Chapter 6

Ein verlorenes Vielliebchen.

Heute Morgen um halb sechs Uhr standen wir in Marburg auf. Gerade wie wir an dem frühen, kalten, finstern Morgen bei einer Laterne in den Wagen steigen und weiter fahren wollten, kamen zwei andere, gleichfalls eingehüllte Reisende von der entgegengesetzten Treppe in gleicher Absicht herab. Das schwache Licht bestrahlte mein Antlitz. Eine der fremden Personen stutzt, sieht mir ins Gesicht, tritt näher und ruft: „Ollanslakkero!“ Ich sehe ihn an — „Olinto dal Borgo di Primo!“ der italienische Uebersetzer meines Correggio. Ist es möglich? — Wir umarmen einander, beklagen, daß wir von dieser Zusammenkunft nicht früher gewußt hatten. Ich bitte ihn, meineFrau, meine Kinder und Schimmelmann's zu grüßen. Darauf steigen wir beide in unsere Wagen, werfen uns Kußhände zu, und setzen, wie zwei in einem Augenblicke einander begegnende Planeten, unsere entgegengesetzten Bahnen fort.

Frankfurt a. M. Friedrich Schlegel.

Wir wohnen nun in Frankfurt in einem sehr guten Hôtel: „Zum römischen Kaiser!“

Heute aßen wir mit unserer kopenhagener Freundin Frau Pauli bei einem Kaufmanne, Herrn Pätsch, zu Mittag. Hier war ein merkwürdiges Eßzimmer. Es besteht nämlich aus einem uralten Stadtgefängnisse, welches nun mit einem schönen Hause verbunden ist. Die Wölbung ist blau wie die Luft gemalt, an den Wänden winden sich grüne Büsche und Zweige hinauf. So treten die beengenden Mauern zurück, und verlieren sich in einer leichten Luftperspective, und an demselben Orte, wo vor ein paar hundert Jahren mancher Unglückliche an seiner Kette nagte, und mit seinen Nägeln an den rauchgeschwärzten Mauern kratzte, während der Henkerstod seiner wartete, sitzen nun hübsche, lustige und wohlhabende Leute bei hellem Kerzenscheine und werden in Herrlichkeit und Freude tractirt.

Nach der Komödie war ich bei Friedrich Schlegel. Er ist als österreichischer Legationsrath hier. Seine Frau ist eine Tochter von Moses Mendelssohn und wahrscheinlich die Verfasserin des RomansFlorentin, in dem viel Schönes ist, obgleich sie selbst jetzt das Buch als einen Jugendversuch betrachtet. Obwohl ich wußte, daß Schlegel nun ganz Politiker geworden war, und obgleich ich in vielen Beziehungen, sowohl in historischen und religiösen, wie in ästhetischen Ansichten mit ihm differire, so konnte ich mir doch nicht das Vergnügen versagen, einen so ausgezeichneten, talentvollen und kenntnißreichen Mann wieder zu sehen und zu sprechen, dessen Schriften eine so wichtige Rollein meiner frühern Jugend gespielt und theils dazu beigetragen haben, mich irre zu leiten, theils mich zu belehren und zu bilden. — Ich fand auch sein Aeußeres sehr verändert, denn ich erkannte ihn nicht wieder, obgleich er mitten im Zimmer stand und mit entgegen lächelte; so dick und fett war er geworden. Er war sehr freundlich, und mein Herz öffnete sich ihm, wie einem Manne, mit dem ich in einem gewissen Grade sympathisirte, und von dem ich in andrer Beziehung ganz verschieden war. So ging es ihm gewiß auch mit mir. Wir sprachen über viele Dinge zusammen, von denen wir ungefähr wußten, daß wir in ihnen übereinstimmen könnten. Ich las ihm einige meiner kleinen deutschen Gedichte vor, die ihm zu gefallen schienen.

Ein Brief von Friedrich Schlegel.

Eine gewisse Verlegenheit herrschte doch zwischen uns Beiden, die ganz natürlich war. Er hatte mir vor fünf Jahren einen Brief geschrieben, auf den ich ihm nicht geantwortet hatte. Der Brief lautet folgendermaßen:

Wien, den 17. Januar 1812.

„Erlauben Sie einem alten Bekannten und Freunde, sich bei Ihnen in Erinnerung zu bringen und vor Ihnen zugleich mit einer Bitte undEinladungwieder zu erscheinen. Ihre Mitwirkung zu dem „Deutschen Museum,“ wovon ich die Ankündigung beilege, würde mir um so willkommner sein, da mein Hauptzweck bei dieser Zeitschrift auch die allgemeinere Verbreitung und Würdigung nicht bloß der altdeutschen, sondern auch der altnordischen Dichtkunst, Saga und Götterlehre ist. Alles, was Sie uns irgend dafür, sei es Poesie oder Prosa, geben wollten, würde sehr willkommen sein. — Ich habe in der letzten ZeitDänischgelernt, und Sie dienen mir jetzt in Ihrer nordischen Dichtung als Wegweiser zur Edda. In Ihrem deutschen Axel und Valborg fand ich viel Schönes. Das Stück wird, glaube ich, nächstens hier gegeben werden. Aber doch scheint mir's, als behandelten Sie uns Deutsche etwas stiefbrüderlich, und behieltendas Auserlesenste Ihrer Dichtungen zurück, um es in dänischer Muttersprache niederzulegen.

Ich hoffe mich bald einer Antwort von Ihnen zu erfreuen, und bin Ihr Freund,

Friedrich Schlegel,K. K. Hofsecretair.“

Ich wußte nicht, was ich auf diesen Brief antworten sollte. Schlegel lobte zwar in einem vornehmen Tone Axel und Valborg, warf mit aber vor, daß ich Deutschland stiefbrüderlich behandelt, und ihm nicht das Beste meiner Arbeiten mitgetheilt hätte. Indessen hatte ich doch bereits Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke und Correggio ins Deutsche übertragen und ich wußte, wie gesagt, nicht, was ich ihm antworten sollte und schwieg deshalb still.

Ankunft in Metz.

Nun sind wir also inMetzauf französischem Grund und Boden, haben gebohnte Zimmer, Kaminfeuer und bessere Mahlzeiten, als in den deutschen Flecken. Besonders lieb ist mir das Kaminfeuer; es breitet eine angenehme Wärme aus, die nicht zu stark ist, und es macht auch einen angenehmen Eindruck, das Feuer zu sehen.

Hier befindet sich ein Theater und eine Garnison. Die Folge davon ist, daß das Parquet von Majoren, Capitains, Lieutnants, das Parterre von Soldaten voll ist, die Logen von Generalen und Obersten besetzt sind, und die Civilisten nur Ausnahmen bildeten. Die Officiere geben also hier den Ton an, und da bei solchen Gelegenheiten selten die Generale commandiren, so sind es hauptsächlich diejungenOfficiere. Daß sich unter diesen nun ein Theil brutaler Claqueurs findet, ist natürlich. Diese schwarzhaarigen, breitschulterigen Söhne des Mars sind im Kriege auferzogen, und verstehen sich wenig auf Kunst und Poesie. Sie redeten doch auch von Shakespeare, und als der Eine den Namen nicht richtig aussprach, sagte der Andere zu ihm: „Il faut dire: J'expire!“.

Die Kathedrale ist eine der schönsten altdeutschen Kirchen, die ich gesehen habe. Als ich die leichten hohen Wölbungen, die schlanken Säulen betrachtete, welche sich wie Bäume im Walde erheben, wurde ich in meinen Fantasien und Gefühlen durch eine türkische Musik gestört. Dies war eine Art militärischen Gottesdienstes, der einer Wachtparade glich. Während einige Compagnien Soldaten in die Kirche zogen und sich da in Ordnung stellen, wurden allerlei lustige Tänze und Märsche gespielt, die mich an ein Ballet erinnerten.

Unser Reisezug.

Paris den 1. Februar.

Was, seitdem wir Metz verlassen haben, geschehen ist, läßt sich leichter beschreiben, als erleben; wir waren drei und einen halben Tag unterwegs, die uns, trotz der kurzen Wintertage, wie die längsten Hundstage erschienen. Man denke sich eine ungeheure große Karethe mit mächtigen Vorrichtungen zum Gepäck oben, vorn und hinten; man denke sich, daß in einem solchen Wagen bequem Vier, unbequem Fünf sitzen können, und daß Sechs darin saßen; man denke sich diese dickräderige Maschine von fünf, sechs, zuweilen sieben, ja zehn mageren Schindmähren gezogen, man stelle sich dann diesen Raritätenkasten langsam über Berge und Thäler, wie eine Ameise, durch ein Vergrößerungsglas gesehen, über einen kleinen Haufen dahinkriechen. — Unsere Gesellschaft bestand aus einer jungen französischen Dame in einem dünnen Nesseltuchkleide und einem Taffetüberrock ohne Futter; zweien ältlichen Herren und uns anderen drei Männern, die wie früher Sadrach, Mesach und Abednego das Personal im feurigen Ofen ausmachten.

Der eine Fremde, der Officier gewesen war, erzählte uns seine Abenteuer, wie er in der Revolutionszeit genöthigt gewesen war, sich aus dem Fenster zu schwingen und mit den Händen am Steincarnise festzuhalten, während die Mutter das Fenster schloß und versicherte, daß kein Fremder da sei.

St. Menehould ist bekannt dafür, daß man dort Kalbsfüße so weich kocht, um selbst die Knochen mitessen zu können. Der arme Ludwig Capet aß sie auch mit vielem Appetit kurz ehe man ihn erwischte und zur Richtstätte hinschleppte.

Wechsel der Reisegesellschaft.

Unsere Officiere hatten wir verloren und bekamen dafür stumme Personen in den Wagen; der Eine mit gelbseidnem Tuche um den Kopf und geflochtenen Bambouchen an den Füßen; der Andre mit einem Flecken auf dem linken Auge und seinem Rock auf dem Schooße. Er wunderte sich mit Recht über meine ungeheuer dicke Bekleidung; aber ich war ein langes Stück gegangen, und hatte den Pelz wieder angezogen, weil ich warm geworden war, und mich nicht erkälten wollte. Mit einer verdrießlichen Miene fragte er, nachdem er einen halben Tag geschwiegen hatte: „Aber mein Herr! wie gehen Sie denn zu Hause, wenn Sie hier so gehen?“ Ich antwortete ihm: „So kleiden wir uns Alle in Kopenhagen, mein Herr, wenn wir uns warm gegangen haben, uns in den Wagen setzen und uns nicht erkälten wollen. Ich wundere mich ebenso sehr, Sie mit Ihrem Rocke auf dem Schooße zu sehen, wie Sie sich über meinen Pelz auf dem Körper wundern.“ Er meinte das komme daher, daß die Franzosen wärmeres Blut hätten und Strapazen besser ertragen könnten. Ich antwortete: „Der Wallfisch hat warmes Blut, obgleich er mit einem ellendicken Thranpelz umherschwimmt; der Häring hat kaltes Blut, obgleich er nur in einen dünnen Silbermoireeshawl eingehüllt ist.“

Endlich roch das schlechtgegerbte Seebärenfell doch mir selbst zu arg; ich sprang aus dem Wagen und verkaufte dasselbe für zwei Napoleonsd'or an den Conducteur.

Zweites Eintreffen in Paris.

In den ersten Nächten hatten wir in Wirthshäusern geschlafen, nun fuhren wir die letzte Nacht ganz durch. Die Dame wollte durchaus, daß das einzige offne Fenster geschlossen würde. Ich schnappte nach Luft, wie eine Maus unter der Luftpumpe. Alle zwölf Lungen (wir waren sechs Personen) verrichteten ihre Blasebalgdienste, um das Bischen Sauerstoff zuverzehren, das noch übrig war. Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn; ich sprang aus dem Wagen und setzte mich zum Conducteur hinaus. So fuhr ich in Paris hinein, wo halb vergessene Erinnerungen mir von der Vorstadt an bis zumHôtel de Brétagnein derRue Richelieuhin, wo ich jetzt wohne, entgegentraten.

Wie erfreute es mich, den vortrefflichen Fleury imThéâtre françaiswiederzusehen; daß er viel zu alt für seine Rolle war, vergaß man über das gute Spiel. Fleury verbindet Verstand, Gutmüthigkeit und Naivetät mit Feinheit und Lebensart, ohne welche die sogenanntehöherefranzösische Comödie ein elendes Machwerk ist. Er ist der Einzige in ganz Frankreich, der noch denMarquis du vieux bon-tempsspielen kann. Ein noch größeres Schauspielertalent als Fleury ist Mademoiselle Mars, voller Leben, Grazie, Anmuth, obgleich schon ein gutes Stück über die jungen Jahre hinaus.

Wir sind bei unserm Minister, GeneralWaltersdorffgewesen, der uns freundlich empfing und uns zu Mittag einlud. Hier traf ich meinen alten Bekannten, den Legationssecretair (spätern Legationsrath)Vogt, und erfuhr, daß der Capitain (später General-Kriegscommissär)Abrahamsonnoch in Paris sei. Ich habe ihn später getroffen, und erfreue mich sehr an dem Umgange dieses talentvollen und dienstfertigen Landsmannes.

Frau von Staël-Holstein.

Ich bin auch bei der Baronesse Staël-Holstein gewesen. Sie wohnt in derRue royal, einer der schönsten Straßen in Paris, und wie ich mir denken konnte, in einem großen Palast. —

Während ich die Treppe hinaufging, zogen mir die Tage im Geiste vorüber, wo ich das erste Mal in Paris war, als sie auf dem Lande inAuberge en villewohnte und nicht zurHauptstadt kommen durfte. Nun hatte sie den Hafen ihrer Wünsche erreicht. — Der Diener, der mich melden sollte, hörte meinen Namen, den er natürlich ganz verdreht der gnädigen Frau mittheilte. Er kam wieder und sagte: „Sie kenne Niemanden dieses Namens“. Ich war gerade im Begriff, ihn mit Bleistift auf einen Zettel zu schreiben (denn ich hatte, wie gewöhnlich meine Visitenkarten vergessen), als ich eine junge Dame im Morgenkleide und in einem Capüchon an mir langsam in einiger Entfernung vorübergehen, und mich aufmerksam betrachten sah. Als ich näher kam, war es die Herzogin von Broglio, die ich von ihrer Kindheit her kannte. Als ich ihr meinen Namen nannte, beklagte sie, daß ihre Mutter mich nicht gleich empfangen könne, da sie nicht angekleidet sei, und ging dann auch hinein. Kurz darauf kam der Diener, der meine Karte hineingebracht hatte, zurück, und sagte: die Baronesse ließe mich bitten, am Abend zwischen Acht und Neun wiederzukommen. Es war also eine Soirée, und ich konnte nicht vorher mit meiner alten Freundin allein sprechen, in deren Hause ich neun Jahre vorher fünf Monate in Coppet zugebracht hatte. — Am Abend kleidete ich mich also in Schuhe und Strümpfe und ging hin. Ich fand einen Theil besternter Herren, zwischen denen ich mich durcharbeiten mußte, um Frau von Staël auf dem Sopha bei einem Kamine zu finden, wo sie, wie gewöhnlich mit einem Turban auf dem Kopfe, saß, und mich mit einem Scherz empfing, als ob wir uns erst gestern gesehen hätten. Sie stellte mich Alexander von Humboldt vor, mit dem ich zehn Jahre vorher in Berlin gesprochen hatte. Ich entdeckte auch A. W. Schlegel in der Menge, und sprach mit ihm, aber nur kurz. Die Conversation war nicht frei und allgemein; es herrschte ein steifer und stiller Ton daselbst, und — darauf verstehe ich mich nicht. Frau von Staël lud mich ein, den nächsten Montag bei ihr zu speisen. —

Ich bereitete mich darauf vor, zur bestimmten Zeit um sechs Uhr einzutreffen; aber da unser Diener Christian mir Bertouch's Schuhe gegeben, und meine eigenen eingeschlossen hatte, so währte es etwas lange, sodaß es ungefähr sieben Uhr wurde, als ich bei Frau von Staël eintraf, um Mittag bei ihr zu speisen. Sie saß an einem kleinen runden Tisch mit ihrer Tochter, der Herzogin, und zwei anderen älteren Damen; für mich war ein Platz frei gelassen. Ich entschuldigte mich, erzählte mein Mißgeschick, beeilte mich, die Speisenden einzuholen, die bereits beim Fische waren, und gab mir alle Mühe, bei dem Französisch-Sprechen nicht verlegen zu werden. Wir sprachen von verschiedenen Dingen. Frau Staël machte mir ein Compliment, weil ich im Norden bekannt geworden sei, und ich sagte: „Was ist der Norden gegen dieErde?“ womit ich den KreisihresRuhms meinte. Wir sprachen von Friedrich Schlegels Buch über die Geschichte, mit dem wir Beide nicht zu sympathisiren schienen, trotz des Guten, welches sich darin befindet, weil wir es gegen die Aufgabe der Geschichte fanden, zu beweisen, was man beweisenwill, indem man einzelne Züge hervorhebt und die anderen in den Schatten stellt. Sie fragte mich nach Frau Brun, und es freute sie, zu hören, daß diese frisch und gesund sei. Von dem Dichter Werner sprachen wir auch, und waren Beide darin einig, daß die Frömmigkeit bei unserm guten Freunde sehr weit gegangen sei, und daß der Deutsche Recht habe wenn er sage: „Allzuviel ist ungesund!“ — Sie hatte den Correggio noch nicht gelesen, fand es aber sonderbar, daß ich einen Stoff gewählt, wo der Held unter der Last eines Geldsackes stürbe. Ich entgegnete, ich hätte gerade Lust bekommen, das Stück dieses Zuges wegen zu schreiben, und daß ich es als eine Allegorie behandelt hätte, da der Künstler größtentheils arm ist, und den Nahrungssorgen unterliegt. Dies drückte ich im Gespräche nicht so ganz richtig Französisch aus, und sagte: „Unter der Last des Geldes,“ was ihr Veranlassung zu einem Scherz gab, indem sie sagte: „Mais,mon Dieu, comment peut-on tomber sous ce qu'on n'a pas?“ Ich antwortete: „Ce n'est pasl'argentsous lequel il tombe, c'est lecuivre.“ Und nun schien sie mich zu verstehen. — Sie rieth mir Voltaire's Tancred zu sehen, der an diesem Abend gegeben wurde. Ich folgte ihrem Rath, fühlte mich aber nicht sonderlich erbaut. Der gute Lafond schreit außerordentlich, und scheint mir affectirt, überspannt und unnatürlich.

Ich muß hier (nach Verlauf von 31 Jahren) erzählen, was ich 1817 in meinen Reisebriefen übersprang, wo Frau von Staël-Holstein noch lebte, und ich nicht wollte, daß es wie eine Klage oder Rache aussehen sollte. Ich stand damals in Paris in einem etwas gespannten Verhältniß mit der Frau von Staël; ein Brief, den ich ihr einmal in der langen Zwischenzeit geschrieben, war unbeantwortet geblieben. Indessen veränderte dies nicht den freundlichen Ton zwischen uns, und daß ich das letzte Mal so spät zu Tisch gekommen war, hatte ich entschuldigt und sie vergeben. Aber nun lud sie mich dieses letzte Mal ein, sie am Nachmittage zu besuchen. Als ich ins Zimmer kam, trat gerade eine große Gesellschaft von Herren und Damen aus dem Speisesaal, wo die Mahlzeit geendigt war, herein. Ich wurde fast ohnmächtig vor Erbitterung über die Beleidigung, mich nach Tisch zu sich zu laden, sie, die mich vor wenigen Jahren in Coppet auf den Händen getragen hatte. Ich wollte gleich wieder aus dem Zimmer gehen, blieb aber doch noch einen Augenblick, weil ich eine englische Dame traf, die ich von Coppet her kannte, und der ich meine Gefühle mittheilte, worauf ich ging. Und von dem Augenblicke an sah ich Frau von Staël nie mehr. Sie schickte nicht zu mir (vielleicht wußte sie nicht, wo ich wohnte) und ich besuchte sie nicht wieder. Nicht einmal zu A. W. Schlegel mochte ich gehen, der nie einer von meinen Leuten gewesen war, und der mich früher nicht leiden konnte, weil Frau von Staël mir so viel Freundlichkeit erwies. Dieses ihr Benehmen ist mir stets einRäthsel geblieben. Als ich Waltersdorff die Geschichte erzählte, sagte er scherzend: „Sie hat dieses Mal vielleicht mit Ihnen wenig Umstände gemacht, weil Sie es letzthin mit ihr ebenso machten.“

Die Benefizvorstellung Fleury's.

Wenn Talma und Mademoiselle Duchenois in einer Tragödie und Fleury und Mademoiselle Mars in einer Comödie spielen, so ist dasThéâtre françaisstets überfüllt. — Dann stellen sich die armen Leute in langen Reihe hin, um Billets zu kaufen und ihre Plätze an die Theatergänger zu verkaufen, wenn diese zu spät kommen. — An einem der ersten Abende, als ich imPalais royalspazieren ging und in die Nähe desThéâtre françaiskam, wußte ich gar nicht, was der Auflauf zu bedeuten habe. Ich hatte mich noch nicht recht gefaßt, als zwei Poissarden herbeiliefen, mich rasch unter die Arme nahmen, sagend: „Venez, Monsieur, venez, à la tête!“ und mit mir davon liefen. Sie wollten ihren Platz dicht beim Eingang für 8 Sous verkaufen.

Fleuryhat dieser Tage sein Benefiz für 43jährige Dienste gehabt; und alle Theater wetteiferten, diesem vorzüglichen,ältestenSchauspieler Liebe und Huldigung darzubringen. Zu seiner Vorstellung wurde ihm das große Opernhaus eingeräumt, da dasThéâtre françaisbei weitem keinen so großen Raum für Zuschauer bietet. Er spielte in Molière's „le bourgeois gentilhomme,“ und hier war Gelegenheit, um durch Tanz und Gesang Scenen zu seiner Ehre zu arrangiren. Da waren Schauspieler, Sänger und Tänzer, als Deputirte aller Theater, welche an dem Divertissement Theil nahmen, das, obgleich für Monsieur Jourdan eingerichtet, doch zugleich eine Bedeutung in Bezug auf Fleury hatte. Ich spürte große Lust, bei dieser Vorstellung zugegen zu sein; aber unglücklicher Weise hatte ein Sprachlehrer, den ich von meinem frühern Aufenthalte in Paris her kannte, mich gebeten, mir Billets verschaffen zu dürfen, und es nicht gethan, sonst wäre es mir leicht gewesen hineinzukommen. In derletzten Stunde lief er zu Fleury, zu den Cassirern und den Controleuren; er zog mich nutzlos in das Gedränge hinein, um ein Billet zu kaufen, nachdem alle vergriffen waren. Doch verlor er noch nicht den Muth, und sagte, nun habe er einen Plan, der gewiß glücken würde. Ich ließ es ihn versuchen; wir bestimmten einen Ort, wo wir uns treffen sollten; aber sobald er fort war, ging ich nach Hause, und freute mich, ihn zur Strafe für seine Unzuverlässigkeit mich vergebens suchen zu lassen[1].

Théâtre français.

BeimThéâtre françaissind noch einige sehr gute Schauspieler: eine vortreffliche Soubrette; die beidenBaptist's,Michaud,Thénardu. s. w. In denzwei Brüdernnach Kotzebue spielte der älteste Baptist den Seecapitain und Michaud den Matrosen mit unendlicher Wahrheit. Der jüngere Baptist ist eine vortreffliche Maske in Molière'schen Stücken. Er spielte letzthinle malade imaginaire. In diesem Stücke tritt das ganze Theaterpersonal, Herren und Damen, im Nachspiel als Doctoren auf. Die Schauspielerinnen tragen ihr Haar als Allongeperücken in langen Locken über die Schulter frisirt. Während ein Marsch gespielt wird kommen sie zu Zwei und Zwei in Procession nach einem Compliment vor dem Publikum, und gegenseitig vor einander, werden mehr oder weniger applaudirt, je nachdem sie beliebt sind, und setzen sich auf ihren Platz. Mir kommen stets die Thränen in die Augen und es ergreift mich jedes Mal ein feierliches Beben, wenn es in der Doctorcreation zu der Stelle kommt, woArgansagt:Juro!Denn bei diesem Worte fiel Molière ohnmächtig auf der Bühne um, wurde nach Hause getragen, und starb wenige Stunden darauf. — Liegt nicht etwas Schönes, Großes und Rührendes in dem Zufall? Dieser seltne Dichter wurde vorAller Augenin einem seiner lustigen Stücke abgerufen, gleich als ob das Volk recht empfinden sollte, was es in ihm verloren! Dieser ausgelassne, burleskeAufzug, an dem das ganze Theaterpersonal Theil nahm, um als Doctoren den neuen Doctor einzuweihen, wurde zu einer rührendenMythe, zu einer die Thränen hervorlockendenIronie. Wenn man esumgekehrtbetrachtet, so versteht man den Sinn: Nicht der junge Doctor wurde von den ältern eingeweiht; der alte Meister wurde in seinem letzten Augenblicke von seinen Schülern gekrönt. Und er schwor noch wie ein ehrlicher Sohn zur Fahne der hohen Thalia, als ihn ein freundlicher Engel in ein besseres Leben hinwinkte. So wurde seine Todtenscene ein Fest; so verwandelte das Burleske sich in eine feierliche Handlung und Melpomene verbarg sich einen Augenblick unter der Maske Thalia's, um, wenn sie dann die Maske abriß, eine ganze Nation durch ihr bleiches Antlitz zu erschüttern.

Die Pariserinnen.

Man trifft hier selten schöne Frauengesichter. Die Pariserinnen sind graziös und haben besonders schöne Füße. Sie kleiden sich sehr geschmackvoll, aber ihre Züge sind, im Ganzen genommen, grob; ein weißer Teint und rothe Wangen sind eine Seltenheit, doch verstehen sie es sehr gut, sich durch Schminke, Spitzen, Rosabänder und pomadeglänzende Locken Frische zu geben. — Obgleich es auf der Straße ganz rein war, standen doch alte Weiber und Jungen mit Besen (an den Stellen, wo es schmutzig ist, wenn es geregnet hat), fegten ein Wenig die Erde mit ihren Besen und baten dann um eine Kleinigkeit, weil sie die Straße gereinigt hätten. Andere boten hübsch gebundene Veilchen zum Verkauf. Ich kaufte einen kleinen Strauß, und mir war's, als ob mich Primavera zuerst im Jahre 1817 mit diesem milden Dufte begrüßte. Ich ging von dem Tuileriengarten über den Platz Ludwigs XV. und stand einen Augenblick auf der Stelle, wo Louis Capet, Marie Antoinette und ihr Mörder Robespierre dasselbe Schicksal getheilt haben. Aber so entsetzliche Mordthaten hier auch begangen sind, so hat der Ort selbst doch nichts Schreckliches. Es ist ein schöner, offener, freundlicher Platz mit fortwährendemMenschengewimmel. Man muß sich historisch in das Schreckliche zurückversetzen; und das macht ungefähr dieselbe Wirkung, als wenn man davon liest. — Eine elende Richtstätte auf dem Felde, wo ein armer Sünder geendet hat, erschüttert viel mehr. Die Einsamkeit, das Abgelegene, das gräßlicheRadauf der Stange weckt diese finstere Wehmuth, dieses feierliche Beben. Jüngst war ich auf dem Greveplatz, empfand aber auch dort keine Erschütterung mehr. Nichtwasgeschehen ist, sondern wie es geschah, wirkt auf das Herz und die Vorstellungen des Menschen. Wenn die verdammte mechanische Leichtigkeit nicht dagewesen wäre, wäre die Hinrichtung mit der Guillotine nicht zu einerManufacturarbeitgeworden, sondern hätte der Scharfrichter seine alte Würde in dem rothen Mantel und mit dem breiten Schwerte bewahrt, dann wäre es nicht so weit gekommen.

Physiognomie von Paris.

Der weiße Kalkstein spielt auch eine große Rolle in Paris und der Umgegend und ist von keiner guten Wirkung fürs Auge. Er macht den Weg und die Stiefeln weiß, und blendet das Auge; die Gebäude sind außerordentlich bleich, wo sie nicht angestrichen sind; und das sind sie in Paris nur hie und da bis zur ersten Etage. Die Häuser, wenn man einzelne Gebäude ausnimmt, sind durchaus nicht hübsch; sie sind außerordentlich hoch und schmal; die Fenster liegen innerhalb der Mauer und machen die Gebäude hohläugig-melancholisch. Nützliche, aber häßliche Brandmauern steigen an jeder Seite des Daches empor, und berauben das Haus seines Ansehens. Wenn man von einem hohen Punkte aus eine Straße in Paris betrachtet, sieht sie wie lauter unregelmäßige Felsenstücke aus, wie große Kreidefelsen mit einer schmalen Kluft in der Mitte. Erst wenn man in die Straßen kommt, so daß man keine Uebersicht hat, wird der Blick auf eine angenehme Weise durch die brillanten Läden beschränkt, die fast wie Glashäuser mit lauter Kostbarkeiten, aussehen. Häufig findet man auch das unterste Stockwerkmit einer hochrothen Farbe angestrichen. Unzählige Inschriften machen fast jedes Haus zu einem Titelblatt mit einer Vignette.

Aber oben, wenn man das Auge emporhebt, sieht man das bleiche Kreidehaus mit den hohläugigen Fenstern und den Eisengittern.

Entstehung von Paris.

Und doch war dieser weiße Stein (den man in Menge unter einem Berge an einem großen Flusse mit ein paar kleinen Inseln gefunden) die Ursache zu dem ungeheuren Paris. Er ist leicht zu schlagen und hat die gute Eigenschaft, daß er sich mit der Zeit härtet. So haben diePariser, ein uraltes celtisches Volk, ihn gefunden und eine Stadt auf der größten Insel gebaut, die nunla Citéheißt.

Erinnerung an Passy.

Ich kam jüngst auf einem Spaziergange in eine Stadt. Ich mochte nicht mitten im Orte nach dem Namen fragen; mir erschien dies so lächerlich, und ich dachte: es muß entweder St. Cloud oder Passy sein. Ich sah eine Menge Placate an den Häusern angeschlagen, und fing an, sie zu studiren. Aber — es half Nichts! — Ich fand nichts Anderes, als:maisons à vendre— etc. Die Beschreibungen der Häuser und Zimmer waren sehr genau. Aber der Name der Stadt, in der ich mich befand, kam nirgends vor. Das setzte man als Jedem bekannt voraus. Ich ging weiter und ärgerte mich über die häufigen großen Ueberschriften auf hochrothem Grunde mit schwarzen, römischen Buchstaben, die mich von dem Nahrungszweige eines jeden Bürgers unterrichteten, und mich aufforderten, mir alle möglichen Bedürfnisse anzuschaffen, nur nicht das Eine, welches ich empfand.

Als ich die Hauptstraße, welche sehr lang ist, durchgangen war, wußte ich ganz genau, wo ich Kleider, Schuhe, Zimmer, Essen, Trinken und Diener finden könne; aberwo ich war, wußte ich nicht. Es schien mit zuletzt eine verhexte Stadt ohne Namen, nur von meiner müßigen Phantasie erfunden. Ich betrachtete die Bürger auf der Straße wie Schatten, die sich nurden unschuldigen, prosaischen, ja zuweilen einfältigen Anstrich gaben, mich zu foppen; und ich athmete erst wieder leicht, als ich jenseits auf dem Felde stand.

Aber als ich nun hier in der jungen hervorkeimenden Märznatur meine Augen erhob, hefteten sie sich an eine niedrige Mauer, hinter der ich in einem großen Garten lange Lindenalleen sah. — „O, das ist ja Passy!“ rief ich; „hier ist ja der Sommersitz des altenDreyer, wohin ich vor zehn Jahren so oft kam, und mit ihm und Guilleaumeau, Bröndsted und Koës frohe Stunden verlebte! wo wir nach der Mahlzeit im Grünen Ball spielten!“ — Die großen Bäume bewegten ihre noch nackten Zweige, als ob sie mich grüßen wollten; und die weißen Steinurnen auf der Gartenmauer lächelten bleich in der Sonne, als ob sie sagen wollten: Dreyer, Guilleaumeau und Koës liegen bereits in den Grabesurnen. Gehe fort von hier, Wanderer, es ist dies kein Ort der Freude mehr für dich! Da dachte ich: so will ich denn doch in der Nähe des Ortes, wo die Gastfreiheit ihren Sitz hatte, auf das Andenken der Freunde trinken. Und darauf ging ich zu einem Traiteur nicht weit von Dreyer's Garten, außerhalb der (nun nicht mehr) verhexten Stadt; ließ mir einZimmer mit Sonnenschein, einen Eierkuchen und eine halbe Flasche Wein geben; stieß darauf mit dem Glase an der Flasche an, und rief: Gott erfreue ihre Seelen!

Als ich durch Passy zurückging, konnte ich mich nicht genug über meine frühere Blindheit wundern. Nun konnte ich es recht deutlich sehen, daß es Passy war, und wußte den Rückweg sehr gut zu finden.

Ich sah eine große vergoldete Kirchenkuppel sich hoch in die Wolken erheben. Die vergoldete Kirche führte mich allmälig zu demgroßen Invalidenhause. Hier begegnete mir eine Anzahl junger Krieger, die auf Stühlen umhergerollt wurden, Andere hinkten auf Stelzbeinen im Sonnenschein umher. Es waren auch einige ältere darunter. Mit ehrerbietiger Wehmuth trat ich in die melancholischen Hallen, wo die stolzen Ueberwinderder Welt nun ihre letzten Tage wie alte Spittelweiber zubrachten. Es schien übrigens gut für sie gesorgt zu werden. Ich trat in die große Küche; drei bis vierhundert kleine Würste wurden gerade aus den Töpfen geholt und dampfend auf den reingescheuerten Eichentisch gelegt. In einem ungeheuren Kupferkessel stand das gekochte Erbsenmus. Die Helden von Austerlitz und Jena sollten heute Wurst mit Erbsen essen.

Ein eigensinniger Kutscher.Ein Ausflug nach St. Cloud.

Als es heute Ein Uhr war und ich nicht mehr schreiben mochte, schien mir die Sonne ins Zimmer, als ob sie fragen wollte: Willst du nicht auch etwas ausgehen? — Ja, antwortete ich, nahm meinen Hut und ging bei den Tuilerien vorüber nach demPont neuf, wo die kleinen Equipagen halten, denen man in dem geschmackvollen Paris einen sehr unanständigen Namen giebt. Es sind Karren auf zwei Rädern, in denen aber sechs Menschen sitzen können. In einem solchen Wagen kann man für dreißig Sous nach Versailles fahren. Kaum war ich dort hingekommen, als zehn Kutscher, wie Hornissen auf eine Birne, auf mich losstürzten, und Alle mit lauter Stimme, indem sie mich bei den Rockschößen faßten, riefen, ob ich nach Versailles hinausfahren wollte? Ich antwortete, daß ich wohl Lust dazu hätte, aber weder taub geschrieen noch lebendig zerrissen werden möchte. Darauf stieg ich, um jeder weitern Unannehmlichkeit zu entgehen, in eins dieser Fuhrwerke, nachdem der Kutscher mir versichert hatte, daß wir im Augenblick abfahren würden. Aber wir waren, wie ich merkte, erst unserer Drei und sollten Sechs sein. Es half Nichts, daß bald noch Zwei hinzukamen. Der Kutscher wollte noch Einen haben. Wir versicherten, daß wir nicht drinnen blieben, wenn noch Einer käme, und fragten: „Was gewinnst Du dabei, wenn Du Einen bekommst und Fünfe verlierst?“ Aber er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, wurde ärgerlich und war thöricht genug, uns wieder aussteigen zu lassen. Hierdurch gewannenwir sehr; denn wir kamen in einen viel bessern Wagen, hatten bessere Pferde und einen anständigeren Kutscher und nun fuhren wir von dannen. Aber — o Wunder! — wir waren noch nicht weit gefahren, als die ganze Umgegend von Paris sich in einen großen See verwandelte. Die Seine hatte nämlich ihre Ufer überstiegen. Wir fuhren lange im Wasser und begegneten auf dem Wege mehreren Booten, sodaß mir anfing bange zu werden, und ich an den Kutscher Kühleborn in Fouqué's Undine dachte. Indessen währte es doch nicht lange, so kamen wir auf das höhere Hügelland, wo es ganz trocken war. Es ist ein großes Glück, daß bei solchen Flüssen Anhöhen sind; und läge der größte Theil von Paris nicht ziemlich hoch, so würde es oft schlimmer aussehen, als dies nun der Fall ist. — Es ist ein noch größeres Glück für uns in Kopenhagen, daß die Ostsee nicht ähnliche Launen hat. Sie brauchte nur einige Ellen über die Zollbude zu steigen, so wäre der größte Theil von Kopenhagen überschwemmt. Es war schönes Wetter, aber die Uhr war bereits Zwei, ich fand es etwas zu spät, um nach Versailles hinauszufahren, und ließ deshalb den Kutscher an einem bequemen Orte halten, von wo aus ich nach St. Cloud gehen konnte. Im Garten standen die niedrigsten Partieen auch unter Wasser. Ich sah ein kleines Mädchen, die unter einem Baume saß, von wo aus zwei Wege abführten. Ich fragte sie: „Welcher Weg ist der beste?“ Sie antwortete: „„Es ist gleich, welchen Weg Sie gehen, mein Herr, sie sind beide gleich gut; aber auf diesem hier werden Sie des Wassers wegen wohl nicht fortkommen, deshalb ist es wohl besser, Sie gehen auf dem andern.““ — Ich dankte ihr und befand mich wohl dabei. Es war noch kein Laub an den Bäumen, aber das Gras begann hier und da hervorzugucken. Das Schloß wollte ich nicht sehen; ich war früher dort gewesen, und es war mir nicht um schön decorirte Zimmer, sondern um einen herrlichen, blauen, sonnenwarmen Frühlingstag zu thun. Nachdem ich umherspaziert war, ging ich in ein Wirthshaus, das in der Sonne lag, undhielt dort eine einfache Mahlzeit. Ich hatte Rousseau's Heloise mitgenommen, war müde, und setzte mich mit dem Buche in die Sonne. Aber es schmeckte mir nicht so gut, als da ich sie das erste Mal las, obgleich mir schon damals Viel daran mißfallen hatte.

Nach dem Essen war ich wieder im Garten. Zwei freundlichen, alten Männern, welche Gänge kehrten, und mich mit echten unschuldigen Gärtnergesichtern anlächelten, gab ich jedem Etwas. Sie wurden ganz bestürzt, als ich ihnen die kleinen Silberstücke in die Hand drückte, dankten aber herzlich. — Als ich nach St. Cloud kam, war dort kein Wagen zur Abfahrt bereit. Die Uhr war erst Fünf und das Wetter herrlich. Ich beschloß also zu Fuß zu gehen. Als ich bei Passy vorüber kam, fing das Wasser bereits an, mir den Weg zu sperren, und ich wäre nicht hinübergekommen (denn der ganze Weg bildete bereits einen Kanal), wenn nicht einige Männer Bretter gelegt hätten, und mit einem Boot bei den unpassirbaren Stellen übersetzten. Nun sollte ich Trinkgeld geben; hatte aber kein kleines Geld mehr bei mir, mußte also in den Augen dieser Männer wahrscheinlich für einen Geizhals gelten, weil ich den alten Gärtnern meine letzten Sous gegeben hatte. Als ich nach Paris kam, hatte die Seine auch hier einige der niedrigst gelegenen Straßen überschwemmt. Ich mußte einen langen Umweg machen, und war außerordentlich müde. Auf dem Pont neuf standen Leute und sahen nach einem Zeichen unten an den Brückenpfeilern wie hoch die Seine gestiegen war; vor vielen Jahren (1745) hatte sie freilich viel höher gestanden; aber auch diesmal betrachtete man den hohen Wasserstand als ein seltenes Ereigniß.

Besuch desJardin des plantes.

Gestern war das schönste Wetter und ich war imJardin des Plantes, nur hier und da guckte ein Blümchen hervor. Die grüne Ceder vom Libanon, die einer Buche mit Tannenblättern gleicht, breitete ihren feierlichen Schatten über den Hügelaus. Wir sahen die spitzschnauzigen Wölfe; die Hyänen mit den gemeinen unbarmherzig dummen Glotzaugen. Der alte Löwe sah wie ein General aus Ludwig's XIV. Zeit mit einer Allongeperücke aus. Braun, der Bär, ging unten in einem tiefen Graben, in dem er einen Baum hatte, um daran hinaufzuklettern. Jüngst stieg ein Mann zu ihm hinab, um einen Thaler zu holen, der darin lag; da kam Braun ihm sehr freundlich entgegen und drückte ihn so innig an seine Brust, daß der Mann den Geist aufgeben mußte. Ich sah einige philosophische Eulen, deren Weisheit gleich der der Sophisten das Licht scheute; einige Adler, die in das Fleisch hackten. Die Papageien hatten ihre Toilette gemacht, und glichen alten Weibern, die ihre unschöne Gestalt mit prächtigen Kleidern behangen und sie ausgeschmückt haben, daß es eine Lust war; sie waren entsetzlich dumm. Es fanden sich da auch herrliche Fasanen. Zu denen flogen die Spatzen hinein, und durch das Gitterwerk wieder hinaus, und es war rührend anzusehen, wie die kleinen Vögel sich immer, wenn sie wollten, wieder frei machen konnten, die großen aber darin bleiben mußten. Bei der Löwin lag ein kleiner Hund, der sehr eitel und prahlerisch aussah, während die Löwin vornehm gähnte und sich langweilte. Wir sahen einen ehrwürdigen Elephanten. Da waren langhalsige Sträuße, Stachelschweine; kurz, es war wie in Noah's Arche und in Aesop's Fabeln. Die Affen spielten die Bajaz- und Harlekinsrollen in einem stinkenden Nachspiele. Sie bilden sich ein, daß sie mit zur Löwen- und Tigerfamilie gehören, weil vor ihnen auch ein Gitterwerk ist.

Versailles.

Ich kam jüngst nachVersailles. Von diesem prächtigen Schlosse war die Vergoldung in der strengsten Bedeutung des Wortes verschwunden; aber nun vergoldet man es wieder thunlichst. Ludwig XIV. hat absichtlich eine Stelle zum Schloß und Gartengewählt, für die der Schöpfer gar nichts gethan, damiter selbstallein die Macht und Ehre davon habe. Die Gegend war ein Morast; — dieser ist nun in den festesten Boden verwandelt. Es war kein Wasser dort; — aber Ludwig verstand es, durch künstliche Leitungen sich Wasser, ebenso wie Poesie, zu verschaffen, und wo man geht, kann nun das Wasser aus mittelmäßig geformten bronzenen Tritonen und Oreaden spritzen. Kein Unterofficier kann die Soldaten zwingen, in geraderen Reihen zu stehen, als die Gärtnerscheere hier die Hecken gezwungen hat. Indessen bekommt das Ganze durch seine Weitläufigkeit und Kostbarkeit, Ordnung und Reinlichkeit, etwas Imposantes und Angenehmes. Im Schlosse selbst sind schöne Hallen, die Plafond's sind köstlich gemalt und es hat etwas Feenhaftes, durch alle die goldenen Säle mit hohen, gewölbten Kuppeln zu wandeln. Ludwig XIV. war, wie die Krähe und Narciß in seinen eigenen Namen und sein eigenes Bild vergafft,wohinman das Auge richtet, inwelchenSaal man tritt, steht Ludwig XIV. im Harnisch mit der Allongenperücke. Ja, in dem großen Saal steht er in jeder Wölbung unter der Kuppel. Diese Gemälde enthalten die wichtigsten Momente seiner (d. h. seiner Generale) Siege. Ich stand in dem langen Saale allein, und konnte es mir recht vorstellen, wie es hier von Herren und Damen mit großen Rockschößen, breiten Reifenröcken, Perücken und Toupee's gewimmelt haben muß. — Hier stand der große Racine zitternd und bebend, als Ludwig an ihm vorüber ging, ohne ihn zu grüßen; ging nach Hause und starb; — Gott sei seiner Seele gnädig!

In dem Theater war ich auch, aber hier lag noch Alles in größter Unordnung. Alte Gemälde und Portraits waren hineingeschleppt, und wie in einer Rumpelkammer übereinander geschichtet; und mitten zwischen diesen stand ich. — Es schien mir wie eine satyrische Scene, die absichtlich von dem Schloßverwalter veranstaltet sei. Ich wandte mich deshalb zu ihmund sagte: „Ja, es ist schrecklich, wie der Geschmack zurückgegangen ist.“ — „„Nein, mein Herr,““ sagte er, „„diese alten Gemälde und Portraits gehören nicht hier her; wir haben sie nurad interimhierher gesetzt.““ — „Lassen Sie sie nur stehen,“ antwortete ich; „es wird mit ihrem Theater doch nicht gut, bevor sie nicht diese Helden auf die Bühne bringen.“ — Durch das viele Umhergehen war ich warm geworden, und nun sollten wir in die Orangerie. Dies ist ein langes Gewölbe in dem untersten Seitengebäude. Die Fenster waren geschlossen; wir gingen durch einen langen finstern Keller, wo gerade soviel Licht war, daß ich die Orangenbäume in viereckigen Holzkasten entdecken konnte; sie hatten rundgeschnittene Kronen, welche freilich alle grün waren. — Es schwebte mir die Frage auf der Zunge: „Was haben diese Bäume verbrochen?“ denn es schien mir, als ob ich durch die Bastille oder die französische Academie ging, wo die Natur unter der Zuchtruthe gehalten wird. Zugleich dachte ich aber daran, wie schön es im Sommer aussehe, wenn sie draußen in der Luft ständen, und Früchte trügen. So hatte ich sie im Jahre 1807–1808 gesehen. Nun versöhnte ich mich mit der Einrichtung, und dachte: das ist eine Art Winterschlaf; man muß diese Orangen wie eine Truppe Schauspieler betrachten, die ihre Rollen in dem Lustspiele durchlesen, das sie am Geburtstage der Sommerwärme aufführen sollen.

Versailles. — St. Denis.

Das war nun die Versailler Tour. Einige Tage darauf dachte ich: Du hast keine der Majestäten auf dem Lustschlosse gefunden, Du mußt sie einmal auf ihrer Winterwohnung aufsuchen, da sind sie gewiß zu Hause. — Mit diesem Gedanken stieg ich in einen Wagen, und fuhr eines schönen Tages nachSt. Denishinaus. Als ich nun an dem Kirchhofe von Paris vorüberfuhr, wo Alles auf Das hindeutete, was gewesenwar,erhob sich nach und nach der ehrwürdige Thurm von St. Denis, und erinnerte mich an unser altes Roeskilde.

Die Gräber von St. Denis.

Ich dachte nicht an die Geschichte der Begräbnisse und bildete mir ein, daß ich viele davon sehen würde, wie in Roeskilde oder Westminster. — Mit diesem Gedanken trat ich in die alte gothische Kirchthür; aber statt derGräber der Todtenerblickte ich in dem großen hellgelben Steingewölbe nichts als einenlebenden Todtengräber, der eine Mütze aufhatte, weil es nicht gestattet war, einen Hut in der Kirche aufzubehalten. Er ging auf und ab, und wartete wahrscheinlich auf einigeKunden, d. h.Lebende, welche sich umherführen lassen und ihm Trinkgeld gehen würden. Ich fragte ihn, ob ich die königlichen Gräber sehen könnte; aber er schlug es mir mit vieler Wichtigkeit ab, und sagte: daß sich das nicht ohne besondere Erlaubniß thun ließe. Dies that mir leid, und ich glaubte bereits, die Reise vergebens gemacht zu haben; als er in demselben Augenblicke mein Herz durch den Zusatz erleichterte, daß auch nichts weiter zu sehen sei, als die Särge Ludwigs XIV. und seiner Familie. — „Aber mein Gott,“ rief ich, „wo sind denn alle Merowinger, die Karolinger, die Valois, und die Bourbons geblieben?“ — „„Es ist Nichts mehr an ihnen zu sehen,““ sagte der Todtengräber. — „Das kann ich mir wohl denken,“ entgegnete ich, „aber ihrer Gräber?“ — „„Existiren nicht mehr; denn in der Revolutionszeit wurden sie vernichtet, und Robespierre ließ alle ihre Gebeine herausnehmen und sie auf dem Kirchhofe dort begraben.““ — Hier öffnete er eine Seitenthür zu einem kleinen, grünen Kirchhof. —Ich: Liegen sie da noch?Der Todtengräber: Nein, später hat man sie wieder in die Kirche gebracht.Ich: Das heißt,alle Gebeine zusammen; denn es war wohl nicht leicht, Chlodowigs Gebeine von denen Chilperichs, Merowings von denen Dagoberts, und Chlodions von denen Pharamunnds zu trennen.Der Todtengräber: Sie können sich denken, daß das ein artiger Haufen war.Ich: Und wenn man ihnen auch,wie den Abderiten einen Schlag über die Beine gegeben hätte, so würden sie doch vergessen haben, die Beine an sich zu ziehen. Ja ich möchte wohl solch' eineSchiebkarre voll der Königsasche mehrerer Jahrhundertesehen! Der Gedanke: „von Erde bist du, zu Erde sollst du werden,“ würde bei einem solchen Anblicke sehr einleuchtend werden. — Nun erzählte der Todtengräber mir mit vieler Routine die Geschichte der Kirche. Der Chor ist in dem elften Jahrhundert mit runden unverhältnißmäßigen Säulen erbaut. Die Kirche selbst hat Ludwig der Heilige errichtet und Thüre und Eingang sind noch aus der Zeit Karls des Großen. Vom Anfange des neunten Jahrhunderts? Unter dem Chor war die alte Kirche, eine niedrige Kapelle, von Dagobert im siebenten Jahrhunderte gebaut. Nun führte der Todtengräber mich in eine Kapelle hinab, welche mehrere Jahrhunderte hindurch von Gerölle und Steinen verschüttet lag, bis man sie endlich wiederfand. Eine Kirche aus dem siebenten Jahrhundert ist nichts Geringes. — Es ist angenehm, in das dunkle Mittelalter einzudringen; aber hier begegnet uns die sonderbare Erscheinung: je tiefer man ins Mittelalter hineinkommt, destomehr nähert man sich wieder der hellern, modernern Römerzeit; und dadurch wird der mysteriöse Eindruck geschwächt. Dagobert's kleine Kirche glich mehr dem verdorbenen Geschmack der antiken Baukunst, als der ersten selbsterfundenen romantischen; und als antik ist sie wieder sehrjung. Indessen hat man nicht viele Denkmäler aus dem siebenten Jahrhunderte außerhalb Italien und Griechenland, und es war mir interessant, in dieser kleinen niedrigen Kapelle umherzugehen, auf der nun die große Kirche stand, und diele bon roi Dagoberthatte bauen lassen. Einige alte Leichensteine aus dem elften und zwölften Jahrhundert lagen umher. Sie sahen älter aus und stellten ein paar Könige vor: Childerichs oder Chilperichs. Es kam mir vor, als ob diese steifen, weißen Steinbilder Leichen wären, und sie glichen den alten Königen. Ein paar gezeichnete Figuren waren auch aus dem siebenten Jahrhunderteda, und zeugten gleichfalls von dem vorbyzantinischen Geschmacke. Später sah ich ein Versammlungszimmer der Geistlichkeit der Kirche, das schön und mit den besten Bildern der neuesten französischen Maler geschmückt ist.


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