„Non satis est, pulchra esse poemata; dulcia suntoet quocumque volent, animum auditoris agunto.“— — „Si vis me flere, dolendum estprimum ipsi tibi.“
„Non satis est, pulchra esse poemata; dulcia suntoet quocumque volent, animum auditoris agunto.“— — „Si vis me flere, dolendum estprimum ipsi tibi.“
„Non satis est, pulchra esse poemata; dulcia suntoet quocumque volent, animum auditoris agunto.“— — „Si vis me flere, dolendum estprimum ipsi tibi.“
Und Claudius in seinem Epigramm über Voltaire undShakespeare, drückt es eben so hübsch auf seine launige Weise aus, wenn er sagt:
„Der Meister Arouetschreibt: er weine, —Und Shakespeareweint!“
„Der Meister Arouetschreibt: er weine, —Und Shakespeareweint!“
„Der Meister Arouetschreibt: er weine, —Und Shakespeareweint!“
Ich lernte bald, die Worte des Aristoteles, daß das tragische Unglück sich aus Fehlern entwickeln müsse, denen Personen von hohem Range und blühendem Glücke unterworfen seien, nicht buchstäblich zu nehmen, sondern sie nur mit Beschränkung zu verstehen, wie Lessing, wenn er in seiner Hamburger Dramaturgie bemerkt:
„Die Namen der Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück Derjenigen, deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleid haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein verwickelt werden; unsere Sympathie erfordert einen einzelnen Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstracter Begriff für unsere Empfindungen.“
In gleichem Tone spricht A. W. Schlegel in seinem später (1809) erschienenen Buche über dramatische Kunst und Literatur so:
„Die griechischen Tragiker schildern uns die Zerrüttung der Königshäuser wahrlich nicht in ihrem Bezuge auf den Zustand der Völker; sie zeigen uns im Könige den Menschen, und weit entfernt, zwischen uns und ihren Helden den Purpurmantel als eine Scheidewand vorzubreiten, lassen sie uns durch dessen eiteln Glanz hindurch in einen von Leidenschaften zerrissenen Busen schauen.“
Das Obenangeführte ist ungefähr der Hauptinhalt der Aristotelischen Abhandlung über die Tragödie. Ich bemühte mich stets, mir diesen Katechismus des gesunden Menschenverstandesgut ins Gedächtniß einzuprägen; denn so geradezu er auch ist, enthält er doch die wichtigsten Ideen über die Natur des tragischen Gedichtes.
Vergleiche mit andern Dichtern.
Wenn ich nun diese Grundsätze mit andern verband, welche ich bei Lessing, Herder, Schiller, Göthe, den beiden Schlegel's, Jean Paul, Hugh Blair, Home &c. fand, so bildete sich nach und nach eine sichere, klare Theorie in meinem Kopfe, die ich später durch eigene Gedanken und Erfahrungen zu bereichern strebte.
Mit den großen Dichtern wurde ich immer vertrauter, bewunderte ihre Schönheiten, bildete mich aber nicht sclavisch nach ihren Eigenheiten. Ich wußte: Jeder Mensch, selbst der größere, hat seine Fehler und Mängel, die der geringere Nachfolger leicht entdecken kann aber nicht nachahmen darf. Für das Mangelhafte in seinen Werken wird die sparsame Natur schon selbst sorgen. Sophokles entzückte mich durch seine einfache Größe, durch seine Plastik; aber ich fand, daß die Weitläufigkeit der Redner und die zu künstliche Einmischung der Chöre seinem Zeitalter angehörten und nicht nachgeahmt werden dürften. Bei Shakespeare fand ich die tiefe Kenntniß des menschlichen Herzens, die vielfältigen, kräftigen Characterschilderungen, den poetischen Ausdruck der Leidenschaft und des Gefühls, die Weltkenntniß, das blühende Colorit des Schmerzes und der Freude, die naive Natürlichkeit — göttlich und unvergleichlich. Aber ich fand, daß er in der Composition seiner meisten Stücke nicht als Muster dienen könne, wenn auch die Franzosen in unzähligen Vorwürfen Unrecht hatten, weil sie stets das Conventionelle für das Natürliche ansahen. Selbst bei Shakespeare, wie bei jedem andern Dichter, findet man etwas Conventionelles, das der Zeit angehört und damals Mode war: in den Wortspielen, den Plumpheiten, der allzukunstlosen, häufigen Einmischung weitläuftiger Episoden. Seine Eigenthümlichkeiten als Mensch und Engländer waren mir lieb; aber es konnte mir nicht einfallen, seinen Humor nachzuahmen, der sich so gern witzig dem Wahnwitzigennähert und tragisch damit spielt. — Ich fand, daß Schlegel und Gries sich verdient um die Literatur gemacht hatten, indem sie einen Theil vonCalderonübersetzten. Mitten in einer Menge ungeheurer Blumengebüsche, deren Luxus mir nicht gefiel, und deren Duft mich fast betäubte, standen Calderon's höchst poetische Figuren in schönen, richtigen Situationen da. Ein Theil Leser und Nachahmer vergaßen diese schönen Menschenbilder über den Blumengebüschen. Eine Menge Galanteriebuden wurden aufgerichtet, wo man die natürlichen spanischen Rosen aus deutschem Nesseltuche nachmachte. Als ich denstandhaften Prinzenlas, schätzte ich auch den Menschen, den Denker Calderon recht; und obgleich ich nicht dieselbe Liberalität und Geistesfreiheit bei dem katholischen Adelsmanne, wie bei dem Protestanten und Bürger Shakespeare fand, so sah ich doch ein, daß sein schönes Genie, sein gesunder Menschenverstand ihm all' die Billigkeit geschenkt hatten, die man von einem beliebten Dichter aus der Zeit derAuto da fé'serwarten konnte. — Ich wagte es später auch mit Sparsamkeit einige von Calderon's schönen Versformen in meinen Stücken anzuwenden.
Ueber Göthe habe ich bereits meine Ansicht ausgesprochen. Seine milde Ironie, seine echt poetischen frischen Darstellungen konnten nicht besser sein; nur ist in seinen ersten Werken zu viel, in seinen spätern zu wenig Stoff für die Bühne; auch fehlt es seinen Dramen im Ganzen an der Leidenschaft und Kühnheit, die dazu gehören, wenn man große Wirkungen hervorbringen will. Diese besitzt Schiller im hohen Grade. Kein Dichter war mehr als er, Herr des hohen Gefühles, der edlen Begeisterung; aber man muß sich davor hüten, in Schiller's allzulange, rhetorisch-philosophische Reflexionen zu verfallen.
Ich fühlte: in jeder Poesie setzt stets ein edles Herz dem Genie die Krone auf. Kalter Verstand und ein kühnes Phantasiespiel mit den Gaukelbildern des Lebens genügt nicht; das Genie kann sich auch mit Hochmuth, Härte, Ausschweifung, Spott, selbst mit Grausamkeit verbinden. Aber dieser Lucifer ist eingefallener Engel. Er imponirt. Viele gute Köpfe und verderbte Herzen ziehen ihn vor, finden in dem kräftigen geistvollenTrotzeinen Versteck für ihre Sünden, und nennen die weniger pikante Besonnenheit und Herzlichkeit vielleicht gar widerlich und matt. So schilt ein verderbter Saufbruder die idyllische Milch und das gesunde Brot weichlich, obgleich es Riesen nährt, und der Spiritus ihm selbst zuletzt dasDelirium tremensverschafft.
Das Aesthetische und das Ethische.
Wie viel Humanität athmet nicht in dem Pathos des Aeschylos? Wie rührend ist Sophokles! Sein unglücklicher Oedipus, der endlich in Kolonos Ruhe findet; die hohe Antigone, die aus schwesterlicher Liebe in den Tod geht; Elektra, die rächende Schwester, die, wenngleich Weib, doch einen Hamlet beschämt; Philoktet auf seiner Insel mit seinem Bogen; der starke Ajax, ein guter Sohn, Vater, Bruder, Mann, von der Rachbegier aber zur Raserei und aus gekränkter Ehre zum Selbstmord getrieben. — Und nun Du Shakespeare! Dein Lear, durch die Undankbarkeit der Kinder zum Wahnsinn gebracht; dein ehrlicher, tapferer Othello, der aus unglücklicher Eifersucht sein Weib und sein Glück mordet. Dein sentimentaler Hamlet, der, wie Jean Paul so schön sagt, ein Vater für alle Werther ist; Dein Romeo und Deine Julie, voll von süßer unglücklicher Liebesschwärmerei; Dein Macbeth, den Sünde und Gewissensqual in den Abgrund stürzen! — Bei Schiller haben diese Gefühle stets das Uebergewicht, und selbst bei Göthe ist dies oft der Fall; denn wo er gewisse Schwächen und Verstöße gegen die Sitten vertheidigt, denken wir immer an Magdalena, die von den Pharisäern und Sadducäern vor Christus hingeführt wird, der da sagte: „Wer unter Euch rein ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“
So überzeugte ich mich also, daß dasAesthetischenicht desEthischenentbehren könne, weil das Product des vernünftigen Willens Tugend und Sitte ist. Alle menschlichen Handlungen gehen darauf aus, entweder die Ordnung in dem gesellschaftlichen Leben zu befördern oder zu zerstören: da nun dasDrama die ideelle Darstellung menschlicher Handlungen ist, so bilden die moralischen Verhältnisse einen großen Theil des Ganzen. Der Dichter muß für die geistige Ordnung begeistert sein. Er darf nicht indifferent mit einer parteilos matten Ironie spielen; er darf die Bilder nicht nur heraufbeschwören, um sie wieder verschwinden zu lassen; er darf nicht allein erschüttern und spannen; denn in der bloßen Lust an dem Entsetzen Erregenden ohne ein edles Gefühl liegt der Keim zu aller Grausamkeit.
Diese Theorie war nun keineswegs das poetische Glaubensbekenntniß jener Zeit, wie es das der Gegenwart ist. Es wurde wieder der Spitzfindigkeit gehuldigt. Große Verbrechen verwechselte man mit großen Verbrechern und achtete sie mehr als eine einfältige Tugend. Die Wollust wurde sogar metaphysisch vertheidigt; und die mechanische Fertigkeit und Zierlichkeit der Versmacherei drohte das natürliche freie Gefühl vom Parnaß wegzutreiben.
Ich sah wohl ein, daß ich, wenn ich nicht in den herrschenden Ton einstimmte, viele Gegner, Tadler und endlich Verächter finden würde; aber die Lust zu gefallen konnte meine Liebe für das Gute und Wahre, oder meine Ueberzeugung nicht umstoßen.
Welche Heldenzeit konnte ich nun besser wählen, als die meines eignen Vaterlandes, die eigentlich noch nicht dichterisch dargestellt war und doch so viel herrlichen Stoff für die Dichtung darbot? Auch für Fremde mußte dies Interesse haben. Jede poetische Darstellung eines Volkes erfreut das andere. Wir machen ja gern Reisen, um andere Nationen kennen zu lernen; wir freuen uns über die Dampfschiffe, die so schnell Nationen mit Nationen verbinden. Aber eine noch raschere Beförderung, die weniger Zeit und weniger Geld kostet, ist das Dichterschiff. Walter Scott hat auf eine höchst angenehme Weise das gebildete Europa mit seinen wilden Landsleuten, einem von Bergen eingeschlossenen Volke, die nie ihr Land verlassen, bekannt gemacht. Aber weit mehr, als die Schotten verdienen die altenSkandinaven bekannt zu werden, die einst das ganze Europa überschwemmten, und von denen die großen südlichen Nationen zum Theil ihre Geschichte und ihre Heimath haben. Zwar ist die Aufgabe der Tragödie sehr verschieden von der des Romans; es ist mir nie eingefallen genau gezeichnetePortraitsunserer Vorfahren zu geben; nur die großen Thaten, die großen Characterzüge habe ich mit dem allgemein Menschlichen verbunden.
Ich habe bereits davon gesprochen, daß Schiller in der Braut von Messina den griechischen Chor wieder zu benutzen versuchte. Man fand, daß er ungeachtet unzähliger Schönheiten zwei widerstrebende Elemente vereinigt habe: Griechische Demokratie und das Feudalwesen des Mittelalters. InBaldur dem Gutengebrauchte ich alle griechischen Formen, und es schien, als ob der antike Rhythmus sich recht natürlich mit den alten nordischen Mythen und Heldensagen vereinige. Dieses Stück dichtete ich auf meiner Reise in Weimar und Dresden.
Ueber meine eigenen Tragödien.
In Paris verschaffte mir Bröndsted Suhm's Geschichte von Dänemark aus der großen Bibliothek. Nachdem ich im vorigen Jahre eine norwegische Tragödie geschrieben hatte, Hakon Jarl, wollte ich nun eine dänische schreiben. In Palnatoke fand ich einen guten Stoff, und ich wählte ihn um so lieber, da er sich einem Zeitalter anschloß, das ich in Halle ziemlich gründlich studirt hatte. Damals war man in hohem Grade für das Nationale, das Heroische, das Ernste in meinem Vaterlande empfänglich. Wenn es gestattet ist das Geringe mit dem Hohen zu vergleichen so hatte die Schlacht auf der Rhede am 2. April 1801 die Dänen für die Poesie begeistert — ebenso wie die Schlacht bei Salamis und Marathon die Griechen, und die Vernichtung der spanischen Armada die Britten unter der Königin Elisabeth. Es gehört eine vorhergehende Kraftanstrengung dazu, das Spießbürgerliche, das Spitzfindige, das Kleinliche zu verjagen — und eine Nation für das Große, das Schöne zu stimmen. In der glücklichen Ruhe die auf eine solche Unruhe folgt, gedeiht die Poesie am besten. Mein Hakon hatte, obwohl dieHauptrolle von Frydendahl gespielt wurde, großes Glück gemacht. Dieser war als Komiker vortrefflich, aber durchaus kein Tragiker. Ich pflege sonst selten an die Schauspieler zu denken, wenn ich meine Dramen schreibe. Es scheint mir, als ob die Originalität, nach der ein Dichter in seinen Characterzeichnungen streben soll, ganz verschwinden muß, wenn ein Schauspieler als Modell dasteht. Von der eigenen Subjectivität des Dichters kann er,soller sich nie ganz losreißen. Die subjective Anschauung und die Begeisterung des Dichters ist der Stoff für das Ideale in seinen Werken, sowie das Object ihm das Characteristische und die Handlung giebt. Aber dieses Object darf er nicht in einzelnen stets wiederkehrenden Persönlichkeiten suchen. Wenn er nur für den Augenblick wirken will, so gewinnt er, wenn er solche Persönlichkeiten benutzt. Oft wird sonst sein Werk ein todtes Kapital, bis der Mann kommt, der das Kapital gebrauchen kann. So dauerte es einige Jahre, ehe der geniale Ryge als Hakon Jarl auftrat. Aber ich hatte doch an einen andern herrlichen Hakon gedacht, als ich meine Tragödie dichtete. Dies war nämlich der Norweger Rosing, ganz für diese Rolle geschaffen, nun aber — gelähmt, für mich, für die Kunst, für die Welt verloren.
Im Hakon Jarl hatte ich den Streit zwischen dem Heidenthum und dem Christenthum, mit dem Uebergewichte der tugendhaften Kraft auf der Seite des Christenthums geschildert; weshalb jenes trotz seines größern poetischen und politischen Lebens untergehen mußte. In Palnatoke wollte ich einen Gegensatz schildern. Hier ist Pflicht und Tugend auf der Seite des Heiden Palnatoke, im Kampf mit dem falschen Mönchswesen, dem verbrecherischen Mönchskönig. Deshalb siegt das Heidenthum und blüht noch einmal in dem kräftigen Jomsburger Bunde auf.
Obwohl ich Schillers Wilhelm Tell sehr liebte und bewunderte, so befürchtete ich doch nicht, daß die ähnliche Scene in beiden Stücken mit dem Apfel auf dem Haupte des Knaben zu meinem Nachtheil mißverstanden werden würde. Diese Sceneist weder Johann-Ballhornerei noch Nachahmung. Sie zeigt, wie so Vieles, daß oft Dasselbe in der Welt, jedoch höchst verschieden je nach der Denkungsweise und den Characteren der verschiedenen Zeitalter geschehen kann. Was in Schiller's Tragödie rührend, zur Wehmuth stimmend ist, wird in Palnatoke fast wie ein lustiger Auftritt zwischen den an Blut und Tod täglich gewöhnten Heiden behandelt; doch handelt dasVaterherzin beiden Scenen und die Barbarei ist in Palnatoke geadelt. Ohne Edelmuth und Hoheit würde eine solche Verwegenheit — wovon man selbst unter tollen Knaben oft Proben gehabt hat — nur empörende Frechheit ohne Poesie sein. Thorvald habe ich in Palnatoke etwas zu weich und modern behandelt. Hätte ich Thorvald Bidförle's Sage in Paris gehabt, so würde ich diesem Character mehr von dem Colorit seines Zeitalters gegeben haben.
Etwas Komisches traf ein, als ich das Stück dichtete. Ich arbeitete eines Abends spät (gegen die Gewohnheit, denn ich dichte gewöhnlich am Morgen), und da fiel mit die Idee von Harald Blauzahn ein, daß er in den Leichenkleidern eintritt und sagt: „Hier stehe ich in meiner wahren Tracht,“ u. s. w. Dieses Bild stand mir in seinem ersten Ursprunge so lebhaft vor der Seele, daß ich selbst erschrak, zu Bröndsted hineinlief, nicht allein sein wollte, und ihn bat, mir etwas Lustiges auf dem Fortepiano vorzuspielen.
Palnatoke wurde im Vaterlande sehr gelobt und viel gelesen; aber es glückte dem in so vielen andern Rollen vortrefflichen Schwarz nicht, den Palnatoke besser zu spielen, als Frydendahl im Jahre vorher den Hakon spielte. Beide Rollen bekamen einige Jahre später erst ihren meisterhaften Darsteller in Ryge.
Da es in Palnatoke keiner Frauen bedurfte, so ließ ich sie auch nicht darin auftreten. Im nächsten Winter schrieb ichAxelundWalborg, worin die Liebe die Hauptsache ist; eigentlich dieTreue der Liebe, sowie ich ein paar Jahre darauf inHagbart und Signedie Leidenschaft des ersten Ausbruchs der Liebe zu schildern suchte; jene zwischen ein paar jungen Christen, diese zwischen zwei Heiden; aber beide heroisch und mit nordischem Gefühl. Mit der sinnlich glühenden südlichen Liebe in Romeo und Julie wollte ich nicht wetteifern; aber der milde Septembermond über dem nordischen Buchenhaine kann auch seine Wirkung thun, obgleich er sehr verschieden von der italienischen Sommernacht ist.
Ich habe bereits erzählt, daß ich den Aladdin wieder von Neuem übersetzte, weil die erste Uebersetzung zu fehlerhaft war. Kein Wunder! Wenn man bedenkt, daß ich zwei Jahre vorher nicht ein deutsches Wort geschrieben und eigentlich erst ein Jahr vorher begonnen hatte, Deutsch zu dichten. Ich übersetzte auch den Hakon Jarl wieder; darauf übersetzte ich noch den Palnatoke, Jesus in der Natur und noch mehrere andere Stücke, und schrieb einige Gedichte Deutsch, unter denen: derirrende Ritter. Ein polemisch didactisches Idyll ist eigentlich keins, doch habe ich es später gekürzt in meine deutsche Sammlung der poetischen Stellen wegen aufgenommen, deren es nach dem Urtheil von Sachverständigen nicht entbehrt.
Ich habe erzählt, wie sehr ich Talma in der Tragödie bewunderte; obgleich ich der französischen Tragödie nicht Geschmack abgewinnen konnte, weil ich sie zu monoton, character- und stofflos und zu vornehm conventionell fand, zwang er mich doch, viel große Schönheiten darin zu erkennen. Etwas war jedoch bei Talma, das mir nie gefiel. Wenn er nämlich eine Scene vortrefflich gespielt hatte, erhob er zum Schluß bei den großen Ausgangsrepliken die Stimme auf eine affectirte, übertriebene Weise, streckte die Hände in die Luft, zitterte mit ihnen und bekam dann einen furchtbaren Applaus. In einem Gespräch mit einem meiner Bekannten, der Talma auch kannte, sagte ich: „Wenn ich mit Talma spräche, würde ich es ihm rein heraussagen.“ — „„Das brauchen Sie nicht““ — entgegnete der Andere — „„denn Talma weiß es selbst sehr gut.““ — „Und was sagt er darüber?“ „„Er sagt: das ist ein Fehler; aber ich habe meine Landsleute bereits an so viel Natur gewöhnt; inEtwasmuß ich mich nach ihren Gebräuchen und Vorurtheilen richten, sonst verliere ich ihre Hingebung und Begeisterung und ohne die kann ich meine Kunst nicht ausüben.““
Die Kunst und die Mode.
Es ist rührend und hart, wenn ein großer Künstler sich so nach dem Modegeschmack der Menge richten muß. Etwas Aehnliches hörte ich später von Spontini, als er seinen „Ferdinand Cortez“ componirt hatte, und ein guter Freund, der ihn außerordentlich lobte, zugleich die bescheidene Frage that, ob der Componist nicht finde, das etwas vielLärmin dieser sonst so herrlichen Musik sei? „Ja gewiß,“ soll Spontini geantwortet haben; „aber nicht wahr, sie ist doch hübsch, obgleich sie lärmt? Zu dem Letztern war ich gezwungen, um den Beifall des Publikums zu gewinnen.“
Ich habe selbst einen jungen, ausgezeichneten Virtuosen auf dem Pianoforte gehört, der mir erzählte: „Am Sonntag komme ich mit einigen meiner musikalischen Freunde und Künstler zusammen; dann spielen wir Werke von Mozart, Haydn und anderen alten Meistern zu unserm eigenen Vergnügen; denn in Concerten und Assemblée'n will man jetzt nicht mehr schöne Musik hören, sondern nursehen, wie die Finger mit Leichtigkeit die größten Schwierigkeiten überwinden.“
Nachdem ich mir etwas Uebung in der französischen Sprache erworben hatte, disputirte ich oft mit einem oder dem andern Pariser über die Unnatur und Monotonie der französischen Tragödie; denn ich lernte es viel früher, mich erträglich in einem wissenschaftlichen Gespräche über die Kunst auszudrücken, als richtig Französisch von all' den vorkommenden Kleinigkeiten des täglichen Lebens zu sprechen. Diese Ansichten waren damals etwas ganz Neues; Frau Staël-Holstein hatte damals noch nicht ihr Buch über die deutsche Literatur herausgegeben. Man sahmich an, wie die Hofleute in Gallatracht auf Franklin blickten, wie er als Gesandter von Nordamerika nach Versailles mit seinen eigenen ungepuderten Haaren und einem runden Hute kam. Indessen that das Gesagte doch zuweilen seine Wirkung, und ich hatte ein Mal die Genugthuung, daß ein Franzose mir sagte: „Mein Herr, Sie reden gut, aber Sie überzeugen mich nicht!“
Die neuen französischen und deutschen Dramatiker.
Später haben Victor Hugo und Alexander Dumas sie nur allzusehr überzeugt. Man stürzt leichter aus der Scylla in die Charybdis, als man sein Schiff durch Sandbänke hinsteuert, ohne auf den Grund zu laufen. Man kann ein Gericht zu wässrig und ungewürzt zubereiten, und man kann auf der andern Seite wieder zu viel Cayennepfeffer und Salz hineinthun. Man verdirbt sich den Magen, wenn man nur süße Limonade und wenn man nur Branntwein trinkt. Dasjuste-milieuist hier wieder das Beste; aber der Zeitgeist verachtet diese Mäßigung und gebraucht die Bezeichnung als ein Scheltwort. Jenseits des Rheines kann man übrigens den Franzosen jetzt nichts zu hören geben; im Gegentheil: es ist mehr Poesie in Victor Hugo und Consorten, als in dem ganzen jungen Deutschland mit all' seiner pedantischen verschrobenen Begriffsästhetik.
Die geniale anmuthige DemoiselleMarshaben Andere bereits hinreichend gelobt; ich will nur sagen; ich habe sie in ihrer schönsten Blüthe gesehen. So sah ich auchEliviou, einen eben so großen Sänger, als Schauspieler voller Feinheit und Gefühl im Theater Feydeau. Nie werde ich denDeserteurvonSédaineundMonsignyvergessen, der mir bereits aus meiner frühesten Kindheit bekannt war, wo mein Vater Stücke daraus auf dem Klavier spielte. Auf dem dänischen Theater, wo sich Alles nach der Mode richtet, war dieses herrliche Stück bereits lange bei Seite gelegt worden; aber in Paris, wo man noch nicht die Thorheit über ein Meisterstück hörte, „daß es blos ein altes Stück sei“, sah ich Eliviou, Gavaudan und Madame Gavaudan dies und mehrere gute, alte französische Singspielebis zur Vollkommenheit gut und zur größten Zufriedenheit des Publikums darstellen.
Französische Schauspieler. — Eliviou.
Eliviou war ein schöner Mann, groß, schlank und blond. Er hatte eine reiche Partie in Toulon gemacht. Ein Landsmann von mir, der ihn kannte, erzählte folgende amüsante und characteristische Anekdote über ihn: In seiner schönsten Blüthezeit reiste er mit einem andern Schauspieler nach Toulon, um dort Gastrollen zu geben. Als sie die Stadt in der Ferne sahen, sagte Eliviou: „Sieh, da liegt nun die fremde Stadt mit all' ihren jungen schönen Mädchen. Und ich will wetten, daß nicht Eine unter ihnen ist, die ich nicht verliebt in mich mache, wenn ich es will.“ Der Freund wollte eine Wette mit ihm eingehen, daß sich dies doch nicht mit allen thun ließe, und Eliviou verpflichtete sich, die Wette der jungen Dame gegenüber durchzuführen, die sein Freund selbst wählen würde. Am ersten Abend sahen sie ein sehr schönes Mädchen, die Tochter eines reichen Mannes, im Schauspielhause. „„Wenn Du sie gewinnen kannst,““ sagte der Freund, „„so hast Du gewonnen.““ Und Eliviou gewann; denn wenige Wochen darauf war das schöne reiche Mädchen seine Braut. — Und da er nun reich war, drohte er oft damit, das Theater zu verlassen, wenn ihm Eins oder das Andere nicht gefiel. Aber man erzählte, daß Napoleon, der ihn nicht verlieren wollte, ihm wieder drohte und sagte: „Wenn er nicht Sänger beim Theater Feydeau sein wollte, so könne er die Muskete über die Schulter nehmen und nach Spanien gehen.“ Eliviou zog vor, für's Erste zu bleiben, wo er war. Später hat er viele Jahre lang als ein bemittelter Privatmann im südlichen Frankreich gelebt. Im Richard Löwenherz sang er vorzüglich die eine Zeitlang bei den Franzosen so sehr beliebte Arie: „O Richard, o mon roi!“ vortrefflich. Man weiß, daß diese Napoleon's Lieblingslied war, und er trällerte es noch oft nach seinem Falle auf St. Helena.
Berühmte französische Schauspieler.
AuchChenard, ein guter Schauspieler und Bassist, gefiel mir sehr; besonders inFelix, wo er den Vater spielte undeinen mir unvergeßlichen Blick, voll seliger Zufriedenheit, zum Himmel sandte, als er seine Pflicht gethan und ein Geheimniß entdeckt hatte, das vielleicht ihn und seine ganze Familie an den Bettelstab bringen konnte. DieserBlickwurde dreimal von dem gefühlvollen und feinen Pariser Publikum applaudirt.
Auch von Chenard, einem großen, schönen und starken Manne, der aber älter als Eliviou war, hörte ich eine characteristische Anecdote. In der Revolutionszeit beschuldigte man ihn ein Mal, Aristokrat zu sein. Kaum hörte Chenard dies, als er mit der rothen Mütze auf dem Kopfe in den Jakobinerclub eilte, auf die Tribüne hinaufstürzte und rief: „Mitbürger! Man hat mich beschuldigt, Aristokrat zu sein! Ja, es ist wahr, ichbinAristokrat!“ Hier schwieg er einen Augenblick, während Aller Augen mit Verwunderung das sichere Schlachtopfer bewachten, das zu sagen gewagt hatte, was weder vor- noch nachher von der Tribüne der Jakobiner ertönte, — aber ehe man sich vor Verwunderung gefaßt hatte, fuhr er in einem dreisten, muntern und launigen Tone fort: „Ich bin Aristokrat! ich bin Demokrat! ich bin König, Papst, Bettler, ich bin dumm, klug, ich bin Alles, was Ihr wollt, — ich binComödiant!“ „„Ah, le brave Chenard! ah le franc coquin!““ ertönte es von allen Seiten. Im Triumph wurde er von seinen wärmsten Bewunderern auf den Schultern hinausgetragen, und sein Leben war gerettet.
Der talentvolle Potier, der es verstand, einer gewissen unbeholfenen Narrheit soviel feine Züge abzulocken, wie unser Winslöw; der monotonere, aber bei alle Dem doch originelleBrunet, der Rosenkilde der Franzosen, der die Dummköpfe stets so witzig und naiv spielte, daß man ihrer nicht müde werden konnte, erfreuten mich sehr imthéâtre des variétésebenso Madame Hervay, in dem eigentlichen Vaudeville. Imthéâtre françaishatte ich das Glück, Dacincourt, Dugazon, Mademoiselle Contat und die beiden Baptiste in den besten Stücken Molière's und anderer guten Dichter zu sehen.
Napoleon's Mangel an Kunstsinn.
Die Werke zweier großen Meister, die ich wiederholt hörte und sah, wirkten vielleicht mehr auf mich ein und ich lernte mehr von ihnen, als von manchem Dichter. Dies warenMozartundRaphael. Die meisten von Raphael's Bildern hingen in der großen Rumpelkammer, wohin man den Raub aus so verschiedenen Ländern geschleppt hatte. Dieses Zusammenhäufen machte einen widrigen Eindruck auf mich, und obgleich ich stets geneigt war, Napoleon's Größe gegen kleinliche Angriffe zu vertheidigen, so fand ich doch hier wie überall, daß er ungeachtet seines ungeheuren Verstandes ebenso wenig Kunstsinn, wie Sinn für Völkerrecht hatte; ein wirklich humaner Held führt niemals Krieg gegen die Künste und Wissenschaften; es paßt nur für morgenländische Despoten, sich gleich der Krähe mit fremden Federn zu schmücken, um groß zu erscheinen. Die meisten dieser Bilder hingen hier in einem schlechten Licht und hatten die Hälfte ihrer Wirkung dadurch verloren, daß sie von dem ihnen bestimmten, für sie passenden Platze weggenommen waren. Welch ein Unterschied! Solch ein Bild vor dem Altar einer schönen Kirche, — oder hier im Schatten oder Schlaglichte in einem Winkel unter vielem Unbedeutenden zu finden!
Bekanntschaft mit Malthe Bruun.
Ich darf nicht vergessen von meiner Bekanntschaft in Paris mit meinem berühmten Landsmanne „Malte-Brun“ (Malthe Conrad Bruun) zu sprechen. Er hatte während meines Knabenalters eine politische Rolle in meinem Vaterlande gespielt und ich wunderte mich, daß er nicht älter sei; das kam aber daher, weil er selbst nicht vielmehr als ein Junge — etwas über zwanzig Jahr, — war, als er die Rolle spielte. Die ganze Schreckensperiode zu Hause, in der glücklicherweise mehr Tinte, als Blut floß, hatte keinen Einfluß auf mich gehabt, weil ich zu jung war. Als ich zu einiger Selbstständigkeit gelangte, waren in Dreyer's Club nur noch schwache Bewegungen von der französischen Revolution. Ich habe mein ganzes Leben hindurch ein starkes Gefühl für Menschenrechte gehabt. Das hochmüthigeWesen war mir stets verhaßt — (selbst als kleiner Bursche den Pagen gegenüber). Ich kam bald zu der Ueberzeugung, daß der Adel eine Ueberlieferung des Mittelalters sei und eigentlich keine Bedeutung mehr habe. Er schien mir nicht wie eine ehrwürdige Domkirche in einer anmuthig blühenden Landschaft dazustehen, sondern wie ein alter Schrank, der in einem Zimmer mehr Raum wegnimmt, als neue zweckmäßige Möbel. Der König war mir stets heilig; ich fühlte früh schon das Herrliche, Schöne, Wohlthuende in dieser Form, die die Natur selbst, bis auf wenige Ausnahmen, Jahrtausende hindurch überall angenommen und festgestellt hat. Die Mißbräuche berühren die Natur nicht. Ein Dichter, ein Künstler kann nicht anders, als das Königthum lieben. Es ist dies das Recht des Herzens, der kalten, langsamen Spitzfindigkeit gegenüber, die nur der äußern Form huldigend, gar keine Ausnahme macht, selbst wo die Natur sie verlangt; das Königthum ist seiner Natur nach nicht mißgünstig und parteiisch, und muß jedes Verdienst gelten lassen, weil es über ihnen Allen steht. Der Dichter und der Künstler müssen das Königthum lieben; denn die Pracht kann zur Schönheit geadelt werden und bedarf des Schönen, aber das Genie wird leicht durch den kalten, ehrgeizigen Verstand der Menge, die nur den täglichen Hausbedarf achtet, beneidet und unterdrückt. Der Künstler muß wohl die edle billige Freiheit lieben; denn frei muß alles Große und Schöne und Gute sich bewegen; aber er muß die Anbetung derGleichheithaßen. Das Ausgezeichnete findet sich nur als Ausnahme, und wo Alles gleich gut ist, ist Alles gleich schlecht, und das Triviale herrscht. — In Dreyer's Club brüllte ich in meinen ersten Jünglingsjahren gleich den Andern, wenn die große Bowle uns begeistert hatte: „Wer vorwärts will, der bücke sich!“ und: „Daß Schurken zu Ehre und Würde erhoben &c.,“ ohne mich weiter um die Anwendbarkeit dieser Gedanken auf die Gegenwart zu bekümmern; ich hielt es abstract für satyrische Einfälle über die ganze Menschheit, und so betrachtet, wird es gewiß, wennauch blindlings hinausgeschossen, immer treffen. In meinen frühern Jahren hatte ich einige gute Einfälle von Malthe Bruun gehört; in seinem Gedicht „die Schlacht bei Tripolis“ hatte ich mehr als gewöhnlichen Dichtergeist gefunden. Ich entsinne mich nicht, wo ich ihn zum ersten Male in Paris sah; vielleicht war es bei Bröndsted. Aufgesucht hätte ich ihn wohl kaum. Der alte Heiberg schreckte mich ab, in dem ich bei einem zufälligen Zusammentreffen in Deutschland einen vollständigen Antipoden fand. Aber Malthe Bruun war ganz anders und so verschieden von P. A. Heiberg, daß sie einander gar nicht leiden konnten. Ich wunderte mich, einen jungen, blonden Mann, mit einem schüchternen Mädchengesicht und einem langen Zopf im Nacken zu sehen. Wir wurden bald gute Freunde, unsere Gespräche waren mehr ästhetisch, als politisch, und Malthe Bruun erkannte die Fortschritte, die die spätere poetische Revolution in Deutschland und Dänemark hervorgerufen hatte. Er las meine Gedichte mit Vergnügen und freute sich über den Gebrauch all' der fremden Versarten, der altnordischen, griechischen und italienischen, die ich angewandt hatte. Unter Anderm entsinne ich mich, daß er sagte: „Ich habe auch einmal Petrarca's GedichtVaucluseübersetzt, aber es fiel mir nicht ein, daß es möglich sei, es in derselben italienischen Canzonenform zu übersetzen, obgleich ich eine Ahnung davon hatte.“ Es war mir natürlich lieb, einen so geistvollen Landsmann getroffen zu haben. In vielen Beziehungen machte er den Dänen Ehre. Die Franzosen, die sonst den Fremden nicht gern die Fertigkeit zugestehen, daß sie französisch ebenso gut, wie ihre Muttersprache schreiben, gestanden es doch ihm zu. An demjournal de l'empire, einer der gelesensten und geachtetsten Zeitschriften, die die Meinungen beherrschte, war er ein bedeutender Mitarbeiter. Seine vortreffliche Geographie schrieb er in einem Lande, wo die Geographie bis dahin so vernachlässigt war, daß die Meisten Dänemark nicht von Spitzbergen zu unterscheiden vermochten, und glaubten, daß Hamburg nicht weit von Wien, und mehrere Meilen von Altonaläge. — Vereinigt man nun dies Alles mit einem angenehmen bescheidenen Wesen — etwas wie gesagt Mädchenhaftem — das dem ausgezeichneten Schriftsteller gut stand — so mußte dies Alles für Malthe Bruun einnehmen. Unglücklicherweise fehlte ihm durchaus ein fester Character und es war nicht die Wahrheit und die Gerechtigkeit, die ihn begeisterte. Es ging ihm, wie es so vielen politischen Schriftstellern mit Kopf und Kenntnissen geht, — sie wollen eine Rolle spielen und halten es mit der Partie, welche oben ist, oder durch die sie glauben, sich einen Weg zur Berühmtheit, zum Einfluß oder einen Vortheil verschaffen zu können.
Ich disputirte eifrig mit Malthe Bruun über Napoleon, dessen Handlungen er alle unbedingt in die Wolken erhob. „Napoleon,“ sagte ich einmal in der Hitze des Streites, „Napoleon verirrt sich, weil er auf dem einen Ohre taub ist.“ „„Was will das heißen?““ fragte Malthe Bruun. „Das will heißen: er kann nicht Deutsch; er versteht die Völker auf der andern Seite des Rheines nicht. Er will die Welt reformiren, und hat nicht das letzte Kapitel in der Geschichte der Menschenbildung gelesen. Er schilt alle geistig wirkenden Deutschen Ideologen und Schwärmer. Diese Unwissenheit und Verachtung wird ihm vielleicht zu größern Schaden gereichen als er glaubt.“
Wenn ich nun mit aufgebrachten Deutschen in Gesellschaft war, die Napoleon auf eine höhnische Weise herunterrissen, so wendete sich mein Eifer gegen sie in einer entgegengesetzten Richtung. „Ihr entehrt Euch selbst, wenn Ihr einen Mann klein zu machen sucht, der Euch jeden Augenblick so gewaltige Ohrfeigen giebt. Wenn Napoleon Nichts ist, was seid Ihr denn? Weniger als Nichts kann man doch nicht sein?“
Zuletzt blieb Malthe Bruun von mir fort. Bröndsted und Koës fragten ihn um den Grund und er antwortete: „Ich käme gern zu Oehlenschläger; aber wenn ich bei ihm gewesen bin und mit ihm gesprochen habe, so brauche ich vierzehn Tage,um mich wieder in meine vorige Stimmung zu versetzen.“ Dies fand ich sehr schmeichelhaft, sah aber auch zugleich ein, daß wir beide nicht mit einander umgehen konnten. In der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft bewog ich ihn doch, sich den Zopf abzuschneiden; aber Napoleon behielt ihn dennoch beim Zopfe, bis dieser Napoleon selbst abgeschnitten wurde; es ging Malthe Bruun so wie Talleyrand und Sct. Christoph, sie hielten es alle Drei mit dem Stärksten; aber nur Christoph hielt so fest an diesem Prinzipe, daß es ihn zuletzt auf den rechten Weg zu Jesus Christus brachte.
Uebrigens hüteten ich und meine Freunde uns wohl, unsere Ansichten Fremden gegenüber auszusprechen. Wir wußten, daß wir von Spionen umgeben waren, in deren Nähe man in gewisser Beziehung ein Stein sein mußte, indem man sagen konnte, wie Nille in Erasmus Montanus: „Ich weiß nicht ob er denken kann, aber reden kann er nicht.“
Bekanntschaft mit Friedrich Schlegel.
War ich nun zu altmodisch, zu fromm, zu frei, zu deutsch für Malthe Bruun und Consorten, so gab es wieder Andere, denen ich nicht deutsch, nicht frei, fromm und altmodisch genug war. In einer Restauration bei Grignon lernte ichFriedrich Schlegelkennen. Er sah gar nicht so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte; ich erwartete einen magern Kritikus, und es glänzte mir ein ironisch fettes Gesicht sanguinisch entgegen. Wir mochten uns recht gern; aber Schlegel war es nicht recht, daß ich nicht mehr zu seiner Schule gehörte. Doch sagte er mir nie ein beißendes Wort; im Gegentheil er scherzte mit mir, wie mit einem jungen Tollkopf, aus dem Etwas werden könnte, oder aus dem wenigstens Etwas hätte werden können, wenn er den rechten Weg gewählt: d. h., wenn er blind zur Fahne der neuen Schule geschworen hätte. Zu einem Doctor Klinger aus Wien sagte er einmal, als er etwas ärgerlich über mich gewesen war: „Grüßen Sie Oehlenschläger und bitten Sie ihn, nichtböse zu sein, wenn ich mich gestern vielleicht zu sehr des traurigen Vorrechtes des Alters bedient habe.“ Schlegel war ein Mann von großen Talenten. Viele Abhandlungen in der Zeitschrift Europa, in den Characteristiken in seinem „Geist aus Lessing's Schriften“ zeigen den starken Kopf, den tiefen Denker, und er hatte viel mehr Gemüth als sein Bruder. In seinem Athenäum beweisen viele, wenn auch übertriebene Paradoxen Originalität, Keckheit und Humor. Aber seineLucindewar mir doch stets zuwider; und ebenso der Geist, der imAlarcosherrscht, obwohl ich den kräftigen Ton des Stückes wohl gern hatte.
Deutsche Epigramme auf beide Schlegel.
Ich hatte ein paar deutsche Epigramme auf beide Schlegel's in der Zeit meines Abfalles geschrieben. Sie sind nie gedruckt worden; ich theile sie hier als characteristische Züge mit, die zu jener Zeit meines Lebens gehören. Schlegel's haben sie niemals weder gelesen noch gehört.
1.Alte und neue Zeit.
Verschied'ne Zeit, verschied'ne Richtung,So Alles, so die deutsche Dichtung.Lessing's Aesthethik wollte Wahrheit,Natur in kräft'ger schöner Klarheit.Die beiden Schlegel wollen WehmuthIn mönchischer und stolzer Demuth.Man liebte alles Schöne weiland,Jetzt ruft man affectirt den Heiland.Aus Wildniß stieg ein edles Bildniß;Das Bild verfliegt, wird wieder Wildniß.Ach hätten wir statt Schlegeln Lessing!Nur ein Stück Gold für zwei Stück Messing.
Verschied'ne Zeit, verschied'ne Richtung,So Alles, so die deutsche Dichtung.Lessing's Aesthethik wollte Wahrheit,Natur in kräft'ger schöner Klarheit.Die beiden Schlegel wollen WehmuthIn mönchischer und stolzer Demuth.Man liebte alles Schöne weiland,Jetzt ruft man affectirt den Heiland.Aus Wildniß stieg ein edles Bildniß;Das Bild verfliegt, wird wieder Wildniß.Ach hätten wir statt Schlegeln Lessing!Nur ein Stück Gold für zwei Stück Messing.
Verschied'ne Zeit, verschied'ne Richtung,So Alles, so die deutsche Dichtung.Lessing's Aesthethik wollte Wahrheit,Natur in kräft'ger schöner Klarheit.Die beiden Schlegel wollen WehmuthIn mönchischer und stolzer Demuth.Man liebte alles Schöne weiland,Jetzt ruft man affectirt den Heiland.Aus Wildniß stieg ein edles Bildniß;Das Bild verfliegt, wird wieder Wildniß.Ach hätten wir statt Schlegeln Lessing!Nur ein Stück Gold für zwei Stück Messing.
2.Unterschied zwischen den beiden Schlegels.
Der August sagt: „Mein Bruder und ich!“„Ich und mein Bruder!“ sagt Friederich.
Der August sagt: „Mein Bruder und ich!“„Ich und mein Bruder!“ sagt Friederich.
Der August sagt: „Mein Bruder und ich!“„Ich und mein Bruder!“ sagt Friederich.
In mein Stammbuch schrieb Friedrich:
„Nur der Sehnsucht fließt der Sehnsucht QuellNur der Demuth scheint die Wahrheit hell.“
„Nur der Sehnsucht fließt der Sehnsucht QuellNur der Demuth scheint die Wahrheit hell.“
„Nur der Sehnsucht fließt der Sehnsucht QuellNur der Demuth scheint die Wahrheit hell.“
Auf diese Weise wäre der gute Friedrich niemals zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen; denn Demuth drückte ihn, wie bekannt, nicht sehr.
Frau Staël-Holstein wohnte in der Nähe von Paris inAuberge en ville; denn Napoleon wollte ihr nicht gestatten, näher zu treten. Ich besuchte sie dort und fand A. W. Schlegel und Benjamin Constant de Rebecque dort, der später eine so wichtige politische Rolle gespielt hat. Die geistreiche Dichterin empfing mich sehr freundlich, obgleich ich nur mittelmäßig Französisch sprach, und bat mich, sie in Coppet zu besuchen, wenn ich nach der Schweiz käme. Ich werde später mehr von diesen merkwürdigen Menschen sprechen.
Ueber Rousseau's Heloise.
Ich legte mich nun mit Eifer auf das Französische und las zum ersten Male Rousseau's Heloise. Dieses Buch rührte mich eben so sehr, wie Werther's Leiden, flößte mir aber bei Weitem nicht die Achtung vor dem Verfasser ein. Die Beredtheit ist darin eben so groß; die Leidenschaften und die Scenen sind eben so kräftig und schön geschildert; aber der neckende Eigensinn, die Jagd nach Paradoxen und etwas Unwürdiges (um nicht zu sagen Niederträchtiges) in dem Character des Verfassers, das zuweilen auf seine Personen übergeht, ärgerte mich oft so, daß ich das Buch auf die Erde warf und mit den Füßen darauf trat. Aber dann konnten wieder ein herrlicher Gedankenreichthum, ein reinesedles Gefühl, und echte poetische Schilderungen des menschlichen Herzens, der Natur, des Unglücks und der Wehmuth mich innig rühren und hinreißen. — Wahrlich, Rousseau war ein Genie und ein höchst merkwürdiger Mann. Als ich kurz darauf seineBekenntnisselas, wurde mir Vieles klar, was ich in der Heloise nicht verstanden hatte. Er hatte keine Erziehung gehabt und seine Gesundheit in der Jugend geschwächt. Sein stolzer Eigensinn kämpfte unaufhörlich mit seinem guten Herzen; und seine allzu krankhafte Empfindlichkeit verhinderte ihn trotz seines Verstandes, sich über die Verhältnisse zu erheben, und sie mit Ruhe und Besonnenheit zu überschauen. Die stete Gewohnheit, gegen so viel Schlechtes und Schiefes zu opponiren, verleitete ihn auch oft, dem Guten und Wahren zu widersprechen. Und so verstand man erst, wie dieser geniale Kopf zuletzt in Fehler und Tollheiten verfallen konnte, vor denen die größten Dummköpfe sich mit Leichtigkeit hätten schützen können.
Skandinavischer Umgang in Paris.
Ich ging viel mit zwei jungen Malern,Olivieraus Dessau, guten, freundlichen Menschen um; der eine malte mich. Dasselbe that auch ein norwegischer Maler, LieutenantMunk, der damals in Paris war. Der geniale MusikerKienlengehörte auch zu meinem täglichen Umgange; er schrieb schöne Melodien zu Aladdin, und soll später in Berlin eine sehr hübsche Musik zu Göthe's Claudine von Villa bella geschrieben haben.
Besonders erfreute es uns Dänen, mit der norwegischen, liebenswürdigen FamilieKnudtzon, die nach Paris gekommen war, zusammen zu leben. Bröndsted, Koës und ich aßen oft bei ihnen, und wenn wir so zusammen saßen, bildeten wir uns ein, in Dänemark oder Norwegen zu sein. Ich werde diese lieben Menschen nie vergessen; den bravenJohansenund seine treueSara; die liebenswürdige FrauLabouchèreund ihre Schwester, die holdeBenedicte. Mein Umgang mit ihnen trug viel dazu bei „AxelundValborg,“ das ich damals geradeschrieb, das frische, nordische Colorit zu verleihen, das sonst durch den langen Aufenthalt im Auslande leicht hätte geschwächt werden können.
Die Alterthumsforscher Arndt und Millin.
Der wunderliche AlterthumsforscherArndt, von dem ich bereits früher gesprochen, und den ich viele Jahre darauf alsStraußin meinem Drama: „Die italienischen Räuber“ auftreten ließ, kam auch nach Paris. Die Franzosen wunderten sich über diesen Menschen, der fast wie ein Bettler gekleidet war, aber die Taschen voll gelehrter Manuscripte hatte. Er wäre früher gekommen, aber gerade als er an der Barrière von Paris angekommen, fiel es ihm ein, daß er ein Manuscript in einem Steinhaufen, eine Viertelmeile von Lübeck vergessen habe. Er wanderte deßhalb zurück, um es zu holen, und dies raubte ihm einige Zeit.Millin, Professor der Archäologie und Vorsteher des Antiken- und Medaillencabinets, war sehr höflich gegen ihn und er sehr grob gegen Millin. Er warf ihm Unwissenheit vor. Man kann sich nicht zwei größere Contraste denken! Jener reich, vornehm, Bewohner eines schönen Hotels, in dem alle Gelehrten gewisse Stunden der Woche Zutritt hatten, und in prächtigen Zimmern alle neuen Bücher und Journale lesen konnten; — und Arndt in einem groben blauen Flaus, die langen Haare unter dem Kragen, und alle Taschen dick voll Papiere. —
Zuletzt wurde ich des Herrn Arndt doch überdrüssig. Als ich ihm eines Morgens einen alten Frack, etwas Linnen und ein Paar Stiefeln geschenkt und mein Frühstück mit ihm getheilt hatte, fing er an, indem er den Milchtopf mit einer Brotrinde auswischte, unverschämt von dem dänischen Könige zu reden. Ich bat ihn, sich zu recommandiren, wenn ich ihn nicht die Treppen hinunterwerfen sollte. Er ging, und seit dieser Zeit habe ich nie wieder mit ihm gesprochen.