufgabe auch nur einigermaßen zu genügen. Es wurde indessen bestimmt, daß ich es lesen sollte. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto schwerer wurde mir die Aufgabe. Die erste Nacht schlief ich nicht. Ich habe mich nie profaner gefühlt. Den Abend vorher fand ich mich bei Hans Christian ein, um erst das Stück für mich selbst durchzulesen. Ich las ihm den ersten Act vor, überzeugte mich aber nun, daß ich meine Aufgabe ganz bestialisch lösen würde, wenn aus keinem andern Grunde, so doch, weil meine Furcht unüberwindlich sein würde. Auf dem Heimwege beschloß ich, den nächsten Morgen früh zu Rosing hinauf zu gehen und ihn zu bitten, daß er mich erlösen möchte. Er und seine Frau hatten mir vor langer Zeit eine Artigkeit erwiesen, für die ich versprochen hatte, mich mündlich zu bedanken, was aber doch vielleicht nie geschehen wäre, wenn mich dieses nicht veranlaßt hätte, obgleich ich ihm seit langer Zeit nicht das Geringste mehr nachtrug. Ich wußte, welch' einen enthusiastischen Freund und Bewunderer Du in ihm hast, und daß Du ihm „Freia's Altar“ vorgelesen hattest, ehe es eingereicht wurde; ich war überzeugt, daß Du ihm auch „Hakon Jarl“ vorgelesen haben würdest, wenn Du hier gewesen wärest; ich kannte ihn als einen Mann, der Geheimnisse zu bewahren weiß; kurz und gut, ich fand nicht die geringste Bedenklichkeit. Ich kam hinauf, und im Augenblick war die alte Bekanntschaft erneuert. Er war ganz so, wie ich es wünschte, und mir war gleich so zu Muthe, als ob ich den Tag vorher dort gewesen wäre. Ich benahm ihm gleich den einzigen Vorwand, den er hätte benutzen können, wenn er aus gleicher Furcht, wie ich, mir eine abschlägige Antwort geben wollte, indem ich nämlich innig seine stete Unpäßlichkeit beklagte, worauf er mir natürlich versicherte, daß er sich an diesem Tage sehr wohl befände. Ich rückte nun gleich mit meiner eigentlichen Bitte vor, und ersuchte ihn um ein Gespräch unter vier Augen.„Geht hinaus Kinder! und Du auch, Mutter!“ Nun fing ich an, und war eine Zeitlang sehr beredt. Als ich fertig war, strömte er von Deinem Lobe über und sagte zuletzt: „Ich bin so froh, so froh, Dich bei mir zu sehen, mein guter, guter Carl, daß ich wahrhaftig nicht weiß, was ich Dir abschlagen könnte, wenn Du mich darum bätest.“ Doch wünschte er einen Aufschub; da ich ihm aber versicherte, daß es unmöglich sei, ließ er seinen Schülern absagen und wir setzten uns gleich hin, um es zu lesen, wobei sie zuhören durfte. Als der erste Act gelesen war, rief er aus: „Das ist ein vortreffliches Stück! o, das ist ein göttliches Stück!!“ — „„Wird's angenommen?““ fragte ich. — „Ja, freilich wird's angenommen.“ Wir lasen weiter, aber als er mit Olaf näher bekannt wurde, brach bisweilen, wenn wir unterbrochen wurden, in den Pausen, eine etwas stürmische Aufregung los, er bekam nämlich Lust, den Olaf zu spielen. Wo Grib sagt: „Er segelt auf Elivaga's Wogen nach Niffelheim“, rief er aus: „Gott, welche Verse! Nein, die sind zu schön! Ich sehe ihn, weiß Gott, segeln!!“ Von Auden sagte er: „O, was ist das für eine schwierige Rolle.“ Einmal sagte ich ihm vom Hakon: „Das ist ein nordischer Heide, Rosing!“ — „Ja, ein schrecklicher — entsetzlicher Götzendiener!“ — Glaube nicht, guter Oehlenschläger, daß ich, der oft zur Unzeit scherzt, dies Alles schreibe, über das Du auch lachen wirst, etwa weil das Komische, das während der Lectüre vorfiel, mein Inneres jetzt mehr erfüllt, als Dein Stück. Nein: ich habe nichts Anderes im Kopfe und werde wahrscheinlich lange an nichts Anderes denken, als an Dein Stück. Welchen Eindruck die Scene in der Höhle, der sublime Epilog, kurz jeder einzelne Theil und das Ganze auf uns machte, als wir fertig waren — das kann ich Dir unmöglich ausdrücken. Was er gesagt hat, als wir den ersten Act gelesen hatten, wiederholte er mit noch erhöhterer Extase, als er das ganze Stück beendigt hatte. Sie war nicht weniger davon entzückt als er. Wie froh wir uns Alle am Nachmittage bei Oersteds versammelten, wie wir überhaupt DeinFest begingen, dass muß Karen Margrete und Christiane Dir sagen und haben es Dir bereits gesagt. Ich will jetzt nur noch hinzufügen, daß er meinem Urtheile nach das Stück im Ganzen gut, und Hakon und vieles Andere, was Du Dir selbst sagen kannst, ganz vortrefflich gelesen hat. Ich wollte wünschen, Du hättest ihn sagen hören: „Goldharald, Graufell! — Was wollt Ihr, Mädchen! u. s. w.“ Ich sagte endlich zu ihm: „Nun Rosing! wird ein anderer Sterblicher als Sie, den Hakon spielen?“ — „„Nein,““ sagte er, „„ich glaub's bei Gott nicht!““

Und nun guter, theurer Oehlenschläger! ich war der Unbedeutendste von allen Denen, die Deinen Hakon hörten, aber doch weiß ich, daß Du meinen Dank nicht verschmähst. Habe also tausend Dank! Ich war der Unbedeutendste, und doch schien es mir bei der Lektüre, als ob ich viel besser geworden wäre. Ich weiß nicht, welche Talente, oder, wie viel ich besitzen könnte, und nicht bereitwillig eilen würde, Dir den Kranz um die Schläfe zu winden. Ich muß doch wohl auch etwas Kunstsinn haben, ob ich gleich, wenn ich mich auszudrücken versuche, gewöhnlich etwas Ungeschicktes sage.

Karen Margrete treibt mich an, ich muß also schließen. Habe Dank für die schönen Verse, in dem Briefe an meine Schwester, für das Lebewohl an Giebichenstein! Lebewohl! Habe Dank, daß Du meiner so liebevoll gedenkst, und behalte mich immer lieb, wie vorher!

Dein

C.Heger.“

Es war sehr hübsch von ihm, daß er Rosing veranlaßt hatte, den Hakon Jarl zu lesen. So konnte dieser große Künstler, an den ich, als ich das Stück dichtete, gedacht, und ihm die Rolle bestimmt hatte, den Hakon Jarl doch wenigstens im Kreise meiner Freunde vorlesen, wenn gleich Krankheit und darauf folgende Schwäche ihn verhinderten, jemals in dieser Rolle vor dem Publikum aufzutreten. Ein alter Zwiespalt, der zehn Jahrelang Carl Heger von Rosing getrennt hatte, mit dem er in seiner Jugend in innigster Freundschaft lebte, hörte bei dieser Gelegenheit auch auf.

Christiane setzt ihren Brief fort:

„Solch' einen Abend habe ich nie gehabt, mein guter Oehlenschläger; so ist mir noch nie zu Muthe gewesen! Rosing bat uns, Nachsicht mit ihm zu haben, da ihm Deine Handschrift ganz fremd sei. Er wurde zwischen Carl und mich placirt, damit wir ihm im Nothfalle helfen konnten, was doch selten nöthig war. Er las uns den Hakon Jarl meisterhaft, mit unglaublichem Enthusiasmus vor; jedes Wort that seine Wirkung; und ich mußte ihn küssen und umarmen, da ich Dich nicht hatte. Als ich allein war, äußerten sich meine Freude und mein Erstaunen in Thränen!“

Brief von Frau Rahbek.

Ich bekam auch einen Brief von Frau Rahbek, in dem sie schrieb:

Ehe ich weiter gehe, muß ich Ihnen doch sagen, wie sehr die schönen Verse, in denen Sie der Heimath gedenken, mich gerührt haben. Wie freut es mich, daß ich Sie gekannt habe, als — um Polekums (meines Vaters) Worte zu gebrauchen — „Ihre Geisteskraft sich noch nicht losgerissen hatte, sondern noch durch Ihr Alter und mehr dergleichen gefesselt war.“ Es hat mich dies unendlich bei jedem Riesenschritte erfreut, den ich Sie auf Ihrer Bahn machen sah, und wenn es mir noch eine Zeitlang vergönnt ist, zu leben, um mich über Sie zu freuen, über Alles was Sie sind und noch ferner werden, so wird mir dies gewiß Grund zu vieler Freude geben. Es ist unbestreitbar viel interessanter, etwas Großes und Bedeutendesentstehenzu sehen, als es zu sehen, wenn es bereits ist. Sie werden mich nicht mißverstehen, guter Oehlenschläger, und mich etwa für eine Schmeichlerin halten; ich sage, was mir einfällt, ohne meine Worte abzuwägen, und ich weiß, Sie rechnen es mir nicht so genau an, wenn ich zuweilen etwas Dummes sage. Ich habe Hufe beredet, Ihnen zu schreiben, da ich überzeugt bin, daß seinBesuch bei Rosings Sie amüsiren wird. Ich hatte wirklich nicht geglaubt, daß Rosing das Stück so gut vorlesen würde, wie er es that; ich halte es viel leichter, eine Rolle, die man auswendig gelernt hat, auf der Bühne zu spielen, als im Zimmer Etwas vorzulesen, das man gar nicht kennt. Aber Alles, was dies betrifft überlasse ich Hufe und Christiane, und will nur hinzufügen, daß Polekum froher und stolzer war, als er hätte sein können, wenn er selbst der Verfasser gewesen wäre, was Rahbek sehr geistreich so erklärt hat, daß er sich als derVerfasser des Verfassersfühlte. Für den Fall, daß Hufe es vergessen sollte, will ich Ihnen doch sagen, daß Polekum's Rührung über Ihren Hakon Jarl gestern damit endigte, daß er wollte, Sie sollten, sobald Sie nach Hause kämen, gleich wieder als Legationssecretair fortgehen.A propos, wenn Sie mich ein andermal bitten, Ihnen Etwas sorgfältig aufzubewahren, so vergessen Sie doch nicht den kleinen Umstand, mir Das zu schicken, was ich Ihnen aufbewahren soll. — Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß Sie so gut zeichnen könnten, wie es der Fall ist. Ich habe E*** niemals gesehen, aber Alle sagen, daß das Portrait vortrefflich ähnlich sei und jedenfalls ist es gut gezeichnet, wenn es auch nicht im Geringsten ähnlich wäre. Ihr Vater hätte zu Ihnen hinreisen, und sich malen lassen sollen, Sie würden es gewiß besser gemacht haben, als der Kerl, der ihn vor Kurzem so schmählich zugerichtet hat. Können Sie auch begreifen, wie es Polekum einfallen konnte, sich von H*** einen Miniaturmaler empfehlen zu lassen. Jetzt ist er das schlechte Machwerk losgeworden und hat sein Geld wiederbekommen. Polekum war im Anfange unschuldig genug, das Bild für gute Waare zu nehmen, und wenn Hufe und ich ihm versicherten, daß es nicht im Geringsten gleiche, sagte er vom Maler: „Er sagt doch, daß es ähnlich sei!“

Kritik über Hakon Jarl.

Obgleich nun Hakon Jarl viel Glück machte, so fehlte ihm doch ebensowenig, wie jedem meiner andern Werke, eine tadelnde Kritik. Einer meiner Freunde, ein tüchtiger Kopf, der vielGeistesbildung besaß, und mir sehr ergeben war, schrieb mir unter Anderem Folgendes:

„Eine Scene, von der ich bemerken konnte, daß sie großes Interesse für die Andern habe: Olaf's Zusammentreffen mit Hakon in der Bauernhütte, hatte es nicht für mich; sie macht Hakon so klein und er ist doch wirklich so groß. Er ist ebenso tapfer wie Olaf und gottesfürchtiger.“ — In einem spätern Briefe als Antwort auf einen, welchen ich gesandt hatte, fährt derselbe Correspondent fort: „Du hast Recht, Hakon ist auch groß; aber so groß, daß ich Lust haben könnte, Olaf, der über den unglücklichen Hakon triumphiren will, mit all' seiner Moral zur Thüre hinauszuwerfen u. s. w.“ In einer folgenden Antwort hatte ich meinen Freund wahrscheinlich darauf aufmerksam gemacht, wie natürlich es sei, wenn Olaf darüber zürne, daß Hakon ihm vor Kurzem meuchelmörderisch tödten lassen wollte, und daß es doch edel von ihm sei, sich in diesem Augenblicke nicht seiner Jugendkraft dem alten Hakon gegenüber zu bedienen, sondern seinen Vortheil aufzugeben und ihm wieder auf offenem Felde zu begegnen. — Ein anderer meiner Jugendfreunde, auch ein vortrefflicher Kopf und ein gebildeter Mann, der später etwas philiströs und böse auf mich geworden war, weil die neue romantische Schule mich begeistert hatte, hatte auch, wie verschiedene Andere später, Freia's Altar schlecht gefunden (ich rechne es noch zu meinen besten Stücken); von Aladdin und Vaulundur hatte er Nichts gesprochen, aber über den Hakon Jarl sagte er: „Ich nahm es mit der festen Ueberzeugung in die Hand, daß ich nicht eine Seite lesen würde, ohne auf eine von Oehlenschlägers gewöhnlichen Lapsereien zu stoßen; aber ich gestehe, daß ich's bis zu Ende las, ohne eine einzige zu treffen!“ — Ein großes Lob für Hakon Jarl. Später wurde dieser Mann wieder mein wahrer Freund, ich liebte ihn, denn er war ein vortrefflicher Mensch. Aber — so sind die Menschen, selbst die besten! auf diese Weise werden die Werke der Kunst immer beurtheilt; die wahre kräftige Stimme dringt aber selbst durch.Wehe dem wahren Künstler, der nicht Festigkeit genug hat, sich nicht erschüttern, sich von Dem nicht ablenken zu lassen, was seine Muse ihm in den besten Augenblicken lehrt; ohne dieses Selbstvertrauen, daß auch von Vielen für einen großen Fehler angesehen wird, wäre er verloren. Auch Göthe hat dies gefühlt, wo er sagt:

„Solcher Fehler, die Du, o Muse, so emsig gepflogen,Zeihet der Pöbel mich, Pöbel nur steht er in mir.Ja sogar der Bessere selbst, gutmüthig und bieder,Will mich anders, doch Du, Muse befiehlst mir allein.“

„Solcher Fehler, die Du, o Muse, so emsig gepflogen,Zeihet der Pöbel mich, Pöbel nur steht er in mir.Ja sogar der Bessere selbst, gutmüthig und bieder,Will mich anders, doch Du, Muse befiehlst mir allein.“

„Solcher Fehler, die Du, o Muse, so emsig gepflogen,Zeihet der Pöbel mich, Pöbel nur steht er in mir.Ja sogar der Bessere selbst, gutmüthig und bieder,Will mich anders, doch Du, Muse befiehlst mir allein.“

Brief von Sophie Oehlenschläger.

Einen Tag bevor Hakon Jarl bei A. S. Oersted vorgelesen wurde, schrieb meine Schwester mir, der ich freundliche Vorwürfe gemacht hatte, weil sie mir noch die Antwort auf einen Brief schuldig war, Folgendes:

Kopenhagen, den 8. März 1806.

„Gott segne Dich, lieber Adam, daß Du so gut gegen mich bist. Ja Du hast Recht, Du sammelst glühende Kohlen auf mein Haupt; aber Du hast Unrecht, wenn Du sagst, daß ich Dir aus Gleichgültigkeit nicht geschrieben hätte; nun sollte ich Dir eigentlich beweisen, daß es nicht Gleichgültigkeit gewesen ist; aber das thue ich nicht. Du hast das doch wohl nie von mir geglaubt, nicht wahr? O nein, Du glaubtest nur, es zu glauben. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie oft ich Dir schreiben wollte, wie oft ich angefangen habe, aber dann immer meinte, es sei doch zu elend, was ich geschrieben hatte, so daß ich stets hoffte, daß mir etwas Neues, um nicht zu sagen Amüsantes begegnen würde; aber es blieb doch immer beim Alten. Wir haben, seitdem Du fort gereist bist, so so gelebt, Anders ist nie recht gesund, er arbeitet und leidet mit der ihm eignen milden Geduld. Gott im Himmel gebe ihm bessere Tage, er verdient sie gewiß. Ich war in der letzten Zeit ziemlich wohl und soll wie in meinen gesunden Tagen aussehen. Ich habe angefangen Clavier zu spielen. Es geht langsam, aber ich verliereden Muth nicht; denn meine Lust dazu ist zu groß; ich bedarf der Musik so sehr, sie thut mir so wohl. Mein guter Oersted wußte auch meine Lust zu erhöhen, er hat mir ein herrliches Pianoforte geschenkt. Etatsrath Heger war so gut es zu kaufen, und wenn ich Dir sage, daß er es ausgezeichnet gut findet, so kannst Du es gewiß glauben. Du hast keinen Begriff davon wie gut Heger gegen mich ist; er interessirt sich so sehr für mein Spiel, bringt mir seine Musik, schreibt Choräle für mich aus, stimmt mein Instrument und erzählt mit viel Nützliches, kurz wir sind die besten Freunde und ich habe den alten Mann recht lieb. Wenn er spielt, singe ich zuweilen mit; seitdem Du fortreistest, habe ich nicht viel gesungen; es war so wunderlich mit mir, ich fing so oft an, hörte aber stets mitten im Stücke auf, ohne es selbst zu bemerken; aber nun geht's besser, doch recht gut wird es nicht gehen, ehe Du wieder nach Hause kommst, und ich wieder singen kann: „Kennst Du das Land“, und Du sagen kannst: „Ja Sophie, ich kenne es“, und dann von dem schönen Lande erzählst. Wenn Gott mich so lange leben läßt, werde ich recht viele Freude haben. Ich habe im Winter meine Zeit auf eine herrliche Weise ausgefüllt; wir lesen Winkelmann's Geschichte der Kunst. Christian und Gierlew haben Beide gesucht, mir all' den Kunstgenuß zu verschaffen, den man hier haben kann. Ich habe die Sammlungen gesehen, die hier zu sehen sind. Das ist nun nichts gegen Das, was Du siehst; aber ich danke Gott dafür ebenso wie die Finnen für ihre Tannenbäume, wenn die Sonne sie bescheint; ist es doch ein freundliches Grün, das das suchende Auge stärkt und das sehnende Herz mit Hoffnung tröstet. Gierlew brachte mir einen Gruß von Dir. Du kannst nicht glauben, wie es mich freute, mit einem Menschen zu sprechen, der Dich gesehen und mit Dir gesprochen hatte; ich hatte ihn so viel zu fragen, ich hätte beinahe gefragt was für einen Rock Du anhattest, als er Dich sahe.“

„Mein kleiner lieber Schwager lehrt mich im Winter Astronomie. Es geht ihm gut; es ist ein Trost, den Menschen zusehen, er ist mit der Gegenwart zufrieden, freut sich auf die Zukunft, ist stets in Activität und die schönste Harmonie, die man sich wünschen kann, herrscht in seiner Seele. Oft, wenn ich traurig war, hat es mich gestärkt, ihn anzuschauen; noch häufiger, wenn ich betrübt war, wußte er mir Kraft und Hoffnung einzuflößen.“

„Engelke, des seligen Möller's Wittwe wäre vor Kurzem beinahe selig geworden, nun erholt sich die Frau aber von Tag zu Tag. Sie hat immer sehr eifrig nach Dir gefragt; als ich ihr vor Kurzem erzählte, daß wir seit langer Zeit Nichts von Dir gehört hätten, sagte sie: Oellensläger ist meiner Seele ein rechtschaffener Mensch; daß er nicht schreibt, kann man ihm nicht anrechnen; er hat jetzt nur so viel damit zu thun, all' Das aufzuschreiben, was er sieht, um es später zu gebrauchen. Ja er ist wahrhaftig ein fleißiger Mensch, das weiß ich; als er in meinem Hause war, schrieb er oft halbe Nächte. Ja, ich kenne ihn, er hat fünf Jahre hindurch in meinem Hause gegessen und getrunken (die gehörigen Knixe und Complimente kannst Du Dir selbst hinzudenken).“

„Mir ist doch, als ob ich Dir etwas Neues von den Leuten erzählen sollte. Nun habe ich Etwas. Siehst Du, man sprach im Winter davon, daß Don Juan hier gegeben werden solle; aber es wurde aus einem prächtigen Grunde Nichts daraus. Kierulf fand, daß es dem Publikum schaden, und den Glauben an Gespenster befördern könne, wenn sich ein Geist sehen ließe, ihn aber ganz zu beseitigen, ginge auch nicht, meinte er; er schlug deßhalb vor es so einzurichten, daß einer von Don Juan's Freunden, um ihn zu erschrecken, den Geist spielen solle, doch so, daß es dem Publikum ein Geheimniß wäre. Kuntzen sagte zu der Veränderung geradezu nein; das Stück wurde aber auch nicht gegeben; denn Kierulf blieb bei seiner Behauptung, daß Alles, worin Geist sei, dem Publikum schade.“

Abschied von Halle.

Noch hatte ich mein Reisestipendium nicht bekommen; der Winter war vor der Thür und Frau Steffens erwartete ihre Niederkunft. Endlich kam das Geld. Die letzten vierzehn Tage in Halle wohnte ich im Gasthof zum Kronprinzen. Dort blieb ich so lange, bis die kleine Clara geboren war. Den letzten Abend waren Steffens und Schleiermacher bei mir. Steffens las meinen dänischen Hakon Jarl vor und Schleiermacher verstand fast jedes Wort davon. Es verursachte mir Schmerz, mich von diesen lieben Freunden zu trennen; doch hatte ich Hoffnung, Steffens bald in Berlin wiederzusehen. Schleiermacher schrieb zum Abschied die hübschen Zeilen von Novalis in mein Stammbuch:

Was paßt, das muß sich ründen,Was sich versteht, sich finden,Was gut ist, sich verbinden,Was liebt, zusammen sein;Was krumm ist, muß sich gleichen,Was hindert, muß entweichen,Was fern ist, sich erreichen,Was keimt, das muß gedeihn.

Was paßt, das muß sich ründen,Was sich versteht, sich finden,Was gut ist, sich verbinden,Was liebt, zusammen sein;Was krumm ist, muß sich gleichen,Was hindert, muß entweichen,Was fern ist, sich erreichen,Was keimt, das muß gedeihn.

Was paßt, das muß sich ründen,Was sich versteht, sich finden,Was gut ist, sich verbinden,Was liebt, zusammen sein;Was krumm ist, muß sich gleichen,Was hindert, muß entweichen,Was fern ist, sich erreichen,Was keimt, das muß gedeihn.

Berlin. Der dänische Minister.

Als ich nach Berlin gekommen war, ging ich am ersten Abend in die Redoute, wo ich zum ersten und letzten Male die holde Königin Louise — merkwürdig genug — als Psyche, mit Schmetterlingsflügeln an den Schultern, sah. War es eine Vorahnung, daß die edle Seele bald dem Irdischen enteilen würde?

Reichardt war vorher mit Arnim nach Berlin gekommen. Er schlug mir vor, ein Zimmer neben dem seinigen in der Leipziger Straße zu miethen, und erwies mir viel Artigkeit; denn drei Wochen lang war ich fast immer mit ihm zu Mittag und Abend in großen Gesellschaften. Wie er es gemacht hat, weiß ich nicht. Ich hatte nichts Anderes zu thun, als mich anzukleiden und ihm zu folgen; ich kannte die Leute nicht zu denen ich kam und wußte selten ihre rechten Namen; als ein junger, verlegener Mann sprach ich auch nur wenig mit ihnen. Reichardtpräsentirte mich als einendänischen Dichter; und so kam ichanden Tisch wie die Kartoffeln, als sie zum ersten oder zweiten Male nach Europa kamen,aufden Tisch: als eine Naturseltenheit! Denn mit Ausnahme von Baggesen hatten die brillanten deutschen Gesellschaften damals noch keinen dänischen Dichter gesehen; später hat die Race sich bedeutend vermehrt.

Ich war bereits vierzehn Tage in Berlin gewesen, als Reichardt mich eines Morgens fragte: „Sind Sie bei Ihrem Minister gewesen?“ — „„Mein Minister?““ — „Nun ja, den dänischen Minister meine ich.“ — „„Nein, ich kenne ihn nicht, habe auch keinen Brief an ihn. Soll ich zu ihm gehen?““ — „Ja das versteht sich. Sie sehen ihn heut Abend beim Minister Schröter und müssen ihm nothwendig vorher Ihre Aufwartung gemacht haben.“ — „„Nun, dann werde ich sie machen.““ — Ich ging hin, Graf Baudissin kam mir in seinem Zimmer mit den Worten entgegen: „Womit kann ich Ihnen dienen?“ — Ich antwortete: „„Damit, daß Ew. Excellenz mir erlauben, Ihnen als reisender Däne meine Aufwartung zu machen!““ — Unser Gespräch war bald beendigt, und ich sprach mit ihm erst vier Jahre später, als ich nach meiner Rückkehr eines Abends beim Grafen Schimmelmann Correggio vorlas.

So sehr ich nun auch Reichardt verpflichtet war, daß er mich mit der großen berlinischen Welt bekannt machte, so amüsirte es mich meiner Natur nach doch nicht lange, eine Art geistigen Pumpernickels oder nordischen Schwarzbrotes in ihren Theezirkeln zu sein. Ich pflegte hauptsächlich die Bekanntschaften, wo ich eine Heimath wiederfand, die mir stets unentbehrlich war. In den Häusern von Reichardt's Schwiegersöhnen, den Geheimräthen Alberti und Pistor, bei Herrn von Schock, mit Pistor's Schwester verheirathet, bei Buchhändler Reimer und Professor Spalding war ich bald wie zu Hause. Diese braven Leute gingen mit mir, wie mit einem Bruder um und erwiesen mir eine Güte, die ich nie vergessen werde. Ich brachte fast jeden Abend bei einem von ihnen zu, und las ihnen oft Holberg's Komödienin der alten deutschen Uebersetzung zu ihrer Zufriedenheit vor, was eine große Ehre für mich war, da sie gewohnt waren, Tieck den Holberg bei ihnen vorlesen zu hören, der, wie bekannt, ein sehr großes Talent dazu hatte. Nun fand man, daß auch ich es recht gut machen könne, wenn gleich auf eine andere Art. Ich besuchte die geistreiche Hofräthin Herz; bei ihr nun in mehreren Gesellschaften las ich meinen Aladdin aus dem dänischen Buche Deutsch vor, freilich mit vielen Sprachfehlern, aber doch rasch und fließend. Ich ging mit dem verständigen, treuen Alberti spazieren, bewunderte die mechanischen Fertigkeiten des lebhaften Pistor; mit ihren Frauen sprach ich von Giebichenstein und Kopenhagen; und ein hübsches, kleines Kind war auch da, mit dem ich spielen konnte.

Die Hofräthin Herz. Fichte.

Ich besuchteFichte. Er war erst etwas abstoßend gegen mich, aber wir wurden bald gute Freunde. Ich mußte mich an seinen docirenden Ton gewöhnen; er pflegte vorauszusetzen, daß man ihn nicht verstand und nicht begriff. Aber als er merkte, daß ich auf meine Weise menschlich denken könne, wurde er mir gewogen und sagte: „Oehlenschläger ist ein wackerer Mann! Er muß meine Wissenschaftslehre studiren.“ Dies schmeichelte mir; denn ich wußte, daß es das größte Lob war, welches er einem Menschen gab, wenn er ihn befähigt glaubte, seine Wissenschaftslehre zu verstehen. Bei unsern ersten Gesprächen kamen wir etwas in Reibung; PastorMetgerberief mich zu ihm. Wir sprachen von Iffland; Rabbek hatte mir einen Brief an Iffland mitgegeben, und, obwohl dieser eigentlich nichts weiter mit mir, als einem Anhänger der neuen Schule zu thun haben wollte, so gab er mir doch ein Freibillet fürs Theater. Dies war mir sehr lieb und verschaffte mit die Gelegenheit, oft sein großes Talent, besonders für das Komische zu bewundern; denn für das Tragische hatte die Natur ihm eigentlich keine Anlage gegeben; Alles war nur Studium und Routine, und deßhalb war er auch, meiner Ansicht nach,in ernsten, hohen Rollen affectirt und kalt. Dagegen besaß er in hohem Grade einfache Natürlichkeit und eine schalkhafte Ironie bei der Darstellung des Lächerlichen und Bizarren; in solchen Rollen war er unbezahlbar.

Fichte über Iffland.

Also — ich spreche von Iffland und lobe seine Kunst. „Ja,“ antwortete Fichte mit starker, verächtlicher Betonung, „er versteht die Erbärmlichkeit gar wohl darzustellen.“ Ich fühlte mich durch diese Worte und ganz besonders durch den Ton in dem sie gesagt wurden, gekränkt. Wer die Erbärmlichkeit bewundert ist selbst erbärmlich. Ich wagte ihm zu widersprechen und sagte: „Ich glaube, Iffland stellt nicht allein das Erbärmliche gut dar, sondern Alles, was komisch ist.“ — „„Was stellen Sie mir da auf?““ rief Fichte hitzig; und nun fing er an, weitläufig Etwas zu demonstriren, dessen Inhalt sein sollte, daß alles Komische erbärmlich oder jämmerlich sei. Ich fühlte, daß in seiner Beweisführung etwas Schiefes sei, konnte es aber nicht gleich herausfinden; ich wollte mich nicht in einen philosophischen Streit mit ihm einlassen, in dem ich gewiß zu kurz gekommen wäre, besonders wenn ichseineWorte und Ausdrücke gebrauchen sollte; und ich sagte: „Verzeihen Sie Herr Professor! im täglichen Gespräche wägt man seine Worte nicht so genau ab.“ — „„O mein Herr,““ rief er heftig, „„vor unnöthigem Geschwätz habe ich allen möglichen Respect! Ich überlasse Sie dem Herrn Pastor Metger!““ — Ich antwortete stolz: „Wenn zwei vernünftige Männer, wie Sie und ich, Herr Professor, mit einander reden, so schwatzen sie nicht, weil der Eine sich nicht der Redeweise des Andern bedient. Wie in aller Welt,“ fuhr ich milder und betrübt fort, weil ich nicht gern in Feindschaft von diesem ausgezeichneten Manne scheiden wollte — „können Sie verlangen, daß ich, ein junger Dichter, reden soll, wie Sie, ein alter Philosoph?“ — „„Darin hat er Recht!““ rief er gutmüthig und versöhnt zum Prediger, indem er mir die Hand reichte. — Von der Zeit an waren wir Freunde.

Umgang mit Fichte.

Fichte kam mir bei dieser Gelegenheit, wie ein gewisseralter General vor, der seine jungen Officiere bei erster Bekanntschaft stets beleidigte, nur um zu prüfen, ob sie Muth genug hätten, ihn herauszufordern. Er verehrte mir ein Entreebillet zu seinen „Anweisungen zum ewigen Leben“. Ich hörte ihn, kann aber nicht gerade sagen, daß es einen angenehmen Eindruck auf mich gemacht hätte. Er suchte mit vieler Umständlichkeit den Begriff vonSeinundDaseinpopulär zu machen. Sein Gesicht war stolz und verdrießlich, gleichsam aus Mißvergnügen darüber, daß seine Rede nicht genug bewundert wurde. Eines Abends beim Geheimrath Hufeland sprach ich die ganze Zeit über mit Fichte. Ich bat ihn stets, zu bedenken, daß ich Dichter und nicht Philosoph sei, daß ich aber, da ich glaubte, der Dichter müsse von Allem Etwas kennen, auf der Landkarte der Philosophie doch nicht ganz unwissend in Betreff der Gegenden und Städte sei, die zunächst an das Reich der Poesie grenzten. Von Steffens sprach ich gar nicht, da ich wußte, daß sie sich nicht leiden konnten. Wir sprachen von Voß und Jean Paul. Um ihm klar zu machen, was ich von ihnen hielte, bediente ich mich einiger mir eigenen Ausdrücke. „Es ist vortrefflich, was Sie da sagen,“ rief er aus, „es ist besser, als was Voß und Jean Paul je in ihrem Leben gesagt haben!“ — „„Ach Herr Professor,““ antwortete ich, „„ich bitte!““ — „Oh“ fuhr er mit der ihm eigenen Süffisance fort, „ich werde es Ihnen auch eben so gerade heraus sagen, wenn Etwas kommt, was nicht gut ist.“

Ich las ihm einige Abende darauf meinen dänischen Hakon Jarl Deutsch vor, und er war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Im fünften Act, wo Olaf zu Hakon sagt:

„Mit seinem Blut muß er die Sünde büßen!— So lang der Heide lebt,Kann nicht des Christenthumes Rose blühen;“

„Mit seinem Blut muß er die Sünde büßen!— So lang der Heide lebt,Kann nicht des Christenthumes Rose blühen;“

„Mit seinem Blut muß er die Sünde büßen!— So lang der Heide lebt,Kann nicht des Christenthumes Rose blühen;“

wurde Fichte aufgebracht und rief in seiner gewöhnlichen verdrießlichen Art: „Was Teufel, geht ihn das an?“ — Ich schwieg und las weiter. Als ich fertig war und er das Stück sehr lobte, sagte ich: „Herr Professor, Sie wurden bei einerStelle böse, wo Olaf über den Hakon spricht; finden Sie da vielleicht einen Fehler?“ „„Nein,““ entgegnete er ruhig, „„das galt nicht Ihnen. Als Dichter hatten Sie es ganz recht gemacht; aber der Kerl der Olaf hatte doch Unrecht!““

Fichte als Philosoph und Mensch.

Und doch wollte sein Freund Pastor Metger nicht zugestehen, daß er naiv sei, als wir später über Naivetät sprachen und Fichte behauptete, er sei im Besitze dieser Eigenschaft. „Nein, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, Herr Professor,“ sagte der milde, bescheidene, aber auch wahrheitsliebende characterfeste Mann, „naiv sind Sie nicht!“ — „„Was,““ rief Fichte, „„ich wäre nicht naiv? Was sagen Sie dazu, Oehlenschläger?““ — Ich antwortete: „Wenn Naivetät darin besteht, eine gewisse kindliche Natur ohne Reflexion, ohne Rücksicht auf Convenienz zu zeigen, so kann man Ihnen gewiß nicht die Naivetät absprechen. Ich meine, jedes Genie, selbst ein philosophisches muß etwas Kindliches, Unbewußtes haben, sonst würde ihm ja die Grazie fehlen.“ — Hiergegen hatte der große Philosoph Nichts einzuwenden.

Zu gleicher Zeit, wo ich seine Vorlesungen über die Anweisung zum ewigen Leben hörte, las ich auch einige seiner populären Schriften. In Allem bewunderte ich den tiefen Denker, den Helden für Wahrheit und Tugend, den begeisterten Redner, den kräftigen Menschen. Fichte hatte meiner Ansicht nach nur einen Fehler: er glaubte, daß seine Denkungsweise die einzigwahre, die absolute sei. Aber es wäre gewiß schlimm um das menschliche Denken bestellt, wenn die Wahrheit sich nur auf eine Weise erkennen ließe. Was hätten denn zukünftige Geschlechter und deren große Männer anders zu thun, als das bereits Gesagte und Gedachte zu wiederholen? Es giebt nur Eine ewige Wahrheit, wie Eine ewige Schönheit; aber die Gesichtspunkte für das Wahre können ebenso verschieden sein, wie für das Schöne und eine ebenso große Mannigfaltigkeit gestatten. Wir stehen als Lehrlinge um das ewige Ideal der Wahrheit und Schönheit; Jeder macht von seinem Standpunkte aus seine Basreliefs;jedes wird anders — oft fehlerhaft — und doch können sie alle wahr und schön sein.

Fichte war ein tugendhafter, ehrlicher, kräftiger, guter Mann, aber auch stolz auf seine Vorzüge. Selbst in der Poesie hatte er Versuche gemacht und gezeigt, daß er Talent und Stärke in dem lyrischen Ausdrucke besaß. Wir sprachen von einigen lateinischen Hymnen, die A. W. Schlegel übersetzt hat. „Ich habe sie auch übersetzt,“ sagte Fichte, „aber ich will sie nicht drucken lassen; A. W. Schlegel ist mein guter Freund.“ — Zu einem andern guten Freunde hörte ich ihn sagen, als dieser meinte, daß es kein Verdienst für ihn sei, so geisteskräftig zu sein, da er auch körperlich stark wäre: „Meint Ihr, ich würde diese Waden und diese Schultern haben, wenn ich mir nicht jene Maximen angeschnallt hätte?“

Fichte's Aufenthalt in Kopenhagen.

Wie sehr freute es mich, als ich einige Zeit darauf hörte, daß Fichte in Kopenhagen gewesen sei, und daß der edle A. S. Oersted, der ihn als Jüngling so fleißig studirt hatte, ihn als Mann persönlich kennen lernte. Meine Schwester schrieb mir mit vieler Freude, daß sie mit Fichte im Südfelde spazieren gegangen sei, daß er einen Tannenzweig bei dem norwegischen Hause abgebrochen und ihr gegeben habe „damit sie davon ihrem Bruder einen Kranz flechten solle.“

Fichte schlief eine Nacht auf dem Friedrichsberger Schloß bei meinem Vater, und hier zeigte sich wieder ein Zug seiner Naivetät, indem er sich einen ganzen Abend mit dem Alten, der einen gesunden Menschenverstand hatte, aber nichts weniger als Philosoph war, über die verschiedenen philosophischen Ansichten und seine Streitigkeiten mit Schelling einließ. Er lieh auch meinem Vater eins seiner Bücher zum Durchlesen. Mit diesem Buche saß er gerade in der Hand, als Frau Rahbek ihn Tags darauf besuchte. „Was für ein Buch liest Du da?“ fragte sie ihn in ihrem gewöhnlichen scherzenden Ton; und er antwortete in demselben Ton, aber mit einem gewissen Stolz: „„Laß liegen Kind! es ist Fichte. Er war gestern Abend bei mir; wir sprachenbis in die späte Nacht zusammen; Du kannst glauben, da ging's auf die Systeme los!““

Erste Ereignisse in Berlin.

Aber ich kehre wieder nach Berlin zurück. Reichardt reiste im März nach Giebichenstein, und ich wohnte allein. Mein Wirth war ein alter Friseur, der mir gleich bei meiner Ankunft einen schlechten Streich gespielt hatte. Meine Haare mußten nämlich geschnitten werden, da sie seit einem halben Jahre keine Scheere berührt hatte; ich fragte ihn, ob er das Haar nach Berliner Mode schneiden könne? — „Das versteht sich,“ sagte er, „lassen Sie mich nur machen.“ Nun fing er an zu schneiden; aber da er ein alter Perückenmacher war, der nur mit todten Haaren zu thun gehabt hatte, so verstand er sich gar nicht darauf, mit den lebendigen umzugehen. Er machte einen Fehler nach dem andern, die er alle damit gut machen wollte, daß er noch mehr wegnahm; und so schor er mich ganz entsetzlich, so daß ich zuletzt nur einen kleinen Schopf auf der Stirn hatte. Mit dieser Coiffüre mußte ich alle meine Besuche mit Reichardt in der großen Welt, als dänischer Dichter machen. Die Leute glaubten vielleicht, daß das Mode in Kopenhagen sei und das verdroß mein patriotisches Gefühl. Indessen versöhnte ich mich doch bald mit dem armen Perückenmacher. Sein Sohn, der ein wirklich guter Friseur und Reichardts Diener war, wurde kurze Zeit nach Reichardt's Abreise krank und starb. Eines Abends, als ich spät nach Zwölf nach hause kam, sagte der Vater, indem er mir die Treppe hinaufleuchtete: „Sie haben wohl Nichts dagegen, daß ich nur für heute Nacht die Leiche meines Sohnes in das Zimmer des Herrn Kapellmeisters gestellt habe?“ — „„O nein,““ antwortete ich langsam. Er setzte das Licht auf den Tisch und ging. Reichardt's Zimmer grenzte dicht an das meinige. Ich fing an, mich auszukleiden und wollte so thun, als wenn Nichts geschehen wäre. Seit langer Zeit hatte ich, in dem bunten Treiben bei den vielenGesellschaften, keine melancholischen Gedanken gehabt. Nun sollte ich Thür an Thür mit einer Leiche schlafen; das hatte ich nie gethan; nach dieser Nachbarschaft sehnte ich mich durchaus nicht.

Eine unruhige Nacht.

Die alten halbvergessenen Gespenstergeschichten erwachten wieder in meiner Erinnerung; und obgleich Hoffmann noch Nichts der Art gedichtet hatte, so begannen die berliner Theezirkel doch in meinem Gehirne sich mit dem Uebernatürlichen und Grausigen zu vermischen. Endlich konnte ich es nicht länger aushalten, kleidete mich wieder an, nahm meinen Hut, ging zu dem Vater des Verstorbenen hinunter und sagte: „Obgleich ich nicht abergläubisch sei, müsse ich mich doch davor hüten, meine Phantasie zu sehr aufzuregen, es sei mir zuwider bei einer Leiche zu schlafen, daher wolle ich in den goldenen Adler gehen und da bis morgen bleiben.“ Als ich aber dahin kam, war es zu spät und ich konnte kein Zimmer mehr bekommen. Ich versuchte es noch an ein paar andern Orten, immer später und vergebens. — Die Märznacht war sehr kalt. Ich lief die Straßen auf und ab, bis ich vor Müdigkeit und Schläfrigkeit nicht länger konnte. Es blieb mir nun nichts Anderes übrig, als wieder nach dem Leichenhause zurückzukehren. Ich that es, klingelte und der Alte, der nicht zu Bett gegangen war, leuchtete mir unverdrossen wieder die Treppe hinauf. Nun war das Gaukelspiel der Phantasie vorüber, wie auf einer Bühne, wenn die Lichter gelöscht worden sind. Ich sah nur den alten niedergeschlagenen Vater und ärgerte mich über meine vorherige egoistische Schwärmerei, die ein leerer Traum im Vergleich zu der wirklichen Trauer des alten Mannes war. Ich legte mich rasch zu Bett und schlief gleich ein.


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