Weiterreise.
In entsetzlicher Hitze und Staub reisten wir den ersten Tag über Hohenlinden (wo es Moreau's Feinden früher heißer noch wurde) nach Altötting. Wir wollten bis nach Braunau, aber ein starkes Gewitter zog herauf und ein Wagen, der uns von München aus gefolgt war, blieb aus Furcht vor dem Ungewitter in Altötting schon um 7 Uhr Abends. So blieben wir also auch da und kamen in einen alten Saal, wo sechs Betten standen und ein messingener Kronleuchter an der Decke hing. Die Fensterscheiben waren wie in einer Kirche in Blei gefaßt. Auf der einen Seite des Saals war eine hölzerne ungemalte Galerie mit einer Treppe. Wir öffneten die Fenster, zogen unsere Röckeund Stiefeln aus, machten uns aus zwei Stühlen ein Sopha und lasen in einigen Musenalmanachen, die man uns in Stuttgart verehrt hatte. Unsere unbekannte Reisegesellschaft war im andern Zimmer, sprach Französisch und zuweilen etwas Italienisch. Es war ein Herr und zwei Damen. Sie gingen in die Kirche hinüber um ihre Andacht zu halten. Das Mädchen, welches den Tisch deckte, erzählte, daß eine Kirche da sei, zu der Viele hinreisen, um ihr Augenlicht wiederzuerlangen, und fragte, ob wir nicht auch hingehen wollten? Wir dankten und sagten: „Da wir hier sitzen und lesen, kannst Du wohl sehen, mein Kind, daß wir nicht blind sind.“ — Die Fremden kamen zurück. Der Herr verirrte sich, als ich gerade im tiefen Negligee stand, um ins Bett zu gehen. Er trat ein und redete mich sehr vertraut Französisch an. Wahrscheinlich hielt er mich für ein Frauenzimmer, welches beweist, daß er die Kirchenkur noch nicht ordentlich gebraucht hatte. Kaum ertönte meine Baritonstimme, als er die Hände auf die Brust legte, sich verbeugte und viel Entschuldigungen machte. Ich begleitete ihn im Hemde sehr höflich zur Thür hinaus und wir machten uns auf der Treppe viel Complimente.
Den nächsten Tag hatten wir tüchtigen Regen, durch den die Bäume ausschlugen, das Leder aber auf unserem Wagen einkroch. Es war schade, daß Christian nicht auch zusammenschrumpfen konnte, denn er saß draußen auf dem Bock und wurde durch und durch naß. Wir reisten über Braunau, Altheim, Ried, nach Lambach, wo es schlecht war und wir elende Betten bekamen, da unsere unbekannte Reisegesellschaft die besten erhalten hatten. Hier hörten wir, daß es die Churfürstin Witwe von Baiern, eine österreichische Prinzessin sei, mit der wir reisten, das machte uns etwas verlegen. Wir waren oft in der Thür vor ihr vorübergegangen, ohne sie anders zu grüßen, als indem wir den Hut lüfteten. Aber da Ihre Hoheitincognitoreiste, so war auch hierdurch ihre Absichterreicht. Doch beschlossen wir fernerhin nicht voran, sondern hinterher zu fahren und ehrerbietig in der Entfernung zu grüßen. Nun konnte ich auch die Entschuldigungen und die Alteration des Herrn begreifen, als er sich letzthin irrte. Es war nämlich ein Kammerherr. Man denke sich seine Bestürzung, als er statt schöngekleideter Damen einen halbnackten Poeten fand.
Am dritten Tage war schönes kühles Wetter. Alles war frisch und grün. Das schlaffe neugeborene gelbe Laub hing matt in dicken Büscheln an den Zweigen und saugte die Sonnenstrahlen ein, um größere Kraft und grünere Farbe zu erlangen. Wir fuhren an einem Abgrunde hin. Das Land ist voll der schönsten Berge. Herrliche Aussichten auf Dörfer, Städte und Kirchen, die tyroler Schneefelsen im Hintergrunde. Morgens und Abends ging ich stets eine lange Strecke.
Ein Incognito.
Im Wirthshause in Kleinmünchen bekamen die Churfürstlichen die Lust zu wissen, wer wir seien. Die Dame fragte Christian darnach, und er erzählte es in seinem Patois, sodaß sie gewiß eine sehr verwirrte Idee von unserer Existenz bekam. Wir hielten uns stets entfernt; aber am vierten Tage wurden wir doch mit der Herrschaft bekannt und zwar durch folgendes Abenteuer. — In einem kleinen Dorfe vor einer Schmiede wurden unsere Pferde scheu, weil sie unvermuthet zwei Esel vor einer Karre sahen; sie sprangen zur Seite, und knack brach die Wagenstange wieder entzwei! Bertouch wurde ungeduldig, ich aber stellte ihm vor, daß wir froh sein müßten, daß es nicht mitten auf dem Wege, am allerwenigsten bei dem Abgrunde — sondern gerade vor einer Schmiede geschehen sei, wo bereits das Eisen glühte, das die Wagenstange wieder fest machen sollte. Während nun der Schmied mit seinem Handwerkszeuge kam, stiegen wir aus und gingen den Weg entlang. Da rollte die Churfürstin an uns vorüber und grüßte uns. „Sie ist glücklich,“ sagten wir, „sie hat einen ganzen Wagen. Wir kommen nur langsam nach.“ — Unter diesen Betrachtungen schlugen wir unsere Augen auf und sahen weit hin den Wagen derChurfürstin halten, und die Herrschaft uns zu Fuß entgegenkommen. „Was Teufel!“ dachte ich — „ist ihr Wagen auch gebrochen?“ — Eins der Räder hatte Feuer gefangen. — Nun erwiesen wir uns sehr dienstfertig, machten Entschuldigungen, weil wir Ihre Hoheit so lange nicht erkannt hatten, und darauf lief ich zum nächsten Dorfe um Wasser zu holen. — Nach einer Viertelstunde brachte ich einen Mann mit einem Eimer auf dem Kopfe herbei. Der Kammerdiener kam uns entgegen und sagte: es sei nicht mehr nöthig. Der Mann goß das Wasser aus und ging wieder. Wir kamen zum Wagen — das Feuer dachte gar nicht daran aus zu sein, das Eisen glühte. Die Churfürstin kam auf mich zu und dankte mir. Auf dem Wege hatte ich eine Pfütze gesehen; ich nahm die leeren Weinflaschen aus ihrem Wagen füllte sie mit Pfützenwasser, und begoß das Eisen so lange bis es kalt wie Eis wurde. Inzwischen kam der Diener mit Licht — das heißt: mit Talglicht um den Wagen zu schmieren; denn die Sonne stand hoch am Himmel. Und nun fuhren sie langsam zur nächsten Station und wir mit unserem in Stand gesetzten Wagen hinterher.
Auf der nächsten Station sahen wir die Churfürstin mit ihrem Gefolge in das nächste Wirthshaus gehen. Wir hielten uns in der Entfernung und ich schlug Bertouch vor, in einen andern Gasthof zu gehen. Wie wir eben beim Essen saßen, kam der Kammerdiener ganz außer Athem zu uns herein; er hatte uns überall gesucht und sollte uns einladen mit Ihrer Hoheit zu speisen.
Da wir nun bereits gegessen hatten, so kam er zurück um uns zum Kaffee bei der Churfürstin auf der nächsten Station einzuladen. Dies geschah, und Ihre Hoheit war sehr gnädig und freundlich.
Bei meiner letzten Abendwanderung traf ich in einer schönen Gebirgsgegend einen Bauer, der mit einigen irdenen Gefäßen nach Hause ging, die er im nächsten Dorfe für seine Wirthschaft gekauft hatte. Ich ließ mich in ein Gespräch mit ihm ein. Er erzählte mir von seinen Kindern und seinem Glücke. Ich sagte ihm, daß ich auch Kinder hätte. „Ja das ist wohl die größte Freude“ fuhr er fort; „wohnen Sie weit von hier?“ — „„In Kopenhagen in Dänemark““ war meine Antwort. — „Ach das muß sehr weit sein,“ rief er aus, „dort wohneich.“ — Und in demselben Augenblicke sah ich ein hübsches Haus am Wege, die Thüre stand offen und zwei blühende Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, saßen auf der Schwelle. Kaum erblickten sie den Vater, als sie ihm entgegensprangen. Er hob sie auf, küßte sie und schenkte jedem von ihnen einen kleinen irdenen Topf mit hübscher Glasur. Ich sagte niedergeschlagen Lebewohl und eilte fort. — Alle Heiligenbilder am Wege waren zum Pfingstfeste mit Blumen und Laubwerk geschmückt. Die bunten Laubhütten in denen Maria mit dem Jesuskinde stand, waren erleuchtet. Ich sah Maria's und Jesus' vergoldete Kronen durch die Blätter schimmern, und eine große Schaar kleiner Kinder lag rund umher auf den Knieen und sang und betete in der Abendröthe.
Ankunft in Wien.
Ich bin nun hier inWien, und habe durch unsernChargé d'affaires, Herrn vonKossmehrere Bekanntschaften gemacht. Ich war bei den BaronenArnsteinundEskelesauf ihrem hübschen Landhause in Hitzing. Die Damen dieser Familie sind sehr gebildet und lieben die Poesie. Bei meinem alten FreundeBreuß, bei der DichterinKaroline Pichler, die so geistreich und gutmüthig ist, mit ihrem österreichischen Accent. Die Schauspielerin und Dichterin FrauWeißenthurnhabe ich auch besucht, und fand bei ihr die besten Schauspieler:Korn,Koch,Koberweinu. s. w. Man hat hier im Burgtheater Axelund Valborg und Correggio gegeben, welche, besonders das letztere, viele Glück machten. Hakon Jarl im Theater an der Wien aufgeführt, mundete nicht recht; er ist zu nordisch. — Ich bin bei dem FürstenMetternichgewesen, und fand hier die Großen des Landes, die Liechtensteine, Esterhazy, Dietrichsteine beim Spieltische sitzen. Eben als sich Metternich in ein Gespräch mit mir einlassen wollte, kam der Kronprinz vonBaiernund zog ihn in ein andres Zimmer. Den Tag darauf reiste Metternich nach Italien, sodaß ich fast gar nicht mit ihm gesprochen habe. Fürst Odescalchi lud mich zu Mittag in seinen großen Palast ein; er ist ein eifriger Freund der Poesie und des Schauspiels, und obgleich geborner Italiener, durchaus Deutsch. Im HofrathSohnleitnerfand ich einen sehr angenehmen gastfreien Mann. Er war bei der Leitung des Burgtheaters betheiligt, wurde aber der Sache bald überdrüssig. Er hatte meinen Hugo von Reinberg zu übersetzen angefangen, hielt aber damit inne, als er hörte, daß ich es selbst thun wollte.
Solchen Staub hab ich noch nie gesehen. Die Luft wird oft ganz damit angefüllt. So südlich Wien liegt, hat es doch ein nördliches Klima. Bei dem häufigen Winde hier muß man Tacitus beistimmen, wenn er sagt: „Terra ventosior, qua Noricum ac Pannoniam adspicit.“ —
Bekanntschaften in Wien.
Das Fest auf Veranlassung der Abreise der Prinzessin war im Augarten, in prächtigen dazu aufgeführten Sälen; der Hof in Galla. In Gallakleidern konnte man auch auf die Galerie kommen. Hätten wir Billete erhalten, so hatten wir beschlossen, uns ein paar alte gallonirte Kleidungsstücke bei einem Trödler zu miethen. Das Frohnleichnamsfest sah' ich von einem Fenster aus bei dem GrafenPachta. Hier kamen in Prozession: Bürger, Priester, Hofleute, Beamte, Aerzte, Gelehrte, Kaiser, und Diener. Die schönen Krucifixe waren mit Fahnen geschmückt,die Straßen mit Brettern, Laub und Blumen belegt. Während des Zuges fing es zu regnen an; aber Kaiser Franz wollte den heiligen Zug nicht unterbrechen; er ging mit seiner brennenden Kerze hinter dem Erzbischofe. Bürger, Mönche, kleine vater- und mutterlose Kinder dem Kaiser voran. Hinterher die prächtige ungarische Garde auf den schönsten Pferden.
Wien. — Das Theater.
Ich habe Axel und Valborg hier aufführen sehen. Korn war ein vortrefflicher Axel. Mademoiselle Adamberger war als Valborg erhaben und rührend. Koch gab den Erzbischof mit Würde und Vatergefühl; Koberwein als Hakon, Ochsenheimer als Knut waren auch gut. Schwarz war ein kräftiger Sigurd. In Bezug aus das religiöse Element hat manche Veränderung stattgefunden. Die Decoration hatte nichts verloren, obgleich sie nur eineVorhallezur Kirche darstellte. Dagegen hatte die poetische Würde dadurch Abbruch erlitten, daß der Erzbischof zumKanzlerund Bruder Knut zumKirchenvoigtgemacht war.
Mademoiselle Adamberger hatte zwei Tage vor ihrer Hochzeit mit Arnet, einem Gelehrten, ihr letztes Benefiz, als welches dieSchuldgegeben wurde. Sie sprach mit Thränen und vieler Anmuth einen Epilog der Frau Pichler, der sehr viel Werkung hervorbrachte. Die Schuld ist eins der Stücke, die Furore und Epoche zu einer gewissen Zeit gemacht haben ohne daß sie sich für die Zukunft in frischem Leben erhalten werden. Der Stoff ist spannend, die Versification fließend, das Stück ist an mehrern Stellen nicht ohne Pathos; aber es ist durchaus unnordisch, wenn gleich nach den Norden hin versetzt; es ist auf einer häßlichen Unnatur durch dieVorausbestimmungerbaut, welche als Schicksal gelten soll, den Muth niederdrückt, und die Tugend und die moralische Zurechnungsfähigkeit schwächt. Die Schuld ist mit Werner's 24. Februar und Grillparzer's Ahnfrau verwandt. Diesen Dichter sah ich eines Abends beiFrau Pichler, wo ich Ludlam's Höhle vorlas; aber wir näherten uns einander nicht weiter; unsere Naturen schienen zu verschieden zu sein.
In der italienischen Oper hat man Mozart so lange gespielt, bis man seiner müde geworden ist, und sich nach der modernenOpera seriasehnt. Madame Borgondio mit einer sehr guten Altstimme, spielte letzthin den König Cyrus mit halblangen Handschuhen. Sie war auch Tankred in schwarzer Rüstung. Ich bin ein solcher Heide, daß ich keinen Geschmack an den vergötterten Tankred finden kann. Die Musik ist brillant aber nicht herzergreifend, mit zu vielen Trillern und Roulladen.
Beethoven.
Beethovenhabe ich gesehen aber nicht mit ihm gesprochen. Er hat schwarze Haare, rothe Wangen und sieht recht tüchtig aus, aber er ist sehr taub, der arme Mann! Ein großes Unglück für einen Musiker. Beethoven wollte gern, daß ich ihm ein Singspiel dichten sollte, was ich auch gern gethan haben würde, wenn ich mich dazu aufgelegt gefühlt hätte. Er soll eine sehr schöne Oper componirt haben.[3]
Wir sind noch hier in Wien; aber Wien ist nicht hier;das ist auf's Land gereist, und kommt erst wieder, wenn wir fort sind.
Schöne Aussichten.Kleine Leiden.
Das kaiserliche Lustschloß Laxenburg liegt ungefähr zwei Stunden von der Stadt. Man geht durch schöne Alleen dorthin, und hat nach allen Seiten Aussichten auf Bergpartieen. Breuß nahm Bertouch und mich zu seinem Freunde, demSchloßhauptmann Riedel, mit. Er führte uns erst auf das Schloß, das hübsch, einfach und freundlich ist. Die Zimmer sind ungefähr wie bei einem wohlhabenden Privatmanne auf dem Lande. Von da mußten wir in der Mittagshitze in den Garten hinunter. Eine ungewöhnliche Menge Rosen waren bei der starken Wärme bereits verblüht. Die Gluth war unerträglich. Ich ging mit Castelli, der auch nicht gerade für Aussichten schwärmt. Wir bewunderten die Lusthäuser, während die Andern, ich weiß nicht Was bewunderten, und ich sagte zu Castelli: „Könnte ich wählen, wollte ich lieber Hausarrest haben, als diese Freude jetzt genießen.“ Indessen mußte ich gute Miene zum bösen Spiel machen, verbindlich lächeln und sagen: „Das ist ganz scharmant, allerliebst!“ was es auch wirklich war. Stets wollte ich in den Schatten, und stets mußte ich im Sonnenschein bei den anmuthigen Aussichten stehen bleiben. Das waren schlimme Aussichten für mich. „„Nun wie finden Sie es?““ fragte Breuß. „Sehr schön,“ sagte ich; „ich wollte nur wünschen, daß ich ein paar Stunden im Schatten hier auf der Bank sitzen und ein gutes Buch lesen könnte.“ — „„Jetzt sind wir nicht hergekommen, um zu lesen,““ sagte er und zog mich mit sich fort. Bertouch bemerkte, daß ich todtenbleich sah. (Stets werde ich in der Mittagshitze bleich). Man fragte mich, wie mir die englischen Anlagen gefielen. „Gut“ antwortete ich; „aber ich liebe auch die alten Alleen sehr, die lassen sich sehr gut mit einer englischen Anlage verbinden.“ — „„Ach,““ versetzte Einer der Anderen, „„das ist gar nicht hübsch, kann man sich etwasteiferes als solch' eine Allee denken?““Ich: „Warum kann das Steife nicht auch schön sein!“Er: „„Es ist unnatürlich.““Ich: „Ich finde es durchaus nicht unnatürlich, daß der Mensch schöne Bäume in eine Reihe pflanzt, um auf demkürzestenWege von einem Ort zum andern im Schatten zu gehen. Weßhalb darf die Menschennatur sich nicht auch zur übrigen Natur gesellen?“Er: „„Die Menschen können nicht Etwas schöner bilden, als die Natur es gebildet hat.““Ich: „Das ist wahr; aber die Natur (oder der Schöpfer) hat auchunsereNatur gebildet. Und es ist ein Naturtrieb bei uns, die Natur zu unserem Gebrauche, nach unserem Verstande, unseren Ideen, unserer Bequemlichkeit einzurichten. Eine schöne Allee ist der herrlichste Frühlingstempel, in welchem sich eine leichte Architektur mit der ewigen Schöpfungskraft vereint.“ Nachdem ich ihn durch diese Gründe fast dahin gebracht hatte, mir Recht zu geben, bombardirte ich ihn mit der Vaterliebe, und fragte ob er nicht finde, daß es schön sei wenn man etwas stehen lasse, was eine verschwundene Zeit hervorgebracht habe; und ob es nicht erhebend und angenehm zugleich sei, in den ehrwürdigen Baumgängen zu wandeln, dessen Blätter vor vielen Sommern die Stirne unsrer Vorväter beschatteten. Nun gaben sie mir Alle Recht; und so disputirte ich mich aus der Sonnenhitze in den Schatten hinein. — In dem herrlichen kühlen Buchenlaub erquickte ich mich nun recht. Zu Lust und Leben in den warmen Sommertagen gehört Schatten. Pan, alle Faune, Nymphen und Tryaden lieben Schatten und frische Quellen. Sie spielen unter den dunkelgrünen Wölbungen, fürchten aber den gelben Staub und die Mittagshitze.
Eine Ueberraschung.
Mein FreundBreuß, der sich vorgenommen hatte, mich mit allen Laxenburgischen Herrlichkeiten zu tractiren, gönnte mir aber keinen Augenblick Ruhe. Er zog mich unbarmherzig mit sich fort, und verlangte daß Freude und Bewunderung von meinen Lippen strömen sollte. Ich beschloß mich etwas zu rächen, indem ich gleichgültig that, und als er mich fragte, wie mirdies Alles gefiele, antwortete ich: „Ei recht gut, aber glauben Sie denn, ich habe früher keinen grünen Park gesehen?“ Breuß meinte: niemals einen solchen. Ich versicherte ihm, daß das Südfeld und der Friedrichsberger Garten eben so schön seien. Er behauptete, das sei unmöglich. Ich behauptete, daß der Norden gerade die Heimath der reichbelaubten Bäume, er, daß dieß übertriebene Vaterlandsliebe sei. So kamen wir wieder zur übrigen Gesellschaft, und da konnte ich denn merken, daß Etwas im Werke sei, und ich von irgend etwas Neuem überrascht werden sollte. „Nun gut“ sagte Herr Riedel lächelnd, „da Sie das Alte so sehr lieben, wollen wir die Gegenwart verlassen.“ Indem er diese Worte sagte, langten wir bei einem kleinen See mit einem Boot an, und gerade gegenüber stand eine —Ritterburg! — Eine alte Ruine? nein — eine neue vollständige, bunte, fix und fertige Ritterburg, als wäre sie etwa vor ein paar Jahren gebaut, was auch wirklich der Fall war. Wir fuhren auf einer Fähre hinüber. Auf dem Thore war ein Ritter im Harnisch gemalt. Das Thor ging auf, wir traten ein, und befanden uns nun in einem kleinen Hofe. Gerade vor uns war die Ritterwohnung mit ihrem Thurme; auf der einen Seite die Kapelle mit den bunten Fenstern, der Stall, das Zimmer der Knappen u. s. w. In der Mitte des Hofes ein Brunnen mit altmodischer Architektur, Heiligen und Schnörkeln.
Eine neue Ritterburg.
Der plötzliche Eindruck all' dieser alten Sachen rührte mich; aber ich konnte mich beinahe nicht des Lachens enthalten, als Mehrere der Gesellschaft auf mich zukamen und mir stark ins Antlitz anstatt auf die Gegenstände schauten, die sie wahrscheinlich kannten, um zu beobachten welche Wirkung sie auf mich machten, und wie es aussähe wenn ich gerührt wäre. Alles zu erzählen, was an diesem Orte gesammelt ist, wäre unmöglich. Aber man staunt, wenn man erfährt, daß diese Burg aus lauterwirklichenAlterthümern zusammengesetzt ist. Hier giebt es nichts Neues, nicht einmal die Mauern; sie sind von fernen Ruinen herbeigeschafft. Ganz Oesterreich mußte seine altenMerkwürdigkeiten diesem Orte abgeben. Wir wollen eine kurze Wanderung durch die wichtigsten Zimmer machen.
Hier gehen wir also erst in den Richtersaal hinauf. Mitten in diesem runden Saale ist ein runder Tisch; mitten in diesem Tische ein Loch mit einem Rost. Dieses Loch führt gerade in das Burgverließ. Durch eine solche Oeffnung wurde der Sünder in alter Zeit aus seinem Gefängniß heraufgewunden, mit dem Kopf über der Oeffnung, um von den Richtern, die rings um den Tisch saßen, verhört zu werden; und es war nicht selten, daß sie ihm in dieser Stellung gleich den Kopf abschlagen ließen. In dem mittelsten Theile des Thurmes ist ein hoher runder Saal mit bunten langen Fenstern aus dem achten Jahrhundert. Von dort gingen wir ins Gastzimmer, wo die Ritter gesessen und aus großen Bechern gezecht hatten. In einem Seitenzimmer findet man prächtige Sachen, silberne Becher, Perlmutterhörner, Elfenbein, Bergkrystall, alte Gold- und Silbergefäße. Die Rüstkammer ist voll von köstlichen Kleinodien aus dem Mittelalter: Schwertern, Büchsen, Lanzen. Die Büchsen wie kleine Handkanonen mit Lunten. Ein grauer runder Filshut mit Eisenblech und Spangen versehen hängt an der Wand, und es soll historische Sicherheit dafür da sein, daß er Karl dem Großen gehört habe. Alte Harnische finden sich in solcher Menge, daß man mehrere Wochen brauchte um dieses Alles anzusehen.
Nun kommen wir zu den Frauengemächern. Alte Bilder hängen rund umher an den mit vergoldetem Leder bedeckten Wänden; Meublesreliquien, Kaiser Karls IV. Bett zum Beispiel. Das Auge findet Nichts, das nicht historischen Werth hätte. Plötzlich steigen wir von dieser hellen Pracht durch finstere Gänge und enge Treppen hinab zu dem schauerlichen Burgverließ. Eine matte Lampe erleuchtete die trübe Wölbung, ein weißer Schatten steht im Hintergrunde. Ein Gefangener mit bleichem, eingefallenem Gesicht, eine weiße Kappe über dem Kopf; das rothe Kreuz auf dem Mantel zeigt mir, daß es ein Tempelherrsei. Ich will näher treten, plötzlich streckt er seine Arme gegen mich aus und rasselt mit den Ketten. Ein schreckliches Bild, das in dem tiefen Gewölbe, dessen Dunkel den Eindruck festhält, tragisch täuscht. — In der schönen prächtigen Kapelle hatte Herr Riedel alle Lichter anzünden lassen. Altäre, Gebetbücher, Heiligenbilder füllen den kleinen Raum. Das Meiste ist von Kloster Neuburg gekommen. An der Wand hängt eine Copie von Albrecht Dürer.
Man hört übrigens viel darüber klagen, daß die alten wirklichen Burgen, die noch ganz dastehen, ihre Merkwürdigkeiten durch dieses Zusammenschleppen nach einem Ort verloren haben, und daß diese Verbindung von Dingen verschiedener Jahrhunderte sehr willkürlich sei. Man findet Sachen aus dem zehnten und fünfzehnten Jahrhunderte oft in einem und demselben Zimmer. Aber — welche Zeit hätte nicht die Gegenstände der vorhergehenden Zeit angehäuft? Das thaten die alten Ritter auch. Jean Paul sagt sehr richtig: „Jede Zeit besteht aus zwei Theilen; dem Schluß der vorhergehenden und dem Anfang der folgenden Periode.“ Die Burg ist schön! Herr Riedel verdient Dank für den Kunstsinn, mit dem er sie aufführen ließ.
Am Nachmittag gingen wir wieder spazieren, und nun war es viel kühler und angenehmer. Der Theil der Anlage, zu dem wir nun kamen, war auch waldreicher. Ehe wir nach Hause fuhren, mußten wir Abendbrot essen. Es war im großen Saal gedeckt, der Tisch war herrlich mit Blumen geschmückt; aber der Garten war doch besser, und es dauerte nicht lange, so nahm Jeder seinen Stuhl, seine Serviette und Teller, und lagerte sich draußen vor der Gartenthür. Einige setzten sich auf die Treppe. Castelli war sehr heiter, setzte sich früher als wir an den Tisch, spielte den Gourmand in Wiener Dialect und kostete alle Gerichte, ehe wir etwas davon bekamen. Wenn die Wirthin lachend fragte, was er haben wollte, so sagte er: „Küß' dieHoand, i will Oalles hoaben, gäben's mir erscht a was Schuncken.“ So endigten wir diesen Tag in heiterem Kreise und fuhren wieder zur Stadt zurück.
Eine Hinrichtung.
Vor ein paar Tagen wurde ein Mensch hingerichtet, der seine Schwester ermordet hatte. Er wurde vor der Stadt an einer hohen Säule, die die Spinnerin am Kreuz heißt, aufgeknüpft. Die Säule ist altgotisch; eine weibliche Gestalt in Stein ausgehauen spinnt unter dem Kreuze. Sie sollte eher, gleich der dritten Parze, mit der Scheere schneiden. Vielleicht spinnt sie Hanf. Die eigenthümliche Lust, die ich in meiner Jugend hatte, Hinrichtungen zu sehen, war bei mir vergangen, und ich war nicht Zuschauer. In einem gedruckten Berichte versicherte der Prediger, daß der Sünder bekehrt, bevor er gehängt worden sei. Ich las ihn nicht; aber ich hatte Struensee's Bekehrungsgeschichte von Mynter gelesen und glaubte, es würde wohl etwas Aehnliches sein. Es traf sich ein paar Tage darauf, daß ich in der Bildergalerie war, wo ich ein sehr merkwürdiges Bild betrachtete, welches auch eine Bekehrungsgeschichte vorstellte. Das Bild zeigt Christus wie er nach Golgatha geht, gebeugt sein Kreuz tragend. Aber vor ihm fahren die zwei Schächer auf Karren und haben Mönche bei sich, welche den Sündern dasKrucifixvor die Augen hielten, und sie durch dieErinnerungan den Tod Christi trösten.
Hammer-Purgstall.
Bei dem BankdirectorWeinach, der einen schönen Landsitz in Hitzing hat, traf ich einen magern, lebhaften Mann mit einem ehrlichen, ernsthaften Gesicht, der, als er mich sah, mir mit offenen Armen entgegenkam und rief: „Guten Tag, Oehlenschläger! Schönen Dank für Aladdin!“ Dies war Hofrath Hammer, einer von Europa's gelehrtesten Orientalisten, der Tausend und Eine Nacht übersetzt hat. Er erzählte mir, wie er sich langevergebens bemüht habe ein Exemplar dieses Werkes zu erlangen, weil die Erzähler, die ihr Brod durch die mündliche Mittheilung finden, sich stets bemühen, die abgeschriebenen Märchen gleich zu vernichten. Als er es in der Türkei und in Arabien nicht erhalten konnte, schrieb er einem jungen Engländer, der übrigens kein Wort Arabisch verstand, den arabischen Titel des Buches für den Fall auf, daß er in Aegypten, wohin er reiste, glücklicher sein sollte, als Hammer es in Arabien gewesen war. Als der junge Engländer nach Cairo kam und auf dem Markte stand, rief er den Titel ganz laut aus. Gleich kam Jemand mit dem Buche zu ihm, und fragte ob er es kaufen wollte? Auf diese Weise bekam Hammer ein Exemplar.
Ueber Tische erzählte er uns, daß er in einer Klosterkirche der Umgegend Basreliefs gefunden habe, welche seine Vermuthungen über die Ausschweifungen der Tempelherren im Mittelalter zur Gewißheit erheben. Er glaubte aus diesen Bildern vollständig den Beweis führen zu können, daß sie Gnostiker gewesen seien und ihre Freidenkerei im Orient gelernt haben. Im Aeußeren zeigten sie eine gewisse Frömmigkeit und Mäßigkeit, unter sich aber erlaubten sie sich Alles, spotteten jeden Glaubens und hatten einen Becher mit einem Antlitz das in der Entfernung wie Christus aussah aber in der Nähe zum Bilde des Teufels wurde. Kurz Alles, was ihnen unter Philipp dem Schönen in Frankreich vorgeworfen und weßhalb achtundsechzig Tempelherren mit ihrem Großmeister Molai verbrannt wurden, glaubte Hammer aus diesen Basreliefs beweisen zu können. Doch, fügte er hinzu, sei es nicht abgemacht, daß alle Tempelherren gleich schuldig waren. Die Ausschweifungen, welche die Ritter trieben, waren darum noch nicht der Hauptzweck des Ordens; dieser war politisch, mit Rücksicht auf die Macht des Papstes, sowie später bei dem Orden der Jesuiten. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat der derbe, ehrliche Molai gar keinen Theil daran gehabt.
Der Hund als Schauspieler.
In Hitzing werden auch Comödien aufgeführt. Letzthin sahen wir einen Hund die Hauptrolle spielen. — Ein Trunkenbold soll sein Kind wiegen. Während er in Gedanken dasitzt, kommt der Hund, springt an die Wiege hinauf, nimmt das Kind heraus, und spielt mit ihm auf dem Fußboden. Der Vater sitzt ruhig und wiegt. Nun kommen Mutter und Tanten. Sie wollen das Kind sehen, es ist kein Kind da. Wo ist es geblieben? Sie suchen darnach, der Hund spielt mit ihm und zerrt es unter den Tisch. Das Kind, es ist natürlich eine Puppe, wird glücklich gerettet, und damit endet der erste Act. Mehr sah' ich nicht, denn ich meinte, die Handlung sei vorüber und das Interesse habe aufgehört. Man hatproundcontradisputirt, ob Hunde zum Comödienspiele zugelassen werden sollen; Pferde hat man auf den meisten großen Hoftheatern. Meine Ansicht ist, daß es jedem Talent unverwehrt sein müsse, sich in einer freien Kunst zu zeigen.[4]Der Hund ist in diesem Stücke nur eindeus ex machina, der die menschlichen Verhältnisse in Bewegung setzt. Hätte hier z. B. der Vater besser auf sein Kind in der Wiege geachtet, so würde der Hund es nicht gefaßt und unter den Tisch geschleppt haben. Das ist doch eine äußerst moralische Allegorie.
Vermählungsfest im Augarten.
Ich habe bereits erzählt, daß ich noch nicht den schönen Saal gesehen hatte, der im Augarten zur Verlobung der Prinzessin mit dem Kronprinzen von Brasilien gebaut war.
Letzthin war da nun auch ein Ball für das Volk, damit es doch auch Ragout von dem Braten bekäme, welchen der Hof kurz vorher gehabt hatte. Da war ich dabei. Unglücklicherweise waren mehr Leute aus den Vorstädten als aus der Stadtda, besonders vom schönen Geschlecht, das an diesem Abend ziemlich unschön war. Das Haus stand da: ein schöner griechischer Tempel, eine Rotunde voller Kronleuchter, weiß wie Alabaster, mit unzähligen Säulen, Seitengängen und Nebensälen. Die Tische voll von — Blumen und leeren silbernen Terrinen; die Speisen selbst wurden sehr langsam herbeigeschafft. Es war kaum ein Diener bei jedem Tisch. Hier in Wien gehen sehr komische Menschen an öffentlichen Orten und den Schauspielhäusern mit Erfrischungen umher. Sie sind wie Vorreiter gekleidet, und tragen Hüte mit Aufschlägen und Federn. Aber man kann sich nichts Zerlumpteres denken; sie sehen wie Don Ranudo's Diener aus. Die Federn an ihren Hüten sind so schmutzig und klebend, daß man nicht weiß, wofür man diese Gestalten halten soll. Sie gleichen schlecht ausgestopften, staubigen und verdorbenen Vögeln in einem Naturalienkabinet. Mit diesen Federhüten auf dem Kopf, mit diesem halben Bereiterflitter schreiten sie mit ungeputzten Wasserstiefeln langsam dahin. Man begreift nicht, was das Costüm bedeuten soll, was sie mit dem Federputz auf dem Kopfe wollen, um „Gefrorenes“ zu verkaufen.
Heute Abend hier im Tempel des Augartens war es ganz anders. Sie sollten Lakaien vorstellen, und gingen deshalb in alten rothen Theaterlivree'n, mit alten abgenützten Tressen umher, aber es war sehr schwierig, eine dieser Gestalten zu erwischen; und wenn man auch mit Einem sprach und etwas verlangte, so bekam man es doch nicht. Endlich wurde ich ungeduldig. Ich saß gerade bei meinem guten Freunde Breuß, der hungrig war. Ich gedachte der Wohlthaten, die ich in seinem Hause genossen hatte; mein Herz wurde gerührt; ich drängte mich durch den Schwarm hindurch in die Küche bis an den Heerd, half der Köchin etwas Spinat auf das Fricandeau legen, schlug mich fast in der strengsten Bedeutung des Wortes mit einem Lakai um eine Portion Kalbsbraten. Er: „Doa's ist für einen anderen Herrn bestimmt; euer Gnoad'n könn's nicht hoab'n.“Ich: „Ichwilles haben, ich habe lange genug gewartet.“ Damit nahm ich meine beiden Teller, reichte sie einem anderen, mir mehr ergebenen Lakai; und nun ging ich im Triumph wieder nach dem griechischen Tempel zurück und hatte die Freude, einmal meinen gastfreien Wirth zu bewirthen, der sich über meine Gewandheit Lebensmittel herbeizuschaffen wunderte.
Mit dem Tanzen wollte es nicht recht gehen. Ein paar galante Herren mit Handschuhen walzten mit einem paar Damen. Man erkannte in Einzelnen dieser Nobili Venetiani Ladendiener und die anwesendebeau mondehielt sich zurück. Der ErzherzogRainerging umher, blickte freundlich auf die Leute, und ein Fourier ging voran und machte Platz für ihn.
Kloster-Neuburg.
Mit dem BaronRetzer, einem ältlichen Dichter und Büchercensor, habe ich eine Reise nachKloster-Neuburggemacht, das schön an der Donau, anderthalb Meilen von Wien liegt. Es existirt davon folgende Sage: Der Markgraf Leopold IV. hatte ein Schloß auf dem Kahlenberg. Einmal, als er mit seiner Gattin Agnes am offenen Fenster stand, riß ein Windstoß ihr den Schleier vom Haupte und trieb ihn weithin in den Wald, so daß sie ihn aus den Augen verlor. Ein paar Jahre darauf war der Markgraf in demselben Walde zur Jagd. Plötzlich beginnen seine Hunde zu bellen und zu heulen. Er folgte ihnen und sieht sie um einen Baum versammelt, an dem er einen Schleier fand, den er als den seiner Gattin wiedererkannte. Der fromme Leopold, der lange die Absicht hatte, ein Kloster zu bauen, ohne mit sich über den Platz einig werden zu können, betrachtete dieses Ereigniß als einen Wink des Himmels und ließ das Kloster bauen, wo der Schleier hing.
Der Prälat HerrGaudentiushatte den Baron Retzer mit seinen Freunden eingeladen, bei ihm Mittag zu essen. In den prächtigen Zimmern wohnen nun die Augustiner. Wir gingen fast durch alle. Die Tapeten waren der Ehrbarkeit undder Conservation halber mit weißer Leinwand überhangen. Die parquettirten Fußböden waren sehr schön gebohnt. In dem letzten Zimmer trafen wir den Prälaten in seinem schwarzen Rocke, mit einem kleinen weißen herabhängenden Bande vorn und hinten und mit einem Sammtkäppchen, das er, uns freundlich grüßend, lüftete. Aber der arme Herr Gaudentius hatte Zahnschmerzen. Er zeigte uns die Zimmer, die Aussicht ist schön auf dem Kahlenberge und man sieht viel Weinberge und Windungen der Donau. Nun mußten wir mit einem andern Bruder hinausgehen, um das merkwürdige Gebäude zu sehen. Wir speisten bei dem Prälaten in einem Zimmer, wo unser König auch einmal gespeist hatte. Es waren noch fünf andere Geistliche da. Ehe man sich setzte, wurde stillschweigend gebetet, und Herr Gaudentius ertheilte den Segen auf eine, wenn ich so sagen darf, flüchtige und bescheidene Art, wie wenn man weiß, daß Fremde (Ketzer) zugegen sind. Die geistlichen Herren waren vernünftige Leute und fast liberal. Wir sprachen vom DichterWerner, der hier den ersten Anstoß zu seiner Bekehrung erhalten hat; d. h. durch sich selbst, nicht durch die Mönche; denn er aß hier mit einem vortrefflichenSchauspielerRose, (so tolerant sind sie) und Rose hat mir versichert, daß Werner sich ganz auf eigene Hand in den dritten Himmel versetzt fühlte.
Die größte Einnahme des Stiftes besteht in Wein, der in ungeheuer großen, aus drei Etagen bestehenden Kellern aufbewahrt wird. Unter Anderem soll sich daselbst ein Faß befinden, welches 999 Eimer faßt; also eine Schwester des Heidelberger.
Die Kirche, welche alt ist, bekamen wir nicht zu sehen. Hier bewahrte man den Schleier auf, der der Frau Markgräfin vom Kopfe geweht war, und einige kostbare Becher, unter Anderen einen aus Goldstaub, den man in der Donau gefunden hat, gefertigten.
Ein ehrwürdiger Frater führte uns nach der Mahlzeit auf sein Zimmer, und zeigte uns seine kostbare Kupferstichsammlung, auf welche er im Laufe von 30 Jahren all sein Geld verwendethatte. Er zeichnete auch selbst und in seinem Schlafzimmer hingen mehrere Portraits in Pastel; unter diesen ein gräßliches Bild von einem bis an den Gürtel nackten Sterbenden, der ein Krucifix in der Hand hält. Dies war ein Mensch, den der Canonicus einmal zum Tode vorbereitet, und gleich gemalt hatte, nachdem er verschieden war. Während mir der Augustiner seine Kupferstiche zeigte, wandte ich immer die Augen nach jenem Schreckbilde hin. Er wunderte sich darüber, daß dieses Skelett meine Aufmerksamkeit von den Meisterwerken Raphaël's und Leonardo da Vinci's ablenken könne. Ich sagte ihm: „Wenn es mein Bild wäre, so würde ich es verbrennen, ehe ich zu Bett ginge, aber ich kann nicht umhin, es anzublicken. Das Entsetzen hat einen eigenen Reiz.“
Castelli als Schuster.
Letzthin waren wir zu dem jüngeren HerrnGaimüllermit Breuß nach Hitzing hinaus geladen, um eine Komödie zu sehen, die an seinem Namenstag aufgeführt werden sollte.
Das Hauptstück war: DerSchuster, eine Posse von Schickaneder. Dieses Stück zeichnet sich nicht durch einen sehr witzigen Dialog, sondern durch das Nationaldrollige in der Situation aus. Castelli spielte einen besoffenen Schuhflicker, der auf seine junge Frau eifersüchtig ist, in dem höchsten Grade der Vollkommenheit, Frau G. spielte das junge Weib, die uns durch ihre österreichische Volksnaivetät alle Fehler vergessen macht, mit derselben Vollkommenheit.
Viele begreifen nicht, wie vernünftige Leute Vergnügen daran finden können, das Benehmen und die Reden trunkner Leute nachgeahmt zu sehen und zu hören. Es ist wahr, Weisheit reden sie nicht, wenigstens keine zusammenhängende Weisheit; aber jeden Menschen mit Phantasie müssen diese Aphorismen, diese Ideenassociationen, Einfälle, verschiedenen Leidenschaften, dieser Wechsel zwischen Aufbrausen und Schlaffheit, Haß und Liebe, Aufrichtigkeit und List, unterhalten.
Der Sct. Annentag.
Vergangenen Sonntag war der Sct. Annentag. Im Prater ward Feuerwerk abgebrannt, und der Entrepreneur lud die Nannerls (alle die Damen, welche Anna heißen) unter der Ueberschrift:Verehrungswürdigste Nannetten!ein, mit zur Unterstützung des Festes beizutragen. Auf einem anderen Plakate stand: „Erstens: wird eine mechanische Figur ein verehrungswürdiges Publikum mit seinen Bewegungen zu unterhalten suchen.“ —
Das Feuerwerk war groß und brillant. Obgleich der schelmische Mond schon hinter den Bäumen stand und etwas von dem Eindruck schwächte, hielt er sich doch gutmüthig und romantisch hinter einer Wolke, bis das Feuerwerk vorüber war.
Unter Anderem wurde auch die Liebe feuerwerksmäßig dargestellt. Zwei brennende Figuren, ein Herr und eine Dame, standen in einem funkelnden Tempel; und während sie im besten Brennen waren, fingen sie an, sich zu bewegen und die Köpfe zu einander zu neigen, um sich zu küssen.Der Mann verlöschte zuerst.Ob dieses Feuerwerk Satyre oder Zufall war, will ich ungesagt lassen.
Den 28. Juli.
Ich hatte Christian, unserem dänischen Diener gesagt, daß er mir ein Bouquet zu morgen kaufen sollte. Als ich in's Zimmer kam, hatte er es vergessen. Ich schickte ihn wieder darnach fort. Einige Zeit darauf kam er mit einem ganz kleinen Blumenstrauß für ein paar Kreuzer zurück: „Aber Christian,“ rief ich, „ich will ein ordentliches, großes, schönes Bouquet zur Geburtstagsfeier meiner Frau.“ — „„Ja, ich kann schon so einen bekommen, aber der ist sehr theuer, der kostet vier bis fünf Gulden!““ — „Gleichviel, was er kostet! fort!“ — Nun ging er wieder fort und kam nach einer halben Stunde mit — einem Busch künstlicher Rosen vonLeinwandoderSeideund überreichte ihn mir: „Nein, Christian, daß ist doch zu toll, hast Du mich dennnoch nicht verstanden? Hast Du dein Dänisch oder all das Französich und Deutsch vergessen? Einen Blumenstrauß, einen schönen, großen, lebendigen Blumenstrauß will ich haben, um ihn dort auf der Kommode in's Wasser zu stecken!“ — Nun ging er wieder. Nach einer Viertelstunde kam er endlich mit einem großen Bouquet zurück. Aber die Blumen hatten keine langen Stiele. Es waren lauter kleine Sträußer, welche an einem hölzernen Stiel zusammengebunden waren, und zwar einen großen, aber hölzernen, steifen Strauß bildeten, gleich einem Federstutz auf einem Czako. Nun war nichts Anderes zu thun, als ihn wieder aufzumachen, und sich so gut als möglich damit zu behelfen. „Hol mir ein Glas!“ Er brachte mir eine kleine Medicinflasche. „Ein großes Glas!“ Er brachte ein Bierglas. „Taugt nichts, es muß ein Einmacheglas oder dergleichen sein.“ Er blieb etwas lange fort; ich machte mir alle möglichen Vorstellungen, was er nun bringen würde und staunte, als er mit einem großen, schwarzgeräucherten irdenen Gefäße ankam, noch darüber, daß es nicht schlimmer ausgefallen war. Nun lief ich verzweifelt auf den Vorsaal hinaus, und als ich daselbst einen Blumentopf mit Erde angefüllt fand, reinigte ich ihn, verklebte das Loch mit Sieglack, wickelte weißes Papier um den Topf, schrieb hübsch mit großen Buchstaben „den 28. Juli 1817“ darauf, setzte den Blumentopf auf den Tisch, — und hatte nun endlich nach vieler Mühe und Beschwerde einen kleinen Altar meiner Christiane zu Ehren zu Stande gebracht.
Ein Magnetiseur.
CapitainWocher, ein herrlicher Mann, sprachkundig, Kunstkenner, Gelehrter, witzig, Satyriker, munter in Gesellschaft, treuer Freund, tapferer Soldat, veranstaltete daß wir einen DoctorTschöppholzbesuchen sollten, der sich viel mit dem sogenannten thierischen Magnetismus abgiebt. Wir besuchten deshalb erst den Doctor in Hitzing auf seinen Sommersitz. Als Landsitz betrachtet, war er etwas traurig. Er hatte ihn selbst,wie er sagte, nach seiner Idee bauen lassen. Das Haus war hoch und eng, die Treppe schmal, die Zimmer klein, es gab viele Winkel, und die Wände waren absonderlich gemalt. Um die Aussicht zu sehen, führte uns der Doctor an ein kleines Fenster, von wo aus man mühsam auf das Dach klettern mußte. Innerhalb auf dem Boden stand ein Automat, ein Gespenst mit einer Trommel. Ich hätte ihn gern seinen Triller schlagen hören, aber da der Doctor sich beklagte, daß er ihn nie aufziehen könne (es war ein Uhrwerk im Automat), ohne daß ihn die Kinder gleich austrommeln ließen, so durfte ich nicht darum bitten. Mitten in dem Wohnzimmer stand ein Spielzeug von gebranntem Thon mit einer Kugel, die man durch mehrere Schneckengänge fallen lassen kann, und die dann in numerirte Löcher fiel. In der Mitte war einHerz: Das war die beste Nummer. Ich versuchte mein Glück und meine Kugel fielheuresementmitten ins Herz. Der Doctor ist ein kleiner, melancholischer, ernster, sanfter, magerer Mann mit scharfen eingefallenen Augen und einer spitzen Nase. Er ist Leibarzt bei dem Fürsten Esterhazy. In seinem Garten hingen die Weinranken wie Bohnen an den Stangen; Geröll lag in den Gängen. All' dies gab mir eine vortheilhafte Meinung von dem Mann alsMagnetiseur; denn es war deutlich, daß er ein Gelehrter sei, der nicht so auf dasAeußereachtete, und daraus schloß ich, daß er sich viel mit demInnernbeschäftigte, was denn auch der Fall sein soll. SeitMesmer'sZeit beschäftigte er sich unablässig mit Magnetismus. Er soll ein sehr guter Mann sein, ein sehr tüchtiger Arzt, er ist fromm und religiös; Wocher und ich fanden, daß er etwas Stilldurchdringendes in seinem Gesicht habe. Wir nannten ihn zum Scherz unter uns den Zauberer, und betrachteten denmelancholischen Lustsitzals eine Vorhalle zum Heiligthum. Wir sprachen aus Bescheidenheit diesmal nichts vom Magnetismus, als beim Abschied, wo ein alter Herr kam, der seine Tochter magnetisiren lassen wollte. Nun äußerten wir unsern Wunschund Doctor Tschöppholz versprach, ihn in einigen Tagen zu befriedigen.
Eine Woche darauf lud er uns eines Vormittags ein, ihn in seiner Wohnung in Wien zu besuchen. Wir traten in ein Zimmer voller Bücher, christlicher Bilder an den Wänden, und in einem Winkel stand ein großer brauner Lederstuhl mit Eisenketten und eisernen Spitzen. Wir fanden einen vierschrötigen, rothwangigen, starken Mann bei ihm, der geradezu und, wie es schien, ganz gesund war. Er war ein Chirurg, der die Gabe besaß, in hohem Grade und mit solcher Leichtigkeit magnetisch clairvoyant zu werden, daß der Doctor ihn über 4000 Mal gebraucht hatte, um von dem Zustande der Kranken zu sprechen, und Rath zu ertheilen, wenn sie zugegen waren. — Ich hatte kurz zuvor die von Eschenmeyer herausgegebene Zeitschrift gelesen, in der documentirt wird, daß der Magnetismus keine Einbildung sei. Zwei Menschen haben in Württemberg, der Eine vier Jahre, der Andere neun Monate, den Tod des Königs vorausgesagt, und viele hatten ihren innern Krankheitszustand vorherbestimmt, hatten vorhergesagt, wie lange die Krankheit währen würde,hatten im Dunkeln Worte mit der Herzgrube gelesenu. s. w. — Als wir etwas zusammengesprochen hatten, setzte sich der Chirurg in einen Stuhl, und während eines gleichgültigen Gesprächs mit uns, magnetisirte ihn der Doctor mit einer Eisenstange, die er theils nach seiner Stirn hin bewegte, theils in Zirkelbogen um ihn gehen ließ; zuweilen berührte er ihm die Herzgrube mit den Fingerspitzen. Es dauerte nicht lange, so fing der Chirurg an zu gähnen, sich im Kopfe zu kratzen, sich zu strecken, zu zittern, gähnte dann wieder, und verfiel darauf in Schlaf, der unverkennbar ein wirklicher war. — „Nun ist er fort,“ sagte der Doctor, „nun können wir die größten Geheimnisse zusammen sprechen, er hört nichts, außer was ich mit ihm spreche.“ — Ich bat den Doctor den Kranken um Gotteswillen nichts über mein Schicksal sagen zu lassen. — „Beruhigen Sie sich,“ sagte der Doctor, „erkennt nun die Gefühle ihres Herzens, und sagt Ihnen nichts Unangenehmes.“ — Als er dies äußerte, streckte der Somnambule seine Hand gegen mich aus, und der Doctor, der bisher gleichgültig mit mir gesprochen hatte, fing an mich mit freundlichen Augen zu betrachten und sagte: „Sie gefallen ihm; er wünscht in Verbindung mit Ihnen zu stehen, reichen Sie ihm Ihre Hand!“ — Ich reichte sie ihm nicht, ohne etwas zu zittern. — „Wie finden Sie jetzt die Gemüthsstimmung dieses Herrn?“ fragte er. „„Weich,““ antwortete der Somnambule. Bei diesen Worten rollte eine Zähre von seinen Wangen herab, die der Doctor abwischte und sagte: „Er weint, Ihre Gegenwart ist ihm angenehm!“ darauf fragte er wieder: „Ist dieser Herr aus Eifer für die Wissenschaft, und um den Magnetismus zu studiren hergekommen?“ — DerSomnambule: „Nein, bloße Neugierde!“ — DerDoctor: „Wie finden Sie den Gesundheitszustand dieses Herrn?“ — DerSomnambule: „Vollkommene Gesundheit. Er muß sich nur vor dem Zorn hüten.“ Während ich nun an diese eigenthümliche Sache denke, erröthete ich plötzlich. Da sagte der Somnambule: „In diesem Augenblick schlägt sein Puls zehn Mal schneller, als gewöhnlich.“ Der Arzt fühlte an den Puls, und dieser ging noch sehr stark. — „Ist das Krankheit?“ fragte der Doctor. DerSomnambule: „Nein, es ist nur die Einbildungskraft, die ihn erhitzt.“
Als der Doctor ihn fragte, ob Wocher auch käme, um zu sehen, was es für eine Bewandtniß mit dem Magnetismus habe, lächelte er und sagte: „Er hat es ja schon einmal gesehen.“ Wocher stutzte, es war richtig, obgleich es nicht hier geschehen war. — Ich bat den Doctor, den Mann wieder in seinen gesunden Zustand zu versetzen; er strich nun wieder nach der entgegengesetzten Seite hin, hauchte nun wieder die magnetische Materie von seiner Stirn fort, und es währte nicht lange, so gähnte er, streckte sich, öffnete die Augen, lächelte und erhob sich, ohne zu wissen, was vorgegangen war. Diesen Auftritthabe ich gesehen und glaube nicht, daß man Komödie mit mir gespielt hat.
Unter den Gelehrten Wiens habe ich noch die Bekanntschaft des BaronHormayrgemacht, der das Beste geschrieben hat, was über österreichische Geschichte existirt. Es ist ein lebhafter Mann, der die Poesie liebt.