The Project Gutenberg eBook ofMeine Lebens-Erinnerungen - Band 2This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2Author: Adam OehlenschlägerRelease date: March 22, 2015 [eBook #48558]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La MonteH.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 2 ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2Author: Adam OehlenschlägerRelease date: March 22, 2015 [eBook #48558]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La MonteH.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)
Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2
Author: Adam Oehlenschläger
Author: Adam Oehlenschläger
Release date: March 22, 2015 [eBook #48558]Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La MonteH.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net (This book wasproduced from scanned images of public domain materialfrom the Google Print project.)
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Ein NachlaßvonAdam Oehlenschläger.Deutsche Originalausgabe.Zweiter Band.LeipzigVerlag von Carl B. Lorck.1850.
Fahrt nach Kiel.
Hamburg, den 12. August 1805.
Endlich, liebe Christiane! sitze ich nun im römischen Kaiser in der Stadt Hamburg, und ergreife die Feder, um rasch zu erzählen, was ich langsam ausgestanden habe. Montag vor acht Tagen bestieg ich das Packetboot, das mich ans feste Land bringen sollte. Wir mußten den ganzen Tag still liegen, da nur ungünstige Winde wehten. Meine Reisegesellschaft bestand aus einem jungen Kaufmanne aus Amsterdam, einem Officier aus Schlesien, einem alten Branntweinbrenner, einem jungen zukünftigen dito von 20 Jahren mit einem Gemüth von 70, und dem lustigen Sohne des lustigen Kanalinspektors Schjott, der nicht den Mund aufmachen konnte, ohne etwas Lustiges zu sagen. Die französischen Schauspieler Theodor und Caleis und Theodor's kleiner, wilder, verzogener, zwölfjähriger Sohn, der schwedisch reden konnte, und kleine Figuren aus Papier mit Geschmack und Fertigkeit ausschnitt, deren er mir eine zum Souvenir gab, waren auch dabei. Außerdem war noch ein fader Hamburger Commis da, ein Engländer, ein Pole und eine kranke verdrießliche Madame. Da hast Du die Bewohner der Cajüte. Außerdem war das Deck voll von jüdischen und christlichen Landstreichern; im Ganzen mochten wir Summa Summarum etwa 70 Seelen sein. Den nächsten Tag hatten wir auch keinen Wind, sondern mußten langsam kreuzen. Nun zeigte sich bereits Mangel an Proviant und der Schiffer mußte die Nothflagge aufziehen, worauf zwei Boote von Kastrup auf Amager kamen, die einen Theil unserer Passagiere ans Land brachten. DieKähne hatten volle Ladung und ein großer Theil der Passagiere nicht minder. — Erst Sonnabend Vormittag erreichten wir Kiel, nachdem wir 5½ Tage unterwegs gewesen waren. Das Wetter war schön; der Mond schien in der stillen Sommernacht über die große Wasserfläche dahin, während ich auf dem Verdecke mit den Franzosen Lieder sang. Am Tage unterhielten wir uns, spielten Karten und dann las ich in Peder Paars. In Kiel verabredete ich mit meiner Reisegesellschaft, eine Tour nach dem neugegrabenen Kanal zu machen. Aber ich verspätete mich; die Andern waren fort, als ich kam. Ich ließ mich nach Dorfgarten übersetzen, wo ich Thee trank und Herrn German traf, der mit den beiden jungen Grafen Ahlefeld, welche mir sehr freundlich alle Spaziergänge der Stadt zeigten, die Universität bezogen hatte. Von meinem kleinen Theodor nahm ich in Kiel Abschied und schenkte ihm eine kleine Brieftasche zum Souvenir. Nun reiste ich durch den schönen Theil von Holstein und kam an ein hübsches Städtchen. Als ich den Wirth nach dem Namen fragte, sagte er: „Unser Fleckchen wird Preetz genannt,“ also der Geburtsort der lieben Tante Drewsen, eben so freundlich und lieb, wie sie selbst ist. Sonntag Vormittag kamen wir nach Lübeck, frühstückten etwas und reisten gleich weiter, um noch vor Abend in Hamburg zu sein.
Brief aus Halle.
Halle, den 17. September 1805.
Beste Christiane!
Der Augenblick ist gekommen, wo ich Dir mittheilen muß, was ich bisher verschweigen zu müssen glaubte. Wozu ein langes Präludium zwischen uns, die wir uns kennen und verstehen? Gutes Mädchen! bei aller Liebe und allem Eifer für meine Kunst hat mein Herz doch niemals vergessen, was es Dir schuldet. Den Dichter aufzugeben, um Ehemann zu werden — keiner von uns wollte, daß ich das thäte; Beides zu vereinen betrachteten sowohl Freunde wie Feinde als einen schönen Traum, aber zuweilen steckt doch Etwas in den Träumen. Ich weißnun mit Bestimmtheit, daß die Regierung Etwas für mich, als Dichter, thun will. Ich hatte meine poetischen Schriften dem Kronprinzen dedicirt, hatte einen vortheilhaften Eindruck auf Schimmelmann gemacht; nun mußte das Eisen geschmiedet werden, so lange es warm war. Aber was war zu thun? um eine Stelle anzuhalten? welche? Ich wollte ja unterstützt, als Dichter belohnt sein, und dieses konnte nur aufeineArt geschehen, indem ich um ein Reisestipendium nachsuchte. Das that ich denn auch; aber beim Abschiede konnte ich es Dir nicht sagen, weil ich fürchtete, es würde einen zu heftigen Eindruck auf Dich machen. Dazu kam, daß ich ja nicht wußte, ob meine Bitte erfüllt werden würde. Geschah es nicht, wozu Dir dann einen doppelten Kummer bereiten; erst durch den Abschied, dann wegen eines verunglückten Plans? Alle unsere Freunde und Freundinnen wußten es, nur Du nicht, nun weißt Du es. Vor einigen Tagen erhielt ich folgenden Brief von der Direction des Fondsad usus publicos:
„Se. Königl. Hoheit der Kronprinz, dessen Aufmerksamkeit Nichts von einiger Bedeutung entgeht, das in einer oder der andern Beziehung zur Ehre und zum Ruhme des Vaterlandes und seiner Literatur beiträgt, hat sich durch das Schreiben, mit welchem Sie Höchstdemselben ein Exemplar der Gedichte zustellten, mit denen Sie vor Kurzem unsere poetische Literatur bereichert haben, veranlaßt gefunden, der Direction aufzutragen, sie möge Sie auffordern, daß Sie ihr eine bestimmtere Angabe der Reise einsenden, die Sie nach fremden Ländern zu unternehmen wünschen. Eine solche Reise ist für das wahre poetische Genie, welches das wichtige Studium des Menschen, der Natur und der schönen Kunst nicht aus den Augen verliert, von nicht geringerer Bedeutung als für den Gelehrten im Allgemeinen, und man darf hoffen, daß Herr Oehlenschläger daraus wahren Vortheil für die Literatur des Vaterlandes zu schöpfen wissen wird.Schimmelmann.Reventlow.“
„Se. Königl. Hoheit der Kronprinz, dessen Aufmerksamkeit Nichts von einiger Bedeutung entgeht, das in einer oder der andern Beziehung zur Ehre und zum Ruhme des Vaterlandes und seiner Literatur beiträgt, hat sich durch das Schreiben, mit welchem Sie Höchstdemselben ein Exemplar der Gedichte zustellten, mit denen Sie vor Kurzem unsere poetische Literatur bereichert haben, veranlaßt gefunden, der Direction aufzutragen, sie möge Sie auffordern, daß Sie ihr eine bestimmtere Angabe der Reise einsenden, die Sie nach fremden Ländern zu unternehmen wünschen. Eine solche Reise ist für das wahre poetische Genie, welches das wichtige Studium des Menschen, der Natur und der schönen Kunst nicht aus den Augen verliert, von nicht geringerer Bedeutung als für den Gelehrten im Allgemeinen, und man darf hoffen, daß Herr Oehlenschläger daraus wahren Vortheil für die Literatur des Vaterlandes zu schöpfen wissen wird.
Schimmelmann.Reventlow.“
Ich kenne Deine uneigennützige und reine Liebe, meine gute Christiane, so genau, daß ich überzeugt bin, dieser Brief wird Dich freuen, obgleich der Gedanke an eine längere Abwesenheit Deinen Augen Thränen entlocken wird.
Springforbi[1], den 13. September 1805.
Vor Allem, was ich Dir zu sagen habe, liegt mir Nichts so sehr auf dem Herzen, als Dir zu versichern, wie unendlich lieb mir die Nachricht war: „Oehlenschläger hat ein Reisestipendium bekommen.“ Ehe ich weiter gehe, muß ich Dir recht innig für die Vorsicht danken, mit der Du die längere Reise vor mir geheim gehalten hast, bis ich den ersten Kummer überwunden hatte. Alle Deine Freunde haben Dir hierin auch treu beigestanden, außer ***, welcher fürchtet, daß Du Dir unterwegs den Hals brechen werdest, was, wie er meint, auf solchen Reisen leicht möglich ist. Du weißt, er liebt es oft, an verkehrte traurige Möglichkeiten zu denken. Die Ueberzeugung, daß Deine Reise Dir ebenso angenehm wie nützlich sein wird, und die Hoffnung, daß sie Deine Gesinnung gegen Deine Christiane nicht ändern werde, soll mich während Deiner Abwesenheit aufrecht erhalten und trösten. Gesegnet sei der Augenblick, wo Du Deinen Entschluß faßtest, gesegnet sei Jeder, der zu dessen Ausführung beitrug. — —
Braunschweig.
Deine Christiane.
Auf dem Wege von Hamburg nach Halle wohnte ich inBraunschweigeinigen Akten von Cherubini's herrlichem „Wasserträger“ bei, welcher daselbst französisch aufgeführt wurde. InHalberstadtsah ich zum ersten Mal in meinem Leben ein katholisches Kloster. Ein freundlicher Mönch führte mich umher und meine lebendige Theilnahme erfreute ihn. Das Interesse, welches die katholischen Kirchen durch die Werke der neuernSchule für mich bekommen hatten, fand hier reichlich Nahrung. Ich hatte mich bisher damit begnügen müssen, mich in dem Roeskilder Dome in eine längst verschwundene Zeit zu versetzen; hier lebte diese Zeit noch. Ich vergaß den Postwagen vollständig. Glücklicherweise hörte ich das Posthorn vor der Kirche schallen und mußte die kühlen Hallen verlassen, die hübschen Bilder und den freundlichen Mönch, um wieder in der heißen Sonnengluth auf der staubigen Landstraße dahinzufahren.
Ein Universalgenie.
Ein Reisegefährte in der Diligence amüsirte mich. Seiner eigenen Versicherung nach hatte der tausend Vollkommenheiten. Er war Officier gewesen, hatte Reisen nach Smyrna und Sibirien gemacht; er war Poet, und hatte Göthe, Schiller und Wieland zu Lehrmeistern gehabt. Göthe hatte seine Romanze in Wilhelm Meister „der Sänger“ gedichtet, als er ihn einmal auf der Mandoline spielen gehört hatte. Er war auch Philosoph und lieferte Recensionen in mehrere Journale. Aber sein eigentliches Fach war die Philologie, doch componirte er auch. Jetzt war er im Begriff seine Familie zu besuchen, die er seit vielen Jahren nicht gesehen hatte. Dies Letztere schien wahr zu sein; und je näher er seinem Geburtsorte kam, destomehr verdrängten Wahrheit und natürliches Gefühl alle eingebildeten Vollkommenheiten. Als er endlich zur Stadt hineinfuhr, war er ein ganz bescheidener, gemüthlicher Mensch. Ich reiste nachQuedlinburgmit einer ganzen Familie, Vater, Mutter und einigen reizenden Kindern. Ich glaube der Mann war Postmeister dort in der Stadt. Keins der Kinder war noch bisher da gewesen, wo sie nun ihre Wohnung aufschlagen sollten. Sie hatten vor Kurzem den Heerd verlassen, wo sie geboren waren und die ersten Tage der Kindheit verlebt hatten. Wo aber eine glückliche Familie auf Zufriedenheit und ein hinlängliches Auskommen innerhalb ihrer vier Wände hoffen darf, da fühlt sie sich bald zu Hause. Es schien, als ob der Vater bei dieser Beförderung sehr gewonnen habe, und Alle waren munter und zufrieden. Es war ein schöner Abend. „SiehVater,“ rief der kleine Junge, als wir uns der Stadt näherten, „das sind die Thürme von Quedlinburg!“ Für mich, der ich die häuslichen Freuden liebe, der ich wie ein armer Vogel mein Nest verlassen hatte und auf fremdem Zweige saß, war es natürlich sehr angenehm, ein liebliches Stilllebenidyll auf dem Postwagen mitten auf der staubigen Landstraße zu finden. Es wird es mir also Keiner verdenken, daß ich in Quedlinburg, mit der Freude Anderer beschäftigt, nicht nur meinen eigenen Kummer, sondern auch meinen eigenen Koffer vergaß; welchen Verlust ich erst am nächsten Sonntag Morgen in Halle entdeckte.
Giebichenstein.Stillleben bei Reichardt's.
Ein alter Diener sagte mir, daß Steffens und seine Frau in Giebichenstein bei Reichardts seien, und daß man mich daselbst erwarte. Ich schrieb gleich einen Brief nach Quedlinburg, um meinen Koffer wiederzuerhalten. Der Diener lieh mir ein reines Halstuch, und so mußte ich in den Reisekleidern, in denen ich Tag und Nacht im Postwagen gesessen hatte, meinen Einzug bei Reichardts halten.
Sie empfingen mich Alle sehr freundlich. Nach Giebichenstein, das von Halle ungefähr so weit liegt, wie Friedrichsberg von Kopenhagen, kamen Steffens und seine Frau an jedem Sonntage. MitSchleiermachermachte ich hier auch Bekanntschaft. Reichardt selbst war etwas kalt und zurückhaltend, aber sehr höflich; seine Töchter kamen mir ebenso wie Hanne mit schwesterlicher Freundschaft entgegen. Frau Reichardt war still und sanft; sie schien sehr hübsch in ihrer Jugend gewesen zu sein. Ich fühlte mich in dem schönen Giebichenstein bald heimisch, wo Reichardt mit Geschmack einen hübschen Garten angelegt und ein nettes Gartenhaus gebaut hatte. Hier gab ich bald den Mädchen Gelegenheit mich auszulachen. Denn mitten in der besten Unterhaltung schlug ich mit der Hand nach Etwas: „Was ist das,“ fragte die Eine. „Ach —“ antwortete ich, — das ist eineGemse, die mich stechen will.“ — Ich wollte sagen: „Bremse!“ — Später neckten sie mich oft damit, indem sie sagten: „Oehlenschläger! wehren Sie sich, da ist wieder eineGemse!“ Ich sprach noch sehr schlecht deutsch; sagte oft zu den Damen: „will Sie“ statt: „wollen Sie“, und machte Peer's Worte in Jakob von Tyboe wahr, daß der Teufel in demDer, Die, Dasstecke; das konnte man fast in vierzehn Tagen nicht lernen. Reichardt führte mich selbst in seinem großen Garten umher; er hatte seinen Kutscher und seinen Diener aus dem Waldhorn blasen lehren lassen und Abends bliesen sie oft im Gebüsch einige seiner Compositionen. Besonders gefiel mir die schöne einfache Melodie zu Göthe's: „Im Felde schleich ich still und wild.“ Oft musicirte der Vater am Pianoforte mit seinen Töchtern. Dann wurden mehrere Gesänge von Göthe mit Reichardt's Compositionen, und alte italienische Kirchengesänge von Lenardo Leo gesungen. Louise, die älteste Tochter, war wehmüthig und schwärmerisch; ihr Bräutigam, ein talentvoller, junger Maler, war in Rom gestorben; Alles was sie noch von ihm besaß, war eine kleine Copie von Raphael's Transfiguration; diese hing über dem Pianoforte, und sie ließ oft ihre großen braunen Augen (das einzige Schöne, das ihr neben einer schönen Gestalt die Pocken gelassen hatten) darauf ruhen, wenn sie mit schöner Stimme die alten katholischen Messen sang. Ihre Schwester Friederike, ein Mädchen mit Rosenwangen, blonden Haaren und blauen Augen, wurde während ich da war, mit Karl von Raumer, dem Bruder des Historikers, verlobt, und dieser kenntnißreiche, feurige Jüngling wurde bald mein Freund. Sophie war noch immer ein kleines, schelmisches Kind und der kleine vierjährige Fritz, der auf seinem Steckenpferd nach Lauchstädt ritt, war eigentlich der freundliche Hausgeist des Ortes.
Nach Lauchstädt fuhr ich ein paar Tage nach meiner Ankunft in Halle mit Steffens und hatte die Freude, zum ersten Male hier die Schauspieler von Weimar zu sehen. Ich merkte bald, daß Göthe's und Schillers Geister über ihnen schwebten. Sie spielten Picard's Parasit, von Schiller übersetzt, und der vortreffliche Becker gab diesen Character bis zur Vollkommenheit gut.
Erstes Zusammentreffen mit Göthe.
Wir besuchten an einem frühen Vormittage Göthe, der sich einige Tage in Lauchstädt aufhielt. Sein schönes, kräftiges Gesicht erfreute mich und flößte mir Ehrerbietung ein. Die braunen Augen erquickten mich, in denen ich zu gleicher Zeit Werther's Gefühl, Götz's gutherzige Kraft, Faust's Tiefsinn, Iphigenia's Seelenadel und Reinecke's Schalkhaftigkeit zu lesen glaubte. Er kannte Etwas von meinem Aladdin. Wilhelmine Wolf, eine Tochter des großen Philologen, hatte von dem nun verstorbenen Etatsrath Gjerlew, als er in Halle war, dänisch gelernt; sie hatte Göthe Noureddin's ersten Monolog übersetzt. „Wenn ich einen Dichter rasch kennen lernen will,“ sagte er zu mir, „so lese ich einen seiner Monologe, darin spricht sich sein Geist sogleich aus.“ Er lobte das Motiv des Noureddin, welchen Aladdin als einen Lotteriejungen gebrauchen will, der ihm mit verbundenen Augen das große Loos ziehen soll. Wie gern hätte ich länger mit diesem großen Manne gesprochen, aber die Höflichkeit gebot uns abzubrechen; er bat mich, ihn in Weimar zu besuchen.
Als wir zur Thür hinaustraten und wieder in der freien Luft standen, waren Steffens' und meine Gefühle sehr verschieden. Ich war entzückt, Göthe zum ersten Male gesehen zu haben, darüber, daß er mich als Dichter gelobt hatte; Steffens aber war entrüstet, daß er uns nicht zu Mittag eingeladen hatte, da wir doch nur seinetwegen nach Lauchstädt gekommen waren. Ich leugnete nicht, daß mir dies eine unendliche Freude bereitet haben würde; aber gerade weil sie so groß gewesen wäre, fand ich mich mit der Geduld in mein Schicksal, mit der wir Sterbliche uns allmälig daran gewöhnen, der irdischen Glückseligkeit zu entbehren. Aber Steffens schalt auf Göthe's Vornehmthuerei und Egoisterei. Ich leugnete nicht, daß trotz all' des Einnehmenden, das ich bei ihm gefunden hatte, etwas Stolzes, Abgemessenes und Kaltes da war — das nicht der Dichternatur anzugehören schien. Es versteht sich von selbst, daß das Gefühl der Gastfreundschaft etwas abgestumpft werden muß, wenn eingroßer Mann an einem Orte lebt, an dem er häufig von Fremden heimgesucht wird. Die Bequemlichkeit verlangt — und die Oekonomie gebietet oft Einschränkung, aber Steffens war ein ausgezeichneter Mann, Göthe hatte selbst den jungen Dichter gelobt, den er zum ersten Male sah, und der aus einem fremden und unbekannten Lande kam; — er brachte seinen Tag in Lauchstädt ganz allein zu, stand sich gut, und konnte wohl den einen Tag zwei geistig Verwandte speisen, die sich nur nach dem Mannabrote seines Mundes sehnten. Nun mußten wir uns mit einer kurzen Ministeraudienz begnügen und wieder gehen. Glücklicherweise hatte er mich gebeten, ihn in Weimar zu besuchen. Dieß tröstete mich, aber die Höflichkeit kam nicht Steffens zu gut. — Merkwürdig ist es übrigens als ein Zug in der Göthe'schen Characteristik, daß er mir einige Monate darauf, als ich das Glück hatte, ihn auf eine kurze Zeit zu gewinnen und ihm zu gefallen, gestand, er hätte uns damals gern eingeladen — und er wisse selbst nicht, warum er es nicht gethan habe; aber ich weiß es jetzt: es war eine ArtGeiz, nicht auf Geld, sondern auf Freundlichkeit; es war eine geistige Knauserei in der geheimen Furcht: daß zu Viel drauf gehen und daß ich zu Viel von — dem großen Göthe auf einmal bekommen würde.
„Jesus in der Natur.“
Während meines Aufenthaltes in Halle ging ich täglich an den Ufern der Saale entlang. Es ist eine wunderliche Natur in der Gegend; keine eigentlich steilen Berge, außer einigen jenseits des Flusses; aber der Boden selbst ist lauter Stein, so daß man auf einer Granitebene geht, während man sich auf hügelichem Felde zu befinden glaubt. Die alte Ruine jenseits des Flusses auf dem Berge versetzte mich in das Mittelalter zurück; man zeigte mir das Loch hoch oben auf der Mauer, von dem aus Ludwig der Springer mit außerordentlicher Kühnheit sein Leben gerettet haben soll. Auf diesen einsamen Wanderungen dachte ich oft mit Wehmuthan mein Vaterland und meine Freunde und schrieb meinHeimweh.
Meine „poetischen Schriften“ wurden ziemlich stark gelesen, obgleich ich von meinem Freunde H. C. Oersted, der es übernommen hatte mein Commissionär zu sein, hörte, daß sie nicht so stark gekauft wurden. Aladdin machte viel Glück; das allegorische Gedicht: „Jesus in der Natur“, brachte verschiedenartige Wirkungen auf die Gemüther hervor. Christiane schrieb mir:
Den 4. October 1805.
Karen Margrete (Rahbek) hat eine Einweihungsrede von Balle (damals Bischof in Seeland) in die Hände bekommen, in der sich ein achselzuckender Ausfall gegen Dich befindet. Ich will Dir die Stelle abschreiben:
„Aber man will wissen, daß die Geschichte Jesu zur Malerei über die verschiedenen Aenderungen der Natur bestimmt sei. Sie soll nur abbilden aber nicht erzählen: eine Goldgrube für Dichter, aber keine Quelle, um die Begriffe über wahre Religion aufzulösen. O Gott! welche Verwirrungen! Mit gleichem Rechte verwende ich jede andere Erzählung, sowohl aus den Begebenheiten des Alterthums, wie den Ereignissen der Gegenwart und all' unser Wissen verschwindet gleich dem Rauch und Dampf am sternlosen Lufthimmel.“
In einem: „Zuschauer“ mit einem Lobgedicht an Dich von Jens Müller, der, wie Du Dich entsinnen wirst, zugleich mit Dir eine Abhandlung über die nordische und griechische Mythologie schrieb, hat Rahbek in einer Note „einem der eifrigsten Freunde des Christenthums“ versichert, daß er den Dichter auf das Vollständigste mißdeute, wenn er glaube, daß dieser in der Geschichte Jesu nur eine Goldgrube für die Poesie finde, und daß es Dich tief schmerzen würde, Dich von einem Manne verkannt zu wissen, vor dessen Eifer für das Christenthum Du eine bis an Enthusiasmus grenzende Hochachtung habest.
In dem erwähnten Zuschauer hat Rahbek Beschuldigungenzurückgewiesen, die man ihm über das Schweigen machte, mit dem er vorher an Deinen Gedichten vorübergegangen ist; daß dies nämlich nicht für Gleichgültigkeit und Furcht, seine Meinung zu sagen oder dergleichen Aehnliches angesehen werden müsse. Er hat sich lange bei Aladdin, den er sehr hoch zu stellen scheint, aufgehalten, und viele Stellen abgedruckt; doch größtentheils um Deine Fertigkeit zu zeigen, mit der Du die Sprache nach Deinem Willen zwingst, und hat für ein anderes Mal mehr versprochen.
Hatte „Jesus in der Natur“ dem damaligen Bischof Seelands mißfallen, so fand er einen kräftigen Fürsprecher in dem zukünftigen Bischof J. P. Mynster. Dieser hatte mir versprochen, meine „poetischen Schriften“ zu recensiren; in einem Briefe von ihm, den 19. Juli 1805 schreibt er:
Habe Dank für Deine Gedichte, die mich sehr erfreuten. Daß Etwas darin nicht ganz nach meinem Sinne ist, wird Dich nicht wundern; wie mir aber sehr viel darin zusagt, wirst Du, so Gott will, erfahren, wenn ich darüber Etwas schreiben sollte. Das ist nicht so leicht und rasch gethan; denn die erste Begeisterung die ein Gedicht erweckt, ist nicht kritischer Natur, und es ist nicht so leicht zu sagen, warum das Gute gut ist. Besonders wird es mir schwer werden, gute und verständige Worte über das Gedicht „Jesus“ zu sagen, da ich hierzu nicht die Philosophie des Christenthums, ja kaum Fragmente derselben liefern kann. — Was Du über unsere Pflicht, nicht zu schweigen sagst, ist gerade dieselbe Stimme, die in meinem Innern spricht. Ich habe daher auch die Absicht, so Gott will, meinen Mund aufzuthun, und zwar auf verschiedene Arten, aber erst zu versuchen, welch' ein Echo meiner Stimme antworten wird; aber ganz vergebens soll es doch nicht sein; denn ich weiß, daß ich zu den Berufenen gehöre, und ich strebe Tag und Nacht unter Wachen und Gebet, auf daß ich auch einer der Auserwählten werde. Gott zum Gruß! — Aus dieser Recension wurde nunfreilich nichts. Mein edler Freund fühlte sich später mehr gestimmt, das, was er von meinen Werken, namentlich von „Jesus in der Natur“ hielt, in einem Gedicht auszusprechen, worin sein Geist sich von dem Dichter zu dem Himmlischen emporschwingt.
Guter Humor meiner Umgebungen.
An der Munterkeit und Ausgelassenheit, mit der ich im Gespräch und in den Briefen mit meinen Lieben gern den ernsten Ton unterbrach, nahmen sie auch oft Theil. Frau Rahbek hatte einen natürlichen Hang zu Dergleichen und selbst unser lieber Prediger würzte das tägliche Gespräch mit satyrischer Schelmerei. In einem Briefe von Frau Rahbek, den ich in Halle bekam, schildert sie mir eine Reise, die sie und ihr Bruder zu Mynster nach Spiellrup vorhaben. Ihren Bruder Carl Heger nennt sie „Hufe“ nach Hufeland, dessen Buch über die Verlängerung des menschlichen Lebens, Carl Heger, der immer eingebildet krank war, sehr gründlich studirt hatte. Er fürchtete stets von all' den Krankheiten angesteckt zu werden, die ihm nahe kamen. Wir neckten ihn damit, daß er einmal geglaubt habe, er habe das Kindbettfieber, als es grassirte. Dr. Professor Mynster, der Bruder des Predigers, war der innige Freund dieses herrlichen Menschen und hatte sehr viel Nachsicht und Geduld mit Carl's Wunderlichkeiten, denen er doch selbst gewöhnlich einen so komischen Anstrich gab, daß sie durchaus nicht ermüdend waren. Einmal sagte er zum Professor Mynster: „Ich befinde mich wirklich nicht wohl; willst Du mir nicht Etwas aufschreiben.“ „„Ja““ — sagte Mynster und schrieb ihm ein Recept. Carl sah es an und sagte mit saurer Miene und etwas bedenklich: „Ja, ist das nun aber auch gut?“ — „„Ja““ — entgegnete Mynster, mit dem ihm eigenen süffisanten Humor — „„das ist dasBeste; willst Du lieber das Nächstbeste haben, so kann ich Dir das auch aufschreiben.““
Briefe aus der Heimath.
Frau Rahbek schrieb mir im October nach Halle:
„Ich kann mir denken, wie angenehm Sie leben, und mußes daher um so liebenswürdiger von Ihnen finden, daß Sie trotzdem Heimweh fühlen, und besonders gefällt es mir, daß Sie uns das in so schönen Versen gesagt haben. Aber da wir gerade vom Reisen sprechen, kann ich Ihnen erzählen, daß Hufe und ich einen großen Reiseplan im Kopfe haben. Hier steht nämlich ein kleines Pferd und ein kleiner Wagen, die einem guten Freunde gehören, und da wir Erlaubniß haben, diese Equipage zu benutzen, so beabsichtigen wir, in 14 Tagen zu Job[2]hinauszureisen. Aber nun ist der kleine Umstand dabei, daß nur zwei Menschen auf dem Wagen sitzen können, und daß also einer von uns kutschiren muß. Das wird nun natürlich Hufe thun; aber er hat früher nie kutschirt, und obgleich er sich in diesen Tagen sehr darin übt, indem er an einem Bindfaden zieht, den er an ein Fenster gebunden hat, und der den Zügel vorstellen soll, so glaube ich doch, daß er ein kleines Schreckfieber bekommen wird, wenn es im Ernst ans Fahren geht. Wir wollen nicht weiter, als bis nach Kiöge fahren; dort werden wir Postpferde nehmen, und unser Rößlein stehen lassen, bis wir zurückkommen. Hier glaubt Keiner daran, daß wir zwei Cujone so Etwas unternehmen werden, und ich kann nicht leugnen, daß selbst ich es etwas gewagt finde; doch ist mir vor mir selbst nicht so bange, wie vor ihm. Wenn wir nach Spielderup kommen, so haben wir die Absicht, uns als zwei Schlächter zu melden, die von Kopenhagen gereist sind, um sich Rindvieh anzusehen. Könnte man so leicht nach Halle kommen, so sollte es gewiß nicht lange dauern, ehe ich da wäre.“
Von meinem Vater erhielt ich kurz bevor ich von Halle abreiste, als Antwort auf einen Brief, den ich ihm lange schuldig gewesen war, folgende Zeilen:
Liebster, bester Sohn!
Als ich Deinen lieben Brief bekam, erwachte der böse Gedanke in mir, Dich eben so lange warten zu lassen, wie ich hatte warten müssen; aber leider trat das Vaterherz gleich dazwischen, und so schwand auch dieser Vorsatz. Wie unendlich es mich freut, daß es Dir gut geht, brauche ich Dir wohl nicht zu versichern. Wenn Du nur ebenso zufrieden mit Deinem Stipendium sein könntest; aber guter Adam! Du weißt ja wohl, daß viele der hohen Herren Vorsteher in dieser Gemeinde wollen, daß die Natur sich mit Wenigem begnügen soll, und sie mögen ihre triftigen Gründe haben; denn, wo Nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Von mir sollst Du bekommen, was ich Dir versprochen habe, nämlich 100 Thaler jährlich. Ich wollte, ich könnte mehr thun, aber in diesen theuren Zeiten, wo ich doch auch eine Haushaltung führen muß, ist es mir ohne einen Glückszufall, der mich doch noch nie betroffen hat, unmöglich[3]. Uebrigens mußt Du, bester Junge! zuweilen an Deiner Lampe reiben, und, wie ich höre, hast Du es bereits gethan. Wenn nur nicht die Theaterdirection hinten ausschlägt, und Du einen Schlag vor die Stirn bekommst, wie weit Du auch entfernt sein magst. Daß Du Dich nach Deiner Heimath sehnst, ist natürlich, und, guter Adam! das natürliche Liebesband zerreißt erst im Tode. Wenn ich zuweilen allein dasitze, zum Fenster hinausschaue und des Morgens die Sonne aus dem Meere aufsteigen sehe, da bete ich mit gerührtem Herzen zu dem Allgütigen, und danke ihm, daß ich noch Dich und Sophie habe; und dann rollt oft eine Thräne der Liebe für Euch über meine Wangen, und besonders für Dich, Du Armer! der so allein, fern von mir dahin ziehen muß. — Gleich nachdem ich Deinen Brief erhielt war ich bei dem guten alten Etatsrath Heger und der kleinen Christiane und las ihnen denselben vor, was große Freude verursachte.Als ich fortging, liebkoste sie mich; ich drückte sie an mich, und sie sagte: „Du bist jetzt der einzige Oehlenschläger, den ich noch habe.“ — Das liebe Mädchen! aber Du, mein guter Sohn, darfst nicht eifersüchtig werden; das würde Dir Nichts helfen. Karen Margrete ist noch immer der Schelm, der sie stets war; wir kommen zusammen und machen uns gegenseitig zum Narren. — Ich lebe hier, wie ein altes Uhrwerk, einen Tag wie den andern, außer wenn die verwünschten Bêtes im l'Hombre bei alten Freunden des Abends etwas lange dauern. Daß ich viel zärtliche Grüße für Dich von Deinem leiblichen Vater, Deiner Schwester und allen Verwandten und Freunden habe, kannst Du Dir wohl denken. Aber vor allen Dingen sage Professor Steffens und seiner Frau meinen Dank für ihre Güte gegen Dich und sage Ihnen, daß ich wünschte, ihrem Sohne, wenn er herkommt, dieselbe Freundschaft bezeugen zu können; was nicht unmöglich ist, da ich noch zwanzig Jahre zu leben hoffe[4]. Na, guter Adam! habe ich nun nicht genug mit Dir geplaudert? Aber ich höre Dich sagen: man spricht gern mit alten Freunden; und darin hast Du Recht; denn wir Zwei kennen uns doch am längsten. Lebe wohl, guter Junge! Der Allmächtige bewahre und erhalte Dich, das wünscht Dein Vater
J. C.Oehlenschläger.
Achim von Arnim.
Achim von Arnimbesuchte Reichardts auch in diesem Herbst. Er hatte kurz vorher mitBrentanoseinWunderhornherausgegeben, aus welcher Sammlung Reichardt uns Abends oft Etwas vorlas. Er las gut, besonders trug er die Fischpredigt des heiligen Antonius vortrefflich vor. Achim's edle Gestalt und sein schönes Gesicht, seine Liebe zum Mittelalter und sein Vertrautsein mit demselben machten ihn mir lieb, obgleich seine eigenen Arbeiten mir nicht schmecken wollten; sie warenmir noch zu inhaltlos. In seinem reifern Alter hat er in mehreren Erzählungen ein schönes Talent an den Tag gelegt. Ich entsinne mich noch eines herrlichen Herbstabends, wo wir in Giebichenstein zusammen auf den Kirchhof gingen und die alten Grabsteine betrachteten, und als wir zum Thee nach Hause kamen, Reichhardt mich erfreute, indem er mir Klopstocks: „Willkommen, o silberner Mond!“ zu dem er eine seiner besten Melodien geschrieben hatte, vorsang.
Nun sing ich aber auch wieder an, mehr in der gegenwärtigen und in der jüngstvergangenen Zeit zu leben. Ich sah nicht ein, warum die Phantasie nur bei dem Mittelalter weilen sollte. Jetzt liebte ich auch wieder die Lessing'sche Verstandes- und die darauf folgende Gefühlsperiode. Denn hatte man damals auch viele verknöcherte Vorurtheile Verstand, und später viel Fades Gefühl genannt, so lebten wir nun wieder in einer Zeit, in der jede elende Phantasterei, wenn sie nur einen Rittermantel über die schwachen Schultern warf, für Poesie gelten wollte, und in der man, ziemlich barbarisch, jedes weiche Gefühl als eine moderne Affectation auszuschelten und zu verachten begann.
Lafontaine.
Eines Tages war ich mit Steffens bei einem andern Professor, ich weiß nicht mehr, welchem, in Gesellschaft. Dort war ein dicker, lustiger Mann, der eigentlich den Mittelpunkt für die gesellschaftliche Unterhaltung bildete; er erzählte viele Anecdoten sehr gut (doch nicht so gut, wie Rahbek), war überhaupt sehr gesprächig und fidel mit den Meisten der Gesellschaft. Aber Steffens verhielt sich ziemlich schweigend, obgleich er zuweilen lachte, wenn dieser Mann etwas Schnurriges sagte. Ich konnte es demselben auch ansehen, daß er sich vor Steffens verlegen fühlte, daß dieser ihm nicht behagte und er sich deshalb auch nicht an mich als Steffens' Freund wandte. Ich nahm Steffens bei Seite und fragte: „Wer ist der Mann?“ „Das istLafontaine“, war die Antwort. Lafontaine! der Romandichter, der mir in meinerfrühesten Jugend so viele Thränen gekostet hatte! in dessen Erzählungen ich in jenem Alter ebenso verliebt war, wie viele Jahre darauf in Walter Scott's! der meine sentimentalen, erotischen Gefühle entwickelt, gepflegt, genährt und übertrieben hatte! — Dieser Mann, den ich vergöttert — und später nach echter Jünglingsart verachtet hatte, als ich einen andern poetischen Glauben annahm und zur Fahne der romantischen Schule schwor! dieser Mann saß hier als ein lustiger, lauter Gesellschaftsbruder, aß gut, trank gut, ohne daß man die leiseste Spur jener Geistesrichtung fand, die in seinen Erzählungen so monoton hervortritt! — Aber wie sollte sie auch hervortreten? für wen sollte der altmodische, dicke, rothwangige Prediger seufzen, in wen verliebt sein, mitten in einer Herrengesellschaft? Doch machte er keinen vortheilhaften Eindruck auf mich, obgleich ich, wie bereits bemerkt, kein so eifriger Romantiker und Anhänger der neuen Schule war, wie einige Jahre vorher. Dieses Doppelwesen gefiel mir nicht, und die Unmöglichkeit, im wirklichen Leben den Ton fortzusetzen, der in seinen Schriften so vorherrschend war, zeigte handgreiflich, wie unnatürlich und überspannt er sei. Denn wenn gleich das Ideale und das wirkliche Leben sehr verschieden von einander sind, so braucht sich ein schöner und großer Geist doch niemals in der Gesellschaft der Menschen so zu verleugnen und zu verwandeln, wenn das Ideale, was er sucht, nicht aus der Luft geholt ist.
In spätern Jahren habe ich es wieder versucht, einige von Lafontaine's Romanen zu lesen, aber sie waren mir zu sehr Milch und Wasser. Nicht das Gefühlvolle darin mißfiel mir, sondern gerade das Laue, Schlaffe, das Alltägliche im Gefühl. Es ist ein prosaisch knabenhaftes, kein poetisch männliches Gefühl. Später habe ich seine Lebensbeschreibung gelesen und diese schien mir eben so matt und schlecht erzählt wie die Iffland's. Ich besuchte ihn also nicht, obwohl sein hübsches Haus recht anmuthig auf einer Höhe vor Halle lag. Aber oft ging ich hinaus und setzte mich in Hölty's Stuhl, einen Steinsitz im Felsen ander Saale und dachte an die schönen Lieder: „Wer wollte sich mit Grillen plagen“ und „Ihr Freunde hängt, wenn ich gestorben bin, die kleine Harfe hinter dem Altare auf,“ in denen sich tiefe Wehmuth mit einem liebenswürdigen Streben nach Munterkeit und einer schönen Seelentiefe vereinigt.
Halle selbst war mir nur ein schwacher Ersatz für Kopenhagen. Die schmalen, schlecht gepflasterten Straßen, die vielen Braunkohlen gaben dem Ganzen ein trauriges, finsteres Colorit, und ich konnte das blaue Meer und die seeländischen Buchenhaine nicht vergessen.
Oft betrachtete ich im Vorübergehen dass große Rolandsbild aus Carl's des Großen Zeit, das auf dem Markte wie ein steinernes Gespenst aus dem dunklen Alterthume dastand und menschlicher Größe spottete. Hätte ich damals daran gedacht, daß der unglückliche Struensee in Halle geboren und erzogen war, so würde auch dies seine Wirkung gethan haben.
Schleiermacher.
Zuweilen machte ich lange Wanderungen. Mit Steffens, Schleiermacher und den beiden Raumers ging ich an einem heißen Sommertage auf denhohen Petersberg. Als wir uns der Ruine oben näherten, wunderte ich mich über einen seltsamen Laut; es war mir, als hörte ich viele Menschen einen Kirchenpsalm in der Burgruine singen. Und es war wirklich so. Mitten in der Ruine stand eine Kirche, die voll von Menschen war, da es gerade Sonntag war und Gottesdienst abgehalten wurde. Ich hörte einen mir aus meiner Kindheit wohlbekannten Psalm, den sie über die alten Marmorsärge der entschlummerten Landgrafen dahin sangen; und diese Verbindung der Vergangenheit und Gegenwart rührte mich außerordentlich. Mit dem verständigenSchleiermacherverlebte ich angenehme Tage. Er bekam Lust Etwas von meinen dänischen Gedichten kennen und Dänisch zu lernen. Ich fing an, ihm Vaulundurs Sage und Freia's Altar zu übersetzen und er war der Erste,der mich aufmunterte, ein deutscher Dichter zu werden. Er wiederum las etwas Griechisch mit mir; er las mir den ganzen Oedipus in Kolonos vor, um mich mit dem characteristischen Wohlklang der Sprache vertraut zu machen; er übersetzte mir das Stück Wort für Wort und lehrte mich das griechische Silbenmaß recht kennen und verstehen; wovon ich später, als ich Solger's Sophokles fleißig studirt hatte, in meinem: Balder der Gute, Gebrauch machte.
Diese Strenge der Uebersetzung in der Form, die oft an Pedanterie streift, welche dem gewöhnlichen Leser mißfällt, nützt gerade dem Dichter, der der griechischen Sprache nicht mächtig ist, und doch gern so viel als möglich ihren Klang, Tact und ihre Formen kennen lernen will. Für den wahren Dichter ist es leicht, sich alles dieses in einer lebhafteren und schöneren Natürlichkeit zu denken. Solger war gewiß ein besserer Philolog als Philosoph. Seinen Erwin, in dem er der Ironie als dem Höchsten der Poesie huldigt, habe ich nie verstehen können, und ich sehe nun aus Hegel's Aesthetik, daß dieser ihn angreift und tadelt.
Ich hörte in Halle Steffens' Vorlesungen über Naturphilosophie, Schleiermacher über Ethik und den berühmten Wolff über Archäologie. Mit Schleiermacher ging ich oft spazieren.
Es amüsirte ihn zuweilen, meinen allzukühnen Behauptungen mit schelmischer Ironie zu begegnen; er übersetzte gerade damals an seinem Plato. Er war mein Sokrates und ich beschuldigte ihn im Scherz, er wolle mich zu seinem Alcibiades machen; obgleich ich diesem weder in dem Heroischen noch in dem Schlechten glich. Schleiermacher war ein kleiner, hagerer Mann. Ein jugendliches Wesen fand man bei ihm nicht; aber er war edel. Als er mir auf seinem alten Klaviere einmal den Herrenhuter Psalm vorspielte: „Mach' uns unschuldig, wie die kleinen Blumen in des Frühlings Heiligthum“, gewann er mein Herz und behielt es seitdem immer. Die Tochter des gelehrten Professors Wolff, Wilhelmine, eine schöne, große, blühende Blondine,hatte ein freundliches Wesen; sie konnte, wie gesagt, etwas Dänisch, und da sie eine Freundin der Frau Steffens war, sah ich sie oft im Hause bei uns. Mit ihrem Vater entsinne ich mich nur einziges Mal gesprochen zu haben. Merkwürdig ist's, daß er, der große Philolog, der es so weit in fremden Sprachen gebracht hatte, der einzige war, der mir davon abrieth, Deutsch zu schreiben; er meinte, man könne nur ineinerSprache Dichter sein. Abstract genommen, werden die Meisten ihm gewiß Recht geben, und Wolff, bei dem doch eigentlich das Griechische und Lateinische stets im Gegensatze zu seiner deutschen Muttersprache war, und der vom Dänischen gar nichts verstand, mochte sich wohl zu einer solchen Meinung befugt fühlen. Er wußte, daß er mit all' seiner Gelehrsamkeit und seinem philosophischen Genie doch niemals Grieche oder Römer werden könne. Er wußte, daß ein großer Unterschied zwischen einem Deutschen aus dem 19. Jahrhundert und einem Griechen aus Perikles', einem Römer aus Augustus' Zeit stattfand. Aber er vergaß, daß der Däne und Deutsche Germanen, sie beide Brüder eines Hauptstammes sind, mit fast gleichen Characteren, Neigungen, Gefühlen und Ansichten, daß sie in demselben Zeitalter, einander nahe und in steter, geistiger Verbindung leben.
Erwachende Lust Deutsch zu dichten.
Noch hatte ich außer einigen Kleinigkeiten nichts Deutsches geschrieben; aber ich fühlte doch bald, daß es nicht lange dauern würde, bis ich in den Besitz einer Sprache käme, die meinen Leserkreis auf 40 Millionen Menschen mehr ausdehnte und mir die Freude bereitete, ausgezeichneten Männern wieder Etwas von den Producten meines Geistes mitzutheilen, um einigermaßen all' das Herrliche zu vergelten, das ich von ihnen empfangen hatte. Ja, ich fühlte mich bald so begeistert, auch Deutsch, das zwar nicht meine Muttersprache, aber doch meiner Mutter Sprache und die meiner Väter war, zu schreiben, — daß ich zwei Jahre darauf meinen Aladdin übersetzte.
Hakon Jarl.
Darüber vergaß ich aber doch nicht das Vaterländische. Der stille Herbst und der Anfang des Winters in dem einsamen Halle trieb mich im Gegentheil mit dem Gefühle, welches ich in meinem Heimweh ausgesprochen hatte, wieder nach dem Norden hoch hinauf. Glücklicherweise fand ich in der Universitätsbibliothek von Halle ein Exemplar von Schiönning's Folio-Ausgabe von Snorro Sturleson's Heimskringla! Ich fing gleich an, sie mit so großem Eifer zu lesen, wie man aufbewahrte Briefe von einem lieben Jugendfreunde, den man verlassen hat, liest; und kaum war ich etwas über Harald Schönhaar's Geschichte gekommen (an der ich ein paar Jahre früher hängen geblieben war), so fand ich in Hakon Jarl's Sage einen Stoff, der sich mir vortrefflich zur Bearbeitung zu eignen schien. Ich hatte diesen Stoff bereits einmal als Romanze behandelt, aber es schien mir als verdiene er mehr. Steffens und ich saßen in einem Zimmer bei einem Ofen. Er arbeitete in dem einen Winkel bei seinem Schreibtische an einem philosophischen Werke, — ich hatte mir einen kleinen Tisch ans Fenster hingeschoben, wo ich schrieb. Jedes Mal wenn wir, er einen Paragraphen seiner Abhandlung, und ich eine Scene fertig hatten, lasen wir uns das Ausgearbeitete gegenseitig vor. Auf diese Weise wurde Hakon Jarl in sechs Wochen gedichtet. Er gefiel Steffens sehr.
Schiller's Jungfrau von Orleans.Schiller's Braut von Messina.
Ich hatte zum Theil gefürchtet, daß Steffens nicht mit meiner Tragödie zufrieden sein würde, da er damals Schiller verwarf. Als tragischer Verfasser war es mir Pflicht, Nothwendigkeit, Bedürfniß geworden, diesen großen Tragiker von Neuem zu studiren. Die eine Zeitlang stark glänzende Autorität der neuern Schule hatte mich — gegen die Stimme meines Herzens — dahin gebracht, Schiller zu verlassen. Es ist bekannt, daß weder Tieck, Novalis, noch beide Schlegel ihn für einen wahren großen Dichter gelten ließen, — obgleich er — als Göthe's und Wilhelm von Humboldt's Freund und als Schriftsteller von so großer Popularität — stets mit einer gewissen Achtung behandelt wurde, die doch hauptsächlich darin bestand,daß man ihn nicht tadelte, sondern größtentheils ganz still von ihm schwieg, während man jeden Augenblick Göthe vergötterte und Tieck lobte. Zum Theil war wohl Schiller selbst Schuld daran, indem er sich zu sehr von den Neueren entfernte. Und doch, obgleich er die romantische Richtung in der Poesie verwarf, hatte diese, ohne daß er es merkte, Einfluß auf ihn; er schrieb eine Tragödie, die er selbst romantisch nannte: „Die Jungfrau von Orleans“, und noch mehr — er brachte in seiner „Maria Stuart“ im Mortimer eine mißglückte Copie von Tieck's Golo in der Genovefa. Das Romantische konnte Schiller nicht glücken. Die Mischung von Naivetät, Schwärmerei, Ausgelassenheit, Sinnlichkeit, in der das Erotische und die Phantasie das Triebrad ist — lag außerhalb seines Wesens. Große Charactere konnte er schildern, tiefen Ernst, hohes Gefühl vermochte er darzustellen, originale Situationen und dramatische Handlungen zu erfinden, herrliche Gedanken entstanden in seinem Kopfe und sein edles Menschenherz konnte sie mit hinreißender Begeisterung ausdrücken; ruhiger, männlicher Tiefsinn erfüllte seine Werke; aber — es ging ihm eben so wie Michel Angelo im Verhältniß zu Correggio — in den romantischen Farbentopf konnte er seinen Pinsel nicht tauchen. Wollte er sich auf diese Weise bewegen, so war es als ob der Ritter im Harnisch Jäger werden, vom Pferde springen und mit schweren Stiefeln auf Abenteuer durch den Wald streifen wollte. Das Lustige, das eigentlich Erotische, Geschmeidige fehlte Schiller. Die Tragödie, die Jungfrau von Orleans ist nicht romantisch; daß sie auch keinen Anstrich von französischem Colorit hat, mußte die Folge davon sein, daß ein Deutscher mit Schiller's tief-ernstem Character den Gegenstand behandelte. Und doch wurde sie von allen geistvollen, poetischen Lesern und Zuschauern — die nicht durch die Vorurtheile einer Schule verblendet waren — für ein Meisterstück erklärt und ist auch ein solches. Die Jungfrau von Orleans selbst, Jeanne d'Arc, ist mit ihrer idyllischen Umgebung in ihrer prächtigen Heldennatur unvergleichlich gezeichnet. Schiller hat die Ehre deredlen Jungfrau gerettet, hat dem Bilde in der Geschichte den Geistesadel wieder gegeben, den Voltaire — einem frechen Satyr gleich — sich nicht entblödete, in seinem hohen Alter mit leichtfertigem Spotte zu besudeln. Und doch schämte A. W. Schlegel sich auch nicht, Shakespeare's Schilderungen der pucelle in Heinrich VI., wo er den schmählichen Lügen englischer Chronikenschreiber blind folgt, über Schiller's Raphael'sche Heldenmadonna zu stellen. — Die neuere Schule nannte also die Jungfrau von Orleans einen mißglückten romantischen Versuch, ohne die großen Schönheiten zu achten, die weder Tieck, Novalis, noch selbst Göthe im Stande gewesen wären hervorzubringen. Wahrscheinlich durch dieses Verkennen zu einer entgegengesetzten Richtung geführt, schrieb Schiller später eine Tragödie in theils griechischen Formen: „Die Braut von Messina“, wobei er sich in eine schiefe Theorie verirrte, wie der Dichter stets thut, wenn er die Reflexionen und den kalten Begriff über dem Genie und dem natürlichen Gefühle herrschen läßt. Hätte er einen Heldenstoff aus dem germanischen Alterthume auf diese Weise behandelt, so würden der griechische Chor und die einfache Anordnung in der Handlung ihre Wirkung gethan haben; es wäre natürlich erschienen; denn die alten griechischen, germanischen und skandinavischen Heldenzeiten gleichen einander. Aber hier verband jene Form sich mit einer modernen Intrigue; es wurde eine unnatürliche Vermischung von Alterthum und Gegenwart (sowie in der Jungfrau von Orleans der Aberglaube des Mittelalters sich mit dem Verstandselement der Gegenwart auch nicht recht amalgamirte) — und dies genügte der herrschenden Schule, dieses Werk als verunglückt zu verwerfen, — obgleich es in der Nation seine Wirkung durch unvergleichliche Characterschilderung und einen Dialog hervorbrachte, der dem Dichter den Rang eines großen Dichters gegeben haben würde, wenn er nie etwas Anderes als die Braut von Messina geschrieben hätte. Glücklicherweise schrieb Schiller vor seinem Tode sein Meisterstück: „Wilhelm Tell“, in dem weder das Romantische noch das Antikeihn verlockte — sondern wo er einenvaterländischenStoff auf die historisch gründliche und doch poetische Weise behandelte, mit der er in seinem Wallenstein begonnen hatte. Daß auch Wilhelm Tell von Vielen getadelt wurde, weil man meinte, der fünfte Akt sei einhors d'oeuvre, da er nicht die Handlung fortsetzte, sondern (was hier gerade von höchster Wichtigkeit war) den Gegensatz zwischen einem verbrecherischen Meuchelmörder (Parricida) und Einem, der einen Todtschlag aus edlem Beweggrunde begeht, (Tell) — in einem herrlichen dramatischen Verhältniß zu einander zeigte — das war ganz in der Ordnung, und gehörte mit zur Tadelsucht der damaligen Zeit gegen so vieles Schöne, die einer Periode folgte, in der man so vieles Unschöne bewundert hatte.