Chapter 3

Mißhelligkeit mit Rahbek.Madame Händel-Schütz in Kopenhagen.

Mein Verhältniß zu Rahbek in dieser Zeit war mißlich. Wir konnten in Sachen des Geschmacks nicht sympathisiren, obgleich ich zu seiner Ehre sagen muß, daß er der Einzige aus der alten Schule war, der meine Arbeiten mit Beifall und Achtung aufnahm. Hätte ich seine Bewunderung für die junge Schauspielerin theilen können, die nicht nach meinem Geschmacke war, und wenn ich einmal im Theater nicht über einen zwar unverzeihlichen aber komischen Scherz über seinen Geschmack gelacht hätte, der von einem ProfessorSchützgemacht wurde, so hätte sich wohl auch die Freundschaft nicht abgekühlt. Früher war ein deutscher Adliger hier gewesen, der die scenische Kunst unter dem angenommenen bescheidenen NamenPatrik Pealepflegte, wahrscheinlich um seiner Familie nicht Schande zu machen. Er hielt auch ästhetische Vorlesungen, die Rahbek mit vieler Andacht und großem Wohlbehagen anhörte. Das misfielmir; denn Herr Peale war meiner Ansicht nach eine verschrobene langweilige Person. Kurz darauf kam die berühmte MadameHändel-Schützmit ihrem Manne, Professor Schütz, nach Kopenhagen und zeigte ihre Copieen nach Raphael, Correggio, Guido Reni u. s. w., die alle durch Shawls, Tücher, andere Gewänder und fromme Stellungen ausgeführt wurden. Alles, was auf diese Weise darzustellen möglich war, stellte Madame Händel-Schütz wirklich mit vielem Geschmack und Studium dar. Aber da ihr gesundes, recht hübsches Gesicht durchaus nicht ideal, da ihr natürlicher Character munter und lebenslustig war, so konnte sie trotz der äußern, flüchtigen Aehnlichkeit doch vor wahren Kunstkennern niemals als ein Modell der unsterblichen Werke jener großer Meister gelten. Indessen amüsirte es die Leute doch eine kurze Zeit und mich auch, da ich sie von meiner ersten deutschen Reise her kannte. Und als ihr Mann, der durchaus nicht besser war, als Patrik Peale, über Rahbek wegen eines abschlägigen Bescheides, den dieser ihm gegeben, entrüstet, ihn auf dem Theater verspottete, indem er eine kleine ironische Vorlesung in seinem Geschmacke hielt, so lachte ich und daran that ich Unrecht. — Kurz daraus benutzte ich die Gelegenheit, indem ich einige von ihm entliehene Bücher zurücksandte, mich ihm durch ein freundliches versöhnendes Gedicht, das ich der Sendung beilegte, wiederum zu nähern.

Nun wurden wir zwar wieder gute Freunde; aber es hatte doch keine Art, und auf Veranlassung von Freia's Altar wurde die Freundschaft in ein paar Jahren ganz vernichtet. Aber ich komme hier zu einem Standpunkte, wo meine ganze literarische Wirksamkeit betrachtet und überschaut werden muß, um dem Leser einen richtigen Begriff von meiner Stellung und deren Folgen zu geben.

Mehreres hatte dazu beigetragen, daß ich meine Autorität zu verlieren begann, und der Autorität kann Niemand entbehren,der in seinem Fache kräftig wirken und auf die Menge Einfluß ausüben will. Zweifelt man an dem guten Geschmacke des Dichters, so ist das ebenso viel, als wenn der Kaufmann seinen Credit verliert. Beim Anfange meiner Dichterlaufbahn fing ich an, gegen den bestehenden Geschmack zu opponiren; dies war mir nicht wenig förderlich; denn Viele hatten Lust an Veränderung und Streit; der Neid sieht gern alte Mächte gestürzt, und kommt dazu nun noch, daß die Opposition wirklich für etwas Gutes kämpft, so ist es natürlich, daß sie auch bei den Besseren Unterstützung und Anhänger findet.

Rückblick auf meine erste Dichterperiode.

Wenig über zwanzig Jahre stand ich, fast noch ein Kind, mit wenigen Kenntnissen da, aber — man erlaube mir dies ebenso aufrichtig zu sagen — mit guten Fähigkeiten für mein Fach, und in dieser Lebensperiode entwickeln sich die Kräfte mit großer Schnelligkeit. Man fand mich bald im Besitz einer starken Phantasie, eines tiefen Gefühls, einer kecken muntern Laune; aber Philosophie, oder richtiger gesagt, Metaphysik zu studiren, dazu fühlte ich mich ebenso wenig getrieben, wie zur Mathematik. Indessen hatte sich mein gesunder Verstand doch auf natürliche Weise in der Schule des Lebens mehr als bei den meisten jungen Gelehrten entwickelt, welche die Welt nur aus abstracten Theorien kannten. Es war von den ersten Jünglingsjahren an eine meiner liebsten Beschäftigungen gewesen, über das Wesen und die Handlungen der Menschen nachzudenken, die Charactere und die Beweggründe der Handlungen im menschlichen Herzen zu erfassen, weshalb auch die Geschichte seit der Zeit, wo Dickmann in der Schule für die Nachwelt mit Geschmack für sie beibrachte, mir ebenso lieb war, wie die Natur und das Menschenleben. Im Anfange des Jahrhunderts herrschte die Rahbek'sche Schule. Ich nenne sie so, weil er es war, der in der Minerva und dem Zuschauer die Poeten zusammenhielt, und in seinen täglichen Aeußerungen die geltenden Ansichten allgemein verbreitete. In meiner Anfangszeit war der Geschmack sehr schlecht. Nicht als ob wir guter und großer Vorbilder entbehrthätten. Wir hatten Holberg, Ewald, Wessel, Tullin gehabt; Thaarup hatte seine reizenden Idyllen, Baggesen seine Jugendarbeiten geschrieben. Aber, merkwürdigerweise, während die großen Deutschen, Göthe und Schiller, blühten, war man hier sehr wenig geneigt sie gelten zu lassen. Eigentlich liebte Rahbek nur den sentimentalen Göthe im Werther, ja sogar in Stella und Clavigo. Die damals bei uns besonders hochgeschätzten Dichter warenIffland,KotzebueundLafontaine. Drei meiner Jugendfreunde, die beiden Mynsters und Benzon, theilten diesen Geschmack nicht; sie bewunderten Shakspeare, Göthe, Schiller, Jean Paul, Lessing, welche ich alle durch sie kennen lernte und fleißig studirte, als gerade Steffens kam. Er gab meinem Geiste einen ganz eignen Schwung. Der Mysticismus und das Poetische in der romantischen Träumerei des Mittelalters gefiel mir. Tieck und Novalis wurden meine Lieblingsschriftsteller, die Polemik der beiden Schlegel's im Athenäum und der Europa war ganz nach meinem Geschmack.

Rückblick. Studien ausländischer Dichter.

Das fromme Gefühl, die Liebe zur Kunst des Mittelalters, die ich in Tieck's ersten Schriften (er wurde dazu eigentlich durch den zu früh gestorbenenWackenroderbegeistert) und hauptsächlich bei Novalis (Hardenberg) fand, machten einen starken Eindruck auf mich. Göthe's kleine Abhandlung über den straßburger Münster hatte mich bereits früh erweckt. Friedrich Schlegel's lange Abhandlung über die romantische Kunst war aus der Goethe'schen entstanden; doch ging er weiter. Die Innigkeit, Frömmigkeit, Naivetät und echte Natur, der poetisch tiefe Sinn, der sich in den Bildern der alten italienischen, deutschen und niederländischen Schule findet, wurde durch Tieck, Novalis und Friedrich Schlegel recht einleuchtend und verdrängte die flache Bewunderung für das affectirt moderne Französisch-Griechische. Daß die griechische und gothische (oder altdeutsche) Architektur sich zu einander verhalten, wie die Formen der Mathematik und der Vegetation, wurde recht klar. Später habenMollerin seinem Werke: „Denkmäler der deutschen Kunst,“und die GebrüderBoisseréein ihrer Beschreibung über den kölner Dom und durch ihre herrlichen Gemäldesammlungen diese Ideen verbreitet. Daß sie von dem pecus imitatorum übertrieben und gemißbraucht wurden, darin mußten sie sich, wie alle andere Ideen fügen. Novalis, der in der tiefsten Bedeutung des Wortes eine „schöne Seele“ genannt werden kann, riß mich hin. Die Frömmigkeit in seinen herrlichen Psalmen, die sich meinem, von Kindheit auf bewahrten, religiösen Gefühl verband, begeisterte mich, das Gedicht:Jesus in der Naturzu schreiben. Dieses Gedicht ist nicht mystisch, aber mythisch; indessen entzückte mich eine Zeitlang das Mystische. Ich begann zu glauben, daß der menschliche Geist den ewigen Geheimnissen, die wir in unseren begeisterten Augenblicken fühlen und ahnen, auf dem speculativen Wege ein gut Theil näher kommen könne. Ich versuchte Schelling's Bruno zu lesen; aber ich konnte ihn nicht überwältigen; dagegen amüsirte es mich, hie und da, inJakob Böhme'sAurora zu blättern, wo die wunderliche Mischung von seltenem Tiefsinne, hoher Begeisterung, der kühnste Flug, um auf seine Weise das Universum zu überschauen, die innigste Gottesfurcht, das ehrlichste Streben, sich mit Schwärmerei und ermüdender weitläufiger Wiederholung des Gesagten verbanden. Seine Engel erscheinen mir zuletzt doch, gleich den Posaunenengeln in einer alten Kirche, auf staubigen, vergoldeten Holzstrahlen zu sitzen, die von dem Triangel ausgingen, welcher den Namen Jehova, mit hebräischen Buchstaben geschrieben, einfaßt. In dieser Zeit machte ich die Bekanntschaft des Norwegers Nicolai Möller, der in Deutschland in Münster wohnte, ein Freund von Friedrich Stolberg und ganz befangen in der mystischen Philosophie und exaltirter Frömmigkeit war. Er besuchte uns in Kopenhagen. Meinen „Jesus in der Natur“ hatte er gelesen, und er gefiel ihm, aber nur als der erste Schritt des noch eiteln Weltkindes. Er wollte mich bekehren. Ich besuchte ihn und fand ihn Märtyrlegenden in einem großen französischen Folianten lesend. Als er mich dringend aufforderte,mich zu verbessern, und in mich zu gehen, um rechtgläubig zu werden, fragte ich ihn ganz naiv: wie ich das denn anfangen solle? — „Bete!“ sagte er, „Du sollst zu Gott beten, daß er Dich erleuchte!“ — „Leb' wohl Möller!“ antwortete ich freundlich, drückte ihm die Hand und ging. Ich sah ihn seitdem nicht wieder. Er war ein edler, geistvoller, schöner Mensch mit vielen Kenntnissen, sehr blond und von schwacher Gesundheit. Er starb, glaube ich, wenige Jahre darauf.

Also Novalis riß mich hin. Ich entsinne mich noch deutlich des Sommertages, als ich von dem Rundtheile in der Allee, wo ich wohnte, nach dem Schneckenberge im Friedrichsberger Garten ging, mich auf einen abgehauenen Baumstamm setzte, der wie ein Sopha zwischen zwei Bäumen lag, den Rücken auf einen Baum stützte,Heinrich von Ofterdingenlas und von den naiven Schilderungen im ersten Theile und von derblauen Blumeim zweiten hingerissen wurde, obgleich dies mir bereits damals etwas zu neblich zu werden anfing. Jetzt, wo ich dies auf dem Fasanenhofe 46 Jahre später schreibe, nahm ich auch ein Mal im Sommer Heinrich von Ofterdingen, ging auf den Schneckenberg, der gerade vor dem Hause liegt, setzte mich wieder auf den Baumstamm, der noch dalag, aber alt und verfault, und begann zu lesen. Aber es schmeckte mir nicht wie damals, obwohl ich glaube, daß mein Alter noch jugendfrisch war. Vieles in Novalis erfreut mich jetzt noch wie früher; die naiven häuslichen Schilderungen, das Bergmannsleben, die herrlichen Lieder, die ich übersetzt habe, viele seiner Psalmen, das liebliche Gedicht an Tieck auf Jakob Böhme. Aber der naive Roman (der auch nichts Altdeutsches hat) schwillt bald, besonders im zweiten Theil, zu metaphysischem und mystischem Nebel auf. Novalis trug den Wurm des Todes in seinem Herzen; dies stimmte ihn zu milden, rührenden, religiösen Gefühlen, und brachte ihn dahin, den Freuden des Lebens zu entsagen; doch liebte er und verlobte sich zum zweiten Male kurz nach dem Tode seiner ersten Geliebten. Aristokratische Launenhatte der gute Hardenberg nicht; doch war er nicht ohne geistigen Hochmuth; er sprach von Göthe, wie von einem englischen Mechaniker, der elegante Möbel macht; er selbst hatte die Absicht, außer Heinrich von Ofterdingen sechs Romane zu schreiben, welche seine Ideen über Physik, das bürgerliche Leben, den Handel, die Geschichte und die Liebe umfassen sollten. Er war polemisch, wie Schlegels, und glaubte eine neue Poesie zu erfinden.

Rückblick. Beziehungen zu deutschen Dichtern.

Von Deutschland aus hatte ich bei meiner Heimkehr keine Stütze mehr in Steffens, Tieck und Göthe. Von dem Ersten hatte ich mich selbst getrennt, nicht als Freund und Bewunderer seiner ausgezeichneten Eigenschaften, sondern ich war nicht länger sein ästhetischer Anhänger und Schüler. Obwohl mir sein Geist, seine persönliche Liebenswürdigkeit, seine Beredsamkeit, seine Begeisterung und unzählige poetische Funken stets unverändert lieb blieben, so wich ich doch nun so stark in meinen Ansichten von ihm ab, und war doch selbst so sicher in meiner Kunst geworden, daß ich mich in meinem Urtheile nicht mehr einem Manne unterordnen konnte, der ja eigentlich nur Dilettant darin war. Was Steffens als Naturforscher und Philosoph war, kann und will ich nicht beurtheilen. In der Poesie war er Dilettant. Auf Verse verstand er sich sehr wenig und machte selbst nur einige kleine Versuche. In den Novellen, die er später schrieb, waren wohl schöne poetische Stellen, aber sie waren doch zu weitläufig, zu sehr mit allgemeinen Reflexionen angefüllt. Daß sie Aufmerksamkeit erweckten, als sie erschienen, war natürlich, denn man fand Steffens' Geist darin; aber es fehlten ihnen Composition, Erfindung und originale Charactere. Als Geschmacksrichter war er ein vollständiger Anbeter Tieck's und glaubte fast blind an diesen. Tieck hat mir selbst erzählt, daß Steffens, als sie bei ihrer ersten Zusammenkunft von Wieland sprachen, die gewöhnliche allgemeine Hochachtung für diesen Dichter äußerte. Tieck hatte ihm inVielem widersprochen, ohne darum doch Wieland ein dichterisches Verdienst abzusprechen. Von Tieck ging Steffens in eine Restauration und ließ sich in einen heftigen Streit mit einem Bewunderer Wielands ein, wobei Steffens, den Dichter herunterriß und viel strenger gegen ihn war, als Tieck kurz vorher. Durch diesen polemischen Enthusiasmus, der mehr aus persönlicher Gereiztheit, als aus klarem Verständniß der Dinge entsprang, litt ich in meinem spätern Zusammenleben mit Steffens oft, und war gewiß nicht der Einzige, dem es so erging.

Rückblick. Steffens.

Ein echter Richter des Geschmacks konnte er also nicht sein, er hatte nicht die Ruhe, die Besonnenheit, die Liebe zu dem vielseitig Objectiven, welche dazu gehört, um sich dieses als sein Eigenthum zu erwerben. Steffens brachte seine Abstractionen hinüber in das Reich der Kunst, gewisse Ideen, d. h.: Ansichten, eine gewisse Art zu denken und zu fühlen, wollte er überall wiederfinden; hiervon hing sein Lob oder Tadel ab. Mit einzelnen Zügen, aus der Geschichte und Poesie herausgerissen, construirte er sich beide nach seinem Kopfe, aber er irrte sich oft in historischen Daten, und viele poetische Werke be- und verurtheilte er, ohne sie recht zu kennen. Begeisterung für mich hatte er nur so lange, wie ich sein Schüler war; doch muß ich hierbei eine Ausnahme machen. Als Max in Breslau, wo Steffens Professor war, später meine deutschen Schriften herausgab, schenkte er ihm ein Exemplar und er las sie. Dadurch erwachte die alte Liebe für den dänischen Dichter, zu dessen Bildung er selbst beigetragen hatte. Er schrieb mit einen sehr freundlichen Brief und einen sehr schmeichelhaften Artikel in den Blättern für literarische Unterhaltung, worin er mit der Aeußerung endigte, daß es Deutschland noch obliege, ein gründliches und klares Urtheil über meine Werke zu fällen. Aber von diesem klaren Urtheile gab er selbst nur mittelmäßige Proben, als er mehrere Jahre darauf in seinem: „Was ich erlebte“ Tieck's alte, von mir gestochenen Trümpfe gegen meinen Correggio wieder ausspielte und die Scene, in der Cölestine den Correggiokrönt, als meiner durchaus unwürdig erklärt. Ich selbst glaube, daß sie eine der hübschesten ist, die ich gedichtet habe. — Als ein Characterzug von Steffens' Auffassung des Objectiven kann angeführt werden, daß er an derselben Stelle in dem Buche, wo er dem Leser ein Bild von mir, seinem mehrjährigen, täglichen Umgangsfreund geben will, von meinen kleinen, „schwarzen“ Augen spricht.

Rückblick. Tieck.

Tieck, mit mehr Genialität und Originalität als Steffens, genirte trotz der großen Einseitigkeit in seinem Geschmacke nicht im täglichen Umgange. Er hatte Nichts von nordischer Gereiztheit, wie Steffens und ich; er imponirte im Gegentheile durch eine persönliche Ruhe, welche mit einer großen Beredsamkeit und einer gewissen Vornehmheit, die ihre Wirkung that, verbunden war. Aber seine Urtheile und Ansichten waren oft sehr übertrieben. Es ging uns umgekehrt: ich vertheidigte das Billige und Milde mit Leidenschaft, er das Bittere und Strenge mit Besonnenheit. Die Deutschen haben oft diesen Character, den ein gewisser Buchhändler, als man von einem gewissen Dichter sprach, die „stille Wuth“ nannte. Ich darf sagen, daß ich all' das echt Geniale und Dichterische bei dem herrlichen Tieck bewunderte und noch bewundere. In meinen Uebersetzungen seiner Werke habe ich das gezeigt, obgleich ich wagte, sie zusammenzuziehen und zu verkürzen. Aber Tieck wollte eigentlich Nichts von mir wissen. Wenn ich bei ihm war, ihm selbst Etwas vorlas, gewann ich ihn; aber was sonst von mir herausgegeben wurde, las er nicht. Es ist merkwürdig: die Verachtung und der Mangel an Sympathie, der sich in der neuesten Zeit in Deutschland im Großen gegen Skandinavien gezeigt hat, äußerte sich regelmäßig im Voraus in der Literatur. Die Deutschen konnten es nicht leiden, daß wir eine Literatur hatten, die es wagte, mit der ihrigen zu wetteifern, daß wir eine Geschmacksbildung und eine poetisch-entwickelte Sprache ebenso früh besaßen, wie sie. In der spätern Zeit schlug Tieck's Geistesrichtung eine sonderbare Volte. Anstattromantisch-phantastisch und witzig ausgelassen zu sein, wurde er kalt verständig. Er schrieb eine Reihe von Novellen, in denen sich schöne Stellen vorfinden, und der „Aufruhr in den Sevennen“ ist der vortreffliche Anfang zu einem unvollendeten Werke; aber im Ganzen genommen wurden diese Novellen doch das Organ für ziemlich einseitige ästhetische Betrachtungen und eine etwas an Pedanterie grenzende Lebensphilosophie, welche eine Zeitlang sehr gelobt wurde. In einem von Tieck's letzten Werken, Vittoria Accorombona, ist mehr Geist und Kraft, als in den meisten früheren Novellen; es herrscht Leidenschaft darin; aber auf merkwürdige Weise werden in ihnen abscheuliche Verbrechen als Ausschweifungen großer Geister mit einer Art Bewunderung und Entschuldigungà laVictor Hugo und mit einer zwar nicht geradezu ausgesprochenen aber doch deutlichen Verachtung gegen den gewöhnlich prosaisch-moralischen Abscheu vor Lastern, die mit großen Eigenschaften verbunden sind, geschildert. Dies stand nun wieder in einem wunderbaren Gegensatze zu der Liebe, welcheIffland, im Anfang eine Zielscheibe des Tieck'schen Spottes, in dessen späteren Tagen fand, wo er als Theaterdirector in Dresden unablässig die Iffland'schen Stücke aufführen ließ.

Rückblick. Göthe und Schiller.

Von Göthe schied mich nun die unglückliche Geschichte mit Correggio. Aber wenn dies auch nicht der Fall gewesen wäre, so hätte Göthe, wie er jetzt war, mir doch kaum noch in der dramatischen Kunst zu Nutz und Frommen sein können. Ich habe nie recht erfahren, weshalb Correggio ihm so sehr misfiel. Wenn er ihm zu weich und gefühlvoll war, so lag das im Stoffe. Ich habe vor und nach diesem Stücke in einer langen Reihe nordischer Tragödien Heldenkraft geschildert, aber um diese Stücke kümmerte er sich auch nicht, und hat — außer Hakon Jarl — wahrscheinlich kein einziges recht gekannt. Ich konnte Göthe nicht mehr als Lehrer in meiner Kunst betrachten. Ich war nach eigenen Grundsätzen, eigenem Gefühle fortgeschritten und suchte in meinen Dramen auf keine Weise,ihm oder Schiller nachzuahmen; so sehr ich ihr Genie in ihren vorzüglichsten Werken liebte und bewunderte, so war doch die Richtung, welche sie am Schluß ihrer dramatischen Dichterperiode einschlugen, meiner Ansicht nach eine Abweichung vom Rechten. Das Rhetorische, das Raisonnirende, die Lust, sinnreiche Sentenzen aufzustellen, hatte zu sehr überhand genommen. Es ist gewiß, daß der Vers in der Tragödie bedeutend zur Kraft und Würde des Werks beiträgt; aber man muß sich in jeder Kunst, sowie im Leben selbst, vor Vornehmheit und Pedanterie hüten. Indem man die Sprache allzu abstract nur mit Rücksicht auf Ausdruck, Gedanken und Bilder betrachtet, verliert sie die Naivetät, die Einfalt, welche das Große und Schöne nicht entbehren können.

Schiller und Göthe bewunderten mit Recht die Griechen, und glaubten in ihnen die wahren Vorbilder für ihre Kunst zu finden. Schiller beklagte sich bei Humboldt, daß er nicht Griechisch könne, und wollte es auf seine alten Tage lernen; aber Humboldt rieth ihm davon ab und meinte, das sei nicht nöthig. Wahrlich es muß ein großer Genuß für einen Schöngeist sein, den Aeschylos und Sophokles mit Leichtigkeit in der Ursprache lesen zu können. Zwei Dinge habe ich besonders in meinem Leben entbehrt: Griechisch zu können und gut vom Blatt auf dem Fortepiano zu spielen. Dies würde nicht schwierig gewesen sein, wenn es zur rechten Zeit gelernt worden wäre. Aber man hilft sich, so gut man kann; durch Hülfe guter Uebersetzungen eignet man sich den Geist und das Wesen des Dichters an; Compositionen, Characterzeichnungen, Gedanken, Bilder, all' dieses kann die Uebersetzung geben, das Einzige, welches fehlt, ist die Diction; aber die Sprache ist gerade des Dichters eigenes Element, und den Mangel des Fremden erstattet ihm die Natur. Merkwürdig! Weder Thorwaldsen noch ich konnten Griechisch; aber wenn ich meinen „Baldur,“ „Yrsa,“ „Die Longobarden,“ „Das Land gefunden und verschwunden“ inseinMuseum lege, so wage ich zu fragen, ob Viele, die Griechisch verstehen,es viel besser, als wir hätten machen können. Es ging dem Dichter hier mit dem Griechischen, wie Peter in Jakob von Tyboe mit dem Deutschen: „er könnte es wohl schreiben, aber nicht lesen.“ — Göthe wußte etwas Griechisch, und was ihm fehlte, das wußte Dr. Riemer, sein Secretair und seine rechte Hand.

Aber nun die Griechen! Finden wir nicht Einfalt und Naivetät in ihren Dialogen? Ganz gewiß! In den Chören finden sich zusammengedrängte Wortwendungen, Gedanken und Betrachtungen; aber die Gespräche sind viel weniger geschmückt, fallen viel mehr in den gewöhnlichen Unterhaltungston. Wo das Pathetische herrscht, tritt das Lyrische besonders in den Chören hervor. Schiller verliebte sich so sehr in diese Chöre, daß er sie an unpassendem Orte in seiner „Braut von Messina“ anbrachte, wie ich bereits im zweiten Theile dieses Buches erwähnt habe. Schiller beging einen noch größern Fehler: er wollte in dem Vorworte zu seinem Stücke beweisen, daß es so sein müsse, daß die dramatische Kunst erst ihre rechte Bedeutung erlangte, wenn der Chor wieder eingeführt würde. Wie würdeJodelle, der erste Franzose, der französische Tragödien nach griechischem Zuschnitte zusammenflickte, sich gefreut haben, wenn er solche Aeußerungen von einem großen Dichter einer Nachbarnation erlebt hätte, die später so lange für das Natürliche kämpfte. Aber Schiller bedachte sich und ging in sich. Er schrieb glücklicherweise seinen meisterhaften „Wilhelm Tell“, ehe er starb, und damit machte der Dichter alles Das wieder gut, was der Philosoph verbrochen hatte. Jene abstracte Dictionsvergötterung, diese Vornehmheit im Style, daß die dramatische Bewegung sich dem Menuette nähert, und die einförmige Ausdrucksweise, welche das Characteristische verwischt, liebte Göthe auch sehr und sie kam zum Ausbruch in seiner „Natürlichen Tochter,“ die so vornehm und kalt ist, als ob sie von Stein wäre; noch mehr in seinem „Elpenor“ und „Epimenides.“ Obgleich Göthe als Jüngling oft das Burschikose mit dem schönen Derb-Natürlichen verwechselte, scheint er mir doch mehr Sinn für das echtHeroische in seinem „Götter, Helden und Wieland,“ als in seiner „Natürlichen Tochter“ zu haben, wenn er den Herkules munter von Wieland sagen läßt: „Der kann nicht begreifen, wie ein Gott ein Flegel sein kann, und sich betrinken, seiner Gottheit unbeschädigt.“

Die neue Schule verwarf Schiller und erkannte ihn nicht für einen großen Dichter; aber das Volk trug ihn auf den Händen, und Göthe, den die neuere Schule vergötterte, fühlte doch, was Schiller war. Glückliche Umstände hatten eine — wenn auch nicht gerade warme Freundschaft (denn sie wurden nie Kameraden, wie Göthe später mitZelter) — so doch ein auf Wissenschaftlichkeit, Kunst, persönliche Achtung und Wohlwollen schön gegründetes Verhältniß zwischen ihnen gestiftet. Schiller und Göthe hatten die Xenien geschrieben, in denen sie muthwilliger, als es sich für ihr Alter geziemte, manche Persönlichkeit unvorsichtig angegriffen und Veranlassung zu einem Tone gegeben hatten, den sie selbst später haßten. Sie glaubten gegen ein wildes, rohes Wesen ankämpfen zu müssen, welches in seiner Plumpheit die deutsche Tragödie verderben könnte. Was sie hiermit meinten, ist nicht leicht zu sagen; denn es gab ja damals keine anderen Dichter von irgend einigem Einfluß, als Tieck, der seine „heilige Genoveva“ und „Octavian“ (Letzterer mehr Komödie als Tragödie) geschrieben hatte; aber keines von diesen beiden Stücken war für das Theater; daß sie trotz vieler Ausschweifungen viel Genie und Natur zeigten, ist gewiß. Schlegels schrieben „Ion“ und „Alarkos,“ worin sie sich mehr als Philologen und Stylisten, denn als Poeten zeigten, und für sie war keine Gefahr; denn Göthe brachte selbst Ion auf die Bühne. Aber Tieck trat, von Schlegels unterstützt, auf eine sonderbare Weise als Shakespeare's Apostel auf. Nun genügte nicht die Bewunderung und Liebe für die besten Werke des großen Dichters, welche Garrik, Lessing, Schröder und Göthe gelehrt hatten; sondern man sollte Alles bewundern, und selbst Das, was bisher für verfehlt und geschmacklos, der Zeit angehörend betrachtetwurde, in der Shakespeare lebte, sollte nun für Schönheiten und Muster gehalten werden, die man bisher aus Mangel an Fähigkeit, recht in Shakespeare's Geist einzudringen, übersehen und lächerlicher Weise verkannt habe. Diese Kritik, welche Tieck sehr vornehm aussprach, wobei er sich zugleich selbst zu einem Theil von Shakespeare's geistigem Ich machte, war nun freilich tadelnswerth. Aber es half Nichts, daß Schiller, als er den Macbeth übersetzte, die Hexenscenen modernisirte und sie zu philosophischen Reflexionen machte; er verwischte dadurch das Romantische, Volksthümliche, Poetische, tragisch-Grauenhafte, obgleich seine eigne herrliche Dichternatur sich nicht verleugnete, da er in seiner Umarbeitung das herrliche Lied vom Fischer hineindichtete. Noch weniger half es, daß Göthe und er auf den wunderlichen Einfall geriethen, Voltaire's „Mahomed“ und „Tancred“ und Racine's „Phädra“ zu übersetzen. Das Beste in diesen Stücken ist ohne Zweifel die lebendige und rasche Leidenschaftlichkeit und Begeisterung, die sich in den anapästischen, französischen Alexandrinern ausspricht. Indem man diese in ehrbare, gravitätische deutsche Jamben verwandelte, stutzte man den französischen Adlern die Flügel, ohne Löwen aus ihnen zu machen. Das Gedicht, welches Schiller bei dieser Gelegenheit an Göthe schrieb, ist sehr merkwürdig.

„Nicht in alte Fesseln uns zu schlagenErneuerst Du dies Spiel der alten Zeit,Nicht uns zurückzuführen zu den TagenCharacterloser Minderjährigkeit. —Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,In seinem Raume drängt sich eine Welt.Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge,Nur der Natur getreues Bild gefällt;Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held.Die Leidenschaft erhebt die freien TöneUnd in der Wahrheit findet man das Schöne.Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen,Und er ist gleich dem Acheron'schen Kahn:Nur Schatten und Idole kann er tragen;Und drängt das rohe Leben sich heran,So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist:Ein Führer nur zum Bessern soll er werden.Er komme wie ein abgeschied'ner Geist,Zu reinigen die oft entweihte Scene,Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.“

„Nicht in alte Fesseln uns zu schlagenErneuerst Du dies Spiel der alten Zeit,Nicht uns zurückzuführen zu den TagenCharacterloser Minderjährigkeit. —Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,In seinem Raume drängt sich eine Welt.Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge,Nur der Natur getreues Bild gefällt;Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held.Die Leidenschaft erhebt die freien TöneUnd in der Wahrheit findet man das Schöne.Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen,Und er ist gleich dem Acheron'schen Kahn:Nur Schatten und Idole kann er tragen;Und drängt das rohe Leben sich heran,So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist:Ein Führer nur zum Bessern soll er werden.Er komme wie ein abgeschied'ner Geist,Zu reinigen die oft entweihte Scene,Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.“

„Nicht in alte Fesseln uns zu schlagenErneuerst Du dies Spiel der alten Zeit,Nicht uns zurückzuführen zu den TagenCharacterloser Minderjährigkeit. —Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,In seinem Raume drängt sich eine Welt.Nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge,Nur der Natur getreues Bild gefällt;Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,Und menschlich handelt, menschlich fühlt der Held.Die Leidenschaft erhebt die freien TöneUnd in der Wahrheit findet man das Schöne.Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen,Und er ist gleich dem Acheron'schen Kahn:Nur Schatten und Idole kann er tragen;Und drängt das rohe Leben sich heran,So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,Das nur die flücht'gen Geister fassen kann.Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,Und siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist:Ein Führer nur zum Bessern soll er werden.Er komme wie ein abgeschied'ner Geist,Zu reinigen die oft entweihte Scene,Zum würd'gen Sitz der alten Melpomene.“

In diesem Gedicht hat der oft so tief denkende, philosophische Schiller sich wirklich der größten Widersprüche schuldig gemacht.

„Du führst uns nicht zurück zu den Tagen characterloser Minderjährigkeit“ (d. h. zu Ludwig's XIV. verschrobener sclavischer Zeit); das würde nun auch nichts helfen, „da nicht mehr der Worte rednerisch Gepränge, nur der Natur getreues Bild gefällt;“ da „der Mensch fühlt und handelt menschlich, und man in der Wahrheit nur das Schöne findet.“ Mehr Lob kann man der Zeit nicht geben, die man tadelt, mehr die Zeit nicht tadeln, die man loben will. Aber was sollte denn nun geschehen? Das Gespenst der Kunst, „woraus kein lebendiger Geist spricht,“ sollte wiederkehren, um die Bühne zu reinigen, um mit seinem conventionellen Besen die Apfelsinenschalen und faulen Aepfel wegzukehren, die von der Galerie der Gegenwart auf das Theater herabgeworfen sind. Das bessere Theater wird mit dem Karren der Thespis verglichen, wo die ersten rohen, tragischen Versuche gemacht wurden, und wo die Schauspieler sich das Gesicht mit Hefe beschmierten. Das gute Theater wurde einem schwachen, schwankenden Boote verglichen, auf dem Charon die Todten zur Unterwelt führt. Eben erst war davon die Rede, daß „nurder Natur getreues Bild gefällt;“ nun heißt es: „siegt Natur, so muß die Kunst entweichen.“ Ich glaubte immer, daß die Natur gerade ihren schönsten Sieg in der Kunst fände; denn die Kunst ist ja nichts Anderes, als die verschönerte Natur, kein todtes Schattenbild, welches fürchten muß, daß das Boot umwerfe, so daß also die Todten in Gefahr schweben zu ertrinken, und aufs Neue zu sterben.

Aber wie gesagt, bei Schiller war diese schiefe Richtung nur die Frucht eines übrigens zu billigenden Grolls, als er sich verschmäht und verkannt fühlte. Sein herrlicher „Wilhelm Tell“, der allen folgenden Zeiten zum Muster dienen kann, ist ein Meisterstück und in der „Braut von Messina“ finden sich, ungeachtet der erwähnten Fehlgriffe, herrliche Dinge und Scenen, die des großen Meisters vollkommen würdig sind. Schiller hatte seine Dichterkraft nicht verloren, als er starb; sein Körper, nicht sein Geist unterlag. Obgleich zuweilen etwas zu streng (z. B. gegen Bürger), war er doch der edelste Mensch, der liebevollste Mann und Vater. Sein schöner Tod ist äußerst rührend; das Menschliche, das Humane beseelte ihn; selbst den eine Zeit lang zu großen Hang zur speculativen Philosophie bekämpfte er, um naiv zu bleiben. Er beklagt sich selbst oft in seinem Briefwechsel mit Humboldt darüber, daß sie seinen freien Dichtergeist zu sehr in spitzfindige Labyrinthe gebracht habe. Hätte Schiller länger gelebt, so bin ich gewiß, daß ich in ihm einen Freund, einen Vater gefunden haben würde; dessen versicherte mich seine edle Gattin so oft.

Aber mit Göthe? Aus den Augen, aus dem Sinn! Er ergriff jeden Gegenstand, der ihm begegnete, mit aufmerksamer Genialität. So gefiel ihm auch mein Wesen, — der junge, fremde, ihn bewundernde Lehrling. Aber als ich, auch als deutscher Dichter, auf meinen eigenen Füßen stand — als Deutschland anfing, aufmerksam auf mich zu werden, war es vorbei. Ueber meinen Palnatoke, den ich ihm früher gesandt hatte, sprach er kein Wort. Correggio konnte er nicht leiden, der war zu sentimental. War Palnatoke auch zu sentimental? Nein! Göthekonnte nun das Heroische ebenso wenig, wie das Gefühlvolle, leiden. Helden hat er eigentlich nie geschildert. Der kräftigste, liebenswürdigste Mann, den er gezeichnet hat, ist Götz von Berlichingen, der doch auch meist in idyllischen Verhältnissen auftritt und an rathloser Unbestimmtheit zu Grunde geht. Göthe's Frauen sind stets die genialsten, frischesten, naivesten, hinreißendsten Personen in seinen Dramen, die weit über seinen Männern stehen: Clärchen, Gretchen, Philine, Mignon, Iphigenia, die Prinzessin in Tasso, Dorothea! Man hat so viel von Göthe's Vollkommenheit in der Form gesprochen. Keiner kann sein göttliches Genie mehr bewundern, als ich — aber — Vollkommenheit in der Form? Ja, die deutsche Sprache brachte er in seinen besten Werken dahin; aber er übertrieb die Art, Worte zusammenzudrängen und umzubilden, zuletzt so, daß die Sprache mit der Natur und Klarheit zugleich ihre Ehrlichkeit verlor und er bewegte sich endlich dergestalt in vornehmen oft verschrobenen Redensarten, daß man nicht weiß, was er sagen will. Vieles trug dazu bei, seine Dichterkräfte zu zersplittern. Ich zweifle nicht daran, daß er auch als Physiker Proben seines seltenen Talents gegeben hat; aber — wäre es vielleicht doch nicht besser gewesen, wenn er uns mehrere gute Dichterwerke statt der weitläufigen Farbenlehre u. s. w. gegeben hätte? Göthe hat viel geschrieben; rechnet man aber alle die wissenschaftlichen Betrachtungen, Abhandlungen und Studien ab, so ist die Anzahl der Dichterwerke nicht so groß für einen Mann, der in seinem 83sten Jahre starb, und seine volle Kraft bis zuletzt behielt. Aber nicht allein die Wissenschaft war es, die ihn von der Kunst abzog; eine sonderbare, allzugroße Vorliebe für das Fremde: das Altgriechische, das Römische, das Italienische und endlich das Orientalische zogen ihn fast in dem Moment von dem Nationalen ab, wo das Schicksal den excellenten Göthe nach Weimar rief und ihn zur Excellenz machte.

Manche werden vielleicht finden, daß ich hier allzu lieblos und unehrerbietig über Göthe spreche; aber ich lasse ihm gewißin Allem Recht widerfahren, was Recht ist; ich spreche hier nicht aus Rache als der von ihm Verschmähte; über das Geschehene sind bereits 40 Jahre dahingegangen. Ich bin nun selbst ein Greis von 70 Jahren, nur wenige Jahre vom Grabe entfernt, in welchem er bereits ruht. Hier kann also nicht die Rede von eitlem Grolle sein; ich liebe ihn beständig, habe nie aufgehört, ihn zu lieben; und Baggesen's bitterste Feindschaft zog ich mir kurz nach meiner Heimkehr von Göthe dadurch zu, daß ich ihm seinen unwürdigen Spott über den großen Mann vorwarf. Aber in einem Dichterleben ist das Verhältniß, in dem ein Dichter zu irgend welchem andern von Bedeutung steht, von Wichtigkeit; denn dies ist theils aus früheren Werken hervorgegangen, theils hat es zu späteren Veranlassung gegeben und somit auf den Geschmack und die ästhetische Bildung des Zeitalters eingewirkt, was wichtiger ist, als viele kleine Züge des täglichen Lebens, in denen die meisten Menschen einander gleichen. Ich muß mich deshalb bei dieser Gelegenheit aussprechen. Von dem Verfasser der natürlichen Tochter, des Epimenides, Elpenor; vom Verfasser des zweiten Theiles des Faust und dem Bewunderer des italienischen Manzoni konnte ich keine Sympathie für meine nordischen Begeisterungen und Arbeiten erwarten. Dies fand sich denn nun auch mehrere Jahre darauf, als Göthe's und Zelter's Briefwechsel erschien, vollkommen bestätigt. In einem Briefe des Letzteren an den Ersteren beklagt Zelter sich darüber, daß die Theaterdirection in Berlin ihm ein Stück von mir gegeben habe, um Musik dazu zu schreiben. Nachdem er zuerst das Stück wie das elendeste Zeug von der Welt durchgegangen ist, schließt er: „Das Stück hat auchbarbarische Namen: Axel und Valborg.“ Göthe giebt ihm vollständig Recht und sagt: „Wenn diese Nordländer ihre Bären auf den Hinterfüßen zu tanzen gelehrt haben, glauben sie was Rechts gethan zu haben. Dieser gute Oehlenschläger ist auch einer von diesen Halben, die sich einbilden, ein Ganzer zu sein, und noch Etwas drüber. Ich habe von dem Gezücht viel ausstehen müssen.“

Rückblick. Göthe und Zelter.

Dieses „Ausstehen“ bestand nun darin, daß er sich darein finden mußte, als ich ihn etwas spät des Abends in der Nachtjacke überraschte, ihm um den Hals fiel und ihm auf ewig Lebewohl sagte, nachdem er sich geistig von mir getrennt hatte. Doch darf ich nicht vergessen, daß er ganz freundlich sagte: „Nun, leben Sie wohl, mein Kind!“ worin doch wieder eine Annäherung lag. Aber ich kannte ihn; Explicationen konnte er nicht leiden. Hätte ich ihm später geschrieben, ihm einige andere Arbeiten gesandt, so wären wir vielleicht wieder in ein freundliches Verhältniß zu einander getreten. Aber — ich war zu stolz — nicht den ersten Schritt zu thun, sondern um mich in seine Gnade hineinzubetteln. Saumselig im Briefschreiben war ich immer; ich schrieb meinen besten Freunden nicht, viel weniger nun ihm.

Was übrigens die starken Expressionen zwischen ihm und Zelter in Bezug auf mich betrifft, so betrachte ich diese gar nicht als eine Beleidigung; denn weder Göthe noch Zelter haben diese Briefe selbst herausgegeben, und es ist ein sehr schlimmer Gebrauch, einen jeden Wisch, den ein ausgezeichneter Mann geschrieben hat, nach seinem Tode herauszugeben, um Geld zu verdienen. Wenn das immer geschähe, so könnte man ja kein vertrauliches Wort mehr schreiben. Tritt man öffentlich auf, so soll man bedenken, was man sagt und seine Ausdrücke abwägen; aber das Sprüchwort: „Gedanken sind zollfrei“ erstreckt sich auch auf die Vertraulichkeit zwischen Freunden; und man sagt Vieles in der Verstimmtheit, was man gar nicht so böse meint. Hätte Göthe an Schiller oder Humboldt geschrieben, so hätte er seine Worte gewiß mehr abgewogen; aber mit Zelter genirte er sich nicht. Dieser natürlich aufgeweckte Kopf, aber ohne wahre Bildung, obgleich er Baumeister und Musicus war, hatte sich vollständig in Göthe vergafft und liebte ihn, wie ein Pudel seinen Herrn liebt. „Wenn er einen D... macht,“ soll er gesagt haben, „ist es besser, als was alle die Andern machen.“ Als sein Sohn starb, vergaß er bald seinen Kummer darüber, als Göthe ihn Du nannte, und ferner immer mit ihm auf Du undDu stand. Ein Beweis seiner sonderbaren Unwissenheit (aus der hervorzugehen scheint, daß der Baumeister nicht viel mehr war, als Mauermeister) war, daß er Göthe einmal in einem Briefe fragte: „Was warByzanz? Wo war es? — Kannst Du mir hierüber nach Deiner und meiner Art in kurzen und wenigen Worten Aufschluß geben?“ Man sieht hieraus, daß Zelter wenigstens kein Architekt der byzantinischen Schule gewesen ist. — Ein Mal, als er Göthe Samson's Geschichte als ein vortreffliches Süjet zu einer Oper empfiehlt, findet er sich sehr geduldig darein, daß Göthe Samson den dümmsten Lümmel nennt, der sich jemals von einer gemeinen Dirne narren ließ. Aber Zelter componirte schöne Melodien zu einigen göthe'schen Liedern, z. B. zu „Gott und die Bajadere“ und seine Composition zu „Johanna Sebus“ ist herzergreifend schön.

Das Plumpe in Göthe's Aeußerungen über mich in diesen Briefen beleidigte mich also nicht, aber diese abgerechnet sah ich doch in Allem deutlich, wie gering er meine Arbeiten achtete, und wie wenig ihm daran lag, sie zu kennen.

Ein deutsches Gedicht, welches ich vor ein paar Jahren über Göthe geschrieben habe, in welchem ich ihn in dem Ton zu characterisiren suche, in dem er selbst dichtete, mag diese Betrachtung über den großen Mann schließen.

Ein Gedicht über Göthe.

Erstes Bild.

Da steht der junge Wolfgang schön,Gar lieblich, treulich anzusehn.Von Leipzig nach Dresden will er wandernAber allein, und nicht mit Andern;Genießen will er Natur und KunstOhne Geschwätz und falschen Dunst.Er will sich bei Freunden nicht einquartiren,Die Freiheit würde dabei verlieren;Im Gasthof auch nicht gern er steckt,Davon hat der Vater ihn abgeschreckt.So kehrt er bei einem Schuster ein,Als könnt es gar nicht anders sein.Da ruhet er aus und geht nicht weiter,Der Wirth begegnet ihm freundlich heiter.Die kleine Mahlzeit ist bald verzehrt,Und als er nach dem Schlaf begehrt,Zeigt ihm die Wirthin ein gutes Bett,Als wenn's ihm die Musa bereitet hätt'.Da hängt ein Bild ihm unbekannt,Dem Bette nah, dort an der Wand.Es ist der Holzschnitt von Hans Sachs;Der Wolfgang freut sich dessen stracks,Und eingeschlafen ist er kaum,So hat er einen schönen TraumVon Hans Sachs und dem Sängerwesen,Wie Ihr's könnt in seinen Schriften lesen.Früh nächsten Morgen auf er steht,Und in die Galerie hingeht.Zwar stand er da vor den MeisterstückenDer Italiener, die ihn entzücken,Doch fühlt er sich gezogen baldZu der Deutschen und Holländer Aufenthalt,Dem heitern Wesen, der frischen Natur,Die schon er kennt, geht er auf die Spur;Und was entsprungen aus diesem Geist,Bei ihm die größte Kraft beweist.Und als er steht in des Schusters Laden,Glaubt er noch Schalken und OstadenZu sehn, so lustig und heiter mildSteht Alles vor ihm als gutes Bild.Es kommt die Nacht, und schlafend kaumEntzücket ihn ein schöner Traum.Es spricht zu ihm im Ton der GeisterVom Holzschnitt her der alte Meister:„Es hat Natur Dich auserlesenVor Vielen in dem Weltwirrwesen,Daß Du sollst haben klare Sinnen,Nichts Ungeschickliches magst beginnen;Die Welt soll kräftig vor Dir stehn,Wie Albrecht Dürer sie einst gesehn;Ihr festes Leben und Männlichkeit,Ihre innere Kraft und Ständigkeit,Der Natur Genius an der Hand,Soll Dich führen durch alle Land.“Da öffnet sich das Zimmer weitUnd steht gar in hoher HerrlichkeitDer Straßburg da, der Riesenthurm,Wobei der Mensch sich fühlt ein Wurm.Doch auch ein Geist mit seltner Macht,Weil selbst es seine Hand vollbracht,Da sieht er Götz mit der Hand von Erz,Doch mit dem menschlich warmen Herz:Da sieht er Clärchens, Gretchens Gesicht, —Correggio, Rafael malen nichtGesichter schöner, und doch vollbracht,Als hätte sie Dürer selbst gemacht.Da spricht Hans Sachs: „Das sollst Du singen,Den Eichenkranz wird es Dir bringen.“Der junge Wolfgang es treu verspricht,Daraus entstand manch schön' Gedicht.

Da steht der junge Wolfgang schön,Gar lieblich, treulich anzusehn.Von Leipzig nach Dresden will er wandernAber allein, und nicht mit Andern;Genießen will er Natur und KunstOhne Geschwätz und falschen Dunst.Er will sich bei Freunden nicht einquartiren,Die Freiheit würde dabei verlieren;Im Gasthof auch nicht gern er steckt,Davon hat der Vater ihn abgeschreckt.So kehrt er bei einem Schuster ein,Als könnt es gar nicht anders sein.Da ruhet er aus und geht nicht weiter,Der Wirth begegnet ihm freundlich heiter.Die kleine Mahlzeit ist bald verzehrt,Und als er nach dem Schlaf begehrt,Zeigt ihm die Wirthin ein gutes Bett,Als wenn's ihm die Musa bereitet hätt'.Da hängt ein Bild ihm unbekannt,Dem Bette nah, dort an der Wand.Es ist der Holzschnitt von Hans Sachs;Der Wolfgang freut sich dessen stracks,Und eingeschlafen ist er kaum,So hat er einen schönen TraumVon Hans Sachs und dem Sängerwesen,Wie Ihr's könnt in seinen Schriften lesen.Früh nächsten Morgen auf er steht,Und in die Galerie hingeht.Zwar stand er da vor den MeisterstückenDer Italiener, die ihn entzücken,Doch fühlt er sich gezogen baldZu der Deutschen und Holländer Aufenthalt,Dem heitern Wesen, der frischen Natur,Die schon er kennt, geht er auf die Spur;Und was entsprungen aus diesem Geist,Bei ihm die größte Kraft beweist.Und als er steht in des Schusters Laden,Glaubt er noch Schalken und OstadenZu sehn, so lustig und heiter mildSteht Alles vor ihm als gutes Bild.Es kommt die Nacht, und schlafend kaumEntzücket ihn ein schöner Traum.Es spricht zu ihm im Ton der GeisterVom Holzschnitt her der alte Meister:„Es hat Natur Dich auserlesenVor Vielen in dem Weltwirrwesen,Daß Du sollst haben klare Sinnen,Nichts Ungeschickliches magst beginnen;Die Welt soll kräftig vor Dir stehn,Wie Albrecht Dürer sie einst gesehn;Ihr festes Leben und Männlichkeit,Ihre innere Kraft und Ständigkeit,Der Natur Genius an der Hand,Soll Dich führen durch alle Land.“Da öffnet sich das Zimmer weitUnd steht gar in hoher HerrlichkeitDer Straßburg da, der Riesenthurm,Wobei der Mensch sich fühlt ein Wurm.Doch auch ein Geist mit seltner Macht,Weil selbst es seine Hand vollbracht,Da sieht er Götz mit der Hand von Erz,Doch mit dem menschlich warmen Herz:Da sieht er Clärchens, Gretchens Gesicht, —Correggio, Rafael malen nichtGesichter schöner, und doch vollbracht,Als hätte sie Dürer selbst gemacht.Da spricht Hans Sachs: „Das sollst Du singen,Den Eichenkranz wird es Dir bringen.“Der junge Wolfgang es treu verspricht,Daraus entstand manch schön' Gedicht.

Da steht der junge Wolfgang schön,Gar lieblich, treulich anzusehn.Von Leipzig nach Dresden will er wandernAber allein, und nicht mit Andern;Genießen will er Natur und KunstOhne Geschwätz und falschen Dunst.Er will sich bei Freunden nicht einquartiren,Die Freiheit würde dabei verlieren;Im Gasthof auch nicht gern er steckt,Davon hat der Vater ihn abgeschreckt.So kehrt er bei einem Schuster ein,Als könnt es gar nicht anders sein.Da ruhet er aus und geht nicht weiter,Der Wirth begegnet ihm freundlich heiter.Die kleine Mahlzeit ist bald verzehrt,Und als er nach dem Schlaf begehrt,Zeigt ihm die Wirthin ein gutes Bett,Als wenn's ihm die Musa bereitet hätt'.Da hängt ein Bild ihm unbekannt,Dem Bette nah, dort an der Wand.Es ist der Holzschnitt von Hans Sachs;Der Wolfgang freut sich dessen stracks,Und eingeschlafen ist er kaum,So hat er einen schönen TraumVon Hans Sachs und dem Sängerwesen,Wie Ihr's könnt in seinen Schriften lesen.Früh nächsten Morgen auf er steht,Und in die Galerie hingeht.Zwar stand er da vor den MeisterstückenDer Italiener, die ihn entzücken,Doch fühlt er sich gezogen baldZu der Deutschen und Holländer Aufenthalt,Dem heitern Wesen, der frischen Natur,Die schon er kennt, geht er auf die Spur;Und was entsprungen aus diesem Geist,Bei ihm die größte Kraft beweist.Und als er steht in des Schusters Laden,Glaubt er noch Schalken und OstadenZu sehn, so lustig und heiter mildSteht Alles vor ihm als gutes Bild.Es kommt die Nacht, und schlafend kaumEntzücket ihn ein schöner Traum.Es spricht zu ihm im Ton der GeisterVom Holzschnitt her der alte Meister:„Es hat Natur Dich auserlesenVor Vielen in dem Weltwirrwesen,Daß Du sollst haben klare Sinnen,Nichts Ungeschickliches magst beginnen;Die Welt soll kräftig vor Dir stehn,Wie Albrecht Dürer sie einst gesehn;Ihr festes Leben und Männlichkeit,Ihre innere Kraft und Ständigkeit,Der Natur Genius an der Hand,Soll Dich führen durch alle Land.“Da öffnet sich das Zimmer weitUnd steht gar in hoher HerrlichkeitDer Straßburg da, der Riesenthurm,Wobei der Mensch sich fühlt ein Wurm.Doch auch ein Geist mit seltner Macht,Weil selbst es seine Hand vollbracht,Da sieht er Götz mit der Hand von Erz,Doch mit dem menschlich warmen Herz:Da sieht er Clärchens, Gretchens Gesicht, —Correggio, Rafael malen nichtGesichter schöner, und doch vollbracht,Als hätte sie Dürer selbst gemacht.Da spricht Hans Sachs: „Das sollst Du singen,Den Eichenkranz wird es Dir bringen.“Der junge Wolfgang es treu verspricht,Daraus entstand manch schön' Gedicht.

Zweites Bild.

Aber hier in Roma, da liegt im Bette der Dichter,Klopft auf dem Rücken der Frau fein des Hexameters Takt,Klagt, weil er nicht ein Römer, ein Italiener geworden,Morgenländer und Türk, seufzt, weil er Deutscher und Christ;Haßt dabei das Kreuz wie Tabak, wie Wanzen und Knoblauch;Alles aus Norden ist ihm lächerlich, erbärmlich und schlecht;„Vieles hat er versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,„Nur ein einzig Talent bracht et der Meisterschaft nah:„Deutsch zu schreiben! Und so verdarb, unglücklicher Dichter!„Er im schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.“

Aber hier in Roma, da liegt im Bette der Dichter,Klopft auf dem Rücken der Frau fein des Hexameters Takt,Klagt, weil er nicht ein Römer, ein Italiener geworden,Morgenländer und Türk, seufzt, weil er Deutscher und Christ;Haßt dabei das Kreuz wie Tabak, wie Wanzen und Knoblauch;Alles aus Norden ist ihm lächerlich, erbärmlich und schlecht;„Vieles hat er versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,„Nur ein einzig Talent bracht et der Meisterschaft nah:„Deutsch zu schreiben! Und so verdarb, unglücklicher Dichter!„Er im schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.“

Aber hier in Roma, da liegt im Bette der Dichter,Klopft auf dem Rücken der Frau fein des Hexameters Takt,Klagt, weil er nicht ein Römer, ein Italiener geworden,Morgenländer und Türk, seufzt, weil er Deutscher und Christ;Haßt dabei das Kreuz wie Tabak, wie Wanzen und Knoblauch;Alles aus Norden ist ihm lächerlich, erbärmlich und schlecht;„Vieles hat er versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,„Nur ein einzig Talent bracht et der Meisterschaft nah:„Deutsch zu schreiben! Und so verdarb, unglücklicher Dichter!„Er im schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.“

Ist es denn wahr, was er so in übler Laune gesprochen?Nein, nicht ganz; doch Natur wird durch das Künsteln geschwächt.Ideal muß auch Natur sein. Nicht unnational seinMuß der Dichter, sonst hört er auf, ein Dichter zu sein.Waren denn Iphigenia nicht und die beiden LenorenSchön? O ja, recht schön kann die Kreolin seinAus dem Zwittergeschlecht, halb deutsch, halb wälsch und griechisch.Erst als er wieder ganz ward ein Deutscher, da entstandDorothea so schön, noch schöner, als Gretchen und Clärchen.Hätt' uns aus dieser Tonn' mehr nur der Göthe gezapft!

Ist es denn wahr, was er so in übler Laune gesprochen?Nein, nicht ganz; doch Natur wird durch das Künsteln geschwächt.Ideal muß auch Natur sein. Nicht unnational seinMuß der Dichter, sonst hört er auf, ein Dichter zu sein.Waren denn Iphigenia nicht und die beiden LenorenSchön? O ja, recht schön kann die Kreolin seinAus dem Zwittergeschlecht, halb deutsch, halb wälsch und griechisch.Erst als er wieder ganz ward ein Deutscher, da entstandDorothea so schön, noch schöner, als Gretchen und Clärchen.Hätt' uns aus dieser Tonn' mehr nur der Göthe gezapft!

Ist es denn wahr, was er so in übler Laune gesprochen?Nein, nicht ganz; doch Natur wird durch das Künsteln geschwächt.Ideal muß auch Natur sein. Nicht unnational seinMuß der Dichter, sonst hört er auf, ein Dichter zu sein.Waren denn Iphigenia nicht und die beiden LenorenSchön? O ja, recht schön kann die Kreolin seinAus dem Zwittergeschlecht, halb deutsch, halb wälsch und griechisch.Erst als er wieder ganz ward ein Deutscher, da entstandDorothea so schön, noch schöner, als Gretchen und Clärchen.Hätt' uns aus dieser Tonn' mehr nur der Göthe gezapft!


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