Ernennung zum Ritter des Dannebrogordens.Der Dichter frühere Geltung.
Am Krönungsfeste wurde ich Ritter des Dannebrogordens, wofür ich wohl zum Theil meinen Krönungsgedichten zu danken hatte. König Friedrich VI. war aus der alten Zeit, und wenn ich von ihm sage, daß er mit allen seinen übrigen guten und vortrefflichen Eigenschaften sich nicht auf Poesie verstand und sienicht genug achtete, so sage ich nur, was auf viele andere brave, ausgezeichnete Männer seiner Zeit paßt. Das Uebel, die Poesie gering zu achten, war ein alter Schaden, der sich besonders in den protestantischen Ländern gleich nach der Reformation zeigte, die trotz ihres großen Fortschrittes in der menschlichen Kulturgeschichte den Fehler hatte, das Schöne und die Werke der Phantasie zu wenig zu schätzen. Bei den Griechen genossen die Dichter die höchsten Ehren; die Römer ahmten ihnen nach und Augustus und Mäcen ehrten Horaz und Virgil auf gleiche Weise. In dem alten heidnischen Norden war der Skalde der Freund und Vertraute des Königs; in Italien, Spanien und Portugal traf es sich oft, daß Adelige Dichter waren; aber in der Periode, welche der Reformation voranging, war das Herz erschlafft, es herrschten keine ausgezeichneten Fürsten, große politische Unruhen hatten vorher Dante verfolgt; Petrarca schwärmte in seiner Einsamkeit; Ariost und Tasso waren in unsicherer Stellung; Cervantes lebte von Privatunterstützung; Camoëns starb fast Hungers. Die Königin Elisabeth von England war trotz ihrer großen Eigenschaften kein Schöngeist, hatte ein kaltes Herz, und die Mörderin der Maria Stuart ahnte nicht, welchen Schatz sie und England im Shakespeare besaß. Walter Scott hat in Kenilworth mit historischer Wahrheit den großen Dichter dargestellt, der beim Feste mit den anderen Domestiken in der Speisekammer ißt. Ludwig XIV. liebte die Poesie als zum höhern Luxus gehörig, und ein gewisses, geistiges Element, wenn es übrigens sclavisch seiner Allmacht und dem herrschenden Vorurtheil huldigte, gefiel ihm. Ludwig XV. hatte für nichts Anderes Sinn, als für Sinnlichkeit. Er hielt Diamanten und Glasperlen in der Kunst für Eins und Dasselbe. Wenn von Poeten die Rede war, so zählte er mehrere Dutzend an den Fingern auf, wobei Madame Pompadour ihm half. „Wie könnte man sie alle ehren und belohnen?“ fragte er, und Madame Pompadour gab ihm vollkommen Recht. Was damals Etwas dazu beitrug, der Poesie ihren Glanz wiederzuverleihen, war Friedrich's II. Liebe fürdas Französische und seine Freundschaft zuVoltaire, die, obgleich sie ein tragisches Ende nahm, doch lange Zeit hindurch Viel dazu beitrug, die französische Literatur zur Hof- und Toilettenlectüre zu machen. Merkwürdig ist die allgemeine Hochachtung, welche Klopstock sich erwarb; aber das konnte er zum großen Theil dem Stoffe seines Gedichts: die Messiade, danken; er bewegte mehr das religiöse, als das poetische Gefühl, und mit der Religion war es damals in vielen Herzen Ernst. Aber obgleich er seine Unterstützung von Dänemark erhielt, so merkte man doch lange Zeit nichts von einem Interesse für die dänische Kunst. Das Deutsche hatte bei dem Hof die Ueberhand gewonnen. Holberg, obgleich er für sein eignes Geld Baron wurde, ward von der vornehmen Welt doch nicht als Dichter geachtet; seine vortrefflichen Komödien wurden als Farcen für den Pöbel betrachtet. Unglücklicher Weise hatten Ewald und Wessel nicht Kraft genug, dieser Geistesrichtung entgegen zu arbeiten; sie suchten Trost in der Flasche, und ertränkten in derselben nicht nur ihre Sorgen, sondern zuletzt auch ihr Genie. Ausgezeichnete Gelehrte und Beamte hatten mit ihrer ästhetischen Bornirtheit dazu beigetragen, die schönen Künste in Mißcredit zu setzen. Ebenso wie Gram den Holberg verachtet hatte, so verschmähte Luxdorph den Ewald und fand seinen Balder unter aller Kritik. Friedrich VI. war kein Schöngeist; aber kein ausgezeichneter Beamter in seiner Umgebung war es in viel höherm Grade, als er; und bei den Gelehrten herrschte dasselbe Vorurtheil; sie achteten die Poesie nur in Nachahmung des Griechischen und Lateinischen.
Was in meiner Jugend doch Etwas dazu beitrug, die Poesie zu ehren, war das Glück, welches sie in Weimar gemacht hatte, wo ein junger Mann durch sein Dichtergenie sich zum Minister emporgeschwungen hatte, und wo die herrliche Herzogin Amalie die Schöngeister rund um sich her versammelte und Weimar zu einem Athen machte. Aber Weimar war ein kleines Herzogthum, welches in keiner weitern Berührung mit Dänemark stand;und Göthe war hier lange Zeit durch nichts Anderes bekannt, als durch ein Buch, das man auch nicht kannte, weil seine Uebersetzung von der Polizei, als die Moralität und Sitten verderbend, verboten war. Kein Wunder also, daß eine schöne Kunst verachtet wurde, die selbst ein Plato früher aus seinem idealen Staate ausgeschlossen haben würde. Der armen Poesie ist es immer schwieriger geworden, sich geltend zu machen, als der Sculptur, Architektur, Malerei und Musik, deren Werke die Großen theils kaufen und zu Nutzen, Bequemlichkeit und Pracht selbst behalten, theils sich damit ohne Anstrengung unterhalten konnten. Die Künste sind aristokratisch, aber die Poesie ist demokratisch; sie gehört dem ganzen Volke, ihre Werke können Alle lesen, und was das Schlimmste ist, die Poesie denkt und spricht; sie war stets der Dollmetsch für die edle wahre Freiheit, der sich das Gute und Schöne unterordnet, und alle liberalen Ideen sind erst von ihr ausgegangen. Deshalb haben auch die Alleinherrscher, selbst die guten, welche sich nicht auf sie verstanden, einen heimlichen Abscheu vor ihr gehabt, als ob ein Instinkt sie vor einer Frucht warne, in der sich heimliches Gift befinde.
Wenn die alten Skalden zum Preise der Könige sangen, erhielten sie einen goldnen Armring; als Friedrich VI. vor sieben Jahren den Dannebrogorden erweiterte, so daß derselbe nicht nur ein vornehmer Hofschmuck, sondern ein wirkliches Ehrenzeichen sein sollte, gab er gleich Thaarup, der ihn in dem Erntefest und in Peter's Hochzeit besungen hatte, diesen Orden. Vor sieben Jahren hatte ich bereits Aladdin und Hakon Jarl geschrieben; aber dafür bekam ich ihn nicht, nun erhielt ich ihn.
Einer, der ihn nicht bekommen hatte, nicht erhielt und mit Recht meinte, daß er ihn wohl verdient hätte, war Baggesen. Da Baggesen es nicht an Weihrauch für den König gespart hatte, und da er ein ausgezeichneter Dichter und als solcher von Friedrich VI. anerkannt war, so kann man sich die Zurücksetzung auf keine andere Weise erklären, als daß der König mit Baggesen's damaligem Benehmen unzufrieden war. Ein Mann, der injener Zeit Baggesen's Vertrauen besaß, hat mir erzählt, daß derselbe deshalb besonders einen tödtlichen Haß auf mich geworfen hätte, und ich war doch ganz unschuldig.
Andersen Feldborg.
Im Sommer 1816 hatte ich die Freude, mit meiner ganzen Familie in Friedrichsberg bei dem LieutnantBonsach, dem Bevollmächtigten meines Vaters, zu wohnen. — Eines Tages, als ich in meiner Einsamkeit mit einem englischen Buche dasaß und mich darüber ärgerte, daß ich nicht besser Englisch verstand, trat ein Fremder ein, um meine Bekanntschaft zu machen. Er war bleich, von etwas gelber Farbe und blatternarbig; auch schielte er etwas mit dem einen Auge; aber sein Gesicht hatte einen gutmüthigen, muntern, etwas schelmischen Ausdruck. Er nannte sichAndersen Feldborgund kam geradeswegs von England, wo er mehrere Jahre gelebt hatte und ganz zum Engländer geworden war. Er war zu seiner armen Schwester (wie er sie nannte, obgleich ich glaube, daß ihr Nichts fehlte) herübergekommen, und, um so lange es ihm hier gefiele, Sprachlehrer zu sein. Ich zeigte ihm das Buch, in dem ich las, und sagte: „Nun das ist ja herrlich! da können wir gleich anfangen; ich bedarf gerade eines englischen Sprachlehrers.“ Diese Introduction war ganz nach seinem Geschmack; er gab mir eine Stunde und aß zu Mittag bei mir, was er später oft that. Er war ein wunderlicher Gesell. Er erzählte mir seine Erlebnisse; wie er als ganz junger Mensch die Idee bekommen hatte, nach London zu reisen, wo er ohne Zweifel in der äußersten Noth zu Grunde gegangen sein würde, wenn ihn nicht ein guter Mann getroffen und geholfen hätte, bis er bei einem Buchhändler angestellt wurde. Er verstand vortrefflich Englisch, wie ein Eingeborner, und verleugnete doch nicht seine Muttersprache. Er bekam bald so viele Stunden, als er gebrauchte, um anständig zu leben: aber er war ein großer Freund, halbe Tage vom Mittage an bei seinen Eleven, die bald seine guten Freundewurden, zuzubringen, die ihn im Anfange gern von Sir Walter Scott, den damals die ganze Welt las und bewunderte, erzählen hörten. Dieser wunderliche, lustige, lebensfrohe und doch an die größte Dürftigkeit gewöhnte Mensch hatte zuweilen einen Anfall, der mich sehr beunruhigte, als ihn derselbe einmal bei mir befiel. Dies war ein Anfall, der früher eigentlich nur die Damen befiel, aber nun selbst bei diesen nicht mehr im Gebrauch war, und den man nur noch in den alten Komödien antraf, wenn die Väter sich zu streng gegen die Töchter zeigten: er fiel in Ohnmacht. Mir wurde ganz bange, ich hob ihn auf und rief nach Riechwasser, oder, in Ermangelung dessen, nach Essig. Aber ehe der Essig kam, schlug Feldborg die Augen auf, und als er sich in meinen Armen fand, rief er: „Das ist der dritte Dichter, in dessen Armen ich heute liege.“ Er hatte nämlich denselben Anfall bei Ingemann, und bei einem Dritten gehabt, dessen Namen ich vergessen habe. Als ich merkte, daß er die Sache hier auch von der muntern Seite auffaßte, hörte meine Furcht auf. Er erholte sich sehr bald und aß mit dem gewöhnlichen Appetit zu Mittag.
Er kam auch oft zu Rahbeks. Ein Mal blieb er des Abends so lange dort, daß sie ihm auf ein paar Stühlen ein Bett zurecht machen mußten, weil es zu spät war, um vor Thoresschluß die Stadt zu erreichen. Später, wenn dies wieder geschah, schlief er in einem kleinen Wirthshause auf der Westerbrücke, welches zum „blauen Ochsen“ hieß. Als er eines Abends etwas lange mit dem Fortgehen zögerte, machte Frau Rahbek ihn in ihrem gewöhnlichen scherzenden Tone darauf aufmerksam, daß das Hügelhaus nicht der blaue Ochse sei, worauf er schnell forteilte.
Auf Friedrichsberg hatte ich einen Besuch von dem berühmten E. M.Arndt, nicht dem früher erwähnten Sonderling, sondern dem Professor in Bonn, dem Verfasser vom „Geist derZeit,“ nach seiner Art auch ein Alterthumsforscher. Er beschäftigte sich nämlich damit, die Spur der Ausbreitung der alten Volksstämme zu untersuchen, die sich natürlich nicht nach den gegenwärtigen geographischen Eintheilungen richteten. Arndt war in Schweden gewesen und hatte sich über die Dalekarlier gewundert, ein untersetztes schwarzhaariges, heftiges Geschlecht, von südlicher Natur, nach Arndt's Ansicht durch eine unbekannte Völkerwanderung zwischen die schlanken, blonden, ruhigen Skandinaven eingekeilt.
Bühnen-Conflicte.
In diesem Jahre bekam ich den unglücklichen Einfall, Freia's Altar zu einer Komödie umzuarbeiten, in der ich, trotz meiner Tadler, die Ausgelassenheit noch weiter trieb, die man in Freia's Altar getadelt hatte. Obgleich Verschiednes in der Umarbeitung wirklich besser wurde, z. B. Guilielmo's und Clausine's Liebesverhältniß, und obgleich Madame Geldschlingels Scenen den anderen wohl nicht viel in Heiterkeit nachgeben, ohne das Decorum zu übertreten (denn es ist, wie einer der Vertheidiger des Stückes richtig sagte, ein Unterschied zwischen einer betrunkenen Frau und einer Frau, die trinkt), so leugne ich doch nicht, daß das Stück durch diese Umarbeitung zu reich an Späßen wurde, und Etwas von seiner ersten jugendlichen Naivetät verlor. Bilbo, der der einzige eigentlich übertriebne Character im ersten Stück ist, wurde es hier noch mehr. Die Grille, das Stück so auf die Bühne zu bringen, lag wohl theils in einem gewissen Stolz, daß ich, der doch anerkannte Dichter, durch die ewigen Zurechtsetzungen von Leuten gelangweilt und geärgert wurde, die meine Kunst weder verstanden, noch den echten Sinn für sie hatten; theils war ein andres Stück von mir da, das aus demselben Sauerteiche bestand, wie Freia's Altar, und das viele Jahre hindurch (und auch lange Zeit nachher) ein Lieblingsstück des Publikums war und blieb. Dies warder Schlaftrunk, in welchem die komischen Charactere und der lustige Dialogdurchaus mir gehörten, weshalb ich auch später dieses Stück in der Sammlung meiner eigenen Werke aufgenommen habe.
Freia's Altar ist als burleske Komödie gewiß viel poetischer und ebenso komisch, wie der Schlaftrunk. Sie hatte lange Zeit mit zur Lieblingslectüre der Jugend gehört; sie war mehrere Male auf Privattheatern mit großem Beifall vor Gebildeten und Ungebildeten gespielt worden. Was Wunder, daß ich (dem von der Gegenpartei nun alles komische Talent abgesprochen wurde) mein Stück gern einmal von unseren herrlichen Komikern aufgeführt sehen wollte? Aber dieser lustige Altar der Freia wurde stets von einem tragischen Geschick verfolgt, und ich benahm mich ungeschickt, um ihn zur Aufführung zu bringen. Wie sehr hätte ich mir Etwas von der Schlauheit wünschen können, mit derBeaumarchaisin Frankreich, trotz des Verbots des Königs und der Polizei, seinen Figaro in Versailles zur Aufführung zu bringen wußte; was La Harpe, der ihm einige Tage nach der Aufführung begegnete, Veranlassung gab zu sagen: „Ich bewundere den Witz in Ihrem Stücke, und noch mehr den Scharfsinn, den Sie angewandt haben, um es zur Aufführung zu bringen.“ Ich war nun einmal böse und wollte es erzwingen.
Die Theatercensoren.Rahbek und Etatsrath Olsen.
Es waren zwei Theatercensoren da; diese hatten, wie es in der Natur der Sache liegt, Macht über Leben und Tod der eingereichten Stücke in Bezug auf die Aufführung derselben, und von ihrem Urtheilsspruche ging es ohne Appell zur Execution. Rahbek und Etatsrath Olsen waren Censoren. Daß Rahbek es war, fand man trotz all' seiner Grillen und Einseitigkeiten in der Ordnung. Etatsrath Olsen war ein geselliger, angenehmer Mann, sehr sprachkundig und war Notarius publicus. Bei der Concurrenz um dieses Amt war er P. A. Heiberg vorgezogen, weßhalb dieser ihn in einer Streitschrift zum Gegenstande seines Spottes machte und versuchte, ihn, wenn auch in ein komisches Licht, so doch nicht in ein solches zu stellen, welches ihn zu einem Theatercensor geeignet machte.Olsen hatte selbst einige sehr unbedeutende Gedichte geschrieben; ich weiß nicht, ob er auf Grund derselben Censor wurde; wenn es der Fall war, so geschah dies damals vielleicht weder zum ersten noch zum letzten Male. Bredahl war schon zu Ewald's Zeiten Theaterdirector gewesen. Mein persönliches Verhältniß zum Etatsrath Olsen war ein höfliches. In sein Haus kam ich der Damen und der angenehmen Gesellschaft wegen. Er war auch einmal mein Gast; aber als Baggesen immer gröber und gröber gegen mich wurde, und da er zu Olsen's kam, zog ich mich zurück. Baggesen erwies Olsen große Achtung auch als Kunstrichter und gewann ihn ganz. Daß Olsen also, wenn es ohne Gefahr und Unannehmlichkeit geschehen könne, gegen mich sein würde, war im höchsten Grade wahrscheinlich. Was Rahbek anbetraf, so war, wie bereits gesagt, sein Geschmack beschränkt; das Burleske und Ausgelassene hielt er als unter der Würde der Kunst stehend. Die Wirkung, die es hervorbrachte, wenn das Genie, wie in Molière's und Holberg's Stücken, es schuf, bemerkte er nicht; übrigens konnte er auch nicht zu außerordentlicher Heiterkeit gestimmt und begeistert werden. Ich habe ihn nie ordentlich lachen sehen; ein schallendes Gelächter war Etwas, das ganz außerhalb seiner Natur lag; er bewunderte das Witzige verständig, ja selbst witzig, schelmisch und nicht ohne Humor; aber es war der gleichmüthige Humor, der nur in der Asche glüht und nicht zur Flamme emporschlägt. Das Starkkomische bei Molière und Holberg betrachtete er als Etwas, das nicht fortgesetzt werden dürfe, das der geschmacklosen Zeit angehörte, in der diese großen Männer gelebt hatten, und das diesen, ihrer wahren Verdienste wegen, verziehen werden müsse; diese bestanden in den Characterschilderungen und der moralischen Tendenz der Stücke. Für den eigentlich poetischen Duft dieser Werke hatte der gute Rahbek durchaus keinen Sinn, so wenig wie körperlichen Sinn für Blumenduft und andere Wohlgerüche, die er so sehr haßte, daß er ihnen Gestank vorzog.
Aber so eigensinnig er war, so gutmüthig war er, soleicht war er zu gewinnen, wenn man sich ein klein Wenig nach ihm richtete. Hätte ich mich zuerst an ihn gewandt und ihm gesagt: „Hör' einmal Rahbek! ich habe die Absicht, Freia's Altar umzuarbeiten; ich fühle selbst, daß das Stück zu ausgelassen ist; nimm Du es und mache mir einige Anmerkungen und Striche, wo Du es verändert wünschtest;“ so bin ich überzeugt, er hätte fast gar keine gemacht. Er, der lange Zeit ruhig zugesehen hatte, wie der Theaterübersetzer N. T. Brun jeden zweiten Abend die Stücke mit seinen eigenen unanständigen zweideutigen Späßen anfüllte, würde auch Freia's Altar mit seinen poetischen Scherzen durch den kritischen Schlagbaum haben schlüpfen lassen; der Theaterchef wäre dann auf seine Seite übergetreten, und Olsen war zu schwach, um dann den Schlagbaum allein niederzuhalten. Aber das that ich nun nicht; ich wollte es, wie gesagt, erzwingen. Es genügte nicht, daß ich Bilbo noch toller machte, als er zuerst war; ich schrieb auch eine Vorrede, in der ich einen schlechten Kritikus mit einem Manne mit belegter Zunge verglich, der nicht schmecken könne, weil sein Magen verdorben sei. Diesen Mann bezogen sowohl Rahbek wie Olsen auf sich; und da die Rache ihnen nur ein „Nein“ kostete, so sagten sie Beide: Nein — waren zum ersten und letzten Male in ihrem Leben einig — und das Stück wurde nicht aufgeführt.
Ich will den Leser nicht durch eine weitläufige Erzählung des Federkrieges ermüden, der hierdurch entstand. Ich schrieb eine Pieçe an das Publikum, die vielleicht einmal in einer Sammlung meiner kleinen Abhandlungen gedruckt werden wird. Rahbek und Olsen antworteten. Letzterer besonders mit vornehmer Verachtung über meinen schlechten Geschmack. Mehrere übernahmen meine Vertheidigung, unter AndernSibbern, der in einer langen Abhandlung das Stück und die Einwendung der Censoren durchging und trotz ihres Tadels glaubte, daß es durch die Umarbeitung gewonnen habe.
Ein Reiseantrag.
In diesem Herbst, als die Theatersaison schon lange wieder angefangen hatte, und ich eines Abends auf meinem gewöhnlichen Platze im Parquet saß, saß auch der Oberpräsident Moltke auf dem seinigen, gerade vor mir. Im Zwischenacte erzählte er mir, daß der junge (spätere Baron) Bertouch eine Reise ins Ausland machen solle, daß sein Vater ihm einen ältern Mann zur Gesellschaft mitzugeben wünsche, der fremde Länder kenne und dem jungen Manne durch Rath und That nützen könnte. Er fragte mich, obichnicht Lust zu dieser Reise hätte, die, wenn ich wollte, nicht über ein Jahr währen sollte? Ich nahm das Anerbieten gern an.
Aber als sich die Stunde des Abschieds näherte, wurde mir das Herz schwer, und mich erfüllte eine tiefe Wehmuth, weil ich meine Familie verlassen sollte. Ich lag am Abend auf dem Fußboden im Zimmer beim Kaminfeuer, und ließ die Kleinen um mich herkrabbeln; ich spielte mit ihnen, wie ein Kind; sie lachten und waren lustig und merkten nicht, daß mein Gesicht jeden Augenblick in Thränen schwamm.
Mir war, als ob wir uns nicht Alle wiedersehen sollten. Aber in der Liebe liegt stets Furcht vor dem Scheiden, und ein wehmüthiges Gefühl folgt dem Gedanken an irdische Trennung und himmlische Wiedervereinigung, deshalb erweckt jeder Abschied auf lange oder kurze Zeit die himmlische Liebe in der Menschenbrust, und selbst in dem täglichenLebewohl, einem Freunde gegenüber, liegt ja Etwas von diesem heiligen Gefühle.
Auszug aus meinen Reisebriefen1817.
Beginn der Reise.
Es war kein Spaß für einen gegen Frost und Wind nicht sonderlich abgehärteten Dichter, der sich eben erst von einem ziemlich starken Anfall des Podagra erholt hatte, sich in den kalten Decembernächten auf offene Wagen zu setzen, dann in einem Boote von Laaland über das Meer und von Heiligenhafendurch Holstein zu reisen, bis wir an die Diligencen kamen; denn damals hatte man noch keine Eisenbahnen und keine Dampfschiffe. Ich beschloß deshalb so gekleidet zu reisen, daß ich nicht frierenkonnte, und dies setzte ich auf folgende Art ins Werk. Ueber meinen täglichen Kleidern hatte ich folgende Kleidungsstücke. Ein Paar dicke mit Leder besetzte Reithosen gingen hoch auf die Brust hinauf. Dann ein Paar Seehundsstiefeln, die bis über die Kniee reichten. Ueber dem Rock, dem Ueberzieher und dem Mantel einen großen, dicken Bärenpelz. Auf dem Kopf eine Mütze von Bärenfell, die unter dem Kinn zugeknöpft werden konnte und den Nacken bedeckte. So hätte ich Parry und Roß auf ihrer Reise nach dem Nordpol, den ich ebenso wenig, wie sie, fand, begleiten können. Von der Kälte spürte ich also auf der ganzen Reise Nichts, außer, wenn ich in eine sogenannte warme Stube kam, wo ich mich auskleiden mußte. Von Friedrichsberg aus, wo ich von meinem Vater, der erst lachte und scherzte, aber in dem letzten Augenblick weinte, Abschied nahm, fuhr ich noch im geschlossnen Wagen und nicht so stark gegen die Kälte gewaffnet. Feldborg hatte Lust bekommen; mich ein Stück Wegs zu begleiten. Er hatte nichts Anderes mit, als ein kleines in ein Stück Papier gewickeltes Buch. Es war kein Platz im Wagen, da ich einen Reisegefährten hatte; ich gab ihm meinen Pelz und er setzte sich auf den Bock, wo sich der Schwager doch breit machte, weil ihm Feldborg's Liebkosungen nicht gefielen, der ihn, aus Furcht herabzufallen, zu fest und innig umarmte. Wir fuhren nach Kiöge. Am Morgen, als wir weiter reisen sollten, hielt ich meinem Gefolge eine Rede und sagte: „Meine Herren! Wenn man von einer fremden Stadt fortreist, so muß man erst all' die Dinge laut nennen, die man bei sich hat, um Nichts zu vergessen.“ Um ihnen nun gleich ein Beispiel meiner Lehre zu geben, nannte ich Alles, was mir an losen Reiseeffekten gehörte, vergaß aber meinen Hut, weil ich glaubte, ich hätte ihn auf dem Kopfe; das war aber unglücklicher Weise meine Mütze, und so vergaßich auch wirklich den Hut. Jetzt verließ uns Feldborg. Wir gingen erst ein langes Stück dem Wagen voran, und er stolperte sehr gutmüthig mit seinen schwarzen Gammaschenstiefeln auf den gefrorenen Erdklumpen umher, um mich in dem bequemeren Geleise zu lassen. In schönem Wetter fuhr ich über Gaabensee nach Laaland. In meinen Pelz eingepackt litt ich weder von der Kälte noch von der Seekrankheit.
Ankunft beim Kammerherrn Bertouch.
Bei dem Kammerherrn Bertouch und seiner Gattin brachte ich angenehme Tage zu, und lernte den jungen, freundlichen Mann kennen, mit dem ich reisen sollte. In Wasserstiefeln watete ich mit dem Kammerherrn in Wald und Feld umher. Die Natur gewinnt nicht, wenn man sie im Winterkleide sieht, doch hat jede Jahreszeit ihren eignen Character; das Grün verschwindet nicht ganz. Laaland ist doch ein sehr flaches Land, und wenn man dort ist, bekommt man Lust, mit Hieronymus in Erasmus Montanus zu glauben: Die Erde istflach.
Ankunft in Hamburg.
Ich bin nun in Hamburg, „sechzig Meilen weit von meinem Herzen,“ wie der Dichter Kruse sang. Meinen letzten dänischen Abend brachte ich in Kiel bei meinem alten Landsmanne Fischer, dem Gastwirth in der Stadt Kopenhagen zu. Er ist Däne mit Leib und Seele, erzählt den Holsteinern, daß er in der kleinen Königsstraße geboren sei, und an den Wänden hängen lauter nationale Bilder. Hier sieht man den Thurm der Frauenkirche von englischen Bomben in Brand geschossen, dort arbeiten Matrosen auf einem Schiffe, hier wieder steht der Schauspieler Knudsen an der Zollbude und singt vor dänischen Seeleuten. Ich war in Kiel auch Mittags beim Grafen Bernstorff; ich sah die liebenswürdige Frau Berger Weihnachtsgeschenke für die Kinder zubereiten und dachte an die meinigen. Einen angenehmen Abend brachte ich bei dem feurigen, witzigen Professor Pfaff zu. Hier traf ich Falk und Dahlmann, derseine literarische Laufbahn mit einer Abhandlung über meine Schriften, welche, ins Dänische übersetzt, gedruckt wurde, begann. Später scheint er sich nicht viel um dänische Literatur bekümmert zu haben, doch war er sehr höflich und artig.
Wir schliefen in Bramstedt. Am nächsten Morgen war Glatteis. Wir schnallten den einen Wagenstuhl rückwärts gegen den Wind; das milderte. Von Kiel nach Hamburg geht es über die Haide. Am ersten Tage ging ich über eine Meile in gutem Wetter zu Fuß; aber je mehr wir uns Hamburg näherten, desto schlimmer wurde es. Die Alster war weit über ihre Ufer hinausgetreten. Einige Bauern mußten uns den Wagen aus dem Morast und dem Eise herausholen. In der Nähe lag ein gestürztes Pferd auf dem Eise, das sich todt geschleppt hatte und der Karren stand umgeworfen daneben. Endlich kamen wir an den neuen, halbfertigen Landhäusern vorüber, die sich wieder aus ihrer Asche erhoben.
Heute war der erste Weihnachtstag; er fing mit einem außerordentlichen Nebel an, wie man ihn selten in Kopenhagen sieht. Es kommt daher, daß Hamburg nahe am Meere und bei der Alster und Elbe liegt. Gegen Mittag wurde es etwas klarer; ich hörte das Glockenspiel vom Kirchthurm. Man hat oft bei uns das Glockenspiel verspottet; nun haben wir keins. Es ist wahr; die Melodien lösen sich fast in Klingklang auf, aber sie tönen doch über die ganze Stadt, vor Aller Ohren, und das ist feierlich. Auf den Straßen begegnete ich Rathsherren mit Allongeperücken, wie in dem politischen Kannegießer; die Reutendiener gleichfalls mit Modesten, Pumphosen und Bratspießen an der Seite, wie die Alkalden in den spanischen Stücken. In der Kirche hörte ich die Kinder einen Weihnachtspsalm singen. Ich höre Kinder gern, und besonders zu Weihnachten in derKirche singen. Der Organist spielte schön. Ich dachte an meinen Vater, der auch Organist war, und daß meine Vorältern es ununterbrochen viele Glieder hindurch in Schleswig und Holstein gewesen waren. Ich dachte an den großenBach, der hier wahrscheinlich gespielt hat, an die Orgelkraft und an die tiefe Musik, die von dem Geschlechte Bach's über die weite Welt ausging.
Theaterbesuch. Bekanntschaft mit Perthes.
Wir haben uns einen Wagen von dem Juden Lazarus gekauft, der für dessen Tüchtigkeit einstehen will. Gestern hörte ich Don Juan und bewunderteMadame Becherals Anna; aber ich hätte beinahe das Stück nicht zu sehen bekommen, da ich meine Brille vergessen hatte, wenn nicht ein gutmüthiger Mensch mir ein Perspectiv geliehen hätte. Madame Becher singt gut; aber ich hätte fast über Mozart's Musik alle ihre Triller und Rouladen überhört.
Gestern Abend spielten sie dasKäthchen von HeilbronnvonKleist. Walthers und Käthchens Charactere sind vortrefflich durchgeführt und zeigen sich in schönen Situationen. Den Cherub, der Käthchen beschützt, hätte ich lieber fortgewünscht; der liebe Gott hätte ihr doch helfen können; ebenso hätte ich gern gesehen, wenn sie Bürgerin geblieben wäre, und wenn Graf Strahl seine Eitelkeit ihrer seltnen Persönlichkeit geopfert hätte, statt daß sie nun, wie in allen Mährchen, des Kaisers Tochter wird.
Ich habe die Bekanntschaft des BuchhändlersPerthes, eines sehr gebildeten und begabten Mannes, gemacht. Im Anfange stritten wir etwas über den Correggio; er kam mit den Tieck'schen Einwendungen; schien mir aber in meiner VertheidigungRecht zu geben. Seine Frau ist eine Tochter von Claudius, und aus ihren Augen strahlt die ganze gutmüthige Begeisterung und der originelle Humor des Wandsbecker Boten. Bei dem Herrn Poël, dem Herausgeber des Altonaer Merkurs, war ich auch. Hier traf ich den Legationsrath Bockelmann und Baron Voigt, dessen Bekanntschaft ich vor neun Jahren bei Frau Staël-Holstein gemacht hatte.
Der zeitig entdeckte Irrthum.
Heute Mittag fuhr ich mit Bertouch nach Altona, wo wir zu Poëls eingeladen waren. Ein junger norwegischer Kaufmann, Herr Flood, dessen Bekanntschaft wir gemacht hatten, fuhr mit, da er von Herrn Donner eingeladen war. Wir wollten ihn dorthin fahren; aber er gestattete auf keine Weise, daß wir seinetwegen einen Umweg machten, und der Kutscher bekam Befehl, uns direct zu Poël's zu fahren. Als wir abstiegen, fragte ich den Diener an der Thüre: „Ist es hier?“ und er antwortete: „„Ja, ganz richtig!““ — Flood war gerade bereit, mit dem Wagen fortzufahren, als mir glücklicherweise einfiel zu fragen: „Hier wohnt doch Herr Poël?“ — „„Nein,““ antwortete der Diener, „„hier wohnt Herr Donner.““ Wir riefen also unsern Norweger zurück, und nun mußte er aus dem Wagen ins Haus, wir dagegen setzten uns wieder in den Wagen und fuhren weiter. Es wäre sehr unangenehm für uns Alle gewesen, wenn wir in fremde Gesellschaft gekommen wären und erst später unsern Irrthum entdeckt hätten, obgleich es vielleicht Veranlassung zu einem recht interessanten, kleinen Lustspiele für die Zuschauer geworden wäre.
Es freute mich sehr, meine FreundinLouise Reichardthier wiederzusehen. Wir gedachten der verschwundenen Jahre, vor zehn Jahren in Giebichenstein; der angenehmen Sommerabende, wo Reichardt am Kamine saß und die Töchter sangen. Jetzt liegt Reichardt in finstrer Erde; der Garten in Giebichenstein gehört Anderen; Steffens wohnt in Breslau; Schleiermacher inBerlin, Louise in Hamburg, ich in Kopenhagen. So werden alte Verhältnisse wie die Spreu vor dem Winde zerstreut.
Kleine Reiseleiden.
Wir hatten viel Mühe, von Hamburg nach Haarburg zu kommen, so kurz der Weg auch ist. Wir mußten den Wagen zur See einen Tag vorausschicken. Nun bekamen wir einen Brief von dem Diener Christian, der mit dem Wagen gefahren war, worin er berichtete, daß Verschiednes am Wagen gebrochen sei, einige Riemen, einige Schrauben; daß er das Ganze für fünf Species habe in Stand setzen lassen, und nun hoffe, daß der Wagen vorläufig halten würde. Hierüber wurden wir sehr bestürzt und ließen gleich Herrn Lazarus holen, der uns den Wagen verkauft und mit seiner eignen Unterschrift für denselben von Hamburg bis Paris eingestanden hatte. Ich hörte ihn zu Bertouch sagen: „Können Sie beweisen, daß ich für die Riemen und Schrauben garantirt habe? ich habe nur für die Federn garantirt“. Nun wurde es mir zu arg; ich fing an, ihn zu bombardiren und drohte mit der Polizei. Das half; er bezahlte die fünf Species, und diese kamen einem armen Lohndiener zu gut, der uns kurz vorher seine Noth geklagt hatte.
Zwischen Hamburg und Welle hatten wir am Nachmittag Schneegestöber, dazu kam, daß der Schwager betrunken war. Wir segelten kreuz und quer über Acker und Wiesen, über Stock und Stein, wie Columbus, als er Amerika entdecken wollte. Endlich wurden wir dessen müde, und wollten den Betrunknen vom Pferde herunter haben. Aber er wollte nicht. „Lassen Sie mich ruhig sitzen, meine Herren“, sagte er mit schläfrigen Augen und lallender Zunge, indem er taumelte; „lassen Sie mich nur dafür sorgen, den Weg zu finden; damit hat's gute Wege; nun finden wir gleich das Gleis wieder!“ — Wir blieben mitten auf dem Felde stehen, das Schneegestöberwar dicht, der Abend näherte sich, und es wurde dunkel. Es war kein Spaß; er war nahe daran, uns jeden Augenblick umzuwerfen. „Du bist besoffen,“ rief ich, „Du kannst nicht fahren, nicht sehen! Laß den Diener fahren, der ist Kutscher gewesen, der versteht es, er ist nüchtern!“ — „„Nein, das ist er nicht, mein Herr!““ sagte der Schwager, „„lassen Sie mich nur fahren. Ich verlasse meine Pferde nicht. Wir sind nicht betrunken! Wir werden schon wieder in Gang kommen! daran sind wir gewöhnt.““ Was war zu thun? Wir kannten den Weg nicht; wir mußten ihn also langsam fahren lassen, während Christian nebenher ging und bald die Pferde, bald den Kutscher schlug, wie gerade der Augenblick es erforderte. Endlich kamen wir mitten in der Nacht in ein Dorf, wo der Schwager die Wagenstange zerbrach, gerade als wir hineinfuhren. Nun mußten wir eine von den Bauern kaufen. Sie kamen mit einer Laterne, einer Axt, Nägeln und Hämmern heraus, und wirthschafteten, während wir ungeduldig dastanden und uns nach Abendbrod und Nachtlager sehnten. Endlich kamen wir fort; aber nun ging ein Wagestock entzwei, und wir mußten eine Latte von einem Zaume nehmen und ihn selbst wieder in Stand setzen. Endlich erblickten wir doch das Ziel unsrer Reise, und um zwei Uhr in der Nacht kamen wir erst in eine Herberge, nachdem wir acht Stunden auf vier Meilen zugebracht hatten.
InBrüggezerbrach ein Rad, weil unser Wagen nicht die Spur in dem gefrornen Geleise halten konnte. „Ein Rad kann leicht geknickt werden, wer sieht es voraus?“ sagt Giulio Romano. Eine schöne Gegend! Wir spielten des Abends vor langer Weile Karten zusammen, das erste, und wie ich glaube das letzte Mal auf dieser Reise, aßen gut, tranken die Gesundheit des Herrn Lazarus, wünschten ihn zu dem reichen Mann im Evangelium und fuhren am nächsten Morgen weiter. Nunhaben wir bald einen nagelneuen Wagen; die Federn am alten sind gut und verantwortlich gemacht, und wir haben es schwarz auf weiß, daß sie bis Paris halten sollten. Vorwärts!
Das Celler Schloß.
InCellepilgerten wir nach dem für alle Dänen merkwürdigen Schlosse. Es ist jetzt sehr verfallen. Die Franzosen haben es in der Kriegszeit zerstört. Hier sieht es sehr traurig aus. In diesen finstern Hof rollte die blühende zwanzigjährige Fürstin hinein. Schnell, wie eine Sternschnuppe hatte sie ihre kurze, glänzende Bahn geendet, und verschwand hier im Dunkel. Wir sahen ihren Speisetisch, wo sie täglich einige Gäste hatte. Auch ein Theater war hier auf dem Schlosse, wo sie zuweilen dem Schauspiele beiwohnte. Der großeSchröderspielte vor ihr. Ein hübsches Zimmer mit hellgrünem Dammast, mit gebohntem Boden, und der herrlichsten Aussicht war ihr gewöhnlicher Aufenthalt, hier hatte sie ihre kleine Bibliothek und die Bilder ihrer Kinder. In einem finstern Zimmer daneben hatte sie nach drei Tagen einer plötzlichen Krankheit ihren Geist aufgegeben. Sie liegt in der großen Kirche der Stadt begraben.
InHannoverhielten wir uns nur einen Tag auf. Ich hatte nicht Lust länger in einem Orte zu bleiben, wo deutscher Adelshochmuth in seinem ganzen Flor blühen soll, obgleich ich vielleicht für meine Person Nichts davon gefühlt hätte. Hier wird adliger Thee getrunken, und man muß die nothwendigen Ahnen haben, um ihn genießen zu dürfen. Das wichtigste Staatsamt, die ausgezeichnetsten persönlichen Eigenschaften helfen Nichts, wenn dasVonfehlt.
HerrnHolbeinund MadameRennerbesuchte ich auf dem Theater bei der Probe, im Dunkel, das nur durch eine einzige Lampe erhellt wurde. Am Abend sah ich in strenger Kälte ein Lustspiel von Holbein: „Die treue Witwe.“ Bertouch und ich waren des Abends bei Herrn und Madame Renner. Sie gedachten mit Vergnügen des Beifalls, den sie in Kopenhagen gefunden hatten und sangen uns einige hübsche Lieder zur Guitarre vor.
InGöttingenging ich zu unsrem Freund, ProfessorWelcker. Er brachte mich zum HofrathHeeren, dem berühmten Gelehrten, der mit Heyne's Tochter verheirathet ist. Wir besuchten auch FrauRodde-Schlösser, die in ihrer Jugend die Doctorpromotion gemacht hat. Im reifern Alter ist die Gelehrtheit in echte weibliche Bildung übergegangen.
Kassel. Die Gebrüder Grimm.
InKasselhielten wir uns ein paar Tage auf. Ich ging gleich, um die Bekanntschaft der GebrüderGrimm, der Uebersetzer unserer alten dänischen Kämpeweisen, und der Herausgeber vieler deutschen Sagen, zu machen. Ich mußte lange mit einem Lohndiener umhergehen, ehe ich sie fand. Endlich kamen wir in ein Haus, von dem man uns sagte, daß Grimm hier wohne. Ich klopfte. „Herein!“ Ich trete ein, finde einen alten hübschen Priester an seinem Schreibtische, und frage, ob ich die Ehre habe, mit Herrn Grimm zu sprechen. „Ja, ganz richtig.“ — Ich hatte mir Grimms als junge Männer vorgestellt, die, sowie Riepenhausens in Rom, unzertrennlich in einem Zimmer arbeiteten. Nachdem ich Etwas mit dem Mann gesprochen hatte, merkte ich endlich, daß er Prediger in der Stadt und ein entfernter Verwandter meiner Grimms sei. Ich bat um Verzeihung; aber der Prediger war sehr freundlich und zeigte mir den rechten Weg. Ich war in der ganzen Stadt umhergelaufen, und nun traf es sich, daß sie gerade unserm Gasthofe gegenüber wohnten. Ich fand siezusammenauf der Bibliothek. Sie zeigten mir verschiedene merkwürdige Manuscripte. Ich ging mit dem jüngsten Grimm gestern Nachmittag in einem Garten spazieren, der Aehnlichkeit mit dem Südfelde hatte. Wir eilten leicht hin über die gefrorene weiße Erde; die hohen Lindenalleen standen zwar blätterlos; aber wir brauchten auch keinen Schatten. Wir sprachen vom Mittelalter und der Gegenwart, und die ganze Situation in dem schönen Winterwald mitten in einer unbekannten Gegend an der Seite des Mährchenfreundes Grimm, schien mir selbst ein schönes Mährchen. — Plötzlich standen wir an einem breiten Deiche, über dessen spiegelklareFläche mehrere Schlittschuhläufer wie Schatten dahinschwebten. In einem Augenblick hatte unser Norweger, der mit uns ging, sich ein paar Schlittschuhe gemiethet, und freute sich, indem er auf dem Eise große Bogen beschrieb, wie eine wilde Ente, die nach einer langen Flucht durch die Luft, endlich wieder das Wasser erreicht hat. Sein Beispiel steckte mich an. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren lief ich Schlittschuh.
Interessante Bekanntschaften.
Wir haben durch Grimm die Bekanntschaft des Fräulein von Kahlenberg und der Frau von Malzburg, zweier gebildeten Damen, gemacht. Ich bin ein paar Abende bei ihnen gewesen und habe ihnen einige kleine Gedichte vorgelesen. In einem ziemlich großen Kreise haben wir einmal die Rollen des Correggio vertheilt, und so die beiden ersten Acte gelesen. Den dritten Act las ich allein, um ihnen eine rechte Idee davon zu geben, wie ich ihn mir gedacht hatte. Es war da ein junger Dichter in der Familie, der denselben Namen hatte. Den fünften Act von Hagbarth und Signe habe ich auch vorgelesen.
Gestern Vormittag war ich mit meinen Landsleuten auf der Gemäldegalerie. Stelle Dir meinen Zustand vor; nachdem ich in strenger Kälte die Bibliothek und die ganze Gemäldegalerie gesehen hatte, und nun endlich nach Hause gehen wollte, um Etwas aufzuthauen, begegne ich der Frau von Malzburg und ihrem ganzen Gefolge in der Thür. Die Höflichkeit gebot mir, mit ihnen zurückzugehen. Wie sehr würde es mich bei einer milderen Temperatur erfreut haben, die Werke der Kunst mit dieser interessanten Dame zu betrachten. Aber nun! Meine Füße waren Eis, meine Fingerspitzen erfroren. So mußte ich umhergehen und Ruisdal, Holbein, Albrecht Dürer, Ostade, Teniers, Caracci und van der Werft sehen. Dieser Letztere machte mich noch mehr frieren. Die Schönheiten der großen Meister, die ich nun nicht genießen konnte, erschienen mir wie ein fein erdachter Höllenspott in dem wahren Nistheim.Auf all' das Richtige und Treffende, das Frau von Malzburg sagte, hörte ich fast wie ein ganz dummer Mensch. Das Einzige, womit ich sympathisirte, waren die geflochtenen Babouchen, die der Gallerieverwalter über seine Stiefeln gezogen hatte. Er betrachtete uns mit einer Art von mitleidigem Ausdruck, weil wir uns freiwillig das schlechte Vergnügen bereiteten, all' die Bilder anzusehen, deren er schon so lange müde war. Ich las deutlich in seinen Zügen die Worte: „Wenn ich nicht dazu gezwungen wäre, so sollte der Teufel hier stehen, da ging ich lieber in meine warme Stube.“ Ich gab ihm in meinem Herzen Recht. Und wenn Jemand aus der Gesellschaft sagte: „Ach wie ist das schön! wie ist das herrlich!“ so ließ ich die Blicke sehnsuchtsvoll auf die geflochtenen Babouchen des Verwalters herabsinken und sagte seufzend: „Ja wohl, es herrscht ein sehr warmer Ton darin.“ So verschieden war mein Gefühl und meine Stimmung, als ich ein und Dasselbe an einem Vormittage sah. Ich dankte Gott, daß Alle in der Gesellschaft meinen Correggio kannten, denn sonst hätten sie mich in Bezug auf Gemälde für einen Eiszapfen halten müssen. Man darf nicht physische Schmerzen leiden, wenn man sich einem geistigen Genuß hingeben soll. Als es anging, nahm ich Abschied von der Gesellschaft und Frau von Malzburg neckte mich freundlich am Abend, indem sie sagte, daß sie recht gut gemerkt habe, wie erfroren ich gewesen sei.
Wir sollen vierspännig fahren.
Wenn wir des schlechten Wetters wegen bisher langsam gereist waren, so beschlossen wir, nun um so rascher dahin zu rollen. Aber im Anfange kamen wir auch nicht weit. Denn obgleich wir mit drei Pferden eingetroffen waren, wollte der Wagenmeister uns nicht mit weniger, als mit vieren weiter ziehen lassen, obgleich wir um eine Person und einen Koffer weniger geworden waren. Dies wollte ich nun durchaus nicht dulden. Ich suchte ihm erst das Ungerechte und Unsinnige seinesEntschlusses zu beweisen; aber als dies nichts half, als er ärgerlich wurde und sagte, wenn wir nicht wollten, so ließe er das vierte Pferd wieder abspannen, und so müßten wir nachher doppelt bezahlen, versicherte ich ihm, daß daraus Nichts werden würde, und daß er uns doch noch mit drei Pferden fahren müsse. Dies konnte er wahrscheinlich nicht begreifen, und ging in der Meinung fort, daß wir als Fremde uns doch zuletzt seinem Willen fügen müßten. Aber ich lief in die Stadt, wo der Oberpostdirector wohnte und ließ mich melden. Es war ziemlich früh am Morgen, und er stand noch im Schlafzimmer in seiner Nachtjacke. Ich bat um Entschuldigung, sagte ihm meinen Namen, und bat ihn, in dieser Sache zu entscheiden. Er war sehr artig, schrieb mir einen kleinen Zettel und äußerte seine Freude darüber, meine Bekanntschaft gemacht zu haben. Als ich auf die Straße hinaus kam, und den Zettel las, stand auf demselben, — „daß der Herr ProfessorEhlersmit drei Pferden fahren sollte.“ Der Kerl wollte seinen eigenen Augen nicht trauen, als er den Zettel sah. Aber als er gelesen hatte, rief er dem Schwager: „Vorwärts!“ zu, lüftete den Hut und ging ins Haus. So zogen wir im Triumph aus Kassel heraus und ich reiste vier Meilen incognito als Professor Ehlers.
Aber wir waren doch ganz traurig, und die Munterkeit im Wagen war verschwunden; denn wir hatten unsern lieben Norweger Flood in Kassel zurückgelassen. Seine Freundlichkeit und sein muntrer Sinn hatten uns auf dem Wege sehr erheitert. Auf dem langen Wege von Hamburg nach Kassel hatte er mich aus bloßer Freundschaft begleitet. Aber nun mußte er über Amsterdam nach seinem Norwegen zurück, wo ihm die Liebe winkte. Eine amüsante Geschichte, die in einem Wirthshause eintraf, ehe wir uns trennten, darf ich nicht vergessen.
Wir hatten zusammen Abendbrot gespeist; zum Dessert gab es Rosinen und Mandeln; Bertouch hatte eine Zwillings-Mandel gefunden, die er Flood hinreichte, und so sollte Der, welcherzuerst Vielliebchen sagen würde, wenn sie sich das nächste Mal sähen, ein Geschenk vom Andern erhalten.
Es war eine schneidende Kälte, als ich am nächsten Morgen bei Tagesgrauen Bertouch aus seinem Bett heraussteigen (wir lagen alle Drei in einem Zimmer), und mit nackten Füßen im bloßen Hemde mit listiger Miene sich in der ziemlich großen Stube nach Flood's Bett hinschleichen sah. Hier stand er einen Augenblick und betrachtete seinen Gegner lächelnd mit einer überlegenen, mitleidigen Miene, so wie Einer, der seines Sieges gewiß ist. Darauf rüttelte er ihn am Arm, und als Flood erwachte und die Augen aufschlug, rief Bertouch triumphirend: „Philine!“ Flood starrte ihn, verdrießlich darüber, aus seinem guten Schlafe geweckt zu sein, an, aber als er Bertouch sah, und nun verstand, was er wollte, sagte er ganz verdrießlich, indem er ihm den Rücken zukehrte: „Vielliebchen!“ Bertouch hatte also die Wette verloren, da er den falschen Namen genannt hatte. Philine in Wilhelm Meister hatte ihn irre gemacht, und er mußte mit nackten Füßen über den kalten Fußboden unverrichteter Sache zurückkehren. Das Wunderlichste war, daß, als ich später beim Kaffeetische mit ihm über Göthe's Wilhelm Meister sprach, er diesen gar nicht kannte.