Die stille Woche in Paris.
Diestille Wochein Paris entspricht ungefähr derThiergartenzeitbei uns. Freilich wird die ganze Woche hindurch auf den vier großen Theatern nicht gespielt; und auf den kleinern nicht am Gründonnerstage und dem Charfreitage; aber dafür hat denn auch Lucifer auf andere Weise für das Vergnügen gesorgt. — In alten Tagen befand sich außerhalb der Stadt eine Kapelle derheiligen Jungfrau. Zu dieser Kapelle gingen die Vornehmsten der Stadt, Könige und Königinnen nicht ausgenommen, in Procession, beteten dort fromm und gingen dann wieder zurück. Später meinte man, der Weg sei doch zumGehenzu lang; man meinte, man könne ebenso gut zur heiligen Jungfrau beten, wenn man hinausfahre. Endlich verfeinerte man die Idee so weit, daß man meinte,man könnte wohl auch hinausfahren, ohne zu beten. Und dabei blieb es. Am Aschermittwoch, Grünendonnerstag und Charfreitag fährt also Alles hinaus, was Pferde und Wagen hat, oder miethen kann. Der Zug fängt am Boulevard an, geht über den Platz Ludwigs XV., durch die elyseischen Felder, zur Barrière hinaus, nach dem Bois de Boulogne, wo Viele aussteigen und wieder zurückgehen. Alle die prächtigen Equipagen, Schritt vor Schritt fahrend mit schön geschmückten Damen, die dort zur Schau sitzen! Man kann nicht leugnen, daß das Ganze ein elegantes und lebendiges Bild giebt. Nur Eins ist verkehrt, daß es in der stillen Woche geschieht! und Charfreitag ist der brillanteste und lustigste Tag. In diesen Tagen wetteifern die Damen in der Erfindung schöner Toiletten. Künstler, Maler und Schneider sind als Richter zugegen und nun wird gewählt; was man am Schönsten findet, das wird dann die neueMode, die sich in kurzer Zeit über ganz Europa ausbreitet. Was besonders dazu beiträgt, es unterhaltend zu machen, ist die außerordentlich lächerliche Verschiedenartigkeit, welche dort herrscht. Ein Jeder kann natürlich fahren. Nun kommt bald ein prächtig lackirter Wagen mit geschminkten Damen mit Spitzenhüten und Sonnenschirmen, hinterdrein knarrt ein elender Miethwagen, mit Heubündeln statt der Sitze, voller Poissarden mit Häubchen oder Mützchen; darauf segelt ein englischer Wagen mit einem Kutscher vorüber, dessen spitziger Hut, in Form eines gleichschenkeligen Triangels ihm mit der Krempe gerade über der Nasenspitze sitzt. Dann kommt die Herzogin von Berry mit einer Suite ihrer Garden. Darauf Demoiselle Bourgoin, die Schauspielerin imThéâtre français, verschleiert, aus Devotion damit ja Niemand merke wie alt sie wird. — Man muß gestehen, die französischen Damen kleiden sich mit vielem Geschmack. Sie gehen in prächtiger Toilette auf ihren kleinen, graziösen Füßen mit filirten oder brodirten Seidenstrümpfen, und sie gleichen hierin durchaus nicht dem Pfau, bei dem die Füße die schwächste Seite sind. Eine große Menge von Gensd'armen ist da, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. So bringt man hier die stille Woche zu.
Aber es ist auch Gottesdienst da. Ich ging Abends auch in die Kirche St. Roche, und da war es voll. Aber ich fand keine sonderliche Andacht. Ein Prediger heulte auf der Kanzel, schrie, schlug um sich und war sehr aufgebracht. Er sprach nicht wie ein Vater oder Freund zu seinen Kindern und Schülern; sondern wie ein Gefangnenwärter, der Schelme oder Verbrecher ausschilt. Wir wären gern Alle zusammen wieder draußen gewesen; aber die Thüren waren während der Predigt geschlossen, sodaß man bleiben mußte. Es nahm gar kein Ende, und ich war nahe daran, ihn von der Kanzel in die Hölle hinab zu wünschen. Endlich kamen wir hinaus. — Da hast Du ein Bild von einem pariser Charfreitag.
Potage à la turc.
In meinen Briefen gehe ich zuweilen den Krebsgang. So will ich nun erzählen, wie ich am Gründonnerstage beinahe gefastet hätte, und zwar aus lauter Heidenthum. Ich war nämlich imLong-champ— so wird der vorher erwähnte Zug genannt — so lange, daß ich nicht mehr zuVeryins Palais royal kommen konnte. — Bertouch ißt in einem Hôtel zu Mittag, wo eine geschlossene Gesellschaft ist, und da bin ich zuweilen auch; aber da es mich mehr amüsirte, umherzugehen, ihn aber Bekanntschaften fortzusetzen, so bleibt er noch dort und ging auch mit einigen Freunden vom Hause spazieren. — Da die Uhr über Fünf Uhr war, ging ich in eine Restauration am Boulevard zu Monsieur le Riche. Bei den Reichen pflegt man gut zu diniren, und ich kann auch im Ganzen nicht klagen. Aber man höre! Das Erste, auf das meine Augen auf der großen Speisekarte fielen, warpotage à la turc. —Potage à la turc? das klang mir so kräftig. Ich verlange also potage à la turc. Der Garçon sagt:bien, Monsieur! — Es kommen andere Gäste, welchepotage à la julienne, aux choux, aux ris, aux vermicellesetc. verlangen. — Sie bekamen Alle ihre Suppen früher als ich die meinige. Endlich kommt der Diener mit einem silbernen Teller, auf dem eine in einer Obertasse befindliche Portion gekochten gelben Reißes ganz trocken wie ein harter Kuchen steht. Ich dachte: das kommt wohl in die Suppe. Ich warte. Nichts mehr! Endlich werde ich ungeduldig und rufe: „Eh bien? le potage?“ — Garçon: „Le voilà, Monsieur!“ Ich: „Comment, c'est du potage ça?“ Garçon: „Oui, Monsieur!“ —
Das Museum.
Vor der Thüre zum Museum steht ein Schweizer, und ich hatte im Anfange immer Mühe, an ihm vorüberzukommen. Bald war es nicht geöffnet, bald sollte man seinen Paß vorzeigen. Einmal, als ich den Paß bei mir hatte, sagteer: „Monsieur le chevalier, ce n'est pas nécessaire, mais la galérie n'est pas ouverte aujourd'hui.“ — Ein anderes Mal, wo ich den Paß in der Hand hielt, wollte er ihn lesen, und ich trat endlich ungehindert in die Wunderwerke der Kunst ein, ohne daß Cerberus mich ferner daran gehindert hätte.
Die Galerie hat viele ihrer Krähenfedern verloren. Das Geschwätz: daß es schade sei, daß sich nicht Alles mehr auf einer Stelle finde, und daß dies die Möglichkeit zu studiren, sowohl für Künstler, als für Kunstverständige erschwere, hat mich oft verdrossen. Als ob Kunstwerke nur für die Künstler da wären! Im Gegentheil: die Künstler sind für die Kunstwerke da. Wenn man Alles nur in Bezug auf das Bedürfniß der Künstler einrichten will, so kommt mir das so vor, als ob man die Speise in der Küche stehen ließe, wenn der Koch sie fertig gemacht, damit die Küchenjungen am nächsten Tage daraus lernen, eine ähnliche Speise zu bereiten.
Die Werke sollen gerade in die Welt hinausgebracht undvertheiltwerden, damit Alle Etwas haben können. Jede irgend wichtige Stadt hatte früher ein einigermaßen bedeutendes Kabinet, so ist es jetzt wieder. Hier war Alles zu einem Haufen zusammengefegt. Erstens war es ein gemeiner Raub; aber es war auch ohne Nutzen: es machte die früheren Kunstsammlungen leer, und die außerordentliche Menge auf einem Punkte stumpfte den Sinn ab und zerstreute, sodaß man auch hier die Kunstwerke nicht recht genoß. Das Seltenste erschien alltäglich, wenn man an der Masse vorüberging.
Während früher ein Altarbild die Kirche feierlich und schön machte, und oft gerade in Bezug und berechnet auf den Ort gemalt war, hingen sie nun oft in einem Winkel hoch oben im Schatten, wie in einer Rumpelkammer. Eine Statue, welche dazu bestimmt war, frei zu stehen, sodaß man rund um sie umhergehen, und sie von allen Seiten betrachten konnte, mußtesich hier oft damit begnügen, an einer Wand und in unvortheilhafter Beleuchtung zu stehen. Weßhalb soll man auch so Vieles sehen? Es verbreitet den Geschmack für das Schöne weit mehr, wenn Alle Etwas, als wenn Einige Alles sehen. Und was kommt überhaupt bei diesem ewigen Besehen und Copiren heraus? Davon haben wir traurige Beweise!
Ich kann es nie lange aushalten, Gemälde und Statuen zu sehen; aber ich sehe sie gern jeden Tag wieder. Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die mit ununterbrochener Aufmerksamkeit dergleichen mehrere Stunden lang hinter einander betrachteten. Im Anfange glaubte ich, es sei Mangel an Sinn für das Schöne, der mich müde werden ließ; aber später, als ich oft Aehnliches bei Leuten gesehen habe, die gerade ihres Schönheitsgefühls wegen geachtet waren, tröstete ich mich. So viele Gemälde und Statuen auf einmal zu sehen, kommt mir vor, als wenn man viele Gedichte auf einmal liest. Der eine Eindruck verdrängt den andern. Es ist als ob man in einen Raritätenkasten, oder in eine Laterna magica blickt. Das Gefühl wird gezwungen, uns treulos zu werden. Die Phantasie muß ihr Bild fahren lassen, gerade in dem Augenblicke, wo sie es genießen wollte; vor lauter Lust, Alles zu sehen, sieht man zuletzt gar Nichts und verläßt die Sammlung mit leerem Herzen. — Meine Seele wird von solchem Anblickebefruchtet, und wenn der Geist Gedanken und Bilder in sich aufgenommen hat, sucht er die Einsamkeit, um selbst zu schaffen.
Bertouch, der kein großes Vergnügen daran findet, Kunstwerke zu sehen, war jüngst mit mir in der Galerie; als er ganz gleichgültig vor Raphael's heiligem Georg stand, wollte ich doch versuchen ihm zu imponiren und sagte: „Wissen Sie wohl, daß dieses Bild vielleicht ebenso viel, als ihre Baronie gekostet hat?“ — „„Möglich,““ antwortete er gleichgültig, „„dieLiebhabereien sind verschieden.““ Ich lachte und gab ihm vollkommen Recht.
Das Ballet. — Galeotti.
Das Ballet nähert sich hier bei Weitem nicht so sehr der eigentlichen Mimik, wie die Composition unsersGaleotti, ist aber viel mehr mit Tanz verbunden. Galeotti war eigentlich einDichter. Die Compositionen seiner Fabeln, die, wenn auch anderen Stücken entnommen, doch ganz umgearbeitet waren, können alsEntwürfezu guten Schauspielen dienen. Jede Kunst hat ihreEigenthümlichkeit, in der sie vollkommen werden muß; sie kann sich unmöglichüber sich selbsterheben, unmöglich ihre Vorzüge von einerandernKunst entlehnen. In den Ausdrücken der Leidenschaft, in der Entwickelung der Charactere kann das Ballet sich nicht mit einem guten Schauspiele messen; denn das Wichtigste, dasWortfehlt. Das Ballet ist die Kunst der äußern Bewegung. Seine Hauptaufgabe ist, den Menschen in allen schönen Formen der Bewegung darzustellen. Hier kommen also Tanz, Gruppen, anmuthige Verwickelungen, die sich in Harmonie auflösen u. s. w. in Betracht[2]. So wie das Singspiel dieStimmedes Menschen, als Ausdruck für seine Gefühle und Leidenschaften behandelt, so behandelt das Ballet seine Körperbewegungen. Die Pantomime stellt eine Handlung in so weiter Entfernung gesehen dar, daß man nicht mehr die Worte vernehmen, sondern sie sich nur durch die Bewegungen versinnlichen kann. Da es nun bloß sehr wenige Stimmungen giebt, welche diese äußere Bewegung gestatten, wenn sie nicht der Deutlichkeit wegenunschön übertriebenwerden sollen, so sehen wir ein, daß der Kreis der Pantomime sehr beschränkt ist. Einzelne Gedanken kann sie nur selten ganz deutlich ausdrücken. Unser Galeotti handelte deshalb sehr klug,indem er Stoffe wählte, die bereits durch diePoesiebekannt waren, sodaß die Erinnerung an die Worte des Gedichts den mimischen Vortrag unterstützen konnten. Will die Pantomime dagegen auf ihren eigenen Füßen stehen und tanzen, so muß sie sich in ihrer Sphäre halten. In dem Tragischen sind nur einzelne pathetische und erotische Gegenstände für dieselbe geeignet; dagegen ist der Tanz ein Ausdruck jugendlichen Lebens und jugendlicher Munterkeit, und wir sehen also deutlich, daß jugendlicher Scherz in anmuthigen Bewegungen ihre Hauptsache ist. Das fühlen die Franzosen als geborene Tänzer und suchen, indem sie keinen großen Werth auf die Balletcomposition legen, den Zweck durch die richtigste Wahl des Stoffes und durch die vollkommenste Darstellung zu erreichen.
Das Ballet.
Ich habe zwei Ballete dieser Art hier ganz vortrefflich gesehen:Zephyr und Floraundder Carneval in Venedig. Wenn Zephyr überhaupt menschlich verkörpert werden könnte, so wäre es hier durch die anmuthigsten Bewegungen und Wendungen geschehen. Die blühende Flora tanzte in holder Grazie mit ihrem Geliebten: es war wie die Frühlingsluft in einer Rose. Der Carneval ist ein amüsanter Wirrwarr der verschiedenartigsten Masken: italienische Phantasie und Munterkeit, verbunden mit französischer Leichtigkeit und Grazie. Alles unterstützte diese Vorstellungen: Costüme und Decorationen waren vollkommen schön; das Wasser rieselte, die Böte segelten dahin, die Bäume warfen ihren Schatten, die Blumen schmückten Alles, wie in der schönen Natur.
Welche Menge schöner, junger Menschen beider Geschlechter! Einer verdrängt den Andern. Alles geschieht ohne Prätension, und das Schwierigste mit einer so nachlässigen Leichtigkeit, daß man glauben sollte, man könne es selbst machen. So muß alle Kunst sein: wo man die Schwierigkeit bemerkt, da ist Anstrengung; Anstrengung setzt Mühe, ja wohl selbst Schmerz voraus, und die Folge davon ist, daß man mit dem Leidenden Mitleid oder gegen den Schwachen Verachtung empfindet, anstatt sichmit über das Blühende zu freuen und den Starken zu bewundern.
Man frage mich nicht nach den Namen dieser Phantome! Worte scheinen mir nichts mit ihnen zu thun zu haben, und ein Name ist ein Wort. Ich betrachte sie wie die Blumen im Winde: die Linné'schen Bezeichnungen sind für mich von geringer Bedeutung. Es erfreut mich stets, sie gleichsam jedesmal aufs Neue zu entdecken. Aber wenn man durchaus einen Namen haben will, so diene zur Nachricht, daß Mademoiselle Bigottini eine der vorzüglichsten Tänzerinnen ist.
Die Haupttheater von Paris.
Ich gehe gern insThéâtre des Variétésund sehe Brunet und Potier. „Le ci-devant jeune homme“ dieses Letzteren ist meisterhaft. Brunet's „Jocrisse“ ist eine Stereotypausgabe komischer Dummheit.
ImThéâtre de la Gaiétébin ich nur einmal gewesen. Vor zehn Jahren, als ich das letzte Mal hier war, spielten sie ein Stück:Le pied de mouton, einhundertundsiebenzigmal hinter einander. Während ich fort war, hat es geruht. Nun hat man es wieder hervorgeholt.
In diesem Theater, das übrigens hübsch gebaut ist, trinkt man im Parterre Bier. Es ging auch ein Verkäufer umher, der die wunderbarste Fertigkeit besitzt, seine Waare Demjenigen zuzuwerfen, der sie verlangt. Ich war eines Abends da, als das Haus überfüllt war; er stand auf einer Bank mitten im Parterre und rief seine Waaren aus. Wenn nun Einer oben auf der dritten Galerie Etwas verlangte, so warf er es hinauf, so daß Dieser es fangen konnte. Auf diese Weise that er es nach allen Seiten hin, ohne daß es ihm ein einziges Mal mißglückte. Später ging er die Treppe hinauf, öffnete die Logenthüren und cassirte sein Geld ein.
ZurAmbigu comiqueund imThéâtre porte St. Martinspielt man nichts Anderes, als zusammengewürfelte Melodramen.Und mit diesen Pfuscherarbeiten vergleicht man hier die Meisterwerke fremder Nationen. Deshalb nennt man Shakespeare's und Schiller's Tragödien nur Melodramen. Das kommt mir so vor, als wollte man ein schönes Mädchen einen Hund nennen, weil sie Beide ein Halsband tragen.
Das Examen auf den Boulevards.
Auf den Boulevards sind eine Menge kleiner Buden und Zelte, in denen alle Tage, wie bei uns während der Thiergartenzeit, gespielt wird. Zuweilen giebt es vor dem Altane ein Vorspiel, um die Zuschauer anzulocken. Jüngst als ich an einer dieser Buden vorüberging, hörte ich folgendes Bruchstück eines Intermezzo für den Pöbel: Ein junger Mensch mit rother Zopfperücke und rothem Rocke examinirt einen närrischen Greis in der Geschichte folgendermaßen:Er:Monsieur, pouvez vous me définir l'histoire? Qu'est ce que c'est que l'histoire?Der Greis:Permettez moi premièrement de vous définir unepoire.Der junge Lehrer:Bien!Der Greis:Une poire est un fruit allongé avec une peau et une tige.Der Junge mit Zufriedenheit:Bien! C'est une poire! Et l'histoire?Der Greis:C'est un — l'histoire française?Der Junge:Oui! Qu'est ce que c'est que ça: „l'histoire française?“Der Greis:C'est un récit de tous les évènements passés, du temps de Pharamond, jusqu'à nos jours.Der Junge:Bien!Ah c'est bien répondu.— Hier wurde die Darstellung zu meinem großen Verdruß unterbrochen; das wahre Bild einesExamens.
Ich war letzthin in derTapetenweberei, wo man Bilder in Teppiche webt. Blumen eignen sich am meisten durch ihre gefleckten stark getrennten Farben für diese Kunst. Es ist amüsant, die Leute arbeiten zu sehen. Sie sitzen unsichtbar hinter Rahmen oder Harfen, in denen die Kette die Saiten bildet,und den Einschlag weben sie ganz mechanisch nach kleinen abgemessenen Quadraten in die Kette, und bringen so die Bilder hervor. Steht man nun eine Zeitlang und sieht diesen fleißigen, klugen Arbeitern zu, so sieht man allmälig hier ein grünes Blatt, dort eine kleine rothe Knospe entstehen. Uebrigens geht die Arbeit sehr langsam trotz allen Fleißes und ist also außerordentlich kostbar.
Das Treiben im Palais royal.
Die arbeitende Klasse in Paris ist schnell, tüchtig in ihrem Fach, mäßig und unternehmend. Es ist hübsch, einen Graveur oder Uhrmacher im Palais royal in seinem kleinen Glaskasten zu sehen; denn so kann man seine Werkstatt nennen, in der der größte Theil der Wände Fenster sind. Fleißig sitzt er da, sieht durch seine Vergrößerungsgläser, und arbeitet, während die müßige Menge vor seinem Fenster vorübergeht. Er sieht selten hinaus, sondern blickt auf seine Arbeit, gebraucht Meißel, Feile und Zange, und ist gewohnt, den Menschenstrom draußen wie einen andern Fluß zu betrachten, der ihn nur durch seine Beweglichkeit interessirt, und weil er ihm ab und zu den Goldstaub zuführt, den er zur Unterhaltung für sich und seine Familie gebraucht.
Ueber den Werkstätten dieser fleißigen Arbeiter ist dasSpielhaus, wo die ungeheuersten Summen ebenso rasch durch Leichtsinn vergeudet, wie unten die kleinen Summen langsam durch Fleiß verdient werden. Man hört jeden zweiten Tag von jungen Leuten, die sich ertränkt, aufgeknüpft und erschossen haben. Vor einiger Zeit saß Bertouch des Abends in einem Kaffee des Palais royal und hörte einen Schuß draußen im Dunkeln in einem kleinen Garten. Es war ein junger Engländer, der sich eine Kugel durch den Kopf geschossen hatte. Er war vor ein paar Tagen nach Paris mit 20,000 Fr. gekommen; diese hatte er in zwei Tagen verloren, und noch 40,000 Fr. auf sein Ehrenwort verspielt.
Die gesprengte Bank.
Man hat übrigens im vorigen Jahre die Bank, in der strengsten Bedeutung des Wortes,gesprengt. Das heißt nämlich mit Pulver. Einige Glücksritter wußten eine kleine Dose unter den Tisch gerade unter die Geldhaufen zu praktiziren, und Feuer so anzulegen, daß es nicht gleich zündete. Während des Spieles springt nun die Dose in die Luft. Das Zimmer wird voller Rauch. Die Spieler, welche sonst nicht fürchteten, von dem ungeheuren Glücksrade zermalmt zu werden, springen entsetzt von ihren Sitzen auf, weil ihnen hier der Untergang auf eine andere ungewöhnliche Weise droht. In diesem Augenblick springen die Spitzbuben herbei, raffen das Geld zusammen und schleichen sich in der allgemeinen Verwirrung davon. — Jetzt ist es verboten, mit dem Hute herein zu kommen. Er muß im Vorzimmer gegen eine Marke zurückgelassen werden.
Unser Diener Christian hat einige Anfälle vom kalten Fieber gehabt, er ist aber wieder dadurch genesen, daß er wie toll durch die Boulevards rannte. Es war gut, daß er nicht als verdächtig aufgegriffen wurde; denn da er weiter nichts Französisches sprechen kann, als: „Donnez moi umsangdael(chandelle)!“etc.; so wäre er nicht im Stande gewesen, Rechenschaft zu geben, wenn man ihn ergriffen hätte. Wir übergaben ihm die ersten Tage einem Doctor, der ihn einen halben Eimer lauwarmes Wasser mit Citronen trinken ließ; aber als er mich später flehentlich bat, es nicht mehr trinken zu müssen, erlaubte ich es ihm unter der Bedingung, daß er in zwei Tagen gesund sein müsse. Darauf gab er mir sein Ehrenwort und hat es auch wie ein ehrlicher Kerl gehalten. Das Fieber verließ ihn, und er starb doch nicht. Uebrigens wird er von den Leuten hier im Hause wie ein Taubstummer behandelt, da er nichts verstehen und nichts reden kann. Aber er versteht sich prächtig auf Pantomimen, und hier kommt das angeborene theatralische Talent den Leuten im Hause zu Statten.
Der Hund kein Dichter.
Man zeigt einen Hund, der schwierige Kopfrechnungen machen und auf diese Weise den Leuten sagen kann, an welche Karte sie gedacht haben. Er erweckt die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt durch sein mathematisches Talent. Ich fragte, ob er auch Verse machen könne, und als man: „Nein“ antwortete, freute es mich, daß den Poeten auf diese Weise eine unschuldige Rache über die Mathematiker wurde, die immer so sehr mit ihrem menschlichen Verstand prahlen, und die Phantasie zu denniedrigen Seelenkräftenrechnen, die wir mit Thieren theilen. Sehen Sie wohl, meine Herren! Verse konnte der Hund doch nicht machen. „Aber er konnte ebenso wenig rechnen!“ — Das sage ich auch nicht; ich erzähle nur, daß ganz Paris esglaubt. Dagegen hat Paris nie geglaubt, daß ein vierbeiniger Hund Verse machen könne.
Ich gehe oft an den Quais der Seine entlang. Letzthin ging ich überPont neuf, wo Ravaillac den gefühlvollen, verliebten Ritter, den tapfern Helden und väterlichen König Heinrich IV. ermordete, der, ohne außerordentliche Geistesgaben und Thaten sich durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und sein gutes Herz unsterblich gemacht hat. Ich höre nie das Volkslied: „Où peut-on être mieux, qu'au sein de sa famille,“ ohne an ihn zu denken, und mir sein bärtiges lächelndes Antlitz in Rubens' Bild vorzustellen. Auf meiner Wanderung kam ich auch amCafé de Voltairevorüber. Ich hatte die Absicht hineinzugehen, besann mich aber gleich, indem ich zu mir selbst sagte: Du triffst ihn doch nicht. Aber ich hätte viel darum gegeben, wenn er gelebt, und drinnen seinen Witz zwischen seinen Bewunderern bei dem lieben Kaffee hätte spielen lassen, diesemlangsamen Gifte, bei dem er über achtzig Jahre gelebt.
Ich kann mich nie den kleinen Inseln mitla Citéin der Seine nähern, ohne an meine Vorväter die Normannen zu denken, welche den Fluß herauf mit ihren kleinen Schiffen kamen,die Stadt belagerten, einnahmen und anzündeten. Der Fluß und die Inseln sind jetzt fast noch so wie damals, die Stadt selbst — welch ein Unterschied! und doch ist es nicht lange her, daß eine viel abscheulichere Barbarei hier unter den seinen, polirten Parisern raste, als unter den barbarischen Normannen. Die Normannen haben niemals wie die Katholiken gegen die Hugenotten, wie die Jakobiner gegen alle ehrlichen Leute gerast. Man folge mir nun noch ein paar Schritt auf den Greveplatz! — Nun stehe ich auf der Stelle, wo das Blut Tausender geflossen ist, wo man täglich Fenster wie Logen zu dem blutigsten Schauspiele miethete. — Aber ich merke Nichts davon, die Erde, auf der ich stehe, war einmal so vom Blut gesättigt, daß sie die rothen Ströme nicht mehr einsaugen wollte, und man war genöthigt, die Richtstätte nach dem Platze Ludwig's XV. hin zu verlegen. Nun aber sitzen die Poissarden hier ganz ruhig und verkaufen Gemüse. Zuweilen stehe ich still und höre sie zanken und dann glaube ich in ihren Schmähworten und wilden Blicken den Funken der Flamme zu sehen, die so fürchterlich ausbrach.
Abschied von Paris.
Ich verlasse Paris nicht ohne Wehmuth. Ich liebe diesen Mittelpunkt europäischen Lebens und Wirkens. Ich habe nun bereits 21 Monate meines Lebens in dieser Stadt zugebracht. Das erste Mal 18, jetzt 3. Ich habe hier meine Tragödien Palnatoke und Axel und Valborg geschrieben; habe Hroar's Sage ausgearbeitet und Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke und mehrere Gedichte ins Deutsche übersetzt. In keiner Stadt, nächst Kopenhagen bin ich so lange gewesen und habe so viel gewirkt; ist es da nicht natürlich, daß die Erinnerung mir lieb sein muß, wenn ich dies zu den eigenen, großen Vorzügen der Stadt hinzurechne? — Es haben sich hier Einige über diese Vorliebe gewundert und gesagt, es sei unconsequent von mir, da ich die Franzosen nicht liebe. Aber sie thatenmir Unrecht. Ich liebe nicht die französische Tragödie, den französischen Hochmuth und die Unwissenheit über Alles, was nicht Französisch ist. Aber die französische Nation finde ich im Ganzen genommen liebenswürdig und angenehm, mit mancherlei Eigenschaften, die den anderen Nationen fehlen. Und sollte ich mir außerhalb Kopenhagen einen Aufenthalt nach meinem Sinne wählen, so wäre es Paris; denn hier findet man Alles, und Jeder kann leben wie er will. Ich habe eigentlich keine persönlichen Bekanntschaften gemacht; aber oft mit vernünftigen, gebildeten, freundlichen Franzosen an öffentlichen Orten gesprochen. Ich sympathisire mit ihrer raschen, kurzen, witzigen Art, die Dinge zu betrachten. Die Franzosen sind Lebensphilosophen, sind kräftige, thätige Menschen. Auch das Elegante und doch Oekonomische in Allem, was die Bedürfnisse des Lebens betrifft, mag ich gern. Man trifft in Paris viele Fremde aller Nationen. Gute Schauspiele, die die angenehmste Erholung meines Lebens, nächst Verwandten und Freunden ausmachen, finden sich hier ganz besonders. Und deshalb schaue ich fortreisend mit einem schwermüthigen Blick auf das Gewimmel der Boulevards, indem ich zum letzten Mal an ihnen vorüber fahre. Das Auge haftet an derporte St. Martin, so lange es vermag; ich denke: siehst Du nun Paris nie mehr? und tröste mich mit dem alten Sprichwort: Alle guten Dinge sind drei!
Die Reisegesellschaft.
Am 21. April reisten wir von Paris. Ein französischer Oberst in mittlern Jahren, der einer Wunde wegen, die er im Krieg bekommen hatte, hinkte, war ein angenehmer Gesellschafter. Er hatte sich nun zur Ruhe gesetzt, lebte friedlich mit Frau und Kindern in der Nähe von Verdun, und unterhielt sich damit, wie er sagte, der Schulmeister seiner Kleinen zu sein. Er zeigte mir alle die Stellen auf den Wegen, wo die Preußen im Jahre 1792 zurückgeschlagen waren, aber ohne Haß und Prahlerei. Er war lustig und jovial, ein brauner, hübscher,vierschrötiger Mann. Während wir im besten, ernsten Gespräch dasaßen, holte er einen Brummtriesel aus der Tasche hervor, und als eine Madame im Wagen (femme savante) ihn fragte, was es sei, machte er eine Bewegung, um zu zeigen, wie das Spielzeug gehe und zischelte mit dem Munde, wie es klingt, wenn der Brummtriesel auf der Erde singt. Er hatte alle Feldzüge mitgemacht und erzählte unparteiisch. Mitten in den blutigen Berichten wenn der Wagen schwankte und der gelehrten Frau bange wurde, streckte er die Hände, so wie im größten Schreck weit aus, und wenn sie ihm den Rücken zukehrte, machte er Grimmassen, wie ein Schuljunge in seiner Ausgelassenheit. Bertouch hatte seine Uhr in Verdun vergessen, und tröstete sich nun, indem er Zuckerwerk aus einer großen Tüte aß, die er sich daselbst gekauft hatte. Der altes Oberst versprach, der Uhr wegen zu schreiben, und hoffte, daß er sie ihm wieder schaffen würde, konnte es aber nicht unterlassen, mit ihm zu scherzen und zu sagen: „Da sitzt er wahrhaftig wie ein kleines Kind und nascht, um sich über den Verlust der Uhr zu trösten.“ Bertouch äußerte mir auf Dänisch sein Mißbehagen über diese Anrede, ich rieth ihm aber davon ab, einen von Napoleons Helden, der sich erbot, ihm eine kostbare Uhr wieder zu schaffen, eines gutmüthigen Scherzes wegen herauszufordern. Der Oberst schrieb nach der Uhr, und wir bekamen sie auch ganz richtig wieder. Ein anderer jüngerer Franzose, der in Polen, Deutschland und Spanien gewesen war, war sehr zuvorkommend und bescheiden, und als ich bei Tisch mit einem Stockfranzosen über französische Zustände disputirte, nahm Jener meine Partei und sagte: „Il faut dire la vérité: nous sommes peu de chose à présent!“ — Ein ganz junger Mensch von sechzehn Jahren stieg in St. Menehould in den Wagen, ein hübscher, großer Junge. Er hatte vor Kurzem ein kleines Amt oder dergleichen bekommen; denn er spielte mit einem Papiere in der Hand, und als wir ihn fragten, was es sei, sagte er: „es sei ein Posten, den er erhalten habe.“ Das war die erste Reise inseinem Leben. Seine Geliebte begleitete ihn an den Wagen. Es wurde ein rührender Abschied, obgleich nur auf zwei Tage genommen. Im Wagen erzählte er uns umständlich von seinem Vater, seiner Mutter, seiner Tante, seiner Schwester, seiner Cousine (seiner Geliebten). — So fuhren wir bald rasch, bald langsam. In der ersten Nacht kamen wir nicht ins Bett, das war eine harte Nuß. Am nächsten Abend waren wir in Chalons, an dem darauf folgenden in Metz.
Ankunft in Metz.
Die Gegend um Metz ist sehr schön. Eine Meile vor Metz liegt ein kleines Dorf, von Fruchtbäumen und Weinbergen eingeschlossen, ein wahres Paradies.
Es war ein fürchterlicher Wind; aber wir saßen geborgen. In der Nähe von Metz lag ein Pferd auf dem Wege. Es ist todt, sagte Bertouch. — „Ist es todt?“ rief der junge Franzose, „das glaube ich nicht.“ Bertouch versicherte es, und sagte: daß viele Bauern darum ständen. „Weinten oder lachten sie?“ fragte der Franzose. Er wollte daraus nämlich einen Schluß ziehen, ob Hoffnung sei, oder nicht.
In Metz fanden wir unsern Wagen, morgen reisen wir über Straßburg nach Tübingen.
Das Mißverständniß. Saverne.Der Straßburger Münster. — Cotta.
Von Metz bis Straßburg sind 20 Meilen, wir beschlossen, 10 Meilen täglich zu fahren. In Bourdonnaye trafen wir ein Haus mit einem Wirth darin, aber es war kein Wirthshaus. Fünf, sechs Leute standen vor der Thür und sahen zu, wie Christian den Wagen abpackte; Bertouch und ich hielten Wache. Wir bekamen eine finstere Kammer mit einer zerbrochenen Fensterscheibe. Der Wein schäumte wie Bier. Als ein altes Frauenzimmer Spiegeleier auf den Tisch setzte, glaubte ich, Brigitte in der Räuberburg leibhaftig zu sehen. Am nächsten Morgen stürmte und schneite es, als wir abfuhren. Endlich hörte das Schneegestöber auf, und durch die Wolken blickte der blaue Himmel. Wir kamen in ein Dorf und sahen schöne, große, grün bewachseneFelsen mit mächtigen Burgruinen. Ich rief Christian, der auf dem Bocke saß, zu, er solle den Schwager fragen, was das für eine Ruine sei; Christian antwortete „daß es zueinemGrabe gehöre,“ woraus ich dann den richtigen Schluß machte, daß ihm gesagt worden sei, es habe einem Grafen gehört. Die zwei hohen Berge lagen von einem dünnen, blau-weißen Nebel umgeben; die übrige Landschaft war nebelfrei. Wir näherten uns dem Dorfe, das malerisch mit seinen rothen Dächern bisher den muntern Vordergrund der melancholisch-großen Landschaft gebildet hatte. Wie heißt dieser Ort, fragte ich.Savern! antwortete der Kutscher. — Plötzlich stand Schiller's herrliche Romanze: „Ein frommer Knecht war Fridolin“ vor meiner Seele. Und nun wurde mir die finstere Burgruine in der Luft und der schwarze Tannenwald noch einmal so bedeutungsvoll. Ich sah die schöne Gräfin von Savern und ihren wilden strengen Gatten. Wir kamen an der Kirche vorüber, wo Fridolin sich aufgehalten hat. Dort im Walde stellte ich mir die Höllenknechte, das Feuer anschürend, vor, in das das Ungeheuer selbst gestürzt werden sollte. Eine leichte weiße Wolke fuhr an den finstern Wolken rasch vorüber und verschwand hoch im Himmel über den Bergen. Da glaubte ich den Geist des unsterblichen Schiller zu sehen, und starrte ihm begeistert nach. — Der Wagen hielt und die Pferde wurden gewechselt. Ich war wieder das Kind des Augenblicks. Mir froren die Füße, ich war hungrig, langweilte mich darüber, daß es so langsam ging, und statt an Schiller's herrliche Romanze zu denken, dachte ich an Herrn Holbein's Schauspiel über denselben Stoff. — Nun wurde das Wetter milder, und als wir wieder an ein kleines Dörfchen kamen, war der Himmel klar, ruhig und blau. — Wenn man Tag und Nacht reist, vergißt man leicht das Datum; aber aus der Ruhe auf der Straße, und den geputzten Kleidern, in denen Mädchen, Frauen und Kinder uns begegneten, schlossen wir, daß es Sonntag sei, was auch wirklich der Fall war. Während ich so da saß und anden schönen Sonntag, an das lebendige freundliche Idyll dachte, das ich kurz vorher in dem Dorf gesehen hatte, wozu die Felsentragödie dort im Sturme ein schöner Gegensatz gewesen war, — erhob Straßburg in der Ferne seinen feierlichen Thurm vor meinen Augen. Aber gerade, wie wir in die Stadt einfuhren, brach wieder ein Ungewitter los. Ein wilder Orkan pfiff durch die kühnen Thurmlöcher, und wir fuhren in ein gutes Gasthaus, während der Riese draußen dem Schnee und Wind trotzte, und ebenso jugendlich dastand, als damals, wo Göthe in seiner Krone Rheinwein trank. Es ist von Göthe so viel Schönes über den herrlichen Münster gesagt worden, daß jeder Zusatz überflüssig wäre. Ich stieg in den Thurm hinauf, aber nicht so hoch, als damals, wo ich noch Junggeselle war. Der Thurm ist so hoch, so schmal, endlich so von Oeffnungen durchbrochen, daß man gleichsam in einem schwachen Gitterwerk hoch in der Luft schwebt. Man fürchtet nichtselbsthinabzufallen; denn man kann sich ja anhalten; aber man hat die Empfindung, daß möglicher Weise der Thurm in einem solchen Augenblick herabstürzen könnte. In dem Glockengewölbe entdeckte ich die Namen: „C. u. F. Comtes de Stolberg. Göthe. Lenz u. s. w. 1776.“ Ich wandte mich an den alten Thurmwächter, bezahlte ihn für meinen langen, fast das ganze Alphabeth umfassenden Namen, und bat ihn, denselben gerade unter den Göthe's einzuhauen.
In Stuttgart traf ichCottaals Geheimen Hofrath unermüdet, bleich, mager, voller Feuer beweglich, gesund und fleißig. Wir hatten eine kleine Rechnung mit einander abzumachen, und ich neckte ihn freundlich, daß er, der reiche Mann, so genau wenige Groschen nachrechnete. „Lieber Freund!“ sagte er lächelnd, „hätte ich nicht auf die Groschen gesehen, wäre ich kein reicher Mann geworden.“ Hier in Württemberg ist aller Augenblicke ein Reichs- oder Kreistag. Der Minister Wangenheim steht mit Cotta und Andern der öffentlichen Meinung gegenüber;er will zwei Kammern haben und das Volk nur Eine. Jüngst schlugen einige Volksvertreter Wangenheim die Fenster ein; aber er sagte, wie Fichte früher zu den Studenten: „Ein Steinwurf ist ein sehr schlechtes Argument.“ Aber obgleich nun Wangenheim an gewissen aristokratischen Elementen zum Besten des Staates, seiner Ueberzeugung nach, festhält, so ist er doch so fern von thörichtem Adelshochmuth, daß er, obgleich Excellenz und ein Mann von feinstem Weltton aus Neigung in seinem Privatleben fast burschikos ist. Der junge Dichter Rückert ist sein Duzbruder. Einen langweiligen Kammerherrn mit einem Zuschnitt aus dervieux bon-temps, den Wangenheim nicht leiden konnte, wußte er vor Kurzem aus einer Dichter- und Künstlergesellschaft, in die derselbe sich eingeschmuggelt hatte, zu bringen, indem er ihm gewissermaßen die Thür wies. Wangenheim stand sehr höflich bei Tisch auf, hielt eine Rede an ihn, in der er ihm bewies, wie wenig er in unsere Gesellschaft passe. Als wir Abends die Gesellschaft verließen, machte der Minister, der mit mir Arm in Arm allein ging, da wir in ein interessantes Gespräch gekommen waren, den Vorschlag, ob wir nicht in ein Wirthshaus gehen, und eine Bowle Punsch trinken wollten. „Ja,“ antwortete ich, „wenn Ew. Excellenz können, kann ich es auch!“ „Ach,“ rief er, indem er mit dem Kopfe schüttelte und weiter ging, „die verfluchte Excellenz!“ Er war ein Vetter des Bischofs Münter, dessen Mutter „eine Edle von Wangenheim“ war, wie meine Freundin, Frau Brun, in ihrer Biographie schreibt.
Wangenheim. Rückert.
Rückert ist außerordentlich altdeutsch gewesen. Das hat sich Etwas gelegt und er zeichnet sich in seiner Kleidung nicht mehr von Andern aus. Er dichtete mir zum Abschied folgendes Sonnet:
Gen Süden kam vom nord'schen Meeres Sunde,Ein edler Vogel des Gesang's geflogen,Der, wie er dän'sche Luft hat eingesogen,So laut doch singen kann mit deutschem Munde.Es fühlte gleich sich in der ersten StundeMein Herz zu ihm entschieden hingezogen;Und, ist mir sein's wie meines ihm gewogen,So bleiben wir fortan die Zwei im Bunde.Ist er vom raschen Flug zu seinem NordenNun heimgekehrt, und ich bin fern im Süden,So soll des Raumes Trennung uns nicht stören;Dazu ist uns die Kunst des Lied's geworden,Die wollen wir so brauchen ohn' ErmüdenDaß Einer soll des Andern Nachhall hören.
Gen Süden kam vom nord'schen Meeres Sunde,Ein edler Vogel des Gesang's geflogen,Der, wie er dän'sche Luft hat eingesogen,So laut doch singen kann mit deutschem Munde.Es fühlte gleich sich in der ersten StundeMein Herz zu ihm entschieden hingezogen;Und, ist mir sein's wie meines ihm gewogen,So bleiben wir fortan die Zwei im Bunde.Ist er vom raschen Flug zu seinem NordenNun heimgekehrt, und ich bin fern im Süden,So soll des Raumes Trennung uns nicht stören;Dazu ist uns die Kunst des Lied's geworden,Die wollen wir so brauchen ohn' ErmüdenDaß Einer soll des Andern Nachhall hören.
Gen Süden kam vom nord'schen Meeres Sunde,Ein edler Vogel des Gesang's geflogen,Der, wie er dän'sche Luft hat eingesogen,So laut doch singen kann mit deutschem Munde.Es fühlte gleich sich in der ersten StundeMein Herz zu ihm entschieden hingezogen;Und, ist mir sein's wie meines ihm gewogen,So bleiben wir fortan die Zwei im Bunde.Ist er vom raschen Flug zu seinem NordenNun heimgekehrt, und ich bin fern im Süden,So soll des Raumes Trennung uns nicht stören;Dazu ist uns die Kunst des Lied's geworden,Die wollen wir so brauchen ohn' ErmüdenDaß Einer soll des Andern Nachhall hören.
Uhland. Frau Huber. v. Küster.
Ein anderer junger Dichter, Uhland, lebt hier als Advokat. Es freute mich, seinen Fortschritt zu bemerken, vor zehn Jahren sah ich ihn noch als ein halbes Kind. Man macht viel aus ihm und er verdient es auch gewiß; aber wie bei Rückert zu vielBlühendesist, so findet sich bei Uhland etwas Steriles; er ist männlich, ehrlich, zuweilen tieffühlend, aber oft trocken und gleich dem Ton seiner Gedichte zu sehr Göthe. Ich besuchte Uhland mit Rückert, was ich nicht gethan haben würde, wenn ich ihr Verhältniß zu einander gekannt hätte; sie gehörten zu verschiedenen politischen Parteien und das machte die Unterhaltung gespannt und verlegen.
Ich habe die Bekanntschaft der Frau Huber gemacht, welche einige gute Erzählungen geschrieben hat. Ihr erster Mann war Georg Forster, der herrliche Reisebeschreiber. Sie brachte mich in Kannstadt zu einer Freundin. Auf dem Heimwege verirrten wir uns in einem interessanten Gespräche zwischen den Weinbergen Schwabens.
Dannecker. — Schelling.
BeiDanneckersah ich Schiller's colossale Büste. Er hat Schiller nicht idealisirt, sondern ihm nur wieder verliehen, was dieser zufällig durch Kränklichkeit verloren hatte. Als der König von Württemberg diese Büste sah (es war derselbe, vor dem Schiller in seiner Jugend geflohen war), sagte er: „Aber mein lieber Dannecker, warum so groß?“ „„Ew. Majestät,““ antwortete Dannecker, „„große Leute muß man groß machen!““
Das beste Werk dieses Künstlers ist seine Ariadne. Ein schönes, junges nacktes Weib auf einem Tiger; der herrlichste Gegensatz von weiblicher Schönheit und wilder thierischer Kraft. Man fürchtet nur, daß der Tiger gehen werde; denn dann würde die arme Ariadne, mit dem einen Beine auf dem Rücken des Thieres und dem andern Fuß nach hinten ausgestreckt, ohne Zweifel herunterfallen.
Schelling.
Ueber Augsburg kamen wir nach München. Hier machte ich gleichSchelling'sBekanntschaft. Schelling ist nicht sehr groß, aber kräftig und gesund. Sein geniales, sanftes Auge versöhnt durch schwäbische Milde den nordphilosophischen Trotz der Nase. Die Lippen bewegen sich zu freundlicher Mittheilung und nur ungern, mit einem Anstrich von Schmerz, zur Verachtung. Man sieht gleich, daß er ein Mann mit treuem Herzen ist. Daß er ein großer Philosoph ist, weiß ganz Deutschland und der Norden. Er lebt still im Schooße seiner Familie und hat gleich mir drei Kinder. Den kleinen Knaben von zwei Jahren fragte ich, ob er ein Schellingianer sei? Und er antwortete: Ja. Die Mutter ist eine sehr artige, gebildete Frau; Schelling ging gleich mit mir aus, um mir die Münchner Naturschönheiten zu zeigen, aber ich war so beschäftigt mit ihm, daß ich nichts Anderes sah, obwohl ich bemerkte, daß wir an einem Fluß und einigen Bäumen vorüberkamen. Er liebtdie Poesie und ist mit ihren besten Producten in allen Sprachen bekannt.
Als wir nach Hause kamen, setzten wir die Unterhaltung mit seiner Frau beim Theetische fort, vermischten aber das Gespräch mit mehr Heiterkeit. Zuweilen gebrauchte er die Worte anders als in der allgemeinen Bedeutung, und dergleichen giebt leicht Veranlassung, daß man über Ausdrücke statt über Gedanken disputirt. So verstand er unterEwigkeitdas vollendeteZukünftige, und nicht dasGanzeohne Anfang und Ende. Ich sagte scherzend: „Nehmen wir an, die Ewigkeit verhalte sich zur Zeit wie ein Scheffel Erbsen zu den einzelnen Erbsen im Scheffel.AlleErbsen machen den Scheffel aus, der Scheffel muß also überall vom Anfang bis zum Ende sein. Das ist dieEwigkeit. Die Erbsen dagegen repräsentiren dieZeit.“ — „„Nun,““ sagte er, „„das würde sich gut in einer aristophanischen Komödie ausnehmen.““ — Schelling's gewöhnliche Unterhaltungslectüre ist nämlich Aristophanes, dessen Werke er so vielfach studirt und gelesen hat, daß er sie fast auswendig kann.
Gestern hatte er einige gute Freunde bei sich. Er bat mich, ihnen etwas von meinen Arbeiten vorzulesen; da sie nun meineMährchenundErzählungen, die vor Kurzem bei Cotta herausgekommen sind, nicht kannten, so las ich ihnen die Glücksritter vor. Schelling ergötzte sich daran; er sagte, diese Novelle erinnerte ihn an Cervantes und Boccaccio und versicherte nach der Lectüre, daß es ihn sehr unterhalten hätte zu hören, wie Xaver zu Ehren gekommen sei.
Ich gestand Schelling, daß ich wohl seine Hauptgedanken und seine Weltanschauung durch Steffens kenne, daß ich aber nicht viel von ihm gelesen habe, und daß es die Sprache und die Ausdrucksweise sei, die mich davon abgehalten habe. „Ich schreibe nun auch Deutsch,“ sagte ich, „weil ich gern von einer großen Brudernation gekannt und gelesen sein will, und nicht verlangen kann, daß sie eine Sprache lernen soll, die nur von ein paar Millionen Menschen gesprochen wird; aber, lieber Herr,es kann doch noch weniger verlangt werden, daß man eine schwierige Sprache lernen soll, die nur vonEinemgesprochen wird!“ Schelling lächelte und gab mir Recht; er gestand zu meiner Verwunderung, daß man mit Deutlichkeit und Klarheit in seiner eignen Sprache denken und sich aussprechen müsse; daß er als junger Professor wöchentliche Vorlesungen hielt, dem alten Schlendrian in der Redeweise gefolgt sei, obgleich er in seinen Ideen so sehr von demselben abwich; und er versicherte mir, daß ich Das, was er fernerhin schreiben würde, mit Leichtigkeit würde lesen können. Ich versprach es ihm und entwickelte ihm mit wenigen Worten meine Lebensphilosophie. „Sie haben eine gesunde und brave Lebensansicht,“ sagte er, meinte aber doch, daß man weiter gehen könne.
In der Gemäldegalerie erfreute es mich ganz besonders, mehrere herrliche Bilder des spanischen MalersMurillozu finden. Kein Gegenstand ist für Murillo zu hoch oder zu niedrig. Was von Tasso bei Göthe gesagt wird, paßt sich gut auf ihn: „Oft adelt er, was uns gemein erschien.“