Das gesellschaftliche Leben in Genf.
Wie ich mir später half, weiß ich nicht mehr; dagegen entsinne ich mich, einer andern schnurrigen Begebenheit, die mir in diesem Orte begegnete. Ich war auf einem Ball gewesen, wo Genfs ganze — wahrscheinlichvornehmeJugend versammelt war. Wenn auch gleich Genf eine Bürgerstadt ist, so giebt es doch wohl wenige Städte, in denen das hochmüthige Kastenwesen lange Zeit hindurch mit größerer Pedanterie beobachtet wurde, als hier. Als Fremder, als Dichter, als ein Freund der Frau von Staël wurde ich natürlich überall eingeladen. Aber es ging mir hier so, wie in Berlin mit Reichardt; ich begleitete die Baronesse Staël und bekümmerte mich nicht weiter darum, zu wem ich kam. Ich machte keine Visiten, und außer dem NamenPictethabe ich alle die übrigen vergessen. Auf diesem Balle wunderten die jungen Damen sich darüber, daß ich nicht tanze, und wollten mir gar nicht glauben, als ich versicherte, ich könne nicht tanzen. Es wurde sehr rasch gewalzt. Dieser Tanz schien mir leicht zu erlernen zu sein; ein Bekannter versicherte mir, daß Nichts leichter sei, und versprach mir einen vortrefflichen Tanzmeister zu senden, der mir in wenigen Stunden die nöthigen Pas beibringen würde, so daß ich bei dem nächsten Balle an dem allgemeinen Vergnügen Theil nehmen könne.
Der Tanzmeister.
Der Tanzmeister kam am nächsten Morgen. Hoffmann hatte damals noch nicht seine berühmten Berliner-Thee-Pumpernicker-satanischen Gespenstergeschichten geschrieben; aber man hätte glauben sollen, daß dieser kleine, magere, braune, spitznäsige, leichtfüßige Piemonteser bei dem Urtypus Modell gestanden hätte, der sich als Triebrad in Hoffmann's Schriften bewegt. Mit der Violine unterm Arm, machte er mir die bekannten dämonischen, ironischen Verbeugungen und forderte mich gleich auf, den Walzer anzufangen, nachdem er mir die Pas gezeigt hatte. Kaum hatte ich angefangen, als ich zu meinem Schreck, indem ich über die Straße hinüberblickte, eine Menge Mädchenköpfe in den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses entdeckte. Daselbst warnämlich ein Mädcheninstitut, und nun eilten diese lieben Kinder natürlich, um das Wunder, den nordischen Bären, oder Dichter, was er war, in seinem dreißigsten Jahre tanzen lernen zu sehen. Ich kann darauf schwören, daß es dunkel vor meinen Augen wurde. Das Erste was ich that, als ich wieder zur Besinnung kam, war, daß ich den großen Schirm vornahm, und dadurch mit Hülfe des Tanzmeisters die Fenster verschanzte. Hierdurch entstand ein künstliches Halbdunkel, in dem der Hofmann'sche Dämon mit der Violine am Kinn und der grinsenden Miene sich noch diabolischer ausnahm. Kaum hatte ich ein paar Wendungen gemacht, so wurde mir schwindlich (ich kann es durchaus nicht vertragen, mich so zu drehen). Die Angst, mich vor den Mädchen drüben lächerlich zu machen, trug gewiß auch ihr Theil dazu bei, — und da dies Alles nun noch von dem maliciösen Bogenstrich meines Paganini begleitet wurde, so prallte ich gegen die Kante des Kamines an, und hätte mir beinahe die Hirnschale eingeschlagen. — Kaum war ich gerettet und wieder zu mir selbst gekommen, so griff ich in die Tasche und nahm den Louisd'or heraus, um den wir für den Unterricht eines Monats einig geworden waren, reichte ihn ihm, dankte für gütige Unterweisung, und versicherte auf das Bestimmteste, das hiermit unsere Lehrstunden vorüber seien. Ohne die geringsten Einwendungen zu machen, nahm der Kobold das Goldstück mit seinen schwärzlichen magern Fingern, verbeugte sich tief und verschwand.
Gedenkblätter von der Staël, Sismondi und Constant.
Als der Frühling kam, und die Vögel wieder umherflatterten, breitete auch ich meine Fittige aus, um über die Alpen zu fliegen. Die Jungfrau, jenseits des Genfersee's, hatte bereits, gleich einer schönen, kalten Blondine, lange mit mir aus der Ferne coquettirt, und trotz ihres geheimen Pflegmas, Oel ins Feuer gegossen; denn wenn ich sie liebevoll ansah, war es mir immer, als ob sie ebenso auf mich blickte. Ich nahm Abschied von Frau von Staël-Holstein, und sie schrieb in mein Stammbuch:
„I'introduis pour la première fois le français dans ce livre; mais bien que Goethe l'ait appellé une langue perfide, j'espére, mon cher Oehlenschläger, que vous croirez à mon amitié pour vous, et à ma vive estime pour l'auteur d'Axel et Valborg.“
„I'introduis pour la première fois le français dans ce livre; mais bien que Goethe l'ait appellé une langue perfide, j'espére, mon cher Oehlenschläger, que vous croirez à mon amitié pour vous, et à ma vive estime pour l'auteur d'Axel et Valborg.“
Sismondi schrieb hinein:
„Vas, Poète! voir l'Italie;C'est la terre des souvenirs,Des arts la brillante patrie,Le trône enchanté des plaisirs.Mais aussi au rives de TibrePense, qu'un peuple, grand et libre,Fonda l'éternelle cité.Vois ses murailles entrouvertes,Ses palais, ses places désertes.Tout meurt avec la liberté.“
„Vas, Poète! voir l'Italie;C'est la terre des souvenirs,Des arts la brillante patrie,Le trône enchanté des plaisirs.Mais aussi au rives de TibrePense, qu'un peuple, grand et libre,Fonda l'éternelle cité.Vois ses murailles entrouvertes,Ses palais, ses places désertes.Tout meurt avec la liberté.“
„Vas, Poète! voir l'Italie;C'est la terre des souvenirs,Des arts la brillante patrie,Le trône enchanté des plaisirs.Mais aussi au rives de TibrePense, qu'un peuple, grand et libre,Fonda l'éternelle cité.Vois ses murailles entrouvertes,Ses palais, ses places désertes.Tout meurt avec la liberté.“
Benjamin Constant schrieb:
„Un sublime essor te ramèneA la cour des soeurs d'Apollon;Et bientôt avec MelpomèneTu vas d'un nouveau PhénomèneEnrichir le sacré vallon.
„Un sublime essor te ramèneA la cour des soeurs d'Apollon;Et bientôt avec MelpomèneTu vas d'un nouveau PhénomèneEnrichir le sacré vallon.
„Un sublime essor te ramèneA la cour des soeurs d'Apollon;Et bientôt avec MelpomèneTu vas d'un nouveau PhénomèneEnrichir le sacré vallon.
Zum Andenken der freudigen, mit einander genossenen Tage.“
Darauf reiste ich am 1. Mai 1809 auf der Diligence durchAnecynachChamouny. Hier schlief ich in einem schlechten Zimmer, in einem Bett, wo, wie man mir erzählte, ein junger Reisender kurz zuvor geschlafen hatte, und später auf dem Wege von Räubern ermordet wurde. Ich legte mich doch ohne Furcht zur Ruh, und dachte: „Wo die Räuber vor Kurzem gewesen sind, kommen sie nicht bald wieder.“
Am nächsten Morgen früh um zwei Uhr fuhr ich weiter, konnte nicht sehen, wer im Wagen bei mir saß und setzte den Schlaf ununterbrochen fort. — Als ich erwachte, wunderte ich mich über meine Reisegesellschaft. Mir gegenüber saß Aladdinmit seiner Mutter Morgiane. Aber Aladdin aus der ersten Periode, ein kleiner, dicker, fetter, rundwangiger Junge, der all' die Aepfel und Zwiebacke aß, welche die Mutter in der Tasche hatte, und beständig lustig und unartig war, während sie mit einem traurigen Gesichte da saß, in dem dünnen Kattunmantel fror, und ängstlich daran dachte, wo das Brot herkommen solle, wenn das gegessen sei, woran der Knabe noch mit vollen Backen kaute, während er versicherte, daß es sehr gut schmecke.
Reise durch Savoyen.
Wir kamen durchSavoyen, einem langen, schmalen, von schwarzen Felsenwänden eingeschlossenen Schornstein, wo die Jungen sich darin üben, horizontal zu klettern, bevor sie es in Paris perpendiculär versuchen. Ich hatte gerade kurz vorher in Genf Dalayrac's Singspiel, die zwei kleinen Savoyarden gesehen, und in vielen hübschen Jungen glaubte ich meine Freunde Pietro und Joseph wiederzuerkennen. Eine große, gekräuselte Wolke flog hoch in der Luft über das Thal hin; sie schien mir der herrliche Held Prinz Eugen mit dem Federhut, der Allongenperücke und dem gezogenen Schwerte zu sein.
Lange Zeit begegneten wir nichts Anderm, als unter ihrer Bürde seufzenden Eseln und Eseltreibern; endlich galloppirte ein französischer, stolzer Kriegsmann, mit sonnenverbranntem Angesicht an uns vorüber. Ich fing an, Betrachtungen über den Unterschied zwischen diesen Menschen anzustellen, als ein Eseltreiber sich der Diligence näherte und mit klagender Stimme bat, dem Franzosen um Gotteswillen zu Hülfe zu kommen; denn er sei vom Pferde gestürzt und habe sich den Kopf gefährlich verletzt. Der Mann lag wirklich unfern davon ohne Bewußtsein da. Als er endlich wieder zu sich selbst gekommen war, fing er an bitterlich zu weinen, und beklagte seine junge Frau, die ihn so früh verlieren solle. — Bald entdeckte ich, daß er betrunken, daß Das, was ich für Sonnenverbranntheit gehalten, Branntweinsröthe sei, und daß ihn mehr der Rausch, als seine Wunde incommodirte. Wir nahmen ihn mit in den Wagen, und brachten ihn zu seiner Frau in die Stadt. Sie wundertesich nicht sehr über diesen Zufall und ist wahrscheinlich daran gewöhnt gewesen, ihren Mann oft mit Beulen und Wunden nach Hause kommen zu sehen.
Eindruck der savoyischen Alpen.
Wie erstaunt war ich, als ich am nächsten Morgen früh, da ich die Augen aufschlug, mich mitten im Winter unter Eis und Schnee sah. Ich hatte bereits schöne Frühlingstage in Genf erlebt; hier auf demMont Céniswar es wieder Januar.
Nichts von Allem, was ich auf meiner Reise gesehen habe, machte einen so tiefen Eindruck auf mich, wie die Alpen: sonst hatte die Phantasie mir stets im Voraus schon ein Bild des Gegenstandes entworfen, das stets übertrieben war; und deshalb mußte mich erst eine genaue Bekanntschaft mit dem Gegenstande dahin führen, die schöne Wirklichkeit den nebelhaften, grenzenlosen Träumen vorzuziehen. Aber hier hatte die Phantasie nicht übertreiben können; denn die Natur war gewaltiger und wilder, als die Geburt der unbändigsten Phantasie; und die ungeheure Kraft der Wirklichkeit ließ alle Nebel, wie die schwachen Schatten vor dem Lichte verschwinden. Die Granitphantasieen des Schöpfers machten mich in heiliger Ehrfurcht beben. Mein eigener Körper erschien mir, von all' diesen festen Felsenblöcken umgeben, so locker und los zusammenzuhängen, daß ich fast nicht wagte, meine Glieder zu bewegen, aus Furcht, daß sie wie wurmstichiges Holz auseinanderfallen würden. Hier war keine Spur der Geschichte; seit Jahrtausenden war Nichts verändert. Nur der herrliche, bequeme Weg, der Italien mit Frankreich verbindet, schlängelte sich die Klippen entlang, bald wie eine Terasse am Abgrunde aufgeführt, bald als Höhle durch den Fels gebohrt; Napoleon's merkwürdigstes Denkmal, unvergänglich, wie die Pyramiden des Nils, und eben so nützlich, wie diese eitel und unnütz.
Aber ich dachte auch an andere Helden, während ich die fernen, dunkeln Flecke auf der Steinwand betrachtete, die wie Moos aussahen, aber ungeheure Tannenwälder waren. Auch meiner Voreltern, der Cimbern, Teutonen, Longobarden, Gothengedachte ich; auch des tapfern Hannibal. Alle klommen diese Alpen hinauf und glitten dann an ihren Schilden hinab, ohne einen andern Weg zu haben; aber Viele blieben auch liegen.
Auf italienischem Boden.
Unser Schlitten glitt schnell von dannen, und ich machte in Gedanken die ganze Reise mit dem Grafen Benjowsky und seinem Verfasser Kotzebue nach Sibirien mit. Aber ich lachte mir doch ins Fäustchen; denn ich wußte, daß mein Sibirien Italien, mein Tobolsk und Kamtschatka, Florenz und Rom sei. Hoch oben auf der Bergstraße steht ein Haus, wo der Commandant die Pässe durchsieht, und fromme Mönche Punsch und Kaffee den Reisenden ohne Bezahlung darbieten. Es ist schön, in der ungastfreien Natur solch eine menschliche Gastfreiheit zu finden, gewöhnlich ist's umgekehrt. Doch genoß ich diese Gastfreiheit nicht; ich zog es vor, sitzen zu bleiben und in meinem warmen Pelz zu schlafen. Später ging es rasch bergab. Der Schnee hörte nach und nach auf. Der Abend war außerordentlich schön, die nackten Steinmassen wichen zurück; die Vegetation begann mit doppeltem Blühen, und der Gedanke: „Nun bist Du in Italien, wo die Citronen blühen, und die Goldorangen glühen,“ setzte Allem die Krone auf. Es schien mir, nachdem diese gewaltige Scene überstanden war, als ob sich nach und nach eine neugeschaffene Erde aus dem öden Chaos erhob. Dort landete Noah in der Arche auf dem Ararat; bei jener Höhle saßen Deucalion und Pyrrha unter dem Baume. Hier spielten Baldur und Vidar mit den im Grase gefundenen Würfeln, und der frühere Kummer und die Beschwerden des Lebens schienen ihnen, wie ein verschwundener Traum.
Eine prosaische Ansicht. Turin.
Ein altmodischer, französischer Kaufmann saß bei mir im Wagen. „Welch ein Werk!“ rief er aus, „welch' ein Meisterstück!“ Ich glaubte, er meine die Natur und Schöpfung, er aber meinte nur den Weg. Er war ärgerlich über die Italiener und konnte nichts Italienisches leiden. Stets schwieg er, wenn ich begeistert bewunderte, bis wir ins Thal kamen und einigen Kühen mit großen Hörnern begegneten. „Seh'n Sie mal,mein Herr!“ rief er, „wie monströs Alles in diesem verfluchten Lande! wie übertrieben! — Die Leute haben hier gar keinen Geschmack.“ — „„Aber was wollen Sie denn in Italien, mein Herr?““ — Er zuckte mit den Achseln und seufzte: „Geschäfte!“ — „„Freilich,““ dachte ich, „„dann muß man zuweilen mit Geschmacklosigkeit und großen Hörnern vorlieb nehmen. — Sollten Sie wohl glauben,““ sagte ich nach einigem Schweigen, „„daß es einmal Menschen gab, die diese Berge überstiegen, als noch gar kein Weg vorhanden war?““ „Das sind dann wohl einzelne Wagehälse und Engländer gewesen.“ — „„Nein, ganze Nationen!““ — „Das muß dann in den fabelhaften Zeiten geschehen sein!“ sagte er mißtrauisch.
In Turin hätte ich mich beinahe verirrt, weil alle Häuser und Straßen da einander gleichen; es ist Alles sehr prächtig, aber monoton und menschenleer. Ich ging ins Theater; das hatte nicht viel zu bedeuten. Am nächsten Tage besah ich das große Opernhaus zum Ersatz, weil keine Oper gegeben wurde. Ich guckte in den finstern ungeheuren Raum hinein. Um mich etwas zu amüsiren, zeigte man mir die Maschinerie. Das half nicht viel. Mein einziger Trost war eine große Trommel, auf der ich einige Donnerschläge und Kanonenschüsse, wie ein zweiter Jupiter oder Napoleon, anbrachte. — Draußen regnete es. Hier fand ich zwar die Sonne wieder; aber unecht vergoldet, in einen Winkel hingeworfen und ihre zerrissenen Pappstrahlen mit Staub bedeckt. — Darauf zeigte man mir ein Druckwerk, durch das man wirklich nicht blos poetisches Wasser auf die Bühne bringen konnte. Man konnte auch den Hintergrund öffnen und die Zuschauer in die wirkliche Welt hinausblicken lassen, wenn der allzulange Aufenthalt im Reich der Phantasie ihnen Heimweh nach Dem geweckt hatte, was sie „besser und bequemer zu Hause“ hatten. Denn es geht dem großen Haufen, wie den Seehunden: sie können sich wohl einige Stunden lang auf den Steinen sonnen, die am Strande der Poesie liegen, aber sie müssen bald wieder in das (nicht salzige, sondern süße) Wasser derProsa. Am stolzesten war der Vorzeiger des Pferdestalls, von wo aus die vierbeinigen Komödianten (eigentlich Tragiker, denn sie spielen nur in derOpera-Seria) auf die Bretter hinauskommen und in den musikalischen Haupt- und Staatsactionen agiren. In Berlin und andern Orten hat man auch Theaterpferde; es war mir nichts Neues.
In Turin besuchte ich HerrnBonzanigo, einenSculpteur en bois, wie er sich nannte; aber er schnitt auch sehr hübsche Sachen in Elfenbein aus. Er hatte wahres Talent und viel Erfindungsgabe, ein artiger alter Mann. — „Man muß Genie haben, um solche Dinge hervorzubringen,“ sagte ich zu ihm. „„Ja gewiß,““ entgegnete er ernst und freundlich, „„viel Genie.““ — Es lag durchaus keine Arroganz, keine Prahlerei in seinem Tone. Er betrachtete das Genie als eine nothwendige Bedingung für Kunstwerke. Derjenige, der keines hätte, meinte er wohl, müßte es lieber unterlassen, und darin hatte der alte Mann Recht.
Die Reisegesellschaft nach Mailand.
Ich reiste mit einem Vetturin nachMailand. Im Wagen traf ich wieder meinen französischen Kaufmann, und ein ganz wohlgekleidetes Frauenzimmer, eigentlich ein Dienstmädchen, die nach Mailand reiste, um — wie wir später erfuhren — Kindermädchen zu werden. Sie erzählte uns, daß sie in einer kleinen französischen Stadt geboren sei, die ihren Namen nach einem wilden Mann führe, welcher in alten Tagen ganz nackt im Walde gefunden worden sei.
Ein närrisches, kleines Ding von 38 Jahren! Als sie sah, daß wir höflich gegen sie waren, gab sie sich gleich Damen-Airs, und holte eine Schachtel heraus, in der ein Spiel Karten lag. Ihre Schürze heftete sie mit Stecknadeln an unsere Knie an und auf diesem Tisch lud sie uns ein, Mariage zu spielen. — Es schien, als ob sie Lust hätte um Geld zu spielen, um das Spiel interessanter zu machen; aus Eigennutz war es nicht, denn sie verlor beständig. Deshalb wollten wir auch nicht um Etwas spielen. Der alte Kaufmann, der sich darüber freute, eine Landsmänninin dem armseligen Italien zu finden, bat sie, etwas zu singen. „Sie haben gewiß eine schöne Stimme!“ — Das ließ sie sich nicht zwei Mal sagen. Mit einer Prise Tabak in der einen, und den Karten in der andern Hand, fing sie nun an, wie eine Nachtigall zu schlagen. Es war eine Romanze, in der viel vontendresseund einemtraîtrevorkam, der seine Geliebte verlassen hatte.
Das „provisorische Kindermädchen.“
So singend und zuhörend kamen wir nachChivasco, wo das provisorische Kindermädchen die Honneurs bei Tisch machte, aber mit den Zurichtungen unzufrieden war. Sie erzählte uns, daß sie lange in einem Kloster gelebt habe, ohne doch das Klostergelübde abgelegt zu haben, wo an den großen Festtagen das ganze Personal, von der Priorin bis zu derfille du bassecour(wahrscheinlich sie selbst), in dem großen Refectorium gespeist hatte.
InCilanobrachten wir einige Stunden in der Nacht zu. Hier schlief ich in einem großen Zimmer mit zwei andern Betten außer dem meinigen. In dem einen lag der alte französische Kaufmann, in dem andern ein junger, fremder Italiener. Hier hatte ich wieder meine alte Räubervision und sprang zum Bette heraus. — Glücklicherweise schrie ich nicht; denn sonst wäre gewiß das ganze Haus in Aufruhr gekommen, hier in einem Lande, wo Räuberabenteuer nichts ungewöhnliches sind. Freilich hörte man damals weniger, als jetzt von dergleichen; die strenge französische Polizei jagte den Verbrechern Furcht ein und verminderte zum Theil die Gewaltthätigkeiten und die Unsicherheit auf den Landstraßen. Endlich kamen wir nach Mailand und waren Alle froh, nur nicht unser Gesellschaftsfräulein; sie sollte nun in Dienst gehen, und das kurze Damenleben war vorüber; sie weinte, als sie Abschied von uns nahm.
Der „bezahlte“ Schlingel. — Das Gerücht.
Unser Vetturin, ein großer, langer, ernster Mann im grünen Ueberrock, mit einem schwarzen Zopf im Rücken, war auf der Reise einmal so nachlässig und langsam gewesen, daß wir erst lange nach demAve Mariain die Herberge kamen; wasimmer sehr gefährlich in Italien ist; denn nach demAve Mariasind die Landstraßen nicht mehr vor Räubern sicher. Ich hatte ihn deshalb einen Schlingel genannt. Kaum war das Wort gesagt, so that es mir leid. Er war sonst ein ehrbarer, gravitätischer Mensch und glich mehr einem Herrn, als einem Diener. Er schwieg und sah mich ernst an. Ich dachte an die italienische Rache und mir wurde darum nicht gut zu Muthe. Indessen ging Alles gut bis Mailand hin. Der Vetturin trat höflich ins Zimmer zu mir, um sein Geld zu holen. Ich grüßte ihn freundlich, bezahlte ihm die bestimmte Summe, darauf das Trinkgeld und legte noch einen Scudo obenein hin. Er strich das Geld ein, nahm darauf den einzelnen Scudo, sah erst ihn, dann mich an, und sagte, indem er fortging, mit einem gutmüthigen, bedeutungsvollen Lächeln und einer kleinen Verbeugung: „Das war für den Schlingel!“
Die Italiener haben ein zartes Ehrgefühl; man muß sich hüten, sie zu verletzen, und lieber ihre Faulheit und Nachlässigkeit ertragen. In Mailand erfreute es mich am meisten, den großen Marmordom, ganz gothisch, oder altdeutsch, jenseits der Alpen zu sehen, ein kräftiges Denkmal deutschen Einflusses hier im Mittelalter. Ich habe bereits gesagt, daß ich keine Reise, sondern mein Leben schreibe, und deshalb eile ich rasch über die Merkwürdigkeiten hinweg, über die man in hundert Büchern lesen kann. — Das kann ich mit Bestimmtheit sagen: Ich habe Vieles aufmerksam betrachtet und gefühlt, dessen ich hier nicht erwähne; was als Gegensatz manchem andern Reisenden dienen kann, der aus andern Werken über Dinge abschreibt, die er nie gesehen hat.
In Mailand. — Landsleute.
In Mailand traf ich den jetzt verstorbenen TheatermalerWallichaus Kopenhagen; er führte mich im Schauspielhause in eine Loge zu mehreren vornehmen Damen, welche begierig waren, den jungen Dänen zu sehen, „der Frau von Staël Holstein heirathen sollte.“ Ich bat Herrn Wallich um Gottes Willen, den Damen diesen Traum zu benehmen, und begriff nicht,wie solch leere Gerüchte über die Alpen gekommen sein konnten. Aber je leerer ein Gerücht ist, desto leichter fliegt es. — Wie bekannt, empfangen die italienischen Damen in den Logen Besuche; auf das Schau- oder eigentlich Singspiel achten sie nur wenig, außer, wenn eine beliebte Bravourarie gesungen wird. Bei diesen schönen, artigen Damen traf ich auch den MalerRossi, der das herrliche Bild, das Abendmahl, von Leonardo da Vinci copirte. Eigentlich mußte er rathen, wie es in Santa Maria della Gracia ausgesehen habe; denn erst mit Kalk überweißt, und dann wieder halb abgewaschen, sind die Farben kaum kennbar; nur die Umrisse haben sich einigermaßen erhalten.
Ich hatte das Vergnügen, noch einen Landsmann, HerrnDalgas, zu treffen. In Mailand sah ich zum ersten Male eineOpera buffa:le nozze di Lauretta, sehr gut gegeben, mit allen Lazzis und dem lustigen Uebermuth der italienischen Laune. Dies ist echt italienisch! IhreSeriaist eine schlechte, verzeichnete Copie der griechischen und römischen; und die Musik größtentheils gleich uncharacteristisch obwohl häufig prächtig und wohlklingend. Den Tag darauf sah ich eine Hinrichtung. Ein elender, bleicher, zitternder Räuber wurde guillotinirt. Der kräftige, rothwangige Scharfrichter, malerisch gekleidet, mit einem breiten runden Hute über dem grünen Haarnetze, stach wunderlich gegen jenes elende Geschöpf ab, das, in Lumpen gehüllt, auf einer hölzernen Trage herbeigeschafft wurde, während ein Mönch neben ihm herlief, und ihm einen Holzschnitt des Gekreuzigten, auf ein Stück Pappe geklebt, wie einen Fächer vors Gesicht hielt. — Als das Haupt des Sünders abgeschlagen war, nahm der Scharfrichter sein Taschentuch und steckte es unter sein eigenes Kinn, als ob er barbirt werden sollte. Aber er that es, um nicht blutig zu werden, indem er das Haupt auf eine Eisenstange steckte, unter der der Name und das Verbrechen des Hingerichteten mit großen Buchstaben stand. — Kaum hatte ich den Namen „Raphael“ gelesen, als ich von dannen eilte.Es schmerzte mich, den großen Namen entheiligt zu sehen. Ich hatte erst kurz vorher ein vortreffliches Bild von Raphael d'Urbino aus seiner ersten Periode: Joseph's und Maria's Abschied bewundert.
Hinrichtungen.
Es ist gewiß, daß ich, obwohl mir nicht Gemüth fehlte, in meiner Jugend Neigung hatte, den Hinrichtungen beizuwohnen. Das Entsetzen, welches damit verbunden war, hat etwas Stachelndes und Anziehendes. Die Phantasie trieb ihr Spiel. Die Menge der Frauenzimmer eilt gewöhnlich aus einem andern Grunde, einem falschen Gefühle, dorthin, welches sie bewegt. Sie gehen zu einer Hinrichtung, wie sie zu einer Tragödie gehen, um über Etwas weinen zu können. Ich aber weinte nicht. In einer frühern Periode war ich so eifrig auf dergleichen versessen, daß ich, als Herzlein (ein Goldschmied, der seine Geliebte aus Eifersucht erschossen hatte) geköpft werden sollte, auf einen großen sentimentalen Glasermeister schimpfte, der im Gedränge vor mir stand, und mich durch seine Bewegungen beinahe daran verhindert hätte, die Hinrichtung zu sehen. Aber ich sah sie; und als der Unglückliche im letzten Augenblicke verzweifelt sein Auge gen Himmel aufschlug, ehe er sich auf den Block legte, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Als ich nach Hause ging, fühlte ich mich so matt und abgestumpft, als ob ich all' meine Seelenkräfte verloren hätte, und als ein so vergängliches Nichts, wie das dürre Gras, auf das ich trat. Am Abend, als ich mich in der Sommerdämmerung im Dunkeln auskleidete und das Auge zufällig in den Spiegel fiel, erbebte ich vor mir selbst in den bloßen Hemdärmeln. Es war mir, als ob ich mich auskleidete, um hingerichtet zu werden. Es vergingen mehrere Tage, ehe ich mich fassen konnte. Und doch sah ich andere Hinrichtungen. Einen Mordbrenner, der nach dem Köpfen verbrannt wurde, wollte ich auch sehen; dieses Mal aber ging ich fort, ehe er kam, als ich den Scheiterhaufen erblickt hatte. Dagegen sah ich einen Seecapitain, den der Pöbel Capitain „Rührei“ nannte, weil er in diesem Gericht seinen Schwiegervater vergiftet hatte; zugleich miteinem andern Mörder, einem Matrosen, hinrichten. Man erzählt, daß, als sie zum Tode gingen und Abschied von einander nahmen, der Matrose mit einem frommen Gefühle sagte: „Lebewohl! Wir sehen uns droben bald wieder!“ worauf Capitain Rührei kalt antwortete: „Hm! das ist nicht so gewiß!“ — Ich glaubte, ich würde ein häßliches, finsteres Haupt auf der Stange sehen; aber es war ein hübsches Gesicht, fast wie das eines Mädchens, mit blondem, lockigem Haar.
Todesstrafe.
Man hat soviel für und gegen die Todesstrafe geschrieben. Mir scheint, daß die Nothwehr und die Selbstvertheidigung der menschlichen Gesellschaft sie unentbehrlich machen. Raubmorde würden freilich vermindert werden, wenn der Räuber bei dem einfachen Raube nicht mehr sein eigenes Leben wagte; aber der Rache- und Feindesmord würde vermehrt werden, wenn der Brutale und Böse wüßte, daß er durch den Mord des Verhaßten sich nur einer Gefangenschaft aussetzt, aus der eine gewandte Flucht ihn befreien kann. An die beständige Besserung des in Grund und Boden Verderbten zu denken, ist eine fromme Illusion. Der Verbrecher wird mit einem so guten Gefühle und so vortrefflichen Grundsätzen, wie ein frommer Geistlicher sie ihm geben kann, in das andere Leben hinübergeführt. Er wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen, deren Mitglied zu sein, er nicht mehr würdig ist! Aber wir glauben ja an ein ewiges Leben! Nur wer an der Unsterblichkeit zweifelt, findet die Todesstrafe in jedem Falle grausam und unmenschlich. Freilich kommt es dabei weit mehr auf die Beweggründe, als auf die Handlung selbst an, und deßhalb müssen edle, weise Richter hierbei prüfen und entscheiden.
Daß die Anwendung der Todesstrafe wegen Mordthat in Italien von außerordentlicher Wirkung war, so lange Napoleon's Gesetze galten, wissen Alle, welche Gelegenheit hatten, den Zustand im Lande damals und später kennen zu lernen. Ein Italiener versicherte mir, daß in seiner Jugend eine große Menge junger Leute in dieser Gegend Morde begangen und sogar damit geprahlthätten. Nach Napoleon's Zeit wimmelte es wieder von Räubern und Mördern auf den italienischen Landstraßen. Der abscheuliche Menschenfang kam auf, und wenn sich die Fortgeführten nicht durch großes Lösegeld freikauften, so wurden sie gemordet, ja zuweilen erst gepeinigt. Damals, als ich reiste, wurden alle Räuber ohne Barmherzigkeit gleich hingerichtet und die Folge davon war, daß die Wege bald viel sicherer und die Reisenden viel seltener geplündert wurden. Indessen war es doch noch nicht vorbei. Einige Tage darauf, als wir von Mailand nach Lodi reisten, begegneten wir achtzehn gefangenen Räubern in Ketten, und als wir den Führer fragten, welches Schicksal ihrer harre, machte er mit dem Finger ein Zeichen um den Hals.
Die Dorfwirthshäuser.
Diese Gegenden sind gefährlich, obgleich weder Felsen noch Höhlen da sind; aber man fährt mehrere Meilen weit durch öde Gegenden mit dichten Weidenhecken an beiden Seiten. In dieser Einsamkeit können die Reisenden leicht überfallen werden; die Räuber verbergen sich gleich in den Hecken und die wenigen Bauern, welche hier und da wohnen, wagen es nicht, den Räubern hinderlich zu sein, stehen wohl auch oft mit ihnen im Bündniß.
Jetzt wurden wir in vielen Wirthshäusern vollständig von der schlechten Lebensweise des italienischen Landvolkes überzeugt, von der wir soviel gehört hatten, an die ich aber nicht recht glauben wollte. Konnten sie auch nicht Steine in Brot verwandeln, so verwandelten sie doch wenigstens Brot in Stein. Ein Wirthshaus führte in seinem Schilde eine Katze, die eine Maus zwischen den Krallen hielt. Sehr einladend! Und hätten wir uns daselbst mit Mäusen begnügen wollen, so hätte es uns auch nicht an Wild gefehlt.
In besseren Wirthshäusern mußten wir Freitag und Sonnabend fasten, doch wurden größtentheils Fleischspeisen auf einem besondern Tisch für die Ketzer und für Diejenigen angerichtet, welche Dispensation erhalten hatten. Es wurde dann gefragt:ob manmagroodergrassospeisen wollte. InSan Dominoverführte ich eine junge Römerin, die sehr hungrig war, an einem Freitage Fleisch zu essen; aber meine Sünde wurde auch in der nächsten Nacht auf folgende Weise bestraft.
Bestrafte Ketzerei.
Wie ich im besten Schlummer lag, klopfte es an meine Thür, und der Hausknecht trat mit einer Laterne herein, um die Hiobspost zu verkünden, daß ich aufstehen müsse, der Kutscher wolle weiter fahren. Ich sprang aus dem Bett, und fing an, mich anzukleiden; aber als ich nach der Uhr sah, war es erst 3, und ich wußte, daß wir erst um 5 Uhr weiter sollten. Ich lief in den Hof hinunter, in der Hoffnung, daß ich wenigstens die Fuhrmannsscene aus Shakespeare's Heinrich IV. aufgeführt sehen würde. Aber da war kein Mensch. Endlich entdeckte ich den Irrwisch. — Er sagte ganz ruhig, daß wahrscheinlich eine andere Herrschaft fort müsse und ging seiner Wege. — Ich legte mich von Neuem zur Ruh; aber kaum war ich eingeschlafen, als der unruhige Kobold wieder vor meinem Bette stand. „Nun sei es richtig,“ meinte er. Ich sprang wieder auf, sah nach der Uhr und diese zeigte auf 4. Als ich sie ans Ohr gehalten und mich überzeugt hatte, daß sie richtig ging, fing ich an, den Kerl zu schelten, der so unrichtig ging; nahm mich aber doch in Acht, ihn beim rechten Namen zu nennen. Ich legte die Uhr wieder unter mein Kopfkissen und schwor darauf, daß ich nun nicht vor 5 Uhr aufstehen würde. Das Gespenst ließ sich nicht wieder sehen, und hätte ich nicht selbst aufgepaßt, so wäre der Wagen wahrscheinlich ohne mich fortgefahren. Ich nahm mir diese Warnungad notamund habe es seitdem nie wieder versucht, Katholiken zur Ketzerei zu verführen.
Parma. — Correggio's Frescomalereien.
In Parma sah ich in San Giuseppe und San Giovanni Correggio's Frescomalereien. Während ich nach der herrlichen Wölbung, mit der Brille auf der Nase, hinaufblickte, füllte sich die Kirche nach und nach mit Andächtigen, welche rund um mich herniederknieten.Ich wollte kein Aufsehen erregen, und mochte auch nicht mit ihnen knieen, weil das affectirt ausgesehen haben würde; ich ging nun in einen Winkel, wo mich Keiner bemerkte, und da betete ich auch auf meine Weise. Ich finde dieses Gebet in meinem Tagebuche mit einigen Bemerkungen über Kunst niedergeschrieben, die hier unrecht angebracht sein würden. Das Gebet in San Giovanni war ungefähr folgendes: „Guter Gott! bewahre mein Herz offen und rein, daß es Deine Größe, Güte und Schönheit in Natur und Menschenwerken zu erkennen vermöge. Beschütze mein Vaterland, meinen König, meine Geliebte, meine Freunde! Laß mich nicht im fremden Lande sterben; sondern glücklich in meine Heimath zurückkehren. Gieb mir Munterkeit und Muth, meine Bahn auf Deiner schönen Erde zu wandeln, ohne krankhaft und bitter meine Feinde zu hassen, ohne mich sclavisch und feig den Vorurtheilen der Welt zu unterwerfen. Schenke mir stets Dichterkraft! Du hast meinen Geist für die Kunst geschaffen, und dies ist das stärkste Sehrohr, durch das ich Deine Herrlichkeit schauen kann. Laß mich nach meinem Tode in meinen Werken leben, gleich diesem guten Correggio, so daß, wenn ich Staub bin, noch manche jugendliche Brust durch meine Gesänge begeistert werden könne!“
So ungefähr betete ich unter Correggio's Kuppel; und damals entstand wieder der Gedanke klar in meiner Seele, ein Schauspiel über ihn zu schreiben. Die Idee dazu war mir bereits in Paris gekommen; und später inModena, als ich das kleine Frescogemälde über dem Kamin in dem Palast des Herzogs sah, welches Correggio gemalt haben soll, als er erst siebenzehn Jahr alt war, wurde der Entschluß gefaßt.
Ein Engel bietet auf diesem Bilde dem kleinen Jesus Kirschen in einer Schale dar; auf dem Schooße seiner Mutter ißt er davon. Die Schönheit, Liebenswürdigkeit und Unschuld, besonders in den Gesichtern des Engels und der Maria, können nicht herrlicher ausgedrückt sein. Noch sieht man auf dem Bilde Joseph und einen andern Mann. Joseph hält ein Spielzeug inder Hand, eine Stadt (vermuthlich Jerusalem), ähnlich den jetzigen nürnberger Spielsachen. Zwei Kaninchen spielen zu den Füßen des Engels. Junges Myrthenlaub wächst im Hintergrunde. Kann man sich etwas Anmuthigeres, Naiveres denken? — Man hat eine Legende von Jesus, wie er als Kind kleine Vögel aus Ton machte, die zu fliegen begannen, als er vor Freude über sie in die Hände klatschte. Das Gemälde hier ist ganz in demselben Geiste, und hätte Correggio auch nichts Anderes der Art gemalt, so wäre das schon genug, um seinem Verhältnisse zuWeib und Kindin meinem Trauerspiele historische Wahrheit zu geben.
Bologna.
InBolognahaben die Häuser ebenso wie in Bern Bogengänge längs der Straßen, nur viel schöner. — Ich sah hier das alte französische Lustspiel,Advocat Patelin, von französischen Schauspielern sehr gut aufführen. — Die herrlichen Kirchen erhoben und freuten mich durch ihre großartigen Verhältnisse und ihren schönen bunten Marmor. Neptun, vonGiovanni, steht auf dem Markt mit dem Fuße auf einem Delphin, mit seinerQuos ego-Miene und dem mächtigen Dreizack in der Hand. Ueppige Najaden sitzen zu seinen Füßen und drücken mit hübschen Händen das Wasser aus der vollen Brust. Knaben spielen mit Delphinen, überall sprudelt das Wasser reichlich.
Kunstwerke, Naturschönheiten.
In der Kirche St. Petronio stellte ich meine Uhr nach einer seltsamen Sonnenuhr. Durch ein Loch in dem Kirchengewölbe fällt der Lichtstrahl, gerade wenn die Uhr zwölf schlägt, auf ein Marmorkreuz auf dem Fußboden der Kirche, genau in die Mitte des Kreuzes. Ich sah in Bologna die anatomischen Wachsfiguren. Obgleich diese wohl für einen Anatomenex professobei Weitem nicht so nützlich sind, als der wirkliche Menschenkörper, so eignen sie sich doch sehr, einem gebildeten Menschen,der nicht Anatomie studirt hat, Kenntniß von seinem eigenen Körper zu verschaffen. Das Widerliche verschwindet ganz, indem man Fett, Fleisch und Knochen hübsch gefärbt und im reinen Wachse sieht. Man bewundert das Kunstwerk des Schöpfers, ohne von dem Gedanken an die eigne Vernichtung niedergebeugt zu werden. Doch können selbst wirkliche Theile des menschlichen Körpers durch die Reinlichkeit des Präparats und eine hinzugesetzte hübsche Farbe das Unangenehme verlieren. So sah ich einmal bei einem Arzte gut zubereitete Menschenknochen, in Kalk ausgekocht, die wie die schönste Drechslerarbeit aussahen, und ich wurde recht anBenvenuto Cellinierinnert, welcher will, daß Kinder die Zeichnenkunst damit beginnen sollen, daß sie das schöne Menschengerippe, wie er's nennt, nachbilden. Ja wahrlich! Nur die Todesfurcht, der Gedanke an unsere eigne Auflösung macht uns den zergliederten menschlichen Körper zuwider; sonst würden wir hierin mehr als in einem andern Gegenstande die Weisheit des Schöpfers bewundern. — Ich sah in Bologna viele Gemälde und ein herrliches Kunstwerk in Silber vonBenvenuto Cellini, die Abnahme Christi vom Kreuze.
Wenn man über die Alpen kommt, fühlt man sich geneigt, dieApenninenmit Remusaugen zu betrachten, als ob sie nur eine Romulusmauer wären; doch war es in diesen Bergen kälter als ich geglaubt hatte; und als wir höher hinaufkamen und der Berg uns seine nackte Stirn zeigte, bekamen wir Ehrfurcht vor ihm.
In dem schattigen Felsenrisse schlummerte noch eine nordische blonde Riesin; das Gebüsch verbarg nur halb ihren weißen Schneekörper. Sie war gleich einem Zugvogel von Thule nach Italien geflogen und hatte sich hier verspätet. Wir sahen ihr Schicksal voraus. Bald würde Phöbus Apollo sie mit seinem brennenden Pfeile treffen und ihr klares durchsichtiges Blut würde in den Arnostrom dahinfließen. Wild und übermüthig haben die Cyclopen in ihren Freistunden hier mit den Felsen Kegel gespielt. Vulkan muß sie plötzlich wieder zur Arbeitzurückgerufen haben; denn Kegel und Kugel liegen in größter Unordnung neben einander. Ich glaube, daß es hier noch zuweilen spukt; man versicherte mir, daß ein kleiner Kobold noch zuweilen seine rothe Flammenzunge, wenn es regne, aus dem Schooße der Erde stecke, um seinen Durst zu löschen.
Florenz: Kunstwerke.Die Statuen von Caligula und Nero.
InFlorenzhielt ich mich 14 Tage auf und hatte also Gelegenheit, die Merkwürdigkeiten dieser schönen Stadt zu sehen, besonders da ich ohne Gesellschaft war und mich vom Morgen bis Abend damit beschäftigte, Alles von Wichtigkeit kennen zu lernen. Freilich regnete es mehrere Tage stark, dies verhinderte mich aber nicht daran, nachBruneleschi'sgroßer Domkirche zu gehen und das Basrelief auf den erzenen Thüren desBattisteriozu betrachten. In meiner Romanze, dieRosenbäume, habe ich eine alte Legende mit meinen Erinnerungen an die alte Domkirche vereinigt. Da ich Niemand in Florenz kannte, kurz vorher Benvenuto Cellini's Leben, und vor nicht langer Zeit Boccaccio's Novellen gelesen hatte, so lebte ich hier wie im 5. oder 6. Jahrhundert. Ich ging an jedem Tage an dem Palazzo vecchio vorüber, besuchte die Logen, wo Benvenuto's Perseus steht; ebenso Cosimo de Medicis Statue von Giovanni Bologna; und nichts konnte mich aus dem Traume erwecken. Alles deutete auf die alte Zeit hin. — Ich besuchte die Mönche im Kloster und sah sie in ihrem Laboratorium Heilmittel zubereiten; ich hörte Musik in den Kirchen. Zuweilen begegnete ich einem Leichenzuge mit dem Todten auf offener Bahre; die Priester gingen mit angezündeten Lichtern und die Straßenjungen mit kleinen Düten nebenher, indem sie das herabtröpfelnde Wachs auffingen. Ich sah Michel Angelo's David vor dem Palaste und in den Galerien die langen Büstenreihen der Mediceer, so wie die Büsten der römischen Kaiser, wo Nero's fettes, gemeines Gesicht, und Caligula's unverschämter, spitznasiger Wolfskopf mir so ähnlich schienen, daß sie mich zu einem sonderbarenEinfall verführten. Ich sah mich erst um und als ich mich allein fand, spuckte ich ihnen beiden ins Gesicht. Ich ging oft in dem schönen Hain außerhalb der Stadt spazieren, wo ein Denkmal des Narciß an der Quelle errichtet ist, und hörte die Nachtigall schlagen, was mich sehr erfreute; es war die erste die ich hörte, seitdem ich den Friedrichsberger Garten verlassen hatte. — An dem Sonnabend zwischen Charfreitag und dem Ostertage sah ich den Aufzug mit dem Feuerwagen vor der Domkirche, den ich später in meiner Novelledie Glücksritterbenutzt habe. — Das Einzige, was mich aus der alten in die neue Zeit versetzte, war die moderne Opernmusik; denn die Gegenstände selbst:Gerusaleme distruttaundJudithhätten es nicht gethan. Mit meinem Wirth in Aquila nera hatte ich ein Abenteuer, das sich eben so gut in der alten wie in der neuen Zeit hätte zutragen können; denn er betrog mich um Geld.
Man hatte mir sein Haus als das vorzüglichste gelobt, obgleich ich hörte, daß das vonSchneiderviel besser sei. Der Wirth in Aquila nera kam mir sehr galant, aber auch vornehm entgegen, und erzählte von allen Dänen, die bei ihm gewohnt hatten, besonders von der Dichterin FrauBrunund dem Minister BaronSchubart, der einmal die von Livorno nach Hause reisenden dänischen Matrosen bewirthet hatte, die während der Mahlzeit Hurrah riefen, daß es eine Lust war.
Ein Gaunerstreich.
In den ersten paar Tagen war ich recht zufrieden in Aquila nera. Am dritten Morgen, während ich noch halbwach im Bette lag, hörte ich den Wirth, gleich Jakob von Tyboe auf dem Gange lärmen; er trat sehr geschäftig bei mir ein und bat mich, ihm rasch 5 Louisd'or zu geben; er solle gerade in diesem Augenblicke etwas Gold auszahlen und die Juden hätten wegen des Sabbaths ihre Boutiquen geschlossen. — Ich betrachtete es als eine große Ehre, holte meine kleine Börse und hätte ihm gern mehr gegeben. Solch' ein Mann! der über 30 Jahre der vornehmste Gastwirth in Florenz gewesen war! — Aber erwollte nur 5 Louisd'or haben, das lohne ihm Gott! Sonst wäre ich nicht nach Rom gekommen.
Den Tag darauf wurde das Essen schlechter; ich äußerte mein Mißvergnügen darüber und sagte dem Aufwärter, daß ich mich bei seinem Herrn beklagen werde. „Ah!“ entgegnete dieser und machte mit dem Daumen eine jener ausdrucksvollen Bewegungen, deren die Italiener so viele haben, „il padrono va via!“ — Und nun hörte ich, daß der Mann gerade Bankerott gemacht habe und ein Anderer ihn ablösen solle. — Dieser Andere fing eine neue Rechnung mit mir an und von meinen 5 Louisd'or bekam ich nichts zurück. Freilich begegnete ich einmal dem früheren Wirthe auf der Treppe und erinnerte ihn; aber in seinem vorigen vornehmen Ton sagte er, ohne sich verblüffen zu lassen: „Ach mein Herr! ich habe Sie nicht vergessen; aber ich habe hier viel Geschäfte; das Haus ist groß; die Reihe wird auch an Sie kommen!“ Darauf hatte ich nun keine Zeit zu warten und reiste um 5 Louisd'or leichter ab.
Das Wetter war in der letzten Zeit immer noch schlecht. Um drei Uhr des Morgens fuhr ich am 6. April von Florenz fort. Mein alter französischer Kaufmann, den ich 14 Tage lang nicht gesehen hatte, saß wieder im Wagen und schimpfte auf das italienische Wetter. In einem Hohlwege, ziemlich fern von allen menschlichen Wohnungen, stürzte das eine Maulthier; glücklicherweise kam es wieder auf die Beine. Wir hätten hier wirklich singen können: „Das Maulthier sucht in Nebeln seinen Weg;“ aber wir waren gar nicht aufgelegt zu singen und das hätte uns auch nicht getröstet.
InSienasah ich die schöne alte Kirche. Unser Kutscher war ein Grobian und ein verrückter Kerl; aber ich nannte ihn doch nicht Schlingel. Außerhalb der Stadt lag ein großer Stein, über den er bald unsern Wagen umgeworfen hätte. Blaß wie eine Leiche im Gesicht und mit funkelnden Augen fing er nunan mit entsetzlichen Flüchen nicht allein alle Einwohner der Stadt, sondern auch ihre Großeltern und Urväter in die tiefste Hölle zu verwünschen.
Der Lago di Bolsena. Schneefall.
Endlich kamen wir nach demLago di Bolsena, wo die Menschen alle gelb wie Leder im Gesicht sind, dicke wassersüchtige Wänste tragen, und gezwungen gewesen waren, der schlechten Luft wegen ihre Stadt San Laurento niederzureißen und eine andere weiter oben zu bauen, um nicht vollständig zu crepiren. — Wir fuhren an vielen natürlichen Höhlen vorüber, die mich an Polyphem, Ulysses und Circe, Aeneas und Dido, David und Saul erinnerten. Der beständige Regen verwandelte sich zuletzt in einen Schnee, der fingerdick auf Erde und Bäume fiel. Ich glaubte nun wirklich, daß der Weg nach Tobolsk hinführt und konnte gar nicht fassen, daß wir zwischen Florenz und Rom seien. Aber mein alter Franzose wurde immer froher und froher, weil er nun mit Recht auf Italien schimpfen konnte. Auf unserer ersten Reise in den schönen Tagen, wo Alles lächelte und blühte, war er ganz ärgerlich und verstimmt; er hatte sich damals an nichts Anderes, als an die schlechte Bewirthung und an die großen Ochsenhörner halten können; nun dagegen konnte er aus Herzenslust über „le beau sol d'Italie“ spotten, und dies erleichterte und tröstete ihn unendlich.
InMontefiasconewurde wiedermagrogegessen. Wir fragten, ob wir denn gar nicht etwasgrassoerhalten könnten? Ein junger Römer, der in der Küche stand und sehr eifrig Eier aß, sagte: „Wir sind hier in einem christlichen Lande, in einem christlichen Lande ißt man am Sonnabend kein Fleisch.“ Mein alter Franzose fragte ihn: „ob er denn glaube, daß wir Juden seien? er solle seine Eier essen und sich nicht um die Diät anderer Leute kümmern.“ Der Italiener sagte, er hättenurgeneralmentegesprochen. Ich antwortete: „er würde am besten thunspecialmentebescheiden zu sein undgeneralmenteandere Leute essen zu lassen, was sie wollten.“ Darauf ging er sehr höflich rasch seines Weges.