Bekanntschaft mit Himmel.
Einige Tage darauf traf ich an dertable d'hôteden KapellmeisterHimmel. Wir saßen zufälliger Weise neben einander. Er ließ sich in ein Gespräch mit mir ein und an einigen Aeußerungen merkte ich, daß er mich kenne. „Habe ichdie Ehre, von Ihnen gekannt zu sein?“ fragte ich. „„Ja,““ entgegnete er, „„ich weiß, daß Sie ein guter, junger dänischer Dichter sind; und ich würde bereits früher ihre Bekanntschaft gemacht haben, wenn Sie nicht stets in der Gesellschaft eines Mannes gewesen wären, den ich für den Tod nicht leiden kann.““ — „Nun,“ antwortete ich, „da ich mit ihm umgehe, so zeigt das, daß ich ihn gut leiden kann.“ „„Nun, so wollen wir nicht mehr von ihm sprechen,““ sagte Himmel, indem er mein Glas füllte! — Er war sehr aufgeräumt und gesprächig, erzählte mir von seinen Reisen, und als wir gegessen hatten, fragte er, ob ich ihn nicht nach Hause begleiten wolle, er wohne gerade in der Nähe. — Da ich nun wußte, daß er kurz vorher eine Oper „Die Sylphiden“ componirt hatte, von der ich gern etwas hören wollte, so ließ ich mich nicht zwei Mal bitten. Er wohnte sehr hübsch und in seinem Zimmer waren elegante Möbel; aber Alles lag in größter Unordnung drüber und drunter. Die mediceische Venus stand mitten in der Stube. Rund umher lagen Guitarren, Bücher, Pomadenbüchsen, Eaudecologneflaschen, Stiefel u. s. w. Kaum traten wir ins Zimmer, so rief er: „Peter, Champagner!“ — Mit unglaublicher Schnelligkeit kam der Diener mit Wein und Gläsern auf einem Präsentirteller und öffnete die Flaschen, so daß der Champagnerschaum der Venus gerade ins Gesicht sprützte. „Herr Gott, Herr Kapellmeister, wie können wir jetzt trinken,“ fragte ich, „wir kommen ja eben vom Tisch?“ — „„Champagner kann man immer trinken, das ist ein unschuldiger Saft; thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie noch ein Glas mit mir!““ — „Wohlan!“ entgegnete ich, „aber dann müssen Sie mir auch einen Gefallen thun und mir etwas aus Ihren Sylphiden vorspielen.“ „„Sehr gern!““ „„aber erst muß ich etwas still sitzen und wieder in Ordnung kommen; jetzt kann ich unmöglich spielen. Wollen Sie einmal sehen!““ — Er ging ans Pianoforte und seine außerordentliche Dicke verhinderte ihn wirklich daran die Tasten zu berühren; denn sein Leib ragte fast weiter hervor, als seine Arme reichenkonnten. „„Das giebt sich Alles,““ sagte er, „„wenn wir nur einen Augenblick Geduld haben.““ Und kaum war eine Viertelstunde verlaufen, so hatte er wirklich so viel Raum gewonnen, daß er das Klavier mit den Fingerspitzen erreichen konnte. Welche Fertigkeit! welcher Vortrag! welche Grazie! So wie der Elephant seine ganze Geschmeidigkeit im Rüssel hat, so hatte Himmel sie in seinen Fingerspitzen. Alles, was er spielte, war schön, melodienreich und originell. Ich hatte bereits früher seineFanchongehört, in der sein Character sich treu abgespiegelt: keine Tiefe, kein wahrer Ernst; aber schöne Sinnlichkeit, anmuthige Liebe, und behagliches, munteres Wohlleben. Er konnte es doch nicht lassen, auf Reichardt zu sticheln, den er den Herrn „Salzdirector“ nannte, weil Reichardt die Aufsicht über die halle'schen Salinen hatte. Himmel meinte (mit Unrecht) daß er hiezu mehr Genie, als zur Musik habe; denn war Reichardt auch kein eigentlich dramatischer Componist mit kühner Einbildungskraft und Feuer, so hat er doch in andern Compositionen, besonders in den herrlichen Melodieen zu Göthe's Gedichten ein schönes Gefühl, einen feinen Geschmack und Sinn für Poesie gezeigt. Himmel's Bildung schien nur musikalisch zu sein; doch hatten die Welt und sein munteres sanguinisches Temperament ihm eine Politur als angenehmer Gesellschafter gegeben.
Alexander von Humboldt.
Mein höchster Genuß in Berlin waren Mozart's Meisterwerke, Figaro und Don Juan, die ich jetzt erst kennen lernte. Indem ich diese unvergleichliche Musik hörte, öffnete sich mir eine neue und doch so bekannte Welt. Ich hörte Sophokles, Shakespeare und Göthe in Tönen, wie ich sie später bei Raphael in Farben sah.
Steffens kam auch nach Berlin, und ich sah ihn oft bei Alberti's. Ich sprach zuweilen mit Alexander von Humboldt und hörte ihn oft in Gesellschaften von seinen Reisen erzählen. In der Akademie der Wissenschaften las er ein Mal, als ich zugegenwar, eine Abhandlung über die üppigen Vegetationen der Natur vor. Er schloß mit der Bemerkung, daß dasselbe mannigfache Leben, das physisch in den wärmeren Himmelsgegenden blüht, sich moralisch und psychisch im Norden in der Phantasie und in den Werken der Dichter wiederhole.
Johannes Müller.
Den berühmten Historiker Johannes Müller sah ich auch mehrere Male. Reichardt sagte: „er gleiche einer Nachteule.“ Die Eule ist der Vogel der Minerva; in den Gesprächen mit dem großen Manne vergaß ich den Vogel ganz über die Minerva. Er schlug mir vor, eine Tragödie über einen gewissen historischen Gegenstand zu schreiben, den ich leider vergessen habe.
Abreise nach Weimar.
Beim Anbruch des Frühjahrs sehnte ich mich sehr darnach, nach Weimar zu reisen, um Göthe zu besuchen. Ich fuhr mit Steffens und Schleiermacher von Berlin nach Halle, wo ich drei Tage bei diesen Freunden blieb.
Ich befand mich nun wieder ganz allein in der weiten Welt auf einem Post- oder eigentlich Frachtwagen, auf dem ich in der Nacht in dem feuchten, kalten Aprilwetter auf einem Brett ohne Rückenlehne fahren mußte. Der Schlaf auf einer Bank in einer Bauernschenke stärkte mich für ein paar Stunden, und so kam ich nachNaumburg, wo ich bis zum nächsten Tage bleiben mußte.
Es war ein trauriger Frühlingstag und ich selbst war betrübt. Alle guten Freunde in Halle, Giebichenstein und Berlin hatte ich — vielleicht auf ewig — verlassen. Nun sollte ich neue Bekanntschaften schließen, um das Band bald wieder zu zerreißen, wenn es geknüpft war. Der Frankenau'sche Vers fiel mir ein:
„Die Freude gleichet dem flüchtigen Freund,Den leicht wohl auf Reisen man findet;Und der, indeß er vorüberzieht,Uns zärtlich küßt — und verschwindet.“
„Die Freude gleichet dem flüchtigen Freund,Den leicht wohl auf Reisen man findet;Und der, indeß er vorüberzieht,Uns zärtlich küßt — und verschwindet.“
„Die Freude gleichet dem flüchtigen Freund,Den leicht wohl auf Reisen man findet;Und der, indeß er vorüberzieht,Uns zärtlich küßt — und verschwindet.“
Ich sah die merkwürdige Domkirche; aber das vermehrte nur meine melancholische Stimmung. Sie besteht eigentlich aus vier Kirchen, und eine davon ist unterirdisch. Eine alte Frau, die wie eine Hexe aussah, führte mich umher. Mit einem kleinen angezündeten Lichtchen in der Hand, stieg sie hinunter und führte mich vor den eisernen Kasten, in dem Tezel sein Ablaßgeld gesammelt und dabei gesungen hatte:
„Sobald das Geld im Kasten klingt,Sobald die Seel' gen Himmel springt.“
„Sobald das Geld im Kasten klingt,Sobald die Seel' gen Himmel springt.“
„Sobald das Geld im Kasten klingt,Sobald die Seel' gen Himmel springt.“
Sie zeigte mir auch die Wand, wo eine Nonne früher eingemauert worden war, und wo sie Messe hören konnte, bis sie verhungerte. Dies Alles machte mich nicht munterer. Unglücklicherweise erzählte sie mir auch von den Hussiten vor Naumburg, da fiel mit das affectirte Kotzebue'sche Stück ein; ich sah nun Alles Grau in Grau, ging nach Hause und tröstete mich dadurch, daß ich einen Brief nach Kopenhagen schrieb.
Am nächsten Tage reiste ich nach Weimar; die Luft klärte sich auf, und der Himmel war blau.Götheempfing mich sehr freundlich, und ich brachte drittehalb Monate in der fast täglichen Gesellschaft dieses großen Meisters zu.
Wieland, Herder, Frau Schiller.
Wie freute es mich, den klassischen Boden zu betreten, auf dem so viel große Geister gewirkt hatten. Der einzige, Göthe, stand dort noch, wenn auch nicht mehr jung, in seiner vollen Kraft.Wielandwar alt, doch erquickte es mich, den Geist dieses freundlichen Greises, wie die Schneeblumen in dem Wintergarten zu finden, wo er so viele Sommer hindurch als Rose geblüht hatte. Ich hatte mit großem Vergnügen seinenOberongelesen. In seinemGeron der Adligehat er gezeigt, daß er auch ernst und herzlich dichten konnte. In vielen muntern Erzählungen hat dieser deutsche Ariost Humor und schalkhafte Grazie an den Tag gelegt. Als Kritiker und Gelehrter haben seine Schriften großen Einfluß auf den Geschmack in Deutschland ausgeübt. Ich besuchte ihn mit Ehrfurcht, obgleich es damals nicht Mode war, Wieland zu achten; er war sehr mittheilend undlobte die dänische Regierung, daß sie den Dichter ins Ausland reisen ließe. In mein Stammbuch schrieb er:
Fuimus Troes.
Herderwar nicht mehr; dieses großedenkende Herz! das mit tugendkräftiger Menschenliebe und poetischer Begeisterung die ganze Erde umfaßte. Seine spätern polemischen Schriften, in denen Gereiztheit ihn unbillig machte, kannte ich nicht und habe sie später nicht kennen lernen wollen. Aber wie herrlich sind nicht seine Abhandlungen über die hebräische Dichtkunst, seine Ideen zur Geschichte des Menschengeschlechts, seine Sammlungen und Uebersetzungen von Volksliedern und Legenden, sein Cid und seine Predigten.
AuchSchillerfand ich nicht mehr. Aber ich fand seine Frau und Kinder und die hübsche kleine Wohnung in der Allée dicht beim Schauspielhause, wo er die unsterblichen Tragödien gedichtet hatte. Ich war dort bald zu Hause, und es freute mich, daß Frau Schiller fand, ich gleiche ihrem Mann etwas; nicht im Aeußern, sondern im Wesen und gewissen Bewegungen.
Nicht ohne inniges Mitleid konnte ich auf die lieben Kinder sehen, die so früh den großen, seltenen Vater verloren hatten. Wie gern hätte er noch mit ihnen gelebt! Wie wehmüthig betrachtete er die Züge der armen Kleinen zum letzten Male, als er fühlte, daß sein Herz brechen würde; dieses himmlische Herz, das hohe Begeisterung mit durchdringendem Verstande vereinigte.
Göthe über meine Danismen.
Auch Göthe war, obgleich er allzu oft Gefallen an einem gewissen hochmüthigen, zurückhaltenden Wesen fand, im Grunde gut, und wirkt in seinen vortrefflichen Werken durch die Phantasie hauptsächlich auf das Herz; in seinen Liedern, in Werthers Schwärmerei, in Götz' Edelmuth, Faust's Tiefsinn, Gretchen's und Klärchen's Liebe, in Tasso's Feinheit, in Iphigenie's Seelenadel, in den muntern Naivetäten, in Mignon, im Harfenspieler; und ganz besonders in Hermann und Dorothea, worin er der Humanität des achtzehnten Jahrhunderts dasschönste Denkmal errichtete. Deßhalb freute es mich auch, wenn Schleiermacher von ihm sagte: „Der Göthe ist doch im Grunde eine gute Haut!“
Er empfing mich väterlich, ich war oft zu Mittag bei ihm und mußte ihm meinen ganzen Aladdin und Hakon Jarl aus dem Dänischen deutsch vorlesen. Da machte ich mich nun vieler Danismen schuldig; aber er verwarf sie nicht alle; er meinte, daß beide verwandten Sprachen, einer Wurzel entsprungen, einander geschwisterliche Geschenke machen dürften. „Hm! das ist hübsch!“ sagte er zuweilen, wenn ich einen gewagten fremden Ausdruck gebrauchte. „„Sagt man das auf Deutsch?““ fragte ich. — „Nein,“ entgegnete er, „man sagt es nicht, aber man könnte es sagen.“ — „„Soll ich es wieder ausstreichen?““ — „Nein, keineswegs.“ — Reichardt, der nach Weimar kam, wurde von Göthe gefragt: „Kennen Sie Etwas von Oehlenschläger's Gedichten?“ — „„Nein,““ entgegnete dieser, „„aufrichtig gesprochen, es amüsirt mich nicht, die deutsche Sprache radebrechen zu hören.““ — „Und mich,“ antwortete Göthe mit imposantem Feuer, „amüsirt es sehr, die deutsche Sprache in einem poetischen Geiste entstehen zu sehen.“
Verkehrte Urtheile über Göthe.
Doch was rede ich von Göthe's Meinungen über die Sprache? Es giebt ja Leute, welche glauben, daß er auch nicht Deutsch schreiben könne! Es gab ja Landsleute von mir, und giebt derer wohl noch, welche behaupten, daß ich nicht richtig Dänisch zu schreiben verstünde. Aber ich entsinne mich auch der Anecdote von einem Franzosen, der seinen Landsmann fragte: „Les allemands, est ce qu'ils ont une langue?“ — „„Non,““ entgegnete dieser, „ils parles seulement unpatois;mais ils se comprennententre eux.“
Die letzte Zuflucht, die eine feindliche Spitzfindigkeit annimmt, besteht darin, die Sprache eines Verfassers zu tadeln. Man braucht nur eine Periode aus ihrer Verbindung herauszureißen, um sie zu einem Gallimathias zu machen. So behandelte Baggesen mich stets mehrere Jahre darauf in seinen Kritiken.Und Menschen, die nicht halb so gut Deutsch verstehen, wie Göthe, geschweige denn gleich ihm in der Sprache denken und fühlen können, haben es gewagt, ihn eingebildet zu tadeln, weil er — der echte Dichter — der die reichen Schätze der Volkssprache in die Rede der gebildeten Welt hinüber führte, zuweilen aus Laune oder Eigensinn Ausdrücke gebrauchte, die nicht gang und gäbe im Munde der feinen Welt waren; oft wohl sogar polemisch, um einer kleinlichen Aengstlichkeit zu trotzen, und sie zu strafen, die nur Pedanterie zeigte, indem sie sich den Schein der Correctheit gab. So giebt es Leute, die in ihrer Thorheit z. B. die Sprache in Sophie's Reise von Memel nach Sachsen über die Sprache in Werther und Wilhelm Meister stellen! Aber Göthe ging stets seinen eigenen Weg; und das muß jedes originelle Genie thun.
Zuweilen können selbst tiefe und schöne Geister einander mißverstehen und verkennen; und deshalb bleibt für die kräftig Wirkenden nichts Anderes übrig, als sich mit allem Vermögen nach den Besten zu bilden und dann selbstständig zu handeln. Jede ungewöhnliche That ist eine Usurpation, eine Eigenmächtigkeit, die ihre Vertheidigung in ihrer Wirkung finden muß; und wollte sowohl ein Dichter, wie ein Feldherr stets zweifelnd erst Andere um Rath fragen, was er im entscheidenden Augenblicke thun soll; so würde kein Dichterwerk vollendet und keine Schlacht gewonnen werden. Darum darf man es auch nicht Einbildung oder übertriebene Eigenliebe nennen, wenn ein tüchtiger Künstler mit Rücksicht auf sein Werk, das meiste Zutrauen auf seine eigene Meinung hat. Wie sollte er sonst jemals Meister werden? Und wie sollte er sich sonst in dem Wirrwarr der literarischen Welt zurecht finden, wo die Ansichten sich jeden Augenblick auf das Lächerlichste widersprechen?
Als ich meinen Aladdin zu schreiben anfing, und meiner Schwester und einigen andern guten Freunden die ersten Scenen vorlas, fand er keinen Beifall. Ich ging mit meinem Manuscript in der Tasche betrübt nach Hause; und hätte meine eigeneUeberzeugung, daß er gut sei, nicht gesiegt, so wäre Aladdin nie erschienen und ich hätte nicht den Triumph gehabt, mit der Zeit selbst bei Denen Beifall zu ernten, die im Anfang die Arbeit verschmähten. — So ging es mir auch hier bei Göthe mit dem Hakon Jarl. Aladdin hatten wir in kleinen Portionen zusammengelesen, und er hatte ihn aufmerksam gehört und aufgefaßt; Hakon Jarl las ich ihm auf ein Mal nach Tisch vor. Er verlor den Faden, der Gang des Stückes verwirrte ihn; und er äußerte nach beendigter Lectüre, daß Einiges in der Composition des Stückes geändert werden müsse. Ich wurde ganz niedergeschlagen und wanderte in meinen finstern Gedanken in dem schönen herzoglichen Lustgarten umher. „Wennder,“ dachte ich, „verfehlt ist, so weiß ich nicht, wie ich richtig dichten soll.“ In diesem Gedanken stand ich vor einem Sculpturwerke im Garten, wo eine Schlange in einen Knäuel beißt. Ich habe die allegorische Bedeutung desselben vergessen; aber es schien mir in jenem Momente, als ob es das Unglück sei, das in mein Herz biß. Da hörte ich in demselben Augenblick Etwas in meiner Nähe rieseln. Ich ging dahin, von wo der Laut herkam; es war eine Quelle, die sehr anmuthig aus der Felswand in den Fluß hinabstürzte, und in einem Steine eingegraben stand der schöne Vers von Göthe:
„Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen!Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülflich zu sein.“
„Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen!Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülflich zu sein.“
„Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen!Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülflich zu sein.“
Göthe über Hakon Jarl.
Die schöne Natur, der herrliche Tag und das humane milde Gedicht gaben mit wieder Muth und ich dachte: „Der Verfasser dieser Strophen kann Hakon Jarl nicht verwerfen.“ — Göthe hatte mich gebeten, ihm den kurzen Inhalt des ganzen Stückes aufzuschreiben. Ich brachte ihm das Verlangte, und nachdem er es gelesen hatte, billigte er durchaus den Gang des Stückes und fand nichts daran auszusetzen.
Die Bühne Weimars.
Ich erzähle dies damit man sehen soll, wie selbst Aladdin und Hakon Jarl augenblicklich von ausgezeichneten poetischen Männern verkannt wurden. Die Erinnerung an dieses Verkennen hat mich seitdem oft getröstet, wenn spätere Werke wieder auf Kosten jener verkannt wurden; und ich habe oft die Freude gehabt, solche Nebel verschwinden zu sehen. Göthe munterte mich selbst dazu auf, das Stück schriftlich zu übersetzen (denn ich hatte es bei ihm nur mündlich übersetzt), damit es in Weimar gespielt werden könne, was doch nicht geschah, da der Krieg dies verhinderte.
Es erfreute mich oft, das Schauspielhaus zu besuchen, und die Schauspieler zu sehen, wo und durch welche Göthe und Schiller so viel gewirkt hatten. Ich lernte das KünstlerpaarWolfkennen und schätzen. Ich sah eine würdige Vorstellung von Göthe's Egmont;Becker, der den Parasiten in Lauchstädt gespielt hatte, war hier ein vorzüglicherVansen. Die Transparentscene im letzten Acte wurde jetzt wieder gegeben. Während Schiller lebte, hatte Göthe gutmüthig sich darein gefunden, daß sie wegblieb, weil Schiller sie nicht leiden konnte. Nun ließ er das Stück wieder wie in alten Tagen aufführen und es war von guter Wirkung. Die Musik und das Bild wirken, nach dem langen Gespräch zwischen Egmont und Ferdinand, belebend und angenehm auf die Phantasie ein; und es erfreut den Zuschauer, sich die holde Clara glücklich, selig als einen Engel, als den Genius der Freiheit in Egmont's Traum vorzustellen. Doctor Riemer, Göthe's Freund und Secretair, und Joh. Heinr. Voß, der Jüngere, waren mein täglicher Umgang in Weimar und wurden mit mir innig vertraut. Göthe konnte den jungen Voß gut leiden und dieser war sein großer Bewunderer. Voß erzählte mir einen characteristischen Zug von Göthe. Dieser hatte ihm einmal, als Hermann und Dorothea in neuer Auflage erscheinen sollte, das Gedicht zur Durchsicht gegeben; denn alle Voß's hatten es vom Vater gelernt, Hexameter correct zu schreiben, und selbst „die alte verständige Hausfrau“ hatte ein Mal Göthe insehr classischen Spondeen und Dactylen eingeladen, Stahlpunsch bei ihr zu trinken. Göthe schrieb schönere, leichtere, naivere, kernigere Hexameter, als Voß; aber er war nicht immer correct und deshalb ließ er sich gern bescheidene Bemerkungen gefallen. Aber ein Mal kam der gute Heinrich Voß mit einem gar zu vergnügten Gesicht und sagte mit triumphirender Demuth: „Herr Geheimerath! da habe ich einen Hexameter mitsiebenFüßen gefunden.“ — Göthe betrachtete die Zeile aufmerksamer und rief: „Ja, weiß Gott!“ und Voß wollte ihm bereits den Bleistift reichen, als der Dichter ruhig das Buch zurückgab und sagte: „Die Bestie soll stehen bleiben!“
Eigenthümlichkeiten Göthe's.
Das Niebelungenlied war kurz vorher erschienen, und Göthe las uns einige Gesänge daraus vor. Da nun das Altdeutsche sehr verwandt mit unserm Altdänischen ist, so kannte ich viele Worte, die die Andern nicht gleich verstanden. — „Sieh' mal,“ rief dann Göthe lustig, „da haben wir den verfluchten Dänen wieder!“ — „Nein, Däne,“ sagte er einmal in demselben Ton, „hier kommt Etwas, was Du doch nicht verstehen kannst:
„Es war der große Siegfried, er aus dem Grase sprang,Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang,“
„Es war der große Siegfried, er aus dem Grase sprang,Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang,“
„Es war der große Siegfried, er aus dem Grase sprang,Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang,“
Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang!“ wiederholte er erstaunt, indem er die Worte stark in seinem Frankfurter Dialekte betonte: „das ist capital!“
Ein Mal bei Tisch sprach er so eifrig und mit so viel Achtung und Kraft für Bürgerrecht und Bürgerehre, einem kalten Herrn gegenüber, der die Handlungsweise eines wackern Mannes verdrehen und verspotten wollte, daß ich's nicht lassen konnte, als der Fremde fortgegangen war, ihm um den Hals zu fallen und ihn zu küssen, was er herzlich erwiderte, indem er mit Wärme sagte: „Ja, ja, lieber Däne! Ihr meint's auch treu und gut in der Welt.“ — Er sagte gern „Ihr“ in vertrauter Rede zu Leuten, die er lieb hatte. Joh. Heinr. Voß (der Jüngere) erzählte mir, daß Göthe, als einmal die Rede auf mich kam, mit ungewöhnlicher Wärme und Freundlichkeitgesagt habe: „O, das ist mir ein herzlieber Junge!“ — Ich hätte kaum geglaubt, daß er nach der Trennung so bald sein Herz von mir wenden würde.
Die weimarische Fürstenfamilie.
Die alte Herzogin Amalie erwies mir die Ehre, mich zur Tafel zu laden; Reichardt war nach Weimar gekommen und wir fuhren zusammen nach Tieffurt. Sie war sehr gnädig, geistreich und trotz ihres Alters lebhaft und munter. Ich traf daselbst außerdem Wieland, Herrn v.Knebel, Göthe's Jugendfreund, und ihren Marschall, Herrn v.Einsiedel, der eine Uebersetzung des Terenz herausgegeben hat. Göthe hatte eins dieser römischen Lustspiele, ganz in alter Manier mit Masken, auf die Bühne gebracht; aber es blieb bei dieser einen Vorstellung, denn die Leute in Weimar wollten sich nicht um 2000 Jahre in der Zeit zurückversetzen lassen. — Nach der Mahlzeit bei der Herzogin ging Wieland in den Garten hinab und hielt unter einem großen, schattigen Baum sein Mittagsschläfchen. „Das thut er hier gewöhnlich im Sommer, wenn er bei mir speist!“ sagte die gute Fürstin. Wir gingen im Garten spazieren. Zur Theezeit kamen der Herzog, der Erbprinz, die Großfürstin und die Prinzessin von Weimar. Reichardt spielte ihnen vor, und ich mußte der Aufforderung zufolge einige alte dänische Kämpeweisen singen, die ihnen gefielen. — Sie waren Alle sehr freundlich, und Frau Schiller erzählte mir einige Tage darauf, daß die schöne, edle Großfürstin mit großer Gewogenheit von mir gesprochen habe. So hatte ich da die Freude, die Fürstenfamilie zu sehen und mit ihr zu sprechen, die so viele schöne Talente geehrt und belohnt, und zur Entwickelung der deutschen Literatur beigetragen hatte.
Frau v.Wollzogen, Frau Schiller's Schwester, die Verfasserin des geistreichen Romanes Agnes v. Lilien, und Frau v.Schardt, geb.Bernstorf, erwiesen mir auch viel Freundlichkeit.
Als ich fortreiste schrieb ich dem jungen Göthe meine dänische Uebersetzung von Göthe's Erlkönig in das Stammbuch und fügte zum Schluß die deutschen Verse hinzu:
Erinnern Sie sich, wenn längst ich schied,Bei der Uebersetzung des Vaters Lied,Des Dichters vom Lande, wo Nacht und Wind,Und Elf und Schauder zu Hause sind.In Weimar weht es schon mehr gelind;Gott segne den Vater mit seinem Kind.
Erinnern Sie sich, wenn längst ich schied,Bei der Uebersetzung des Vaters Lied,Des Dichters vom Lande, wo Nacht und Wind,Und Elf und Schauder zu Hause sind.In Weimar weht es schon mehr gelind;Gott segne den Vater mit seinem Kind.
Erinnern Sie sich, wenn längst ich schied,Bei der Uebersetzung des Vaters Lied,Des Dichters vom Lande, wo Nacht und Wind,Und Elf und Schauder zu Hause sind.In Weimar weht es schon mehr gelind;Gott segne den Vater mit seinem Kind.
Denkblätter für mein Stammbuch.
„Ja, ja,“ sagte Göthe, als er es gelesen hatte, indem er mir freundlich ins Auge sah, und die Hand auf meine Schulter legte: „Ihr seid ein Poete!“ In mein Stammbuch schrieb er:
„Zum Andenken guter Stunden, dem Verfasser des Aladdin.“
Frau Schiller schrieb:
„Der Sänger.
Er breitet es lustig und glänzend aus,Das zusammengefaltete Leben;Zum Tempel schmückt er das irdische Haus,Ihm hat es die Muse gegeben.Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein,Er führt einen Himmel voll Götter hinein.“
Er breitet es lustig und glänzend aus,Das zusammengefaltete Leben;Zum Tempel schmückt er das irdische Haus,Ihm hat es die Muse gegeben.Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein,Er führt einen Himmel voll Götter hinein.“
Er breitet es lustig und glänzend aus,Das zusammengefaltete Leben;Zum Tempel schmückt er das irdische Haus,Ihm hat es die Muse gegeben.Kein Dach ist so niedrig, keine Hütte so klein,Er führt einen Himmel voll Götter hinein.“
Frau Wollzogen schrieb: (auch nach Schiller)
„Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde,Was der eine verspricht, leistet die andere gewiß.“
„Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde,Was der eine verspricht, leistet die andere gewiß.“
„Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde,Was der eine verspricht, leistet die andere gewiß.“
Riemer schrieb die Göthe'schen Zeilen:
„Danke, daß die Gunst der MusenUnvergängliches verheißt;Den Gehalt in Deinem Busen,Und die Form in Deinem Geist.“
„Danke, daß die Gunst der MusenUnvergängliches verheißt;Den Gehalt in Deinem Busen,Und die Form in Deinem Geist.“
„Danke, daß die Gunst der MusenUnvergängliches verheißt;Den Gehalt in Deinem Busen,Und die Form in Deinem Geist.“
Ich komme später in dieser Lebensbeschreibung darauf, von Herrn Riemer zu sprechen.
Nun verließ ich das deutsche Athen, wo ich so viele Freuden genossen, und ahnte nicht, daß ich diese Stadt nach wenigen Monaten als den unglücklichsten Schauplatz des traurigsten Krieges wiedersehen würde.
Jena. — Frommann. — Göthe.
Um Göthe's Gesellschaft noch acht Tage zu genießen, ging ich nach Jena, wo er sich etwas aufhielt, ehe er seine gewöhnliche Sommerreise nach Carlsbad machte. Es war ein schwülerTag, als ich von Weimar nach Jena wanderte; ich war warm und löschte meinen Durst rasch an einer vorüberfließenden eiskalten Quelle. Als ich nach Jena kam, fühlte ich eine Engbrüstigkeit, die mich im Anfang ängstigte und ich dachte: „Solltest du dir durch das Trinken des kalten Wassers, als du erhitzt warst, geschadet haben?“ — Ich war mit Göthe bei dem Buchhändler Frommann; ich konnte mich aber nicht recht darüber freuen, weil mir so beengt war. Doch sagte ich es Niemandem. — Da sah ich zum Fenster hinaus und entdeckte einen großen strahlenden Regenbogen, in dem hauptsächlich der grüne Streifen, die Farbe der Hoffnung, vorleuchtete. Bei diesem Anblick schwand meine Furcht; und ein paar Tage darauf athmete ich wieder leicht, nachdem mir ein alter Arzt dort in der Stadt Kampfertropfen gegeben. Aber das Gefühl jenes Tages und das Bild des Regenbogens schwebte mir vor der Seele, als ich drei Jahre darauf den fünften Act von Correggio dichtete.
Bei Frommann's war ich wieder wie zu Hause. Sie waren Göthe's Gastfreunde, besuchten ihn in Weimar, und wenn er nach Jena kam, war er täglich bei ihnen, das heißt am Abend nach der Arbeit. Er bewohnte mit Riemer einige alte, kühle Zimmer ganz allein auf dem alten Schlosse. Hier saß der Poet in Ruhe und ließ indessen den Minister in Weimar zurück.
Dieses öde Schloß war wirklich ein vortrefflicher Aufenthaltsort zum Dichten und Schreiben; auch mußte es ja wohl schön sein, einen gebildeten gelehrten Freund bei sich zu haben. Aber dasDictiren, das Göthe anwandte, ist mir stets ein unbegreiflich Ding gewesen. Es giebt Augenblicke, meine ich, wo der Mensch mit sich und Gott allein sein muß, ebenso wie imGebete, und der Augenblick des Dichtens ist ein solcher. In der Gegenwart eines Andern scheuet man sich doch immer etwas seine Gefühle zu äußern und sein Herz zu öffnen. Und kann man es nicht an Göthe's Schriften aus der spätern Periode sehen, daß er solch' einen Aufpasser im Augenblick der Empfängniß gehabt hat? Die ruhige, klare Darstellungsweise, Besonnenheitund Billigkeit haben vielleicht dadurch gewonnen; aber auch Begeisterung, kräftiges Gefühl, aufrichtige, herzliche Mittheilung? — Und soll wirklich der Dichter darnach streben, bei seiner Kunstkaltzu bleiben? Ist es eine Vollkommenheit mehr, daß seine Individualität sich in der Allgemeinheit verliert? In der Dichtkunst ist und bleibt meiner Ansicht nach dasSubjectivedoch die Hauptsache. Je genialer ein Dichter ist, desto vielseitiger ist er gewiß auch; desto mehr verschiedeneObjectekann er durchdringen und darstellen. Aber die Poesie besteht gerade in diesem schönen Empfangen und Darstellen. In den Werken eines Dichters bewundern wir ganz besondersseinenGeist. Wenn wir den Straßburger Münster sehen, oder das Leben des alten Ritters Berlichingen oder das Mährchen vom Faust lesen, so wirkt das Alles ganz anders auf unsere Seele ein, als wenn wir Göthe's Beschreibungen und Bearbeitungen lesen. Deßhalb muß der Dichter, meine ich, sich ebensowenig allzusehr in dem Gewimmel der Objecte zerstreuen, als sich zu einseitig bei dem einzelnen Objecte aufhalten; er darf auch nicht suchen durch Kunst dieEigenheitseines Wesens (Originalität) inAllgemeinheitzu verwandeln. Er ist und bleibt doch eine schöne Ausnahme; das soll er sein und sich davor hüten, einSonderlingzu werden. — Daß der große Göthe, obgleich er in späteren Jahren seine Gedichte dictirte, uns doch noch viel Schönes schenkte, das danken wir seinem mächtigen, durch keinen Zwang ganz zu fesselnden Genius. Aber ich bin überzeugt, er würde bis ans Grab noch mehr von seinem humoristischen Jugendfeuer, von jener schönen Leidenschaft eines gefühlvollen Herzens ohne Nachtheil für seine Kunst bewahrt haben, wenn er nicht dictirt hätte. Man brauchte ihn ja nurredenzu hören, um sich hiervon zu überzeugen.
Bekanntschaft mit Hegel.
In Jena machte ich die Bekanntschaft des Philosophen Hegel auf eine schnurrige Weise. Er war damals noch nicht so berühmt und vergöttert, wie er es viele Jahre später wurde, obgleich er bereits ein Mann in seinen besten Jahren war. Wirwaren zusammen in Gesellschaft, wo ein Fremder eine sentimentale Arie beim Clavier singen wollte. Hegel und ich standen hinter dem Stuhle des Sängers; es wollte ihm nicht recht gelingen und die Verlegenheit, die in jedem Augenblicke das zarte Gefühl unterbrach, das dann wieder von Neuem angeknüpft werden mußte, war so komisch, daß weder Hegel noch ich uns des Lachens erwehren konnten. Nun mußten wir noch höflich sein, und daraus entsprang der komische Zustand, den man oft bei Kindern sieht, die nicht lachen dürfen und dadurch nur noch stärker dazu gereizt werden. Es amüsirte mich, mit dem tiefen Denker in dieser komischen Situation mich zu befinden. Das brachte uns gleich in eine Art Vertraulichkeit zu einander, und so lange ich in Jena war, erwies Hegel mir stets Freundschaft. Wir gingen täglich mit einander um, er war lustig und gutmüthig, ich bewunderte seinen Scharfsinn, und er achtete meine Ansichten und Gedanken, obgleich ich kein theoretischer Philosoph war oder sein wollte. Ich disputirte auch mit ihm, weil er Göthe's Götz von Berlichingen durchaus nicht leiden konnte.
Eine Landpartie.
Mit ihm, mit Major Knebel, Professor Schelfer und Doctor Seebeck bestieg ich eines Tags den Berg Gensich bei Jena. Knebel erzählte mir auf dem Wege Viel aus Göthe's Jugend. Es war ein warmer Tag und wir waren durstig. Am Abhange des Berges lag ein Garten, von wo Schelfer uns einige Hände voll Kirschen und Johannisbeeren holte. „Was wagen Sie da?“ fragte ich lachend. „„Es ist freilich Diebstahl!““ antwortete er, den Mund voll von Kirschen. „Ach,“ — sagte Hegel, „Schelfer ist Botaniker! daraus folgt, daß alle Kräuter und Früchte der Gegend ihm unterthänig sind. Wenn ihn Jemand mit seinem gestohlenen Gute treffen sollte, so braucht er nur zu sagen, daß er botanisirt und Alles ist in Ordnung.“ Auf dem Rückwege plagte uns wieder der Durst. Nun fanden wir zwar keine Johannisbeeren, dagegen aber einen klaren Bach, um den wir uns Alle niederlegten und Wasser durch Strohhalme einsaugten. Dies muß eine sehr malerische Gruppe abgegebenhaben; aber sie war zugleich allegorisch: so saugen Helden, Philosophen, Gelehrte und Dichter Erquickung durch das kleine Saugrohr des Lebens aus der stets vorüberfließenden Lebensquelle ein, und vergessen nicht die schönen Augenblicke, wo sie es in brüderlicher Eintracht mit einander thaten.
Gedicht an Charlotte Schiller.
Göthe reiste bald nach Carlsbad, Frommann nach Gotha, ich wartete nur auf meinen Wechsel; er blieb vierzehn Tage zu lange aus. Indessen verlor ich den Muth nicht; ich brachte drei Acte meines Aladdin's in deutsche Jamben. Frommann wollte den Verlag übernehmen, wenn das Manuscript fertig sei, welches ihm dann gleich zugesandt werden sollte. Göthe hatte mir versprochen, den Hakon Jarl auf den besten deutschen Theatern zur Aufführung zu bringen. Endlich kam der Wechsel und zugleich mit ihm mein Landsmann, der ProbstEngelbreth. Ich besuchte erst den SuperintendentenMarezoll, dessen Predigten ich in Kopenhagen gern gehört hatte; ich grüßte ihn von seinen Freundinnen, Frau Rahbek und Christiane Heger; darauf reiste ich mit Engelbreth nach Dresden. Frau Schiller hatte mir die lyrischen Gedichte des seligen Schiller zum Geschenk gesandt; ich schickte ihr dafür folgendes Gedicht, welches an der Spitze meiner gesammelten deutschen Gedichte steht.
An Charlotte Schiller.
Der Sänger geht am schmalen Stege,Im Schatten blühender Natur;Verschmäht die gar zu breiten Wege.Gepflastert durch des Haufens Spur;Da muß er Vieles überwinden,Durch manchen Dorn er dringen muß;Wo er gehofft, den Bach zu finden,Trifft er den brausend wilden Fluß.Doch kämpft er gern sich, unverdrossen,Selbst durch den tiefsten Tannenwald;Wird er mitunter rund umflossen —Es muß sich ja doch enden bald!Wo Dornen stechen, blühen Rosen;Das Dickicht führt zu einer Au',Es endigt sich der Wolke Tosen,Sie flieht und läßt den Himmel blau.Und steht er endlich dann im Haine,Im dunkelgrünen Buchenhain,Röthlich beglänzt im Abendscheine,Dann ist er länger nicht allein.Wie durch der Aeolsharfe TöneDie Lüfte gaukeln, voller Lust,So zittert auch durch ihn das Schöne,Und klingt hinaus durch seine Brust.Und durch die Bäume drängt sich leiseZum breiten Heerweg der Gesang:Da kommt das Rad aus seinem Gleise,Dem Fuhrmann wird's im Herzen bang';Zum grünen Tempel der GesängeFühlt er zu lenken sich geneigt;Besinnt sich aber, folgt der Menge,Glaubt, daß sich dort die Elfin zeigt.Der Sänger wandert über Hügel.Er steigt getrost, und kommt der Fluß,Dann schwimmt er kühn; mit losem ZügelAuf Abenteu'r er reiten muß.Und Alles, was ihm so begegnet,Dringt in sein Herz gewaltig ein;Und ob es stürmet oder regnet,Muß er doch wohl zufrieden sein.Nichts Endliches kann ihn beglücken,Nichts Endliches vernichtet ihn.Und jede Kraft muß ihn entzückenUnd durch sein ganzes Wesen glühn;Im Schauen muß er sich vertiefen,Was ihn verhindert, merkt er kaum;Es ist ihm, als wenn Viele schliefen;Selbst freut er sich im schönsten Traum.Doch hat er lange so mit WonneDen schönen Weg zurückgelegt,Dann kommt der Abend, sinkt die Sonne,Und kalt sich jedes Blatt bewegt,Dann ist er Mensch; und er begehretNach dem, was wieder ihn belebt;Was ihm der Augenblick verwehret,Weil er nicht klug danach gestrebt.Doch kommen Bauern her im Walde,Und speisen ihn mit Obst und Brot.Er ißt, trinkt aus der Quell', und baldeVergißt er die verschwundne Noth.Und mit der frühen MorgenrötheErwacht er bei dem ersten Schall,Blickt um sich, greift und bläs't die Flöte,Wetteifernd mit der Nachtigall.Es kommen aber viele Tage,Wo nicht die Sonn' im Walde scheint;Es tobt kein Sturm; in stummer KlageNur Gras und Blatt und Hügel weint;Es ist nicht Kampf, kein kühnes Ringen,Ist lebenlose Trauer nur;Die Harfe selbst kann hell nicht klingen;Sie ist so schlaff, wie die Natur.Dann sehnt er sich wohl nach den MauernUnd in den lichten Saal hinein,Wo Gäste sitzen ohne Schauern,Bei schönen Frauen, gutem Wein.Dann denkt er auch, wenn fern er schauetEin schönes, reichbegabtes Haus:Warum ist es nicht Dir erbauet?Und warum schließt Dich Alles aus?Und weil er fühlt im tiefsten Herzen,Was auf die weiche Seele fällt,Müßt' ihn auch tief und bitter schmerzenDie Stumpfheit, Blödigkeit der Welt,Und die Verschmähung seiner Lieder,Der Hohn, der Trotz, der Frevelmuth,Wenn die Natur nicht freundlich wiederDas Unheil machte immer gut.Am Wege, dort wo er gesungen,Neugierig horchten sie, im Flug;Kaum aber war das Lied verklungen,So hatten sie daran genug!Er sang von Ceres Aehrenhaufen,Die in den goldnen Garben stehn.Sie gehn das Korn nur zu verkaufen;Im Gelde nur das Gold sie sehn.Jetzt singt er laut in ernsten LiedernVon der verschwundnen Menschen Thun,Erzählt von den verstorbnen Brüdern,Die tief im moos'gen Grabe ruhn.Er singt: Wie durch des Grabes HügelSich hebet frisch der Rosmarin,So hebt sich auf der Zeiten FlügelDas Leben auch zum neuen Blühn.Sie hören's nicht. DochEin'gekommen,Und sie verlassen ihren Weg;Sie haben gern das Lied vernommenUnd folgen ihm auf seinem Steg.Und hurtig wird der Bund geschlossen;Die Seele kennt die Seele bald.Und öfter folgen unverdrossenSie ihrem Freund durch seinen Wald.DochMännersind zur That berufen,Und That verhindert der Verein;Sie müssen steigen ihre StufenUnd mit sich selbst beschäftigt sein.Das Lied giebt ihnen Muth und Leben,Ermuntert gehn sie wieder fort.Sie danken ihm, weil er gegeben —Und — einsam steht er wieder dort.Wer sitzet auf der Wolken Rande,Den Lorbeerzweig in weißer Hand,In himmelstrahlendem Gewande,So fremd und doch so wohlbekannt?Entfernet von dem Erdgetümmel,Vernimmt sie doch das Lärmen gern;Vergißt darüber selbst den Himmel;Es klingt ihr wie ein Lied von fern.Es ist dieMuse. Freundlich schauetSie ihren vielgeliebten Sohn.Ihr sanftes Auge sich bethauet;Sie sinnt auf einen würd'gen Lohn;Sieht, wie nach ihrem GötterbildeEr strebt so treu, bei Tag und Nacht;Und — eine Jungfrau — schön und milde,Begegnet sie ihm auf der Jagd.Erröthend nähert sich die SchöneVerschämt dem vielgeliebten Mann;Und — wie Telemachos Athene —So staunet sie der Jüngling an.Erkanntelängst das holde Wesen,Siehtsie doch jetzt zum ersten Mal.Er kann in ihren Blicken lesenUnd fühlt der Göttin Liebestrahl.Da singt sie: Jede schöne BlumeHebt sich mit ihrer BlätterschaarVom Staub hinauf zum Heiligthume,Und reichet Gott die Krone dar.Doch stehn die Wurzeln tief im Grunde,Worin der Lebenssaft sich regt;Daß sie gedeih', daß sie gesunde,Ist nöthig, daß sie Liebe pflegt.Ich will die Gärtnerin im GartenDir werden, denn Du liebest mich!Entwickle Blumen aller Arten!Ich hege, Freund, ich pflege Dich.Nie sollst Du Dich allein befinden;Scheint nicht die Sonne länger warm,Wenn Strahlen, Tag und Farben schwinden,Dann ruhe süß in meinem Arm. —Er sieht der Mittlerin des LebensEntzückt in's lichte Augenpaar.Er überredet sich vergebens,Daß dieß ein irdisch Mädchen war!Er fühlt sich neubegeistert wieder,Der Weg ist länger nicht so hart.Er singt sein Heil, — und schöne LiederVerkünden ihre Gegenwart.Sie hat mit Lorbeern ihn bekrönet,Und durch ein wundersam GeschickSieht er sich plötzlich ausgesöhnetJetzt mit der Zeit, dem Augenblick.Nun will er nichts von Trennung wissen!Das Glück steht ihm nicht länger fern.Was Lieb' erst hatte wild zerrissen,Vereinigt Liebe wieder gern.Ein jeder Sänger, dessen LeierIn Waldes Einsamkeit ertönt,Trifft seine Muse, die ihn, freier,Bald mit der ganzen Welt versöhnt.So schmücktestDudem großen SängerDen Weg mit lichtem Lebensmai;Du machtest ihm den Busen enger,Und dadurch ward der Busen frei.Du lindertest so hold sein Leiden,Da war das Leben nicht vergällt;Beglücktest ihn mit VaterfreudenUnd zeigtest heiter ihm die Welt.Da ward er ruhig und geduldig,Er fühlte sich von Gott bestrahlt.Wir sind ihm, ach, so Vieles schuldig!Doch Du hast ihm für uns gezahlt.Drum nimm auch dieses Lied zum Danke,Das treu aus meinem Herzen bricht;Wohin ich in der Welt auch wanke,Vergeß' ich Deiner Milde nicht.Ich seh' im heil'gen Abendschauer,Wenn düster die Cypressen wehn,Dich, eine Blum', in LiebestrauerAm Grabe des Geliebten stehn!
Der Sänger geht am schmalen Stege,Im Schatten blühender Natur;Verschmäht die gar zu breiten Wege.Gepflastert durch des Haufens Spur;Da muß er Vieles überwinden,Durch manchen Dorn er dringen muß;Wo er gehofft, den Bach zu finden,Trifft er den brausend wilden Fluß.Doch kämpft er gern sich, unverdrossen,Selbst durch den tiefsten Tannenwald;Wird er mitunter rund umflossen —Es muß sich ja doch enden bald!Wo Dornen stechen, blühen Rosen;Das Dickicht führt zu einer Au',Es endigt sich der Wolke Tosen,Sie flieht und läßt den Himmel blau.Und steht er endlich dann im Haine,Im dunkelgrünen Buchenhain,Röthlich beglänzt im Abendscheine,Dann ist er länger nicht allein.Wie durch der Aeolsharfe TöneDie Lüfte gaukeln, voller Lust,So zittert auch durch ihn das Schöne,Und klingt hinaus durch seine Brust.Und durch die Bäume drängt sich leiseZum breiten Heerweg der Gesang:Da kommt das Rad aus seinem Gleise,Dem Fuhrmann wird's im Herzen bang';Zum grünen Tempel der GesängeFühlt er zu lenken sich geneigt;Besinnt sich aber, folgt der Menge,Glaubt, daß sich dort die Elfin zeigt.Der Sänger wandert über Hügel.Er steigt getrost, und kommt der Fluß,Dann schwimmt er kühn; mit losem ZügelAuf Abenteu'r er reiten muß.Und Alles, was ihm so begegnet,Dringt in sein Herz gewaltig ein;Und ob es stürmet oder regnet,Muß er doch wohl zufrieden sein.Nichts Endliches kann ihn beglücken,Nichts Endliches vernichtet ihn.Und jede Kraft muß ihn entzückenUnd durch sein ganzes Wesen glühn;Im Schauen muß er sich vertiefen,Was ihn verhindert, merkt er kaum;Es ist ihm, als wenn Viele schliefen;Selbst freut er sich im schönsten Traum.Doch hat er lange so mit WonneDen schönen Weg zurückgelegt,Dann kommt der Abend, sinkt die Sonne,Und kalt sich jedes Blatt bewegt,Dann ist er Mensch; und er begehretNach dem, was wieder ihn belebt;Was ihm der Augenblick verwehret,Weil er nicht klug danach gestrebt.Doch kommen Bauern her im Walde,Und speisen ihn mit Obst und Brot.Er ißt, trinkt aus der Quell', und baldeVergißt er die verschwundne Noth.Und mit der frühen MorgenrötheErwacht er bei dem ersten Schall,Blickt um sich, greift und bläs't die Flöte,Wetteifernd mit der Nachtigall.Es kommen aber viele Tage,Wo nicht die Sonn' im Walde scheint;Es tobt kein Sturm; in stummer KlageNur Gras und Blatt und Hügel weint;Es ist nicht Kampf, kein kühnes Ringen,Ist lebenlose Trauer nur;Die Harfe selbst kann hell nicht klingen;Sie ist so schlaff, wie die Natur.Dann sehnt er sich wohl nach den MauernUnd in den lichten Saal hinein,Wo Gäste sitzen ohne Schauern,Bei schönen Frauen, gutem Wein.Dann denkt er auch, wenn fern er schauetEin schönes, reichbegabtes Haus:Warum ist es nicht Dir erbauet?Und warum schließt Dich Alles aus?Und weil er fühlt im tiefsten Herzen,Was auf die weiche Seele fällt,Müßt' ihn auch tief und bitter schmerzenDie Stumpfheit, Blödigkeit der Welt,Und die Verschmähung seiner Lieder,Der Hohn, der Trotz, der Frevelmuth,Wenn die Natur nicht freundlich wiederDas Unheil machte immer gut.Am Wege, dort wo er gesungen,Neugierig horchten sie, im Flug;Kaum aber war das Lied verklungen,So hatten sie daran genug!Er sang von Ceres Aehrenhaufen,Die in den goldnen Garben stehn.Sie gehn das Korn nur zu verkaufen;Im Gelde nur das Gold sie sehn.Jetzt singt er laut in ernsten LiedernVon der verschwundnen Menschen Thun,Erzählt von den verstorbnen Brüdern,Die tief im moos'gen Grabe ruhn.Er singt: Wie durch des Grabes HügelSich hebet frisch der Rosmarin,So hebt sich auf der Zeiten FlügelDas Leben auch zum neuen Blühn.Sie hören's nicht. DochEin'gekommen,Und sie verlassen ihren Weg;Sie haben gern das Lied vernommenUnd folgen ihm auf seinem Steg.Und hurtig wird der Bund geschlossen;Die Seele kennt die Seele bald.Und öfter folgen unverdrossenSie ihrem Freund durch seinen Wald.DochMännersind zur That berufen,Und That verhindert der Verein;Sie müssen steigen ihre StufenUnd mit sich selbst beschäftigt sein.Das Lied giebt ihnen Muth und Leben,Ermuntert gehn sie wieder fort.Sie danken ihm, weil er gegeben —Und — einsam steht er wieder dort.Wer sitzet auf der Wolken Rande,Den Lorbeerzweig in weißer Hand,In himmelstrahlendem Gewande,So fremd und doch so wohlbekannt?Entfernet von dem Erdgetümmel,Vernimmt sie doch das Lärmen gern;Vergißt darüber selbst den Himmel;Es klingt ihr wie ein Lied von fern.Es ist dieMuse. Freundlich schauetSie ihren vielgeliebten Sohn.Ihr sanftes Auge sich bethauet;Sie sinnt auf einen würd'gen Lohn;Sieht, wie nach ihrem GötterbildeEr strebt so treu, bei Tag und Nacht;Und — eine Jungfrau — schön und milde,Begegnet sie ihm auf der Jagd.Erröthend nähert sich die SchöneVerschämt dem vielgeliebten Mann;Und — wie Telemachos Athene —So staunet sie der Jüngling an.Erkanntelängst das holde Wesen,Siehtsie doch jetzt zum ersten Mal.Er kann in ihren Blicken lesenUnd fühlt der Göttin Liebestrahl.Da singt sie: Jede schöne BlumeHebt sich mit ihrer BlätterschaarVom Staub hinauf zum Heiligthume,Und reichet Gott die Krone dar.Doch stehn die Wurzeln tief im Grunde,Worin der Lebenssaft sich regt;Daß sie gedeih', daß sie gesunde,Ist nöthig, daß sie Liebe pflegt.Ich will die Gärtnerin im GartenDir werden, denn Du liebest mich!Entwickle Blumen aller Arten!Ich hege, Freund, ich pflege Dich.Nie sollst Du Dich allein befinden;Scheint nicht die Sonne länger warm,Wenn Strahlen, Tag und Farben schwinden,Dann ruhe süß in meinem Arm. —Er sieht der Mittlerin des LebensEntzückt in's lichte Augenpaar.Er überredet sich vergebens,Daß dieß ein irdisch Mädchen war!Er fühlt sich neubegeistert wieder,Der Weg ist länger nicht so hart.Er singt sein Heil, — und schöne LiederVerkünden ihre Gegenwart.Sie hat mit Lorbeern ihn bekrönet,Und durch ein wundersam GeschickSieht er sich plötzlich ausgesöhnetJetzt mit der Zeit, dem Augenblick.Nun will er nichts von Trennung wissen!Das Glück steht ihm nicht länger fern.Was Lieb' erst hatte wild zerrissen,Vereinigt Liebe wieder gern.Ein jeder Sänger, dessen LeierIn Waldes Einsamkeit ertönt,Trifft seine Muse, die ihn, freier,Bald mit der ganzen Welt versöhnt.So schmücktestDudem großen SängerDen Weg mit lichtem Lebensmai;Du machtest ihm den Busen enger,Und dadurch ward der Busen frei.Du lindertest so hold sein Leiden,Da war das Leben nicht vergällt;Beglücktest ihn mit VaterfreudenUnd zeigtest heiter ihm die Welt.Da ward er ruhig und geduldig,Er fühlte sich von Gott bestrahlt.Wir sind ihm, ach, so Vieles schuldig!Doch Du hast ihm für uns gezahlt.Drum nimm auch dieses Lied zum Danke,Das treu aus meinem Herzen bricht;Wohin ich in der Welt auch wanke,Vergeß' ich Deiner Milde nicht.Ich seh' im heil'gen Abendschauer,Wenn düster die Cypressen wehn,Dich, eine Blum', in LiebestrauerAm Grabe des Geliebten stehn!
Der Sänger geht am schmalen Stege,Im Schatten blühender Natur;Verschmäht die gar zu breiten Wege.Gepflastert durch des Haufens Spur;Da muß er Vieles überwinden,Durch manchen Dorn er dringen muß;Wo er gehofft, den Bach zu finden,Trifft er den brausend wilden Fluß.Doch kämpft er gern sich, unverdrossen,Selbst durch den tiefsten Tannenwald;Wird er mitunter rund umflossen —Es muß sich ja doch enden bald!Wo Dornen stechen, blühen Rosen;Das Dickicht führt zu einer Au',Es endigt sich der Wolke Tosen,Sie flieht und läßt den Himmel blau.Und steht er endlich dann im Haine,Im dunkelgrünen Buchenhain,Röthlich beglänzt im Abendscheine,Dann ist er länger nicht allein.Wie durch der Aeolsharfe TöneDie Lüfte gaukeln, voller Lust,So zittert auch durch ihn das Schöne,Und klingt hinaus durch seine Brust.Und durch die Bäume drängt sich leiseZum breiten Heerweg der Gesang:Da kommt das Rad aus seinem Gleise,Dem Fuhrmann wird's im Herzen bang';Zum grünen Tempel der GesängeFühlt er zu lenken sich geneigt;Besinnt sich aber, folgt der Menge,Glaubt, daß sich dort die Elfin zeigt.Der Sänger wandert über Hügel.Er steigt getrost, und kommt der Fluß,Dann schwimmt er kühn; mit losem ZügelAuf Abenteu'r er reiten muß.Und Alles, was ihm so begegnet,Dringt in sein Herz gewaltig ein;Und ob es stürmet oder regnet,Muß er doch wohl zufrieden sein.Nichts Endliches kann ihn beglücken,Nichts Endliches vernichtet ihn.Und jede Kraft muß ihn entzückenUnd durch sein ganzes Wesen glühn;Im Schauen muß er sich vertiefen,Was ihn verhindert, merkt er kaum;Es ist ihm, als wenn Viele schliefen;Selbst freut er sich im schönsten Traum.Doch hat er lange so mit WonneDen schönen Weg zurückgelegt,Dann kommt der Abend, sinkt die Sonne,Und kalt sich jedes Blatt bewegt,Dann ist er Mensch; und er begehretNach dem, was wieder ihn belebt;Was ihm der Augenblick verwehret,Weil er nicht klug danach gestrebt.Doch kommen Bauern her im Walde,Und speisen ihn mit Obst und Brot.Er ißt, trinkt aus der Quell', und baldeVergißt er die verschwundne Noth.Und mit der frühen MorgenrötheErwacht er bei dem ersten Schall,Blickt um sich, greift und bläs't die Flöte,Wetteifernd mit der Nachtigall.Es kommen aber viele Tage,Wo nicht die Sonn' im Walde scheint;Es tobt kein Sturm; in stummer KlageNur Gras und Blatt und Hügel weint;Es ist nicht Kampf, kein kühnes Ringen,Ist lebenlose Trauer nur;Die Harfe selbst kann hell nicht klingen;Sie ist so schlaff, wie die Natur.Dann sehnt er sich wohl nach den MauernUnd in den lichten Saal hinein,Wo Gäste sitzen ohne Schauern,Bei schönen Frauen, gutem Wein.Dann denkt er auch, wenn fern er schauetEin schönes, reichbegabtes Haus:Warum ist es nicht Dir erbauet?Und warum schließt Dich Alles aus?Und weil er fühlt im tiefsten Herzen,Was auf die weiche Seele fällt,Müßt' ihn auch tief und bitter schmerzenDie Stumpfheit, Blödigkeit der Welt,Und die Verschmähung seiner Lieder,Der Hohn, der Trotz, der Frevelmuth,Wenn die Natur nicht freundlich wiederDas Unheil machte immer gut.Am Wege, dort wo er gesungen,Neugierig horchten sie, im Flug;Kaum aber war das Lied verklungen,So hatten sie daran genug!Er sang von Ceres Aehrenhaufen,Die in den goldnen Garben stehn.Sie gehn das Korn nur zu verkaufen;Im Gelde nur das Gold sie sehn.Jetzt singt er laut in ernsten LiedernVon der verschwundnen Menschen Thun,Erzählt von den verstorbnen Brüdern,Die tief im moos'gen Grabe ruhn.Er singt: Wie durch des Grabes HügelSich hebet frisch der Rosmarin,So hebt sich auf der Zeiten FlügelDas Leben auch zum neuen Blühn.Sie hören's nicht. DochEin'gekommen,Und sie verlassen ihren Weg;Sie haben gern das Lied vernommenUnd folgen ihm auf seinem Steg.Und hurtig wird der Bund geschlossen;Die Seele kennt die Seele bald.Und öfter folgen unverdrossenSie ihrem Freund durch seinen Wald.DochMännersind zur That berufen,Und That verhindert der Verein;Sie müssen steigen ihre StufenUnd mit sich selbst beschäftigt sein.Das Lied giebt ihnen Muth und Leben,Ermuntert gehn sie wieder fort.Sie danken ihm, weil er gegeben —Und — einsam steht er wieder dort.Wer sitzet auf der Wolken Rande,Den Lorbeerzweig in weißer Hand,In himmelstrahlendem Gewande,So fremd und doch so wohlbekannt?Entfernet von dem Erdgetümmel,Vernimmt sie doch das Lärmen gern;Vergißt darüber selbst den Himmel;Es klingt ihr wie ein Lied von fern.Es ist dieMuse. Freundlich schauetSie ihren vielgeliebten Sohn.Ihr sanftes Auge sich bethauet;Sie sinnt auf einen würd'gen Lohn;Sieht, wie nach ihrem GötterbildeEr strebt so treu, bei Tag und Nacht;Und — eine Jungfrau — schön und milde,Begegnet sie ihm auf der Jagd.Erröthend nähert sich die SchöneVerschämt dem vielgeliebten Mann;Und — wie Telemachos Athene —So staunet sie der Jüngling an.Erkanntelängst das holde Wesen,Siehtsie doch jetzt zum ersten Mal.Er kann in ihren Blicken lesenUnd fühlt der Göttin Liebestrahl.Da singt sie: Jede schöne BlumeHebt sich mit ihrer BlätterschaarVom Staub hinauf zum Heiligthume,Und reichet Gott die Krone dar.Doch stehn die Wurzeln tief im Grunde,Worin der Lebenssaft sich regt;Daß sie gedeih', daß sie gesunde,Ist nöthig, daß sie Liebe pflegt.Ich will die Gärtnerin im GartenDir werden, denn Du liebest mich!Entwickle Blumen aller Arten!Ich hege, Freund, ich pflege Dich.Nie sollst Du Dich allein befinden;Scheint nicht die Sonne länger warm,Wenn Strahlen, Tag und Farben schwinden,Dann ruhe süß in meinem Arm. —Er sieht der Mittlerin des LebensEntzückt in's lichte Augenpaar.Er überredet sich vergebens,Daß dieß ein irdisch Mädchen war!Er fühlt sich neubegeistert wieder,Der Weg ist länger nicht so hart.Er singt sein Heil, — und schöne LiederVerkünden ihre Gegenwart.Sie hat mit Lorbeern ihn bekrönet,Und durch ein wundersam GeschickSieht er sich plötzlich ausgesöhnetJetzt mit der Zeit, dem Augenblick.Nun will er nichts von Trennung wissen!Das Glück steht ihm nicht länger fern.Was Lieb' erst hatte wild zerrissen,Vereinigt Liebe wieder gern.Ein jeder Sänger, dessen LeierIn Waldes Einsamkeit ertönt,Trifft seine Muse, die ihn, freier,Bald mit der ganzen Welt versöhnt.So schmücktestDudem großen SängerDen Weg mit lichtem Lebensmai;Du machtest ihm den Busen enger,Und dadurch ward der Busen frei.Du lindertest so hold sein Leiden,Da war das Leben nicht vergällt;Beglücktest ihn mit VaterfreudenUnd zeigtest heiter ihm die Welt.Da ward er ruhig und geduldig,Er fühlte sich von Gott bestrahlt.Wir sind ihm, ach, so Vieles schuldig!Doch Du hast ihm für uns gezahlt.Drum nimm auch dieses Lied zum Danke,Das treu aus meinem Herzen bricht;Wohin ich in der Welt auch wanke,Vergeß' ich Deiner Milde nicht.Ich seh' im heil'gen Abendschauer,Wenn düster die Cypressen wehn,Dich, eine Blum', in LiebestrauerAm Grabe des Geliebten stehn!