Mittheilungen aus der Heimath.
Er schickte mir von Marly aus einen Brief, in dem er einen andern Brief, den er von meiner Schwester empfangen, abgeschrieben hatte. Ich theile hier beide mit.
Den 30. September 1807.
„Obwohl ich fast überzeugt bin, daß Du, Bröndsted und Koës mit der letzten und einzigen Post von Kopenhagen Nachricht erhalten habt, so eile ich doch, bester Adam, Dir die meinige mitzutheilen, die ich Dir mündlich bringen wollte, sie aber wegen einer plötzlichen Unpäßlichkeit, welche mich verhindert zur Stadt zu fahren, jetzt nur schriftlich geben kann.
Wenn Du Hans Christian's Brief nicht bekommen hast, wird es Dich erfreuen, zu erfahren, daß die Deinigen alle wohl, Dein Vater aus Friedrichsberg und Oersteds in Christianshafen sind. Mein Brief ist vom 12. von Christianshafen datirt, ist erbrochen gewesen und mir mit dem Siegel des Königs aus dem Hauptquartier in Kiel zugesandt worden. Er ist von Sophie und enthält auf einer einzigen in Schnelligkeit geschriebenen Octavseite nur — doch ich werde ihn Dir Wort für Wort abschreiben.“ —
Christianshafen, den 12. September 1807.
„Wir sind alle glücklich gerettet und befinden uns recht wohl. Die erste Nacht, als Kopenhagen bombardirt wurde, brachtenwir in der Weststraße auf unsern Zimmern in der größten Lebensgefahr zu. Es regnete Bomben und rund umher schlugen sie ein; es brannten mehrere Häuser in der Nähe unserer Wohnungen ab, aber der gute Gott beschützte uns. Den Tag darauf verließen wir das Haus und zogen nach Christianshafen her. In der darauf folgenden Nacht war der Angriff noch stärker und währte bis zum Mittag des folgenden Tages. Da schlugen denn auch Bomben in unsere Wohnung in der Weststraße ein, und in dem Zimmer, wo wir uns aufgehalten und das wir dadurch zu schützen gesucht hatten, daß wir auf dem Boden eine Elle hoch Pferdedünger (ein Mann würde Pferdemist schreiben) aufwerfen ließen, wurden die Decken zertrümmert und die Fenster eingeschlagen; wären wir da geblieben, so würden wir verwundet oder getödtet worden sein. In der dritten Nacht war das Bombardement noch viel stärker und größer und da brannte die Frauenkirche, der Zimmerplatz und ein großer Theil der Stadt. Nun hieß es, daß man auf Christianshafen nicht mehr sicher sei, und wir flohen, wie wir waren, nach Amager hinaus; denn nun wollte der Feind nach den Kirchen und dem Laboratorium auf Christianshafen zielen; auf Amager brachten wir eine entsetzliche Nacht zu und harrten des kommenden Morgens mit ängstlicher Erwartung — er kam und mit ihm der verzweifelte Frieden. O du guter Gott! Das ist und bleibt doch ein ewiger Jammer!
Meinem Vater geht es gut mitten unter dem Feinde, der eine Art Hauptquartier auf dem Friedrichsberger Schloß hat. Ich sah ihn gestern zum ersten Male seit dem 16. August, wo ich ihn in größter Eile verlassen und nach Kopenhagen fliehen mußte. Das Südfeld ist zerstört.
Grüße meinen geliebten Bruder; ich wollte ihm schreiben; da ihm aber Professor Oersted heute schreibt, so ist es überflüssig; aber grüße ihn tausend Mal; meine Freude darüber, daß Ihr einig seid, kann ich nicht beschreiben, Gott segne und behüte Euch!“
„Das Entsetzliche in diesem Briefe für mich unglücklichen Vater ist, daß Sophie kein einziges Wort über meinen Sohn berichtet. Ich bin fest überzeugt, daß ihm ein Unglück begegnet ist, größer als der Verlust des Lebens, das ja ungefähr das Geringste ist, was man in dieser Zeit verlieren kann.
Ich schäme mich nicht, Dir zu gestehen, liebster Adam, daß ich unbeschreiblich unglücklich im Gefühle meines eigenen Unterganges und des Dänemarks bin. Die Hoffnung, daß wir mit England fertig werden, nachdem wir unsere Flotte und die Hälfte alles Dessen verloren haben, was wir besaßen, kann ich mit Keinem theilen. Wir werden von jetzt ab wie die Katzen gebraucht werden, um ihnen die gebratenen Kastanien aus dem Feuer herauszuholen. Wenn wir auf diese Weise die Krallen verloren haben, speist man den Rumpf aus Mangel an ordentlichem Hasenbraten, auf französische Weise zubereitet. Ueberzeuge mich von dem Gegentheil, und Keiner wird froher sein, als ich. Aber Jeder schließt nach seinen Daten — die meinigen sind leider jämmerlich. Ich halte es für die Pflicht des Menschen, seine Ansicht mitzutheilen, wenn er sie begründet glaubt; denn nur so wird zuletzt die Menschheit doch aufgeklärt.
Gott weiß, wie lange wir nun auf's Neue ohne Nachricht von Seeland bleiben werden, da die Communication wieder aufgehoben ist. Mein Herz wird zerrissen, indem es sich die Möglichkeit eines Krieges zwischen Dänemark und Dänemark denkt.
Ich sehne mich innig danach, Dich und Bröndsted wieder zu sehen. Ihr kommt mir wie die Zwillingsreicheen miniaturevor. Wenn wir alle drei zusammen sind, so ist mir's, als ob Dänemark noch existire. Auch schmachte ich sehr nach Euern Nachrichten.
Ich hoffe es wird mir in ein paar Tagen so wohl sein, daß ich mich nach Paris wagen kann. Meine Frau grüßt Euch.“
Abreise von Paris. Aufenthalt in Straßburg.
Ich war achtzehn Monate in Paris gewesen; mit dem Geld, das ich endlich von Kopenhagen bekam, konnte ich meine Schuldbezahlen, aber dann hatte ich nichts zum Weiterreisen. Ich lieh mir eine kleine Summe von einem guten Freunde, packte meine Sachen und meine Manuscripte ein und fuhr darauf zu Cotta. Das Honorar, welches ich von ihm für meine Schriften zu erhalten hoffte, sollte mir eine Reise nach Italien möglich machen. Koës war nach Dänemark zurückgegangen, um seine Geldangelegenheiten nach dem Bombardement in Ordnung zu bringen. Wir hofften einander in Italien wieder zu sehen. Bröndsted blieb noch in Paris. Unser guter Minister Dreyer gab mir einen Paß, in der Eile hatte er aber vergessen, ihn mit der Unterschrift des Polizeiministers Fouché versehen zu lassen. Mein guter Freund, der Legationssecretair Guillaumau versicherte mir zwar, daß es nicht nothwendig sei; als ich aber nach Straßburg kam, mußte ich mich daselbst acht Tage aufhalten, während mein Paß nach Paris gesandt wurde und mit Fouché's Unterschrift zurückkam. Dieser Aufenthalt war mir glücklicherweise gar nicht unangenehm. Ich miethete mir ein kleines Zimmer und schaffte mir Bücher an; unter Anderm las ich hier wieder Cagliostro's Leben, Göthe's Großkophta und seine Erzählung über Cagliostro's Familie. Ich ging täglich auf den Münster hinauf. Einmal kletterte ich so hoch hinauf, wie ich kommen konnte. Draußen auf dem Steintritt, wo man nur auf einem Fuße stehen kann und sich an der Eisenstange halten muß, hätte ich beinahe meinen Hut verloren; aber ich wagte es, mit der einen Hand die Eisenstange loszulassen und den Hut in die Stirn zu drücken. Ob die Polizei mich in den acht Tagen, wo ich in Straßburg war, bewachte, weiß ich nicht. Ein Israelit,Parmazenser, machte meine Bekanntschaft und besuchte mich täglich. Er war ein gebildeter, poetischer Mensch, gewann mich lieb und schrieb mir beim Abschiede in mein Stammbuch:
„Du schmückst des Nordens HeldenkraftMit Blumen aus den warmen Zonen;Dank Deinem Geist, der neu erschafftEin Bruderband für zwei Nationen.“
„Du schmückst des Nordens HeldenkraftMit Blumen aus den warmen Zonen;Dank Deinem Geist, der neu erschafftEin Bruderband für zwei Nationen.“
„Du schmückst des Nordens HeldenkraftMit Blumen aus den warmen Zonen;Dank Deinem Geist, der neu erschafftEin Bruderband für zwei Nationen.“
Mein Aufenthalt in Stuttgart.
Endlich kam der Paß und ich reiste über Carlsruhe und Rastatt nachStuttgartweiter.
Rasch ging es durch die unfruchtbare Champagne, die, wenn sie nicht von Weinreben bedeckt ist, wie ein großes Stück Kreide aussieht und wo nur die großen Hohlwege merkwürdig sind, wo die Franzosen im Revolutionskriege die Deutschen schlugen und sie daran verhinderten, weiter vorzudringen. Auch bereits zu Chlodwig's Zeit soll hier eine merkwürdige Schlacht geschlagen worden sein. Sehr angenehm war die Veränderung bei der Fahrt über den Rhein zwischen der bleichen, steinigen Champagne und dem saftgrünen, laubreichen Baden. In dieser Nacht hatte ich in einem Wirthshause unter schwäbischen Bauern Gelegenheit, Betrachtungen über den Unterschied zwischen dem französischen und deutschen Nationalcharacter anzustellen.
Der Aufenthalt von acht Tagen in Straßburg hatte meine Ausgaben vermehrt und meine Börse geleert. Als ich nach Stuttgart kam und meine Reise bezahlte, besaß ich keinen Pfennig. Mein Koffer, den ich durch eine andere Gelegenheit voraus gesandt hatte, war noch nicht angekommen. Ich eilte zu Cotta — meine einzige Hoffnung! O Schreck! Er war nicht zu Hause. Man sagte mir, daß er nach Baden gereist sei und erst in drei Wochen wieder komme.
Deshalb ließ ich den Muth doch nicht sinken. Ich ging in den Gasthof zum „König von England“ zurück und sagte zum Wirth: Ich hätte Geschäfte mit Herrn Dr. Cotta abzumachen und wolle im Wirthshaus bleiben, bis derselbe käme. Der Wirth dankte verbindlichst. — So hatte ich also keine Noth, der Koffer kam glücklicherweise auch und ich setzte mich froh zu Tisch.
Dort traf ich einen hübschen muntern Mann, der sich in ein Gespräch mit mir einließ und mir Vieles erzählte. Beim Abschied wünschte er mich bald wiederzusehen. „Mich“ sagte er „werden Sie ohne Zweifel oft sehen, wenn Sie in Stuttgartbleiben.“ — „„Wie so?““ fragte ich. — „Ich bin Schauspieler“ sagte er „und heißeVinzenz.“ — Später sah ich ihn oft; er war ein sehr guter Komiker. Der verstorbene König von Württemberg mochte ihn gern; und er wagte es sogar einmal ohne Gefahr, den König Holofernes im Herodes von Bethlehem, mit der Krone von Goldpapier auf dem Kopfe, schwarzen wollenen Strümpfen an den Beinen und mit dem Reichsapfel in der Hand, der sehr sinnreich als Schnupftabakdose eingerichtet war, zu spielen.
Schauspielerbekanntschaften.
Ich machte hier auch die Bekanntschaft eines andern Schauspielers, des HerrnLembert. Eines Tages kam er zu mir und sagte: „Sie könnten mir eine Gefälligkeit erweisen.“ — „„Gern! Welche?““ — „Der König ist krank gewesen und hat sich wieder erholt, ich möchte ihm deshalb gern ein Gedicht überreichen, das ihm gefallen und mir nützen soll.“ — „„Wünschen Sie, daß ich es für Sie mache? Mit Vergnügen!““ Ich machte ihm das Gedicht, aber das Beste mußte ich wieder ausstreichen. Es war eine poetische Erklärung des WortesWürttembergnach der Legende von dem alten Ritter, der in den frühesten Zeiten so gastfrei gewesen sein sollte, daß man ihn in der Umgegend nannte: „Der Wirth am Berge“. Lembert brachte dem König das Gedicht und bekam eine nicht unbedeutende Summe von Dukaten, die er wohl mehr seinen Talenten als meiner kleinen Romanze zu danken hatte. Indessen mochte diese doch wohl dazu beigetragen haben.
Bei dem HofrathVellnagelmachte ich die Bekanntschaft der Frau Haendel. Ich hatte sie drei Jahre vorher in Berlin die Jungfrau von Orleans spielen sehen. Bekanntlich zeichnete sie sich durch eine neue Kunst ans. So wie Lady Hamilton in Italien früher schöne Statuen nachgeahmt hatte, so ahmte jetzt Frau Haendel italienische und deutsche Gemälde nach. Da sie eine gute Schauspielerin war, ein hübsches Gesicht hatte,und sich besonders gut auf's Drapiren verstand, so waren diese Darstellungen auch unterhaltend und verdienten Lob, soweit jede sinnreiche Erfindung achtungswerth ist. Indessen würde die Fortsetzung dieser Kunst kaum anzuempfehlen sein. —
Solche Nachahmungen der Nachahmungen der Natur würden zuletzt schädlich werden. Die geniale Frau Haendel machte es wirklich so gut, als man verlangen konnte; aber — selbstgutdargestellt, mag ich doch nicht eine Mutter Gottes sehen, die kurz vorher Thee mit mir getrunken hat, lustig gewesen ist, und dann sich wieder lustig mit uns an den Abendtisch setzt. Dieses Spiel mit dem Heiligen, kann wohl Geist und Geschmack im Kostüm verrathen, aber den Geist nicht zu ernsten Gefühlen erheben. Dergleichen läßt sich besser mit weltlichen Dingen machen; und Frau Haendel stellte auch besser Scenen aus der niederländischen, als aus der italienischen Schule dar.
Es frappirte mich, da ich es zum ersten Male sah; und ich schrieb ein Gedicht darüber, das Frau Haendel-Schütz später in ihrem Stammbuche hat drucken lassen. — Ich machte in Gesellschaft mit dieser interessanten Frau, dem Hofrath Vellnagel und Andern eine Lustfahrt nach dem Walde, wo einige Schauspieler ganz vortrefflich mehrere alte deutsche Farcen im Grünen improvisirten. Auf dem Wege begegneten wir gleich Vinzenz als Prologus auf einem Esel reitend.
Zusammentreffen mit Carl Maria v. Weber.
Bei Vellnagel's sah ich zum ersten MaleCarl Maria v. Weber. Ich wußte von ihm nur, daß er ein junger, vielversprechender Musiker, ein beliebter Schüler von Vogler sei. Es ahnte damals Keiner, daß er der große Componist Preciosa's, Oberon's und des Freischütz' werden würde.
Der Dichter Uhland. Schaffhausen, der Rheinfall.
Kurz darauf traf Cotta ein, und ich besuchte ihn in Tübingen. Er empfing mich freundlich und gastfrei; seine Tüchtigkeit, sein Verstand und sein offenes Wesen gefielen mir; auch er konnte mich gut leiden. Er bezahlte mir meinen HakonJarl, Palnatoke und die Gedichte reichlich. Und nun beschloß ich, nach der Schweiz und Italien zu reisen. Aber erst machte ich die Bekanntschaft des wackernUhland. Er war damals noch ein junger Mensch und schrieb „des Knaben Berglied“ in mein Stammbuch. Auch den alten, rührigen Professor Conz, der Mehreres vom Aristophanes übersetzt hat, lernte ich kennen.
Er schrieb mir folgende Verse aus dem Faust zum Andenken auf:
„Das Pergament ist nicht der heil'ge Bronnen,Aus dem ein Trank den Durst auf ewig stillt;Erquickung hast Du voll gewonnen,Da sie Dir ganz aus eigner Seele quillt.“
„Das Pergament ist nicht der heil'ge Bronnen,Aus dem ein Trank den Durst auf ewig stillt;Erquickung hast Du voll gewonnen,Da sie Dir ganz aus eigner Seele quillt.“
„Das Pergament ist nicht der heil'ge Bronnen,Aus dem ein Trank den Durst auf ewig stillt;Erquickung hast Du voll gewonnen,Da sie Dir ganz aus eigner Seele quillt.“
In dem schönsten Septemberwetter reiste ich nachSchaffhausen. Gleich hier an der Grenze von Deutschland führt die Natur ein feierliches Schauspiel auf, um den Wanderer für das Abenteuerliche und Kühne zu stimmen, wenn er aus dem idyllisch anmuthigen Schwaben heraustritt, und sich den ungeheuren Eisbergen nähert. Der ehrwürdige VaterRhein, der sonst majestätisch und ruhig durch Germanien hinströmt, bis er sich mit dem Meere vermählt, wird hier plötzlich wild und übermüthig, lärmt wie ein Kobold, schlägt Räder, steht auf dem Kopfe, bricht seinen blauen Spiegel in tausend Stücken, und in dem ungeheuren Lilienbett, wo die Blumen jeden Augenblick kommen und verschwinden, strahlt im Wasserstaube und im Sonnenscheine ein ewiger Regenbogen.
Ganz allein besuchte ich mit einem von Shakespeare's Lustspielen in der Tasche dieses große Lustspiel der Natur; hörte erst das dumpfe Sausen in der Ferne, darauf in der Nähe den entsetzlichen Fall, und legte mich an einem lieblichen Orte in passender Entfernung zur Ruhe, nachdem ich vorher den ertrunkenen Engländern einen Seufzer geweiht hatte. Sie wollen immer da hinüber, wo das Wasser am gefährlichsten ist, und fliegen gewöhnlich, wie die Mücken, in's Licht. — Da lag ich nun und las, lauschte zuweilen und blickte nach dem Wasserfallhinüber, indem ich mich über Shakespeare und die große Natur freute; d. h. über Ein und Dasselbe in verschiedenen Formen.
Der Gastwirth Peter. — Frau von Harmes.
InZürichtraf ich fast den besten Gasthof an, den ich noch gesehen hatte: „zum Schwerte“, an dem herrlichen See; und in HerrnPeterfanden wir den vortrefflichsten Wirth. Alles war bei ihm gut: die Aussicht, Zimmer, Essen, Trinken, Bedienung, Musik, Gäste. Herr Peter hatte schöne Böte und bequeme Wagen. Man konnte Lustfahrten zu Wasser und zu Lande und für einen billigen Preis unternehmen. Ich machte hier die Bekanntschaft zweier Kaufmannsfamilien, die eine aus Hamburg,Knoop, die andere aus Wien,Breuß. Sie fragten mich, ob ich mit ihnen umherreisen wolle? Ich nahm das Anerbieten gern an, da ich auf diese Weise freie Beförderung und eine angenehme Gesellschaft hatte. Ein reicher BaronMannteufelwohnte im Schwerte; er tractirte alle Welt und gab Herrn Peter viel zu verdienen. Aus Dankbarkeit hatte deßhalb dieser, am Abend vor der Abreise des Barons, ein Transparent mit dem Namenszuge des Gastes und zwei Posaunenengel auf der Brücke angebracht.
Ich übergab dem Dr.Römer, einem ausgezeichneten Botaniker und echten Schweizer, einen Brief. Er hatte große Aehnlichkeit mit einem biedern Norweger und wir wurden deßhalb Freunde. Er führte mich zur DichterinFrau v. Harmes, geb.Berlepsch. Wir disputirten mit einander über das Göthe'sche Gedicht: „MiedingsTod“; sie fand den Gegenstand zu unbedeutend (Mieding war Maschinenmeister gewesen) ich fand ihn gerade ganz vortrefflich.
Vor unserer Abreise von Zürich überraschte der Wirth uns auf eine angenehme Weise. Die Flügelthüren des Speisesaales öffneten sich, und im Kabinette nebenan gab uns Herr Peter, als Hirt gekleidet, noch zum Abschied ein Ballet oder Entrée, wie man es nennen will. Ich konnte mich nicht genugüber die Gewandtheit wundern, mit der der Mann seine Beine gebrauchte. Ich hatte ihn immer nur im gelben Stolpenstiefeln, mit einem grauen Rock über den breiten Schultern und um den runden Leib, dem es nicht an Fülle fehlte, gesehen. Nun machte er in Rosa und Seladon-Tafft mit dem Strohhut auf dem Kopfe die vortrefflichstenEntrechats, während der Champagner zum Abschied sprudelte; ich glaubte mich in ein Feenschloß hinverzaubert!
Gute Reisegesellschaft.
Wir rollten in vortrefflichen Wagen bei herrlichem Wetter unter unzähligen Wallnußbäumen so voll reifer Früchte, wie die wilden Kastanien bei uns, dahin. Wir machten uns deshalb auch kein Gewissen daraus, zuweilen Nüsse von den herabhängenden Zweigen abzureißen und einander während des Fahrens damit zu bombardiren. — Wo wir in ein Wirthshaus eintraten, rief mein Hamburger gleich: „Was haben Sie uns zu geben? Bringen Sie das Beste!“ Das bekamen wir denn auch; aber die Rechnung wurde auch darnach. Als bezahlt werden sollte, legte ich mein Scherflein mit auf den Tisch. — Der Kaufmann sah mich verlegen an, schwieg und nahm es. Aber als ich am nächsten Tage ein Gleiches thun wollte, schob er mir das Geld wieder zurück und sagte: „Nehmen Sie es uns nicht übel; aber wir können unmöglich Ihr Geld annehmen! Sie sehen ja, daß wir nicht ökonomisch reisen und doch sparen wir mehr dabei, als wenn wir zu Hause bleiben. Sie sollen unsertwegen nicht überflüssige Ausgaben haben. Sie könnten billiger und ebenso gut reisen; nun erfreuen Sie uns durch Ihre Gesellschaft, und darunter sollen Sie nicht leiden. Bilden Sie sich ein, wir wären in Hamburg oder Wien, und Sie besuchten uns dort als Gast! Dann brauchen wir uns auch nicht Ihretwegen mit den Ausgaben zu geniren.“ Dies war sehr artig und vernünftig gesprochen; ich zierte mich auch nicht lange, sondern nahm das Anerbieten ohne Einwendungen an. Als ich an dem Abend zu Bett ging und meine kleine Geldbörse unter das Kopfkissen legte, freute ich mich recht kindlich darüber, daß die Geldbörse eine Zeitlang verschont bleiben sollte.
Am nächsten Morgen, als ich mit den Kaufleuten am Theetisch saß, trat das Hausmädchen herein und brachte mir — meine Börse, die ich im Bett vergessen hatte! Die Kaufleute schwiegen, sahen aber einander an und lächelten. Ich dachte: „Verdammte Zerstreutheit! ganz kann man Dich doch nicht los werden. Das ist mir auf meiner ganzen Reise zum ersten Male passirt; sollen diese Geschäftsleute nun gleich glauben, daß Du ein Genie in der schlechten Bedeutung des Wortes bist? Und ich bin doch gewiß ganz ordentlich und mir ist nichts Aehnliches passirt; wenn ich den Paß in Dresden, — und den Koffer in Quedlinburg, — und die Verspätung in Halberstadt, — und den Paß in Straßburg, — und den Koffer in Stuttgart ausnehme! —“
Besteigung des Righi.
Wir reisten über denAlbisbergnachZug, wo ich denRoßbergsah, der zwei Jahre vorher zwei Städte in seinem Falle begraben hatte. Ueber den Zugersee kamen wir nachArth, und bestiegen denRighi, einen der schönsten und am leichtesten ersteigbaren Berge. — Ich hatte noch immer den Straßburger Münster im Kopfe, und als ich ganz oben war, fragte ich einen Schweizer: „Ist Das nun viel höher, als der Münsterthurm in Straßburg?“ „„Ach, gehen Sie weg, mit Ihrem Münsterthurm!““ rief der Schweizer, „„von so einer Ameise kann hier gar nicht die Rede sein.““
Man kann sich leicht in Bezug auf eine Höhe täuschen, wenn man sie nur nach dem Augenmaß und dem sinnlichen Eindrucke beurtheilt. Nur die schroffe Tiefe wirkt auf die Phantasie ein, und das langsame Steigen einer Berggegend merkt man nicht gleich.
Wir blieben die Nacht über auf dem Righi; die Schweizermädchen sangen uns alte Lieder vor. Eines darunter gefiel mir besonders gut. Der Refrain war:
„Durch keine Adelshand,Mit Guot und Muot, mit Herz und Bluot,Ward's gerettet, Vatterland!“
„Durch keine Adelshand,Mit Guot und Muot, mit Herz und Bluot,Ward's gerettet, Vatterland!“
„Durch keine Adelshand,Mit Guot und Muot, mit Herz und Bluot,Ward's gerettet, Vatterland!“
Am nächsten Morgen stiegen wir höher hinauf, um eine recht freie Aussicht zu haben. Der Nebel erlaubte uns aber nicht, eine Hand weit vor uns zu sehen. Ich schrieb in das Buch, welches dort lag, und in das viele Reisende schöne Sentenzen hineingeschrieben haben:
„Ich kam hinauf — und sah — und sah —Gar Nichts! — der Nebel war schon da —.“
„Ich kam hinauf — und sah — und sah —Gar Nichts! — der Nebel war schon da —.“
„Ich kam hinauf — und sah — und sah —Gar Nichts! — der Nebel war schon da —.“
Tell's Kapelle.
Weiter am Tage, als wir wieder hinabstiegen, klärte sich der Himmel auf. Wir hörten das Geläute der Heerden. In einer Kluft, ganz von Felswänden umgeben, stand eine Kapelle bei einer Quelle. Bauern von Freiburg kamen dorthin, um das Wasser zu trinken, welches Taubheit heilen sollte. Die Abendsonne ging herrlich unter; die Heerdenglocken klangen in Terzen und Quarten; Freiburger Mädchen sangen Psalmen und kehrten von der heiligen Quelle zurück. Das Gras auf den Höhen war frisch und grün. Ueber den See hin kamen wir nach Tell's Kapelle, wo geschrieben steht: „Hier schlug Thäll Gieselers Huochmuot.“
Man zeigte mir einen Baumstumpf; die guten Leute glaubten, es seien noch Ueberreste jenes Baumes, hinter dem Tell gestanden, als er Geßler seinen Todespfeil sandte. Es war mir, als ob ichSchiller'sGeist mit einer Harfe im Arme über die Berge dahinschweben sah. Die seltsamen Physiognomien der fernen Gebirgsketten brachten mirLavaterins Gedächtniß; und in dem saftgrünen schattigen Thale war mir's, als ob ichGeßnerunter einem Baume sitzen und die Landschaft malen sähe, während er Idyllen sang.
Mit meiner Reisegesellschaft zog ich anKüßnachtvorbei über den Vierwaldstädtersee nachLuzern, und von da überReithundMorgenthalnachBern. Hier blieben wir ein paar Tage in der Gesellschaft der liebenswürdigen FrauHaller. InLausannetrennte ich mich von meiner Reisegesellschaft; ichstand wieder allein und fuhr auf einem Retourwagen nachCoppet, um die Baronesse Staël-Holstein zu besuchen, was ich ihr inAuberge en villeversprochen hatte.
Aufnahme bei Frau v. Staël-Holstein.
Ich stieg in einem dunkeln Gasthof ab, trat in ein kaltes, feuchtes Zimmer, und ließ mir einige Bündel trockenen Reisig's im Kamin anzünden, um das feuchte Herbstzimmer zu erwärmen und behaglich zu machen. Sonst, wenn ich allein nach einem so ländlichen Wirthshause kam, pflegte ich gewöhnlich dieKüchezu meinem Aufenthalte zu wählen. War es kalt, so konnte man sich dort gleich ans Feuer setzen, wo das Ende eines ganzen Baumstammes brannte, den man nach und nach hineinschob. Der Braten, der gegessen werden sollte, drehte sich dabei lustig an seinem Spieße herum. Ich unterhielt mich mit den Leuten; Mädchen und Burschen kamen und setzten sich an einen entfernteren Tisch; eine Treppe führte gewöhnlich zu einer Galerie hinauf, nach der alle Thüren des zweiten Stockwerkes führten. Ein solcher Versammlungsort, halb Küche, halb Zimmer, bildet oft die Scene in den alten französischen Singspielen. Bei Walter Scott ist er auch oft der Schauplatz. Er ist der Gegenstand vieler hübschen Bilder der niederländischen Schule gewesen. — Aber heute in Coppet hatte ich nicht Lust in dieser Gesellschaft zu verweilen; ich wollte eine Stunde mit mir allein sein, ehe ich wieder in einen großen, fremden Kreis eintrat. Ich hatte A. W. Schlegel wissen lassen, daß ich in Coppet sei, und dort der Baronesse meine Aufwartung zu machen wünsche; nun saß ich da und blickte ins Kaminfeuer und dachte an alle verschwundenen Freuden.
Das Haus der Frau v. Staël-Holstein.
Es währte nicht lange, so kam ein Diener mit einer Einladung von Frau von Staël, und mein Koffer wurde gleich auf's Schloß getragen. Dort war Alles munter und elegant, die witzige Dichterin kam mir freundlich lächelnd entgegen, lud mich ein, einige Wochen bei ihr zu bleiben, und neckte mich, weil ich noch nicht besser Französisch sprach. Mit ihr konnte ich übrigens nicht in Betreff der Sprache in Verlegenheit kommen,denn sie verstand vortrefflich Deutsch. Ihre Kinder, der vor Kurzem verstorbene, wackereAugustund ihre Tochter, die jetzige Herzogin vonBroglie, damals ein halb erwachsenes Mädchen, sprachen auch gut Deutsch, ebenso wie HerrBenjamin Constant, den ich hier wieder traf. August Wilhelm Schlegel konnte fast alle Sprachen gleich gut; und der alte BaronVoigtvon Altona, ein Altersgenosse von Lessing und Schröder, der auch zum Besuche hier war, las gerade „Nathan den Weisen“ vor. So konnte man sagen, daß die Deutschen auf eine kurze Zeit die französische Schweiz erobert hatten. Auch der alte liebenswürdigeBonstettensprach ebenso gut Deutsch wie Französisch. Wie gut Benjamin Constant Deutsch verstand, merkte ich späterhin einmal an einem Abend, wo er uns eine französisch-racinisirte Bearbeitung von Schiller's Wallenstein zur Vergeltung dafür vorlas, daß Göthe den Mahomed und Tancred göthisirt und Schiller die Phädra schillerisirt hatte. Noch befand sich hier der berühmte HistorikerSimondi de Sismondi, der auch Deutsch verstand, aber nicht sprechen konnte; und ein HerrComte de Sabran, der kein Wort Deutsch konnte, aber französische Epigramme machte. — Da ich nun in den französischen Gesprächen bei Tisch für gewöhnlich schwieg, sagte Sismondi einmal der Frau Staël von mir: „C'est un arbre, sur lequel il croît des tragédies.“ Schlegel war höflich, aber kalt gegen mich. Ich achtete seine Gelehrsamkeit, seinen Scharfsinn, seinen Witz und sein außerordentliches Sprachtalent hoch. Ich kenne keine besseren Uebersetzungen, als die seinigen von Shakespeare und Calderon. Vielleicht ist sein Shakespeare hier und da doch ein Bischen zu geleckt. Er hat viel Vortreffliches über Poesie und Kunst gesagt; aber er war nicht frei von Einseitigkeit und Parteilichkeit. Gleich seinem Bruder und der ganzen neuern Schule war er ein zu großer Freund der Aristokratie und Hierarchie und zog Calderon dem Shakespeare vor; Luther und Herder tadelte er bitter; kurz sein ganzes Wesen hatte Etwas, das mir nicht gefiel, etwas Pedantisches und Hochmüthiges.Als er ein Mal bei Tisch von Luther mit Verachtung sprach, fuhr ich auf und schleuderte den Tadel so heftig auf ihn selbst zurück, daß alle Franzosen glaubten, wir würden handgreiflich werden. Doch wurde bald Frieden geschlossen; aber seine Zuneigung für mich ward dadurch natürlich nicht größer. Er ging meinen Palnatoke mit mir durch und half mir viele Sprachfehler verbessern. Nie lobte er Etwas von mir. Zehn Jahre später, als ich wieder mit Frau Staël in Paris sprach, erzählte sie mir, daß er meinen Correggio sehr liebe. Als ich von Genf fortreiste, schrieb er höflich in mein Stammbuch:
„Fremdling, doch altverbrüdert, tritt herein!Willkommen gern im deutschen Dichterhain!Sing' nord'sche Sagen uns auf deutsche Weisen,Und unsrer Wälder Nachhall soll Dich preisen.“
„Fremdling, doch altverbrüdert, tritt herein!Willkommen gern im deutschen Dichterhain!Sing' nord'sche Sagen uns auf deutsche Weisen,Und unsrer Wälder Nachhall soll Dich preisen.“
„Fremdling, doch altverbrüdert, tritt herein!Willkommen gern im deutschen Dichterhain!Sing' nord'sche Sagen uns auf deutsche Weisen,Und unsrer Wälder Nachhall soll Dich preisen.“
Gedenkblatt von A. W. Schlegel.
Man sieht, daß Alles im Futurum steht; obgleich Einiges bereits im Präsens ja wohl selbst im Perfectum betrachtet werden konnte. Schlegel ritt jeden Tag ein zahmes Pferd, um sich einige Bewegung zu machen. Einmal hatte man ihm ein unbändigeres Roß gegeben, und er weigerte sich, es zu reiten. Frau Staël neckte ihn, und Benjamin Constant erbot sich, das Pferd zu besteigen, um Schlegel zu zeigen, daß keine Gefahr dabei wäre. Wir gingen Alle mit hinunter, um Zeugen dieses Auftrittes zu sein; der große rothhaarige Constant schwang sich wie ein Ritter in den Sattel und galloppirte von dannen; aber kaum war er ein Stück Wegs dahin gekommen, so warf das Pferd ihn in den tiefen sumpfigen Graben. Ich vergesse niemals dasMitleid, das Schlegel mit ihm hatte, als er hinkend wieder zurück kam. „Ja, sagte ich es Ihnen nicht,“ rief Schlegel mit unterdrücktem Lachen, „es ist ein verteufelt stetiges Vieh!“
Einen Zug jugendlicher Eitelkeit darf ich hier nicht vergessen. Als ich eines Tages neben der Frau von Staël ging, welche langsam ritt, und als wir über einen kleinen Bach kamen, trat ich mit Schuhen und seidnen Strümpfen in denselben und durchwateteihn, anstatt über ein Brett zu gehen, das über demselben lag. Sie machte mich auf meine Zerstreutheit aufmerksam. Ich antwortete, es sei keine Zerstreutheit, sondern ich wollte die Unterhaltung mit ihr nicht unterbrechen; denn das Pferd durchwatete natürlich den Bach. Wahrscheinlich amüsirte es mich, weil ich kurz vorher ihre Corinna gelesen hatte, eine Art Lord Nelvil ihr gegenüber zu spielen, der ihrer Weiblichkeit durch seine männliche Verwegenheit imponiren wollte. Es war für mich auch fast ebenso gefährlich, mich ins Wasser zu stürzen, wie für ihn ins Feuer; aber er schuf doch Nutzen dadurch: ich dagegen konnte mir eine Krankheit durch diesen Narrenstreich zuziehen.
Die Persönlichkeit der Frau von Staël-Holstein.
Wie geistvoll, witzig und liebenswürdig Frau von Staël war, weiß die ganze Welt. Ich habe kein Weib mit so vielem Genie, wie sie gekannt. Deshalb aber hatte sie auch etwas Männliches in ihrem Wesen, war ziemlich vierschrötig und hatte ein markirtes Gesicht. Schön war sie nicht; aber ihre brillanten, braunen Augen hatten doch etwas Anziehendes, und das weibliche Talent, Männer der verschiedensten Charactere zu gewinnen, mit Feinheit zu beherrschen und in der Gesellschaft zu vereinen, besaß sie in hohem Grade. Ihr Genie, ihr Gesicht, ja fast selbst ihre Stimme waren männlich; aber die Empfänglichkeit ihres Herzens war in hohem Grade weiblich: das hat sie in der Delphine und der Corinna bewiesen. Rousseau hat die Liebe nicht mit größerm Feuer geschildert.
Sie schrieb gerade damals ihr Buch über die deutsche Literatur und las täglich einen Band Deutsch. Man hat sie beschuldigt, die Bücher nicht selbst gelesen, sondern ihr Urtheil darüber von Schlegel erhalten zu haben; dies ist durchaus unwahr. Sie las selbst Deutsch mit größter Leichtigkeit; nur die Aussprache fiel ihr schwer: und deshalb übersetzte sie, wenn sie mir etwas aus einem deutschen Buche vorlesen wollte, es lieber gleich ins Französische. Schlegel hat gewiß sehr vielen Einfluß auf ihr Urtheil gehabt, sie lernte durch ihn zuerst die deutscheLiteratur kennen, aber ihre Ansichten wichen doch in manchen Dingen durchaus von den seinigen ab. Sie konnte selbst denken; sie stritt häufig mit ihm und neckte ihn oft, wenn er ihr zu parteiisch war. „Vous êtes une tête lente,“ sagte sie einmal über Tisch zu ihm: „moi, je suis une tête vite.“ In ihrem Urtheile über die französische Tragödie wich sie vollständig von Schlegel ab.
Frau von Staël hat das Verdienst, die Erste zu sein, welche die französische Nation auf die Schönheiten der deutschen Poesie aufmerksam machte. Wenn nun gleich Vieles in ihren Aeußerungen flüchtig und schief ist, so muß man es ihr, einer Dame, einer französischen Dame, einer vornehmen und reichen Dame verzeihen, der täglich eine unendliche Menge Gäste nach dem Munde schwatzte. Vieles Geistreiche und Schöne hat sie über deutsche Verfasser geschrieben. Freilich fehlte ihr der tiefe, stillere, ernste Sinn, um eigentlich das Wesen der germanischen und nordischen Poesie zu erfassen. Es hat auch etwas Verletzendes, wenn man alle großen Männer die Revüe vor dieser poetischen Semiramis passiren sieht; doch behandelt sie die ausgezeichneten Schriftsteller mit genügender Achtung und geizt bei ihnen nicht mit Ehrenbezeugungen.
Ihr größtes Talent bestand darin, etwas Treffendes und Witziges über Das zu sagen, was sich ihre Aufmerksamkeit zuzog. Dieses Talent machte sie in Gesellschaften äußerst unterhaltend. Wohin sie kam, zog sie (trotz der Gegenwart der schönen jungen Damen) alle Männer von Kopf und Kenntnissen in ihre Nähe. Bedenkt man nun, daß sie außerordentlich reich und gastfrei war und fast jeden Tag prächtige Gesellschaften gab, so wundert sich gewiß Keiner darüber, daß sie, einer Königin oder Fee gleich, die Männer in ihr Zauberschloß lockte und sie zum Theil beherrschte. Man hätte fast glauben können, daß sie, um diese Herrschaft an den Tag zu legen, während der Mahlzeit immer mit einem kleinen Zweige in der Hand spielte. Der Diener mußte ihr einen solchen täglich neben ihren Teller hinlegen,denn er war ihr ebenso unentbehrlich, wie Messer, Löffel und Gabel.
Zacharias Werner.
Ich war einige Wochen in Coppet gewesen, als eines Tages Zacharias Werner mit einer großen Schnupftabaksdose in der engen Westentasche, die Nase voller Tabak und mit tiefen Verbeugungen in die Halle trat. Er sprach auch schlecht Französisch, aber dies genirte ihn nicht. In seinem Patois theilte er täglich über Tisch der Gesellschaft in einer Art von Vorlesungen seine mystische Aesthetik mit. Man hörte ihm sehr andächtig zu, und es fehlte nicht wenig, so hätte er Proselyten gemacht. Denn obgleich die Franzosen oft für fremde Natur taub sind, so leihen sie der fremden Unnatur doch gern das Ohr: was Cagliostro, Mesmer, Frau Krüdener u. A. bezeugen können. Selbst Frau von Staël hörte bewundernd Werner zu, und schalt mich, weil ich mir seine Ansichten nicht aufmerksamer zu Herzen nahm. — Es that mir leid, diese Verwandlung bei Werner zu entdecken. Mit Vergnügen hatte ich seineSöhne des Thalsund seineWeihe der Kraftgelesen; obgleich bereits in diesen Werken der Keim zu seinem spätern krankhaften Wesen liegt. Aber nun ging es auf eine „Weihe der Unkraft“ los, in die ich mich durchaus nicht finden konnte. Er las uns seinenAttilavor, in dem schöne Scenen sind, obgleich hier die Schwärmerei deutlich hervortritt und mit der hierauffolgenden Katastrophe droht. Besonders graute mir vor der Replik: „Umarme mich Jüngling! Jetzt lasse man ihn von Pferden zerreißen.“
Frau von Staël bewunderte dies Alles enthusiastisch; ich konnte hierin nicht mit ihr sympathisiren. Sie hielt das vielleicht für Mangel an Verstand oder Geist, oder Gott weiß was. Noch kannte sie Nichts von meinen Schriften; denn diese waren noch nicht nach Coppet gekommen.
Werner's Persönlichkeit mochte ich gern, er war ein freundlicher Mann; offen, theilnehmend; mit einem gewissen Humor verstand er, über sich selbst auf eine liebenswürdige Weise zu scherzen; ich unterhielt mich gern mit ihm, wenn wir alleinwaren. Er hatte viel in der Welt erfahren und erlebt; selbst die sinnlich leichtfertige Weise, auf die er zu seiner frommen Erhebung gekommen war, hatte, psychologisch genommen, etwas Interessantes. Er war auch nicht arrogant, und wurde nicht böse, wenn man anderer Meinung war, als er.
Eine kleine Mißhelligkeit.
Eines Tages gingen wir auf der Landstraße zwischen Coppet und Genf spazieren. Ich hatte meinen Correggio im Kopfe und theilte ihm den Plan mit. Ich hatte gehört, daß auch er an einem neuen Stücke schreibe, und bat ihn, mir den Inhalt zu sagen. Wir waren unterdessen nach Hause gekommen. „Nein, verzeihen Sie mir, lieber Freund!“ sagte er, indem er eine Prise nahm, „das kann ich nicht! Ich habe bereits so oft Andern meine Pläne erzählt; aber das kommt in Wochenblätter und Journale, und hat mir vielen Verlust bereitet.“ — Ich hatte mich bereits so sehr an sein wunderliches Wesen gewöhnt, und er sagte mir das so gutmüthig und naiv, daß ich ihm nicht darüber zürnen konnte; ich scherzte über seine Weigerung und wiederholte mein Verlangen.
In demselben Augenblicke trat Frau von Staël in das Zimmer und fragte, wovon die Rede sei. Ich antwortete lachend: „Ich schelte Werner! Ich habe ihmmeinenPlan zu einer neuen Tragödie mitgetheilt, und nun will er mir nicht den des Stückes mittheilen, das er zu schreiben beabsichtigt. Ist das nicht unrecht?“ „„Ah!““ antwortete sie ganz ernst und in zurechtweisendem Tone, — „c'est une autre chose! Vous êtes encore jeune; vous avez besoin de vous former!“ Ohne zu antworten, wandte ich ihr den Rücken und verließ das Zimmer. Sie wartete, daß ich wieder kommen würde; endlich sandte sie mir einen Diener nach, der erzählte, daß ich einpacke, um abzureisen. — Nun suchte sie mich sehr freundlich auf, bat mich zu bleiben und nicht böse zu sein. „„Ich wüßte ja, wie sehr sie mich achte; Werner habe sie seiner Gedichte wegen lieb, für mich aber fühle sie persönliche Freundlichkeit.““ — Ich antwortete, „daß ihre Freundschaft mich ehre und freue, undwenn ich noch Nichts weiter sei, als ein hoffnungsvoller Jüngling, so müsse dies mir genügen; aber ich hätte bereits ebenso lange und ebenso viel, wie Werner gedichtet; ich glaubte nicht, von ihm Etwas lernen zu können; er habe Genie und ein gutes Herz, aber keinen gesunden Geschmack; und wenn das so fortginge, so würde er zuletzt auch den gesunden Menschenverstand verlieren. Ich könne nicht verlangen, daß sie mich als Dichter schätzen solle, da sie noch nichts von mir kenne, nur möge sie auch deshalb ihr Urtheil über meine dichterische Berechtigung bis auf Weiteres aufschieben.“ — Sie gab mir Recht; und so wurde der Frieden geschlossen. — Kurz darauf las sie Aladdin und Hakon Jarl und fand nun selbst, daß ich nicht nöthig hätte, bei Werner in die Schule zu gehen.
Gedenkblatt von Zacharias Werner.
Werner fühlte wahrscheinlich dasselbe, und in meinem Stammbuch gab er mir (nun seiner Ansicht nach ebenbürtig) folgende Satisfaction:
„Wir Söhne von dem fernen NordenSind hoher Lust gewürdigt worden,Zu schaffen vor der Menschen Schaar,Was lebend, dauernd, schön und wahr.Gesellt durch gleichen Ruf und Meister,Zieh'n gleichen Theils theilhafte Geister,Wir, ob getrennt der Pfad auch scheint,Zu gleichem Ziel, das uns vereint.“Das schreibt mit redlichem Gemüthe der sichIhrer, als eines gleichgesinnten, mit schönerKraft ausgerüsteten Mitarbeiters erfreut,zur Erinnerung und Befestigungunseres Vereins.Quod Deus bene vertat!!!
„Wir Söhne von dem fernen NordenSind hoher Lust gewürdigt worden,Zu schaffen vor der Menschen Schaar,Was lebend, dauernd, schön und wahr.Gesellt durch gleichen Ruf und Meister,Zieh'n gleichen Theils theilhafte Geister,Wir, ob getrennt der Pfad auch scheint,Zu gleichem Ziel, das uns vereint.“Das schreibt mit redlichem Gemüthe der sichIhrer, als eines gleichgesinnten, mit schönerKraft ausgerüsteten Mitarbeiters erfreut,zur Erinnerung und Befestigungunseres Vereins.Quod Deus bene vertat!!!
„Wir Söhne von dem fernen NordenSind hoher Lust gewürdigt worden,Zu schaffen vor der Menschen Schaar,Was lebend, dauernd, schön und wahr.Gesellt durch gleichen Ruf und Meister,Zieh'n gleichen Theils theilhafte Geister,Wir, ob getrennt der Pfad auch scheint,Zu gleichem Ziel, das uns vereint.“Das schreibt mit redlichem Gemüthe der sichIhrer, als eines gleichgesinnten, mit schönerKraft ausgerüsteten Mitarbeiters erfreut,zur Erinnerung und Befestigungunseres Vereins.Quod Deus bene vertat!!!
Der Winter näherte sich, und Frau von Staël stellte mir vor, wie unklug es sein würde jetzt nach Italien zu reisen. Ich sollte den Winter über bei ihr bleiben, mir einen italienischen Sprachlehrer nehmen, und erst zum Frühjahre über die Alpen geben. — Ich blieb.
Ich übersetzte in diesem WinterAxel und Walborg, und Werner half mir brüderlich dabei, das Stück der Sprache wegen durchzusehen. Er lobte es sogar auf seine eigenen Kosten.
„Wenn ich nun so ein Stück geschrieben hätte,“ sagte er lächelnd, — „so würde ich einzelne Partieen brillanter ausgearbeitet haben, um die sogenanntenschönen Stellenhervorzuheben. Der Erzbischof würde mehr zu sagen bekommen haben. Sie haben auf das Ganze gesehen, ohne Vorliebe für das Einzelne, und daran thaten Sie recht.“
Der Bildhauer Tieck.
Auch einen andern Mann von Talent lernte ich in Coppet kennen, den Bildhauer Tieck, den Bruder des Dichters, der uns Göthe's schöne Büste geschenkt hat. Während er in Coppet war, vollendete er auch die Büsten der Frau von Staël und Schlegel's.
Im strengsten Winter reisten wir alle nach Genf; und hier schaffte Frau von Staël Denen von uns Zimmer in der Stadt, welche in dem Hause, in dem sie wohnte, nicht Platz finden konnten.
Eines Abends überraschte es mich, Schulz's herrliche Musik zu den Gesängen in Racine's Athalia bei ihr zu hören. Ich begriff nicht, wie diese nordischen Herzenstöne so weit nach dem Süden hinabgekommen seien. Später hörte ich, daß meine Landsmännin, die Dichterin FriderikeBrun, Schulz's große Freundin, die Musik einige Jahre vorher nach Genf gebracht hatte. Frau Brun war sehr beliebt hier, besonders von Bonstetten und Frau von Staël; ihr Aufenthalt in Genf mit der liebenswürdigenIdastand noch in frischem Andenken.
Der Frau von Staël Haus in Genf.
In Frau von Staël's Hause war, wie gesagt, ewige Lustigkeit, wenn auch nicht eben immer Freude. Fast jeden Tag waren da prächtige Diners und am Abend Soupers. Ich habe kein Haus gekannt, in dem es so flott zuging. Sie war ungeheuer reich, bekam außerdem ein außerordentlich großes Honorar für ihre Schriften, liebte selbst das gute Leben, und fühlte sich sehr wohl am Ende des Tisches, mit dem Mandelzweige Aaron'sin der Hand, der sich am besten dazu eignete, die Tafeln des Testamentes zu schreiben; das war das Katheder, auf dem sie Vorlesungen hielt, und ihre politischen und ästhetischen Verordnungen für eine Schaar ausgezeichneter Männer ausgab, welche — wenn auch nicht immer schwiegen und zugaben — doch wenigstens schwiegen und einnahmen.
Ich konnte jedoch dieses Leben nicht aushalten. Mittags ließ ich es gelten; aber an dem Nachspiele am Abend in die Nacht hinein mochte ich nicht mehr Theil nehmen; ich sehnte mich darnach, allein zu sein, zu lesen. (Des Morgens früh schrieb und dichtete ich, oder ging spazieren.) Ich blieb also in meinem Logis zu Hause, obgleich mir angesagt wurde, mich in den Soirée'n einzufinden. Aber mein eigenes Local war nun natürlich sehr verschieden von den brillanten Salons der Baronesse. Ihr Haushofmeister hatte es mir in größter Eile ohne weitere Rücksicht auf meine Bequemlichkeit verschafft, als wir in die Stadt zogen. Es war ein großes, zugiges Zimmer mit einem Kamin und einem offenen Alkoven. Die Winter können in dem kalten Genf, wo der Wind beständig von den Bergen weht, sehr kalt sein, und dieser Winter war besonders hart. So viel ich auch in den ungeheuren Kamin hineinfeuerte, es half doch Nichts. Endlich fiel es mir ein, mir eine große spanische Wand anzuschaffen. Mit dieser hegte ich einen kleinen Platz vor dem Kamin ein, so wie Robinson Crusoë eine hohe Hecke vor seiner Höhle machte; und wenn ich so fast mit den Füßen und dem halben Körper im Kamin bei dem großen Feuer saß, konnte ich es aushalten. Ich hatte bereits einen Theil des Plutarch, und die ganze Jung-Stilling'sche Gespenstertheorie mit belegenden Spukgeschichten gelesen, ehe ich die Folgen dieser meiner Situation erkannte. Aber als ich am Morgen die Strümpfe anziehen wollte und meine beiden Schienbeine ansah, waren sie voll großer brauner Flecke, und ich hatte die Haut, ohne es zu merken, am Kamin verbrannt. Ich kann also in Wahrheit sagen, daß ich gebraten wurde, ohne warm zu werden.