Chapter 4

Antwort darauf.

Als Antwort auf dieses Gedicht erhielt ich folgenden Brief von ihr:

Weimar, den 14. Juli 1806.

„Ich fühle wohl, daß es mir nicht gelingen kann, Ihnen auszusprechen, was mein Herz bewegt, und doch möchte ich Ihnen sagen, wie tief mich Ihr Gedicht ergriffen!

Ich danke Ihnen, daß Sie mich verstanden haben, daß es Ihnen klar wurde, den Wunsch aufzulösen, der mich durch mein Leben begleitete. Ich danke Ihnen, daß Sie es ausgesprochen, was ich Schiller sein wollte.

Doppelt heilig ist mir dieses Gedicht, es wird mir ein süßes Andenken meiner Liebe bleiben, und ich werde immer mit Wehmuth bei dem Geiste verweilen, dessen schöne Phantasie in so reichen Formen die Gefühle meines Herzens ansprach.

So lange ein Herz fähig ist, sich vor den ungefälligen harten Eindrücken einer ungleichartigen Welt zu verwahren, so lange wird auch auf jedes Gemüth alles Große und Schöne, was Sie so tief zu fühlen vermögen, und mit solcher Wärme aussprechen, tief wirken. Ich hoffe, daß der Genius der Dichtkunst mir hold bleiben wird bis ans Grab, und mir solche freundliche Erscheinungen noch schenken, wie mir die Ihrige war.

Ich hoffe auch, wir sehen uns wieder, mein Antheil und meine Dankbarkeit werden stets Gefühle für Sie bleiben, die ich mir gern im Herzen aufbewahre. Möge die Welt immer Ihrem Geiste in einem hellen Glanz erscheinen und die Freude Sie begleiten! Leben Sie wohl und glücklich!“

Charlotte v. Schiller.

Reise nach Dresden.

Am 12. Juni zogen wir im schönsten Wetter von Jena durch Lützen und stiegen auf der Landstraße einen Augenblick ab, um den mit Pappeln umringten Stein in der Nähe zu betrachten, wo der große Gustav Adolph gefallen war. In Leipzig aßen wir Lerchen, besuchten die schönen Spaziergänge und das Grab des guten Gellert.

Mit uns waren zwei Juden, die auf dem Wege sehr andächtig beteten. Wir kamen an einem Galgen vorüber; in Folge dessen äußerte der eine Jude mit größter Bitterkeit seine Indignation über die übertriebene Gerechtigkeit. „Sie sind froh“ — sagte er — „wenn sie Einen zu hängen kriegen; damit die Gerechtigkeit nicht vergessen werden soll.“

Wir übernachteten in der Stadt Oschatz, welchen Namen August II. der Stadt gegeben, weil er daselbst ein hübsches Mädchen gesehen hatte.

Durch Meißen kamen wir an den herrlichsten Elbgegenden entlang nach Dresden, und hier traf ich wieder eine anmuthige Natur, wie ich sie, seitdem ich Dänemark verließ, nicht gesehen hatte; denn der Garten in Weimar war wohl schön aber klein; die Gegend bei Halle kann nicht mit der seeländischen verglichen werden, und Berlin liegt in einer Sandwüste.

Paßverdrießlichkeit.

In Dresden verlangte der Wirth meinen Paß. Ich hatte von Kopenhagen meinen Rathhauspaß mitgenommen, weil ich damals noch nicht wußte, ob ich das Reisestipendium bekommen würde. Als ich den Brief von der Direction des Fondsad usus publicoserhielt, hätte ich gleich einen ordentlichen Paß von Hause verlangen sollen; aber das hatte ich vergessen. Ich war von Halle nach Berlin, von Berlin nach Weimar und Jena gereist, ohne daß Jemand verlangt hätte, meine Legitimation zu sehen. Ich sagte also dem Wirth in Dresden, daß ich nur einen dänischen Rathhauspaß hätte, daß ich aber gleich zu unserm Minister gehen, und ihn um ein paar Zeilen zur Aushülfe so lange bitten wolle, bis ich einen französischen oder lateinischen Paß von Kopenhagen erhielte.

Ich traf den Minister nicht zu Hause; aber um mich zu legitimiren, sandte ich ihm einige Briefe, und unter diesen den Brief von der Direction des Fondsad usus publicos.

Der Minister von Bülow ließ mich rufen. Ich kam. Er trat mir langsam mit den Papieren in der Hand entgegen und sagte sehr ernst: „Ich sehe, Sie reisen auf Menschenkenntniß, und Sie haben keinen Paß? Wie soll ich das verstehen?“ Ich antwortete: „„Ew. Excellenz! gerade weil ich noch keine Menschenkenntniß habe, reise ich, um sie zu erlangen.““ „Ja, mein Herr,“ entgegnete er, „das ist ganz schön! Sie schicken mir Ihre Papiere, um mir Ihre Persönlichkeit zu beweisen; aber ich will Ihnen Etwas sagen! lassen Sie uns den Fall setzen: Sie verlieren diese Briefe, ein Anderer findet sie, und giebt sich für Sie aus (wir haben vor Kurzem einen solchen Fall gehabt); soll ich ihn deshalb gleich für Sie halten?“ — Ich entgegnete: „„Ich verdenke es Ew. Excellenz nicht, daß Sie an meiner Ehrlichkeit zweifeln; aber Sie können es mir auch nicht verdenken, wenn mir dies sehr unangenehm ist. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag machen““ — fuhr ich lustiger fort — „„Sie hören doch, daß ich ein Däne bin; geben Sie mir ein Thema, welches Sie wollen; geben Sie mir Feder, Dinte und Papier; dann will ich Ihnen gleich einen Vers darüber machen. Es wäre doch wunderlich, wenn es sich so träfe, daß der unrechtmäßige Finder der Briefe auch ein dänischer Dichter wäre. Doch ich weiß ein besseres Mittel,““ sagte ich ernster, „„unten auf der Straße begegnete ich dem Herzog von Weimar; er hat mich bei seiner Frau Mutter der Herzogin Witwe gesehen; ich will Se. Durchlaucht um ein paar Zeilen bitten, durch die ich mich legitimiren kann, bis mein Paß von Kopenhagen kommt. Ich habe bereits darum nach Hause geschrieben.““ Nun fragte der Minister, ob ich mich nicht setzen wolle, es ließe sich wohl noch Alles in Ordnung bringen; aber ich verbeugte mich und empfahl mich gehorsamst.

Zusammentreffen mit Landsleuten.

Mehr Unannehmlichkeiten bereitete mir diese, freilich unverzeihlicheVergeßlichkeit nicht. Ich brachte dem Appellationsrath Körner einen Brief von Göthe; meine LandsleuteBröndstedundKoëskamen kurz darauf nach Dresden; Engelbreth war bereits mit mir angekommen. Bald traf auch BischofMünterein; und so wurde es mir leicht, meine Persönlichkeit, und daß ihr nichts Ungesetzliches anhafte, zu beweisen. Der Minister, der durchaus Nichts gegen mein Ich einzuwenden, sondern nur an dessen wirklicher Existenz gezweifelt hatte, lud mich später zu sich zu Tisch. Aber ich entschuldigte mich ehrerbietigst. Es war mir unangenehm, einen Mann wiederzusehen, der einen Augenblick an meiner Ehrlichkeit gezweifelt hatte. Es nützte Nichts, daß die Andern mir sagten: „Aber er kannte Dich ja nicht!“ — Mit jugendlichem Uebermuth antwortete ich: „„Er hätte mir auf mein ehrliches Gesicht hin glauben müssen.““ — Seine Töchter traf ich später zuweilen bei Körner's; sie waren sehr liebenswürdig und geistreich; wir sprachen oft freundlich mit einander und eines Abends begleitete ich sie bis an ihre Hausthür.

Komische Scene mit Bischof Münter.

Mit dem Bischof Münter traf in Dresden eine komische Szene ein, die ich, so unschuldig sie auch war, während seines Lebens doch nicht veröffentlichen wollte. Nun kann sie mit als ein Beitrag zu den nicht wenigen Anekdoten dienen, welche von den Zerstreutheiten dieses gelehrten gutherzigen Mannes erzählt wurden, deren doch viele erdichtet sind, oder ihn nicht betrafen.

Er hatte gehört, daß ich meinen „Baldur den Guten“ vollendet, und darin Trimeter, Anapäste und mehrere griechische Versformen angebracht hatte; als ein großer Freund und Vertrauter der Griechen, als ein Jugendfreund von Ewald, der auch einen Balder geschrieben hatte, wünschte er nun, das Stück zu hören. „Besuchen Sie mich morgen Nachmittag!“ sagte er, „und lesen Sie mir Ihren Baldur vor, dann wollen wir eine Tasse guten Thee zusammen trinken. Hier in Dresden giebt es keinen guten Thee, aber ich habe solchen von Kopenhagen mitgenommen.“ — Ich kam zur bestimmten Zeit, doch als ich ins Zimmer trat, fand ich den Bischof von einem Dampf umgeben,der ihn fast unkenntlich machte, und der mir, der ich aus der frischen Luft kam, so drückend auf die Brust fiel, daß mein erstes Wort war: „Um Gottes Willen, Ew. Hochehrwürden! wie können Sie das aushalten?“ worauf ich, ohne um Erlaubniß zu bitten, hineilte und beide Fenster weit aufriß. — „„Ja, ich kann es gar nicht begreifen, es raucht hier drin auch mitten im Sommer, wenn man gar nicht einheizt.““ — Nun entdeckte ich mitten im Rauch einen Theekessel auf einem Feuerbecken mit Kohlen, die noch nicht ausgebrannt waren und einen tödtlichen Qualm verbreiteten. „Das kommt vom Feuerbecken!“ rief ich. — „„Ja wahrhaftig,““ sagte der Bischof, „„das glaube ich auch, da hat Johann wieder (oder wie der Diener hieß) einen dummen Streich begangen. Johann! Johann! nimm gleich das Feuerbecken hinaus. Wie ungeschickt benimmst Du Dich?““ — Johann kam herein, setzte den Theekessel auf die Ofenplatte und nahm das Becken mit sich hinaus. Nun fing der Bischof an, mich sehr eifrig über den Baldur zu fragen. Als eine geraume Zeit darüber vergangen war, nahm ich mir die Freiheit, ihn daran zu erinnern, daß wir ja guten Thee trinken wollten. „Das ist wahr!“ rief er, „das hätte ich beinahe vergessen.“ Darauf warf er eine große Hand voll von dem guten Thee (es war grüner Thee) in die Kanne, goß sie voll lauwarmen Wassers (denn das Wasser im Kessel hatte zu kochen aufgehört), und ohne einen Augenblick zu zögern (da er sich darnach sehnte, das Stück zu hören), schenkte er die Tassen voll. Die grünen zusammengerollten Blätter hatten nicht Zeit gehabt, sich zu entfalten, und da die Theekanne eine große Oeffnung hatte, kamen mehrere Blätter in demselben Zustande in die Tassen, in dem die Hand sie in die Kanne gebracht hatte. So bekam ich also „guten Thee“ zum ersten Mal in Dresden, so wie man ihn in China selbst trinkt: mit den Blättern darin; aber wenn meine Dichterblätter dem Bischof nicht besser geschmeckt haben, als seine Theeblätter mir, so wäre es schlimm gewesen.

Das ließ ich mir damals nicht träumen, daß ich späterzwölf Jahre im Hause dieses edeln Mannes wohnen, und daß er fast in meinen Armen sterben würde.

Theodor Körner.

Körner war Schiller's Jugendfreund gewesen. Auf seinem Weinberge hatte der unsterbliche Dichter seinen Don Carlos geschrieben. Die ganze Familie hatte sehr viel Sinn für Poesie.Theodor, der spätere Held und Tyrtäus war damals, als ich sie besuchte, ein hübscher vierzehnjähriger Knabe, der sehr fromm und aufmerksam zuhörte, wenn ich meine Gedichte vorlas. Seine SchwesterEmmamalte schön; ein FräuleinKunze, welche dort im Hause war, sang vortrefflich. Der muntere, geniale ItalienerPaër, den Napoleon später als Kapellmeister nach Paris berief, kam häufig in Körners Haus und ich hörte ihn oft selbst mit den Damen aus seinem Sargino singen. FräuleinStock, eine vortreffliche Pastellmalerin, Frau Körner's Schwester, war munter und witzig und amüsirte sich zuweilen damit, mich meiner allzugroßen Jugendlichkeit und Vorliebe für das Blühende wegen zu necken.

Ansichten über Kirchenmusik.

Es freute mich, Musik in der katholischen Kirche zu hören, doch war die Musik hier nicht immer nach meinem Sinn: sie war mir zu sinnlich, zu lärmend. Ich vermißte die ernste würdige Erhebung, das treue innige Gefühl; und obgleich ich über die starken Diskantstimmen der Sänger staunte, konnte ich doch nicht umhin, an das Schicksal dieser armen Menschen zu denken, und dies störte mein religiöses Gefühl vollständig. Ich sprach einmal mit einem Landsmanne, der sich in Dresden niedergelassen hatte, über diese Sänger und äußerte ihm mein Mißvergnügen. Er war ein sehr tüchtiger Kopf und selbst ein guter Künstler; aber paradox und scharf in seinen Ansichten. „Sind Sie auch so ein nordischer Barbar, der der großen Kunst nicht einmal ein kleines Opfer gönnt?“ — „„Man sollte solche Virtuosen, wie die Baßgeigen, in Futterale hinstellen, wenn mansie gebraucht hat,““ entgegnete ich; „„es schneidet mir ins Herz, einen so aufgeschwollenen, schwammigen Halbmann zu sehen. Es widert mich an, daß ein armes Geschöpf, an dem die Menschen sich versündigt haben, als Wortführer für die Menschen auftreten und Bravourarien zu Gottes Ehre krähen soll. Das kann weder rühren, noch stärken, noch erheben; und was ist Kirchenmusik, wenn sie das nicht kann?““ — Der bewundernde Kenner zuckte die Achseln und hatte wahrscheinlich Mitleiden mit meinen Ansichten. Ein anderes Mal stand ich mit einem klugen Mann vor einem Portrait von Göthe, welchesBurigemalt hatte, und vor einer Copie von Leonardo da Vinci's Christus, wo er sagt: Gieb dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. „Welch ein Unterschied,“ sagte ich, „auf diesen beiden Gesichtern!“ — „„Ja gewiß,““ entgegnete der Andere: „„Hier ist ein Antlitz voller Hoheit und Unschuld, und dort ein Mensch, der, wenn er in sein eigenes Herz blickt, lauter schwarze Flecken findet.““ — „Flecken finden alle Menschen in ihren Herzen,“ antwortete ich. „Das Andere ist ein Ideal; aber es erscheint mir trotz seiner Schönheit doch zuweibischfür einen Christus.“ So mußte ich mich größtentheils durchschlagen; denn ich hörte oft übertriebene, einseitige Ansichten, nicht der Modeansichten zu gedenken. Ich habe mich immer über jedeModegeärgert, die die Menschen in eine einseitige Richtung hineinziehen will. Nun sollte Alles katholisch, altdeutsch oder italienisch sein, und was nicht so war, das war vom Uebel. Ich fühlte einen Trieb in mir, mich der verschmähten Gegenwart und ihrer guten Leistungen anzunehmen. In diesem Vorsatz war ich durch Göthe, der diesFranz-Sternbaldisiren, wie er es nannte, auch nicht leiden konnte, bestärkt worden.

Ansichten über die Malerkunst.

Ich besuchte gern die Bildergalerie. Ich habe den Lesern erzählt, daß ich nicht unbewandert in der Zeichnenkunst war; und Alles, was die Malerei an Poesie in sich aufnehmen kann,konnte natürlich einem mit Worten malenden Dichter nicht fremd oder gleichgültig sein. — Aber das war bei Weitem nicht genug; das nannte man jetzt etwas Untergeordnetes. Mit dem religiösen Gefühle sollte man nun die Werke auffassen; nur so könne man ein Eingeweihter der Kunst werden. Ich dachte: Auch gut! Alles Poetische gründet sich ja zuletzt auf ein religiöses Gefühl; ich kann auch fühlen. Aber wieder vorbeigeschossen! Dies wurde trivial und sentimental genannt! Eine erhitzte Phantasie mußte mit mystischen Bildern ausgeschmückt werden; wenn diese Bilder auch zuweilen apocalyptisch sein mochten, so war das um so besser.

Wie leicht es war, einen solchen Kunstsinn, bei geistlosen ungebildeten jungen Männern zu wecken, ist leicht zu begreifen; und deßhalb traf ich auch jeden Augenblick Kunstkenner, welche nicht wußten, wie eigentlich ein Arm oder ein Bein aussehen müsse; die nie in ihrem Leben ein menschliches Antlitz mit Aufmerksamkeit betrachtet hatten, die kaum blau von grün unterscheiden konnten, aber doch sehr tief und vornehm über alte Meisterstücke redeten, und mit Verachtung auf Alles herabblickten, was während ihrer Lebenszeit geschaffen war, wenn es nicht einen gewissen Zuschnitt hatte. — Wenn ich vonpecus imitatorumrede, so meine ich natürlich nicht die geistreichen Männer, die durch ihre SchriftenVeranlassungzu dergleichen Uebertreibungen gegeben haben. Ich habe vor jedem genialen Blicke Achtung, vor jeder originellen Idee, selbst wenn sie übertrieben ist. Die neuere Schule hatte das Verdienst, die Welt mehr als früher auf die zu wenig bekannten Kunstwerke des Mittelalters aufmerksam zu machen; und ich glaube, daß die Gemälde jener Zeit mehr verdienen, Meisterwerke genannt zu werden, als die Gedichte. Welcher Mensch mit Geist und Herz sieht nicht ein, daß eine poetische Composition schöner characteristischer Gesichter, ein lebhaftes frisches Colorit meisterhaft genannt zu werden verdienen, wenn selbst das matteste Auge in unserer Zeit einzelne technische Fehler entdecken kann? Welcher verständige Kenner verachtetnicht eine oberflächliche, flüchtige, coquette Manier bei vielen neueren französischen und italienischen Malern, unter der sich eben soviel technische Fehler, wie in jenen Bildern verbergen; wo aber weder Geist noch Gefühl oder Phantasie die Fehler ersetzen.

Ich schreibe hier keine Kunstkritik, und werde mich wohl hüten, dieses Buch, wie die Mode ist oder war; mit weitläufigen Gemäldebeurtheilungen anzufüllen. Ich habe immer gesucht, Sinn und Auge für malerische und plastische Gegenstände zu bilden, wie es sich für einen Dichter und einen Lehrer in den schönen Wissenschaften ziemt; aber um ganz in die Einzelnheiten solcher Dinge einzudringen, muß man selbst ausübender Künstler sein. Winkelmann, Lessing und Göthe haben vortrefflich über Kunstwerke im Allgemeinen gedacht; Wackenroder und Tieck haben Bilder empfunden und schön darüber phantasirt; und ich habe gern und oft diese Abhandlungen und Herzensergießungen gelesen. AuchFiorilloundFernowhabe ich gelesen.

Die Dresdner Bildergalerie.

O wie gern sah ich 1817 die Galerie in Dresden wieder! Wie bewundernd denke ich nicht noch der herrlichen Bilder Correggio's, von denen die in seiner ersten Manier mir doch kräftiger und raphaelischer vorkamen, als die berühmteNacht. Wie erfreute mich der strenge und unterrichtende Christus von Giovanni Bellini, ein herrlicher Gegensatz zu dem süßen Christusantliz von Carlo Dolce, das sich in Harmonikatönen aufzulösen scheint. Ich sehe noch das schöne, klare Bild von Holbein, wo die fromme Bürgermeisterfamilie die Mutter Gottes anbetet. Ich entsinne mich sehr wohl der Gemälde von Raphael's herrlichen Schülern Francesco Penni, Giulio Romano und Andräa del Sarto. Und nun all' die niederländischen und flämischen Herrlichkeiten einer muntern und treu aufgefaßten Natur, deren wir viel ähnliche in Kopenhagen haben.

Raphael's Madonna.

Das erste Mal besuchte ich die Galerie in Dresden mit einer Freundin, einer herzensbraven Dame in mittleren Jahren, einem FräuleinAlberti, die aber im hohen Grade von derneuen Schwärmerei angesteckt war. Mit ihr trat ich vor Raphael's Madonna hin. Ich erstaunte über die übernatürliche Schönheit und Wahrheit in diesem Bilde; aber als ich meine Freundin weinend und fast knieend vor dem Heiligenbilde sah, und sie mich in einem Bekehrungstone fragte: „Nun, Oehlenschläger, was sagen Sie jetzt?“ antwortete ich kalt: „„Es ist sehr hübsch!““ — „Gott im Himmel!“ rief sie seufzend, „Sie nennen Raphael's Madonnahübsch?“ — „„Liebe Freundin,““ entgegnete ich, „„sagen Sie mir nur Eins: Glauben Sie, daß Raphael im Stande gewesen wäre, solch ein Bild zu malen, wenn ersodagestanden und geweint hätte?““

Ich trat später allein vor das herrliche Bild hin und begriff nicht, wie so viel jungfräuliche Geistesruhe, Schönheit und naive Kindlichkeit zu Zerknirschung und wehmüthigen Betrachtungen Veranlassung geben konnte. Daß Maria mit dem Jesuskinde von der Erde zum Himmel emporzuschweben schien, war ja auch lustig; das thut jede reine und unschuldige Seele. Als ich nach Hause kam schrieb ich ein dänisches Gedicht über diesen Gegenstand, das ich später in meiner Novelle „die Mönchbrüder“ angebracht habe.

Polemische Gedichte.

Noch ein paar andere kleine deutsche Gedichte verfaßte ich in Dresden, um meinem Herzen Luft zu machen; denn mir war wirklich unter den Kunstkennern wie einem Manne zu Muthe, der zwischen einem glühenden Ofen und einem offenem Fenster sitzt, wo es stark zieht, so daß ihm die eine Seite ganz heiß, die andere ganz kalt wird. Das herzlose Demonstriren nach spitzfindigen, einseitigen, abstracten Regeln, war mir eben so zuwider, wie eine kränkliche Schwärmerei.

Künstlers Morgen- und Abendlied.

O heiliger Gott, was Dir gehörtTief in der menschlichen Brust,Nicht die gesunde Freude stört,Ist nicht Schmerz, ist Lust;Aeußert in That sich und frischer Kraft,In blühender Schönheit Schein,Nicht die Blüthen weg es rafft,Liebt nicht Grab und Gebein.Christus verließ das düstre Grab,Fuhr zur Hölle nur kurz hinab;Jetzt des Vaters Rechte ziert,Dort nun thätig mit ihm regiert.Weg, Du trüber, papistischer Dunst!Seufzen und weinen ist keine Kunst,Wirken und weben,Nehmen und geben,Und tüchtig streben,Dasist Leben!So wollen wir lebenUnd etwas leisten!Mehr, als die Meisten!Es ist Gottesdienst, ein Werk zu vollenden,Wieder bilden muß Gottes Bild.Das wollen wir führen in unserm Schild'.Teufel noch 'mal! so wollen wir enden.

O heiliger Gott, was Dir gehörtTief in der menschlichen Brust,Nicht die gesunde Freude stört,Ist nicht Schmerz, ist Lust;Aeußert in That sich und frischer Kraft,In blühender Schönheit Schein,Nicht die Blüthen weg es rafft,Liebt nicht Grab und Gebein.Christus verließ das düstre Grab,Fuhr zur Hölle nur kurz hinab;Jetzt des Vaters Rechte ziert,Dort nun thätig mit ihm regiert.Weg, Du trüber, papistischer Dunst!Seufzen und weinen ist keine Kunst,Wirken und weben,Nehmen und geben,Und tüchtig streben,Dasist Leben!So wollen wir lebenUnd etwas leisten!Mehr, als die Meisten!Es ist Gottesdienst, ein Werk zu vollenden,Wieder bilden muß Gottes Bild.Das wollen wir führen in unserm Schild'.Teufel noch 'mal! so wollen wir enden.

O heiliger Gott, was Dir gehörtTief in der menschlichen Brust,Nicht die gesunde Freude stört,Ist nicht Schmerz, ist Lust;Aeußert in That sich und frischer Kraft,In blühender Schönheit Schein,Nicht die Blüthen weg es rafft,Liebt nicht Grab und Gebein.Christus verließ das düstre Grab,Fuhr zur Hölle nur kurz hinab;Jetzt des Vaters Rechte ziert,Dort nun thätig mit ihm regiert.Weg, Du trüber, papistischer Dunst!Seufzen und weinen ist keine Kunst,Wirken und weben,Nehmen und geben,Und tüchtig streben,Dasist Leben!So wollen wir lebenUnd etwas leisten!Mehr, als die Meisten!Es ist Gottesdienst, ein Werk zu vollenden,Wieder bilden muß Gottes Bild.Das wollen wir führen in unserm Schild'.Teufel noch 'mal! so wollen wir enden.

Krittlers Litanei.(Am großen Bußtage zu singen)

Ach, lieber Herr Gott, laß mich nieUrtheilen, wie ein hölzernes Vieh!Laß' mich nicht in gemalten PersonenNur sehn mathematische Dimensionen!Lege mir etwas in den Ofen, lieber Herr Gott.Es friert mich, lieber Herr Gott und Vater!Blase mir ein wenig mehr Geist in die Nase hinein,Es soll Dein Schade nicht sein.Ich will Dich dafür in den Werken erkennen,Auch wohl bisweilen mit Ehrfurcht nennen.Amen! —Aber wenn's nicht anders werden kann,Ach, so hilf mir armen Mann,Daß ich einsehe bald und ganz haarklein:In's Parterr' kommt Keiner ohne Zettel hinein.Laß' mich die thörichte Lust verlieren,Treibe fort den eiteln Dunst;Lehre mich, statt Werke der Kunst,Tuch oder Leder zu penetriren.Die Welt wird dadurch nichts verlieren,Die Kunst wird dadurch nicht krepiren.Ich bitte darum auf allen Vieren.Kyrieleison. Amen!

Ach, lieber Herr Gott, laß mich nieUrtheilen, wie ein hölzernes Vieh!Laß' mich nicht in gemalten PersonenNur sehn mathematische Dimensionen!Lege mir etwas in den Ofen, lieber Herr Gott.Es friert mich, lieber Herr Gott und Vater!Blase mir ein wenig mehr Geist in die Nase hinein,Es soll Dein Schade nicht sein.Ich will Dich dafür in den Werken erkennen,Auch wohl bisweilen mit Ehrfurcht nennen.Amen! —Aber wenn's nicht anders werden kann,Ach, so hilf mir armen Mann,Daß ich einsehe bald und ganz haarklein:In's Parterr' kommt Keiner ohne Zettel hinein.Laß' mich die thörichte Lust verlieren,Treibe fort den eiteln Dunst;Lehre mich, statt Werke der Kunst,Tuch oder Leder zu penetriren.Die Welt wird dadurch nichts verlieren,Die Kunst wird dadurch nicht krepiren.Ich bitte darum auf allen Vieren.Kyrieleison. Amen!

Ach, lieber Herr Gott, laß mich nieUrtheilen, wie ein hölzernes Vieh!Laß' mich nicht in gemalten PersonenNur sehn mathematische Dimensionen!Lege mir etwas in den Ofen, lieber Herr Gott.Es friert mich, lieber Herr Gott und Vater!Blase mir ein wenig mehr Geist in die Nase hinein,Es soll Dein Schade nicht sein.Ich will Dich dafür in den Werken erkennen,Auch wohl bisweilen mit Ehrfurcht nennen.Amen! —Aber wenn's nicht anders werden kann,Ach, so hilf mir armen Mann,Daß ich einsehe bald und ganz haarklein:In's Parterr' kommt Keiner ohne Zettel hinein.Laß' mich die thörichte Lust verlieren,Treibe fort den eiteln Dunst;Lehre mich, statt Werke der Kunst,Tuch oder Leder zu penetriren.Die Welt wird dadurch nichts verlieren,Die Kunst wird dadurch nicht krepiren.Ich bitte darum auf allen Vieren.Kyrieleison. Amen!

Die Bedeutsamkeit der Kunst.

Daß aber diese herrlichen Werke meine Seele nicht allein zu polemischen Ausbrüchen hinführten, zeigt das Fragment eines Briefes, welchen ich, gleich nachdem ich in der Bildergalerie gewesen war, meiner Christiane schrieb:

„Gestern war ich zum ersten Mal in der Bildergalerie. Was soll ich Dir von den zwei Stunden Aufenthalt unter all diesen Herrlichkeiten sagen? Es ist wie der erste süße Kuß der Geliebten. Wahrhaftig ich kam

in ein' GalerieVoll Menschengluth und Geistes;Mir ward es da, ich weiß nicht wie,Mein ganzes Herz zerreißt es,O Maler! Maler! rief ich laut,Belohn' Dir Gott Dein Malen;Und nur die allerschönste BrautKann Dir für uns bezahlen.„

in ein' GalerieVoll Menschengluth und Geistes;Mir ward es da, ich weiß nicht wie,Mein ganzes Herz zerreißt es,O Maler! Maler! rief ich laut,Belohn' Dir Gott Dein Malen;Und nur die allerschönste BrautKann Dir für uns bezahlen.„

in ein' GalerieVoll Menschengluth und Geistes;Mir ward es da, ich weiß nicht wie,Mein ganzes Herz zerreißt es,O Maler! Maler! rief ich laut,Belohn' Dir Gott Dein Malen;Und nur die allerschönste BrautKann Dir für uns bezahlen.„

Und damit sind sie auch bezahlt. Denn das schönste aller Mädchen, dieUnsterblichkeit, hat sie in ihren Armen emporgehoben und sie mit ewigem Lorbeer bekränzt. Wenn man so in wenigen Momenten mit einem flüchtigen Blicke die concentrirte Kraft der Genialität und des Fleißes von Jahrhunderten betrachtet, so wird Einem zu Muthe, als ob Gott in einer Offenbarung die Geschichte zurückgehen und sich vor uns zeigen ließe. Und das thut er. Die großen Mirakel des Lebensäußern sich durch die Kraft und das Gebet der Zauberer und diese Zauberer sind die Künstler. O, wie dankte ich Gott, daß ich auch ein Künstler bin, als ich mit bebendem Schritte den Tempel der Kunst durchwanderte, daß auch ich Bilder geschaffen hatte und schaffen sollte, die die Brust kommender Geschlechter mit Freude und Andacht erfüllen würden, wenn die meinige längst ihren letzten Saft einer kleinen bald dahinwelkenden Grabesblume gegeben, und mein Staub sich mit dem Staube meiner Mutter Erde gemischt hätte. Lebe wohl, meine beste Christiane!“

Der Maler von Kügelgen.

Ich machte die Bekanntschaft des Malersvon Kügelgen, eines tüchtigen Künstlers und vernünftigen Mannes, der nicht von der neuen Krankheit angesteckt war. Er malte mein Bild, das wahrscheinlich noch in Dresden vorhanden ist.

Kügelgen's Ermordung.

Er malte auch den Philosophen Adam Müller, dessen Vorlesungen ich hörte, an denen ich mich aber nicht sonderlich erbaute. — Merkwürdigerweise hatte Kügelgen, als ich seine Bekanntschaft machte, ein großes Gemälde vollendet, welches den von einem Discus verwundeten Hyacinth in Apollo's Armen sterbend vorstellte. War es eine Ahnung von Deinem Schicksale, armer Kügelgen? Sein Leben war merkwürdig; als Jüngling verliebte er sich in ein adeliges Fräulein; der Vater erklärte, daß, wenn er sich ein so großes Vermögen erworben, daß er unabhängig leben könne, und sich dann adeln lassen wollte, er sie bekommen sollte. Kügelgen war mit diesem Vorschlage zufrieden, ging nach Rußland, wo gerade Kaiser Alexander auf den Thron gekommen war und eine Menge goldener Dosen mit seinem Bilde darauf verschenkte. All' diese Bilder bekam Kügelgen zu malen, und er hatte sich eine so große Fertigkeit darin erworben, den Kaiser zu treffen, daß er ihn aus dem Gedächtniß malen konnte. Hierdurch erwarb er sich ein bedeutendes Vermögen, ließ sich adeln, reiste nach Deutschland zurück, heirathete seine Braut und war viele Jahre glücklich. Aber er hatte dochstets einen auffallend melancholischen Zug in seinem Gesicht. Vor wenigen Jahren, als er sich einen Weinberg in der Nähe von Dresden gekauft hatte, und den Herbst und Winter seines Lebens so recht im Schoße seiner Familie genießen wollte, wurde er eines Abends auf einem Wege, wo sonst nie Jemand überfallen wurde, von einem Menschen gemordet, der sich nur seiner Kleider bemächtigen wollte, um sie zu verkaufen. Am nächsten Tage fand der unglückliche Sohn die Leiche seines Vaters nackt und auf ein abseits gelegenes Feld hingeschleppt. Welch sonderbarer Uebergang vom Glück zum Unglücke im Leben eines Menschen!

Während ich in Dresden war, wollten meine Landsleute Bröndsted, Koës und Engelbreth eine Fußreise in die sächsische Schweiz machen; sie schnürten ihre Bündel und wollten mich bestimmen mitzureisen. Aber es war mir zu heiß mitten im Sommer. Ich wußte im Voraus, daß die Sonnenhitze und das Erkälten mir einen starken Schnupfen verschaffen würde, der gleich das Vergnügen störte, und ich sagte: „Nein, Kinder, zieht in Frieden dahin! Ich bin keiner jener Liebenswürdigen, die, wie Nvmphe in Göthe's kleinem Vorspiel „Was wir bringen“ sagt, es sich so sauer werden lassen, überall die holden Naturscenen aufzusuchen. Nun bin ich in Dresden und hier will ich in Ruhe und Frieden meine Dresdner Freude genießen. Ich mag lieber ein gutes einfaches Gericht, als viele kleine Gerichte, nach denen man seinen Apetit berechnend eintheilen muß.“

Zacharias Werner. — Herr von Rumohr.

Die Freunde stellten mir vor, daß diese Sophismen nur ein schlechter Ersatz für die Schönheiten der riesigen Gebirge seien; ich aber sagte ihnen Lebewohl und wünschte, daßRübezahlihnen nicht allzuviel Hokuspokus auf dem Wege in die Berge machen möge, und sie gingen. Um frische Luft zu schöpfen wanderte ich an einem Nachmittag zur Stadt hinaus nach einem Theater, welches man scherzweise „dieSaloppe“ nannte, und das nicht viel zu bedeuten hatte. Aber es war ein schönerSpaziergang, wie von Kopenhagen nach Frederiksborg, und der Ort selbst war angenehm. Im kühlen, grünen Schatten konnte man draußen sitzen und Eis essen, wenn man die Komödie nicht sehen wollte. Hier traf ich einmalZacharias Werner, der sehr freundlich und holdselig gegen mich war, aber gleich wieder wie eine Sternschnuppe verschwand; erst drei Jahre darauf machte ich in Coppet seine eigentliche Bekanntschaft.

Ich ging auch an jedem Tage in die Gemäldegalerie, besah die Antiken und die Mengs'schen Abgüsse. An den Antiken waren viele Theile so schlecht restaurirt, daß sie wirklich Buddings oder Würsten aus irgend einer Restauration der Stadt glichen.

Neues Begegnen Ludwig Tieck's.

Eines Vormittags, als ich nach Hause kam, erzählte das Mädchen, daß ein gewisser HerrLudwig Tieckdagewesen sei, der mich besuchen wollte. Ich lief gleich wieder in die Galerie hinauf, denn ich hoffte ihn dort zu finden. Ich traf daselbst Herrnvon Rumohr, seinen Reisegefährten, der mich in die Bibliothek hinaufführte, wo Tieck über einem alten Manuscript des Heldenbuches saß. Er eilte mir freundlich entgegen. Wir sprachen vertraulich mit einander, wie Brüder, die lange von einander getrennt gewesen waren. — Sein hübsches characteristisches Gesicht, sein schönes Organ, seine bewundernswerthe Beredtsamkeit, seine geistvollen braunen Augen nahmen mich gleich persönlich für ihn ein, und ich gefiel ihm auch. Ich dachte an das schöne Verhältniß zwischen Franz und Sebastian, zwischen Albrecht Dürer und Lucas von Leyden, in seinem Sternbald; und in den wenigen Tagen, die wir hier zusammen waren, lebten wir auch ganz so wie jene Künstler miteinander. Ich las meinen Hakon Jarl, einen Theil des Aladdin und das Evangelium des Jahres vor. Er zollte mir seinen herzlichen Beifall, und beklagte, daß Novalis nicht lebte, um das Evangelium hören zu können. Ich aß eines Mittags mit ihm und Rumohr;Tieck und ich tranken Brüderschaft. Er las mir Holberg's „Hexerei oder blinder Allarm“ in der alten deutschen Uebersetzung vor; ich bewunderte sein Talent zum Vorlesen; es gefiel mir, daß er den Holberg etwas anders auffaßte, als wir Dänen gewöhnt sind; es klang mir, wie meine Muttersprache im Munde eines schönen, fremden Mädchens, anmuthig, obgleich mit einem etwas ausländischen Accent. Wir disputirten zuweilen auch ein wenig aber freundlich, ohne Bitterkeit. Ich gestand ihm, daß mir seine Liebe und Bewunderung für die altdeutsche Poesie etwas übertrieben erscheine; daß die alte Zeit wohl sehrpoetischgeworden sei, aber keine großenPoetenhervorgebracht habe. Stoff zum Dichten gäbe sie vollauf; die alten Dichtungen seien merkwürdig, hätten schöne Stellen und seien voll herrlicher Motive. Auch meinte ich, daß man nicht allzusehr die Sache der Aristokratie und Hierarchie reden und nicht zu sehr auf Aufklärung schelten sollte. — Tieck billigte übrigens gar nicht die modernen Uebertreibungen, und das dumm andächtige Wesen ärgerte ihn auch. Wir waren beide beim Abschiede gerührt.

Bekanntschaft mit der Familie von Zeschwitz.

Kurz nach Tieck's Abreise fragte mich einHerr von Zeschwitz, dessen Bekanntschaft ich gemacht hatte, ob ich mit ihm hinauswolle und seinen Bruder, den Amtshauptmann besuchen, der eine Meile von Dresden wohne. Ich nahm das Anerbieten gern an, und der joviale Amtshauptmann kam mir sehr freundlich entgegen. Er war unverheirathet und bewohnte ein großes Haus mit seinen Leuten. Munter und geradezu fragte er mich gleich, ob ich mit ihm eine Reise nach Teplitz machen wollte? „Ich habe meinen eigenen Wagen,“ sagte er, „wenn Sie mir das Vergnügen bereiten wollen, mein Gast zu sein, und mit mir zu reisen, so wird mir die Reise einen doppelten Genuß bieten.“ — Ohne mich lange zu bedenken, entgegnete ich: „„Sehr gern, aber ich muß erst nach Dresden, um meine Sachen zu holen.““ — „So lasse ich gleich anspannen,“ riefer, „Sie fahren nach Dresden, holen Ihre Sachen, kommen zurück, bleiben die Nacht bei mir und Morgen begeben wir uns auf den Weg.“ — „„Mit Vergnügen!““ entgegnete ich. — Und als ich kurz darauf nach Dresden hinrollte, dachte ich: „Das ist etwas Anderes! So will ich die sächsische Schweiz gern sehen! War es nun nicht gut, daß ich mich von den fußreisenden Landsleuten nicht verführen ließ?“

Vorher hatte ich von der Gegend rund um Dresden nur das schöneTharandgesehen, welches von doppeltem Interesse für mich war, weil Steffens daselbst ein merkwürdiges Jahr seines Lebens zugebracht hatte. — Nun fuhr ich mit meinem muntern zuvorkommenden Amtshauptmann nach Teplitz, und bekam dabei zugleich Etwas von Böhmen zu sehen. Wir kamen an unzähligen großen Crucifixen und Heiligenbildern vorüber. In Teplitz war ein hübscher Park voller Herren und Damen, ein nettes Theater, gute Musik und ein gutes Wirthshaus. InAußiggingen wir in die Kirche. Eine Mutter trat gerade mit ihrer kleinen Tochter zu gleicher Zeit mit uns ein; sie sprengte dem Kinde etwas Weihwasser aus dem an der Thür stehenden Becken ins Antlitz. Die Kleine wußte noch nicht, was es sei, blinzelte mit den Augen und rieb sie mit den kleinen, niedlichen Händchen: Ein schönes Bild zwischen den Kirchenpfeilern während die Sonne ihre Strahlen vom Fenster schräg durch die kühle Halle sandte. — Wir segelten auf der Elbe nachSchandau, kamen aberpost festum; es waren nur etwa noch ein Dutzend Badegäste dort. AufKönigstein, einer unüberwindlichen Bergveste von der großen Baumeisterin Natur aufgeführt, erstaunten wir über den tiefen Brunnen, der 900 Ellen senkrecht durch den Porphyr hinunter geht. Um uns die Tiefe begreiflich zu machen, senkten die Leute erst einen Kranz mit angezündeten Lichtern hinab. Der Schein verlor sich mehr und mehr und schien zuletzt ganz zu schwinden; aber plötzlich fing es wieder von neuem zu leuchten an und dies war der Widerschein auf der tiefen Wasserfläche des Brunnens; daraufwurde ein Eimer Wasser heraufgeholt und in einem alten Glase, auf dem Verse eingegraben waren, überreichte man uns das demantklare Wasser, eine Gabe von der Unterwelt, das eiskalte Blut des Riesen Ymer. Dann wurde ein Eimer Wasser hinuntergegossen; ich lauschte vergebens, wandte mich zu meinem Reisegefährten und sagte: „Ich habe Nichts gehört, hörten Sie Etwas?“ — „„Still!““ flüsterte er, und in demselben Augenblick fiel das Wasser erst mit rasselndem Tone hinab. — In solchen Augenblicken redet die ewige Naturkraft aus der Ferne mit großen Telegraphenbuchstaben zu unserer Seele.

Reise nach der sächsischen und böhmischen Schweiz.

Auf der Elbe segelten wir nach Dresden zurück und wenn ich die drückende Mittagshitze ausnehme, so hatten wir eine sehr angenehme Reise und sahen die herrlichsten Aussichten und Gebirgsgegenden.

Ich saß bereits mehrere Tage wieder ruhig an meinem Schreibtische, als meine Landsleute von ihrer Fußreise zurückkehrten und sonnenverbrannt, wie die Zigeuner, eintraten. — „Ei,“ rief ich, „seid Ihr endlich wieder da? Allmächtiger Gott, wie seht Ihr aus! Rübezahl hat Euch zu Mohren verwandelt.“ — „„Aber dafür haben wir auch etwas gesehen!““ antwortete Bröndsted mit stolzem Selbstbewußtsein. — „Und wenn ich nun eben so viel gesehen hätte, wie Ihr, obgleich ich bereits seit mehreren Tagen wieder an meiner Arbeit sitze?“ Ich erzählte ihnen meine Abenteuer. „„Je größer der Schelm, je größer das Glück!““ riefen sie Alle. — Kurz darauf reiste Engelbreth nach Dänemark, und ich, der ich zuerst die Absicht gehabt hatte, nach Wien und Italien zu gehen, beschloß, über Weimar mit Koës und Bröndsted nach Paris zu eilen, um in ihrer Gesellschaft zu bleiben.

Briefe aus der Heimath.

Ehe ich von Dresden fortreiste, erhielt ich einen Brief von meiner Schwester:

— — „Seit meinem letzten Schreiben habe ich zwei Briefe für Dich angefangen, aber ich war so unzufrieden damit, daßich sie in Stücke riß, was ich auch gern mit diesem thäte, denn ich bin nie mit Dem zufrieden, was ich schreibe; es steht nie da, was stehen sollte — und kurz — ich kann nur schlecht schreiben. — In diesem Sommer haben wir keine Zimmer auf Frederiksborg, aber der Vater hat mir dagegen eins von den seinigen überlassen. Oersted kommt jeden Abend heraus und geht am Morgen wieder zur Stadt zurück. Mir geht es so sehr gut; ich lebe gerade so, als da ich zu Hause war; ich sitze in dem kleinen Garten und nähe, gehe im Südfelde umher und komme nur zwei Mal in der Woche zur Stadt, wenn ich Klavierunterricht habe. Jeden Sonntag Vormittag ist Anders bei mir und liest mir aus dem Fichte vor. Wir sitzen dann gern im Garten, um es recht ruhig um uns her zu haben; er erklärt mir, was ich nicht verstehe, und ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich bin, wenn ich es fasse und begreife; dann ist mir so, als ob ich eine Offenbarung hätte. Ich schrieb Dir das letzte Mal, daß ich Winkelmann las, und daß das natürlich meine Sehnsucht, Kunstwerke zu sehen, verstärken müsse. Ich habe eine schwache Copie von Raphael's atheniensischer Schule und eine Menge Zeichnungen seiner herrlichen Köpfe bei dem MalerKabot, eine Copie von Christi Grablegung und eine kleine Madonna gesehen, von der er behauptet, daß sie wirklich von Raphael sei. Bei einem Maler Hansen, der vor Kurzem von Rom gekommen ist, habe ich eine Copie von Correggio's schöner Magdalena gesehen, die er selbst gemalt hat[5]. Sie liegt in einem Walde und liest. Ich wurde ganz entzückt über das bezaubernde Spiel von Licht und Schatten. All' das, lieber Adam, sind Dinge von großem Werth für mich, aber nichts im Vergleich mit Dem, was Du sehen kannst.

Ich habe Dir noch nicht für Deinen Hakon Jarl gedankt.Wie kann ich es? Ich habe im Stillen Gott gedankt, daß Du ihn geschrieben hast. Ich spreche nur mit Einzelnen davon; denn ich meine, die Meisten sollten sich nicht unterstehen, darüber zu schwatzen; ihr Lob scheint mir seiner unwürdig; kurz — ich meine, sie sollten schweigen. Ich habe ihn nun vier Mal gehört und kann ihn so ziemlich auswendig. In diesem Sommer habe ich zum ersten Male mehrere von Seelands schönen Gegenden kennen gelernt. Wir sind in Helsingör, Fredensborg, Frederiksborg, Hirschholm und Frederiksdal gewesen. Früher kannte ich ja nichts Anderes, als Frederiksborg; und ob mir dies gleich ebenso schön scheint, wie irgend ein anderer Ort, so hat die Verschiedenheit der Situationen mich doch innig erfreut. Es ist wohl herrlich, von unserm Frederiksborg auf alles Das hinabzuschauen, was uns umgiebt; aber es ist auch unendlich schön, sich in dem ruhigen Fredensborg gleichsam von der ganzen Natur umschlungen zu fühlen; und als Frederiksborg plötzlich aus dem Walde hervortrat, fiel die Stelle mir ein:

„Ein herrlich alter Held ist Hakon Jarl,Er sieht so hoch u. s. w.“

„Ein herrlich alter Held ist Hakon Jarl,Er sieht so hoch u. s. w.“

„Ein herrlich alter Held ist Hakon Jarl,Er sieht so hoch u. s. w.“

Ich habe nie so viel Lust und Lebenskraft gefühlt, wie auf dieser Reise; ich war recht glücklich und dachte oft an Dich. Lebe ich, bis Du nach Hause kommst, so wollen wir diese Tour zusammen machen. „Lebe wohl! Gott segne Dich!“

In diesem Brief lag ein kleines Blättchen von meinem Vater in deutscher Sprache, in der er seit vielen Jahren nicht geschrieben hatte. Es heißt darin:

„Es freuet mich, daß es Dir so wohl geht, und daß DeutschlandsApollDich so liebreich aufgenommen hat. Nun bist Du in Deinen männlichen, kraftvollen Jahren; fliege mit Adlersflügeln, Deiner Kraft gemäß, damit Du der Sonne so nahe kommst, wie die Natur der Dinge es erlaubt. Ich sehe aus Christiane's Brief, daß Du jetzt ein ganzer Deutscher geworden bist. Darum habe ich dieses Mal diese Sprache gewählt.“

Paris in Weimar.

Wie wir aber bereits in Weimar Paris trafen, das wird der Leser in dem Folgenden erfahren.

Ich las damals noch keine Zeitungen. Es ist unbegreiflich, wie junge Leute, welche die Geschichte lieben, sich so wenig um die politischen Begebenheiten bekümmern können, da diese doch die Geschichte des Tages bilden. Weitläufige diplomatische Tiraden und Reden in Friedenszeiten, mit denen die Zeitungen oft angefüllt sind, schrecken davon ab, bis es zur Gewohnheit wird, sich um solche Dinge nicht zu bekümmern; und geschieht dann eine wichtige That, so weiß der junge Mann im Anfange sich nicht recht zu orientiren. Dies ist das Extrem von Dem, in das viele Aeltere verfallen, die vor lauter Zeitungsstudiren oft nicht Zeit haben, ein vernünftiges Wort zu lesen. Nun wußte ich zwar, daß Preußen und Frankreich Krieg mit einander führten; daß aber Napoleon seine Heere zwischen der Elster und Saale zusammenziehen, und so die vereinigten Armeen von der Elbe abschneiden würde, wußten nicht einmal die deutschen Generale, wie konnte es da ein junger dänischer Poet wissen. Besser wäre es freilich gewesen, nach Wien zu reisen, aber Bröndsted und Koës, die eifrige Zeitungsleser waren, versicherten mir, daß es keine Noth habe. Ich fügte mich also, um mich nicht von den lieben Landsleuten zu trennen, und um Göthe noch ein Mal zu sehen. Als wir nach Weimar kamen, trafen wir ihn im Schauspielhause in seiner Loge. „Nun seid Ihr,“ sagte er, „wo Ihr billig nicht sein solltet; weil Ihr aber hier seid, so seid willkommen!“ Diesen Abend und den nächsten Mittag brachte ich noch in der Annehmlichkeit des Friedens bei ihm zu. Wir fanden es nicht rathsam, weiter zu reisen; wir beschlossen in Weimar zu bleiben, um den Ausfall des Kampfes abzuwarten und sahen ihn denn auch bald in der Nähe.

Die Schlacht bei Jena.

Das preußische Hauptquartier kam nach Weimar; auch der König und die Königin. An jedem Tage sahen wir die Straßenvoll hübsch gewachsener preußischer Officiere, die sehr Wichtiges mit einander verhandelten und in Schriften hinein blickten. Es wurde an jedem Abend Theater gespielt. Das Lager war außerhalb Weimar aufgeschlagen; ich durchwanderte es mit Göthe und dachte an Wallensteins Lager in Schiller's Drama. Welch' wunderbare, große bewegliche Stadt voll kleiner Hütten, woselbst die wildesten Krieger doch täglich einige Stunden Frieden halten müssen, während sie essen, trinken und schlafen. Die Marketenderinnen sind ein eigenthümlicher Menschenschlag. Der Krieger bedarf noch der Pflege des Weibes und ein Marketender ist Nichts gegen eine Marketenderin. Ich dachte an die vortrefflich geschilderte in Wallensteins Lager, auch an den leichtfertigenCouragein dem alten Roman von Simplicissimus; und endlich an die cimbrischen Frauen, die sich verzweifelt an die Roßschweife hingen, wenn ihre Männer aus der verlorenen Schlacht flohen.

Nun näherte sich der 14. October 1806. Bereits einige Tage im Voraus hörten wir die Kanonen in weiter Ferne donnern. Jetzt kamen sie näher. Man hatte im Anfange gar keine Idee, wo die Schlacht sein würde. Ich lief vom Gasthofe zum Elephanten, wo ich wohnte, nach Göthe's Haus. Da gab man mir den Trost, daß der Kampf sich von unserer Gegend weggezogen habe; als ich aber nach Hause ging, stand der SatyrikerFalkbleich und unbeweglich, wie eine Bildsäule auf der Straße. Er versicherte mir, daß Alles verloren sei! — Kurz vorher hatten wir preußische Reiter auf dem Markt eroberte französische Pferde verhandeln sehen, nun flohen Preußen haufenweise aus der Schlacht mit verhängten Zügeln in gestrecktem Galopp durch die Stadt. „Wo führt der Weg in die Berge?“ riefen sie, indem sie an uns vorübereilten. — „Hier giebt es keine Berge!“ — „Wo giebt es dann einen Weg, wo keine Franzosen sind?“ fragten sie und verschwanden wieder, ohne die Antwort abzuwarten, wie ein Zugwind aus der Stadt.

Es wurde ein junger schlesischer verwundetet Officier in unsern Gasthof gebracht. Eine Kanonenkugel hatte ihm ein Stück Fleisch aus dem Schenkel gerissen und er war ausgeplündert. Bröndsted lieh ihm eine nicht unbedeutende Summe Geldes. Ein Feldscherer, ein närrischer Gesell, der uns in Friedenszeiten amüsirt haben würde, mißfiel uns nun im höchsten Grade. Er lief in bloßen Hemdsärmeln, mit einem großen, dreieckigen Hute umher, und kaum hatte er den armen Menschen verbunden, als er den Verband wieder auflöste, um es besser, oder — schlechter zu machen. Der Verwundete starb ein paar Tage darauf; und es hätte wohl keine Hülfe für ihn gegeben, selbst wenn er in bessere Hände gefallen wäre. Ein Jahr darauf bekam Bröndsted sein Geld von Schlesien geschickt, mit großem Dank von den Eltern, daß er ihren Sohn in der Todesstunde erquickt habe.


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