Chapter 4

Rückblick. Jean Paul Friedrich Richter.

Aber ehe ich diesmal Deutschland verlasse darf ich doch nicht vergessen, daß ein großer deutscher Dichter, den ich gar nicht persönlich kannte, und der, was Genie und Intelligenz betrifft, Göthe und Schiller nicht nachstand, meinen Aladdin auf das Schmeichelhafteste in den „Heidelberger Jahrbüchern“ besprach. Dies warJean Paul Friedrich Richter! Dieser eigenthümliche Genius, der die schönsten Schilderungen des Lebens und des Menschenherzens in humoristische Ausschweifungen kleidet, voller Phantasie, Witz und Weisheit, aber leider auch oft so eingehüllt in neblige Extravaganzen und ermüdende Weitläufigkeiten, daß es große Mühe und Anstrengung kostet, sich durch diese Sümpfe, Dünste und Dornhecken zu den schönsten Waldpartieen und Feenschlössern durchzuarbeiten. Dieser eigenthümliche Genius, der, obgleich es ihm in seinen eigenen Werken nicht möglich ist, lange bei einer Vorstellung zu bleiben, ohne sie gleich durch andere, oft himmelweit verschiedene zu unterbrechen, doch im Stande ist, mit Tiefe und Gründlichkeit in die menschlichen Charactere einzudringen, sie bei Anderen aufzufassen, sie selbst zu zeichnen und zu erfinden und dies Alles durch jene Engelgutherzigkeit zu verbinden, die ihn zu einem würdigen Bruder vonClaudiusundPestalozzimacht. In seiner Aesthetik, in seiner Levana, seinen Recensionen hat er gezeigt, mit welcher Feinheit und Richtigkeit er im Stande war, in das Wesen der Poesie und fremder Dichterwerke einzudringen. Ihm fiel es nun auch ein, meinen Aladdin zu recensiren, und ich will hier einige seiner eigenen Aeußerungen mittheilen:

„Der Däne Oehlenschläger giebt hier die Wunderlampe, das bekannte Mährchen aus Tausend und Einer Nacht. Er habeDank für diese Um- und Empordichtung eines Gedichts. Gedachte Tausend und Eine Nacht wäre ganz zu theatralisiren, wenn es mehrere Oehlenschläger gäbe. Ein rührend schönes Gedicht an Goethe — eine nach dem Phöbus gewandte Sonnenblume — und eine Vorrede voll reiner, heller Aesthetik öffnen, wie eine Eingangsmusik, dem Leser Ohr und Auge für das schöne Schauspiel. Das Schauspiel zerfällt in zwei Spiele, Thalia und Melpomene, indeß folgte jene dieser weit genug auf die Bühne nach. Er durfte sich dies als ein Schüler und Freund Shakespeare's, Goethe's und Gozzi's erlauben. Wenn der Schuster Sindbad vor dem Bösewicht Hindbad, dessen ruchlose Predigt sammt den Predigerkritiken humoristisch genug ist, sich selber zu einem Hofnarren abzurichten und einzuschulen sucht, und auf mehrere Einfälle fällt, um damit anzufragen, ob diese einen Narren versprechen, so besteht, neben diesem Lachen, dochdieErhabenheit und Fürchterlichkeit der nächsten Zukunft. Uebrigens hat dem Verfasser der Himmel Sinn und Kraft für das Komische bescheert; ein rein komisches Gedicht von diesem Dänen wäre eine schöne Weinlese für uns. — Mit dem glücklichen Ohre für den Wechsel seiner Versgebäude überwindet er in seinen Terzinen und Stanzen die Schwierigkeiten, welche die meisten Dichterlinge, ja Dichter der neuern Schule stehen lassen als Zugabeschönheiten. Das Werk beginnt mit komischen Menschen und Scenen, spielt sich durch zarte romantische Dichtungen weiter, bis es wie ein Tag beschließt mit immer mehr hier aufgehenden Sternen des Erhabenen und Schauerlichen; und man träumt der reichen Farben- und Lichtwelt noch lange nach“.

Rückblick. Jean Paul über Aladdin.

In diesem ehrenden Lobe findet sich doch auch ein gerechter Tadel. „Allerdings verschwamm sich der Verfasser zuweilen in jene italienische, ja oft in Tieck'sche Weitschweif- und Weitläufigkeit. Nur die Sache ergreife den Dichter, nicht das selbstsüchtige Genießen und Ausdehnen seiner Empfindung derselben. Shakespeare war in die Sache verloren, und daher bei aller Fülle von Bildern und Kräften, nirgends zum Verschwenderzerflossen“. Hauptsächlich tadelt Jean Paul mit Recht zwei Gedichte: „Die Verwesung“ und ein Gespräch zwischen den beiden Fee'n „Unschuld und Rache“, die nicht in dem dänischen Aladdin stehen.

Jean Paul endigt seine Recension mit folgender Aeußerung: „Dank gebührt der Kraft, welche, ohne einen Uebersetzer, gleichsam auf einer Landesgrenze gepflanzt, über zwei Nationen zugleich den Ueberhang seiner Blüthen und Früchte ausbreitet. Die Zeit wird ihn noch mehr, gleich einem Diamant, zugleich verdichten und verdurchsichtigen, und er wird immer mehr, statt desZauberspiegels, denZauberstabhalten lernen.“

An Jean Paul.

Und diesem Manne schrieb ich nicht, und dankte ihm nicht aus vollem Herzen für eine solche Anerkennung. Es ist unverzeihlich! Diese üble Gewohnheit, meinen Freunden nicht zu schreiben, hat mir in meinem Leben sehr geschadet, mich manches schönen Genusses beraubt, manch edles Verhältniß abgekühlt und zerstört. Ich vergaß sie nie, ich gedachte ihrer oft; aber — ich mochte keine Briefe schreiben. Einige Entschuldigung mag darin liegen, daß ein Verfasser, der viel schreibt, nicht das Bedürfniß, das Vergnügen am Briefschreiben, wie Andere empfindet. In welcher Stellung auch der gebildete Mensch im Leben sein mag, treibt es ihn doch zuweilen, seinen Gedanken, seinen Gefühlen Luft zu machen. Aber diese läßt der Dichter in seinen Werken ausströmen, und wo die Anderen sich nach Mittheilung sehnen, sucht er Ruhe. So wird es eine Gewohnheit bei ihm, es zu unterlassen; und wie schwierig es ist, eingewurzelte Gewohnheiten abzulegen, weiß Jeder. Doch kann ich mich durchaus nicht ganz entschuldigen. Auch mochte ich niemals recht gern Visiten machen; doch freute es mich sehr, wenn meine Freunde zu mir kamen. Ich war von Kindheit, von der Jugend an daran gewöhnt, größtentheils allein zu sein, und zu schweigen. „MeinHerr,“ sagte Frau Staël-Holstein einmal scherzend in ihrem deutschen Patois zu mir, „Sie sind gar zu selbständik.“ Eine gewisse Verlegenheit überkam mich immer in Gesellschaften. Mein Gesicht war nicht scharf, mein Gehör nicht fein, mein Gedächtniß im Augenblick nicht sicher; traf ich Animosität und einen Ton mir gegenüber, dem es an Freundlichkeit und Zutrauen fehlte, so verlor meine Geistesruhe das Gleichgewicht; in der Jugend verlief ich mich dann oft; als ich älter wurde, schwieg ich, um es nicht zu thun. Aber — um auf Jean Paul zurückzukommen, that ich denn Nichts für ihn? Nein! aber ich hatte bereits, ein paar Jahr ehe er jene Recension schrieb, ein Lied auf ihn gedichtet, das erst acht Jahre, nachdem Aladdin erschien, in meiner deutschen Gedichtsammlung gedruckt wurde. Ob Jean Paul es jemals gelesen hat, weiß ich nicht, denn ich hörte Nichts mehr von ihm. Seine liebenswürdige Tochter, FrauFörster, deren Bekanntschaft ich im Jahre 1844 in München machte, kannte es nicht, und wurde sehr erfreut als ich es ihr mittheilte. Hier ist es:

Der Wunderbaum.

Es stand ein großer Baum im großen Garten;Ihr glaubt es kaum,Doch Blumen, Früchte trug von allen ArtenDer Wunderbaum.So groß wie eine königliche EicheDer Stamm erschien;Im Laub da blühten Rosen, roth und bleicheDurch's Rosmarin.Die Blätter wickelten sich mannigfaltigSo grün und dicht;Die Aeste breiteten sich aus gewaltigIm Sonnenlicht.Bald wölbten sie hinunter sich zur Aue,Wie Lindenzweig';Bald schossen sie die Flügel weit in's BlaueCheruben gleich.Bald schwarz und dick und knotig war die RindeVoll Schwamm und Kraut;Die zarten Zweiglein waren glatt und linde,Wie Mädchenhaut.Man konnte Aepfel, Birnen, Kirschen finden,Wo man nur las;Die Aeste schüttelten in SommerwindenDie Frucht in's Gras.Des Tag's da krochen Affen in den ZweigenUnd neckten sich;Des Nachts da stand der Baum so still und eigenUnd schauerlich.Die Nachtigall im kalten Mondlichtsbade.Erschrak und schied;Denn in dem Stamm sang zaubernd die DryadeIhr Todtenlied.Von Vielen ward der Baum geliebt; genossenVon Wen'gen ganz.Doch Jeder fand, was er gesucht, entsprossenIm Sonnenglanz.Wer Früchte liebte, sagte: Ei, da seh' ichDen Apfelbaum;Wer Schatten suchte, seufzete: Nun geh' ichZum Frühlingstraum.Wer Blumen wollte, sagte: Sieh da glühetMein Blumenstrauß;Wer Lieder wünschte, sagte: Sieh da blühetMein Vogelhaus.Wer gar nichts liebte, sagte: Zwinge, zwingeDein Plaudermaul!Wer Alles liebte, sagte: Singe, singeNoch lang, Jean Paul!

Es stand ein großer Baum im großen Garten;Ihr glaubt es kaum,Doch Blumen, Früchte trug von allen ArtenDer Wunderbaum.So groß wie eine königliche EicheDer Stamm erschien;Im Laub da blühten Rosen, roth und bleicheDurch's Rosmarin.Die Blätter wickelten sich mannigfaltigSo grün und dicht;Die Aeste breiteten sich aus gewaltigIm Sonnenlicht.Bald wölbten sie hinunter sich zur Aue,Wie Lindenzweig';Bald schossen sie die Flügel weit in's BlaueCheruben gleich.Bald schwarz und dick und knotig war die RindeVoll Schwamm und Kraut;Die zarten Zweiglein waren glatt und linde,Wie Mädchenhaut.Man konnte Aepfel, Birnen, Kirschen finden,Wo man nur las;Die Aeste schüttelten in SommerwindenDie Frucht in's Gras.Des Tag's da krochen Affen in den ZweigenUnd neckten sich;Des Nachts da stand der Baum so still und eigenUnd schauerlich.Die Nachtigall im kalten Mondlichtsbade.Erschrak und schied;Denn in dem Stamm sang zaubernd die DryadeIhr Todtenlied.Von Vielen ward der Baum geliebt; genossenVon Wen'gen ganz.Doch Jeder fand, was er gesucht, entsprossenIm Sonnenglanz.Wer Früchte liebte, sagte: Ei, da seh' ichDen Apfelbaum;Wer Schatten suchte, seufzete: Nun geh' ichZum Frühlingstraum.Wer Blumen wollte, sagte: Sieh da glühetMein Blumenstrauß;Wer Lieder wünschte, sagte: Sieh da blühetMein Vogelhaus.Wer gar nichts liebte, sagte: Zwinge, zwingeDein Plaudermaul!Wer Alles liebte, sagte: Singe, singeNoch lang, Jean Paul!

Es stand ein großer Baum im großen Garten;Ihr glaubt es kaum,Doch Blumen, Früchte trug von allen ArtenDer Wunderbaum.So groß wie eine königliche EicheDer Stamm erschien;Im Laub da blühten Rosen, roth und bleicheDurch's Rosmarin.Die Blätter wickelten sich mannigfaltigSo grün und dicht;Die Aeste breiteten sich aus gewaltigIm Sonnenlicht.Bald wölbten sie hinunter sich zur Aue,Wie Lindenzweig';Bald schossen sie die Flügel weit in's BlaueCheruben gleich.Bald schwarz und dick und knotig war die RindeVoll Schwamm und Kraut;Die zarten Zweiglein waren glatt und linde,Wie Mädchenhaut.Man konnte Aepfel, Birnen, Kirschen finden,Wo man nur las;Die Aeste schüttelten in SommerwindenDie Frucht in's Gras.Des Tag's da krochen Affen in den ZweigenUnd neckten sich;Des Nachts da stand der Baum so still und eigenUnd schauerlich.Die Nachtigall im kalten Mondlichtsbade.Erschrak und schied;Denn in dem Stamm sang zaubernd die DryadeIhr Todtenlied.Von Vielen ward der Baum geliebt; genossenVon Wen'gen ganz.Doch Jeder fand, was er gesucht, entsprossenIm Sonnenglanz.Wer Früchte liebte, sagte: Ei, da seh' ichDen Apfelbaum;Wer Schatten suchte, seufzete: Nun geh' ichZum Frühlingstraum.Wer Blumen wollte, sagte: Sieh da glühetMein Blumenstrauß;Wer Lieder wünschte, sagte: Sieh da blühetMein Vogelhaus.Wer gar nichts liebte, sagte: Zwinge, zwingeDein Plaudermaul!Wer Alles liebte, sagte: Singe, singeNoch lang, Jean Paul!

Die Periode der Opposition.

Ich wende mich nun zu der Epoche, in der sich die Opposition gegen mich am stärksten erwies. Die Erfahrung, daß ich nicht mehr zur romantischen deutschen Schule gehörte, und keine Unterstützung bei deren Führern fand, daß Göthe den Correggio getadelt und mir den Rücken gekehrt hatte, trug gewiß nicht wenig dazu bei, meinen Gegnern und Neidern Muth zum Tadeln zu geben. Hierzu kam, daß auch Grundtvig mich mit seinen vielen Anhängern verlassen, und daß ich selbst mir geschadet hatte, indem ich einige Kleinigkeiten schrieb, die freilich an Werth weit unter den Hauptwerken standen.

Die Baggesen'schen Angriffe.

Baggesen griff mich an. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er hierzu von Anderen angetrieben wurde; denn seine Umgebung hatte immer großen Einfluß auf seine Handlungen.

Baggesen's Betragen war wirklich so kindisch, daß das Ganze jetzt, wo es vorbei ist, mehr wie eine Comödie, als eine Tragödie zu betrachten sein würde, wenn es nicht so weit gegangen wäre, daß er selbst dadurch um alle Achtung kam.

Alles, was Baggesen bisher unternommen hatte, war in einer Art geistigen Spieles geschehen, das ihn und die Andern amüsirte, so lange es dauerte. Seine besten Gedichte, die Frucht einiger Vormittage, waren Kleinigkeiten, die er später in der Tasche umhertrug und seinen Freunden vorlas. So lange er nicht beißend und erbittert wurde, war er eine höchst interessante angenehme Persönlichkeit. Er konnte einen großen Theil des Geistes der großen Männer, mit denen er umging, nachahmen und sich aneignen; wie ein Chamäleon empfing er die Farbe; sie verschwand aber bald wieder vor einer andern. Mit Wieland war er Wieland, mit Fichte Fichte, mit Jakobi Jakobi,mit Reinhardt Reinhardt, mit Jean Paul Jean Paul, mit Voß Voß. Aber gründlich hatte er sich Nichts erworben und mit eigener Originalität gestempelt. Das, was er am Allerwenigsten verstand, worauf er sich am Allerwenigsten gelegt und wozu die Natur ihm das geringste Talent verliehen hatte, war das Dramatische, und nun beschloß er doch, dramatischer Recensent und Geschmacksrichter für die Bühne zu werden. Ich war nicht der Einzige, den er herunterriß; es ging auch über Holberg her, dessen plumpe Sprache er tadelte und dessen Schilderungen der Sitten und Verhältnisse er modernisirt haben wollte. Hier trat ein Anonymus auf,Peter Wegner(Adolf Boye), der ein gefährlicher Feind für Baggesen wurde. Das Einzige, was den hohlen Kritiken dieses Letztern noch etwas Salz verlieh, war der witzige Ton der ungerechten Angriffe. Man sagte: „Baggesen habe die Lacher auf seiner Seite.“ Nun bekämpfte Peter Wegner ihn von einem vernünftigen und wahrheitsliebenden Standpunkte aus mit gleichen Waffen, aber mit viel größerer Kraft, welche das Bewußtsein der guten Sache giebt, und mit seiner satyrischen Fregatte schoß er das Baggesen'sche Seeräuberschiff in den Grund.

In allen Literaturen findet man Beispiele genug, daß ausgezeichnete Schriftsteller aus Neid von weniger Begabten, ja selbst von Pfuschern angegriffen wurden. So sehen wir in der Vorrede zur zweiten Hälfte des Don Quixote, daß Cervantes über einen Anonymus klagt, welcher behaupte, einen andern bessern Don Quixote, als der Dichter selbst, herausgegeben zu haben. Was hat Shakspeare nicht verdauen müssen, ehe er zu Ehre und Würden gelangte? Lessing wurde von Klotz und Götze; Göthe von Kotzebue von Menzel und Pustkuchen als ein schlechter Poet heruntergerissen. So hatte ein gewisserPaulliin Holberg's Zeit den politischen Kannegießer umschrieben. An und über diesen Paulli und Consorten schrieb Holberg witzige Vorreden unter dem Namen von Hans Mikkelsen und Just Justesen. Peter Wegner versetzte sich ganz in den Holberg'schenTon und schrieb: „Ein kleines nützliches Unterhaltungsbuch“ an Baggesen, in welchem Holberg selbst die Baggesen'schen Angriffe mit der Geißel der Satyre widerlegt.

Auch Thaarup und Rahbek wurden plump von Baggesen angegriffen. In der sogenanntenJudenfehde, welche darin bestand, daß man, durch das Beispiel fremder Nationen dazu aufgemuntert, ein paar Abende hindurch mehreren Juden die Fenster einschlug, übersetzte Thaarup eine mittelmäßige Farce: „Unser Verkehr“ gegen die Juden. Das hätte er unterlassen sollen. Aber in Folge dessen warf Baggesen ihm vor, daß er nicht Dänisch schreiben könne. In seinen besten Werken hatte Thaarup stets ein sehr reines und gutes Dänisch ohne Einmischung von Germanismen geschrieben, was man nicht von Baggesen und während meines Aufenthalts in Deutschland auch nicht von mir sagen konnte, weil es fast unmöglich ist, sich bei längerem Aufenthalt in einem fremden Lande vor jeder Einmischung einzelner fremder Worte zu hüten. Baggesen gebrauchte immer deutsche Redensarten. — Das Lob, welches Rahbek seinen Reimbriefen gespendet hatte, mußte ihm zu bitteren Angriffen gegen Rahbek dienen. Er kehrt stets zu diesem Lobe zurück, als ob es nie früher so gehört worden wäre, und thut, als ob er aus Groll über so übertriebenen Ruhm, das Bedürfniß fühlte, Rahbek zu verhöhnen. Das Wunderlichste war, daß er mitten unter diesen unbefugten und bitteren Angriffen gegen Andere sich selbst mit Mitleid, wie ein armer verfolgter Mann betrachtete. Er schrieb unter Anderm hierüber eine Elegie, welche Peter Wegner gleichfalls in seinem Unterhaltungsbuch unter dem Namen von Just Justesen verspottete; er nannte es ein weinerliches Stück, das gut zu allen Instrumenten paßt, besonders zur Sackpfeife und Drehorgel.

Diese Persiflage Peter Wegner's darf nicht als der freche Angriff eines jungen Menschen gegen einen Mann von Renommé und unbezweifelten Verdiensten betrachtet werden; selbst einem unbedeutenden Schriftsteller gegenüber ist die Persiflageeine schlechte Waffe; nur Eins giebt es, das sie mit Recht angreift: das ist die Persiflage selbst; sowie man Skorpionstiche durch zerdrückte Skorpionen heilt. Daß Baggesen diese Waffe vorher leider in hohem Grade gebraucht hatte, daß es besonders über mich herging, ja zuletzt bis zu den gröbsten Beleidigungen, Unwahrheiten und Schmähworten gesteigert wurde — es wäre Feigheit von mir, wenn ich dies verschweigen und in meiner Biographie nicht erwähnen wollte, jetzt, wo alle Menschen diese Angriffe lesen können und sie aufbewahrt sind, nicht in den ersten Tagesblättern, denn da würden sie mit dem Tage verschwunden sein, und dann würde ich ihr Andenken gewiß nicht auffrischen; aber sie sind neuerdings in Baggesen's gesammelten Werken erschienen, und, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für eine lange Zeit aufbewahrt. Doch allzu lange will ich bei dieser unangenehmen Angelegenheit nicht weilen und nur bemerken, daß Baggesen mich nicht wie einen übrigens verdienstvollen Dichter behandelte, der nur einige seiner Ansicht nach mißglückte Arbeiten hervorgebracht hatte, sondern wie einen dummen und unwissenden Jungen, der unbegreiflicherweise zu seinem frühern Renommé gelangt war; der nicht richtig über die gewöhnlichsten Dinge denken konnte und durchaus nicht im Stande war, seine Muttersprache zusammenhängend zu schreiben. So recensirte er Ludlam's Höhle, wo er unter Anderm über die Charactere des Stückes sagt, daß „die in derSuppenmalereiangebrachten rothen Krebse des Dichters nicht allein verzeichnet, sondern grau sind.“ Peter Wegner hat ihn auch in Veranlassung dieser Recension das ganze Uebergewicht seiner gesunden, ehrlichen, witzigen Kritik fühlen lassen. Auch der kecke, geniale Carsten Hauch griff Baggesen an und hieb seinen Geierschnabel in Dessen kritische Leber.Paul Möllerschrieb die vortreffliche Parodie auf Baggesen's: „Als ich klein war.“ Zwölf ausgezeichnete Studenten glaubten Baggesen wegen seiner unwürdigen Aufführung gegen ihren Geschmackslehrer zur Rechenschaft ziehen zu müssen und forderten ihn auf Lateinisch heraus, um seiner eingebildetenGelehrsamkeit zu spotten. Obgleich ich selbst ihm nicht antworten mochte, und es dessen auch nicht bedurfte, da die Anderen mir die Mühe ersparten, so schien es mir doch eine Pflicht gegen mich selbst zu sein, ihm öffentlich meine Verachtung gegen seine tiefe Beleidigung zu zeigen. Ich schrieb im „Fischer“ einen Chor, in dem ich ihn und Consorten auf aristophanische Weise geißelte. Es war natürlich, daß er also über den Fischer mit verdoppelter Erbitterung herfiel.

Baggesen's Art, mich zu recensiren war, wie gesagt, ohne alle ästhetische Bedeutung und befaßte sich nie mit dem Poetischen; dessen Mangel setzte er als Etwas voraus, das sich von selbst verstand. Seine Angriffe waren lauter Klagen über den Mangel an Ordnung und Zusammenhang in dem Materiellen, zu dessen Beobachtung es doch nur des einfachen Menschenverstandes bedurfte, und bei dessen consequenter Durchführung das Stück doch ganz unpoetisch sein konnte.

Einen starken Gegner fand Baggesen noch imVerfasser der zwölf Paragraphen. Wenn Peter Wegner Baggesen mit Büchsenkugeln traf, so schoß dieser ihn mit Kartätschenkugeln nieder; nur Schade, daß er in seinem Zorn auch das Gute und wirklich Dichterische angriff, das Baggesen hervorgebracht hatte; denn dadurch schwächte er seinen Angriff und seinen Sieg, wo er Recht hatte.

Hagbarth und Signe. — Helge.

Ehe ich denFischerschrieb, dichtete ich im Winter 1813–14Hagbarth und Signe, ein Seitenstück zu Axel und Valborg. Ungeachtet sie einander darin gleichen, daß Beides nordische Liebestragödien, ziemlich kurz, ohne Episoden, mit der Einheit der Zeit, des Orts und der Handlung sind, suchte ich doch im Wesentlichen diese Bilder sehr verschieden von einander zu zeichnen: Axel und Valborg im Geist des christlichen Mittelalters und Hagbarth und Signe in dem des nordischen Heidenthums; beide natürlich idealisirt und mit dem Gepräge vondes Dichters eignem Herzen, seiner Phantasie und seinem Gedanken. Die Leidenschaft der mit Tapferkeit und Verwegenheit verbundenen Liebe, die sich plötzlich in den Herzen Hagbarth's und Signe's entzündet und ihnen Muth verleiht, das Leben zu wagen, und mit Heldentrotz den Tod für einander zu dulden, war der Gegenstand des einen Stückes; das durch das Christenthum gemilderte Gefühl, von den Jahren der Kindheit an gestärkt, das die Blume der Treue und Hingebung in Axel's und Valborg's Herzen zur Reife brachte, ist der Gegenstand des andern. So gleicht Hagbarth und Signe einem Nachtstücke, mit Tannen über dem Abgrunde, wo der Mond halb hervorbricht; Axel und Valborg ist ein mildes Gemälde blühender Natur in der Abendröthe. — In der Zeit, wo ich kleine Stücke und Singspiele geschrieben hatte, warIngemannaufgetreten und hatte sich wohlverdienten Beifall durch seine lyrischen Gedichte erworben; auch bewunderte das Publikum seinenMasanielloundBlanca. Letzteres hatte Furore gemacht. Hagbarth und Signe machte doch auch Glück und nun fühlte ich mich gestärkt und begeistert, wieder ein großes Bild des Altnordischen zu malen, in dessen Geist ich mich durch Hagbarth und Signe wieder hineinversetzt hatte.

Um mich dieser Begeisterung recht ungestört zu überlassen, miethete ich mir ein Zimmer auf Friedrichsberg in der Küsterwohnung, und hier saß ich, wo nur eine Wand mich von der Schule trennte, in der ich meinen ersten nothdürftigen Kinderunterricht genossen hatte, und schriebHelge. Ueber dieses Gedicht ist bei dänischen Lesern nur eine Meinung gewesen und Baggesen wagte nicht, es anzugreifen; er schwieg stockstill darüber. So hatte ich nun also, was nordische Heldendichtung betraf, meine Autorität wieder gewonnen; aber meine Tadler hatten doch viele Leute zu dem Glauben gebracht, daß die nordische Heldendichtung die einzige Sphäre sei in der ich mich mit Glück bewegen könne, und daß dem Verfasser des Sanct Johannisabendspiels, der Langelandsreise, Freia's Altars und Aladdin's vonder Natur kein Beruf für das Komische und Witzige verliehen sei. Daß dies mich verstimmte, war natürlich. Nach Allem, was ich in der Kunst gewirkt hatte, noch wie ein Schulknabe betrachtet zu werden, der in seinen Zeugnissen baldMittelmäßig, baldSchlechterhielt, war ein trauriger Lorberkranz. Hiezu kam, daß sich meine ökonomischen Verhältnisse auch verschlechterten, theils durch Mangel an sicherer Einnahme, denn ich hatte nur 1200 Thaler Gehalt mit Weib und drei Kindern, theils durch mein schlechtes Buchhändlertalent. Die ersten meiner Werke, die reißend abgegangen waren, hatte ich den Buchhändlern fast für Nichts gegeben; nun verlegte ich selbst Werke, die von Baggesen und seinen Anhängern heruntergerissen wurden, und obwohl ich an ihnen Etwas hätte gewinnen können, wenn ich sie verkaufte, so verlor ich nun und gerieth in Schulden, die sich um Vieles steigerten, als im Jahre 1813 dieGeldreorganisationeintrat, die nicht allein mich, sondern viele reichen Leute zu Bettlern machte!

Verfehlte Buchhändlerspeculation.

In solchen Stimmungen wird die Begeisterung für das Hohe und Große bei der Nation und zugleich bei dem Dichter geschwächt. Was dazu beitrug, diese allgemeine Verstimmung zu vergrößern, warNapoleon'sFall. Die Dänen hatten es stets mit ihm gehalten und theilten nicht die Freude der heiligen Alliance, als er das unglückliche große L'hombrespiel mit Blücher und Wellington gespielt, mit Spadille quaskirte, und, obgleich er beinahe gewonnen hätte — durch ein dreistes, unvermuthetes Ausspielen von Blücher, der in der zweiten Hand saß und das erste Mal gestochen war, es Wellington ermöglichte, Napoleon in der Hinterhandbêteja sogarcodillezu machen.

Man weiß, daß es nicht meine Art ist, viel zu politisiren, das heißt, mich groß mit den Staatsbewegungen der Zeit und des Augenblickes zu beschäftigen. Hierzu gehört, daß man dem Journallesen einen so großen Theil seiner Zeit opfert, daß es dem Künstler und dem Dichter schadet, dessen Beruf es ist,nicht für den Augenblick, sondern, so gut er kann, für die Ewigkeit zu wirken, indem er die Erinnerungen der Vergangenheit und die Ahnungen der Zukunft mit der Zeit verbindet, in der er lebt. Aber ein Dramatiker, ein historischer Tragiker ist kein Kind, das nur in seinen eigenen Träumen dahingeht. Jede historische Tragödie ist politisch und in den Staatsverhältnissen der Zeitalter, der Nationen begründet. Diese braucht er nur nicht aus ermüdenden, weitläufigen Verhandlungen, sondern in der Quintessenz zu kennen. Diese Quintessenz war mir stets von Wichtigkeit, auch in der neuesten Periode meiner eignen Lebenszeit, und deshalb giebt es wenige historische Hauptwerke, die ich nicht gelesen.

Gedanken über Napoleon.

Es ging mir nicht wie vielen Anderen: ich lernte Napoleon im Anfange nicht von der brillanten Seite kennen; im Gegentheile von der Schattenseite. Während der Schlacht bei Jena war ich in Weimar von dem Haß der Deutschen gegen ihn umgeben. Ich lernte ihn bald als den herrschsüchtigen Unterdrücker kennen, später aber auch seine großen Eigenschaften schätzen. Das Große bei Napoleon bestand darin, daß er einGeniewar; und das Schöne seiner Zeit darin, daß das Genie herrschte. Denn das Mißverhältniß, in dem gewöhnlich die unterdrückten geistigen Kräfte zu der zufälligen oft kleinlichen Macht stehen, fand unter ihm nicht Statt; jede ausgezeichnete Tüchtigkeit, die sich ihm anschloß, konnte ziemlich gewiß sein, Glück zu machen. Napoleon war ein mathematisches Genie und ein großer Held. Aber er war auch Welt- und Menschenkenner, und verband mit seinem Genie in hohem Grade den unentbehrlichen (und doch so oft fehlenden) praktisch gesunden Menschenverstand. Kraft, Fleiß, Aufmerksamkeit, Ueberblick waren bei ihm außerordentlich, und machten ihn zu einem ebenso tüchtigen und seltenen Fürsten im Frieden, wie Helden im Kriege. Unglücklicherweise war er, wenn ich es so nennen darf, auf dem einen Ohre taub: das heißt, ein großer Theil des Lebens sowie auch der Zeit, die er nur halb verstand, entging ihm. Zwei wichtigeDinge fehlten ihm: er konnte nicht Deutsch und war kein Schöngeist. Als Repräsentant der neuern Zeit hätte er auch die letzten Kapitel der vorhergegangnen Zeit lesen sollen, und das hatte er nicht gethan; den ganzen Fortschritt der Intelligenz in Deutschland kannte und achtete er nicht. Er hatte Recht, sich von spitzfindigen, philosophischen Verschrobenheiten abzuwenden; aber er haßte alle tiefdenkenden, frei fühlenden Schriftsteller; er sonderte die Spreu nicht vom Weizen, und unter dem ihm verhaßten Namen von Ideologen verwarf er sie alle. Ehrgeiz hatte ihn stets hingerissen; nun auf der Höhe seiner Gewalt bekam leider Eitelkeit das Uebergewicht. Er begann als Vertheidiger der Freiheit, und endigte damit, Alleinherrscher sein zu wollen. Ganz Europa hätte er gern unter sein Scepter gebeugt. Es ist höchst wahrscheinlich, daß er den Ländern Wohlstand und gute Einrichtungen gebracht und unzählige Mißbräuche abgeschafft hätte; aber er hätte auch die schöne Verschiedenartigkeit der Nationen verwischt, deren es, um sie zu begreifen, zu schätzen, zu beurtheilen, einespoetischenGeistes bedarf. Und wenn er auch in sichselbstdie Kraft fühlte, ein solcher Herrscher zu sein; was sollte nach seinem Tode werden? Sein Egoismus war unendlich, und die Eitelkeit untergrub seine Macht. Er gab Oesterreich nach und benutzte nach der Schlacht bei Austerlitz seine Vortheile nicht. Er wollte sich durch Verheirathung einem alten Herrschergeschlechte anschließen. Er hatte Nichts dagegen, obgleich er darüber lächelte, daß man ihn in die griechische Kaiserfamilie der Komnenen hineinlügen wollte. Es giebt ganze Nationen, die fast aus lauter Edelleuten bestehen: Die Isländer, die Hochschotten, die meisten Polen und Ungarn, und die Corsikaner wollen auch alle adelig sein. Diese Forderung wurde auf der kleinen Insel auf 400 Familien eingeschränkt, deren eine Napoleon's war. Aber es tröstete doch den Kaiser Franz ein Wenig, daß sein Schwiegersohn kein vollständiger Roturier war. Napoleon's Mangel an poetischem Sinn veranlaßte ihn, alle Menschen über einen Kamm zu scheeren; aufdas Characteristische, das die Handlungen bestimmt, verstand er sich nicht. Deshalb täuschte er sich so sehr in den Spaniern, den Russen, und als die Begeisterung in Deutschland von den Universitäten her und durch die Dichter geweckt worden war, in den Deutschen. Er hatte kein warmes Herz; man konnte es nicht klopfen fühlen, wenn man ihm die Hand auf die Brust legte; aber er war freundlich und oft liebenswürdig im Umgang, wenn er nicht böse war; er konnte Scherz, selbst Neckerei (z. B. von der Herzogin von Abrantes) vertragen; er ließ sich, selbst ein Gelehrter, gern in Gespräche mit ausgezeichneten Gelehrten ein; auch vorzügliche Künstler und Dichter achtete er, aber es hatte doch keine rechte Art damit. Er sagte wohl einmal, hingerissen von Corneille's beredter Schilderung der Heldenkraft, daß er ihn zum Herzog machen würde, wenn er noch lebte; aber nun war Corneille glücklicherweise todt, und er wagte also Nichts bei diesem Versprechen. Daß er nicht den Muth hatte, seinenFreundTalma (der ihn so viel schöne Manieren gelehrt, und ihm in den Jünglingsjahren als armen Lieutnant Geld geliehen hatte) zum Ritter der Ehrenlegion zu machen, und so das elende Vorurtheil gegen den Schauspielerstand auszurotten, ist bekannt. Als er dem an den Felsen gefesselten Prometheus gleich war, liebte ich Napoleon wieder. Ich sagte wie Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar: „Joy, for his fortune; honour for his valour; and death, for his ambition!“ Grausam war er nicht; denn daß er viele Jahre hintereinander die Menschen tausendweis auf dem Wahlplatz tödten ließ, kann nicht Grausamkeit genannt werden; dies war eine Kampflust, welche er mit dem ganzen Heere theilte, und bei welcher er sein Leben jedes Mal ebenso sehr aussetzte, wie das jedes Andern. Er entschuldigte sich hier mit Gründen, vor denen das fühlende Herz Abscheu empfindet, die aber Vernunft und poetisches Gefühl schwerlich angreifen konnte: „der Krieg stärkt Kraft und Muth des Mannes, rottet das Kleinliche aus und bietet Gelegenheit, Unzählige zu beschäftigen, die die Armuth sonst zuGrunde richten oder entsittlichen würde.“ Zu Napoleon's Zeit drohte kein Proletarier; kein Cartouche oder Mandrin wurde gerädert; unter Bonaparte wären sie vielleicht Generale geworden. Aber als er gegen das Ende hin seine Aufgabe übertrieb und Alle merkten, daß er nicht mehr für Frankreich, sondern für sich kämpfte, da verlor er auch das Zutrauen und die Liebe der meisten seiner Generale. Napoleon schlug seine Feinde in drei Lebensperioden auf drei Arten: erstens durch seine eigne und die Begeisterung und den Muth der französischen Revolutionsmänner; dann durch seine Kriegskunst, wie ein großer Schachspieler auf dem europäischen Schachbrette; endlich durch die Masse, durch das Uebergewicht der Truppen. Diese letzte Art war die am wenigsten ehrenvolle und richtete auch das Land zu Grunde, das er vertheidigen sollte; es raubte Frauen und Kindern ihre Männer und Väter; zwang halb erwachsene Knaben, die kaum das Gewehr schleppen konnten, mit in den Krieg zu ziehen; und die Felder konnten nicht hinreichend bebaut werden. Wenn der Krieg zu Ende war, fühlte Napoleon Mitleiden mit den verwundeten Kriegern. Aber das Leiden, welches das Gefühl zu augenblicklichen Thränen durch die Einwirkung eines sinnlichen Bildes auf die Phantasie rührt, ist nicht das wahre Mitleiden, das in dem Herzen und der Liebe wurzelt und dem verwandt ist, welches der Erlöser für die ganze Menschheit empfand. Dieses höhere Gefühl kannte Napoleon nicht. Deshalb war er sich auch trotz seines stolzen Ehrgeizes nicht der höhern Menschenehre bewußt. Mit dieser hätte er nicht angefangen, sein Heldenglück auf eine demüthigende Weise durch den Einfluß eines Weibes zu machen; hätte er nicht die Freundin des Revolutionsmannes Barras geheirathet, um weiter zu kommen; mit diesem Gefühle hätte er seine Macht nicht durch das gemeine Spioniren von Talleyrand und Fouché, zweier Elenden, die er selbst verachtete, gestärkt; mit diesem Gefühl hätte er nicht die unverzeihlichen Justizmorde an Palm und dem Herzog von Enghien begangen.

Aber ich weiß sehr gut, daß weder Alexander der Große, noch Julius Cäsar moralisch besser waren, als Napoleon; und wenn wir mit Alexander und Cäsar gelebt hätten, so würden wir sie trotz all' ihrer Fehler doch sehr vermißt haben, wenn sie dahingegangen wären und die Mittelmäßigkeit wieder in ihr altes Recht eingetreten wäre, und ihr einfältiges Haupt wieder erhoben hätte.

Wie bereitwillig ist das Herz nicht, den großen unglücklichen Mann zu entschuldigen und ihm zu vergeben, der, indem er außerordentliche Kräfte an den Tag legte, die Menschennatur zu unsterblicher Ehre führte? „Führe uns nicht in Versuchung,“ beten wir Alle; dem Dichter und Künstler ist es leicht, das zu entwickeln, was die Natur ihm gegeben hat; er braucht als Material nur das Bild der Natur, die Geschichte und seine eigne Phantasie. Aber der Held und der Staatsmann findet seinen Stoff in der Nation, in den bürgerlichen Institutionen und den Lebensverhältnissen. Die soll er ausbilden; und hier führt die widerstrebende Natur der Dinge ihn oft auf Irrwege, oft dahin, Mittel zu wählen, die vor dem Richterstuhle der Moralität nicht vertheidigt werden können, und doch die einzig möglichen waren, um das Ziel zu erreichen. Die Spitzfindigkeit, der Macchiavellismus entschuldigt sie; der Jesuitismus vertheidigt das Mittel des Zweckes wegen; aber dies ist eine gefährliche Philosophie, welche zu den größten Lastern und Verbrechen führt.

Der Gräfin Mynster letzte Tage.

Ich hatte geradeHelge, als eine Frucht meiner stillen Stunden in der einsamen Küsterstube, beendigt, als eine traurige Begebenheit mir den Aufenthalt daselbst zuwider machte, und mich veranlaßte, meine Sommerwohnung nicht mehr in dem schönen Septembermonat zu benutzen. Meine Freundin, Gräfin Mynster, hatte lange an einer tiefen Melancholie gelitten, welche anfing gefährlich zu werden, weil sie sich immer mehr und mehr dem stillen Wahnsinn näherte. Ich hatte sie lange nicht gesehen,als Frau Brun mich bat, nach Sophienholm auf Frederiksdal hinauszukommen, wo Gräfin Mynster versprochen hatte, sie zu besuchen. Frau Brun meinte, daß wenn es Jemanden gäbe, der die Gräfin Mynster aufmuntern und in eine heitere Laune versetzen könne, ich dies sein müsse, ich, dem es früher oft durch poetischen Scherz und freundschaftliche Liebe, zuweilen selbst durch einen etwas dreisten Spott gelungen war, die allzuweit in den höheren Regionen zwischen kalten Wolken umherschwebende Seele des edlen Weibes in die tieferen Thäler herabzuziehen, wo Wärme, Schatten, Blumen und Früchte waren. Ich kam also hinaus und fand sie im Sopha sitzen; aber kaum hatte ich sie gegrüßt und mein Auge auf das ihrige gerichtet, als ich sah, daß — es vorbei sei; es war nicht mehr die geistreiche, freundliche, nur allzu gefühlvolle Dichterin; es war das Gespenst der Dahingegangnen, das mit einem todten, träumenden Nebelblicke auf mich hinstarrte. Die Unterhaltung war matt und inhaltslos; sie antwortete kaum mit den nothwendigsten Worten, dann schwieg sie wieder und starrte vor sich hin. Wir gingen im Garten beim Wasser spazieren und ich achtete sorgfältig auf sie, doch ohne daß sie es merkte, weil ich fürchtete, daß sie hineinspringen würde. Als wir wieder ins Haus kamen, nahm ich mit einem Gefühle Abschied, welches ich unterdrückte, und in der festen Ueberzeugung, daß sie sich nie wieder erholen würde.

Dies war nur allzuwahr und ich sah sie nie wieder. Als Hofdame der Königin war sie mit nach Friedrichsberg hinausgefolgt; sie wohnte neben den anderen Hofdamen, die sie Alle liebten und sorglich beobachteten. Aber eines Tages hatte sie sich von der Tafel dispensirt, weil ihr nicht ganz wohl sei. Gleich nach aufgehobner Tafel eilte Fräulein Levetzau zu ihr — fand aber die Thür verschlossen. In Angst eilte sie zur Herrschaft zurück und theilte ihre Befürchtungen mit. Der König ging selbst zum Zimmer der Unglücklichen, ließ die Thür aufbrechen und fand sie — todt!

Leichenbegängniß der Gräfin Mynster.

Keine Leiche, welche nicht königlich war, durfte der Etiquettezufolge auf dem Schlosse bleiben. Man war in Verlegenheit, wohin man die Leiche bringen solle. Als ich dies hörte, sagte ich: „Bringt sie in meine kleine Küsterwohnung, dort kann ihr Sarg stehen, bis sie begraben wird und von da sind es nur wenige Schritte bis zum Kirchhofe.“ Damit war man auch sehr zufrieden und von hier aus ging auch der Zug, dem sich ihre Verwandten und alle Hofcavaliere anschlossen. Brandis und ich folgten auch; wir gingen zusammen. Wäre ich abergläubisch gewesen, so hätte ein eigenthümlicher Zufall mich unruhig machen können; aber ich kümmerte mich nicht darum und es hatte auch keine Folgen. Als der Sarg in das Grab hinabgesenkt war, wollte ich ihn noch einmal sehen, strauchelte aber über einen Erdhaufen, fiel und schlug mir den Nagel am rechten Daumen, so daß er blau unterlief. Ich zeigte ihn Brandis, der mir natürlich mit ernster Miene ein Unglück prophezeihte.

Die elendesten und dümmsten Gerüchte haben sich später über die Ursache des Todes dieses edeln Weibes verbreitet, als ob es Gewissensbisse gewesen wären. Ich, der ich ihr Freund war, und sie kannte, weiß, daß sie das edelste, reinste Herz war, dessen ganzes Unglück darin bestand, daß es sich einer allzu überspannten Sentimentalität hingab. Soviel ich weiß, ist diese Geisteskrankheit auch erblich gewesen, und sie war nicht die Einzige in ihrer Familie, die daran litt.

Vorbereitungen zur Königskrönung.

Im Sommer 1815 fand die Krönung auf Friedrichsberg statt. Ich schrieb ein Gedicht und ein Lied zu diesem vaterländischen Feste. In einer Audienz beim Könige bat ich ihn um die Erlaubniß, ihm das Gedicht vorlesen zu dürfen. Er gestattete es mir, stellte sich gerade vor mich hin, stützte sich auf seinen Säbel und blickte mich wie ein General an, der einen Rapport von seinem Adjutanten erwartet. Ich las, und merkte, daß es ihn rührte. Als ich an die Stelle kam:

„Wer hielt mit VaterhandDie grünen Inseln fest an JotalandAls rund Europa bebt'? Wer hat's gethan?Er that es, Friederich, der echte Sohn von Dan!“

„Wer hielt mit VaterhandDie grünen Inseln fest an JotalandAls rund Europa bebt'? Wer hat's gethan?Er that es, Friederich, der echte Sohn von Dan!“

„Wer hielt mit VaterhandDie grünen Inseln fest an JotalandAls rund Europa bebt'? Wer hat's gethan?Er that es, Friederich, der echte Sohn von Dan!“

rollte eine Thräne aus seinem Auge herab, aber er verzog keine Miene, blieb in seiner militärischen Position und schlug mit der Hand nach der Thräne, als ob es eine Fliege gewesen sei, die sich auf seine Wange setzen wollte.

Als ich an die Stelle vom wunderbaren Glückswechsel des Geschickes kam, wie:

Margaretha's VaterWard der, der kurz zuvor nur Christophs Sohn gewesen,

Margaretha's VaterWard der, der kurz zuvor nur Christophs Sohn gewesen,

Margaretha's VaterWard der, der kurz zuvor nur Christophs Sohn gewesen,

schlug er das Auge nachdenkend empor, als ob er im Buche seines Gedächtnisses nachblättern wollte, wen ich damit meinte. Als ich fertig war, sagte er in einem fast barschen Tone: „Ich will Ihnen Nichts sagen; Sie haben selbst gesehen, welchen Eindruck Ihr Gedicht auf mich gemacht hat.“ Ich dankte ihm, erzählte, daß ich noch ein Lied zur Krönung geschrieben habe, und daß ich den Studenten vorschlagen würde, es auf Friedrichsburg im Schloßgarten zu singen, wenn er es erlaubte. Er erlaubte es, ich verbeugte mich und ging.

Der Oberhofmarschall Hauch.

Aber der Oberhofmarschall hatte indessen mit vieler Mühe, wie solch' eine Arbeit sie immer macht, ein weitläufiges Ceremoniel darüber ausgearbeitet, wie der Aufzug und die Einrichtung beim Krönungsfest sein sollte. Was das Ganze hier schwieriger machte, war die Lage des Schlosses mitten in einem See, wodurch der Platz sehr beschränkt wurde, da der Hof nur sehr enge Eingänge hatte. Wenn nun alle königlichen Personen, Minister und die Beamten der drei ersten Rangklassen, zugleich mit der Garde zu Pferde und zu Fuß Platz haben sollten, so blieb natürlich kein Platz für die Studenten übrig; und es wäre in dem engen Raume sehr schwierig gewesen, sie hin- und zurückgehen zu lassen. Hierin hatte nun der Oberhofmarschall vollkommen Recht; er hatte auch Ursache, ärgerlich zu werden, wenner sahe, daß man seine mühevolle Arbeit verderben wolle, und da er heftiger Natur war, so war es natürlich, daß er böse wurde. Er hatte nur Unrecht, diesem Zorne Luft zu machen, und ihm einem Manne gegenüber zu äußern, der auch böse werden konnte. Hätte er freundlich geschrieben, mit ein paar Worten erklärt, weshalb er den Aufschub wünsche, und mich um denselben gebeten, bis der König nach Friedrichsberg zurückkehrte, so hätte ich mich gleich mit Vergnügen darein gefunden. Nun aber bekam ich ein paar schroffe Zeilen, in denen nur stand, „daß es sich auf keine Weise thun ließe, da kein Platz sei,“ mit der Unterschrift: „Pflichtschuldigst Hauch.“ Eine halbe Stunde darauf hatte er eine Antwort von mir, in welcher stand: „Se. Majestät haben uns zu kommen erlaubt und wir kommen.Pflichtschuldigst Oehlenschläger.“ Mit dieser Antwort ging er zum Könige, der aber sagte: „Er solle zu mir gehen und die Sache in Güte abmachen.“ Ich lag am nächsten Morgen noch im Bette, als das Mädchen hereinkam und sagte: „Der Oberhofmarschall sei da, und wünsche mit mir zu sprechen.“ Ich eilte in die Kleider. Die Einleitungsrepliken waren ziemlich warm und ich sprach endlich mit so lauter Stimme, daß er mich fragte: „ob ich nicht die Fenster nach der Straße hin öffnen wollte, damit die Leute uns hören könnten.“ Aber was war das Ende des Gesprächs? daß der edle Hauch mich umarmte, küßte und mir sagte: „Wenn man am Hofe lebt, so legt sich endlich eine harte Kruste wie eine Schale um das Herz. Wenn wir in der Zukunft Etwas mit einander abzumachen haben, so wollen wir zusammensprechen. Die Buchstaben sind schwarz.“ — „Nun können Ew. Excellenz gewiß sein, in mir stets einen Freund und Bewunderer zu haben,“ antwortete ich. So schieden wir freundlich von einander, und dieses Verhältniß hat sich bis zum Tode des edeln Mannes viele Jahre darauf nicht verändert, wo ich ihm einen Grabgesang dichtete, und ihn zu seiner letzten Ruhestätte begleitete.

Aussöhnung mit Thaarup.

Bei dem prächtigen Krönungsfeste war ich auf dem SchlosseZuschauer, und sah wie der König und die Königin vom Bischof Münter gesalbt wurden. Zu Mittag hatte Thaarup mich eingeladen. Wir hatten kurz vorher unsere alte Bekanntschaft erneuert. Er hatte seit mehrern Jahren Nichts von Bedeutung geschrieben. An die zwölf Studenten, die Baggesen auf gut Latein herausforderten, hatte er dagegen kurz vorher auch auf gut Latein in dem Tageblatt eine Ermahnung zu Mäßigkeit und Bescheidenheit gerichtet. Die Ermahnung setzte Viele, besonders der Sprache wegen, in Erstaunen, da Thaarup wahrscheinlich, seitdem er vor einigen dreißig Jahren seine Examenarbeiten geschrieben, seine lateinische Feder nicht eingetaucht hatte; und man weiß doch, daß es, — wie bei den Battemens im Tanz und den Solfeggien im Gesang, — steter Uebung bedarf, um gut Latein zu schreiben. Ich hatte mich mit diesem ehrwürdigen Veteran ausgesöhnt; sein schneeweißes, dichtes Haar, seine schönen, blauen Augen, sein römisches Gesicht und sein männlicher Ausdruck, in dem trotz des satyrischen Lächelns die Freundlichkeit strahlte, ließen mich in ihm noch den Dichter des „Erntefestes“ lieben. Aber was ihn mir bei dieser Gelegenheit noch lieber machte, war der verletzte Stolz mit dem er die Einladung zu dem Festessen abgewiesen hatte, das den Sängern und den Mitgliedern der Kapelle gegeben wurde. Thaarup fühlte, daß er wohl einen Ehrenplatz verdiene; aber da ihm der Titel des Etatsraths (den Prahm hatte) fehlte, so hatte er selbst für Proviant gesorgt. Er hatte auf einem Bauernwagen Schinken, Braten, Kuchen und Wein mitgenommen, sowie wenn man in früheren Zeiten von Kopenhagen aus in den Wald fuhr. Eine kleine Bauernstube hatte er gemiethet. Hier gebrauchte er selbst sehr fleißig den Propfenzieher, als der alte und der junge Dichter nicht fern von dem Treiben des Hofes auf das Wohl des Königs und der Königin tranken. Der kräftige Greis rührte mich durch seinen edeln Stolz; die Gedichte, welche er zum Fest geschrieben hatte, waren ziemlich matt; hier aber fühlte ich noch die Seele wieder in ihrer vollen Kraft blühen.

Einige Tage darauf wurde es den Studenten gestattet, am Nachmittage hinauszukommen, und das von mir verfaßte Lied auf dem Platze an der Steintreppe gerade über den Terassen zu singen. Die Stunde war, glaube ich, auf sieben Uhr festgestellt. Nun hatte ich die Dreistigkeit, am selben Tage den Mittag bei meinem FreundeBechauf einem Gute vor dem Osterthore zuzubringen. Als es Zeit war, fuhr ich nach Friedrichsberg; der Wagen rollte rasch dahin; aber ich hatte vergessen, daß ich, wenn ich nach Friedrichsberg kam, erst seidene Strümpfe anziehen und die Stiefeln gegen Schuhe auswechseln mußte. Ich fürchtete, zu spät zu kommen, und bat den Kutscher, aus allen Leibeskräften zu fahren. Das that er denn auch; aber so langsam die Uhr ging, kam mir's doch vor, als ob sie rascher ginge, als die Pferde. Als wir an das Rondel vor dem Friedrichsberger Garten kamen, hatten wir Mühe, uns mit dem Wagen durch den breiten Menschenstrom zu drängen, der sich von der Allee aus bis in den Garten hinbewegte, um Zuschauer des Festes zu sein. Der Oberhofmarschall hatte mich mit Ungeduld erwartet, und als er hörte, daß es noch „Liebe ohne Strümpfe“ sei, und daß ich zu meinem Vater hinuntergehen wolle, um Toilette zu machen, bot er mir gleich ein Zimmer und seinen Diener zur Hülfe an, indem er mit dem Kopfe schüttelte, als ob er sagen wollte: „Die Poeten sind doch ein verdammtes Volk.“ Nun beeilte ich mich und kam auch noch zeitig genug zu den Majestäten, die uns sehr gnädig empfingen. Es war ein ungeheures Menschengewimmel da, und die Studenten sangen das Lied vortrefflich.


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