Rückreise.
Ziemlich spät am nächsten Nachmittage fuhren wir im Wagen des Landrichters nach Malmöe. Ein kleiner, schelmischer Kobold, der wahrscheinlich meinte, daß wir Schoonen nicht ohne irgend einen Unfall verlassen dürften, zerbrach an unserm Wagen die Axe; aber es war nur eine Viertelstunde Weges von Malmöe. In der schönen Sommernacht genossen wir nun erst recht die Kühle und hatten einen angenehmen Spaziergang.
Am nächsten Tage segelten wir mit dem Packetboote bei gutem Winde nach Kopenhagen, und eine Lustreise war damit beendigt, die mir und meiner Familie unvergeßlich bleiben wird.
Ebenso glaube ich, daß viele Dänen freundlich des Besuchs gedenken werden, den der Dichter Axel's und Frithiofs mit Agardh, Thestrup und vielen Einwohnern Schoonen's, uns kurz darauf im Thiergarten bei Bellevüe machten, wo wir Gelegenheit hatten, unseren Nachbarn für all' die Gastfreundschaft, die wir bei ihnen genossen hatten, auch einige Freundlichkeit zu erweisen.
Der Bischof Münter.Wunderlichkeiten des Bischofs Münter.
Unsere bisherige Wohnung in der Breiten-Straße war uns zu klein geworden; der Bischof Münter, der stets freundlich gegen uns gewesen war, und den ich oft bei seiner Schwester, Frau Brun, sah, überließ uns gern, unter günstigen Bedingungen, seine Parterre-Etage, die groß genug für uns war. Dieser feurige, gutmüthige Mann lebte mit seiner Gelehrsamkeit und Phantasie größtentheils in den südlichen Ländern, wohin die Theologie und Philosophie ihm winkten. Ich hatte seine Abhandlungen von den „Karthageniensern“ und „der Stellung des Weibes in den ersten christlichen Jahrhunderten“ mit vielem Interesse gelesen. Nur Schade, daß man so wenig erfahren kann, wo die Geschichte schweigt. Sollte man es für möglich halten, wenn man es nicht wüßte, daß man die Sprache eines Volks, welches an Stärke und weltgeschichtlicher Bedeutung mit den Römern wetteiferte, nur aus einer Replik in einem Lustspiele jener Zeit kennt? — Münter's Kirchengeschichte war auch sehr geachtet. Seine Uebersetzung der Offenbarung Johannis ist von einem guten Vorwort über die erste christliche Poesie begleitet und in der in Hexametern geschriebenen Uebersetzung erkennt man den würdigen Schüler Klopstock's. Münter liebte sehr die historischen Reliquien aus alter Zeit, er hatte eine Menge Steine mit Hieroglyphen aus Egypten, Mauersteine mit Verzierungen aus Babylon, Steine mit Fischen von den ersten christlichen Grabmälern her, Pagoden u. s. w. Dies Alles schenkte er dem Vaterlande und ließ es in die Wände derAmtswohnung des Bischofs einmauern. Eines Tages ließ er eine Pagode, die mit gekreuzten Beinen dasaß, in eine Nische setzen, die über einer Thür angebracht war. Etwas Zerstreutes hatte Münter immer in seinem Wesen gehabt. Er stand lange da und starrte die Pagode und die Nische an, endlich rief er dem Maurergesellen, der neben ihm stand, eifrig zu: „Die Nische ist zu niedrig; die Pagode hat keinen Platz, wenn sie aufstehen will“! „„Ew. Hochehrwürden““! antwortete der Maurergeselle ganz ernst, „„das thut sie wohl nicht““. Mit dieser Zerstreutheit verband Münter eine sanguinische Zuversicht, daß Alles was geschehen möchte gut ausfallen würde, die ihn selten verließ. Eines Mittags kam Sophie, seine Tochter, zu uns herunter, und theilte uns ganz erschreckt mit, daß ihrer Schwester Ida eine Fischgräte in den Hals gekommen sei. Ich eilte hinauf. Ein Barbier war bereits geholt und stand mit einem langen Fischbeine da und sondirte Ida's Hals, wobei ich, so wenig sie auch einer Wölfin glich, doch an die äsopische Fabel vom Wolfe und Kranich dachte. Ich wollte fragen, wie es gehe, als der Bischof mir entgegentrat. Er stand mit einer Correktur, die er sehr aufmerksam las, mitten im Zimmer, und rief in einem Tone, der zeigte, wie tief er in seiner Arbeit versunken sei: „Oehlenschläger! soll hier ein Komma stehen, oder nicht“? „„Ew. Hochehrwürden““! antwortete ich ernst: „„wir wollen uns doch erst nach dem Komma umsehen, das Ihrer Tochter im Halse steckt““. „O“, antwortete er ganz ruhig, „das wird sich schon wieder geben“. Und das war auch der Fall; aber das konnte er doch nicht so bestimmt voraus wissen. Er hatte auch gleich nach dem Barbier geschickt. Als dieser die Operation zur Zufriedenheit aller Theile gemacht hatte, schenkte ihm der Bischof ein Glas Wein aus der Flasche ein, die noch auf dem Mittagstische stand; und als der Barbier es mit einer tiefen Verbeugung und den Worten leerte: „Ew. Eminenz“! belohnte Münter ihn mit einem freundlichen väterlichen Lächeln.
Gerade so wie Bittermann im Menschenhaß und Reue undwie Bröndsted, stand Münter mit der ganzen Welt in Correspondenz; nur mit dem Unterschiede, daß die erstere erlogen, die beiden letzteren aber wirkliche waren. Das kam nun Keinem wunderbarer vor als mir, der ich das entschiedene Extrem davon abgab. Bröndsted hatte mir während unsers Aufenthalts in Paris einen Widerwillen gegen diese Passion beigebracht. Oft, wenn ich zu ihm kam, hatte er nicht Zeit mit mir zu sprechen, weil er Briefe schreiben mußte, sodaß ich, als ich einmal ärgerlich darüber aus dem Zimmer ging, sagte: „Ich wollte wünschen, ich wäre der abwesende correspondirende Freund“! Eines Tags begegnete ich Münter mit einem versiegelten Packet auf der Treppe, das ihm unfrankirt aus Italien geschickt worden war und einen Louisd'or kostete. „Ich weiß nun, daß es Nichts werth ist“! rief er verzweifelt. „„So schicken Sie es doch uneröffnet zurück, Hochehrwürden““! Aber das konnte er nicht über's Herz bringen. Er war auch neugierig zu wissen, was darin sei, bezahlte seinen Louisd'or, und fand — eine langweilige italienische Doctordissertation.
Er hatte mich sehr lieb, als ich aber Ritter vom Nordstern wurde, sagte er mir in einem Tone, als ob er mir eine Reprimande geben wollte: „Der König liebt das nicht“! Ich antwortete ihm, daß ich keine Schritte gethan hätte, um den Orden zu bekommen, und daß Bischof Tegnér mir geschrieben: „König Karl Johann hat hierdurch nur Schwedens Wunsch erfüllt“.
Tod des Bischofs Münter.
Wenige Jahre darauf kam Ida eines Abends zu uns herunter und sagte, daß ein apoplectischer Anfall ihren Vater getroffen habe. Ich eilte hinauf, nahm ihn in meine Arme, er war noch bei Bewußtsein, wurde zu Bett gebracht, starb aber in der folgenden Nacht.
Er war in der letzten Zeit nicht auf Rosen gewandelt; mit bewundernswürdiger Geduld aber hatte er ein schweres Hauskreuz getragen. Seine edle Gattin — mit ebenso viel Verstand, wie Gemüth begabt — verfiel in eine tiefe Melancholie, die bis zu ihrem Tode währte.
Nach Münters Tode wurde P. E. Müller Bischof, und ich blieb in dem Bischofshause wohnen. Man wünschte eine Büste von dem Dahingegangenen zu besitzen;Freundnahm eine Todtenmaske ab, und mußte sich nun mit einem Portrait von Hornemann und seinem eigenen Gedächtnisse helfen. Alles ging recht gut, bis auf die Augen. Da gab ihm ein Freund den Rath: „Die Augen“, sagte er, „sind ja noch da, frisch und klar; Sie brauchen Sie nur zu kopiren“. Das war ein Räthsel! Die Augen des todten Münter lebten noch! Aber der Freund hatte ganz recht. Er meinte die Augen von FrauFriederike Brun, die denen ihres seligen Bruders auf ein Haar glichen. Freund brachte die nach der Schwester modellirten Augen an der Büste des Bruders an, und Keiner zweifelte, daß es seine eigenen seien. Die sehr ähnliche in Marmor ausgeführte Büste wurde der Universität geschenkt, und im Consistorium aufgestellt.
Ein sonderbarer Besuch.
Ein Bekannter des Bischofs Münter machte mir in diesen Jahren einmal einen Besuch. Es war ein großer, stattlicher Schwede, der mir beim Eintritt seinen Namen nannte, den ich aber nicht verstand. Da ich mich nun genirte, ihn wieder darnach zu fragen, hoffte ich ihn im Laufe des Gesprächs nochmals zu hören, oder ihn durch Eins oder das Andere errathen zu können. Er sagte, daß er gekommen sei, um mich zu fragen, was ich von dem Stoffe zu einem Vaudeville halte, das er zu schreiben gedenke. Er erzählte es mir; es war recht hübsch, und ich hielt daran fest und dachte: es ist also ein Vaudevillendichter. Darauf sprach er von Münter, als von einem alten Freunde: „ich muß Ihnen sagen“, fuhr er fort, „daß ich auch Theologie studirt und die Offenbarung Johannis übersetzt habe“. — Ein Vaudevillendichter, dachte ich nun, der auch Theolog ist. „Münter ist auch Freimaurer“, fuhr er fort, „all seine Freimaurerei hat er von mir gelernt, denn ich bin Meister vomStuhl“. Jetzt rechnete ich im Kopfe weiter zusammen: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl. — Nun sprach er vom König Karl Johann, den er sehr lobte, und sagte: „Ich kenne ihn gut! Ich habe manches Glas mit ihm geleert“. Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhle, und ein Freund von Karl Johann. Er fuhr fort: „Hier in Dänemark tragen die Leute nicht ihre Orden; morgen gehe ich in die Kirche, da lege ich die meinigen an“. „„Das können Sie auch sehr gut““, antwortete ich, und er fuhr fort: „Ich habe sie alle mit“! Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl, Karl Johann's intimer Freund, Seraphimritter. Endlich sprach der Fremde von seinem Sohne, den er daran erinnert hatte, daß ihr Stammvater zu den Ersten gehört habe, welche bei der Eroberung Jerusalems die Mauern dieser Stadt bestiegen. Nun wurde mir klar, daß es der Grafvon Saltzasein müsse. Und der war es auch.
Als wir nun bekannt miteinander geworden waren, führte er mich zu seiner Familie nach dem Hôtel du Nord. Dort traf ich den schönen alten Grafen de la Gardie, dessen Bekanntschaft ich in Ramlöse gemacht hatte, und der mir erzählte, daß sein Ururgroßvater bei der Belagerung Kopenhagens Einer der Ersten auf dem Walle gewesen sei. Es war auch ein Baron Bannér dort, von dem Saltza scherzend erzählte, daß er von einem Koch abstamme, der bei einer wichtigen Gelegenheit den Seinigen dadurch den Sieg verschafft hatte, daß er seine Schürze und den Küchenbesen als Banner benutzte, und so die Fliehenden zurückrief. Später nahm Saltza mich in sein Zimmer, zeigte mir verschiedene fromme Bücher, und äußerte religiöse Ansichten, in die ich mich nicht weiter mit ihm einließ.
Schwedische Bekanntschaften.
Da ich hier von Schweden spreche, muß ich noch einige von den lieben Freunden nennen, die von Zeit zu Zeit über den Sund kamen, um uns zu besuchen. Schon im Jahre 1819lernte ichBeskowkennen, der später einer meiner besten Freunde wurde, und auf den ich im Folgenden zurückkomme.Tegnértrat als ein munterer, rothwangiger, goldlockiger Jüngling bei mir ein, als ich schon ein paar Jahre Professor gewesen war. Früher hatte ich den noch blonderenLing, Dichter und Fechtmeister gesehen, der in seiner Gylfe, Phantasie und Sinn für altnordische Poesie zeigte, ohne doch eigentlich den richtigen Ton in der Darstellung gefunden zu haben.Geijerschenkte mir in späteren Jahren auch einen kurzen Besuch, aber wir lernten einander doch nicht recht persönlich kennen. Er hatte meine früheren Arbeiten gelesen, später, vielleicht durch den häufigen Tadel bewogen den er über mich gehört hatte, sagte er selbst in einer Schrift, die von ihm erschien, daß er mir nicht weiter gefolgt sei. Obgleich er die harten Angriffe mißbilligt, so scheint es doch, als ob sie ihm das Zutrauen zu meiner Entwickelung geraubt hätten und er mich deßhalb fallen ließ. Ich selbst lernte diesen ausgezeichneten Mann erst kennen und schätzen, als ich seineChronik des schwedischen Reicheslas; philosophisch-dichterisch hat er die älteste Mythologie und Sagengeschichte des Nordens aufgefaßt, wie noch kein Anderer. Der Geschichtsschreiber Geijer war auch Dichter, hat gute Lieder geschrieben und selbst reizende Melodieen dazu componirt. Später besuchte michFryxell, und ich wurde sehr für diesen liebenswürdigen Mann eingenommen, durch dessen vortrefflich geschriebene Geschichte ich Schweden erst recht kennen gelernt habe.
Frederik Classon Horn.
Noch muß ich hier des unglücklichen GrafenFrederik Classon Hornerwähnen, der als Theilnehmer an dem Königsmorde Gustavs des Dritten nach Dänemark floh, wo er unter dem Namen Classon mehrere Jahre ein armes, kummervolles Leben führte. Ich lernte ihn bei Rahbeks kennen, und er besuchte mich. Er war auch Dichter, blies vortrefflich die Flöte und soll ein vorzüglicherMathematiker gewesen sein. Obgleich er mir nie recht seine Reue über das Verbrechen eingestehen wollte, und, wenn man von Gustav III. sprach, sagte: „Das war, hol' mich der Teufel, ein sakermentscher Ränkemacher“, so konnte man doch die Gebeugtheit an seinem ganzen Wesen erkennen, denn Horn war weit davon entfernt, ein grausamer, blutdürstiger Mensch zu sein; phantastische Freiheitsschwärmerei mit persönlicher Unzufriedenheit verbunden, hatte ihn, ebenso wie Ribbing, mit Ankarström in Verbindung gebracht, der Gustavs eigentlicher Feind war. Die alten Aristokraten, Pechlin und Liljehorn, benutzten diese demokratisch gesinnten Jüngeren als ihre Handlanger, obgleich beide Parteien von entgegengesetzten Motiven getrieben wurden. — Als die Gefangenen im Correctionshause auf Christianshafen Aufruhr gemacht hatten, und mehrere von ihnen hingerichtet waren, schlug Steffen Heger, der viel mit Horn umging, ihm vor, daß sie eines Nachmittags hinausgehen wollten, um die Köpfe der Hingerichteten auf den Stangen zu sehen. Der phantastische Horn war gleich dazu bereit. Auf der Richtstätte beobachtete Heger, welchen Eindruck es auf ihn machte. Er stand lange still da, und starrte auf die leblosen Köpfe; darauf sagte er leise, indem er fortging: „Ich bin“, indem er den Zeigefinger in den Mund steckte, „hol' mich der Teufel! auch nicht weit davon entfernt gewesen“! — Ich beklagte oft diesen unglücklichen Mann, wenn ich mit ihm zusammen war und ihn betrachtete, ohne daß er es merkte. Er war groß und schlank, hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, Adlernase und feurige Augen, aus denen Begeisterung und Milde sprach. Ich stellte ihn mir als Minister mit Ordensband und Sternen vor, eine Stellung, die er in seinen Verhältnissen leicht hätte erreichen können, wenn nicht die verbrecherische That ihn in Armuth und Elend gestürzt hätte: ein Zustand, den er nach Allem, was geschehen war, doch ein Glück nennen mußte, da er dem Schafote entging. Gewiß muß etwas Schiefes in der Natur und ein Mangel an höherm Humanitätsgefühl inder Seele sein, die sich verlocken und verblenden läßt, einen Meuchelmord zu begehen.
Er schenkte mir seine Gedichte, in die er schrieb: „Meine Thränen bei Deinem Correggio waren ohne Zweifel ein Deiner würdigeres Opfer als diese Blätter“.
MitBerzeliusmachte ich keine nähere Bekanntschaft. Er besuchte mich einmal den Tag vor seiner Abreise, und da er hörte, daß ich im Theater sei, sagte er: „Ja, ja, das ist nunseinLaboratorium“.
Kammerherr Ries.Anekdoten von Christian VII.
Eines merkwürdigen Mannes muß ich hier erwähnen, den ich von meiner frühen Jugend her kannte, und dessen Bekanntschaft jetzt erneuert wurde. Es war der KammerherrRies. Er war Christian VII. dienstthuender Cavalier gewesen, und ich sah ihn täglich mit dem Könige spazieren gehen. Im Anfange meiner Dichterperiode besuchte ich ihn auf dem Friedrichsberger Schloß; er hatte meine Arbeiten gern, war selbst deutscher Dichter, und ich übersetzte ein paar seiner Stücke ins Dänische. Nun vergingen wohl zwanzig Jahre, ehe wir uns wiedersahen. Er war nach Christian VII. Tode Zollbeamter auf Fehmarn geworden. Er war mir stets gefolgt, seine Liebe zu meinen Schriften war gestiegen; beim Eintreten in mein Zimmer fiel er mir um den Hals und bat mich in dem kräftigen, herzlichen Tone, den ich von Alters her kannte, ihn Du zu nennen. Wir wurden bald Freunde und Vertraute, obgleich er um eine gute Zahl von Jahren älter war als ich. Er war ein großer, starker Mann, der seine Jugend unter dem Militair zugebracht hatte; sein ausdrucksvolles Gesicht war derb und ehrlich; ich nannte ihn meinen Götz von Berlichingen. Er hatte viel mit Christian VII. zusammen gelebt; ich bat ihn, seine Memoiren zu schreiben, die gewiß viel Interesse gehabt haben würden, er versprach es, aberes wurde nie Etwas daraus. Es war wohl auch noch zu früh, damals Etwas zu erzählen, was übrigens Alle wußten. Die Geistesschwäche des Königs hatte den sonderbaren Charakter, daß der äußere Anstand aufrecht erhalten werden konnte, ohne daß man ihn von seinem Hof zu entfernen, oder ihn abzusetzen brauchte; der Kronprinz, sein Erbe, wurde schon bei seinen Lebzeiten sein Nachfolger. Er war es, der die Macht in Händen hatte; Alles ging nach ihm, Alles bestimmte er, nur mußte Christian unterschreiben. Zuweilen hielt dies ziemlich schwer, wenn man ihn aber das drohende Wort „Absetzung“ ins Ohr flüsterte, so wurde ihm angst, und er that, was man wollte. Kleine Neckereien, eine Folge seiner Krankheit, suchte man durch Vorsicht zu verhindern. So waren die Pagen instruirt, bei der Tafel seinen Stuhl festzuhalten, wenn er zuweilen aufstehen wollte, um die Andern am Essen zu verhindern. Einen und den andern Pagenstreich dagegen konnte man doch nicht hintertreiben. Es war am Hofe verboten, mit ihm zu reden, und ihm zu antworten, wenn er fragte; nichtsdestoweniger hatte ihn ein Page doch einmal in einen Winkel zu locken gewußt, und ihm gesagt: „Verrückterrex! mach' mich zum Kammerjunker“. — Bei dieser Gelegenheit will ich auch erwähnen, wie er einmal einen Kammerherrn creirte. Er war genöthigt worden, die Kammerherrnbestallung für einen Mann zu unterschreiben, den er nicht leiden konnte. In demselben Augenblicke kam einer der niedern Hausofficianten ins Kabinet, in seiner gelben Jacke, die Mütze mit des Königs Namenszuge auf dem Kopfe, mit einer Tracht Brennholz auf dem Rücken, das er beim Kamine niederlegte. „Du, höre mal“! rief der König: „willst Du Kammerherr sein“? Auf die wiederholte Frage antwortete der Knecht, daß es nicht so übel wäre, wenn er es werden könnte. „Nichts ist leichter“! antwortete der König, „folge mir“! Es war gerade eine Versammlung des Hofes in dem großen Saal neben dem Kabinete. Der König faßte den Hausknecht bei der Hand, öffnete die Thür, trat indie Mitte der Versammlung ein und rief mit lauter Stimme: „Ich ernenne diesen Mann zu meinem Kammerherrn“. Der Marschall nahm später den Mann zu sich hinauf; dieser sah selbst ein, daß er nicht zum Kammerherrn paßte, und daß ihm mit einer Würde nicht gedient sein könne, zu deren Aufrechterhaltung ihm die Mittel fehlten; und er war deshalb sehr erfreut über die Nachricht, daß man, in Betracht der gnädigen Gesinnung, welche Sr. Majestät gegen ihn gezeigt habe, ihm ein schönes Bauerngut kaufen wolle. — Aber Christian hatte auch seine lichten Augenblicke. Einmal in einer ähnlichen Abendgesellschaft trat er mitten unter den großen Hofschwarm, machte ein Zeichen mit der Hand und rief: Ruhe! Und als Alle vor Verwunderung und Bestürzung schwiegen, declamirte er laut, deutlich, vortrefflich und mit tiefem Ernste Klopstock's Ode an die Fürsten. Als es geschehen war, lachte er laut und ging wieder. — In seiner Jugend hatte er (ebenso wie Gustav III. in Schweden, den er Vetter Don Quixote nannte) viel scenisches Talent gehabt, und soll den Orosman in Voltaire's Zaïre gut gespielt haben.
Ries versuchte auf alle Weise, ihn zu zerstreuen und zu unterhalten, so gut er konnte. Er war mitten im Treiben des Hofes sein einziger Umgang. Sie spielten täglich Billard zusammen; der König wollte immer hoch spielen. Ries that als ob er sich darin fand, und gewann scheinbar große Summen. Wenn er dann sagte: „Wollen Ew. Majestät nicht die Gnade haben mich zu bezahlen, ich brauche Geld“, so antwortete der König schlau: „Sprecht mit dem Kronprinzen“!
Aber obgleich nun Christian VII. auf seine Art Ries lieb hatte, und vom Morgen bis zum Abend mit ihm lebte, so war Christian doch so kalt, gefühllos und feig geworden, daß es ihn gar nicht geschmerzt hätte, wenn man ihm eines Tages erzählt haben würde: „Ries ist gefangen“! „Und“, sagte dieser, „hätte er gehört, daß ich hingerichtet werden sollte, so würde er nicht nach der Ursache gefragt, oder irgend einen Schritt gethan haben, um mich zu retten“.
Ries starb vor ein paar Jahren; in seinen Gedichten war Phantasie und Kraft, er hatte etwas „Bürger'sches“, und die Romanze glückte ihm am besten.
Commandeur Sölling.
Ein Mann, dessen ich mich gerade wegen seiner außerordentlichen Verschiedenheit von Ries bei dieser Gelegenheit erinnere, und der mich oft besuchte, war CommandeurSölling. Keiner leugnet, daß der dänische Matrose stets etwas ganz besonderes Charakteristisches gehabt habe. So lange das deutsche Element hier in Dänemark herrschte, war der Seeetat fast das Einzige, was das nationale Gefühl repräsentirte. Unsere alten Wikingszüge, Knud's, Svend Gabelbart's, Waldemar's und Absalon's Heldenzüge, und (nachdem die unglückselige lübecker Zeit vorüber war, wo die deutschen Krämer auf ihren Schiffen hersegelten und uns in Zucht hielten) das Andenken an die Juels Hvidtfeldt, Adeler, und Tordenskjold frischte das alte nationale Gefühl auf. Diesem Gefühle setzte die Schlacht am 2. April 1801 die Krone auf, bei welcher Gelegenheit Nelson sagte: (Siehe:Southey, Life of Nelson): „Die Franzosen schlagen sich gut; aber das Feuer, das die Dänen vier Stunden lang ausgehalten haben, würden jene nicht eine einzige ertragen haben.“
Das muntere, schnelle, stolze, unerschrockene, launige, oft witzige Wesen, das sich so vielfach bei dem dänischen Matrosen zeigt, fand sich auch bei vielen der Officiere. Englisch und Französisch wurde auf der Seecadettenakademie gelehrt, aber nicht Deutsch. Mit dem Deutschen hatten die Söhne des Meeres Nichts zu thun; sie trugen kein Von vor ihrem Namen, und selbst der Adelige legte als Marineofficier das seinige ab. Ein gewisses Verspotten der Convenienz gehörte mit zu diesem Tone. Allmälig hörte dieser auf; Sölling aber war noch eines der Exemplare, die dieses Gepräge behalten hatten, er setzte es fort, und das stand dem kleinen gewandten, feurigen Seemanne gut,man mußte es ihm verzeihen, daß er das Wesen bisweilen mit einer Art Coquetterie übertrieb, und es ein Bischen zu lange als alter Mann fortsetzte. — Ein paar Anekdoten von ihm fallen mir ein. Als er ein Mal aus Westindien von einer mißglückten Speculation heimkehrte (die dänischen Marineofficiere hatten damals das Recht Handel zu treiben), bei seiner hübschen Frau auf Fredensburg zum Kaffee war und sie ihm ein paar Henkeltassen vorsetzte, sagte er: „Nein, liebes Kind, dazu haben wir, hol mich der Teufel, die Mittel nicht!“ Damit brach er die Henkel von der Kaffeetasse ab. — In der OperettePeter's Hochzeitkommt ein schöner Seemannschor vor, der vor mehreren Jahren bei der Aufführung auf Verlangen des Publikums wiederholt wurde; denn obgleich es eigentlich nicht gestattet war, sich nach dem Dacaporuf zu richten, so fand hier eine Ausnahme statt, und es wurde nicht als eine Wiederholung aus Kunstgenuß, sondern — was es auch war — aus Vaterlandsbegeisterung betrachtet. Es ist sehr möglich, daß Sölling auch damals Derjenige war, der Dacapo gerufen hatte. Das war aber schon lange her. Nun sollte wieder Peter's Hochzeit aufgeführt werden, und er ging hin, um sein Dacapo wieder zu rufen, da er aber nicht musikalisch war, so hatte er vergessen, daß die Strophen des Chores mehrere Male wiederholt werden. Kaum waren sie das erste Mal gesungen, so stand er im Parterre auf (ich war selbst zugegen) und rief sehr höflich, aber mit durchdringender Donnerstimme: „Dürften wir Sie wohl bitten, das noch ein Mal zu singen?“ Da die Wiederholung gleich kam, so nahm man weiter keine Rücksicht auf die Aufforderung und setzte den Chor fort. Sölling aber ließ sich nicht abschrecken, und als er merkte, daß es wirklich zu Ende sei, bat er noch ein Mal darum, und sein Wunsch wurde erfüllt. — Sölling hatte sich dadurch bei der Marine verdient gemacht, daß er die bedeckten Lootsenboote in Norwegen einführte, wodurch jährlich viele Menschenleben gerettet wurden. Hier stiftete er dieBombenbüchse, eine Anstalt in der alte Seeleute Aufnahmefanden. Wegen der Concerte, die jährlich zum Besten dieser Stiftung gegeben wurden, kam Sölling oft zu mir, um sich Lieder schreiben zu lassen. Bei solchen Gelegenheiten hatten wir lange Gespräche, in denen er mir seine Schicksale und Abenteuer erzählte. Diese Erzählung begleitete er stets sehr lebhaft mit starken Bewegungen und Ausdrücken. Einmal stand er mit mir am Fenster meines Zimmers, das nach der Universität zu lag. Hier erzählte er mir eine Geschichte, die ich vergessen habe, wie er einmal an einer Thüre gelauscht und durch eine Spalte in der Diele geblickt habe, um Etwas zu erfahren. „Ich zog den Rock aus, sagte er“ (dabei that er es), „warf mich auf die Erde“ (dieselbe Bewegung), „und sah durch die Spalte!“ (da legte er das Gesicht gegen meine Thür). „„Lieber Herr Commandeur!““ sagte ich: „„ich verstehe Sie auch ohne das. Was sollen die Leute denken, wenn man, von der Straße aus, sieht, daß Ihr Rock ausgezogen wird und Sie auf den Boden stürzen, während ich neben Ihnen stehe? Man muß ja glauben, daß ich Sie in meinem eigenen Hause überfalle und plündere. Und wenn nun Jemand kommt und die Thüre öffnet, so schlägt er Sie vor die Stirn.““ „O, es ist nicht so gefährlich,“ sagte er, und sprang wieder auf.
Reise nach Leipzig.Dresden. Dr. Carus.
Im Jahre 1830 machte der Buchhändler Heinrich Brockhaus mit seiner Frau eine Reise nach Kopenhagen. Er besuchte mich. Frau Brockhaus und meine Tochter Charlotte wurden bald sehr gute Freundinnen, und da sie mich baten, diese mit nach Leipzig nehmen zu können, und mich, sie im nächsten Sommer abzuholen, willigte ich gern ein. Ich traf dort im Juni 1831, wie es verabredet war, ein. Während dieser Zeit hatte Charlotte Deutsch wie eine Eingeborne gelernt, und corrigirte mich zuweilen, wenn ich Danismen sagte. Ich hatte auch denFischerübersetzt und umgearbeitet, den, da er nicht zum Accord mit Max gehörte, Brockhaus verlegte. Prinz Friedrich von Sachsenwar damals in Leipzig und hatte die Revue über die Communalgarde abgehalten. Friedrich Brockhaus war hier sein Adjutant. Der Prinz lud mich Abends im Theater in seine Loge ein, und ich versprach ihm, meine Aufwartung zu machen, wenn ich nach Dresden kommen würde. Als wir von Leipzig abreisten, begleitete uns Charlotte's Freundin, Fräulein Ottilie Wagner, eine Schwester der Frau Brockhaus, nach Kopenhagen. Wir reisten zuerst nach Dresden und dann nach Berlin; aber ich hatte nicht Zeit, mich an diesen Orten lange aufzuhalten, da ich nach Hause mußte, um das Rectorat zu übernehmen. In Dresden war ich einmal bei dem Prinzen Friedrich zu Mittag. Hier traf ich den berühmten Dr. med. Carus, der in Dresden für eines der größten ästhetischen Lichter galt, und ein specieller Freund von Tieck war. Er kam mir nicht sehr freundlich entgegen, opponirte vornehm, und als die Rede auf Thorwaldsen kam, sagte Herr Carus, daß Thorwaldsen kein Bildhauer sei; er sei mehr Maler, und deshalb sei auch das Basrelief, das sich der Malerei mehr nähere, ihm am besten geglückt. Ich erstaunte höchlichst, und antwortete nur: „Wenn Thorwaldsen nicht Bildhauer ist, dann weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.“ Ich erinnerte mich meines Gesprächs vor 15 Jahren mit Tieck, als er sagte: „Wenn Canova ein Bildhauer ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist“ und ich dachte: „Ihr guten Leute; wüßtet Ihr nur was Ihr selbst seid.“ Ich konnte leicht einsehen, daß ich als Dichter nicht viel in Carus' Augen gelten konnte, da mein großer Landsmann so abgefertigt wurde.
Zusammentreffen mit Tieck.
Aber Tieck fand ich sehr liebenswürdig, er kam mir freundlich entgegen und das rührte mich. Ich las ihm meinen Fischer und die Drillingsbrüder von Damask vor, die ihm gefielen. Ich dedicirte ihm beide Stücke mit folgendem Gedicht:
„Zu meinen Kindermärchen kehr ich wieder;Doch kann der Mensch nicht aus sich selbst heraus.Noch schwingt die Phantasie leicht ihr Gefieder,Doch hat der Dichter Kinder, Weib und Haus.Nicht mehr Aladdin er die Lampe scheuert,Ein Fischer, harrt er an dem Strande dreist;Hat sich das hübsche Wunder doch erneuert?Zog er in seinem Netz hinauf den Geist?Doch — wie die alten Bilder mich besuchen,Und bringen wieder manch verschwund'nes Glück,Kehrt auch lebendig — unter meinen Buchen —Des Freund's Erinnerung mir treu zurück.Dir reich ich gern, was in den letzten Träumen —Zu sehn die nord'sche Muse sich gewagt,„Ich habe nie verlangt, daß allen BäumenDieselbe Rinde wachse,“ Lessing sagt.Doch edlerTieck! wenn auch in ein'gen DingenVerschieden, stehen wir uns gar nicht fern:Den Hippogryph mit breiten bunten SchwingenWir reiten nach dem Wunderlande gern.Hast mir den Weg gezeigt, vom edlen BrittenIn Sturm und Sommernacht vorher geritten:Mein Tieck, ich seh' Dich wieder, helle ThränenStehn mir im Auge; Du bist wieder mein.Holberg's Apostel und Du Freund der DänenDu hast nicht aufgehört mein Freund zu sein!“ — —
„Zu meinen Kindermärchen kehr ich wieder;Doch kann der Mensch nicht aus sich selbst heraus.Noch schwingt die Phantasie leicht ihr Gefieder,Doch hat der Dichter Kinder, Weib und Haus.Nicht mehr Aladdin er die Lampe scheuert,Ein Fischer, harrt er an dem Strande dreist;Hat sich das hübsche Wunder doch erneuert?Zog er in seinem Netz hinauf den Geist?Doch — wie die alten Bilder mich besuchen,Und bringen wieder manch verschwund'nes Glück,Kehrt auch lebendig — unter meinen Buchen —Des Freund's Erinnerung mir treu zurück.Dir reich ich gern, was in den letzten Träumen —Zu sehn die nord'sche Muse sich gewagt,„Ich habe nie verlangt, daß allen BäumenDieselbe Rinde wachse,“ Lessing sagt.Doch edlerTieck! wenn auch in ein'gen DingenVerschieden, stehen wir uns gar nicht fern:Den Hippogryph mit breiten bunten SchwingenWir reiten nach dem Wunderlande gern.Hast mir den Weg gezeigt, vom edlen BrittenIn Sturm und Sommernacht vorher geritten:Mein Tieck, ich seh' Dich wieder, helle ThränenStehn mir im Auge; Du bist wieder mein.Holberg's Apostel und Du Freund der DänenDu hast nicht aufgehört mein Freund zu sein!“ — —
„Zu meinen Kindermärchen kehr ich wieder;Doch kann der Mensch nicht aus sich selbst heraus.Noch schwingt die Phantasie leicht ihr Gefieder,Doch hat der Dichter Kinder, Weib und Haus.Nicht mehr Aladdin er die Lampe scheuert,Ein Fischer, harrt er an dem Strande dreist;Hat sich das hübsche Wunder doch erneuert?Zog er in seinem Netz hinauf den Geist?Doch — wie die alten Bilder mich besuchen,Und bringen wieder manch verschwund'nes Glück,Kehrt auch lebendig — unter meinen Buchen —Des Freund's Erinnerung mir treu zurück.Dir reich ich gern, was in den letzten Träumen —Zu sehn die nord'sche Muse sich gewagt,„Ich habe nie verlangt, daß allen BäumenDieselbe Rinde wachse,“ Lessing sagt.Doch edlerTieck! wenn auch in ein'gen DingenVerschieden, stehen wir uns gar nicht fern:Den Hippogryph mit breiten bunten SchwingenWir reiten nach dem Wunderlande gern.Hast mir den Weg gezeigt, vom edlen BrittenIn Sturm und Sommernacht vorher geritten:Mein Tieck, ich seh' Dich wieder, helle ThränenStehn mir im Auge; Du bist wieder mein.Holberg's Apostel und Du Freund der DänenDu hast nicht aufgehört mein Freund zu sein!“ — —
Tieck schrieb in mein Stammbuch:
Freud' ist mir jetzt geworden,Es bringt mir lieben Gruß,Der Dichter aus dem Norden,Und seinen Bruderkuß.Er sprach: Warum denn richten?Da noch die Kraft gesund?Weit besser klingt das DichtenVon einem Sängermund.So darf der Dichter sprechen,Dem hold die Muse lacht;Er wird die Lorbeern brechen,Die sie ihm zugedacht.Dein freundliches GemütheHat sich mir längst bewährt;Mit Deines Kindes BlütheBist Du zurückgekehrt.Sie spricht des Vaters Wahrheit,Sie lächelt seinen Blick;So bleibt denn Lieb' und KlarheitDer Zukunft auch zurück.Und neu mit Dir verbundenReich ich die Freundes-Hand,Wie wir uns früh gefunden,Hast Du mich nie verkannt.Wir Sanges-Brüder walltenDurch manchen schönen Raum,Lebendig festzuhaltenDes Lebens Wunder-Traum.Seh' ich einst Deine Auen?Kehrst Du zu unsern Gauen?Grüß ich Dich dorten, hie?Doch, wie sich's mag gestalten,Wir bleiben stets die Alten!Entfremdet sind wir nie!!“
Freud' ist mir jetzt geworden,Es bringt mir lieben Gruß,Der Dichter aus dem Norden,Und seinen Bruderkuß.Er sprach: Warum denn richten?Da noch die Kraft gesund?Weit besser klingt das DichtenVon einem Sängermund.So darf der Dichter sprechen,Dem hold die Muse lacht;Er wird die Lorbeern brechen,Die sie ihm zugedacht.Dein freundliches GemütheHat sich mir längst bewährt;Mit Deines Kindes BlütheBist Du zurückgekehrt.Sie spricht des Vaters Wahrheit,Sie lächelt seinen Blick;So bleibt denn Lieb' und KlarheitDer Zukunft auch zurück.Und neu mit Dir verbundenReich ich die Freundes-Hand,Wie wir uns früh gefunden,Hast Du mich nie verkannt.Wir Sanges-Brüder walltenDurch manchen schönen Raum,Lebendig festzuhaltenDes Lebens Wunder-Traum.Seh' ich einst Deine Auen?Kehrst Du zu unsern Gauen?Grüß ich Dich dorten, hie?Doch, wie sich's mag gestalten,Wir bleiben stets die Alten!Entfremdet sind wir nie!!“
Freud' ist mir jetzt geworden,Es bringt mir lieben Gruß,Der Dichter aus dem Norden,Und seinen Bruderkuß.Er sprach: Warum denn richten?Da noch die Kraft gesund?Weit besser klingt das DichtenVon einem Sängermund.So darf der Dichter sprechen,Dem hold die Muse lacht;Er wird die Lorbeern brechen,Die sie ihm zugedacht.Dein freundliches GemütheHat sich mir längst bewährt;Mit Deines Kindes BlütheBist Du zurückgekehrt.Sie spricht des Vaters Wahrheit,Sie lächelt seinen Blick;So bleibt denn Lieb' und KlarheitDer Zukunft auch zurück.Und neu mit Dir verbundenReich ich die Freundes-Hand,Wie wir uns früh gefunden,Hast Du mich nie verkannt.Wir Sanges-Brüder walltenDurch manchen schönen Raum,Lebendig festzuhaltenDes Lebens Wunder-Traum.Seh' ich einst Deine Auen?Kehrst Du zu unsern Gauen?Grüß ich Dich dorten, hie?Doch, wie sich's mag gestalten,Wir bleiben stets die Alten!Entfremdet sind wir nie!!“
Dein treuer Freund und BruderLudwig Tieck.
Burgstorph. Rumohr.
So verbrachte ich einige schöne Tage mit Tieck; ja eines Abends nahm er sogar meine deutsche Uebersetzung des Holberg hervor und las uns ein Stück daraus vor, während er sich gewöhnlich an die alte Uebersetzung zu halten pflegte, was er auch wohl später wieder that. Die pedantische Weitläufigkeit im Styl und die Plumpheit in den Ausdrücken, die Holberg selbst weit übersteigen, waren für ihn, der das Original nicht kannte, nicht abstoßend. Tieck war als vortrefflicher Vorleser bekannt; dieses Talent hatte er entwickelt, als er eine Reihe von Jahren, als die Gicht ihn am Gehen verhinderte, fast jeden Abend in einem Kreise von Freunden oder Reisenden, die ihn besuchten, eins oder das andere Dichterwerk vorlas. Die Aerzte hatten ihm diese körperliche Anstrengung gerathen, die also ebenso nützlichfür ihn, wie angenehm für Andere wurde. Es war für ihn ein doppelter Nutzen; denn er machte sich dadurch eine große Menge von Freunden verbunden, welche seine Gastfreundschaft, und jeden Abend eine so schöne Unterhaltung in seinem Hause genossen. Freilich mußte es ihm viel kosten; oft waren zwanzig und mehr Menschen jeden Abend zum Thee da. Ob Tieck damals eine Pension hatte, weiß ich nicht. Er schrieb jedes Jahr eine Novelle für Brockhaus' Urania, die ihm sehr gut honorirt wurde. Aber er stand in einem andern merkwürdigen Verhältnisse, das so charakterisch war, daß es hier besprochen zu werden verdient. Durch seine außerordentliche Persönlichkeit — er hatte ein schönes Gesicht, dessen große, braune, feurige, und wenn er wollte, milde Augen, welche Alle einnahmen, die ihm begegneten — durch seine Beredtsamkeit, die oft satyrisch und polemisch war, schuf er sich eine große Partei. Da er nun ganz sein eigener Herr war, kein Amt hatte, durchaus nicht von der Zeit abhing, und sehr viel Lust spürte, umherzureisen, und Kunstwerke und Naturschönheiten zu sehen, so fand er sehr leicht junge enthusiastische Freunde, die nichts mehr wünschten, als in dem innigsten Verhältnisse mit ihm zu stehen, und das Leben mit ihm zu theilen. So fand er früh einen BaronBurgstorph, später den berühmtenRumohr, die beide reich waren, und eine Freude daran fanden, Das herbeizuschaffen, was Tieck fehlte. Auf diese Art reiste er wahrscheinlich nach Italien. Daß Rumohr später Tieck nicht leiden konnte, beweist Nichts, da Rumohr ein Sonderling und rechthaberisch hinsichtlich seiner Kunsturtheile war (wenn auch wirklich ein seltener Kunstkenner); er wollte auch Poet, wenigstens Novellenschreiber sein, und hat als solcher wahrscheinlich Tieck nicht gefallen. In spätern Jahren hatte sich eine Gräfin Finkenstein aus einer der ersten preußischen Familien der Tieck'schen ganz angeschlossen. Tieck's Frau war eine Tochter des Predigers Alberti, seine Töchter, Dorothea und Agnes, waren bereits erwachsen. Nun lebten sie mehrere Jahre zusammen, und die Einladungen von Tieck geschahen stetsim Namen der Gräfin von Finkenstein. Sie freute sich während der Vorlesungen zugegenzusein, und ihre Augen beobachteten die der Zuhörer, um zu sehen, welchen Eindruck der Vortrag ihres Lieblings auf sie machte.
Gräfin Finkenstein. Böttiger.
Tieck las den Holberg mit seiner gewöhnlichen Virtuosität und Laune vor; aber es fehlte ihm natürlich Etwas vom nationalen Elemente. Ich hätte gern auch einmal ein Stück von Holberg vorgelesen, um Tieck eine Idee von der Art und Weise zu geben, wie wir Dänen den Dichter auffassen; auch mir ist zu Hause Beifall beim Vorlesen von Dichterwerken geworden, obwohl ich nur selten las. Aber — ich merkte wohl, daß Tieck ein Bedürfniß hatte, selbst zu lesen, und sprach also nicht davon. Wenn es Dramen waren, so ging es gut; zuweilen aber las er ganz lange Novellen vor, und das war zu viel. Auch glückte ihm das Komische viel besser als das Tragische, wobei er nicht selten in einen trockenen, manirirten Ton verfiel. Wenn nun hiezu kam, daß die Fenster selbst in den Hundstagen geschlossen werden mußten, so verursachte mir das eine Betäubung, die zuweilen in unbezwinglichen Schlummer überging.
In Dresden besuchte ich auch meinen alten FreundBöttiger. Seit dem gestiefelten Kater, in welchem Stücke Böttiger eine persönliche Rolle spielt, war kein gutes Vernehmen zwischen ihm und Tieck gewesen, wobei die Schuld wohl mehr an diesem als an jenem liegen mochte. Tieck sprach stets mit Geringschätzung von Böttiger, der vorsichtige, artige, alte Mann dagegen wägte stets seine Worte ab. Nur einmal, da es ungeheuer heiß war, sagte er mit schelmischem Lächeln: „Sie sollen Tieck heute Abend hören! Sie Glücklicher“!
In mein Stammbuch schrieb er:
„Zweizüngig ward einst Ennius genanntAuch Du, mein Freund, hast, wie bekannt,Unsterblichkeit Dir in zwei SchwesterzungenMit aller Musen Gunst errungen.Teutonia und Daniska legt' ein LorbeerreisDir auf die Wiege. Wer möcht' nicht um diesen PreisZweizüngler sein in biedrer Männer Kreis?“
„Zweizüngig ward einst Ennius genanntAuch Du, mein Freund, hast, wie bekannt,Unsterblichkeit Dir in zwei SchwesterzungenMit aller Musen Gunst errungen.Teutonia und Daniska legt' ein LorbeerreisDir auf die Wiege. Wer möcht' nicht um diesen PreisZweizüngler sein in biedrer Männer Kreis?“
„Zweizüngig ward einst Ennius genanntAuch Du, mein Freund, hast, wie bekannt,Unsterblichkeit Dir in zwei SchwesterzungenMit aller Musen Gunst errungen.Teutonia und Daniska legt' ein LorbeerreisDir auf die Wiege. Wer möcht' nicht um diesen PreisZweizüngler sein in biedrer Männer Kreis?“
In Berlin ging ich gleich zu meinem alten Gönner, dem Grafen Bernstorff, der nun preußischer Minister war. Er kam mir mit offenen Armen entgegen, und sagte, indem er auf den Tisch zeigte: „Da liegen Sie! Ich habe mich gerade in diesen Tagen mit Ihnen beschäftigt“. Es war meine Deutsch geschriebene Selbstbiographie, mit der meine Werke bei Max anfingen.
Berlin. Wilhelm von Humboldt.
Ein paar Tage darauf fuhr ich nach Tegel hinaus, um den Staatsminister Wilhelm von Humboldt, nicht als Minister, sondern als Gelehrten, als Aesthethiker, und als Schiller's vieljährigen vertrauten Freund, zu besuchen. Es hatte sich bisher in meinem Leben noch nicht so gefügt, daß ich mit diesem seltenen Manne zusammengetroffen war. Seine Frau hatte ich in Rom 1809 sehr gut gekannt, wo ich sie zuweilen mit Frau Brun und Thorwaldsen besuchte.
Als ich nach Tegel in den kleinen Lusthain kam, der an das Haus stößt, wo er wohnte, stand Graf Raczynski da und zeichnete eine Waldpartie. Er war mehrere Jahre preußischer Minister in Kopenhagen, wo er mich gleich besuchte und mich zu seinem gastlichen Tische einlud. Er war reich, ein Pole von Geburt, Kunstkenner, Freund der Poesie, und zeichnete selbst. — Als ich ihm erzählte, daß ich Humboldt besuchen wolle, sagte er mir, daß er bereits dort gewesen, aber nicht angenommen worden sei. Ich wollte wieder umkehren; aber Raczynski sagte: „Nein, gehen Sie nur! Sie werden schon vorgelassen“! Er meinte wohl, daß, obgleich der Minister nicht für den Minister zu Hause sein wollte, um sich nicht mit Staatsangelegenheiten beschäftigen zu müssen, er doch gerade dadurch als Gelehrterund Kunstfreund eine Musezeit gewonnen hätte, die er dem Dichter schenken könne. Und das war auch der Fall. Humboldt kam mir wie ein alter Freund entgegen, ergriff meine beiden Hände, sah mich lange und freundlich mit seinen großen geistvollen Augen an, indem er ausrief: „Oehlenschläger“!
Wir hatten nun ein langes Gespräch, und ich mußte mit ihm durch den Wald zum prächtigen Grabmal seiner Frau gehen. Auf dem Wege stand Raczynski noch immer und zeichnete. Humboldt grüßte ihn freundlich, ohne das Gespräch zu unterbrechen, und ging weiter. Dies war das erste und letzte Mal, daß ich diesen ausgezeichneten Mann sah.
Raczynski. Stieglitz.
Mit Raczynski war ich im Theater und sah Devrient den Shylok und Madame Stich die Portia in Shakespeare's Kaufmann von Venedig spielen. Ich bewunderte hier die letzten Strahlen des großen Künstlergenies, das sich seinem Ende näherte. Madame Stich war anmuthig und herrlich als Portia. —
Einen angenehmen Abend brachte ich bei einer Familie zu, die später durch ihr unglückliches Geschick berühmt geworden. Es war dies beim Doctor Stieglitz und seiner jungen reizenden Frau. Hier traf ich auch Theodor Mundt als ganz jungen Mann. Er hat später in einer Schrift das unglückliche Ereigniß erzählt. Die junge Charlotte Stieglitz liebte ihren Mann sehr, und er sie; aber doch glaubte sie, von einer stillen, sonderbaren Schwärmerei ergriffen, daß sie ihn nicht glücklich mache. Sie sprach nicht darüber, und er hatte keine Ahnung von Dem, was in ihrem Innern vorging. Einmal, als er in Gesellschaft gehen wollte, hatte sie sich zu entschuldigen gewußt. Als er nach Hause kam, fand er das Haus in der gewöhnlichen Ordnung, aber seine Frau hatte sich zu Bett gelegt. Er näherte sich dem Bette, das auch sehr reinlich mit feinen, weißen Laken bedeckt war. Sie lag lächelnd in graciösem Negligée da. Aber einige Blutflecken erschreckten ihn, und als er die Decke zurückschlug,sah er die schöne Charlotte Stieglitz mit einem Dolche in der Brust in ihrem Blute schwimmen.
Prometheus. Tordenskjold.
Bei meiner Rückkehr in die Heimath wurde ich Rector, und war in den Jahren 1831, 32 und 33 sehr fleißig. Ich schrieb und hielt zwei lateinische Reden, gab die MonatsschriftPrometheusheraus, wobei ich nur wenig Hülfe hatte, und in der Vieles Original war; außerdem schrieb ich die TragödienTordenskjoldundKönigin Margareta.
Prometheus enthält unter Anderm Novellen vom Herausgeber, Urtheile über Heiberg's, Overskou's und Hertz's dramatische Arbeiten, die Vertheidigung Thomas Thaarup's gegen Molbech's Herabsetzung, eine Widerlegung der Beurtheilung desselben über Balder's Tod von Ewald u. a. m. Aber hiervon will ich keine Auszüge geben, da ich, wenn diese ausführlichere Lebensbeschreibung erschienen ist, gedenke, meineästethischen Abhandlungenin einem besondern Bande herauszugeben.
Meine Tochter Charlotte.
Fräulein Ottilie Wagner, welche mit von Leipzig gekommen war, blieb ein Jahr bei uns und war Charlotte's vertraute Freundin. — Ich muß nun Etwas von diesem lieben Kinde, das mich so früh verließ, sprechen. Alle, die sie kannten, waren von ihrem Wesen und ihren Fähigkeiten eingenommen. Auf der Reise hatte sie auf Jeden, dem sie begegnete, einen angenehmen Eindruck gemacht, unter Anderen auf Tieck, was man aus dem Gedichte sieht, das er mir schrieb. Sie hatte viele Fertigkeiten, tanzte hübsch, spielte gut das Piano, sang mit Leichtigkeit und Grazie alle Mozart'schen und Rossini'schen Arien. Sie sprach Deutsch so gut wie Dänisch, konnte Französisch und Englisch, wie auch etwas Italienisch; alle weiblichen Arbeiten gingen ihr leicht von Händen. Sie war witzig, begeistert und oft beredt; aber eigentlich munter war sie nicht, und es fehlte ihr dieim Leben nöthige Besonnenheit und Ruhe; sie nahm auch keine Rücksicht auf Verhältnisse; was sie wollte, das wollte sie. Wenn Alles nach ihrem Wunsche ging, war sie kindlich und sanft; aber Widerstand konnte sie zu einer Leidenschaftlichkeit bringen, die keine Vernunftgründe mehr annahm.
Liebe zur Poesie und Schauspielkunst hatte sie von mir geerbt; sie sah den jungenLudwig Phister, der gerade damals anfing sich auszuzeichnen; er besuchte uns zuweilen, hörte sie singen und wurde von ihr eingenommen. Sie gewann ihn lieb, wollte ihr Schicksal mit ihm theilen, und betrat als seine Gattin selbst auf kurze Zeit die Bühne. Ich sah ein, daß es damit keinen Bestand haben würde. Obgleich sie das Hegersche Talent geerbt hatte, Leuten ihre Stimme nachzumachen, sodaß ihre Freunde und Freundinnen sich gruppenweise um sie versammelten, wenn sie ihnen dies Vergnügen bereitete, so besaß sie doch wohl kaum ein eigentliches Talent für die Bühne. Hatte sie auch viele Jahre hindurch als Dilettantin die größten Arien schön gesungen, so war dies doch für eine Künstlerin nicht genügend; es fehlte ihr die nöthige Schule, undSiboni, der sie sonst sehr lieb hatte, durfte sie doch nur in der kleinen Partie derFanchonauftreten lassen. Und selbst hier hätte sie beinahe nicht ausgereicht; denn als sie eine kleine Arie singen sollte, vergaß sie gleich einzufallen und verneigte sich bittend gegen den ConcertmeisterSchall, welcher dirigirte. Aber er konnte nicht noch einmal anfangen, und schüttelte mit dem Kopfe. Nun faßte sie sich, fiel rasch im nächsten Tacte ein, und sang ihre Arie so gut, daß sie einen stürmischen Beifall erhielt, der kaum enden wollte. Aber sowohl sie als auch wir Anderen fühlten wohl, daß dieser Ausbruch des Publikums nicht als Beifall für die Sängerin, sondern als Theilnahme für die Tochter des Dichters betrachtet werden mußte. Sie wurde selbst bald dieser Versuche müde und trat zurück.