Im siebenten Stockwerk.
Freilich wäre er tief gefallen; denn ich wohnte imHôtel de Quinze-VingtimsiebentenStockwerk.
Das Ungewitter fing an, sich auf dem nordischen Himmel zusammenzuziehen; und während wir in Paris Zeugen des Friedensfestes in Notredame waren, und Napoleon, wie Heinrich IV. gekleidet, unter einem Thronhimmel sahen, von allen seinen Staatsräthen und hohen Beamten begleitet; während das versammelte Volk am Abend in dem Tuileriengarten, wo er auf dem Balkon saß, sang: „Ou peut on être mieux, qu'au sein de sa famille“ und die ganze Stadt illuminirt war, schlugen unsere dänischen Herzen in banger Erwartung und der Ahnung einer schlimmern Illumination in Kopenhagen.
Ich hatte zuerst eine der ersten Etagen imHôtel de Quinze-Vingtbewohnt; als ich aber keinen Brief mehr von Kopenhagen erhielt und das Geld ausblieb, wollte ich in einen gewöhnlichen Gasthof ziehen, wo ich billig wohnen konnte. Aber meine wackere Wirthin, MadameGautier(eine Predigerwitwe, ich glaube von Genf), wollte es nicht erlauben. „Monsieur Oehsleng!“ sagte sie — denn weder sie noch irgend ein anderer Franzose konnte meinen Namen richtig aussprechen, — „wenn Sie auch zwei Jahre bei mir bleiben und ich keinen Sou von Ihnen bekomme, so lasse ich Sie doch nicht ziehen. Ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht betrügen wollen; bleiben Sie hier! aber wollen Sie mir eine Gefälligkeit erweisen, so ziehen Sie in meine oberste Etage hinauf! Da sollen Sie Alles bekommen: Mittag, Frühstück und Aufwartung, Alles gut und den vierten Theil billiger.“
Dieses edelmüthige Anerbieten kam mir wie vom Himmel. Ich zog in das siebente Stockwerk, gegenüber dem Carousselplatz, den Tuilerieen und der Ehrenpforte, wo die metallnen Pferde standen, die von Berlin nach Paris gewandert, und nun wieder auf dem Brandenburger Thor stehen. Auf dem Carousselplatze sah ich Napoleon oft mit seinen Garden beschäftigt, während ich da oben den Hakon Jarl übersetzte.
Nachricht vom Bombardement Kopenhagens.
Eines Tages, als ich ganz munter mit Bröndsted plauderte, tritt Koës blaß wie eine Leiche ins Zimmer und sagt: „Kopenhagen ist von den Engländern genommen!“ Wir wurden wie vom Blitze getroffen. Es circulirten mehrere falsche Gerüchte: daß das Friedrichsberger Schloß abgebrannt sei, daß alle Studenten bei einem Ausfall aus Kopenhagen umgekommen wären.
Es war, Gott sei Dank, nicht so schlimm hergegangen! All' meine Lieben lebten noch und Friedrichsberg hatte nichts gelitten; aber Kopenhagen war bombardirt und unter der Menge von Gebäuden, die in Asche gelegt waren, befand sich auch das große, schöne Haus meines zukünftigen Schwiegervaters auf der Norderstraße.
Brief an Christiane Heger.
Ein Brief, den ich meiner Christiane sandte, wird hier am besten zeigen, was ich erlebt hatte und was ich fühlte.
Paris, den 25. October 1807.
Liebste Christiane!
Unser Freund Koës reist übermorgen von Paris nach Dänemark; er hofft, daß die Engländer Kopenhagen werden verlassen haben, ehe er kommt, so daß die Fahrt über den Belt ihm offen steht. Gebe Gott, daß seine Hoffnung gegründet sei. Ich eile bei dieser Gelegenheit mein Herz vor Dir auszugießen, mein gutes Mädchen, und hoffe auch Briefe für unsere Schwestern fertig zu machen. Du hast lange nichts von mir gehört. Mein Schweigen in der letzteren Zeit verlangt keine Entschuldigung; daß ich so lange zwischen „der irrende Ritter“ und „Palnatoke“ schwieg, war Palnatoke's Schuld; ich arbeitete daran, lebte ein friedliches, glückliches Alltagsleben einen Tag wie den andern. Die eignen Gedanken und Ideen, die in meiner Seele erwachten, drückte ich in meinem Gedichte aus, und ich hatte Dir übrigens im strengsten Sinne des Wortes nichts zu sagen, als von meiner Liebe, die Du kennst. Ein kleiner Nebenumstand war vielleicht Ursache daran, daß Du mit dem Palnatoke keine Briefe erhieltest. Dein guter Vater hatte mich vor einigerZeit durch einen Brief erfreut; er hatte darin ein venetianisches Lexikon und etwas über Flintglas zu hören verlangt. Ich gestehe mein Unrecht; ich schob es von Tag zu Tag auf, und nun wollte ich Dir nicht schreiben, bevor ich nicht ihm auch schreiben könnte. Ich habe später in der Kaiserlichen Bibliothek verschiedene Notizen über Lexika bekommen, aber in diesem Augenblicke, wo sein Haus verbrannt und sein Eigenthum zerstört ist, hat der arme Mann wohl an andere Dinge zu denken.
Liebes Mädchen! Freilich war ich nicht in Kopenhagen, die Gefahren und Schrecken mit Euch zu theilen, aber meine Qual und mein Unglück sind darum nicht geringer gewesen. In langsamen, bitteren Zügen habe ich den Kelch getrunken, den Ihr auf einmal geleert. Während noch Alles ruhig in Dänemark war, hatten wir hier in Paris die wahrscheinlichste Furcht vor dem, was da geschehen würde. Die dunklen Wolken fingen an vor unsern Augen über unser Vaterland aufzuziehen, während man hier in Paris ununterbrochen Friedensfeste feierte. Denke Dir die raffinirte Qual, in einem Theater zu sitzen, muntere Freudenstücke aufführen zu sehen, ein glückliches, siegendes Volk jubeln zu hören, überall Luxus und Ueberfluß; und nun mit dem Auge der Seele durch die Theaterwände nach dem dunklen Horizont gen Norden zu blicken, die englische Flotte auf den Wogen, die französische Armee auf dem Lande zu sehen. Kronburg, als ein Unglücksprophet seinen Scheitel über den Oeresund erhebend — und das arme Kopenhagen! Und Eure gräßliche Ruhe! Grade beim Friedensfeste hier in Paris, als ich in Notredame gewesen war, dasTedeumgehört, die ganze französische Pracht und Herrlichkeit gesehen, Napoleon zum ersten Male in meinem Leben in Rittertracht unter einem Thronhimmel, den Senat und alle Rathspersonen in ihren Staatsuniformen, eine wimmelnde Menge des Pariser Publikums, Bravoruf und Freudengeschrei gehört, meinen poetischen Geist in die Zeit Karl's des Großen hingezaubert — darauf einen Sprung nach Norden, demaltenNorden und seinerverschwundenenMacht gethanhatte — kam ich müde und wehmüthig nach Hause und fand dort den letzten Brief von Rahbek, Karen Margrete und Job. Lauter Freude! Landpartien! Lust und Scherz! Rahbek nennt mich in diesem Briefe einenglücklichenDichter! Ja wohl ein glücklicher Dichter! glücklich wie der arme Camoëns, der seine Luciade fertig hatte, gerade als sein Vaterland zu Grunde ging. Lebte Camoëns jetzt, so könnte erwirklichglücklich werden; er hätte dann Stoff zu einer schöneren Luciade als die erste — aber ich armer Däne!
Daß ich nun gerade Palnatoke schreiben sollte! gerade dienordische politische Machtzum Stoff meines Gedichtes wenige Minuten vor diesem Augenblicke wählen mußte! That es das Geschick zum Hohn? oder war es um mich zu trösten, indem es mein Auge darauf hinlenkte, was auchwirgewesen waren, und um es mir frisch im Gedächtniß zu erhalten: Jede Blume hat ihre Zeit, aber in der Kunst blüht ein ewiger Frühling? O, wie spielen die Nornen mit dem armen Menschenherzen Ball. Bald fällt, bald steigt es. Daß die Engländer kommen würden, hatten wir voraus gesehen. Die Tüchtigkeit, der Muth und die Vorsichtsmaßregeln, von denen die Zeitungen immer aus Dänemark sprachen, fingen an uns zu trösten und zu stärken. Castenskiold's Heer! die Bürgerschaft in Kopenhagen! die tiefe Verachtung gegen die Engländer! die gute Sache! die Erinnerung an Dänemarks alte Ehre! die Versicherung des Ueberflusses an Lebensmitteln! DiekeckenMaßregeln, die man (in denZeitungen) genommen hatte, indem man die Vorstädte und Friedrichsberg abbrannte. Und mit glühenden Schmerzensthränen sah ich die Westerbrücke und das Schloß brennen. Der Ort, an dem meine Wiege stand, ging zu Grunde, jedes Monument, das die Erinnerungen aus meinem Leben in meinem Herzen auffrischte. Aber ich opferte mit Freude meine Glückseligkeit dem Vaterlande. Am 29. und 30. sollte ein Heldenausfall stattgefunden haben. Die Zeitungen erzählten uns, daß die Studenten an der Spitze gestanden, Granaten auf das Schloß geworfenhätten und fast alle auf dem Wahlplatz geblieben seien. Da weinte ich. Ich sah Rahbek, Oersted und Carl in ihrem Blute schwimmend, meinen alten Vater in der äußersten Lebensgefahr. Aber ich fühlte mich als ein Spartaner, und klagte das Schicksal an, welches mir nicht auch erlaubte, mit meinen Brüdern bei Thermopylä zu fallen. Nach Verlauf einiger Tage kam mir die Nachricht, daß nicht alle Vorstädte abgebrannt seien, nur etwas von der Westerbrücke und daß das Friedrichsberger Schloß noch stehe. Daß das Schloß stand, freute mich unsäglich; wir erfuhren auch, daß die Niederlage der Studenten nicht so groß gewesen sei, wie das Gerücht ging. Ich fing an für mein persönliches Glück zu hoffen, ohne für das Ganze zu fürchten. Fortwährende Nachrichten über den dänischen Widerstand und die englische Eingebildetheit klangen in unsern Ohren. Ich dichtete ein Lied, welches von der Landsmannschaft bei dem Minister Dreyer gesungen wurde, wo wir Dänemarks Wohl im Blute des Feindes (Englisches Bier) tranken. So ging es fort; wir hörten nun nichts von Kopenhagen, aber wir fürchteten nichts. Eines Morgens saß Bröndsted bei mir, wir lachten und scherzten; in demselben Augenblick kommt Koës bleich wie eine Leiche herein und sagt: „Kopenhagen ist genommen!“ Du hast Phantasie und Gefühl genug, um Dir vorzustellen, welche Wirkung das auf uns hervorbrachte. Von der Hoffnung und Munterkeit stürzte es uns plötzlich in die bitterste Verzweiflung hinab. Wir waren zu einem Dr.Klingerimjardin des planteseingeladen, um das Naturaliencabinet zu sehen. Wir setzten uns in einen Wagen und fuhren hinaus. Bei Klinger kam ich in die tollste Laune, lachte aus vollem Halse und sagte lauter Narrheiten. Er freute sich darüber, mich so munter zu finden. Ich sagte: „Ist es ein Wunder, daß ich ausgelassen bin? Kopenhagen ist eingenommen, meine Familie getödtet, verwundet oder zu Grunde gerichtet, die Hälfte der Stadt verbrannt und Dänemark zum Teufel gegangen.“ Darauf fing ich wieder zu lachen an. Es war dies das Lachen, vor dem ich früher bei Dir so großeFurcht hatte, das ein Vorbote Deines Krampfes war. Indessen bekam ich keinen Krampf. Der liebe Gott hat mich aus einem stärkeren Teige geknetet. Wir gingen in's Naturalienkabinet, sahen große Elephantenskelette, Versteinerungen von Thieren aus Asien in Kalkstücken vom Montmartre &c. Bessern Trost hätte ich nicht bekommen können. Die großen Umwälzungen der Natur standen mir lebhaft vor den Blicken, und mein eignes und Dänemarks Schicksal erschienen mir wie die Bewegungen eines Stäubchens in dem unermeßlichen Raum. Ich sah Kinder in Spiritus, deren Herzen weder im Kummer, noch in der Freude geschlagen hatten, und ich dankte der Vorsehung für das meinige, das beides empfunden und zugleich den Ewigen selbst erfaßt hatte. Meine verzweifelte Stimmung verschwand, ich blickte die Verwandlungen der Natur mit von Thränen geblendeten Augen an, meine Seele erhob sich kühn im Unglücke. Das Unglück macht groß: Ich fühlte meine Unsterblichkeit, die religiöse Hoffnung stand wie ein grüner unvergänglicher, gigantischer Smaragd-Anker vor meiner Seele. Meine Liebe zu den Meinigen wuchs, um so mehr, als ich nicht wußte, ob wir diesseits oder jenseits des Grabes sympathisirten, aber dieses Grab erschien mir nun ein unbedeutender Graben zu sein, der leicht zu überspringen war. So kam ich mit einem frommen Herzen nach Hause und betete innig zu Gott. Von diesem Augenblick an war ich ruhiger. Aber von Zeit zu Zeit stand doch das Unglück des Vaterlandes mir vor der Seele. In der Nacht dachte ich an Euch und wünschte innig, daß Ihr leben möchtet. An einem schönen Herbsttage, als ich hier spazieren gegangen war und mich so leicht ums Herz fühlte, ahnte mir etwas Gutes. Als ich nach Hause kam, fand ich einen Brief von H. C. Oersted.Ihr lebtet Alle!!O wie dankte ich Gott; wie freute ich mich! Selbst daß Euer Haus abgebrannt, konnte meine Freude nicht stören. Kurz darauf bekam ich Deinen Brief. O schreibe mir bald mehr. Detaillire mir Alles, liebe Christiane! ich schließe hier nicht. Ich beginne jetzt den Brief an meineSchwester (denn ich bin zwischen Euch getheilt); daraus wirst Du meinen übrigen Zustand erfahren.
Dein
Oehlenschläger.
Ein Brief von Baggesen.
Kurz darauf kam Baggesen nach Paris; er hatte fast ein ganzes Jahr in dem Hause meines Schwagers, A. S. Oersted gelebt; seinen halberwachsenen Sohn August hatte mein Vater zu sich genommen, und ein Paar Jahre wie sein eignes Kind gepflegt; Ursachen genug für Baggesen, günstig gegen Sophien's Bruder, gegen den Sohn des alten Oehlenschläger und gegen den jungen Dichter gestimmt zu sein, der kurz vorher zu seiner Ehre ein Fest veranstaltet und ein Lied geschrieben hatte. Aber ich sehnte mich doch nicht nach ihm. Er hatte mir vorher einen gedruckten Reimbrief nach Paris gesandt, dem voran geschrieben stand:
„In dem Zimmer meiner besten, verehrten und inniggeliebten dänischen Freundin, Deiner göttlichen Schwester — nachdem ich mit ihr, ihrem Manne, Schwager Christian und Tine Deinen Geburtstag gefeiert hatte.“
Und am Schlusse:
„Ich würde zuviel zu erzählen haben, mein Oehlenschläger, wenn ich davon sprechen sollte, wo und wie ich die drei letzten Monate zugebracht habe. Davon muß Alles oder gar nichts erzählt werden. Ich erspare es mir auf eine Reihe mündlicher Unterhaltungen.
Wunderbar genug sind unsere wirklichen Ereignisse, nachdem sie lange, fast ins Unendliche hinaus auseinander gegangen waren, zusammengetroffen. Ich weiß nicht weshalb; aber ich habe die eigenthümliche, innere Ueberzeugung, daß nicht allein ich zu dem sympathetischen Punkt zurückgekehrt bin, von dem wir Beide ausgingen.
Ich beabsichtige von hier am 1. December fortzureisen und vor Neujahr in Paris zu sein.
Meine Sehnsucht nach meiner Fanny und meinem Paul und meinem und Sophien's Bruder ist unbeschreiblich. Ich habe viel Angst und Unruhe in dieser Zeit ausgestanden, weil ich nicht reisen konnte. Du wirst vielleicht meiner Frau die bisherige Unmöglichkeit erklären können; selbst mein Leben und nicht nur meine Freiheit war in Gefahr.
Ich bitte Dich innig, meine Frau in Marly zu besuchen (Marly la machine—le village sur la hauteur—près St. Germain). Erzähle ihr das Entsetzen, das wir hier ausgestanden haben, meinen heftigen Rückfall und Deutschlands Zerstörung. Küsse und drücke ihre Hand für mich, und sage ihr, wie ungeduldig ich mich darnach sehne, an Deiner Stelle zu sein. Sage ihr, daß ich es nie wagen durfte, ihr die reine Wahrheit in meinem Briefe zu schreiben.
Warum bin ich nicht bereits in Paris, um Dir den raschesten Genuß alles Dessen zu erleichtern, was daselbst Deines Geistes und Deines Herzens werth ist!
Schreibe mit ein Paar Zeilen nach Amsterdam, adressirt: An Herrn Brockhaus, Warmoesstraat Nr. 1–2.
Ewig Dein
Baggesen.“
Auszug aus einem Reimbrief von Baggesen.
Einen Auszug aus dem Reimbriefe theile ich hier mit:
„Du fand'st sie Adam, sie, nach der ich strebteIm tiefen Ernste grübelnd alle Zeit,Mit ruhelosem Fleiß in Einsamkeit,Vom Sonnenaufgang bis die Sonne schwand,Wo ich in blut'ger Spur nur Dornen fand,In Schweißes Strömen bei der Stirne Brand,Indeß das Hinderniß den Fleiß belebte.Du fandest sie, nach der ich strebteVom Abendschimmer bis zur Tagesnähe,Im Schooß des Abgrunds, auf des Felsens Höhe,Mit eis'gem Hirne u. s. w.Was ich gesucht, ja, ja! Du hast's gefunden, —Indessen mir, dem Armen, war gebundenDie Hand.Mit Freuden hab' ich Deinen Fund erkannt;Zwar sucht'st Du nicht, doch fand'st Du dennoch Vieles —Das Aug' des Glückes deckt ein blendend Band —;Dich lockt, indeß ich grub, der Reiz des Spieles,Du stehst, ein Kind noch, wo ich erst Dich fand,Bei unterird'schen, diamantnen Bäumen,Dem Untergange nah, der Dich umwand, —Die mächt'ge Himmelslampe in der Hand,Doch deren Geist Du nicht gleich mir erkannt; —Noch bist Du von dem bunten Rausch umhüllt,Du letzest Dich an Tieck'schen Blumenträumen,Und an der Schlegelbirnen reichen Saaten.Du hast Dir alle Taschen voll gefülltMit Göthe's unterirdischen Granaten,Indessen Calderon's TheaterprachtDen runden Hut zum Viereck Dir gemacht; —Allein — Du hast sie — hast den Geist gebannt,Dein ist sie, Adam; und Dein Freund, der lebteVergebens, sie zu suchen; als Du spieltest, strebte,Reicht Dir mit Wollust seine Hand — u. s. w.Steig' auf, steig' auf,Hoch auf den Berg im raschen Lauf,Da setz' Dich, Glücklicher, an meine Seite.Und ich — der nicht die Lampe hat, doch weißDen Geist zu bannen durch ein streng Geheiß,Ich bin Dir nah', daß ich die Hand Dir leite.Du hört'st mich nicht tief in der Höhle Mitt';Du gingst, belastet durch die schweren Steine,In Tausend Einer Nacht den Gang alleine.Doch wuchs mein Hoffen schon bei jedem Schritt,Als Du Dich hobst. Und — Wunder über Wunder —Nicht mehr der Knabe, weiß und roth, mit glattem Kinn,Der nach den Früchten griff, mit kind'schem Sinn,Ich sah als bärt'gen Mann Dich im Vaulunder;Und hoch und herrlich stand'st, mit einem Satz,AlsHakon JarlDu auf dem höchsten Platz. —Empfang' mit diesem Bruderkuß die Hand!Vergiß die Stöße, die wir uns gegeben,Dieweil wir unsern Geist verkannt,Vom Teufel kurze Zeit gebannt,Der Zwistigkeiten liebt für's Leben,Und gern sie sä't, wo Witz und Witz sich heben.Wir lieben uns, trotz ihm und seiner Brut,Und sind uns, Castor gleich und Pollux, gut.Ich wechselweis im Himmel erst mit Dir,Du wechselweis dann in der Höll' mit mir.Ich froh des Jünglings, Du des Mannes froh.Und all' die Irrwisch', die so tief im SumpfDa hüpfen, und sich drücken, Rumpf an Rumpf,Seh'n hoch hinauf, und spitzen ihre Ohren,Seh'n hier des Friedens herrlichen Triumph,Daß sich Aladdin und Noureddin fanden,Daß alle früher'n Uebel rasch verschwanden,Und Mancher hat d'rob den Verstand verloren!“
„Du fand'st sie Adam, sie, nach der ich strebteIm tiefen Ernste grübelnd alle Zeit,Mit ruhelosem Fleiß in Einsamkeit,Vom Sonnenaufgang bis die Sonne schwand,Wo ich in blut'ger Spur nur Dornen fand,In Schweißes Strömen bei der Stirne Brand,Indeß das Hinderniß den Fleiß belebte.Du fandest sie, nach der ich strebteVom Abendschimmer bis zur Tagesnähe,Im Schooß des Abgrunds, auf des Felsens Höhe,Mit eis'gem Hirne u. s. w.Was ich gesucht, ja, ja! Du hast's gefunden, —Indessen mir, dem Armen, war gebundenDie Hand.Mit Freuden hab' ich Deinen Fund erkannt;Zwar sucht'st Du nicht, doch fand'st Du dennoch Vieles —Das Aug' des Glückes deckt ein blendend Band —;Dich lockt, indeß ich grub, der Reiz des Spieles,Du stehst, ein Kind noch, wo ich erst Dich fand,Bei unterird'schen, diamantnen Bäumen,Dem Untergange nah, der Dich umwand, —Die mächt'ge Himmelslampe in der Hand,Doch deren Geist Du nicht gleich mir erkannt; —Noch bist Du von dem bunten Rausch umhüllt,Du letzest Dich an Tieck'schen Blumenträumen,Und an der Schlegelbirnen reichen Saaten.Du hast Dir alle Taschen voll gefülltMit Göthe's unterirdischen Granaten,Indessen Calderon's TheaterprachtDen runden Hut zum Viereck Dir gemacht; —Allein — Du hast sie — hast den Geist gebannt,Dein ist sie, Adam; und Dein Freund, der lebteVergebens, sie zu suchen; als Du spieltest, strebte,Reicht Dir mit Wollust seine Hand — u. s. w.Steig' auf, steig' auf,Hoch auf den Berg im raschen Lauf,Da setz' Dich, Glücklicher, an meine Seite.Und ich — der nicht die Lampe hat, doch weißDen Geist zu bannen durch ein streng Geheiß,Ich bin Dir nah', daß ich die Hand Dir leite.Du hört'st mich nicht tief in der Höhle Mitt';Du gingst, belastet durch die schweren Steine,In Tausend Einer Nacht den Gang alleine.Doch wuchs mein Hoffen schon bei jedem Schritt,Als Du Dich hobst. Und — Wunder über Wunder —Nicht mehr der Knabe, weiß und roth, mit glattem Kinn,Der nach den Früchten griff, mit kind'schem Sinn,Ich sah als bärt'gen Mann Dich im Vaulunder;Und hoch und herrlich stand'st, mit einem Satz,AlsHakon JarlDu auf dem höchsten Platz. —Empfang' mit diesem Bruderkuß die Hand!Vergiß die Stöße, die wir uns gegeben,Dieweil wir unsern Geist verkannt,Vom Teufel kurze Zeit gebannt,Der Zwistigkeiten liebt für's Leben,Und gern sie sä't, wo Witz und Witz sich heben.Wir lieben uns, trotz ihm und seiner Brut,Und sind uns, Castor gleich und Pollux, gut.Ich wechselweis im Himmel erst mit Dir,Du wechselweis dann in der Höll' mit mir.Ich froh des Jünglings, Du des Mannes froh.Und all' die Irrwisch', die so tief im SumpfDa hüpfen, und sich drücken, Rumpf an Rumpf,Seh'n hoch hinauf, und spitzen ihre Ohren,Seh'n hier des Friedens herrlichen Triumph,Daß sich Aladdin und Noureddin fanden,Daß alle früher'n Uebel rasch verschwanden,Und Mancher hat d'rob den Verstand verloren!“
„Du fand'st sie Adam, sie, nach der ich strebteIm tiefen Ernste grübelnd alle Zeit,Mit ruhelosem Fleiß in Einsamkeit,Vom Sonnenaufgang bis die Sonne schwand,Wo ich in blut'ger Spur nur Dornen fand,In Schweißes Strömen bei der Stirne Brand,Indeß das Hinderniß den Fleiß belebte.Du fandest sie, nach der ich strebteVom Abendschimmer bis zur Tagesnähe,Im Schooß des Abgrunds, auf des Felsens Höhe,Mit eis'gem Hirne u. s. w.Was ich gesucht, ja, ja! Du hast's gefunden, —Indessen mir, dem Armen, war gebundenDie Hand.Mit Freuden hab' ich Deinen Fund erkannt;Zwar sucht'st Du nicht, doch fand'st Du dennoch Vieles —Das Aug' des Glückes deckt ein blendend Band —;Dich lockt, indeß ich grub, der Reiz des Spieles,Du stehst, ein Kind noch, wo ich erst Dich fand,Bei unterird'schen, diamantnen Bäumen,Dem Untergange nah, der Dich umwand, —Die mächt'ge Himmelslampe in der Hand,Doch deren Geist Du nicht gleich mir erkannt; —Noch bist Du von dem bunten Rausch umhüllt,Du letzest Dich an Tieck'schen Blumenträumen,Und an der Schlegelbirnen reichen Saaten.Du hast Dir alle Taschen voll gefülltMit Göthe's unterirdischen Granaten,Indessen Calderon's TheaterprachtDen runden Hut zum Viereck Dir gemacht; —Allein — Du hast sie — hast den Geist gebannt,Dein ist sie, Adam; und Dein Freund, der lebteVergebens, sie zu suchen; als Du spieltest, strebte,Reicht Dir mit Wollust seine Hand — u. s. w.Steig' auf, steig' auf,Hoch auf den Berg im raschen Lauf,Da setz' Dich, Glücklicher, an meine Seite.Und ich — der nicht die Lampe hat, doch weißDen Geist zu bannen durch ein streng Geheiß,Ich bin Dir nah', daß ich die Hand Dir leite.Du hört'st mich nicht tief in der Höhle Mitt';Du gingst, belastet durch die schweren Steine,In Tausend Einer Nacht den Gang alleine.Doch wuchs mein Hoffen schon bei jedem Schritt,Als Du Dich hobst. Und — Wunder über Wunder —Nicht mehr der Knabe, weiß und roth, mit glattem Kinn,Der nach den Früchten griff, mit kind'schem Sinn,Ich sah als bärt'gen Mann Dich im Vaulunder;Und hoch und herrlich stand'st, mit einem Satz,AlsHakon JarlDu auf dem höchsten Platz. —Empfang' mit diesem Bruderkuß die Hand!Vergiß die Stöße, die wir uns gegeben,Dieweil wir unsern Geist verkannt,Vom Teufel kurze Zeit gebannt,Der Zwistigkeiten liebt für's Leben,Und gern sie sä't, wo Witz und Witz sich heben.Wir lieben uns, trotz ihm und seiner Brut,Und sind uns, Castor gleich und Pollux, gut.Ich wechselweis im Himmel erst mit Dir,Du wechselweis dann in der Höll' mit mir.Ich froh des Jünglings, Du des Mannes froh.Und all' die Irrwisch', die so tief im SumpfDa hüpfen, und sich drücken, Rumpf an Rumpf,Seh'n hoch hinauf, und spitzen ihre Ohren,Seh'n hier des Friedens herrlichen Triumph,Daß sich Aladdin und Noureddin fanden,Daß alle früher'n Uebel rasch verschwanden,Und Mancher hat d'rob den Verstand verloren!“
Antwort auf Baggesen's Reimbrief.
Hierauf antwortete ich auch mit einem Gedichte, in welchem Folgendes stand:
Was also Aladdin betrifft, so denk' ich nun,Wir lassen seine Wunderlampe brennen still,Und putzen nicht den Docht gar all' zu nah; denn leichtKönnt' sie auf diese Weis' erlöschen gar. Auch istDer Lamp' Gedicht kein Kinderwerk, im Schlaf gemacht,Mit offnem Auge blickt es in der Welt umher.Vaulunder wurdevorder Lampe schon gedichtet; IllusionIst also, was Du glaubtest von dem ältern Mann.Der Wilde tritt als Aladdin rasirt hervor,So steht es. Das hat sicher Dich verwirrt gemacht!Im Schweiße mag der Bürger gehen seinen Weg!Wohl heilig ist sein Streben; doch der Musen SohnKennt nicht den Schweiß. Vulkan auf seinem Ambos hatGeschmiedetDeineLieder nicht! Ein Silberbach,So rannen sie melodisch durch das Thal dahin,Und eigne Quellen trieben sie.Was Du gesagtVon meinem Schlaf, sei Dir verzieh'n; der Dichter dochHat eines Vogels Schlaf; er lauschet munter stetsDen schönen Melodien der Welt auf seinem Zweig;Und selbst sein Schlummer ist ein Traum, ein Mährchen ihm.Was ihm die Muse eingiebt, singt getreulich er,Ob farbig bunt, ob tief in Trauerschleier eingehüllt;So that ich stets, so will ich thun auch bis zum Tod.Gefällt allein die Hälfte meines Wesens Dir,So nimm', was Dir gefällt, allein verschone michMit Deinem Warnungslied! Zu FreundessympathieBedarf es, daß der Freund den Freund durchschaue ganz. u. s. w.Nun zürn' mir nicht, daß ich mit Ernst und strenger Ruh'Dem muntern Scherz begegnet. Mich betraf Dein Wort.Gereiftheit, Männlichkeit zu zeigen in dem WerkDer Dichter hoffte.Alsosingt kein schläfrig Kind!Doch fest, auf beiden Füßen sicher, ganz wie DuUnd Einer, meinem Ziel zu nahen, ist mein Trost,Mein Stolz und was allein mir anzurechnen ist.Und damit Gott befohlen, Hand an's Werk gelegt.
Was also Aladdin betrifft, so denk' ich nun,Wir lassen seine Wunderlampe brennen still,Und putzen nicht den Docht gar all' zu nah; denn leichtKönnt' sie auf diese Weis' erlöschen gar. Auch istDer Lamp' Gedicht kein Kinderwerk, im Schlaf gemacht,Mit offnem Auge blickt es in der Welt umher.Vaulunder wurdevorder Lampe schon gedichtet; IllusionIst also, was Du glaubtest von dem ältern Mann.Der Wilde tritt als Aladdin rasirt hervor,So steht es. Das hat sicher Dich verwirrt gemacht!Im Schweiße mag der Bürger gehen seinen Weg!Wohl heilig ist sein Streben; doch der Musen SohnKennt nicht den Schweiß. Vulkan auf seinem Ambos hatGeschmiedetDeineLieder nicht! Ein Silberbach,So rannen sie melodisch durch das Thal dahin,Und eigne Quellen trieben sie.Was Du gesagtVon meinem Schlaf, sei Dir verzieh'n; der Dichter dochHat eines Vogels Schlaf; er lauschet munter stetsDen schönen Melodien der Welt auf seinem Zweig;Und selbst sein Schlummer ist ein Traum, ein Mährchen ihm.Was ihm die Muse eingiebt, singt getreulich er,Ob farbig bunt, ob tief in Trauerschleier eingehüllt;So that ich stets, so will ich thun auch bis zum Tod.Gefällt allein die Hälfte meines Wesens Dir,So nimm', was Dir gefällt, allein verschone michMit Deinem Warnungslied! Zu FreundessympathieBedarf es, daß der Freund den Freund durchschaue ganz. u. s. w.Nun zürn' mir nicht, daß ich mit Ernst und strenger Ruh'Dem muntern Scherz begegnet. Mich betraf Dein Wort.Gereiftheit, Männlichkeit zu zeigen in dem WerkDer Dichter hoffte.Alsosingt kein schläfrig Kind!Doch fest, auf beiden Füßen sicher, ganz wie DuUnd Einer, meinem Ziel zu nahen, ist mein Trost,Mein Stolz und was allein mir anzurechnen ist.Und damit Gott befohlen, Hand an's Werk gelegt.
Was also Aladdin betrifft, so denk' ich nun,Wir lassen seine Wunderlampe brennen still,Und putzen nicht den Docht gar all' zu nah; denn leichtKönnt' sie auf diese Weis' erlöschen gar. Auch istDer Lamp' Gedicht kein Kinderwerk, im Schlaf gemacht,Mit offnem Auge blickt es in der Welt umher.Vaulunder wurdevorder Lampe schon gedichtet; IllusionIst also, was Du glaubtest von dem ältern Mann.Der Wilde tritt als Aladdin rasirt hervor,So steht es. Das hat sicher Dich verwirrt gemacht!Im Schweiße mag der Bürger gehen seinen Weg!Wohl heilig ist sein Streben; doch der Musen SohnKennt nicht den Schweiß. Vulkan auf seinem Ambos hatGeschmiedetDeineLieder nicht! Ein Silberbach,So rannen sie melodisch durch das Thal dahin,Und eigne Quellen trieben sie.Was Du gesagtVon meinem Schlaf, sei Dir verzieh'n; der Dichter dochHat eines Vogels Schlaf; er lauschet munter stetsDen schönen Melodien der Welt auf seinem Zweig;Und selbst sein Schlummer ist ein Traum, ein Mährchen ihm.Was ihm die Muse eingiebt, singt getreulich er,Ob farbig bunt, ob tief in Trauerschleier eingehüllt;So that ich stets, so will ich thun auch bis zum Tod.Gefällt allein die Hälfte meines Wesens Dir,So nimm', was Dir gefällt, allein verschone michMit Deinem Warnungslied! Zu FreundessympathieBedarf es, daß der Freund den Freund durchschaue ganz. u. s. w.Nun zürn' mir nicht, daß ich mit Ernst und strenger Ruh'Dem muntern Scherz begegnet. Mich betraf Dein Wort.Gereiftheit, Männlichkeit zu zeigen in dem WerkDer Dichter hoffte.Alsosingt kein schläfrig Kind!Doch fest, auf beiden Füßen sicher, ganz wie DuUnd Einer, meinem Ziel zu nahen, ist mein Trost,Mein Stolz und was allein mir anzurechnen ist.Und damit Gott befohlen, Hand an's Werk gelegt.
So antwortete ich ihm, unter vielem Anderen, das ich hier weglasse, ernst und bescheiden auf eine Epistel, die eine seltsame Mischung von Selbstlob, Vorurtheil und Erkennen meines Talentes war. Diese Epistel würde mich doch mehr gerührt haben, als sie wirklich that, wenn ich nicht gewußt hätte, daß ich meinem Familienkreise in Kopenhagen den größten Theil des Weihrauchs verdankte, den Baggesen damals mir ausstreute, denn er ließ sich stets von seiner Umgebung und deren Meinung beherrschen. —
Belege zur Characteristik Baggesen's.
Aus dieser Zeit habe ich mehrere Briefe aus meinen nächsten Kreisen in Kopenhagen, wovon ich hier Bruchstücke mittheilen will. Zuerst von Christiane:
„Ich war zwei Abende mit Baggesen bei Rahbek zusammen und hörte ihn das Scheerenschleiferlied singen. An einem Abend begleitete er mich nach Hause und machte mich etwas verlegen, indem er sagte, daß das Stück „Corsoer“ in der Langelandsreise ihm nahe gegangen sei. Deine Schwester, erzählte er mir, sei eine Deiner würdige Schwester, voll von Geist und Witz, aber ganz unwissend. Er ist oft zu Oersted's gekommen, und Sophie war mit ihm in „Corsoer“ , was ihr gewiß sehr unangenehm gewesen ist. Du bist ein prächtiger Junge, das muß ich Dir sagen, weil Du mir so liebevoll das Mißverhältniß in Familien oder zwischen Freunden erklärtest. Ich will nur bemerken, daß Abwesenheit ein herrliches Ding ist, da urtheilt man oft milder, als wenn man anwesend ist.“
„Deinen Baldur habe ich mehrere Male mit immer größerer Freude gelesen. Ich war etwas krank, als ich das Manuscript erhielt; aber eine bessere Medicin hätte ich nicht bekommen können; der Enthusiasmus, in den ich versetzt wurde, brachte das Blut in eine Circulation, die mich curirte. Baggesen habe ich nur einmal über den Baldur sprechen hören; aber ich verstand seine Rede eben so schlecht, wie die Noureddin's zu Aladdin. Er ist einer der Menschen, deren man bald überdrüssig wird; mich langweilt sein Geschwätz vielfach.“
Von H. C. Oersted folgende Bruchstücke:
„Baggesen ist hier. Er kommt viel in das Haus meines Bruders. Er hält viel von Deinen Gedichten, besonders von dem St. Hans Abendspiel und Aladdin. Vom Altnordischen ist er kein Freund. Er kann die vielen alten Worte nicht leiden, die Du aufnimmst, und will noch weniger etwas von den alten Formen wissen; kurz man kann über Vieles mit ihm streiten, aber der Wille scheint gut zu sein. Er will Die eine poetischeEpistel schreiben; Deine Schwester arbeitet nicht ganz ohne Glück daran, ihn zu Göthe zu bekehren. Er fühlt bereits, daß Vieles in seinem Urtheil über den großen Dichter aus persönlichen Verhältnissen entsprungen sei. Jedenfalls muß man gestehen, daß Baggesen im Umgange sehr interessant ist, wenn man ihn nur nicht dahin bringt, über die neuere Philosophie und Poesie zu urtheilen. In dieser Hinsicht ist er wirklich schwach, so daß er oft gegen Etwas eifert, nur weil es von ihm verhaßten Personen herrührt; obgleich er bei andern Gelegenheiten ganz Demselben seinen Beifall zollt, wenn es nicht von einem solchen Namen begleitet ist.“
„Dein Brief an Baggesen hat sich so ungetheilten Beifall erworben, wie wohl selten ein literarisches Produkt der Art. Deine Freunde haben sich außerordentlich darüber gefreut; selbst diejenigen, welche Deine Gegner, oder nicht ganz freundlich gegen Dich gesonnen waren, legen großen Werth darauf. Soldin hatte bereits Besuche des kaufenden Publikums, ehe der Brief zum Verkauf angezeigt war. Die Leute konnten ihn nicht rasch genug bekommen; man ging ganz geduldig nach der Pistolsgasse, zu Soldin's Buchbinder, um den Brief zu holen, ehe Soldin Exemplare desselben erhielt. In Dreyer's Club hat Bornemann ihn mit vielem Pathos vorgelesen und Alle lobten ihn. Was nun Baggesen betrifft, so las ich ihn ihm gleich im Manuscripte vor. Im Anfange fand er ihn voller Bitterkeit, aber als er ihn ein paar Mal gelesen, und ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, daß nicht Alles, was Du in Deinem Glaubensbekenntnisse aussprichst, auf ihn zu beziehen sei, begnügte er sich, auszusprechen, daß Du ihn mißverstanden hättest, und nicht wüßtest, wie er jetzt sei. Meine Ansicht von Baggesen ist, daß er ein schwacher eitler Mensch sei, der nicht meinte, was er schrieb. Ich habe viele Debatten mit ihm, und kann es nicht unterlassen, ihm Blößen zu geben, wenn er prahlt, schmeichelt und täglichseine Meinung verändert. Baldur hat mit unendlich gefallen. Ich hörte Baggesen ihn erst bei meinem Bruder vorlesen; aber er las ihn mit einer so künstlichen Schläfrigkeit, daß er im günstigsten Falle keinen Genuß bereiten konnte. Ich habe ihn später selbst vor Andern und stets mit Beifall gelesen.“
In einem schärferen Tone wird Baggesen in einem Briefe von einem andern meiner Freunde besprochen.
„Ich habe den ersten Theil seiner Reimbriefe gelesen, und leugne nicht, daß mir Eins und das Andere gefallen hat; aber ich habe mich über sein ewiges Reden von sich selbst geärgert, das sich durch das ganze Buch zieht, dessen Inhalt ist, daß er ein schwacher Mensch sei, der nirgends hinpaßt, der nirgens nützt. Der Brief an Adam scheint mir Pavels' alte Recension, in einer Cantate umgesetzt zu sein. Kopenhagens Einwohner werden sich allerdings über die Gutmüthigkeit wundern, daß er einen Vergleich anbietet; ich bewundere sie durchaus nicht; denn da bei ihm Alles zufällig ist, so beruht seine ganze Gutmüthigkeit auf dem Zufalle, daß er zu Oersteds kam; wäre er zu K***s gekommen, so würde das Gegentheil geschehen sein.
Ich wundere mich, daß dieser Herr vom Klappern zu sprechen wagt, da er doch in der letzten Zeit kein anderes Instrument hantirt, als die Klapper.“
Auch H. C. Oersted sprach strenger über Baggesen, je länger er mit ihm umging. In den letzten Briefen, die ich von Oersted über Baggesen erhielt, heißt es:
„Mit Baggesen stehe ich beständig auf gespanntem Fuße, obgleich ich äußerlich mit ihm in Frieden lebe. Es schmerzt mich oft in meinem Innern, daß es einem Manne, der mit so vielen Talenten geboren ist, so vollständig an Character und Zusammenhang fehlt, wie ihm. Kaum ein Tag vergeht, wo er nichtAnsichten und Gesinnung änderte. Diese Fluidität macht, daß er sich leicht in alle Formen schmiegt; daß er aber nie durch eine lange Arbeit hindurch eine feste und klare Form beibehalten kann. Steffens war einige Tage hier. Man wollte ihn anstellen, da man aber forderte, daß er keine Vorlesungen halten dürfe, so gab er die übrigens nicht unvortheilhaften Bedingungen, die ihm gestellt waren, auf. Baggesen hat ihn erwischt und gesagt, er fürchte, Du hättest Steffens gegen ihn eingenommen; aber Steffens antwortete ganz aufrichtig, daß gerade das Gegentheil der Fall sei. Baggesen fuhr fort, Steffens Complimente zu machen; er will sich mit aller Gewalt zur neuern Poesie bekehren, und hat auch bereits in seinem „Gespenst“ verschiedentliche neue Götter vorgeschlagen.“
„Baggesen besitzt gewiß alle die Talente, die zu einem ausgezeichneten Dichter erforderlich sind; aber es fehlt ihm die innere Einheit, die viele Talente zu einem Genie macht. Deßhalb sieht man auch, wie sich alle Dichterelemente in seinen Arbeiten jagen, Alles in einer unaufhörlichen Bewegung, einem poetischen Chaos, dem der verbindende Geist fehlt, so daß es nie zu einer wahren Organisation gelangt. Wenn der Zusammenstoß der Atome hie und da in dem großen Meere, seinen Gedichten, es zu einer kleinen, schwachen Organisation gebracht hat, so weiß er doch stets durch Verbesserung in einer neuen Ausgabe sie wieder aufzulösen, daß daraus die Einheit wieder herausgebracht wird. Dies hat er z. B. in dem kleinen Gedichte,der Trost, gemacht, das in der ersten Ausgabe damit anfängt, in der ganzen Natur ein Symbol des Todes und des Grabes zu sehen; darauf steigt er in das Grab selbst hinab, und schließt mit Himmel, Seligkeit, Ewigkeit. In der zweiten Ausgabe verschwindet der feine Faden, der Alles verband, und der ganze kleine wehmüthige Erguß wird — Wasser. Es ist meine volle Ueberzeugung, daß die Natur Keinem Genie verleiht; sie rüstet den Menschenmit mehreren oder wenigeren Talenten aus; aber selbst die größten werden nur Talente, wenn nicht künstlerisches Rechtsgefühl, wahre Liebe für Kunst und Wissenschaft hinzutritt, so daß man ohne Rücksicht der Vortheile und Verbindungen, oder etwas noch Niedrigeres, stets in seiner Kunst und Wissenschaft lebt. —
Ich muß Dir erzählen, daß Baggesen einen Sohn hat, der ein vortrefflicher Knabe ist und so viel Character und Verstand besitzt, daß der Vater oft von Herzen wünschen müßte, zu haben, was er hat. Er gleicht ihm indessen sehr, doch ist es wohl die Schweizernatur der Mutter, die ihm die Kraft verliehen hat. Er ist ganz entschlossen Krieger zu werden, und ich habe ihn mit bewundernswürdigem Verstande auf die Einwendungen antworten hören, die man ihm gegen die Wahl dieses Standes machte.“
So wurde Baggesen beurtheilt, nicht allein im Kreise meiner Freunde (der aus einigen der ausgezeichnetsten Männer der dänischen Literatur bestand), sondern von den meisten geistvollen, gebildeten Menschen. Indessen hatte er doch meine Schwester zu gewinnen gewußt. Und war dies ein Wunder? Er gewann ja kurz darauf in Paris, trotz Dem, was ich von ihm wußte, auch mich. Es war fast nicht möglich, kalt gegen ihn zu bleiben, wenn er es recht darauf anlegte, einen Menschen zu gewinnen, so liebenswürdig konnte er sein. War es daher nicht natürlich, daß er auch sie gewann, die er bis in die Wolken erhob und in deren Umgang er damals seine größte Glückseligkeit fand? Als ein Frauenzimmer, obgleich sehr gebildet und geistvoll, war sie — nicht (wie Baggesen selbst zu Christiane sagte) „sehr unwissend,“ aber wohl unwissend im Betreff der literarischen Verhältnisse und der Rolle, die Baggesen selbst darin spielte. Wenn sie ihn nun auch oft sehr tadeln hörte und selbst zuweilen seine Schwächen entdeckte, so gefiel und schmeichelte es ihrwohl auf der andern Seite, daß sie so großen Einfluß auf einen so berühmten und talentvollen Mann mit einem so großen Namen hatte, der sich darein fand, oft ganz kindlich und gehorsam bei ihr in die Schule zu gehen, und geduldig ihren Tadel und ihre Winke entgegennahm, und für die Zukunft Besserung versprach. Es währte nicht lange, so öffneten sich auch Sophien die Augen, damals aber ging sie noch, was Baggesen betraf, im Traum, und es gefiel ihr, ihm Geschmack für das Bessere in einer Kunst beibringen zu können, in welcher er sich einen berühmten Namen erworben hatte, ehe sie geboren wurde.
Zusammenleben mit Baggesen in Paris.
Als Baggesen nach Paris kam, hatte ich mir vorgenommen kalt und zurückhaltend gegen ihn zu sein, aber daraus wurde nichts. Als er zu mir ins Zimmer trat und ich sagte: „Guten Tag, Herr Professor Baggesen!“ rief er weinend: „Nicht so! Du, Du!“ Damit drückte er mich in seine Arme und netzte mein Gesicht mit seinen Thränen indem er mich wiederholt küßte. Es ging mir, wie so vielen Andern; dies schöne augenblickliche Gefühl rührte mich; er hatte mich wiedergewonnen. Wir gingen in Paris fast täglich mit einander um, und der Eine sagte dem Andern nicht ein unangenehmes Wort. Baggesen war ein Chamäleon, das seine Farbe von seiner Umgebung nahm. Er merkte hier bald in unserem Zirkel, daß Einbildung und eine halb französische halb Wieland'sche Aesthetik nichts nützte. — Er wurde also bescheiden, fühlte wohl auch — für den Augenblick, daß ich mich auf Tragödien und Schauspiele besser verstehe, wie er und äußerte selbst einmal: „Ich schäme mich nicht, von Dir zu lernen, obgleich ich der Aeltere bin.“ — Als ich ihm meinen Palnatoke vorlas, warf er sich entzückt vor mir auf die Knie. „Pfui Baggesen!“ sagte ich, „solche Uebertreibung kann ich nicht leiden! Laß das Feuer ruhig, aber stetig brennen.“ — Ein Jahr darauf, als er mich fast wahnsinnig, wie einen Elenden, angriff, der nichts Ordentliches wisse oder könne, hieß es: er sei inParis vor mir auf die Knie gefallen, um mich zu überreden, die Fehler des Stückes abzuändern.
Da es ihm nun damals darum zu thun war, mich zu gewinnen, so gewann er mich auch, denn ich habe keinen Menschen gekannt, der sich so einzuschmeicheln wußte, wobei ihm sein augenblicklich leichtes Gefühl, sein Witz und seine Beredtsamkeit gut zu statten kamen. Et hatte damals auch noch nicht so stark gesündigt; und wer sähe nicht gern vielen kleinen Schwächen durch die Finger, um einen solchen Gesellschafter zu haben?
Baggesen war eigentlich ein Improvisator; Alles war bei ihm das Kind des Augenblickes und auf die augenblickliche Wirkung berechnet. Ich fühlte selbst, um wieviel unterhaltender er in Gesellschaften sein müsse als ich, der ich nicht mittheilend und laut bin, sondern verlegen schweige, und nur leise mit meinem Nachbar spreche. Erst unter Freunden, eigentlich nur zu Zweien werde ich begeistert und beredt; oder auch als Lehrer vom Katheder, wenn auch noch so Viele zugegen sind. Baggesen war also ein Improvisator, und als solchem durfte man es ihm nicht übelnehmen, daß er einen HaufenDichtungin seine geselligen historischen Erzählungen einmischte; denn der Gesellschaftssaal war, wie gesagt, größtentheils sein poetisches Arbeitszimmer, wo er häufig die Horazische Regel geltend machte:veris falsa, oder eigentlich:vera falsis remiscet. Hierdurch erlangten seine Erzählungen freilich an Interesse, das wir Andern, die sich an die nüchterne Wirklichkeit hielten, ihnen nicht geben konnten. Was er Schönes und Gutes gedichtet hat, sind, wenn nicht geistvolle Gelegenheitsgedichte, so doch gewöhnlich die Geburten einer kurzen, glücklichen Stimmung. Zu größeren Werken, die Anstrengung und eine anhaltende Begeisterung erforderten, hatte er weder Kraft, noch Fleiß oder Lust. Deshalb sind die meisten derselben nur Fragmente geblieben. In seinen größeren Arbeiten können wir freilich viele einzelne Schönheiten bewundern; wo er aber ernst ohne Humor sein will, ist er größtentheils schwülstig und affectirt.
Eines Abends spät war er bei mir und erzählte mir von seinen Schuljahren, wie er einmal, seiner Versicherung nach ganz unschuldig, eine harte Strafe hatte erdulden müssen. Dies schilderte er so lebendig und mit so rührenden Zügen, das ich zuletzt höchst erbittert ausrief: „Ich wollte wünschen, ich hätte den alten grausamen Rector hier, ich wollte ihmmoreslehren!“ — Indessen wurde es spät. — „Baggesen!“ sagte ich, „willst Du die Nacht über hierbleiben, so werde ich Dir ein Zimmer verschaffen, denn mein Bett ist für zwei zu klein.“ — „„Nein, das ist unmöglich,““ sagte er, „„ich muß durchaus noch heute Abend nach Marly.““ Darauf fuhr er wieder zu erzählen fort, bis es so spät ward, daß er nothwendig bei mir bleiben mußte. Wir stopften uns in das schmale Bett, wie Anchiovis in einem Fäßchen; und da wir nicht schlafen konnten, lagen wir die halbe Nacht und sprachen in Reimen mit einander bis wir endlich von Müdigkeit und Mattigkeit mehr betäubt wurden, als daß wir einschliefen. Früh am Morgen erwachte ich wieder und wunderte mich über das große, fahle, pockennarbige aber doch höchst interessante Gesicht, das neben mir war. Als er erwachte, war er wieder eben so munter. Wir tranken unsern Kaffee zusammen und sprachen lustig und freundlich mit einander.
Eines Tages fand er Holberg's dänische Geschichte bei mir und nahm sie nach Marly mit. Als wir uns das nächste Mal sahen, sagte er: „Nun habe ich auch ein Sujet zu einer nordischen Tragödie gefunden.“ — „„Na, das ist recht,““ antwortete ich. — „Eigentlich werden esdreiTragödien!“ — „Und ich habe auch ein Sujet gefunden und willeineTragödie schreiben!“ (Axel und Valborg). — „Hm!“ — sagte er, launig lächelnd, indem er eine starke Prise Tabak nahm, und sich selbst zum besten hatte, was er oft mit vieler Grazie that. — „Mir ist bange, daß Du mit Deiner einen Tragödie früher fertig wirst, als ich mit allen Dreien!“ — Ich lud Baggesen ein, zu Mittag bei mir zu essen, er nahm die Einladung an und wir gingen zu meiner Wirthin, Madame Gautier, hinunter, dieeine sehr gutetable d'hôtehat. Obgleich etwa zwanzig französische Gäste da waren, so genirte uns dies doch nicht, da wir beide Dänisch zusammen sprachen, was kein anderer verstand.
Als wir ein Paar Glas Wein getrunken hatten, sagte ich: „Höre Baggesen, nun sollst Du mir den Plan zu Deinen drei Tragödien mittheilen.“ — „„Ja,““ entgegnete er, „„es liegt mir noch zu konfus im Kopf; ich muß es erst ordnen.““ — „Etwas davon mußt Du doch erzählen können,“ fuhr ich fort. — „„Das erste Stück soll Schiffer Clement heißen,““ sagte er, „„aber damit bin ich noch am Allerwenigsten im Reinen.““ — „Dann wollen wir mit dem Ende anfangen,“ sagte ich, „und gleich zu Christian II. kommen.“ — „„Ja,““ sagte er nach einigem Weigern verlegen, „„ich will Dir eine Hauptsituation erzählen. Christian II. geht in den Rath. Dort stehen zwei Becher auf dem Tisch, der eine mit Blut, der andere mit Milch. Es ist bekannt, daß er bald gut, bald böse war. Nun fingire ich, daß er zuweilen, wenn er Milch trank, gut wurde, daß er aber zuweilen von dem Blute trank und dann böse ward. Er ergreift die Mich und alle rufen froh: „Der Gute!“ — Aber er wirft sie verächtlich fort, trinkt von dem Blute und ruft mit finsterm Grimme: „Der Böse!““ —
„Ja,“ sagte ich lachend, „das wird eine treffliche Wirkung thun, besonders wenn die Milch am Boden dahin fließt. Aber höre, mein guter Baggesen“, fuhr ich ernster fort, „was soll denn das sein? ich kann doch nicht voraussetzen, daß Du diese Geschichte erfunden hast, um Dich über den Dichter des Hakon und Palnatoke, der Dich freundlich zu Gast geladen hat, zum Narren zu machen; ich muß also annehmen, daß es eine Phantasterei ist, die Dir einfällt, da Du in Verlegenheit geräthst einen Plan zu erzählen, an den Du nie vorher gedacht hast.“ — „„Ja,““ sagte er verlegen, „„ich gestehe, daß ich nicht viel darüber nachgedacht habe““ — „das Komischste ist,“ fuhr ich fort, „daß Du, der mich in unsern Gesprächen so oft wegen der Einmischung des Uebernatürlichen in ein Mährchen wie Aladdin getadelthast, es nun selbst in ein ganz historisches Thema hinein bringst, so daß die Sünde des menschlichen freien Willens — dessen Schilderung gerade hier das Poetische sein sollte — zu einer lächerlichen Marionette des übernatürlichen Zwanges wird.“
Er suchte nun so gut er konnte los zu kommen und ich machte ihm die Flucht leicht. Ich zweifle nicht daran, daß es Vergötterer von Baggesen giebt, die in dieser Scene eine hohe Ironie finden werden, welche meine Einfalt nicht zu begreifen im Stande war. Aber ähnliche Geschmacklosigkeit und Unvernunft findet man oft in Baggesen's dramatischen Arbeiten: „Holger Danske“ und „Erik der Gute.“ Ich habe keine dieser Werke bei der Hand, will aber nur zwei Stellen aus dem letzten Stücke unter vielen andern anführen:
Thora wird während der Belagerung Jomsburg's von Thorald in eine Höhle hingewiesen, wo er ihr zu ihrer Beruhigung sagt:
„Du findest allesNöth'gehier,“
worauf sie seufzend antwortet:
„Doch meinen Erik nicht!“
Ich habe bereits früher der Stelle erwähnt, wo die Jomsburgerinnen sich vor Erik verbeugen, der die Stadt eingenommen hat und indem sie ihn bekränzen, singen:
„Keine Ketten uns umschlingen!Kühl' den Haß im Blute!Selbst im Tode noch wir singen:Erik hoch! Der Gute!“
„Keine Ketten uns umschlingen!Kühl' den Haß im Blute!Selbst im Tode noch wir singen:Erik hoch! Der Gute!“
„Keine Ketten uns umschlingen!Kühl' den Haß im Blute!Selbst im Tode noch wir singen:Erik hoch! Der Gute!“
Ich möchte es so gern unterlassen, Baggesen's Schwächen und Sünden nach seinem Tode aufzudecken; da man aber später in seinen Werken Schmähschriften gegen mich aufgenommen hat, die dem ewigen Vergessen hätten übergeben werden müssen, so muß ich der Wahrheit ihr volles Recht lassen, damit eine unparteiische Zukunft die Verhältnisse beurtheilen könne. Man spricht davon, daß er für einPrincipgewirkt habe!! Guter Gott! Kein Mensch in der Welt hat weniger für oder nachPrincipien gehandelt, als Jens Immanuel Baggesen! In Fichte's, Jakobi's, Reinhold's Schriften hat er etwas gelesen, hierzu veranlaßt durch die persönliche Bekanntschaft mit diesen Philosophen, aber seine eigne Kunst, die Poesie hat er niestudirt. Und sein Geschmack? Meine Schwester und ich haben ihn von Wieland zu Göthe bekehrt. Er warf mir ja vor, „daß ich mir die Taschen zu voll mit Göthe's unterirdischen Granaten gestopft und meinen schönen runden Hut durch ein Calderonsches Theater viereckig gemacht hätte.“ Solche Principien waren es, die er damals und später, erst mit schlechten Witzen, später mit Unwahrheiten, Verdrehungen und Schmähworten geltend machen wollte.