Die neutralen Dänen in Weimar.
Während der Schlacht las ich Smollet's Peregrine Pickle, der mich unendlich langweilte; und ich begriff nicht, wie man poetisch so trivial sein könnte, wenn es in der wirklichen Welt so feierlich zugeht. Nun fingen die Franzosen an, mit Kanonen in die Stadt zu schießen. Bei dem ersten Schuß, durch den das Haus zitterte, ging ich unwillkürlich hin, und schloß das offenstehende Fenster. Ich mußte über meine Vorsicht lachen, als ich ihrer bewußt wurde. Ich setzte mich auf die Treppe in den Kellerhals um nicht verwundet zu werden, und als Bröndsted und Koës sahen, daß ich Muth genug hatte, meine Furcht vor den Kanonenkugeln einzugestehen, folgten sie meinem Beispiel.
Wir sahen voraus, daß, wenn die Preußen in die Stadt flüchteten, es hier so gehen würde, wie in Lübeck. Dies war ein entsetzlicher Gedanke. Ich fing auf der Kellertreppe auch an, einen kleinen Krieg gegen meine Landsleute zu führen, und ihnen Vorwürfe zu machen, daß sie die Zeitungen nicht besser gelesen hatten, da sie sich doch damit abgaben, und da sie mich davon abgehalten hatten, auszuführen, wozu der gesunde Verstandmir gerathen. Sie vertheidigten sich, so gut sie konnten; wir fanden es bald rathsam, unter einander Frieden zu schließen und trösteten uns damit, daß unsere dänische Neutralität uns beschützen würde. Die Kanonenschüsse hörten nach und nach auf. Das Geld, von dem wir alle drei den ganzen Winter in Paris leben sollten, hatten wir gerade aus Leipzig in guten Napoleond'ors geholt. Wir theilten die Summe in drei gleiche Theile und banden sie in unsere Halstücher, hinten im Nacken, wo die Franzosen sie leicht gefunden haben würden, wenn wir nicht mehr Glück als Verstand gehabt hätten.
Artige Franzosen.
Plötzlich wurde es in Weimar still, wie in einem Grabe. Alle Läden waren geschlossen, keinen Menschen sah man auf der Straße, und die Octobersonne schien durch den Pulverdampf, der die Lust erfüllte, wie ein bleicher Nachtmond. Nun ritten die Franzosen im Anfange ganz ordentlich haufenweise in die Stadt und quartirten sich in den Häusern ein. Unser Wirth war ganz verdreht im Kopf, umarmte einen kleinen Jungen, der schiefe Beine hatte, und, rief: „Ach mein liebes Kind, wenn sie Dir nur Nichts zu leide thun!“ Ich dachte an den Apotheker in Aladdin. Wir riethen dem Wirth, alle Schränke aufzumachen, und den Husaren, die sich näherten, mit Herzensstärkungen entgegen zu kommen. Acht hübsche, sonnenverbrannte Männer, ganz außer Athem und heiß vom Kampfe, hielten an der Thür „Bourgeois!“ riefen sie von ihren Pferden, „du vin! de l'eau de vie! du Kirswaser!“ Der Wirth kam mit Flaschen heraus: sie setzten sie an den Mund und leerten sie mit langen Zügen. Drauf stiegen sie ab und gingen ins Zimmer; größtentheils Unterofficiere. Wir zeigten ihnen unsere Pässe und beriefen uns auf unsere dänische Neutralität. Sie versicherten uns höflich, daß wir Nichts zu fürchten hätten. Von den Preußen sagten sie: „Ils se battent bien, mais ils ne comprennent pas la guerre.“ Der eine Unterofficier wollte sich eine warme,wollene Nachtjacke kaufen. Wir ließen gleich einen Krämer holen, der Kriegsmann bekam die Jacke und fragte nach dem Preise. Wir zupften den Krämer am Rock; er verstand uns und versicherte, daß er nicht einen Pfennig dafür nehmen würde. „Ah, monsieur! vous êtes très honnete!“ sagte der Franzose, und der Krämer eilte fort, um nicht mehrere Jacken auf diese Art zu verkaufen.
Nun setzten die Franzosen sich zu Tisch, und trotz der außerordentlichen Menge, die in die Stadt eingedrungen war, und alle Häuser füllte, herrschte in den ersten Stunden doch die vollständigste Stille und Ruhe; worüber man sich nicht wundern darf: sie kamen Alle aus der Schlacht und waren müde, hungrig und durstig.
„Aber nachdem die Begierde der Speis' und des Trankes gestillt war“
„Aber nachdem die Begierde der Speis' und des Trankes gestillt war“
und als sie sich „im Wechselgespräch mit einander über die gewonnene Schlacht erfreut hatten,“ — da gingen sie auf Abenteuer aus, um Beute zu suchen, und da fing das Unglück an.
Plünderung in Weimar.
Glücklicherweise hatten wir sehr ordentliche Soldaten in unser Haus bekommen, die uns halfen, das Thor gegen die Menge zu vertheidigen, welche eindringen wollte. Ein abscheulicher Marodeur wollte sich gerade zu uns hinschleichen, als unser braver Unterofficier ihn in den Nacken faßte und mit den Worten in den Rinnstein hinauswarf: „Brigand! je t'écraserai la tête!“ Nun versperrten wir das Thor mit Steinen und Balken. Draußen auf dem Platze bivouaquirten Soldaten, die in den Häusern nicht Platz gefunden hatten, zu Hunderten. Ihre Gewehre standen in Piramiden aufgestellt; sie selbst lagen in ihren Mänteln und es brannte Feuer, an dem sie sich erwärmen konnten. Müde von der Spannung und Angst des Tages, warfen Koës und Bröndsted sich auf das Bett und ich mich auf das Sopha. Wir hatten im obersten Stockwerk ein paar kleineZimmer bekommen; die Franzosen schwelgten unten in der Stube und ließen sich in ihrer Freude nicht durch den jungen schlesischen Officier stören, der neben ihnen auf einer Bank mit dem Tode kämpfte. — Ich war endlich eingeschlummert, als mich ein Laut wieder weckte; es kam mir vor, als ob ich Katzen miauen hörte. Ich schlage die Augen auf, es ist ganz hell in der Stube; ich trete ans Fenster: die Stadt brennt! Ich höre wieder das eigenthümliche Geschrei — es sind heulende Frauen und Kinder!
Einen gräßlicheren Augenblick habe ich nicht erlebt. „Gott!“ rief ich und rang meine Hände, „zu welchem Entsetzen sind wir hier leichtsinnig hergeeilt.“ Magdeburgs Zerstörung stand klar vor meiner Phantasie. — Glücklicherweise wurde das Feuer gleich gedämpft, das einige Schurken angezündet hatten, um dabei besser plündern zu können. Unser Haus blieb verschont. Streng genommen wurde doch die Stadt geplündert; außerdem geschahen keine Verbrechen. Der Vater unsres Wirthes hatte aus seinem Keller eine eiserne Kiste verloren, in der er 600 Thlr. hatte. Mochte es nun sein, weil wir in den Bodenkammern wohnten, oder unsere dänische Neutralität, oder, wie gesagt, das reine Glück, das uns beschützte, genug: wir verloren Nichts von dem in unsere Halstücher eingebundenen Golde. Den Tag nach der Schlacht kamen die Generale Augereau und Berthier in den „Elephanten“; sie nahmen freilich das ganze Haus in Besitz mit Küche und Keller, ließen uns aber doch unsere Bodenkammer. Nun mußten wir uns den ganzen Tag mit einer Brotrinde und einem Glase Wein begnügen, während die französischen Officiere unten prassten und schwelgten. Aber wir hatten den Trost, eine Schildwache alssauve-gardevor dem Hause zu sehen. Sobald Napoleon kam, hörte das Plündern auf; leider aber zu spät. Es war nicht mehr viel zu nehmen. Die Räuberei wurde streng verboten, und wir hörten täglich sieben, acht Mal in Garten die Büchsen knallen, wo die Diebe gleich erschossen wurden. Als der Kaiser kam, soll er der Herzogin, die ihn im Schloßportale empfing, zugerufen haben: „Eh bien!Vous avez voulu la guerre! La voilà!“ Aber bald gewann sie ihn durch ihre Milde und ihren Verstand. General Schmettau wurde ein paar Tage darauf von den Franzosen mit allen militärischen Ehren begraben; es war den tief gebeugten Deutschen, welche zugegen waren, als ob Deutschlands Freiheit und Selbstständigkeit mit dem Gefallenen zugleich begraben würde.
Napoleon in Weimar. — Schmettau's Beerdigung.
Ein junger, halberwachsener Mensch, Boie, von Voß's Bekanntschaft, war lustig und guten Muths und da er etwas Französisch konnte, gebrauchte man ihn als Dolmetscher. Wir gingen eines Tages mit ihm zum Hause hinaus, wo die Schildwache stand. „Qui êtes vous?“ fragte der Soldat stolz. „Je suis un espion!“ antwortete der Jüngling lustig. — „Comment!“ rief der erzürnte Franzose und fällte das Gewehr. Wir baten ihn um Gotteswillen, die „mauvaise plaisanterie“ des jungen Mannes nicht übelzunehmen. Mit Mühe beruhigten wir den Kriegsmann, der den Spion arretiren wollte; endlich glückte es uns doch, ihn zu befreien. Wir verbaten uns solch' dreiste Späße für die Zukunft.
Göthe's Verheirathung.
Göthe machte während der Schlacht mit Fräulein Vulpius Hochzeit. Er hatte wohl lange schon an diesen Schritt gedacht, um seinem Sohne verheirathete Eltern zu geben; aber um dem Komischen zu entgehen, das darin liegt, daß ein älteres Paar mit dem Anfange endigt (le commencement de la fin, wie Talleyrand es nannte, als Napoleon zu fallen begann), hatte er es wohl aufgeschoben, und um, wie Tell bei Schiller, den Apfel vom Haupt des Sohnes abzuschießen, während Geßler stritt, ging er mit einer alten Haushälterin in die Kirche, während die Kanonen mit ihren entsetzlichen Glocken auf Jenas Fluren läuteten, und kehrte mit ihr zurück, ohne daß es die geringste Veränderung in Etwas machte, außer daß sie nun Frau Geheimräthin von Göthe hieß. Wenn man sie sah, konnte man nicht begreifen, wie sie Göthe's Geliebte geworden war.Sie glich weder Lotten, noch Klärchen, noch Gretchen, weder den Leonoren, noch der Iphigenie; wenn sie überhaupt einer der Göthe'schen Gestalten glich, so glich sie der Braut von Korinth, aber in entgegengesetzter Bedeutung, denn nicht der Geist sondern der Körper spukte. Für Poesie hatte sie durchaus keinen Sinn, und Göthe sagte einmal selbst im Scherz: „Es ist doch wunderlich, die Kleine kann gar kein Gedicht verstehen.“ In ihrer Jugend war sie frisch gewesen, voll und rothwangig war sie noch, aber ganz aus der niederländischen Schule; obgleich, wie gesagt, durchaus kein Klärchen. Sie war eine Schwester des berühmten Verfassers des Rinaldo Rinaldini und Rinaldo Rinaldini hatte eine Zeitlang wohl mehr Bewunderer in Deutschland gehabt, als Wilhelm Meister. Die Neuvermählte erwies ihrem Manne stets Ehrerbietung und nannte ihn immer „Herr Geheimrath.“ Das thaten wir andern auch. Als ich ihn im Anfange Excellenz nannte, sagte er gutmüthig: „Lassen Sie es beim Geheimrath bewenden!“ und dieser Titel klingt in Deutschland sehr bürgerlich; Frau Göthe war von einer raschen beweglichen Natur und hielt nicht viel von dem stillen Leben, das ihr Mann führte. „Der Herr Geheimerath und ich“ — soll sie einmal gesagt haben — „wir sitzen immer und sehen einander an. Das wird am Ende langweilig.“ Das Schauspielerpersonal huldigte ihr übrigens mit vieler Aufmerksamkeit und setzte so Eins oder das Andere durch. Göthe war nämlich Chef des Theaters und das merkte man. Obgleich der Herzog nicht die Mittel hatte, große Talente zu belohnen, so wußte Göthe doch meisterhaft zu benutzen, was er hatte. Man sah nichts Schlechtes, nichts Geschmackloses; die Affectation, die in Deutschland so oft verletzt, war hier verbannt; die Provinzialdialecte verschmolzen zu einer gebildeten Sprache. Schiller's Wallenstein's Lager und Wallenstein's Tod wurden edel aufgeführt, und selbst das Lied von der Glocke, das Göthe wunderlicherweise auf die Bühne brachte, wurde so natürlich, als es möglich ist, gegeben, wenn man die subjectiven lyrischen Ergüsseeines Dichters als dramatische Scene verschiedenen Menschen in den Mund legt. Als ein Beweis dafür, daß die Achtung, in der Göthe stand, selbst stark genug war, um den Uebermuth der jenensischen Studenten zu zügeln, mag Folgendes dienen: Kurz vorher waren sieen masseim Schauspielhause in Weimar gewesen und hatten tüchtig gelärmt. Göthe erhob sich in seiner Loge und rief ihnen laut zu: „Still! still! bedenkt, wo Ihr seid!“ und es wurde still; nicht weil der Minister sie daran erinnerte, daß sie in einem fürstlichen Theater seien, sondern weil der große Dichter sie daran erinnerte, daß sie sich im Tempel der Musen befänden. Man spielte Schiller's Räuber. Wenn auf andern Theatern das Lied: „Ein freies Leben führen wir,“ gesungen wurde, pflegten die Studenten im Parterre oft mitzusingen. Nun aber sandten sie zuerst sehr ehrerbietig eine Deputation an Göthe in seine Loge, und baten um die Erlaubniß dazu, die sie auch erhielten. Aber Göthe mußte immer lachen, wenn er sich später dieses Liedes erinnerte; denn imponirt durch seine erste Ermahnung, hatten sie die Courage ganz verloren und sangen „Ein freies Leben führen wir“ so langsam und zahm, wie man beim Begräbniß singt: „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende.“
Göthe und die Jenenser Studenten.
Ich sah zuweilen Falk bei Göthe. Eines Mittags hielt er uns eine lange Vorlesung und ich wunderte mich über die Geduld, mit der ihn Göthe angehört hatte. „Nun,“ entgegnete Göthe, „wenn ein Mensch so mit einer Tafel auf der Brust zu mir kommt, auf die er Alles geschrieben hat, was in ihm wohnt, so kann ich mich wohl einmal darein finden, zu lesen, was darauf steht.“ — Er war nicht immer so geduldig; es mußte auch Etwas auf der Tafel stehen. Ein junger Baron kam ihm einmal mit erschrecklich großen Lobreden entgegen, aber auch mit sehr eingebildeten Erklärungen über Göthe's Genie, die kein Ende nahmen. Als er fertig war, sagte Göthe: „Sie hören sich gerne selbst reden, Herr Baron!“ und kehrte ihm den Rücken zu. Göthe haßte die Affectation. Er saß einmal bei einerMittagstafel zwischen zwei Fräulein vom Lande. Das eine war sehr ästhetisch, das andere geradezu und prosaisch. Das ästhetische hatte ihn lange mit ihren närrischen Entzückungen und sublimen Affectationen ermüdet. Als eine Ananas gegessen wurde, rief es: „Ach, ach, Herr Geheimerath! so eine Ananas riecht doch ganz göttlich!“ — „Hm!“ sagte Göthe, „woher wissen Sie denn eigentlich, wie die Götter riechen?“ Drauf wandte er sich an das andere und fragte: „Wie viel Kühe hat Ihr Vater, Fräulein?“
Reise nach Gotha.
Wir speisten noch einmal bei Göthe zu Tische und verließen darauf Weimar, das aus einem Musensitze in ein Lazareth verwandelt war, und wo das hübsche Theater, das so viele Jahre hindurch ein Tempel für Göthe's und Schiller's Meisterstücke gewesen, nun ein Hospital für sterbende Krieger und verwundete Krüppel bildete.
Wir reisten nach Gotha, sobald wir Pferde bekommen konnten. Oft fuhr der Postillon uns über gepflügte Aecker, und wenn wir ihm das vorwarfen, antwortete er: „Ha! 's ist Krieg!“ Wir holten mehrere Colonnen preußischer Kriegsgefangner ein, die nach Frankreich geschafft wurden. Wir zeigten unsere Pässe und man erlaubte uns höflich, weiterzufahren. Nur einmal wollte ein betrunkener Husarenunteroffizier von Darmstadt es nicht erlauben; er ritt uns auf den Leib, schwang seinen Säbel und drohte, uns die Köpfe zu spalten, wenn wir einen Schritt an der Colonne vorüberführen. Andere Unterofficiere kamen hinzu und riefen: „Fahren Sie nur! er ist betrunken, er thut Ihnen Nichts!“ — Aber gerade weil er betrunken war, glaubten wir, daß er vielleicht erst recht Lust bekommen könne, uns Etwas zu thun. Wir fuhren Schritt für Schritt hinterher und so kamen wir endlich nach Gotha. Hier standen wir nun in einem friedlichen Lande, denn der Herzog hatte keinen Theil am Kriege genommen. Wir waren also in vollständiger Sicherheit und nicht mehr der Willkür der Gewaltausgesetzt. — O, wie wohl that es mir, alte Bücher aus einer Leihbibliothek zu holen, und mich bei dem vertraulichen sichern Theetische mit meinen Freunden nach so vielen überstandenen Mühseligkeiten und Gefahren in den idyllisch ruhigen Zustand meiner Kindheit hinzuzaubern.
Ankunft in Frankfurt.
Nun rollte ich also mit meinen Landsleuten davon; wenn ich zuweilen Heimweh fühlte, so tröstete ich mich damit, ihre lieben nordischen Gesichter anzusehen. Sie waren sehr verschieden und doch wahre Freunde. Koës, (der später in Griechenland starb) war ein geistvoller, lebhafter Jüngling, obwohl bleich und mager; Bröndsted, der später durch sein gelehrtes Werk über Griechenland berühmt wurde, war damals, was er bis zu seinem Tode blieb, baumstark, geschmeidig, untersetzt, voller Jovialität und Vertrauen, freundlich und theilnehmend. Koës war mehr still, verschwiegen und zurückhaltend; man mußte ihn gut kennen, wenn er sich aussprechen sollte. Sein mildes, sinniges Wesen war nicht weniger angenehm.
In Göthe's Geburtsstadt, dem muntern Frankfurt, blieben wir einige Tage. Den guten Rheinwein genossen wir sowohl in ungepreßtem Zustand als Trauben sowie in gepreßtem, als vortrefflichen „Dreiundachtziger“; denn „der Elfter“ konnte von uns noch nicht genossen werden, da er erst fünf Jahre später wuchs.
P. A. Heiberg.
In einer kleinen deutschen Grenzstadt mußten wir einige Stunden auf frische Pferde warten; es war schwierig welche zu bekommen, denn Talleyrand fuhr gerade durch die Stadt. Er sollte nach Berlin, um das nördliche Deutschland in Ordnung zu bringen, da es jetzt wie eine eroberte Provinz behandelt wurde. Ich sehe zum Fenster hinaus und sage verwundert zu Bröndsted: „Entweder betrügen mich meine Augen, oder P. A.Heibergsteht unten auf der Straße.“ So war es. P. A.Heiberg war im Gefolge Talleyrand's. Ich hatte große Lust, einmal mit diesem talentvollen Manne zu sprechen; seine komisch dramatische Laune hatte mich oft amüsirt; als politischen Schriftsteller kannte ich ihn wenig. Ich ging ihm freundlich entgegen; aber er war kalt, und ich merkte gleich, daß wir nicht sympathisirten. Er stand sowohl politisch, wie auch ästhetisch ganz auf der französischen, ich auf der deutschen Seite des Rheins. Zehn Jahre darauf sprach ich doch zuweilen mit ihm in Paris. In derrevue encyclopédiquehat er mich später oft getadelt. In einer Vorrede zu seinen dänischen Schauspielern sagt er, daß ich seine dramatischen Verdienste geringgeachtet haben solle, was nie der Fall war. Ich habe im Gegentheil oft mit ihm selbst darüber disputirt, daß er ein guter komischer Dichter sei, was er leugnete. Aber das muß er vergessen haben. Besonders hat er es mir übelgenommen, daß ich in einem Gedicht: „Das Gypsbild“ in meiner Langelandsreise (gewiß zu voltairisch übertrieben) Voltaire angetastet hatte. In einer spätern Ausgabe wollte Herr Heiberg durchaus keine Veränderung sehen, obgleich ich die Ausdrücke sehr gemildert hatte.
Erster Eindruck von Paris.
Wir kamen über den schönen Rhein, nach der unschönen Champagne, wo die Natur, wie ich glaube, so viel mit dem lieblichen Wein zu thun hatte, daß ihr nicht Zeit blieb, an andere Vollkommenheiten zu denken. NachChalonskam ich noch an meinem Geburtstage, dem vierzehnten November; und als die guten Genossen meine Gesundheit bei einer Flasche Champagner von der besten Sorte getrunken hatten, hielten wir Dänen am nächsten Tage unsern Einzug in Paris, wo die große steinerneporte St. Martin, wie ein freistehender Triumphbogen, uns zu den schönen Boulevards hinwinkte.
Als wir durch die Vorstadt kamen, wunderte ich mich fast darüber, daß diese häßliche armselige Stadt Paris sein sollte; ich glaubte, der Kutscher hätte sich im Wege geirrt und uns ineine verfallene Provinzialstadt geführt. Wie verschieden ist der Eindruck von dem, den viele andere Städte machen, wo schöne Alleen mit herrlichen Lusthäusern und Gärten die Erwartung spannen und sie zuweilen überspannen, wenn man die Schale besser findet, als den Kern. Hier geht es entgegengesetzt: Paris liegt, wie eine Wallnuß in der großen äußern schmutzigen Schale, die die Finger befleckt, wenn man sie angreift; aber kaum kamen wir durch die harte Schale — ich meine die Ehrenpforte, die Ludwig XIV. sich selbst gebaut hat, so fanden wir den Kern angenehm. Es kam mir vor, als wenn ich von allen Seiten den Chor aus meinem Sct.-Hans-Abendspiel hörte:
„Allons, Allons, Courage!Schöne Raritäten, Scherz und Spiel u. s. w.“
„Allons, Allons, Courage!Schöne Raritäten, Scherz und Spiel u. s. w.“
„Allons, Allons, Courage!Schöne Raritäten, Scherz und Spiel u. s. w.“
Deutsches Studium in Paris.
Paris ist so oft und so gut beschrieben, daß es eine Thorheit wäre, es von Neuem zu thun. Es giebt Reisende, die aus keinem andern Grunde reisen, als nur um zu beschreiben. Viele, die bequem sind und sich nicht rühren mögen, setzen sich gleich, wenn sie nach einem so merkwürdigen Orte kommen, mit allen Büchern, die sie erwischen können hin und schreiben nun einen Auszug Dessen, was sie gelesen haben; was ungefähr so ist, wie die Ragouts, die man in sparsamen Haushaltungen am Sonnabend von den Ueberresten der ganzen Woche bekommt. Andere — und besonders die Engländer — laufen wie toll mit der Zunge zum Halse heraus, um Alles zu sehen; nicht, um es zu genießen, zu fühlen, sondern um mit beruhigtem Gewissen sagen zu können: „Wir haben es selbst gesehen!“ was doch eine Lüge ist; denn was wie ein Blitz vorübereilt, sieht man nicht mit dem Auge der Seele! — Ich fing es hier auf eine ganz andere Art an. Ich hatte beschlossen, eine geraume Zeit in Paris zu bleiben. Zwei Dinge wollte ich ordentlich lernen: erstens Französisch zu verstehen; denn ich verstand nicht ein Wort, wenn man rasch sprach, und hatte nicht viel mehr gelernt, als was Herr Horslund mir in der Schule für dieNachwelt einprügelte, nämlich:Fenelon's Telemaque, Marmontel's contes moreauxund das schwierigste aller Zeitwörter:s'en aller, fortgehen. Nun war ich fortgegangen und hoffte, daß das Andere Alles von selbst kommen würde. Darauf wollte ich es dahin bringen, gut Deutsch zu schreiben, d. h. — in dieser Sprache auf eine Weise dichten, die sich der der Besten nähern konnte. Dies schien mir viel leichter. Ich hielt es für leichter, Deutsch, wie ein eingeborner deutscher Dichter zu schreiben, als soviel Französisch zu lernen, daß ich mich, sowie viele tausend Fremde, in der gewöhnlichen Conversation mit Leichtigkeit ausdrücken könne. Meine erste und wichtigste Beschäftigung in Paris war also, Deutsch zu dichten. Es gab Deutsche genug dort, mit denen ich täglich umgehen und mich üben konnte. Ich hatte den Aladdin bereits in Weimar und Jena übersetzt; hatte das Manuscript an Frommann in Jena verkauft und hatte es bei Dr. Riemer, Göthe's allersecretestem Secretair (d. h. der nach dem Dictat alle Werke Göthe's schrieb) zurückgelassen. Aber ich erhielt den Aladdin mit einem sehr freundlichen und hübschen Briefe wieder, in dem ungefähr stand: „Als Du uns den Aladdin vom Blatte übersetztest, wußtest Du mit einer gewissen naiven, schelmischen Laune selbst den Sprachfehlern etwas Poetisches, Angenehmes zu geben, das sowohl Göthe, wie mich bestach; nun aber, da die todten Buchstaben vor uns liegen und wir die Worte corrigiren sollen, sehen wir, daß es eine Unmöglichkeit ist. Es wäre Sünde, wenn dieses Werk nicht all' die Vollendung in der Sprache haben sollte, die möglich ist; und die kann ihm Keiner geben, als Du selbst. Du hast nun größere Fertigkeiten erlangt, und mußt Deinen Aladdin von vorn bis hinten ganz umarbeiten.“ Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Kaum war ich etwas heimisch in Paris, als ich mit größter Lust und mit Fleiß von vorn wieder anfing; und ein paar Monate darauf hatte ich Aladdin wieder fertig, so wie er bei Brockhaus in Amsterdam erschien. Dr. Koreff half mir freundschaftlich dabei, die Sprachfehler zu corrigiren, und erstnachdem er und andere geschmackvolle Deutsche mich versichert hatten, daß Aladdin im „Genius der Sprache“ gedichtet sei, sandte ich das Manuscript zum Druck fort.
Ich ließ Bröndsted und Koës für alle weltlichen Dinge sorgen, was unsere Haushaltung betraf. Wir waren in dasHôtel de Strassbourg,rue de la loi, wie dierue Richelieudamals hieß, gekommen, aber wir merkten bald daß es zu theuer sei, und zogen deshalb in dasHôtel de Hollande,rue des bons enfans, wo es auch zu viel billigerem Preise sehr gut war und wo wir neben einander wohnten.
Eine Pariserin.
Während wir uns in den ersten Tagen noch imHôtel de Strassbourgaufhielten, ereignete sich eine komische Begebenheit, die ich als Beweis für meine Unwissenheit im Französischen, so wie für Koës' und Bröndsted's Unerfahrenheit, wenn auch nicht gerade in der Sprache, so doch in der Lebensweise, erzählen will. Wir bekamen ein Billet von einer Dame, welche uns gegenüber in einem Hôtel wohnte, ob wir ihr die Ehre erweisen wollten, sie zu besuchen, sie hätte mit uns über einige Bekannte, die uns nahe ständen, Etwas zu sprechen. Wir glaubten Nachrichten von der Heimath oder aus Deutschland zu erhalten, gingen also gleich hinüber und kamen in hübsche Zimmer, wo eine ältere Dame, die aber noch recht hübsch und außerordentlich elegant gekleidet war, uns mit einer Grazie empfing, die der Pariserin eigen ist, und uns bat, am Kamine Platz zu nehmen, und mit Bröndsted und Koës ein Gespräch begann, da sie gleich bemerkte, daß ich nur als stumme Person mitgekommen sei. Was sie sagte, konnte ich gar nicht verstehen, da sie sehr rasch sprach; nur machte es mir Vergnügen, ihre liebenswürdige Virtuosität im Vortrage zu bewundern. Nachdem sie fertig war, erhoben sich Bröndsted und Koës, — der Letztere mit einem Lächeln, das characteristisch für ihn war, wenn Etwas vorfiel, was ihm nicht gefiel, wo er sich aber aus Höflichkeit doch nicht weiter einlassen wollte. — Sie begleitete uns sehr anmuthig bis zur Thür; ich verbeugte mich mehrere Male ehrerbietig vorihr auf der Treppe — und erst als wir auf die Straße gekommen waren, sagte mir das Lachen der Andern, was ich gleich hätte begreifen und verstehen sollen, wenn ich nicht so unwissend und unerfahren im Französischen gewesen wäre.
Kaum hatten wir uns häuslich wie gute Kinder imHôtel des bons enfanseingerichtet, als Jeder sich in seinem Winkel fleißig an die Arbeit setzte; Bröndsted und Koës bereiteten sich auf ihre griechische Reise vor, jener besonders, indem er Villoison's Papiere studirte. Ich schrieb bald Deutsch, bald dichtete ich Dänisch und bald las ich Französisch. Mittags aßen wir größtentheils bei Grignon, und am Abend war ich im Theater; Koës kam auch oft dahin, aber Bröndsted seltener; er liebte es mehr, in den Abendstunden bei einer Pfeife Tabak zu musiciren.
Französische Lehrstunden.
Ich hatte einen sehr guten Lehrer im Französischen,Depping, bekommen, später durch sein Werk über die Normannen, seine interessante Lebensbeschreibung und viele andere Schriften bekannt. In dieser Lebensbeschreibung, in der er meiner übrigens sehr freundschaftlich und schmeichelhaft erwähnt, scherzt er darüber, daß ich nur langsam Fortschritte im Französischen machte; daß wir die Stunden oft mit Gesprächen zubrachten, in denen er mehr von mir, als ich von ihm lernte; daß ich das Französische nicht als eine richtige Sprache gelten lassen wollte &c., und darauf ruft er scherzend aus: „diem et oleum perdidi!“ — Aber auf demselben Blatte erzählte er auch, daß ich Frau Staël's Improvisation der Corinna in deutsche Verse übertrug, daß ich ganze Scenen des Corneille parodirte &c., welches doch nicht hätte geschehen können, wenn ich nicht in seiner Stunde einige Fortschritte im Französischen gemacht hätte.
Umgang mit dem dänischen Minister Dreyer.
Wir besuchten oft unsern MinisterDreyer, einen freundlichen alten Mann, groß, gut gewachsen, gesund und frisch, einen klugen, muntern Kopf mit vieler Menschenkenntniß. Napoleonachtete ihn höher und konnte ihn besser leiden, als viele andere Minister. Er lud uns oft zu Tisch, war nicht kleinlich eitel, und schämte sich durchaus nicht seiner bürgerlichen Herkunft; im Gegentheil amüsirte es ihn, mit uns von seiner Jugend, den damaligen Sitten und davon zu sprechen, auf welche Weise er unter Struensee sein Glück gemacht hatte. In meiner Jugend hatte ich zuweilen mit meinen Eltern einen Kupferschmied, einen Vetter von ihm, besucht, und deshalb, glaube ich, konnte mich der Minister noch besser leiden; er nannte mich: „Unsern dänischen Voltaire.“ Wir waren oft bei ihm. Ein Mal nahm er uns mit zur Stadt hinaus und tractirte uns da. — Es traf sich gerade, daß ich ihn Excellenz nannte, während der Aufwärter zugegen war; „Ei,“ flüsterte er mir munter ins Ohr, „lassen Sie die Excellenz hier aus dem Spiele, sonst müssen wir mehr bezahlen.“
Das erste Mal, wo wir ihn besuchten, fragte er uns sehr gutmüthig: „Weshalb sind sie denn eigentlich nach Paris gekommen? um sich zu amüsiren, nicht wahr?“ Bröndsted und Koës fingen an, die gelehrten Gesichter etwas zu verziehen und schienen Einwendungen machen zu wollen, aber ich ergriff das Wort, ehe sie anfingen, und rief sehr eifrig: „„Ja, Ew. Excellenz! ganz richtig! nur um uns zu amüsiren. Ich wenigstens komme hauptsächlich deshalb.““ Ich hielt es nämlich immer für meine Dichterpflicht, dasVergnügenzu vertheidigen und es zu Ehre und Würde zu bringen, so wie es meine Pflicht war, es durch Kunst zu veredeln. Eine Periode, die in meine Jugendzeit fiel, laborirte an demAberglauben des Nutzens. Genie, Kunst, Schönheit, Phantasie, Gefühl wurden verachtet und einem guten, gewöhnlichen, hausbackenen Verstande untergeordnet; tägliches Arbeiten wurde mehr gelohnt, als eine ausgezeichnete That. Sclaventhum war etwas Reelles, Heldenthat etwas Phantastisches. Sonderbar genug, daß einKriegoder dieFolgeneines Krieges die Veranlassung zu diesem Aberglauben im Norden gaben; denn im Süden konnte Liebe und Achtung vor derKunst und vor dem Schönen nie so vollständig verdrängt werden, wenn daselbst auch lange keine Genies entstanden. Ich nenne es sonderbar; denn sonst stehen Held und Dichter ja in naher Sympathie. Mars kann nicht den Apoll, Thor nicht den Bragi entbehren; Olaf der Heilige mußte alle seine Skjalden im innern Kreise der Schlacht haben, um zu verewigen, was sonst gleich dem Donner im Fluge der Wolken in ewiges Vergessen sinken würde. — Auch Napoleon achtete die Dichtkunst und sagte: „Wenn Corneille lebte, würde ich ihn zum Herzoge machen.“
Der Aberglaube des Nutzens.
Also: jener prosaische — nicht Krieg, denn der war poetisch und schön — aber die prosaische Folge jenes Krieges war, wenn ich es so nennen darf, die nordamerikanische Denkungsweise, die großen Eingang in Europa fand. Als die guten Bürger sich eine freie Existenz geschafft hatten, mußten sie daran denken, die Wälder zu lichten, die Sümpfe auszutrocknen, ihre Häuser und Schiffe zu bauen, Mühlen und Schleusen anzulegen, kurz sich ökonomisch einzurichten. Ein großes Genie und ein großer Mann in dieser Richtung, der Sokrates der neueren Zeit, Franklin, gab den Ton an, und sein Wort und Beispiel hatten einen segensreichen Einfluß auf den Wohlstand der Nordamerikaner. Es war auch ganz gut, daß andere Nationen sich in vieler Beziehung in dieser Richtung bildeten — aber dadurch erhielt das Zeitalter auch ein ganz ökonomisches Gepräge, das Genie und Kunst verachtete. Andere vorhergehende Kriege hatten bereits den Grund gelegt. Nachdem der dreißigjährige Krieg wie ein Scirocco fast jedes poetische Hälmchen ausgedürrt und verbrannt hatte — so daß das ganze geistige Norddeutschland der lüneburger Haide gleich — vollendete der siebenjährige Krieg das Werk, in welchem Werberei, militärischer Despotismus, die Fuchtel, Spießruthen, das Unterofficierwesen dem Asathor den Helm vollständig abriß, den dreieckigen Filzhut tief in die Augen drückte, und ihm den Haselstock in die Hand gab. Statt daß Held und Dichter früher Bruder und Freund gewesen waren, kämpfte nunJakob von Thybo lächerlicherweise mit Stygotius; und wir konnten Holberg's satyrischer Geißel danken, daß jene Tollheit früher bei uns als an vielen anderen Orten, namentlich in Deutschland, aufhörte, das immer entsetzlich lange Zeit braucht, um aus seinen alten Falten zu kommen. So wild, toll und grausam die französische Revolution auch wurde, war sie in ihrem Anfange doch edel und poetisch. Nun hatte ein mächtiger Genius die verwirrten Massen zusammengezwungen, Ordnung in die Ausschweifungen gebracht, die Kräfte zu mächtiger Wirkung gesammelt; es konnte doch trotz der ungeheuren jährlichen Menschenopfer, (die zuletzt auch den Opferpriester trafen) Etwas gedeihen und blühen. Diese letzten Kriege, in denen Landesvertheidigung und Eroberungslust gegen einander ankämpften, waren poetische Kriege, und der Sturm vertrieb den Nebel des Sumpfes. Ich war in eine Stadt gekommen, die der Sammelplatz für Alles war, was es Wichtiges und Großes in Europa gab, wo der Alexander oder Caesar der Gegenwart Hof hielt. Karl der Große lebte wieder in Paris. Paris fühlte seine Macht, sein Uebergewicht. Die Vergnügungen, die hier stets geblüht hatten, erhielten einen mehr poetischen Character; — und war es also ein Wunder, wenn der junge Dichter hauptsächlich hingekommen war, um sich zuvergnügen?
Apologie des Vergnügens.
Aber auch zum Arbeiten war ich hingekommen; die eine Kunst bedarf der andern. Wenn der Baumeister mit seinem Palast fertig ist, muß der Bildhauer Statuen in die Halle setzen und der Maler Decken und Wände schmücken. Diese Kunstwerke geben dem Palaste höhern Werth; das edle Gebäude, in dem diese Werke sich befinden, verleiht ihnen wiederum Werth. — Die dramatische Poesie bedarf der Malerei, der Musik, des Tanzes, der Mechanik und besonders der Schauspielkunst! War es nun ein Wunder, daß diese schöne, in Paris stets zur höchsten Vollkommenheit gestiegene Kunst, sich die Bewunderung des jungen dramatischen Dichters zuzog? Wenn ich also dem alten Minister sagte, daß ich hauptsächlich nach Paris gekommen war,um mich zu amüsiren, so meinte ich, daß ich jeden Abend ins Schauspiel gehen wolle, damit meinte ich wieder, daß ich meine Kunst studiren, und mein Vergnügen mit einer ernsten Arbeit vereinigen wollte, ohne welche es kein Vergnügen giebt, da jedes Vergnügen ohne Arbeit bald eine matte, ermüdende Langeweile wird.
Künstlerische Befähigung der Franzosen.
Die Franzosen sind stets viel vortrefflichere Schauspieler als Dichter gewesen. Zu einem großen Dichter gehört eine ruhige, einsam wirkende Kraft. Die geschmeidige Empfänglichkeit, Aufmerksamkeit, Leichtbeweglichkeit, das rasch aufflackernde Feuer, die witzige Munterkeit und Grazie des Franzosen machen ihn sehr geeignet zur Schauspielkunst, die zwar auch selbstständig ist, aber doch nicht so wie die andern Künste; die wohl auch Erfindungsgabe fordert, aber doch mehr um die gegebenen Zeichnungen zu Gemälden auszuführen, als von Anfang an zu zeichnen und selbst zu erfinden. Die schnell aufflammende Begeisterung des Franzosen, die dem Feuerwerke gleicht, das leicht kommt und verschwindet, macht ihn auch wohl zum tragischen Schauspieler geeignet, um in einzelnen Scenen darzustellen, was der Dichter in längerer Zeit ruhig gedacht, gefühlt und ausgeführt hat. — Bereits der Roscius der Römer war ein Gallier, der Garrick der Britten (Garrique) war von französischer Familie, und nun stand Talma — als der große Schauspieler und — als Napoleon's Freund da.
Napoleon und Talma.
„Als Napoleons Freund?“ fragt mancher vornehme Herr und rümpft die Nase. „Sie glauben wohl auch das lächerliche Märchen, daß Napoleon von einem Komödianten lernte, wie er stehen und gehen solle? &c.“ Ich zweifle durchaus nicht daran, und es war in Paris ein allgemeines Gerücht. Napoleon hatte Talma gekannt, als der Unterschied zwischen ihnen nicht groß, als er selbst Artillerielieutenant war. Napoleon hatte als Held Sinn und Liebe für das Tragische. Es war nicht Affectation von ihm, daß er den Ossian liebte. Er liebte auch Talma auf die Weise, wie Napoleon Menschen liebenkonnte. Er bewunderte sein Genie, erblickte die Helden der Vergangenheit, denen er glich und zum Theil nachahmte, durch Talma's Kunst; und als die Umstände es mit sich geführt hatten, daß Napoleon repräsentiren sollte, als Aller Augen nicht allein auf seine Handlungen und Befehle, sondern auch auf seine Persönlichkeit gerichtet waren, hat dieser reelle klare Mann gewiß nichts gegen eine bescheidene Anweisung seines alten, bescheidenen Freundes in Betreff einer edlen Körperstellung gehabt. Er brauchte ja nur Talma oft im Theater zu sehen, um Etwas von ihm zu lernen. Aber Talma besuchte ihn außerdem häufig beim Frühstück. Merkwürdig ist es, daß Napoleon, dem es sonst nicht an Muth fehlte, nicht Courage genug hatte, um das schmachvolle dumme Vorurtheil zu vernichten, das auf den Schauspielern lastete. Das beweist neben vielem Andern, daß er, was die Kunst betrifft, nur in ihre Vorhallen eingetreten war; — und wie konnte auch eine so egoistische, herrschsüchtige Natur wahres Gefühl für das Schöne, für das tugendhaft Große haben? Aber einen bedeutenden Theil das ästhetisch Großen faßte Napoleon, soweit es sich mit seinem Wesen verband; so erfaßte er auch Talma. — Es wäre diesem gewiß eine leichte Sache gewesen, auf eine glänzendere Weise sein Glück zu machen, wenn er das Theater verlassen hätte. Aber Talma liebte seine Kunst mehr, als eitle Ehre; deßhalb blieb er Komödiant, während viele Andere Herzöge und Grafen wurden. Ja selbst in seiner Todesstunde verleugnete er seinen Stand nicht, sondern ließ den Erzbischof drei Mal vergebens zu ihm schicken, als dieser ihn auf dem Krankenbette bekehren wollte, um ihm ein ehrenvolles Begräbniß gestatten zu können, welches das Volk ihm bestimmt hatte, und das, wie der Bischof wohl fühlte, Talma verdiente. Aber selbst in der Todesstunde erkannte der Künstler das Lächerliche und Schmähliche, die schöne Wirksamkeit seines ganzen Lebens reuemüthig für eine Sünde und Verirrung zu erklären, nur damit man — ohne gegen die religiöse Etiquette zu verstoßen — ihn dafür ehren könne. Talma lebte und starb alsKomödiant; aber sein Name wird stets in der Geschichte Napoleon's mit unsterblicher Ehre dastehen, wenn viele Herzöge und Grafen vergessen sein werden.
Ueber das Wesen der Tragödie.
Meine meiste Zeit in Paris war also dazwischen getheilt, Schauspiele zu sehen, und selbst welche zu schreiben. Ich vermuthe, daß meine Leser, denen die Entwickelung meines innern Lebens eben so großer Aufmerksamkeit werth sein muß, wie die Erzählung meiner Erlebnisse, hier gern die Grundsätze und Ansichten hören werden, nach denen ich dichtete.
Ich hatte mit großer Aufmerksamkeit mehre Male des Aristoteles Fragmente über die Poetik und den Sophokles gelesen. Ich fand, daß der Erstere mit klarem Verstande das Wesen und den Character der Tragödie seiner Nation erfaßt; daß er ihre Begriffe in deutlichen Bedingungen hingestellt habe. Nicht das Geringste von Einbildung, von Machtsprüchen fand ich beim Aristoteles. Er meint nicht: „So habe ich ausspeculirt, daß man es machen muß, um ein tragischer Dichter zu werden;“ er meint: „So haben große Tragiker gedichtet, dadurch haben sie gewirkt; das muß wohl also die Natur der Kunst sein,“ die er dann geistreich beobachtet und deutlich mittheilt.
Seine wichtigsten Ansichten sind: daß die Tragödie hauptsächlich durchHandlungenundCharacterewirken müsse. Doch hält er die Handlung für das Wesentlichste, weil eine Tragödie selbst ohne Characterzeichnung durch die einfache Fabel wirken kann, aber nicht entgegengesetzt. Gerade das, wodurch eine solche Dichtung die Herzen gewinnt, liegt in der Fabel. Die Fabel, sagt er, gleicht der Zeichnung, der Character dem Colorit in einem Gemälde; selbst die einfache Kreidezeichnung kann schön sein, nicht aber die Farbe ohne Umriß. Aber nach der Fabel sind die Charactere das Wichtigste und Aristoteles tadelt einige neuere Dichter, weil sie characterlose Tragödien geschriebenhaben. Die Handlung, meint er weiter, muß ganz und vollständig sein, muß eine gewisseGrößebesitzen; denn es giebt auch ein Ganzes ohne Größe. Ein Ganzes muß Anfang, Mitte und Ende haben. Der Anfang ist Das, was nicht nothwendig auf etwas Vorhergehendes folgt, sondern auf das nothwendig Etwas folgen muß; die Mitte folgt auf Etwas und hat Etwas zur Folge; der Schluß folgt auf Etwas ohne Folge.
Hier ist das Feld für die Composition liberal und frei geöffnet, indem der Denker doch zugleich zeigt, daß man sich nicht der Willkür überlassen darf, sondern daß eine natürliche Selbstständigkeit des Stoffes, ein Zusammenhang und die Steigerung des Interesses nöthig sei.
Nachdem er bemerkt hat, daß die Größe auch nicht zu groß,unüberschaulichsein dürfe, macht er darauf aufmerksam, daß es nicht so sehr des Dichters Aufgabe sei, solche Begebenheiten darzustellen, die geschehen sind, als solche, die, der Wahrscheinlichkeit und Nothwendigkeit nach, geschehen seinkönntenoder möglich wären; daß nicht bloßeMetrikden Dichter ausmache und ihn vom Geschichtsschreiber trenne; sondern, daß dieser eine wirklich geschehene Begebenheit erzählt, jener einemöglichedarstellt; und daß deshalb die Poesie mehr ein Werk des Genies und des Studiums, als die Geschichte sei.
Von allen Fabeln erklärt Aristoteles dieepisodischefür die schlechteste. Aber hier ist er oft mißverstanden und seine Autorität gemißbraucht worden; denn er fügt ausdrücklich hinzu: „Wenn die Episoden weder der Wahrscheinlichkeit, noch der Nothwendigkeit nach mit einander verbunden sind.“ Seine Ansicht ist also nicht, daß in einer guten Tragödie gar keine Episoden sein dürften; einige der besten griechischen Stücke (z. B. Antigone und Ajax) endigen sogar großartig und feierlich mit Episoden. Und der Glaube, daß eine Tragödie nothwendig mit dem Culminationspunkte der Handlung endigen müsse, ist ganz schief und falsch. Eine Tragödie ist kein Epigramm, das mit einer Pointe abknallen muß; oft ist dieFolgeeiner Handlunghöchst rührend, interessant, erhebend, belehrend, ja sogar das Poetischeste. Das Wesen der Tragödie ist nicht allein, zu spannen, zu überraschen; sondern den Geist durch eine vollständig schöne Darstellung des menschlich Großen zu befriedigen.
Die Tragödie — sagt Aristoteles sehr richtig — wirke besonders, wenn die Handlung uns durchSchrecken oder Mitleidrührt. — Er hat gewiß Recht darin, daß diese Gefühle die Springfedern und Triebräder des Ganzen sind; sie sind nichts Anderes, als starke Wirkungen des Interesses für die Menschen, die auf uns selbst als ihres Gleichen zurückwirken: Schreck oder Furcht für ihr Schicksal,bevores sie getroffen; und Mitleiden, wenn sie unterliegen. Denn der Stoff der Tragödie istKampf mit dem Unglücke, ein kräftiger Kampf; und der eigentlicheTrostbesteht darin, daß das Ewige siegt, wenn auch das Irdische zu Grunde geht. Deshalb ist auch die Grundlage für die wahre Tragödie eine höhere, gesundeHeiterkeit. Melancholie und Hypochondrie haben, wie alles Krankhafte, durchaus Nichts mit der Kunst zu thun, und der, welcher sich durch eine gute Tragödieniedergeschlagenfühlt, ist gar nicht im Stande, sie oder ihre Schönheiten zu fassen; denn gerade im Gegentheile, sie stärkt den Geist und erhebt die Seele. Deshalb wird sie auch besonders von der Jugend geliebt. Je mehr sich dagegen der Aeltere selbst dem Grabe nähert, destoweniger Lust und Muth hat er, sich mit der Bildung des Todes zu beschäftigen, ihm in die Augen zu schauen; er bedarf der Zerstreuung und will von demKomischenaufgeheitert werden. Doch kommt auch hier die erweiterte Menschenkenntniß, der ruhigere Sinn für die feinen Mischungen des Characteristischen in allen Verhältnissen des Lebens, die dem reifern Alter folgen, mit ins Spiel; während sich die Jugend im Allgemeinen nur an dem Leidenschaftlichen erfreut. — Aristoteles sagt vom tragischen Helden, daß er nicht ganz unschuldig sein dürfe — denn dann zürnen wir über sein grausames, ungerechtes Schicksal — er dürfe auch kein vollständiger Bösewicht sein — denn dann haben wirkein Mitleiden mit ihm; — sondern ein Mensch von vermischten Eigenschaften, der sich durch Fehler sein Schicksal zugezogen hat, ohne es ganz zu verdienen. Dies ist recht geistreich; nur müssen wir die Bemerkung machen, daß wir es jetzt, alsChristen, ertragen können, auch das Unglück eines ganzUnschuldigenzu sehen, da wir nicht mehr an einem ewigen seligen Leben, an einer strafenden und belohnenden Gerechtigkeit jenseits des Grabes zweifeln. Und selbst bei dem Griechen Sophokles ist z. B. Antigone ganz unschuldig und weicht keiner Christin an Seelenadel.
Aristoteles sagt von der Katastrophe, daß sie sich nach Nothwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit aus der Composition entwickeln, daß die Tragödie eine Verwickelung und eine Auflösung haben müsse. Nur solche Handlungen geben einen Stoff für Tragödien, wo Feindlichkeiten und Verbrechen aus vorhergegangenen freundlichen Verhältnissen entspringen, denn daß der erklärte Feind seinen Feind verfolgt, hat nichts Merkwürdiges oder Rührendes. Die Charactere, sagt er weiter, müssenedel geschildertsein, deshalb muß man es machen, wie die guten Maler, die trotzdem sie nach der Aehnlichkeit des Originales streben, doch unbeschadet dieser Aehnlichkeit das Bild veredeln. So soll auch der Dichter, wenn er wilde, aufgebrachte Menschen schildert, sich mehr dem moralischen Muster, als der Rohheit nähern. Er muß sich so viel, als möglich die Handlung vergegenwärtigen, um das Eigenthümliche zu wählen, das Unnütze zu verwerfen; er muß sich selbst in die Handlung versetzen; denn der natürlichen Sympathie zufolge rührt der am meisten, der die Leidenschaft selbst zuerst empfindet.
Dies drückt Horaz hübsch in seinerars poëticaso aus: