Chapter 5

Plan Norwegen zu besuchen.

Ich hatte einen so freundlichen Empfang in Schweden gefunden, daß die Lust, Norwegen einmal zu sehen, natürlich in mir erwachen mußte. Ich zweifelte nicht daran, daß ich auch dort Freunde finden würde. Freilich war eine Zeitlang nach Norwegens Vereinigung mit Schweden eine eigenthümliche Stimmung gegen Dänemark und Alles was Dänisch war, eingetreten, sodaß dies fast von einem solchen Versuche hätte abschrecken können. Aber diese Verachtung, die fast in Haß überging, fand sich nur bei einigen exaltirten jungen Leuten, die freilich in den ersten Jahren den Ton angaben. Nun hatte der Sturm sich gelegt, Billigkeit war an seine Stelle getreten, die Stimme der Aelteren wurde wieder gehört. Von der Zeit an, wo ich denken konnte, bis zum Jahre 1814, d. h. von meinen frühsten Kinderjahren an bis in mein reifes Mannesalter, war ich gewohnt gewesen, die Norweger als meine Landsleute und Norwegen halb als mein Vaterland zu betrachten. Deshalb entstand auch, wenn ich dichtete, niemals in meinem Herzen die Frage, ob die Scene in Dänemark oder in Norwegen, ob der Held ein Norweger oder ein Däne sein solle. Und trotz der politischen Trennung ist dieses Gefühl bei mir nie erstorben, weil die Sprache und Literatur und viele Familienverhältnisse uns stets geistig verbinden.

Bei Rahbeks war ich als Jüngling gewöhnt begabte junge Norweger zu sehen. Das rasche, stolze Wesen der Bergbewohner sagte uns zu, weil es mit inniger Gutmüthigkeit verbunden war. Wenn sie uns recht kennen gelernt hatten, liebten sie uns. Ueber ihr zuweilen zu weit getriebenes Selbstgefühl scherzten wir. Eines Abends sagte Camma in dem muntern Tone, der ihr so gut stand, zu einem jungen norwegischen Maler Kalmeier: „Ich mag die Norweger sehr gern, wenn sie nur nicht so großmäulig wären; doch Kalmeier macht eine Ausnahme“. — „„Ich wär nicht großmäulig““? fragte Kalmeier in demselben lustigen Tone: „„ich bin es gerade erst recht““!

Meine Freundschaft zu den vielen Norwegern, mit denenich in verschiedenen Zeiten verkehrt hatte, machte, daß ich Norwegen stets liebte. Baldur der Gute und die Götter des Nordens gehören ja ebenso sehr Norwegen, wie Dänemark; Hakon Jarl, Axel, Hagbarth, Stärkodder, Tordenskjold sind norwegische Helden. Ich meinte es sei unvernünftig und herzlos, wenn man diese Gedichte, als etwas der norwegischen Literatur Fremdes, von ihr trennen wollte. Aber es gab auch Niemanden, der das that, und als ich in das liebe Felsenland kam, fand ich die freundlichste Aufnahme.

In einem Gedichte,die Reise nach Norwegen, habe ich poetisch beschrieben, was mir dort begegnet; in meinen gesammelten Schriften habe ich diese Gedichte getrennt; einige stehen unter den lyrischen Gedichten, andere unter den Romanzen.

Reise nach Norwegen.

In Christiania traf ich einige alte Bekannte wieder, die hier meine Freunde wurden, unter Anderen den StaatsrathTreschow, die ProfessorenSverdrupundSchjelderup. Wir waren Alle vor etwa zwanzig Jahren Collegen an der Kopenhagener Universität gewesen. Treschow war mir früh dadurch merkwürdig, daß er bereits Rosing's Rector gewesen war, als dieser in Drontheim die Schule besuchte. Ich machte dem Prinzen Oskar meine Aufwartung, um ihm für die Gnade zu danken, die er mir erwiesen hatte. Der schöne junge Fürst kam mir freundlich entgegen, und ich lernte in ihm bald den vertrauten Freund der Musen kennen. Ich war zweimal bei ihm zur Tafel. Ryge war nach Christiania gekommen und Hakon Jarl sollte aufgeführt werden. Prinz Oskar lud mich ein, ihm in seine Loge zu folgen; aber ich verstand ihn nicht recht und glaubte, ich sollte mich beim Theater einfinden. Ich stand und wartete, aber der Wagen des Prinzen kam noch immer nicht. Endlich spazierten seine Cavaliere nach dem Theater und wunderten sich, mich an der Thür stehen zu sehen; sie erzählten mir, daß der Prinz mich im Hôtel mit seinem Wagenerwarte. Nun wurde ich sehr verlegen und bat einen der Cavaliere, der ohnehin zurückkehren wollte, mich zu entschuldigen und dem Prinzen zu sagen, daß ich seine Einladung mißverstanden hätte, mich aber jetzt schäme wieder durch die Stadt zurückzugehen. Der Prinz lachte und nahm meine Entschuldigung freundlich auf; ich war bei ihm in der Loge und Ryge spielte seinen Hakon, aber nicht ganz mit dem Leben, wie gewöhnlich, da es ihm an Unterstützung bei seinen Mitspielern fehlte. Bei dieser Gelegenheit merkte ich im Laufe des Gesprächs während des Schauspiels, daß der Prinz Oskar seinen Suorro Sturleson und seine isländischen Sagen trotz Einem kannte.

Ehrenvolle Aufnahme.

Ein paar Tage darauf kamen die ProfessorenSverdrup,HerslebundHansteenzu mir ins Hôtel du Nord, um als Deputation der Universität, der Männer des Storthings und der Stadt mich zu einem Festmahle einzuladen. Ich habe beschlossen, im Verlauf dieser Biographie, mit Ausnahme der historisch merkwürdigen Gedichte, alle diejenigen zu überspringen, welche mich bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten ehrten; deshalb lasse ich hier auch Welhaven's schönes Lied aus. Was ich aber nicht über mich gewinnen kann auszulassen, ist Sverdrup's Rede. Dieser seltene, schöne, kräftige Norweger, von griechischem Geiste gebildet, einer der ersten Staatsbürger des Landes, der in der Katastrophe von 1814 großen Einfluß auf König Christian gehabt, und ihn unter Anderm dazu vermocht hatte, als er nach Drontheim zur Krönung reiste, keinen Anspruch auf die Souverainetät zu machen; — dieser Mann ehrte mich bei dem Feste durch eine Rede, welche ich ebenso hoch stelle, wie die Ordensdecoration eines Fürsten, und sie deshalb nicht entbehren möchte. Ich besitze sie von seiner eigener Hand; meine Leser sollen sie kennen lernen, und ich drucke sie deshalb hier ab.

„In seinem Zeitalter ausgezeichnet durch große und seltene Dichtergaben, und als Lehrer und Meister seiner und aller künftigen Zeiten dazustehen, ist groß und herrlich, und weckt Aller Bewunderung. Wenn diese herrlichsten Gaben des menschlichen Geistes sich aus einem frommen und tiefen Gemüthe entwickelt haben, so strahlen sie in mildem Glanze der Liebe und gewinnen alle Herzen. Lebhafte Anerkennung von dem hohen Werthe des großen Dichters unsers Nordens, Dankbarkeit und Liebe, haben heute diese Gesellschaft norwegischer Männer und Jünglinge versammelt, welche ihre Dankbarkeit und ihre hohe Achtung vor dem Dichter Adam Oehlenschläger an den Tag legen möchten, der uns zuerst die großen, geistigen Schätze kennen lehrte, welche unsere Vorfahren uns hinterlassen haben, und in unserer eigenen Heimath unserm Blicke eine neue und große Welt der Poesie, der Wissenschaft und Kunst öffnete; der mit dem Falkenblicke des Genie's durchschaute, mit der lebhaftesten Phantasie vereinigte und in den kräftigsten, anmuthigsten und schmelzendsten Tönen sang, was unsere Vorfahren geahnt, gedacht, gehandelt und gelitten haben. Empfange, edler Dichter, den ungeheucheltsten Beweis unserer Hochachtung und Liebe, und sei willkommen, herzlich willkommen in dem alten Felsenlande unserer Väter“!

Festmahl.

Es war mir bei diesem Mahle lieb, als ich dankbar einen Toast auf Norwegens Wohl ausbringen wollte, denselben mit einem herrlichen, norwegischen Liede aus älterer Zeit begleiten zu können, das Keiner der Anwesenden, außer mir, auswendig wußte, weshalb ich es auch vor der ganzen Gesellschaft allein sang; es war das herrliche VolksliedNordahl Bruun's: „Wohn' ich auf dem hohen Fels u. s. w.“. Ein schöneres giebt es nicht, und schon durch dieses allein hat sich der Verfasser einen verdienten Namen unter den norwegischen Dichtern erworben. Zarine und Einar Tambeskjälver konnten ihn ihm nicht verschaffen; und seine andern Gesänge stehen weit unter jenem.

In Opslo besuchte ich den ehrwürdigen BischofSörensen. Seinen Fenstern gerade gegenüber hatte die Kirche gestanden, wo Sigurd, der Jerusalemsfahrer, begraben war. Wir spielten l'Hombre zusammen; ich war unglücklich gewesen und hatte verloren; es war unbedeutend, denn ich spiele nie hoch; aber der gute alte Bischof wollte wahrscheinlich, daß ich auch nicht das Geringste in seinem Hause verlieren sollte, weshalb er, als das Spiel zu Ende war, alle Marken untereinander warf.

In Opslo begegnete ich einigen so zerlumpten Armen, wie ich sie nie früher gesehen hatte. Einige taumelten umher und konnten kaum stehen. Ich glaubte sie wären krank, hörte aber zu meiner Beruhigung, daß sie nur betrunken seien.

Reise in das Innere Norwegens.

Ich beschloß eine Reise ins Land, wenn gleich diesmal nur ins Christianiastift zu machen. Mein Freund, der BuchhändlerDahl, der mir stets die größte Zuneigung gezeigt hatte (ich kannte ihn von Kindheit an), übernahm, als Reisegefährte, die nothwendigen Geschäfte.

Ich sah zuerst den herrlichenKrogklev, der zwar nicht zu den wilden, großen Gebirgsgegenden gehört, welche sich im Stift Bergen, besonders in Telemarken finden; aber er ist schön und malerisch, man kann leicht von der Hauptstadt dahin gelangen, und er wird in Norwegen, sowie der Rigi in der Schweiz, von allen Reisenden besucht. Der Krogklev hat vor den wilden Berggegenden das voraus, daß er eine hohe, kühne Natur mit ruhiger Thalschönheit vereinigt, denn durch seine Riesenspalten sieht man (bei Sonnenschein) das ganze, lachende, fruchtbare Ringerike, wo Halfdan Svarte's Haupt mitten auf dem Felde begraben liegt, und von dort kamen wir nach dem Predigerhause in Norderhoug, das durch die Sage von der tapfern Anna Kolbjörnsen verherrlicht ist.

Die Ströme und Wasserfälle, Ringerike und Modun, die zwei Skjutszwillinge, die mich fuhren, das schöne norwegischeBauermädchen in der Hütte, Sct. Olaf's alte Sage, die man überall hört, wo ein Felsstück seltsam hervorspringt, meine Fahrt in die Kongsberger Grube hinab, wo ich vor Müdigkeit fast nicht wieder hinaufgekommen wäre, mein Besuch in Drammen bei dem gastfreien Amtmann Blom, wo ich mein Bild an der Wand, einen alten Jugendfreund Wulfsberg bei Tisch, und in der Kirche Erinnerungen der Kindheit fand; — das Alles findet sich zugleich mit meinem dankbaren Lebewohl in dem Gedichte: „Die Reise nach Norwegen“ besungen.

Ein Brief des Kronprinzen Oskar.

Sobald das oben genannte Werk gedruckt war, sandte ich meinem königlichen Gönner, dem Kronprinzen Oskar, ein Exemplar desselben. Sr. Majestät wird gewiß nicht zürnen oder es ungnädig aufnehmen, daß ich den Brief, mit dem er mich beehrte, hier abdrucke; ich kann mir die Freude nicht versagen, die mir erwiesene Ehre zu veröffentlichen, und die Nachwelt soll den Ton kennen lernen, in dem ein erhabener Fürst zu einem Künstler sprach.

Stockholm, den 28. Februar 1830.

„Herr Professor Oehlenschläger! Mit wahrhafter Freude habe ich die mir übersandte Reise in Norwegen gelesen, welche nicht allein so schöne Bilder von der Natur und dem Volke des Nordens bringt, wie man sie vom Verfasser des Hakon Jarl erwarten konnte, sondern welche auch in mir die Erinnerung an die angenehmen Stunden wiedererweckt hat, welche ich im vergangenen Sommer in Norwegen zubrachte. Unter die vielen Veranlassungen zur Freude, welche ich daselbst gefunden, zähle ich auch die Befriedigung, einen Mann persönlich kennen gelernt zu haben, dessen allgemein geachtete Schriften mir so lange bekannt waren, und mir so viele Genüsse bereiteten. Der ungetheilte Beifall, den Ihre Arbeiten, Herr Professor, hier in Schweden gefunden haben, muß Sie überzeugen, daß wir mit Freuden den SängerHelge'sund derGötter des Nordensbei uns sehen würden; und indem ich Sie an Ihr Versprechen erinnere, uns einmal zu besuchen, wiederhole ich, was ich mündlich in Norwegen äußerte, daß Sie uns herzlich willkommen sein werden, wenn die Umstände es Ihnen gestatten, diese Reise zu unternehmen.

Ich benutze mit Freuden diese Gelegenheit, Sie, Herr Professor, meiner besondern Hochachtung und aufrichtigen Freundschaft zu versichern.

Oskar“.

Veränderungen in meinem häuslichen Leben.

In diesem Jahre starb mein Freund, der BischofPeter Erasmus Müller, der sich durch seine vortreffliche Sagenbibliothek und andere Schriften so verdient um die nordische Literatur gemacht hat. Nun wurde der Confessionarius Dr. Jakob Peter Mynster Bischof und mußte seinen Amtsantritt mit dem traurigen Geschäfte beginnen, einen seiner ältesten Freunde aus seinem Paradiese oder dem Bischofshause zu jagen. Es war nicht anders möglich, da die Wittwe des Bischofs in den Zimmern wohnen sollte, die ich früher inne hatte. Ich zog also nach der Weststraße, wo es lange nicht so schön war. Aber ich wollte gern in der Nähe des Westthores wohnen, um leicht nach Friedrichsberg hinauskommen zu können, wo ich jeden Nachmittag meinen Thee trank. Die Weststraße bot mir überhaupt liebe Erinnerungen dar; dort hatte ich in meiner Jugend fünf Jahre gelebt, den Aladdin und mehrere andere Dichtungen geschrieben; dort hatten Oersteds gewohnt, und mir war im Kreise meiner lieben Schwester manche frohe Stunde daselbst verstrichen.

Aber es hatte bei dieser Ortsveränderung nicht sein Bewenden, eine andere viel größere, geistige Veränderung sollte in mein Leben eingreifen; ich sollte wieder einen Schmerz und eine Wehmuth gleich denen bei Sophia's und Camma's Tod empfinden; meineCharlottefolgte ihnen.

Tod meiner Tochter Charlotte.

Das Jahr vorher hatte sie eine Tochter geboren, die nach ihrer seligen Tante genannt wurde; nun war sie wieder guter Hoffnung und sehr schwächlich. Ihre frühere, blühende Gesundheit war dahin. Ich besuchte sie täglich nach der Entbindung, und hatte doch noch Hoffnung. Ich hatte gerade kurz vorher meinen Sokrates geschrieben, mußte ihr Viel davon erzählen, und besondersDaphnebeschäftigte ihre Phantasie. Das letzte Mal, als ich sie besuchte, war sie dem Tode nahe. Ich hatte ihr einmal von Herder erzählt, der, als er seinem Ende nahe war, einen Freund gebeten hatte: „Sage mir einen großen Gedanken“! Nun flüsterte sie mir freundlich zu: „Sage mir einen Trost“! Ach, ich konnte in diesem Augenblicke Nichts sagen. Ich drückte ihre Hand mit einem liebevollen Vaterblick und ging. Als ich das nächste Mal wieder kam, bedurfte sie keines Trostes mehr. Das bleiche Antlitz zeigte keinen Zug von Schmerz oder Kummer. Die hohe, schöne Ruhe lag darauf, die man in den griechischen Marmorköpfen bewundert, aber es lag noch mehr, es lag etwas Himmlisches darin.

Am Beerdigungstage, als ihre Leiche fast bedeckt von Hyacinthen war, welche die Freundinnen reichlich in dem frühen kurzen Lenze gesandt hatten, beschien die Sonne noch einmal ihre herrliche Stirn, die ich küßte, ehe der Schreiner den Deckel des Sarges aufnagelte. Der gute Mynster hielt eine schöne Gedächtnißrede über sie in der Friedrichsberger Kirche, wobei er auf den Vers von Salis hindeutete:

Das arme Herz hieniedenVon manchem Sturm bewegt,Erlangt den wahren FriedenNur wo es nicht mehr schlägt.

Das arme Herz hieniedenVon manchem Sturm bewegt,Erlangt den wahren FriedenNur wo es nicht mehr schlägt.

Das arme Herz hieniedenVon manchem Sturm bewegt,Erlangt den wahren FriedenNur wo es nicht mehr schlägt.

Charlotte's Tod versetzte meine Seele eine Zeitlang wieder in den wehmüthigen Zustand, der ein starker Zug meines Charakters ist und der in unglücklichen Augenblicken oft die Ueberhand nahm, mich aber nie so beherrschte, daß er mir meine Kraft geraubt und meinem Geiste eine Einseitigkeit gegeben hätte, dieihn unfähig gemacht haben würde, als echter Dichter das Menschenleben zu fühlen, zu schauen und darzustellen. Hierdurch unterscheidet das gesunde Gefühl sich von der schwachen, krankhaften Gerührtheit, die man später, sehr unphilosophisch, mit jenem vermischt und mit Verachtung Sentimentalität genannt hat; aber nur die krankhafte Sentimentalität muß verworfen und verachtet werden; die gesunde ist die Wirkung vom gemüthlichen Theile des Menschenwesens, sie ist der negative, empfängliche, leidende Theil, dessen Organ wir Seele nennen, sowie der Geist das Organ für den positiven, handelnden ist. Es muß in unserm Ich sowohl ein Activum, wie ein Passivum existiren. Dieses Letztere spricht seine höchste Idealität im Christenthum aus; ohne das würden wir bei aller Kraft Heiden bleiben, und wenn diese Kraft nicht durch Liebe, Selbstverleugnung, Hoffnung und Trost geleitet wird, so werden wir wieder zu wilden Barbaren. Diese Gedanken sollten einleuchtend scheinen. Christus lehrte sie uns mit himmlischer Begeisterung. Aber die Menschen haben stets einen dämonischen Hang, das milde Gefühl zu verachten, und selbst viele Begabte suchen sie aus der Philosophie, der Religion, der Poesie und also — wenn es ihnen glückte — aus dem Leben selbst zu verdrängen. Aber es glückt ihnen nicht! Die Vernunft wird doch die Oberhand behalten; und die Vernunft ist die harmonische Verbindung von Verstand und Herz, von Geist und Seele.

Ich besuchte also nach dem Tode der lieben Dahingeschiedenen den Kirchhof recht oft, und setzte auf ihren Leichenstein (ohne zu wissen, oder mich zu erinnern, daß David Dasselbe von seinem Sohne gesagt hatte): „Sie kommt nicht mehr zu uns, aber wir kommen zu ihr“!

Besuch beim Prinzen Christian.

Von diesen allzuhäufigen Kirchhofbesuchen brachte mich nun eine sehr herzliche und ehrende Einladung des Prinzen Christian ab: ihn in Odensee auf Fühnen, wo er Gouverneur war, zu besuchen.

Mein Aufenthalt daselbst war sehr angenehm; und ich hatte, indem ich einen Monat lang vom Morgen bis zum Abend mit ihm umging, recht Gelegenheit, seinen milden, freundlichen Charakter kennen zu lernen, der mit Kenntnissen nach allen Richtungen und einer Intelligenz verbunden war, die unter Fürsten ihres Gleichen sucht.

Eines Morgens — ich bin nie eigentlich ein Freund der frühen Morgenstunden gewesen — erschreckte mich der Lakai, als ich noch in Morpheus' Arme lag, indem er mich mit den Worten weckte: „Se. königl. Hoheit, die im Garten spazieren geht, wünscht, daß Sie ein Wenig zu ihm herunterkommen mögen“. Ich warf mich eilig in die Kleider und kam, sobald ich konnte, d. h. nach einer Viertelstunde. Der Prinz, der wohl von meiner Langschläferei gehört haben mochte, kam mir lächelnd in einer herrlichen Allee entgegen, in der er mit einem Buche auf- und abging, und mit seinem Stock auf eine Schnecke zeigte, die ich beinahe zertreten hätte, als ich mich ihm näherte. Ich ging oft mit ihm in diesen kühlen Alleen im heißen Sommer; aber eines Tages, als es unerträglich heiß war, sagte er: „Nun wollen wir einmal hinausgehen, und die Wegearbeit besehen“. Und nun mußte ich ihm in der brennenden Mittagshitze auf die Landstraße folgen, wo wir vor los umherliegenden Steinen kaum vorwärts kommen konnten. Als er die Arbeit angesehen, und mit den Steinsetzern gesprochen hatte, gingen wir wieder in den schattigen Garten zurück. „Es war draußen heiß“, sagte er lächelnd. — „„Hier ists freilich besser, Ew. königliche Hoheit““! antwortete ich.

Er vereinigte in Odensee das Wesen des Fürsten mit der bequemen Freiheit des Privatmannes. Mittags war er in Uniform; dann wurden die Gäste zur Tafel gezogen, und Alles war königlich. Aber am Abend hatte er es so eingerichtet, daß bei seinem Gouvernementssecretair, Herrn Etatsrath Holten, Soirée war. Hierher kam er dann selbst als Gast im schwarzen Frack. Zur Abendgesellschaft waren alle Stände eingeladen:Gutsbesitzer, Officiere, Beamte und Bürger aus der Stadt. Wenn ich das Tabackrauchen ausnehme, so ging es hier zu, wie in jeder andern bürgerlichen Gesellschaft auf dem Lande.

Der Prinz nahm an dem Kartenspiel Theil. Am ersten Abend, wo ich da war, und er mich nicht sah, fragte er Holten: „Wo ist Oehlenschläger“? — „„Er sitzt im andern Zimmer und spielt l'Hombre““! — „Spielen Sie l'Hombre“, sagte der Prinz, als ich zu ihm hineinkam, „dann sollten Sie doch eigentlich mit uns spielen“. — „„Nein““, antwortete ich, „„Ew. königl. Hoheit spielen nichtmeinSpiel; ich spiele nie höher, als vier Points zu einem Schilling““.

Der Herzog von Augustenburg.

Der Herzog von Augustenburg besuchte den Prinz Christian in Odensee. Hier sah er mich. Sein Vater hatte mein Glück gemacht, indem er den König auf Schimmelmann's Empfehlung vermochte, mich als Professor an der Kopenhagener Universität anzustellen. Kein Wunder, daß ich dem Sohne dankbar entgegen kam. — Er bat mich, ihn einmal zu besuchen, und hiervon nahm Prinz Christian Veranlassung, mich mitzunehmen, als er nach Alsen fuhr. Wer ahnte damals, was leider später geschehen ist? Ich war der Gast des Herzogs von Augustenburg; obgleich er etwas Kaltes und Stolzes hatte, das die Herzen nicht gewann, so war er doch sehr artig und zuvorkommend. Schön war er auch und von der Natur reich begabt. Obgleich man stets merkte, daß er sich als eine fürstliche Person fühle, war doch etwas Burschikoses in seinem Wesen. Er war durchaus der Gegensatz des Prinzen Christian. Dieser hatte, ohne Stolz zu zeigen, einen Tact, durch den der richtige Ton zwischen ihm und seiner Umgebung stets auf eine natürliche Weise aufrechterhalten wurde. Prinz Christian war ein fleißiger Beobachter alles Dessen, was geschah; er hörte gern Andere sprechen; das Geistreiche interessirte, das Schöne rührte ihn; heiterer Humor konnte ihn herzlich lachen machen. Der Herzoghatte diese Aufmerksamkeit für Andere nicht; er war stets eifrig mit seinen eigenen Ideen beschäftigt, und seine Conversation bestand eigentlich darin, daß er diese mit einem festen Glauben an ihre Richtigkeit mittheilte. Prinz Christian konnte den Taback nicht ausstehen; der Herzog hatte eine Tabagieà laFriedrich Wilhelm I., wo er seine Vorlesungen hielt. Ob diese damals bereits politischer Natur waren, will ich ungesagt sein lassen, denn ich rauche auch nicht Taback und war nur einmal in der Tabagie, als der Herzog selbst mir auf dem Vorsaale nachkam und mich hineinholte. Von Poesie und Kunst war nicht die Rede. Als ich sagte, daß ich zum Prinzen und der Prinzessin heruntergehen müsse, um Helge vorzulesen, antwortete er: „O das eilt nicht; Sie können noch ein Bischen warten, bis der Prinz zum Thee alle seine zwölf Zwiebacke verzehrt haben wird“. Ich dachte: Zwölf kleine Zwiebacke sind kein großes Abendbrod. Auch anderer Spott blieb nicht aus. Mittags bei Tische, gewöhnlich, wenn der Herzog nach Art der englischen Lords selbst den Braten vorschnitt, begannen die Sticheleien gegen den Prinzen Christian (auch zuweilen gegen die Prinzessin), und es ging oft so weit, daß ich dachte: wird der Prinz nun nicht aufstehen und fortgehen? Aber er fand sich sehr geduldig darein. Nur einmal, als wir uns eines Morgens, wie gewöhnlich, die Vollblutpferde des Herzogs in ihren hübschen Ständen besahen, legte Prinz Christian seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Nun sind wir in unserm Elemente“!

Zu Caroline Amaliens Geburtstag brachte der Herzog meine Gesundheit aus und forderte die andern Herrschaften auf, ein Gleiches zu thun. Ich habe später oft hieran gedacht, und mich darüber gewundert. Ich wußte, daß der Herzog sich nicht viel um Poesie kümmere; ich glaube er hat nur wenig von meinen Schriften gelesen, und doch bekam er diesen Einfall! — Aber ich fühlte mich nicht recht heimisch auf Augustenburg, obgleich der Herzog in gutem Vernehmen mit der Herzogin lebte, die sehr liebenswürdig war und reizende Kinder hatte. Das gespannteVerhältniß zwischen Prinz Christian und ihm peinigte mich. Ich war froh, als ich fort war, zählte die Tage bis zu meiner Abreise, und athmete erst wieder leicht, als ich Abschied genommen hatte und von dannen fuhr.

Güte des Prinzen Christian.

Als Prinz Christian und die Prinzessin auch nach Seeland zurückkamen, war ich eines Tages bei ihnen auf Sorgenfrei zu Tafel. Nach der Mahlzeit sagte mir der Marschall, daß Ihre königlichen Hoheiten mit mir im Gemache der Prinzessin sprechen wollten. Auf dem Wege dorthin begegnete ich dem Prinzen, der ein großes Gemälde trug. Es war ein Bild vonSödring, Axel und Valborg's Grab, das ein junges Bauernpaar mit Rosen bekränzt. Der Prinz stellte es vor mir auf, zog ein Blatt Papier hervor und las, augenscheinlich bewegt, ein von ihm selbst verfaßtes Gedicht vor, welches in Uebersetzung lautet:

Du schauest hier schön Valborg's Grab,Mit Blüthenkränzen reich geschmückt;Das Brautpaar ihr die Kränze gabIn Liebeslust so hoch beglückt.So steigt Vergangenheit herniederUnd strahlt uns durch die Liebe wieder.Doch, wer hat Worte ihr gegeben?Wer führte sie von Norge's Felsenland,Wo sich die Eschenbäume hoch erhebenZu trüber Lust uns her nach Dän'marks Strand?Wer anders war's, als Oehlenschläger, Du?Von Deinen Lippen klang das Lied uns zu.Empfang, was Deine Dichtung rief in's Leben,Wenn die Begeisterung in des Künstlers HandDurch Farbengluth ein neues Sein gegebenDem, was im hohen Dichtergeist entstand.Nimm es vom Freunde als ein Angedenken,Dem Deine Liebe frohe Stunden schenken!

Du schauest hier schön Valborg's Grab,Mit Blüthenkränzen reich geschmückt;Das Brautpaar ihr die Kränze gabIn Liebeslust so hoch beglückt.So steigt Vergangenheit herniederUnd strahlt uns durch die Liebe wieder.Doch, wer hat Worte ihr gegeben?Wer führte sie von Norge's Felsenland,Wo sich die Eschenbäume hoch erhebenZu trüber Lust uns her nach Dän'marks Strand?Wer anders war's, als Oehlenschläger, Du?Von Deinen Lippen klang das Lied uns zu.Empfang, was Deine Dichtung rief in's Leben,Wenn die Begeisterung in des Künstlers HandDurch Farbengluth ein neues Sein gegebenDem, was im hohen Dichtergeist entstand.Nimm es vom Freunde als ein Angedenken,Dem Deine Liebe frohe Stunden schenken!

Du schauest hier schön Valborg's Grab,Mit Blüthenkränzen reich geschmückt;Das Brautpaar ihr die Kränze gabIn Liebeslust so hoch beglückt.So steigt Vergangenheit herniederUnd strahlt uns durch die Liebe wieder.Doch, wer hat Worte ihr gegeben?Wer führte sie von Norge's Felsenland,Wo sich die Eschenbäume hoch erhebenZu trüber Lust uns her nach Dän'marks Strand?Wer anders war's, als Oehlenschläger, Du?Von Deinen Lippen klang das Lied uns zu.Empfang, was Deine Dichtung rief in's Leben,Wenn die Begeisterung in des Künstlers HandDurch Farbengluth ein neues Sein gegebenDem, was im hohen Dichtergeist entstand.Nimm es vom Freunde als ein Angedenken,Dem Deine Liebe frohe Stunden schenken!

Dem Dichter Adam Oehlenschläger gewidmet von

Christian Frederik.

Dieses Gedicht überreichte mir der gute Fürst, nachdem er es mir vorgelesen hatte, umarmte und küßte mich, und die Prinzessin reichte mir freundlich die Hand.

Tod Karl Heger's.

Kaum saß ich zu Hause in Ruhe, so wurde der Himmel meines Glücks wieder durch Wolken verdunkelt. Eines Abends, als beide Oersteds mich besuchten, kam eine Ordonnanz vom Prinzen Christian, um zu melden, daß mein lieber Schwager und treuer Freund, Karl Heger, plötzlich gestorben sei. Ich habe in einem Gedichte über ihn Alles gesagt, was ich von diesem edlen, seltenen Menschen sagen konnte. Er war Bibliothekar des Prinzen und sehr bei ihm beliebt. Eine Stunde vorher war er noch bei dem Prinzen gewesen, als Jemand zu ihm kam. Dieser sah ihn in seinem Lehnstuhle, mit dem neuen Testamente auf dem Schooße dasitzen. So war er sanft hinübergeschlummert. Er wurde auf dem Friedrichsberger Kirchhofe neben Camma und Rahbek beerdigt.

Die Kritik über Sokrates.

Mein Sokrates sollte nun aufgeführt werden. Ich war überzeugt, daß Ryge diese Rolle vortrefflich spielen würde, und er soll es auch gethan haben; ich sah die ersten Vorstellungen nicht, und das Stück wurde nur zweimal aufgeführt, es machte kein Glück. Der ganze damals herrschende Ton verwarf es, und kein einziger Aesthetiker stand öffentlich mir zur Seite, außer Wilster in Soröe. In der Monatsschrift für Literatur erschien eine Recension, die mit Verstand, Sachkenntniß, Achtung und Wohlwollen, aber kalt und tadelnd geschrieben war, trotz der Zugeständnisse des Guten, die mir der Verfasser weder vorenthalten konnte noch wollte. Diese Kritik trug mehr das Gepräge des Philologen und Antiquars, als eines reifen Geschmackrichters. Obwohl zugestanden wurde, daß das Stück seine Entstehung dem Dichtergeiste und einem sorgfältigen Studium verdanke,so genügte es doch nicht, weil es nicht das Product vieljähriger gründlicher Gelehrsamkeit war, und weil sich Dies und Jenes den Ideen und Gefühlen der Gegenwart fügte. Danach durfte ein Dichter niemals eine Sage des Alterthums behandeln, und von diesem Standpunkte aus betrachtet, müßten all' meine nordischen Heldendramen verworfen werden. Meine Fähigkeiten wurden auch darin besprochen, und — nach der damals gebräuchlichen Weise — nannte man mein allzusehr überwiegendes Gefühl für das Gute „die Wollust des Guten“, und tadelte es als zu einseitig für echt dichterische Compositionen, wenngleich es persönlich zu achten sei. Ich hatte Aristophanes Unrecht gethan, indem ich ihn selbst die Anwendung des Namens Sokrates' zu seinem Lustspiele „die Wolken“ eine jugendliche Unbesonnenheit nennen ließ. Was noch mehr dazu beitrug, die Leser gegen mein Stück zu stimmen, war eine deutsche Abhandlung des Professor Forchhammer in Kiel, welche damals erschien, und in der er bewies, daß Sokrates wirklich ein Empörer gewesen, und ihm also kein Unrecht geschehen sei.

Der Geschmack damaliger Zeit.

Da ich hier nun wieder zu einem Ruhepunkte in meiner Dichterbahn gelange, so will ich hieran einen Ueberblick über den Geschmack knüpfen, der damals herrschte und den ich eine Zeitlang vergebens bekämpfte. Wir haben in dem Vorigen gesehen, wie Göthe, Tieck — die romantische Schule — gegen das Rührende in der Poesie als gegen etwas Schwaches und Weichliches polemisirten. Eine Zeitlang später hatten sich phantastische Convulsionen in Werner's, Müllner's, Grillparzer's und den französischen Stücken Victor Hugo's bewegt: hier galt es nicht, wie Aristoteles es nennt, die Leidenschaften durch Schreck und Mitleidzu läutern, sondern vorzüglich durch brillante Schilderungen bewunderter Laster gespannt und nervenerschüttert zu werden. Von der andern Seite schwebte die unschuldige, naive Dichtkunst in Gefahr, durch glänzende Talente mit außerordentlicherSprachfertigkeit verdrängt zu werden. An der Spitze dieser steht Lord Byron als ein wirklicher Dichter. Aber drücken sich nicht Egoismus, Sinnlichkeit, Stolz und Verachtung in allen Werken seiner hinreißenden Beredtsamkeit aus? Schöne, tiefe Gedanken, eine lebhafte Phantasie, eine starke, wichtige Begeisterung findet sich gewiß darin; aber stets hört man den englischen Lord, der, während er sich selbst der Laster beschuldigt, doch stolz auf alle Andere und alle bürgerlichen Verhältnisse herabblickt. Es ist der blasirte Jüngling, der die Sinnengluth hinreißend, nie aber die wahre Liebe schildert, und schließlich von den Frauen sagt: „Wenn sie einen Spiegel und ein Zuckerplätzchen haben, so sind sie zufrieden“. Byron ist ein vortrefflicher poetischer Landschaftsmaler; aber die poetische Landschaftsmalerei ist ein untergeordnetes Genre. Echt dramatisch konnte er nie werden; denn die einzige Person, die er recht episch und dramatisch schildert, war, wie gesagt, Lord Byron, sei dies nun als Childe Harold, Don Juan, Manfred oder in einer andern Gestalt. Und doch blickt er mit tiefer Verachtung auf seinen Landsmann, den Stolz Englands, den göttlichen Shakespeare herab und spricht von ihm in einem Briefe an die Lady Betterton, als von einem Pöbeldichter. Daß aber Byron bei seiner Jugend und Schönheit (bis auf den Klumpfuß), seinem Genie, seiner englischen Lordschaft, seiner Tapferkeit, seiner persönlichen Entschiedenheit und endlich bei seiner lobenswerthen Begeisterung für die griechische Sache, welche damals Europa's höchstes Interesse weckte, eine glänzende Epoche machen mußte, ist ganz natürlich, und ich mißgönne ihm seinen Lorbeer nicht, den er, wenn auch Alles, was hier gesagt, wahr ist, doch verdient. Der unglückliche Klumpfuß hat gewiß nicht wenig zu dem Stolz und Spleen beigetragen, der ihn unablässig peinigte und sein Leben verkürzte.

In Deutschland spielte Graf Platen eine Art Byron. Sie hatten das gemein, daß der Eine Lord, der Andere Graf und Beide vorzügliche Künstler in der Behandlung der Sprachewaren. Platen hat ebenso wie Byron einige schöne Sachen geschrieben; aber sein Stolz war kälter und unangenehmer, und er legte seine Gedanken in elegante, polirte Versformen, wie in Marmorsarkophage.

Noch zwei deutsche Aesthetiker, von denen Einer ein begabter Dichter war, äußerten sich damals mit der ganzen Kraft der Beredtsamkeit, vornehm, polemisch und mit der Verachtung gegen alles Geltende, wie sie damals Mode war. Dies warenBörneundHeine. Ihr Adel war älter, als der Byron's und Platen's, denn sie stammten von David und Salomon ab; da man aber diesen Stammbaum nicht anerkannte, so erweckte das einen Depit in ihrem Wesen und ihrem Styl, der sie oft mehr als billig erbitterte.

Heine hatte alle Ingredienzien zu einem wahren Dichter, mit Ausnahme des treuen Herzens, des männlichen Charakters, des wahren Ernstes und tiefer Ehrfurcht vor dem Heiligen. Was übrigens Phantasie, augenblickliches Gefühl, Verstand und besonders Witz hervorbringen kann, darin excellirte er und riß die Jugend hin. Seine Phantasie und sein Witz erfreuten auch mich. Der Ton in seinen lyrischen Gedichten ist, trotz all' seiner Kühnheit, nicht originell, sondern ahmt unbewußt den Ton von Göthe's jüngern Gedichten nach, in denen sich auch eine gewisse stolze Verachtung gegen die Umgebung, aber gewiß viel mehr Herz zeigt.Rückertflorirte damals auch; aber obgleich ich seinen Blumenflor bewunderte, konnte ich mich doch aus Mangel an frischer Luft nicht lange in seinen Treibhäusern aufhalten, in denen mir die Blumen über den Kopf wuchsen.

Bei uns hatten sich mehrere Dichter mit Recht geltend gemacht.Heiberg'sVaudevillen gehörten zur Tagesordnung. Als Professor der dänischen Sprache in Kiel hatte er eine nordische Mythologie herausgegeben, in der er besonders Rücksicht auf meine Götter des Nordens genommen und viele Stellen daraus vortrefflich übersetzt hatte; aber nun gefiel ich ihm nicht mehr; er war ein eifriger Hegelianer geworden, und da meineWerke nicht den Hegel'schen Bedingungen genügten, so schätzte er wohl eins und das andere davon, betrachtete aber alles Andere mit Ausnahme der ältesten Arbeiten als mißglückt. Das thaten Mehrere. Sie trennten das Gute, das ich hervorgebracht hatte, von dem Mißglückten, das allein ich nun schuf; sie theilten mein Leben in zwei Theile; nur in der ersten Periode hatte ich dichterisch gelebt; nun war der Dichter todt; mit seinem Gespenst wollten sie Nichts zu thun haben und verstanden sich, ihrer eigenen Einbildung nach, viel besser auf den wahren Oehlenschläger, als der arme Geist, der nach seinem Tode spukte.

So stand ich also allein da.Hauch, der auch lange leiden mußte, weil er zu meiner Schule gehörte, richtete sich etwas nach der Zeit, und vermied so den Tadel. Einige, die vielleicht an mir sahen, wie wenig ein Dichtername zu bedeuten habe, traten anonym hervor und zogen aus dieser Namenlosigkeit großen Vortheil. So galtOverskou'sComödie „Oststraße und Weststraße“ als ein Meisterstück, dem nichts gleiche,bisman den Verfasser kannte; später hatte das wirklich gute Stück Mühe genug, sich zu halten.Hertz's„Gespensterbriefe“, die auch anonym erschienen, machten Furore. Sie waren in einer witzigen, eleganten Sprache, mit vielen freien und geistreichen Bemerkungen geschrieben; aber der Geschmack, für den sie kämpften, berührte eigentlich nur die Form; und als Form wurde wieder hauptsächlich die schöne Sprachform angesehen. Der Kern eines Gedichtes, die viel wesentlichereForm des Stoffes, kam nicht in Betracht. Das Gespenst, welches hier herauf beschworen und gewissermaßen als Heiliger und Schutzgeist angebetet wurde, um den guten Geschmack wieder herzustellen, war — merkwürdiger Weise — der selige Baggesen! Und was noch merkwürdiger war, viele gebildete und verständige Leser, die wenige Jahre vorher Baggesen getadelt und gemißbilligt hatten, nahmen dies für gute Waare an und schworen wieder zu Baggesen's Fahne.

Der talentvolle Hertz hatte einige Stücke geschrieben undschrieb deren noch mehrere. Mir gefiel er am besten in seinen Lustspielen, besonders in derSparkasseund in derDebatteim „Polizeifreund“. InSvend Düring's Hausist viel Schönes, besonders der schwärmerische Charakter der Liebhaberin, der von Frau Heiberg vortrefflich dargestellt wurde. Die Mutterliebe, welche in der alten herrlichen Kämpeweise die Hauptrolle spielt, hat in Hertz's Stück wenig zu bedeuten. Die Kinder leiden nicht Noth und das Gespenst kommt nicht, um sie zu pflegen, sondern um Wehe über ihre Stiefmutter zu rufen. Die Musik von Herrn Rung ist schön und that ihre Wirkung, besonders in den Gespensterscenen. Hertz hatte die Kämpeweisen fleißig studirt und viele Redensarten und Ausdrücke derselben in seiner gereimten Tragödie angebracht. Wilster sagt in seiner Uebersetzung des Euripides: „Neuere Dichter haben zuweilen den Uebergang des Dialogs zu lyrischem Schwunge durch die Anwendung des Reimes ausgedrückt. Am schönsten hat Oehlenschläger diese tragische Lyrik in der Königin Margarete behandelt, wo er die Scenen zwischen Ingeborg und Oluf in dem herrlichen alten Versmaße der Kämpeweisen gedichtet hat. Diese Idee ist, wie bekannt, im Großen in Svend Düring's Haus ausgeführt“.

Aber obgleich nun die Anonymität damals von guter Wirkung gewesen war, so bedienten sich doch nicht Alle derselben; im Gegentheil wirkte einer unserer Dichter, der in gewisser Richtung sich wohlverdienten Ruhm erworben hat, gerade außerordentlich viel durch seine Persönlichkeit. Die subjektiv-originelle Auffassung des Mährchenhaften war so ganz mitAndersen'sWesen verwachsen, daß er selbst richtig fühlte, die persönliche Mitteilung vollende, so zu sagen, seine Dichtung, weshalb er auch auf alle Weise, durch Bekanntschaften, Besuche und häufige Reisen in ein persönliches Verhältniß zu seinen Lesern zu kommen und ihnen mündlich das Werk mitzutheilen suchte. Und es ist nicht zu leugnen, daß es dadurch etwas an Naivetät und Humor gewann, den das gedruckte Wort nicht ganz hervorzurufen vermochte. Freilich könnte man sagen, daß dies ebenso mit jedemDichterwerke geht, wenn der Dichter die Gabe hat, gut vorzulesen; was aber dabei verloren oder gewonnen wird, entspringt doch mehr oder weniger aus der Natur der Dichtung.Christian WintherundPaludan Müllerschrieben auch unter eigenem Namen und machten dem Namen Ehre.

Die Kritik über „Sokrates“.

Aber ich kehre wieder zu Sokrates zurück.

Was hatte mich veranlaßt, diesen Stoff zu behandeln? Die Lust, mich durch eigene Productivität originell zu zeigen, konnte es nicht sein; denn das ganze Zeitalter in Griechenland, in dem Sokrates lebte, steht ja in der Geschichte genau ausgemalt da; er selbst tritt bei Plato und Xenophon so bestimmt und charakteristisch hervor, daß etwas Selbstgemachtes hier ganz thöricht und geschmacklos gewesen wäre. Aber der wahre Dichter singt nicht aus Eitelkeit und Egoismus, sondern aus Liebe zum Gegenstande. Ich liebte Sokrates; meine Phantasie, mein Gedanke, mein Gefühl empfanden Lust, sich mit ihm zu beschäftigen. Ich wollte das Zeitalter, den Plato, den Xenophon studiren, und das wurde mir erst recht möglich, als ich dieses Studium in Verbindung mit meiner eigenen Kunst brachte; die Activität, die dabei meinen Geist in Bewegung setzte, verlieh ihm erst die wahre Kraft, den Gegenstand zu erfassen. Außerdem — eine historische Person muß so bestimmt und deutlich hervortreten, als möglich — gehört doch Dichtergeist dazu, ihn auf die Scene zu bringen, ihn sich in selbst erfundener, dramatischer Composition bewegen zu lassen. Es ist so, als ob man ein vortreffliches Gemälde sähe, das ein Zauberer durch seinen Stab aus dem Rahmen heraustreten und sich in verschiedenen Gemüthszuständen bewegen ließe, ohne daß dadurch das Bild die richtige Zeichnung verlöre. Ich wollte Kampf und Versöhnung zwischen dem ethischen und ästhetischen Princip, in Sokrates und Aristophanes darstellen. In Xantippe und Daphne fand ich Gelegenheit, von mir selbst erfundene Charaktere zu zeichnen. Und obgleich mein Stück nicht das Produkt eigentlicher Gelehrsamkeit war (ich habe mich niemals für ein Stockgelehrten ausgegeben), sodarf ich doch behaupten, daß hier nicht die Gelehrsamkeit in Betracht kam, sondern das dichterische Talent, verbunden mit den historischen Charakteren und der tragischen Handlung. Wenn diese so wirkte, wie sie wirken sollte, so würde es vielleicht nicht so übel gewesen sein, das große Publikum (hier ist nicht von einzelnen Gelehrten die Rede) über ein Zeitalter zu unterrichten, das so wichtig, so lehrreich war, und so großen Einfluß auf alle folgenden Zeiten gehabt hat.

Ich hatte doch die Genugthuung, daß ein Mann, der sich in dieser Angelegenheit, was Gelehrsamkeit und Kenntniß der griechischen Literatur betraf, mit dem Besten messen konnte, mein FreundBröndsted, Professor der griechischen Sprache, eine poetische Natur, ein warmes, edles Herz, ein Mann, der lange in Griechenland gelebt, und die Sprache wie seine Muttersprache gelernt hatte, mir zu meinem Geburtstage einen Ring mit dem Bilde des Sokrates und von einem Gedichte begleitet, worin er sich in anerkennendster Weise aussprach, übersandte.

Ein großer Uebelstand für mich war der, daß mir, da mehrere meiner neuen Stücke nur einige Male gegeben wurden und ich dadurch meine Einnahme verlor, das nothwendige Geld fehlte; und da die Stücke aus demselben Grunde auch keinen guten Absatz hatten, und ich außerdem ein schlechter Buchhändler war, so kam ich in Schulden, die bedeutend wuchsen, und um so empfindlicher wurden, da ich keinen Ausweg zu ihrer Bezahlung sah. Denn auch der Absatz meiner deutschen Schriften verringerte sich zum Theil durch den fortgesetzten Tadel in der Heimath, der auch in deutsche Blätter überging.Max, der vor wenigen Jahren noch so zuvorkommend gewesen war, sandte mir die Uebersetzung vonOlaf dem Heiligen, denitalienischen RäubernundTordenskjoldals Werke zurück, die meiner nicht würdig seien.Campein Hamburg verlegte sie doch; er setzte aber bei dem Verlage gewiß zu. In den Blättern für literarische Unterhaltung stand eine Recension von einigen Zeilen über diese Stücke. Einen Beweis (und zwar den einzigen), wie tiefich als dramatischer Verfasser gesunken sei, zog der Recensent daraus, daß ich in einer Parenthese in meinem TordenskjoldStahl in einer Terz ausfallen lasse, welche Tordenskjold parirt. Man sollte es nicht für möglich halten, daß eine solche Bêtise in einem Blatte aufgenommen werden konnte, das in allgemeiner Achtung stand; aber es verhält sich doch so.

Um nun einiges Geld zu bekommen, übersetzte ich durcheinander all' die Stücke fürs Theater, die der Directeur Collin mir schaffte. Einige von diesen waren doch von Bedeutung; so legte ich den Text in den Partituren zur italienischen Norma, dem deutschen Freischütz und dem englischen Oberon dänische Worte unter.

Frau Friederike Brun.

In diesem Jahre starb auch meine Freundin FrauFriederike Brun, mit der ich so viele angenehme Stunden verlebt hatte. Von diesem ausgezeichnetem Weib muß ich umständlicher sprechen. Sie war eine Tochter des Predigers der deutschen Petrikirche in Kopenhagen, des Dr. Münter, der, wie er es sicher hoffte, Struensee bekehrt hatte, wie man dies in der Bekehrungsgeschichte lesen kann, die Münter nach dem Tode des Unglücklichen herausgab. Daß Struensee, als Gefangener, da er sich seinem Ende näherte, in dem Gespräch mit dem begabten, von Religion begeisterten, durch die Wissenschaft gründlich gebildeten Münter seine flache Voltaire'sche Philosophie aufgab, die ihn gelehrt hatte, daß der Mensch eine Maschine sei, deren geistiges Leben zugleich mit dem irdischen aufhöre, ist ganz natürlich und wahrscheinlich. Es kann nicht geleugnet werden, daß zu einer Zeit, wo das Deutsche hier im Lande die Ueberhand gewonnen hatte, die begabtesten Deutschen, welche hier ihr Glück machten, sich wirklich durch eine höhere Bildung auszeichneten, als die Dänen. Bernstorff war ein ausgezeichneter Minister; Klopstock, Deutschlands großer Dichter, besuchte uns auch und schrieb einige Gesänge der Messiade in Kopenhagen bei seinem Freunde, dem ProkanzlerCramer, dessen Haus der Sitz der Musen war, in das auch der ältereSchlegel kam, der den nordischen Aufseher schrieb, in welchem er seine Landsleute mit dem dänischen Guten bekannt zu machen suchte. Nach Bernstorff zeichnete sich der jüngereSchimmelmannals Liebling der Musen und als Mäcen aus. Cramer's Tochter verheirathete sich später mit Schimmelmann's SecretairKirstein. Schiller schickte aus Dankbarkeit Schimmelmann (der während seiner Krankheit zugleich mit dem Herzoge von Augustenburg für ihn gesorgt hatte) seine Tragödien, ehe sie gedruckt wurden. In diesen Zirkeln wuchs die junge liebenswürdige Friederike Münter auf. Und man kann diesen Deutschen nicht den Vorwurf machen, daß sie das dänische Gute ignorirt hätten. Schlegel war Holberg's eifriger Apostel und hat gewiß dazu beigetragen, daßSchröderdessen Stücke auf die deutsche Bühne brachte und selbst so meisterhaft darin spielte. Als Ewald starb, streute die junge Friederike Münter Blumen auf sein Grab; und ihr Bruder (der Bischof) war Ewald's warmer Freund. Aber es ist natürlich, daß ihre ganze Umgebung, ihre Ehe und späteren Reisen sie Deutsch ausbildeten, und sie selbst Dichterin wurde. Ihre Ehe war merkwürdig. Es würde einem Lustspieldichter schwer werden, einen komischeren Contrast zwischen einem Ehepaare herauszufinden, als den zwischen der mit Salis und Matthisson innig sympathisirenden Friederike Münter und dem fast ausschließlich mit Gelderwerb und Handelsspeculationen beschäftigtenConstantin Brun. Er fing als armer Commis an, aber er war ein hübscher junger Mann und ein gewandter Kopf. Münter war ein Freund des alten Schimmelmann, und dieser hatte viele Handelsverhältnisse ganz in seiner Hand. Brun machte der jungen Friederike den Hof, wurde ihr Mann und durch Schimmelmann's Hülfe kam er gleich in gute Handelsverhältnisse, die er mit seinem großen Erwerbgenie benutzte, so daß es nicht lange währte, bis er reich wurde. So habe ich ihn kennen gelernt; er äußerte bei jeder Gelegenheit seinen Spott und sein Mißvergnügen über die poetischen Narrheiten seiner Frau, wie er sie nannte. Es war nicht zu leugnen,daß sie etwas zu sentimental war; an Oekonomie dachte sie nicht, und unglücklicher Weise wurde sie von einer Taubheit heimgesucht, die in späteren Jahren zunahm. Aber diese Taubheit hatte doch auch ihre gute Seite: sie konnte ihren Mann nicht schelten hören; und dessen Handelsgeist hatte wiederum seine gute Seite: er machte sie zu einer reichen Frau, und sie würde weder alle einsichtsvollen Männer und Frauen Europa's mit so vieler Einsicht und Urtheilsfähigkeit, noch die Natur mit so vielem poetischen Malertalent kennen gelernt haben, wenn sie nicht durch das Vermögen ihres Mannes die Mittel erlangt hätte, eine Reise nach der andern und besonders nach ihrem lieben Italien zu machen. Constantin schalt und brummte, aber sie hörte es nicht. Eines schönen Tages stand ich neben ihm auf Sophienholm in Frederiksdal. „Ist das nun nicht ein herrlicher schöner Ort“? fragte er mich — „und doch will sie wieder aus dem Lande fort. Es ist rein um toll zu werden“. Aber das Beste dabei war, daß er sie, trotz all' des Lärmens, den er machte, doch thun ließ, was sie wollte, und es, trotz all' der Klagen über die vielen Ausgaben, doch seiner Eitelkeit schmeichelte, das eleganteste und angenehmste Haus in Kopenhagen zu machen, wozu Er das Geld, seine Frau Geist, Grazie und Anmuth beisteuerte. Keines von Beiden konnte entbehrt werden. Ganz psychologisch merkwürdig war der Geist der Sparsamkeit, der bei ihm zum Instinkt geworden war, wie bei einem Eichhörnchen das Sammeln der Nüsse in einem hohlen Baum. Er zeigte uns nämlich eine große Schublade voll Zucker. Diesen Zucker hatte er in der Harmonie zum Kaffee, den er dort jeden Nachmittag trank, bekommen; jeden Tag aber sparte er einige Stücke und nahm sie in der Tasche mit nach Hause. Es war in seinem Charakter ein naiv-komisches Element. Einmal kam ein Mann zu ihm und bat ihn um ein Gelddarlehn. Brun versicherte, er hätte Nichts, und um es ihm zu beweisen, öffnete er seine Schatulle, zog alle Schubläden heraus und zeigte ihm, daß kein Geld darin sei.

Was Frau Brun betraf, so machte sie durch ihre liebenswürdige Persönlichkeit, ihren ausgezeichneten Geist und durch die, bei einem Weibe seltenen, Kenntnisse Eroberungen, wohin sie kam, vom Palast bis zur Hütte, und es gab damals fast keine einzige männliche und weibliche Berühmtheit in Dänemark, Deutschland, der Schweiz und Italien, die sie nicht kannte, mit der sie nicht in freundschaftlicher Verbindung gestanden und deren Wesen sie nicht mehr oder weniger mit Phantasie und Verstand erfaßt hätte, und durch charakteristische lebendige Züge zu schildern vermochte. Dies trug sehr viel dazu bei, ihren Umgang angenehm zu machen; man hörte sie gern erzählen; und als ihre Taubheit zunahm, war sie auch interessanter im zusammenhängenderen Vortrage, als im Gespräche. An Dem, was rund um sie her vorging, konnte sie nicht recht Theil nehmen. Sie war von jungen Damen umringt, denn außer ihren eigenen Töchtern und Nichten hielten sich auch zwei Töchter des in Paris verstorbenen MinistersDreyerin ihrem Hause auf. Sie waren in einer pariser Pensionsanstalt erzogen; die älteste,Mariquita, war sehr begabt; in diesem Zirkel bekam der jungeLudwig Heiberg, den man im Scherz „l'enfant“ nannte, und der oft zu Bruns kam, seine erste Politur. Daß nun die gute Frau Brun, die so in ihren eigenen Gedanken vertieft war, die neuste Zeit nicht recht kannte und zuweilen etwas zu sentimental war, der lieben leichtsinnigen Jugend mitunter, wenn nicht Ursache, so doch Veranlassung zum Lachen gab, kann man sich leicht denken. Es ging der guten Dichterin wie es Jedermann unter den sündigen Menschenkindern ging: die Fehler fallen viel leichter in die Augen, als die Vorzüge. So ging es auch in Italien, wo ich mit ihr zusammen war. „Gott hat mir die Gnade erwiesen“, sagte sie einmal in einem Concert, „daß ich für Musik nicht taub bin“. — „Die Gnade hat Gott ihr nicht erwiesen“, sagte der MalerChristel Riepenhausen, der ein großer Schelm war; denn als wir einmal in einem Passionsconcert zusammen waren, das miteinem starken Chore anfing, fragte sie mich, nachdem der Chor gesungen war: „Geht's nicht bald an?“ Ich entschuldigte diese anscheinend komische Unwahrheit mit einer Delikatesse von ihrer Seite, die man mißverstand; sie meine, es würde ihren Freunden lieber sein und den eigenen Genuß nicht stören, wenn sie glaubten, daß auch ihre Freundin Theil daran nehmen könne. Man hielt sie auch für geizig, obgleich sie es nicht war. In der für Dänemark schlimmsten Finanzperiode reiste sie nach Italien. Das kostete schon viel und ihr guter Mann fand sich darein; daß er ihr aber Summen gegeben hätte, um Kunstwerke zu kaufen, daran war nicht zu denken. Doch waren die Künstler in Rom unzufrieden damit, daß sie es nicht that. Ich besuchte einmal mit ihr den berühmten LandschaftsmalerReinhart, eine kräftige, derbe Gestalt. Er besaß ein Buch, was sie gern lesen wollte, und sie bat ihn, es ihr zu leihen. „Ja,“ rief er mit fast zürnender Donnerstimme, „Sie können es nehmen; aber Sie sollen es mir wiedergeben; denn ich bin arm und Sie sind reich.“ — „„Der gute Reinhart,““ sagte sie milde mit einem versöhnenden Lächeln.

Die Taubheit war ihr oft sehr unbequem, da sie die Einwendungen und Bemerkungen nicht hören konnte, die man ihr machte, und sie war daher gewöhnt, ihrem eigenen Kopfe zu folgen. Als sie von Italien zurückkam, gab sie wöchentlich musikalische Soiréen, bei denen Ida mit ihrer anmuthigen Persönlichkeit und ihrer schönen Stimme die Hauptrolle spielte. In Italien giebt man solche Gesellschaften, ohne die Gäste mit etwas Anderem als einem Glase Eiswasser, oder höchstens einer Portion Eis zu tractiren. Das wollte Frau Brun hier einführen. Sie war aber auch die Einzige in der ganzen Gesellschaft, der es gefiel. Der ConcertmeisterSchall, der es übernommen hatte, diese Concerte zu dirigiren, sagte ihr gerade heraus, daß man hier zu Lande daran gewöhnt sei, Abendbrod zu essen. Was geschieht? Bei dem nächsten Concert führt der Diener ihn in ein kleines Zimmer, wo ein elegantes Souper angerichtetwar; aber — nur für ihn! Erst als er sich, wie Don Juan, weigerte, sich allein an den Tisch zu setzen, wurde es Frau Brun einleuchtend, daß sie mit der Einrichtung der Speiseanstalt etwas mehr ins Große gehen müsse, und bei dem nächsten Concerte fehlte auch Nichts, um die Gäste sowohl körperlich, als geistig zu erquicken. Bei solchen Concerten saß sie zuweilen mit einem Stäbchen im Munde, das den Resonanzboden des Instruments berührte, wenn dasselbe von einem Virtuosen, z. B. alsMoschelesda war, gespielt wurde.Sibonilöste Schall als ihren Concertmeister ab. Nun wurden lauter moderne Sachen gesungen. Wenn sie mitunter einmal aus alter Liebe zu dem herrlichen Schultz Etwas von ihm vortragen ließ, so wurde das auch als etwas Lächerliches betrachtet, in das man sich finden müsse.

Idawar ein anmuthiges Mädchen, blendend weiß, schlank, wie eine Nymphe, mit einem ovalen, regelmäßigen, blondlockigen Kopfe und einem Gesicht, dessen muntere Freundlichkeit auf uns Alle Eindruck machte, obgleich ihre blaßblauen Augen nicht feurig funkelten. Mein Vetter, der Maler, ProfessorLund, brachte sie bewußt oder unbewußt auf den meisten seiner Bilder an. Die Mutter war ganz verliebt in ihre Tochter und sah in ihr ein Genie, was sie doch nicht war; für Poesie hatte Ida nicht viel Sinn, obgleich sie gern über das Lustige lachte, und wenn sie gleich schön sang, so war ihr musikalischer Geschmack doch durchaus modern. In Italien hatte sie auch von der Lady Hamilton gelernt, schöne malerische Stellungen auszuführen, was sie freilich in dem Lenze der Jugend mit ihrer Nymphengestalt besser kleidete, als Madame Händel-Schütz mit ihrem schwerfälligen Körper, nachdem sie schon fast verblüht war.

Es vergingen einige Jahre und Ida hatte in der ganzen Zeit, so viel ich weiß, keinen Freier gehabt. Sie selbst war nicht erotischer Natur, sondern etwas undinenmäßig kalt. Da kam der österreichische Minister GrafBombelles. Seine Jugend war dahin; er war durchaus nicht hübsch, sondern bleich und sehrpockennarbig. Er hatte eine heisere Stimme; war aber ein heller Kopf, ein lustiger, munterer Mann. Er verliebte sich sterblich in Ida und suchte sie auf alle Weise zu gewinnen. Eines Abends z. B. sprang er, als sie von einer Gesellschaft nach Hause fuhr, auf ihren Wagen, und half ihr als Diener beim Aussteigen. Das Ende vom Liede war, daß er sie zur Frau bekam und mit ihr fortreiste; und Sophienholm war nicht mehr Sophienholm, nachdem es seine Nachtigall verloren hatte. Einige Jahre lang kam ich auch nicht zu Bruns; aber das hatte einen andern Grund. In der schlimmsten Baggesen'schen Zeit traf ich ihn als Frau Brun's alten Freund dort, und das störte mir den Genuß ihrer Gesellschaft. Da sie das nun wohl merken mochte, fiel sie auf einen wunderlichen Gedanken. Sie hatte ihrem Portier befohlen, daß er, wenn Baggesen da sei, mir sagen solle, sie wäre nicht zu Hause, und ebenso umgekehrt zu Baggesen, wenn ich dort war. Dadurch glaubte sie nun eine bewaffnete Neutralität gestiftet zu haben, die nach dem Sinne beider feindlichen Mächte sein müsse; und ich glaube auch, daß Baggesen sich darein fand; denn sie klagte später nur über mich, der ich fortblieb, sobald ich das wunderliche Portierarrangement erfahren hatte.


Back to IndexNext