Chapter 9

Abreise von Wien.

Der Abschied ist ein Anspannen des Lebensfadens nach zwei entgegengesetzten Seiten, wodurch der Knoten der Liebe fester geschürzt wird. Wenn es auf unsere Kleider regnet, so weckt der Regen wieder jenen schlummernden Duft des aromatischen Parfüms, den wir früher darauf gegossen haben. So auch die Abschiedszähre auf dem Gewande des Lebens. Ich kann also auch Jeanpaulisiren.

Sowie man Wien verläßt und nach Böhmen hineinkommt wird die Aussicht weniger schön. Es ist gut, daß wir die Sonne im Rücken haben. Auf dem Wege stehen oft schöne Eubischbaum-Alleen. Vorgestern Abend kam ich an einen Teich, wo das braunrothe Rindvieh darin umherwadete und trank, während die Abendsonne auf ihr rothes Fell schien. Dies ließ mich an die schönen niederländischen Bilder denken. Es ist herrlich, eine solche ehrbare Kuh in Abendroth stehen zu sehen, besonders wenn sie hoch steht, daß der blaue Himmel den Hintergrund bildet. Die Frauen schneiden das Korn hier mit Sicheln; wenn solch ein großes schönes Mädchen an mir vorüberging, glaubte ich Ceres in eigener Person zu erblicken. Gestern früh ging ich ein hübsches Stück in der Sonne, ich kam in die Nähe eines Waldes und gerade vor mir murmelt eine Quelle. Ich setzte mich an einen Tannenbaum hin und erwartete denWagen. „Schöne Natur,“ dachte ich, „wie erfreut es den Dichter, dich zu sehen.“ Und mir schien es, als ob die Natur antwortete: „Und mich freut es oft von einem Dichter gesehen zu werden.“

Dresden. Weber. Böttiger.

Dresdenkannte ich kaum wieder, obwohl ich elf Jahr vorher mich drei Monate dort aufgehalten hatte. Es lagen so unzählige Vorstellungen zwischen der damaligen und jetzigen Zeit, daß sie einen großen Theil der Erinnerungen verwischt haben. Das heißt in Bezug auf Straßen, Märkte u. s. w., denn auf der Gemäldegalerie war ich gleich wieder heimisch. Und kaum war ich ein paar Tage hier gewesen, so fiel es wie ein Nebel von meinen Augen, und ich wunderte mich, daß ich nicht besser Bescheid gewußt habe.

Ich wußte, daß ich von dem Kreise, der mir das erste Mal so lieb war, nämlich von derKörnerschenFamilie, zu der ich täglich als Hausfreund kam, nicht einmal Ueberreste finden würde, denn der alte Körner war mit seiner Frau nach Berlin gezogen, nachdem er einen solchen Sohn, wie seinenTheodor, eine Tochter wie seineEmmaverloren hatte.

Der erste, mit dem ich hier am Mittagstisch im „goldenen Engel“ Bekanntschaft machte, war der CapellmeisterMaria von Weber, der sich meiner aus Stuttgart v. J. 1809 erinnerte. Er ist ein beredter, witziger und freundlicher Mann. Er führte mich in die Vorlesung des HofrathBöttiger, über die Kunst des Alterthums. Der alte muntere Böttiger empfing mich freundlich, umarmte und küßte mich mehrmals mitten im Auditorium vor allen Zuhörern, wodurch ich etwas verlegen wurde; darauf bat er mich Platz zu nehmen und begann. Ich hörte eine Vorlesung von ihm über die verschieden Arten, wie die Griechen plastisch gearbeitet hätten; in Erz, gebranntemThon, Marmor und endlich, was man für das Wichtigste und Schönste hielt, in einer Verbindung aller harten Stoffe, die (weil Gold und Elfenbein das Wichtigste dabei waren) Chryselephantine genannt wurde. Er ließ das Bild einer Minerva umhergehen, an welchem man sah, daß das Nackte Elfenbein gewesen war, der Panzer und Helm Gold, und das Gewand schöne Blumenemaille, im Uebrigen Alles reich mit Edelsteinen besetzt. Wie die Zusammensetzung gemacht wurde, darüber sind die Gelehrten noch uneinig.

Dresden. Sammlungen.

Dasgrüne Gewölbehabe ich gleich den ersten Nachmittag, den ich hier war, besucht, und wunderlicherweise sah ich es das letzte Mal, als ich in Dresden war, gar nicht, wahrscheinlich aus dem Grunde: Du kannst es ja noch immer zu sehen bekommen. Aus solchem Grunde geschieht oft Vieles nicht. In diesem Bewußtsein mochten wohl einmal drei Berliner von ihrer Vaterstadt aus nach Potsdam gereist und mit der Post zurückgefahren sein; dann stiegen sie in einem Wirthshaus ab, und ließen sich von einem Lohnbedienten alle Merkwürdigkeiten der Stadt zeigen.

Endlich bekam ich es doch überdrüssig alle diese Seltenheiten zu sehen. Es ging mir wie Morgiane unter alten „Demanten und Smafiren.“ In Mahomed's Turban nimmt sich ein schöner Smaragd, auf dem Busen der Favoritin ein schöner Rubin herrlich aus, aber wenn man sie in den Schränken in Reihen da liegen sieht, so macht es nur den halben Eindruck. Diese Edelsteine entbehrten des Schimmers derwunderbaren Lampe, und ich war philiströs genug, mir das Geld für einen einzigen Diamanten in meine Tasche zu wünschen. Dann mögen, dachte ich, die Andern meinetwegen alles Uebrige behalten!

Dresden. Die Gemäldegalerie.

DieGemäldegaleriehabe ich in diesen Tagen fleißig besucht. O wie erfreut es doch, etwas Herrliches und Schöneswiederzusehen! Es ist ein zwiefacher Genuß: die Gegenwart und die Erinnerung! Hier ging ich vor elf Jahren umher, und empfand eine Ahnung, was Kunst sei. Ich hatte oft die Madonna Raphael's besucht, die trotz des schmutzigen Rauches, der sie zum Theil verschleiert, frisch in ihrer Schönheit mit dem Kinde auf dem Arme emporsteigt, wie ich sie in meinemMönchsbruderbesungen habe. Ich besuchte meine buntenCorreggiobilder, die aussehen, als ob sie gestern gemalt seien. Die Arbeiten aus jener ersten Zeit sind die poetischsten. Es war mir ein eigenes Gefühl, vor diesen Gemälden zu stehen, die ich nicht gesehen, nachdem ich Correggio geschrieben. Rubens bewunderte ich stets halb im Vorübergehen. Das Flüchtige und rasch Gemalte muß flüchtig und rasch betrachtet werden. Van Dyk hat seine Bilder oft wahr ausgeführt, hat aber nicht Rubens' Genie und Erfindung. Rembrandt bewundere ich als einen poetischen, höchstgenialen Schornsteinfeger. Seine Bilder haben immer die Schornsteinfarbe; aber er weiß ihnen mit wenigen leichten Partien eine starke Wärme, ja sogar Feuer zu geben, wie die Kohle auf dem Heerde. Seine (Schweine-)Hirten-Idyllenoft aus der biblischen Geschichte, tragen das Gepräge tiefer Wahrheit. Wenn man den rechten Gegensatz zu Rembrandts romantischen Kohlenbrennerscenen haben will, so gehe man hin und öffne die Glasschränke zuVan der Werft's Bisquit-undPorzellanboutiquen. Das ist fein gemalt, wie die Leute zu sagen pflegen. Doch kann man nicht leugnen, daß Van der Werft Grazie, ja zuweilen selbst Physiognomie in den ausgeführten Formen hat; aber er hat größtentheils vergessen, seinen Emailestücken einen lebendigen Geist einzuhauchen. Von Murillo hängt nur eine Madonna mit ihrem Kinde da. Titian's Venus liegt auf ihrem Lager, aber ich finde sie gar nicht schön. Von Michel Angelo ist hier nur ein tüchtiger, starker, nackter Jüngling in Fesseln, der lebendig verbrannt werden soll. Aber er sieht mit einem eigenthümlich vornehmen und wilden Blicke zum Scheiterhaufen hin, indemer sein Antlitz halb hinter dem Arme verbürgt, als ob er sagen wollte: Diese dumme Behandlung ist unverständig und unverschämt, aber sie ist bald überstanden. Niederländische Gemälde sind in Menge hier. Eins der liebsten ist mirHolbein's Madonna, vortrefflich conservirt. Sie steht mit dem Jesuskinde auf dem Arm, und der Bürgermeister kniet ehrlich und gutmüthig vor ihr, in seiner altdeutschen Tracht, lauter Portraits, außer Maria und dem Kinde. Ich finde es schön sich so auf fromme Weise ein Familienbild malen zu lassen.

Dresden. Theater.

Der bekannte Dichter, HerrKind, hat ein Stück geschrieben:Van Dyk; worin viel Schönes und Anmuthiges vorkommt, obgleich dass Ganze etwas lose und weitläufig[5]und die Katastrophe unmotivirt ist.

In diesem Stücke hat der Dichter Gelegenheit gegeben, viele Bilder von Rubens, Ostade und Tenniers auf dem Theater darzustellen, was eine gute Wirkung hervorbringt und die Dresdner amüsirt, die ihre liebe Gemäldegalerie wiedererkennen.

Ich habe Ludlam's Höhle bei Böttigers vor Mehreren vorgelesen; sie machte auf meine Zuhörer Eindruck, und der Regisseur, Herr Helbig, hat die Absicht, das Stück auf die Bühne zu bringen.

Heute Abend spielt man mir zu Ehren Axel und Valborg mit einigen nothwendigen Abänderungen. Ich war auch bei der Schauspielerin MadameSchirmer, welche mir einmal die Ehre erwies, auf einem Declamatorium mein Bild zugleich mit dem Göthe's zu bekränzen. Sie wird die Valborg spielen.

Dresden. Axel und Valborg.

Es waren dieselben Veränderungen vorgenommen wie in Wien. Das Stück wurde gut gegeben, und die Vorstellung gefiel; aber ich erkannte auch die Ursache, weshalb Madame Schirmer früher wenig Eindruck in dieser Rolle gemacht hatte,als man vermuthete. Sie glaubte das ganze Stück hindurch Valborg's Tod vorbereiten und motiviren zu müssen; als ob ein Wurm heimlich an ihr nagte von dem Augenblick an, wo der Ring in Harald Gille's Grab fällt. Das ist richtig; nur darf man sich nicht durch Valborg's Worte, die sie an Axel richtet, irre leiten lassen, und glauben, sie sei ruhig oder resignirt, und dies selbst in der Trennungsscene im dritten Acte. Zeigt Valborg sich äußerlich zu ruhig, so bleiben die Zuschauer kalt, denn auf dem Theater kann man das Innere nur durch das Aeußere sehen. Die Hauptsache ist außerdem nicht Valborg's Tod — sondern das Poetische besteht in der schönen Schwärmerei der jungen Leute und ihrem rührenden Unglück. Damit dies zum Herzen gehen soll, muß Valborg kräftig, voller Feuer und Gefühl sein; sie will Axel durch ihre Worte beruhigen, und merkt nicht, daß sie ebenso sehr des Trostes bedarf, wie Er und daß sie sein Schicksal theilt. Ohne dieses Feuer könnte Valborg auch nicht zuletzt so in der Kirche träumen. Es ist auch unnatürlich, sich Valborg's Tod in der kurzen Zeit motivirt zu denken. Valborg stirbt vom Schlage getroffen. Die Zeit kann sie nicht hinzehren, abgesehen davon, daß dieses Zehren, wie kurz man es auch darstellen mag, etwas Unschönes hat, das womöglich vermieden werden muß. Und das habe ich auch immer gethan. Es ist ganz unrichtig, wenn man sich Correggio als einen Siechen denkt, der die ersten vier Acte hindurch ächzt und im letzten unterliegt. Die kleine innere Wunde, die vor Kurzem geheilt war, öffnet sich durch seine Heftigkeit und er fällt gerade, weil er so unvorsichtig lebhaft, bewegt und leidenschaftlich gewesen war. Alles muß Feuer und Leben sein, sowohl bei Valborg als Correggio.

Ich muß hier noch eine Anekdote von Helwig erzählen, der den Wilhelm vortrefflich spielte und Regisseur des Theatersist. Er hatte den Abend vorher wegen Axel und Valborg einen Schreck gehabt. Als er ausgekleidet war und ins Bett gehen wollte, fiel es ihm ein, daß er den Theaterzettel nicht richtig geschrieben habe; sondern daß auf der Correctur ErlandErzbischofstattKanzlerstehe. Da nun dieser Fehler zum größten Skandal Veranlassung gegeben hätte, da die katholische Geistlichkeit in Harnisch gerathen, das Stück in Zukunft verboten — Helbig vielleicht bestraft worden wäre — ward es ihm heiß im Kopf und er schickte sein Mädchen sogleich in die Druckerei. Aber als sie unverrichteter Sache zurückkehrte (Alle waren bereits im Bett), so lief er selbst hin; klopfte den Setzer heraus, ging mit ihm in die Druckerei und sah nun — daß er gegen Schatten gekämpft hatte und daß wirklich auf dem Zettel Kanzler und nicht Erzbischof stand. Froh und leicht ums Herz ging er nach Hause, kleidete sich aus, legte sich ins Bett und schlummerte süß.

Dresden. Katholischer Gottesdienst.

Ich habe in der katholischen Kirche schöne Musik gehört und freute mich in dem freundlichen hellen Gebäude zu sitzen, das, ohne gerade schön zu sein, etwas sehr Belebendes hat. Wenn derSchweizersich nur nicht immer so viel Mühe gäbe, die Männer von den Frauen zu trennen und Jeden auf eine besondere Seite zu treiben. Es kommt mir so vor, als ob der jüngste Tag wäre, wo die Böcke von den Schafen getrennt werden. Lehnt sich Einer unvorsichtiger Weise an eine Säule oder Wand, so kommt er auch gleich und klopft ihm auf die Schulter. Er macht den meisten Spectakel in der Kirche aus lauter Eifer für die Ruhe, — und ich dachte an die Geschichte von den acht Männern, die Einen in das Getreide trugen, damit dieser nicht die Saat zertrete. Ein schönes Altarblatt von Raphael Mengs schmückt den Hintergrund der Kirche.

Wieland und der Kurfürst.

Von der Kirche führt ein verdeckter Gang zum Schlosse, durch den die königliche Familie mit dem ganzen Gefolge nachdem Gottesdienste geht. Dieser ist immer voll von Menschen und ich war jetzt auch einmal da, wie vor elf Jahren. Mir war es als ob es gestern gewesen wäre; so ganz gleich schien mir der Anblick. Es macht einen wunderbaren Eindruck, eine so schöne, große katholische Kirche mitten in dem Lande zu sehen, von dem die Reformation ausging. In Bezug auf die kurfürstliche Familie und den bedeckten Gang muß ich eine kleine Geschichte erzählen. Zur Zeit, alsWielandin seiner höchsten Blüthe stand, war er einmal nach Dresden gekommen. Einer seiner Bewunderer am Hofe, vielleicht der Marschall, hatte große Lust, ihn dem Kurfürsten vorzustellen, da aber Wieland nicht den dazu erforderlichen Rang hatte (er ließ sich nicht wie Göthe, Schiller und Herder adeln), so ging es nicht an, ihn an den Hof zu bringen. Hier dagegen auf dem Gange zur Kirche glaubte sein Beschützer wohl, daß es sich machen ließe. Als also der Kurfürst vorüberging, faßte ihn der Andere bei der Hand und stellte ihn vor. Der Kurfürst stand einen Augenblick still und blätterte im Buche seines Gedächtnisses, ob es anginge, daß ein Kurfürst mit einem Poeten auf einem öffentlichen Wege spräche; da er aber wahrscheinlich kein Beispiel hierfür fand, ging er weiter, ohne von Wieland Notiz zu nehmen.

Obgleich wir mit Extrapost reisen, geht der Wagen durch den brandenburger Sand doch wie bei einem Leichenzuge, und will man sich eine richtige Vorstellung von unserer Fahrt machen, so denke man sich eine Kalesche mit Koffern und drei Menschen auf einPfluggesetzt, man denke sich vor diesen Pflug vier magere Gäule gespannt, und daß es fast überall Schritt vor Schritt geht; so hat man eine Idee von unserer Fahrt von Dresden nach Berlin.

Ein zudringlicher Gast.

In einem Kruge hier in der Nähe ist jüngst eine hübsche Geschichte passirt. Ein Elephant hat die Ehre für den Augenblickdas dresdener Publikum zu unterhalten. Da nun Elephanten auf ihren eigenen dicken Beinen einherschreiten müssen, so begab es sich, daß benannter dicker Fleischklumpen nach langsamer Wanderung mit seinem Herrn eines Abends bei diesem Bauernkrug ankam, wo man ihn, wie jedes andere Pferd, an den Schlag anband. Im Kruge saßen die Bauern, spielten bei Licht Karten, rauchten Tabak, tranken Branntwein, zankten sich, und gewannen einander das Geld ab. Der Elephant mußte dies lustige Treiben innerhalb der hellen Fenster bemerkt haben, während er selbst draußen in der finstern Nacht melancholisch stehen, und den großen Wagen und das Siebengestirn angähnen mußte, und da er sie Karten spielen sah, hatte er wahrscheinlich Lust bekommen, daran Theil zu nehmen; er erhob also mit philosophischer Ruhe seinen Rüssel, zerbrach mit Leichtigkeit die Scheiben und das Fensterkreuz, steckte den Rüssel ins Zimmer und wühlte umher. Man stelle sich vor, was betrunkene Bauern geglaubt haben müssen, indem sie so plötzlich mitten in ihrem Landsknecht durch eine so ungeheure Schlangengestalt gestört wurden. Als der Wirth hereinkam und sie Alle schreiend über einander liegen sah, hatte er alle seine Geistesgegenwart nöthig, um ihnen aus der Naturgeschichte zu beweisen, daß es nicht der Satan sei, der sie (nach ihrem eigenen wiederholten Verlangen) hole, sondern ein unschuldiger Elephant, der mit ihnen spiele; der nur Gemüse, und weder Ochsen- noch Bauernfleisch fräße.

Fahrt durch die Haide.

Wir fuhren durch lauter Haideland, wo nichts war, als Sand, Sonnenstrahlen und Fliegen. Von einzeln stehenden Büschen am Wege brachen wir Zweige ab, womit wir unsere Pferde bedeckten, um sie etwas zu schützen; denn mit den gestutzten Schweifen, mit denen sie unablässig umherschlugen, konnten sie sich nicht selbst vertheidigen.

Der Abend war schön, und nun kamen wir plötzlich zueinem herrlichen kühlen Nußwald, wo die Früchte in den Zweigen uns winkten. Wir stiegen ab, und pflückten unsere Mützen voll von den noch nicht ganz reifen, aber doch wohlschmeckenden Früchten.

Weiterhin kamen wir an einen kleinen Tannenwald, wo die wenigen Brombeeren, die wir im Gebüsch fanden, uns erfrischten.

Um Ein Uhr gelangten wir an eine Station. Als ich auf dem Sopha lag, halb im Schlaf mein Butterbrod aß, das ich mit einem kleinen Hunde theilte, den ich von seinem Lager verjagt hatte, um selbst darauf zu liegen, kam Christian ganz bleich herein und sagte: „Wir können heute Nacht nicht weiter reisen; draußen auf dem Wege liegt ein armer Mann, der todtgeschlagen ist und jämmerlich stöhnt. Der Hausknecht und der Postillon haben eine Laterne angezündet, und sind hinausgegangen, zu sehen, wie es steht!“ — Ich lief zur Thür hinaus, die Leute kamen aber gleich zurück und sagten, daß es ein armer, kranker Mann aus einem der Nachbarhäuser gewesen sei, der gestöhnt habe. Je weiter wir fuhren, destomehr Pferde bekamen wir. Erst hatten wir zwei, dann bekamen wir drei; nun mußten wir vier nehmen und der Postmeister sagte, wir sollten eigentlich fünf bekommen, aber weilwires seien, sollte es bei vier sein Bewenden haben. Hätten wir die Ehre mehr als das Geld geliebt, so hätten wir wohl mit sechsen fahren können.

Der Wagen ging, wie gewöhnlich, etwas entzwei. Im Ganzen hat er, was den Rumpf anbetrifft, eine gute Gesundheit, aber die Räder und die Stange kränkeln zuweilen. Hier zerriß ein Riemen. Glücklicherweise hatten wir eine eiserne Kette, mit der wir uns behalfen, bis am andern Morgen der Riemen wieder hergestellt war.

In einer kleinen Stadt stieg ich vom Wagen und eilte zu einem armen Barbier, um mich rasiren zu lassen. Die Frau gab dem schwachen abgezehrten Kinde — Kaffee. Armuth und Elend herrschte in allen Winkeln. Der Mann sah bleich undfinster aus. Als er mir das Messer an's Kinn setzte, dachte ich: Du bist hier wildfremd! Weder Bertouch noch Christian haben gesehen, wo Du hingegangen bist. Du hast alles Reisegeld in einem Gürtel um den Leib. Wenn nun der Mann dies vermuthete, in der Verzweiflung wär, dir den Hals abschnitte und deine Leiche in einen abgelegenen Brunnen würfe? Mit diesen Gedanken blickte ich ihm starr in die Augen, um ihm zu imponiren, wenn er etwas Böses im Sinne hätte. Als er fertig war fühlte ich mich ihm unsäglich verbunden und steckte dem kleinen Kinde einen Thaler in die abgezehrte Hand. Die armen Leute dankten innig, und ich schämte mich, daß ich dergleichen hatte denken können. Aber ich dachte es eigentlich auch nicht, es war nur ein Spiel der Phantasie. Wenn ein Dichter die Phantasie nicht spuken und träumen lassen könnte, ohne davon ergriffen zu werden, so wäre es schlecht mit ihm bestellt.

Am nächsten Tage kamen wir, nachdem wir die Haiden durchpflügt hatten, an einen schönen See, wo wir die Pferde beneideten, daß sie sich im frischen Wasser abkühlen konnten. Wir kamen wieder an Brombeerhecken vorüber. Da stand eine Frau, die einen großen irdenen Topf voll gepflückt hatte. Statt auszusteigen und sich welche mit eigener Hand zu pflücken, fand Bertouch es bequemer, der Frau alle Beeren abzukaufen. Für vier Groschen bekam er die ganze Ernte. Ich fragte ihn, ob er wirklich die Absicht hätte, sie alle zu verzehren. Er schwieg lächelnd, nahm sie in sein Taschentuch, legte sie in den Schooß, streifte die Aermel auf und nun begann ein Beerenessen: eine Hand voll nach der andern in den Mund. Christian ahmte seinem Herrn nach. Da saßen sie, als ob sie als Kannibalen Hände in Blut getaucht hätten. Endlich sagte ich zu Bertouch: „Darf ich ummeinePortion bitten?“ Und da er, wie immer, mir höchst gutmüthig und gastfrei die größte Hälfte gab, nahm ich sie, und warf sie mit den Worten zum Wagen hinaus: „Das ist ein Opfer, das ich Ihrem Magen bringe.“ — Später machte es mir Spaß, die beiden blutrothen Schlächter allmäligganz dunkelblaue Hände, wie Färber, bekommen zu sehen. So machten sie in kurzer Zeit zwei Handwerke mit größter Leichtigkeit durch.

Ankunft in Berlin.

Welch wunderbares Gefühl, Berlin wieder zu sehen! Die ehernen Pferde über dem Brandenburger Thor haben unterdessen eine Reise nach Paris und wieder zurück gemacht.

Am zweiten Tag nach unsrer Ankunft ward ein großes Manöver in Großbeeren, zwei Meilen von Berlin, abgehalten; und darauf wurde die Hülle von einem großen eisernen Kreuze, einem Grabdenkmal für die gefallenen Krieger, abgenommen.

Eine Menge Menschen war hinausgegangen, um an dem Feste Theil zu nehmen. Aber da das Wetter nicht schön war und ich eben erst eine lange Reise gemacht hatte, fühlte ich nicht Lust, gleich wieder auszufahren, blieb zu Hause, und ließ mir von Bertouch erzählen, was er gesehen hatte.

Aufenthalt in Berlin.

Ich habe die GeheimräthePistorundAlbertibesucht, besonders ihrer Frauen wegen, der Töchter Reichardts, die stets freundlich gegen mich gewesen waren. Pistor ist ein Sonderling, der so thut, als ob er mich nicht mehr kennt, das ist aber gleichgültig. Den BuchhändlerReimerbesuchte ich in dem schönen großen Hause, das er jetzt besitzt. Schleiermacher wohnt bei ihm, befindet sich aber auf einer Fußreise. BeiBernstorff'sfand ich die gewöhnliche liebenswürdige Gastfreundschaft. Ich habe Göthe'sGeschwistervortrefflich von Wolf und der Madame Stich darstellen sehen. Wolf und seine Frau, die Weimars Perle waren, sind nun in Berlin. Als ich Frau Wolf fragte, warum sie nicht in Weimar geblieben sei, antwortete sie: „Ich konnte es da nicht länger aushalten, Göthe ist ein großer Mann, aber ein kleiner Mensch.“ Bei Frau vonZschokke, Pistor's Schwester, fand ich die alte Freundschaft. Ich las da einesAbends Holberg's „Die Unsichtbaren“ aus demselben alten Exemplare vor, wie vor elf Jahren.

Ich habe meinen alten FreundKienlenhier in Berlin wiedergefunden. Er ist arm, ohne Anstellung. Göthe's Claudine von Villabella, die er schon in Paris 1809 componirt hatte, soll nun hier bald aufgeführt werden. In Zelter's Singakademie und bei seiner Liedertafel bin ich auch gewesen. Er ist ein Mann von 60 Jahren und leitet diese Akademie mit Humor und Kraft. Man beschuldigt ihn grob zu sein und er ist nicht sonderlich beliebt, gegen mich war er sehr freundlich[6].

Berlin. Theater.

Ich habeHoffmann'sBekanntschaft gemacht. Seine Märchen und Erzählungen sind trotz des Convulsivischen und Entsetzlichen, das zuweilen zur Manier wird, voll von poetischem Feuer, einer starken Phantasie und von Humor. Er ist Regierungsrath, klein, mager. Er zeigt in seiner Unterhaltung viel Verstand. Er ist auch ein guter Musiker, und hat Fouqué's Undine übersetzt. Er und der Buchhändler (später Kriminaldirector) Hitzig luden mich ein, mit ihnen in einer Restauration zu essen, wo ich auch Berlins größten Komiker,Devrient, fand. Ich habe ihn einen französischen Kammerdiener spielen sehen, der einen deutschen Kutscher unterrichtet und ihm bei einer Flasche Wein, die sie an einem kleinen Tisch zusammen trinken, imponirt. (Den Namen des Stückes habe ich vergessen.) Man kann sich nichts Lustigeres denken. Nie kann Prahlerei und ein albernes Wesen auf eine hübschere Art persiflirt werden; all die vornehmen Manieren carrikirt, und doch mit einer bewundernswürdigen, französischen Nonchalance.

Jüngst, bei Alberti's, disputirte ich mit dem Professor Buttmann über die wissenschaftliche Terminologie. Er sagte, sie sei nöthig; ich behauptete: Nein; man könne das, was man in seiner eigenen Sprache nicht klar auszudrücken vermöge, auch noch nicht klar denken. Gewisse Schattirungen des Denkens ließen sich freilich nicht aus einer Sprache in die andere übersetzen; aber gerade dieser Unterschied mache, daß mehrere und nicht eine Sprache existire; das konnte der gelehrte Grammatiker nicht leugnen.

Das Opernhaus ist sehr schön. Seitdem das Schauspielhaus abgebrannt ist, wird hier immer gespielt; aber kommt es nun daher, daß das Opernhaus mehr abgelegen, oder daß es Sommer ist, es ist sehr wenig besucht. Der Theaterintendant Herr GrafBrühlschickt mir jeden Morgen ein Billet zu einem Sperrsitz. Ich habeUnzelmannwieder gesehen. Er wird nun alt, ein herrlicher Komiker. Er besaß nicht Iffland's Feinheit und Portraitmalertalent, aber mehr komische Begeisterung und ein lustigeres Naturel. Er hatte die Gewohnheit, zuweilen ein paar Worte seiner Rolle hinzuzufügen. Dies wurde verboten, und man mußte Strafe zahlen, wenn man das Verbot übertrat. Einmal spielte man das kleine schöne Singspiel:Richard Löwenherz, wo die Prinzessin reitend zur Burg kommt. Das Pferd machte gefährliche Capriolen auf der Bühne nach dem Orchester zu, und Unzelmann, der mitspielte, ging hin, griff in den Zügel, hob drohend seine Finger und sagte: „Weißt du nicht, daß es verboten ist, in der Rolle Zusätze zu machen?“ — Ein starker Applaus belohnte diesen Witz, und Unzelmann bezahlte mit Freuden seine Strafe.

Unzelmann stand am Vormittag mit anderen Schauspielern auf der Bühne, nachdem zu Schiller's Räubern die Probe gehalten war, gerade als das Schauspielhaus zu brennen anfing. Als er nun das Feuer unter dem Dache bemerkte, winkte er den Anderen zu und sagte leise: „Still Kinder! das muß um Gottes willen geheim gehalten werden! Das darf Niemand wissen. Wir werden es wohl bald löschen können.“ Indessen wirbeltendie starken Flammen bereits zum Dach hinaus, hoch in die Luft empor, und der ganze Markt war voller Menschen, die dem Brande zusahen. Die Schauspieler mußten eilen, um sich selbst zu retten.

Ich muß hierbei noch eine andere Geschichte erzählen. Ein Mensch hat am Vormittag ein Parterrebillet zur Vorstellung der Räuber genommen. Als nun das Schauspielhaus Abends 6 Uhr vernichtet war und noch in den Ruinen brannte, und ein Piquet Soldaten umherstand, um die Menschenmenge abzuhalten, kam der Mann, klopfte einem Soldaten auf die Schulter und wollte auf die Brandstätte, weil er ein Billet hatte.

Frau von Arnim.Brentano. Fouqué.

Bei Pistor's lernte ichFrau von Arnim, Brentano's Schwester, eine lebhafte, muntere Dame, trotzig, witzig, geistreich, beredt, scherzhaft und gutmüthig kennen. Wenn sie mit Männern spricht, so neckt sie gern; man muß auf jedes Wort achten das man sagt, damit sie sich nicht daran klammern kann; man muß lustig sein und sie wieder necken, dann lächelt sie vergnügt. Sie fragte mich, ob bei mir zu Hause auch Damen seien, die mir die Wahrheit sagen könnten. Ich antwortete ihr: „O ja! wir haben sehr vernünftige artige Damen in Kopenhagen.“ „„Aber,““ sagte sie, „„wenn sie alle so höflich und artig sind, wer sagt Ihnen dann das Nothwendige derb und grob?““ „O,“ antwortete ich, „wenn ich das zur Veränderung einmal vonDamenhören will, so reise ich ins Ausland!“ „„Bravo,““ rief sie und brach in Gelächter aus; „„ich verzeihe Ihnen Ihre Unverschämtheit, es war eine gute Antwort.““ Arnim ist groß, blond, hübsch und sehr still. Er hat einen poetischen Geist, nur ist er in seinen Dichtungen etwas neblig und weitläufig; doch trifft man in seinen späteren Büchern, z. B.Berthold's erstesundzweites Lebenviele schöne Schilderungen.Brentano, sein Schwager, wollte sich im Anfange gar nicht mit mir abgeben, aber als er mich später eines Abends bei Arnimssah, wo ich ein paar Acte aus Freia's Altar vorlas, fand ich Gnade vor seinen Augen und nun sind wir sehr gute Freunde. Er gleicht der Schwester. Mit vielem Witz spricht er von Allem, stellt Alles in ein barockes Licht, und findet leicht Fehler in Dem heraus, was man sagt; gesteht aber doch selbst, daß auch er ein sündiger Mensch ist. Er ist in der letzten Zeit etwas fromm geworden, glaube ich, ließ sich aber mir gegenüber nicht weiter darüber aus, weil er merkte, daß ich es nicht auf seine Weise sei. Er ist kaum mittelgroß, hübsch, aber ziemlich bleich und mager; das schwarze lockige Haar hängt ihm wild um den Kopf. Seine Augen mit großen Lidern sind braun, voller Feuer und unstet. Es ist keine Frage, daß er viel Geist und Talent besitzt; wenn er nicht zu negativ wäre und mehr Ruhe hätte, könnte er es gewiß weit bringen. Ich las ihm etwas aus meinemEvangelium des Jahresvor, das er sehr lobte; aber auf eine Weise die stets unangenehm ist; wenn nämlich der Richter nicht bloßeinzusehensondern auch zuübersehenglaubt, was er beurtheilt.

Vor Kurzem kamFouquésieben Meilen weit von seinem Gute her, um meine Bekanntschaft zu machen. Hoffmann bat uns, diesen Abend bei ihm zuzubringen und so hatten wir Drei nun wirklich einen echten Dichterabend. Fouqué ist ein offenherziger, freundlicher Mann, gutmüthig und mittheilend, er hat ein edles Herz und eine reiche Phantasie. SeineUndine, seinGalgenmännlein, derunbekannte Kranke,Ixionu. s. w. sind vortrefflich. Er ist meiner Ansicht nach am vorzüglichsten in seinen Märchen. Zu dem Dramatischen fehlt ihm die Aufmerksamkeit für die wirkliche Natur. Er träumt schön von Tapferkeit, Liebe und Alterthum. Man könnte etwas mehr Gedankenreichthum in seinen Werken wünschen und dasAdeligespielt eine zu große Rolle darin. Er ist durchaus nicht beißend, polemisch oder satirisch, läßt alles Gute gelten und auch einenTheil Mittelmäßiges. Dänisch versteht er sehr gut; und hat die meisten meiner dänischen Werke in seinen Abendzirkeln Deutsch vorgelesen. Er ist nicht sehr groß, ziemlich stark, blond und hat krauses Haar. Hoffmann, ein burlesker, phantastischer Gnome, mit vielem Verstand, stand mit der weißen Schürze wie ein Koch da und bereitete Cardinal aus Rheinwein und Champagner. Der Pokal ging unablässig umher; wir erzählten uns einander kleine Geschichten und abenteuerliche Ereignisse, die entweder uns oder Anderen widerfahren waren. Unter Anderem kann ich folgende Novelle von einem Juden mittheilen, die Hoffmann erzählte.

Fouqué. Hoffmann.

Dieser Jude fühlte sich von den Wahrheiten der christlichen Religion überzeugt und ließ sich taufen. Kaum war er getauft, als er in jeder Nacht von seiner todten Frau beunruhigt wurde. Sie erschien ihm, rang ihre Hände, starrte ihn mit hohlen Blicken an, zeigte auf ihren Scheitel, und jammerte darüber, daß sie keine Ruhe im Grabe habe, weil sie nicht auch Christin geworden sei. Er veränderte seine Wohnung, aber sie verfolgte ihn, erschien ihm in jeder Mitternacht und verlangte der heiligen Taufe theilhaftig zu werden. Um der Unglücklichen Ruhe im Grabe zu schaffen, und um den Lebenden von der gräßlichen Erscheinung zu befreien, beschloß die Obrigkeit und die Priesterschaft, das Grab zu öffnen und die Leiche zu taufen, was denn auch geschah. Von diesem Augenblicke an ließ sich das Gespenst nicht mehr sehen, sondern fand eine selige Ruhe. — Aber nun kommt die Erklärung der Fabel: Kurz darauf bekam der Jude einen Proceß mit den Erben seiner Frau, die sie beerben wollten; aber da berief er sich darauf, daß seine Frau auch getauft sei und nun das Erbe ihm gehöre.

Hitzig. Körners.

Während wir bei solch' gräßlichen Erzählungen dasitzen und die Phantasie durch Cardinal erhitzen, wende ich den Kopf zur Seite und sehe — einen kleinen schwarzen Teufel — mit einem Horn auf der Stirn, und einer rothen Zunge aus dem Munde hängend, sich über meine Schulter beugen. Es war dies eine Marionettenpuppe, die Hoffmann gekauft hatte (er hat den ganzenSchrank voll), mit der er manövrirte, um mich in einem grausigen Märchen zu erschrecken. Einmal erzählte Fouqué etwas, und nun setzte Hoffmann sich ans Klavier, accompagnirte Fouqué's Erzählung und malte Alles mit Tönen aus, je nachdem es grausig, kriegerisch, zärtlich oder rührend war und das machte er ganz vortrefflich. Am nächsten Abend waren wir beiHitzig, hier aber gerieth Fouqué über Tisch in ein langwieriges Gespräch mit einer Dichterin, welche wissen wollte, wie er es machte, wenn er dichtet. Es kam zu keinem Ende und es war mir unangenehm, indem ich dadurch seine Gesellschaft einbüßte. Er zeigte mir beim Abschied seinen Degen, auf welchem steht:Pour moi mon âme, mon coeur pour ma dame; oder etwas Aehnliches. Ich mußte versprechen, ihn zu besuchen, aber diesmal wird wohl nichts daraus werden.

Ich war bei den altenKörners. Er, seine Frau und seine Schwägerin haben sich fast gar nicht verändert, aber die Jugend im Hause ist todt. Als ich bei ihnen eintrat, brachen beide Frauen in Thränen aus; denn der Gedanke an Theodor und Emma erwachten wieder lebhaft in ihnen. Theodor Körner's kurzes Leben war schön und rührend. Ein junger begeisterter Tyrtäus für sein Vaterland, ein ehrlicher Kämpe. Wäre Friede gekommen, und er dramatischer Dichter geworden, so hätte er sich kaum auf dieser Höhe gehalten. Sein „Leyer und Schwert“ ist vortrefflich. Als Theaterdichter zeigt er keine besondere Anlage, sondern ahmt Schiller sehr in dem zu zierlichen Dialog nach, ohne doch die nöthige Kraft, Beweglichkeit und Humor in die Charactere und die Handlung zu legen.

Tieck.

Vor Kurzem kam Tieck von einer sehr forcirten Reise zurück. Er ist in England gewesen und hat in den alten Sagen von Shakspeare, seinem Theater und seinen Schauspielern umhergestöbert;hatte das Verhältniß erforscht, in dem Shakspeare zu den Dichtern seiner Zeit stand, was von Anderen geschrieben war, als und bevor er dichtete u. s. w. Dieses Buch kann sehr interessant werden. — Ich fand Tieck sehr verändert; er geht von Gicht gekrümmt an seinem Stocke und ist ziemlich stark geworden. Wenn ich mit ihm allein spreche, hat er ein freundliches Wesen, einen einnehmenden schalkhaften Blick und einen gutmüthigen aufrichtigen Ton. Was seine Ansichten betrifft, bin ich in Vielem anderer Meinung und erquicke mich mehr an seiner Poesie, als an seiner Philosophie. Er ist mir zu streng gegen die jetzige Zeit, und betrachtet das Mittelalter, sein Mönchswesen, Aristokratie und erste Kunstversuche mit allzu günstigen Augen.

Als erCanovaeinmal zu sehr herunterriß, wurde ich böse und sagte: „Canova ist ein ausgezeichneter, seltener Künstler, er ist keinThorwaldsen, aber Silber ist gut, obgleich es kein Gold ist.“ Tieck meinte, daß er gar kein Bildhauer sei und sagte: „„Wenn Er Bildhauer ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.““ — „Das will ich Dir sagen,“ antwortete ich, „das ist ein Mann, der einen Stein mit einem Meißel behaut und schöne Bilder hervorbringt, und das hat Canova oft gethan.“ — Indessen kam es doch bald zu einem Vergleich, und als ich ging, sagte er mit freundlichen Blicken: „Nun sei nicht böse!“ — Bei Zschokke's hatten wir letzthin eine rechte Künstlermahlzeit, da waren Tieck, Schinkel, Arnim, Brentano und mehrere Andere. Es wurde Rheinwein getrunken und gesungen: „An grünen Bergen wird geboren“ und „Am Rhein, da wachsen unsere Reben.“ Zuletzt sang ich Dänisch, was die Anderen gern hörten. —

Ein talentvoller Barbier.

Da wir einmal vom Singen sprechen, muß ich eine komische Geschichte erzählen. Mein Barbier hörte mich letzthin des Morgens trällern und sagte: „Ach, der Herr Professor singen jewiß scheen.“ — „„Es geht,““ antwortete ich. — „Ich habe auch eene sehr jude Stimme,“ sagte er, indem er mich einseifte,„und Beschort hat mich vor 30 Jahren jesagd, deß ick een sehr jroßer Sänger hätte werden können.“ — „„Das hätten Sie thun sollen,““ entgegnete ich. — „I nun,“ sagte er, indem er mich bei der Nasenspitze faßte, „ick bin ja och so recht jlücklich.“ — Nach einer kleinen Pause fing er wieder an: „Ick singe den heegsten Diskant un den tiefsten Baß. Ick kann ooch Alt un Tenor singen. Woll'n Se hören?“ — Nun stieg er in die Fistel hinauf, wie der Küster Peter imErasmus Montanus. — „Herr Gott, das war schön,“ dachte ich. — „„Ach, Herr Professor,““ fuhr er fort und frischte die Seife auf, „„woll'n Se nich ooch ä bischen singen, denn will ick secundiren.““ — „Mit Vergnügen,“ antwortete ich. Und nun fing ich, eingeseift wie ich war, sehr feierlich an: „In diesen heiligen Hallen,“ und er, indem er eifrig das Messer auf dem Lederriemen strich: „kennt man die Rache nicht.“ Wer herein gekommen wäre und uns so gesehen und gehört hätte, hätte sich zu Schanden gelacht.

Vor einigen Abenden las Tieck seine Uebersetzung: „Der Flurschütz von Greenfield,“ der sich in seinem altenglischen Theater findet. Er liest vortrefflich vor und hat echtes Schauspielertalent, besonders für das Komische. — Ich habe ihm die zwei ersten Acte von Ludlam's Höhle vorgelesen, mit denen er sehr zufrieden war. — Als ich jüngst mit ihm unter den Linden ging, begegneten wir einem sehr schönen, anmuthigen Mädchen, welches ihn erröthend grüßte, und ihn mit der innigsten Hingebung fragte, wie es ihm gehe. Sie wünschte ihm recht warm Gesundheit und langes Leben als sie ihn verließ, und ich konnte an ihrem Gruße und an der Wärme, mit der sie sprach, sehen, wie lieb sie ihn hatte.

Schinkel.

Mit Tieck besuchte ich den BaurathSchinkel, einen seltenen Architekten und Maler. Wir sahen mehrere seiner Landschaften,in denen der Gegenstand ebenso romantisch wie die Ausführung kräftig und schön ist. Wir fanden bei ihm auch die Frau Arnim. Tieck saß vor jedem Bilde in einem Lehnstuhle und betrachtete es außerordentlich lange mit großer Aufmerksamkeit und großem Ernst. Frau Arnim huckte sich vor den Bildern nieder, fing zu scherzen an, neckte mich wie gewöhnlich und fragte, ob ich mich auf Gemälde verstände; was für Ideen ich hätte u. s. w., Alles nur, um den gravitätischen Tieck zu stören, der sie von Kindheit auf kennt und nun halb böse, halb lächelnd wie ein Großvater schalt, weil sie so unruhig war und ihn in seiner Andacht störte.

Schinkel zeigte uns seine trefflichen Zeichnungen zu einer gothischen Kirche, so wie es vor ein paar Jahren der Plan war, sie hier zu bauen. Nun wird aber wohl nichts daraus. Die meisten der schönen Decorationen, die man auf dem Theater hatte, die aber nun leider beinahe alle verbrannt sind, verdankte man Schinkel. Besonders sollen die Decorationen zu Fouqué's Undine, von Hoffmann entworfen, vortrefflich gewesen sein. Kühleborn's Erscheinung und Undine's Geist in den klaren Springbrunnen sollen jede Erwartung übertroffen haben.

Ich habe einmal beim Grafen Brühl zu Mittag gegessen. Er hat einen schönen Garten, wo der Tisch unter einem Zelt in der Nähe hoher, schattiger Pappeln gedeckt war. Die Gräfin ist eine liebenswürdige, schöne Dame, voller Geist, und, was merkwürdig ist, liebt und zieht die deutsche Literatur der französischen vor, obgleich sie Französisch erzogen ist. Sie spricht auch sehr gut Deutsch und der leise Anklang des französischen Accents steht ihr gut.

Ich war auch ein paar Mittage in dem großen Garten bei dem Buchhändler Reimer, der nun nach Hause gekommen ist. In solch schönen Gärten vergißt man ganz, daß man sich in den Berliner Sandebenen befindet, denn der Thiergarten ist gar nichtschön. Auch in diesem habe ich einen Mittag bei dem GeneralHelvigund dem jungen schwedischen DichterAtterbomzugebracht. General Helvig ist ein rascher, lebendiger, gewandter Weltmann und Atterbom ein blonder, schwärmerischer Jüngling, dessen Anlagen zu den besten Hoffnungen berechtigen. Ich disputirte mit Helvig über den Magnetismus, gegen den er sehr stark eiferte und ihm jede Wirkung absprach; ich führte an, was ich bereits früher erzählt habe.

Ein Magnetiseur.

ProfessorWolffhardttreibt hier den Magnetismus ins Große und hat eine ordentliche Fabrik für seine Patienten, die er alle mit Hülfe desselben curirt. HerrMuhraus Kopenhagen, der sich auch auf diesen Zweig der Wissenschaft legt, führte mich in Wolffhardt's Laboratorium, einen großen, finstern Saal, voll von Herren und Damen, die stumm wie das Grab da saßen und sich selbst magnetisirten. Zwei große magnetische Säulen stehen in jedem Winkel des Saales; von diesen Säulen gehen dünnere Stahlstäbe aus. Nun setzen die Patienten sich in zwei Kreisen um die Hauptsäulen; jeder nimmt seine Stahlstange in die Hand, setzt sie auf die Herzgrube, und fängt nun an so lange darauf zu reiben, bis er in Schlaf fällt. Darauf führt der Professor die Schlummernden auf einige kleine Sophas, die sich an den Wänden hinter grünen Gardinen befinden. Und wenn nun Jeder in seinem Behältniß sitzt, so flüstert er ihnen, wie ein Beichtvater in einem Beichtstuhle, zu, und erhält Antwort. Uebrigens herrscht Todtenstille da, und Keiner spricht mit dem Andern ein Wort. Ich folgte Wolffhardt, und hörte ihn eine Dame Etwas über ihren Zustand fragen. Sie sagte: daß sie noch einige Wochen das Medicament gebrauchen müsse, das sie angefangen habe u. s. w. Es war nicht so amüsant, wie bei Tschöppholz in Wien. Hier waren mir zu Viele, es war nicht so zauberhaft, wie mit jenem einzelnen Clairvoyant; und mochte es nun daher kommen, daß ich mich an diese Vorstellung gewöhnthatte, oder was es sei — kurz — ich hatte genug an dem einen Male und kam nicht öfter, obgleich der Professor so freundlich war, mir freien Zutritt zu erlauben, so oft ich wollte.

Professor Solger.

Ich habe einen Abend bei FrauReichardtzugebracht. Ihre Tochter Sophie sang mir einige von den Liedern des Vaters vor und wir träumten uns nach Giebichenstein zurück. Hier traf ich den ProfessorSolger. Ich las ihm meine Romanze „der Walrabe“, die ich kurz vorher ins Deutsche übersetzt hatte, vor. Ich besuchte ihn ein paar Tage darauf mit Tieck. Der Mann interessirte mich als ein geschmackvoller Gelehrter. Seine Uebersetzung des Sophokles hatte ich sehr fleißig studirt und mich dadurch sowohl mit dem Trimeter, wie mit der musikalischen Schönheit des Chors und der effectvollen Anwendung der Anapästen und Spondeen bekannt gemacht. Aber ich merkte wohl, daß Solger nicht viel mehr für mich empfand. Er und Tieck lobten unablässig den verstorbenen Heinrich Kleist als einen großen Dichter, dessen Tod eine empfindliche Lücke in der deutschen Literatur zurückgelassen hätte. Darin war ich auch einig mit ihnen, denn ich achtete selbst dieses Talent sehr hoch. Dagegen konnte ich nicht ihren Enthusiasmus für die Tragödie „der Prinz von Homburg“ theilen, die mir zu preußisch ist, als daß sie recht poetisch sein könnte, und in der das Motiv „augenblickliche Feigheit“ eines sonst braven Officiers etwas Peinliches und Kleinliches hat. Solger war ein blinder Bewunderer Tieck's und nahm all' dessen Ansichten in seine Philosophie auf. In seinem „Erwin,“ den ich etwas später las, fand ich dies bestätigt. Ich ward in diesem Buche in eine Klasse mit Werner und Fouqué gestellt und als ein untergeordneter Dichter betrachtet. Aber daran bin ich bei den norddeutschen Literatoren gewöhnt (in Süddeutschland spricht man in einem andern Tone). Doch habe ich den Trost, daß Solger in seinem Buche mit Verachtung von Jean Paul's Aesthetik, einem Werke, spricht, das leben, beliebtsein und gelesen werden wird, so lange eine deutsche Literatur existirt. Solger ist fast schon vergessen.

Es that mir recht leid, mich so bald wieder von meinem guten Tieck, unleugbar einem der genialsten Dichter Deutschlands, und mit dem ich in so vielen Dingen sympathisire, trennen zu müssen. „Du bist mir zu sentimental,“ sagte er einmal zu mir mit freundlichem Lächeln. „„Ich weiß, daß ich Dir das sein muß,““ war meine Antwort. Ich hatte damals nicht Lust weiter zu antworten, sonst hätte ich gesagt: „„Und Du bist mir zu phantastisch.““

Ich erinnerte mich des Gesprächs, das ich einmal mit Werner hatte, als er die Hand auf meine Schulter legte und sagte: „Lieber Freund, Ihr seid mir gar zu gesund,“ und ich ihm antwortete: „„Lieber Freund, Ihr seid mir gar zu krank!““


Back to IndexNext