Thierry. De Vigny.
Einen andern, ausgezeichneten, aber gleichfalls unglücklichen Gelehrten habe ich hier besucht: den berühmten Thierry, den Verfasser der Geschichte der Normannen. Thierry's Werk scheint mir nicht allein das beste geschichtliche Werk Frankreichs, sondern überhaupt des jetzigen Europas zu sein. Es verbindet mit geschichtlicher Genauigkeit und Quellenstudium die Wahrheit des Geistes, die Wärme des Herzens und die zu einem guten historischen Werke nothwendige poetische Einbildungskraft, Alles wiederum mit der kindlichen Naivetät verknüpft, die wir bei Herodot und Snorro bewundern. Welchen Gegensatz bilden hierzu nicht die trockenen, wenn auch gelehrten Werke Thiers' und Dahlmann's, in welchen der Grundton eine kalte Polemik ist. Thierry ist noch kein alter Mann, kaum fünfzig Jahre, wohlhabend, allgemein geehrt und geliebt, aber — er ist blind und epileptisch. An dem Abende, den ich bei ihm verbrachte, wurde er auf einem kleinen Stuhle in die Stube zu uns hereingefahren. Er drückte freundlich meine Hand und sprach ersichtlich gern mit mir über unsere alte Geschichte, während wir Thee und eine Art Kuchen genossen, die ihm ein guter Freund aus Mailand gesandt hatte.
Einen Dichter von Bedeutung, der mir hier freundlich entgegengekommen ist, muß ich nennen, es ist Graf Alfred de Vigny. Ich habe den größten Theil seiner Werke gelesen. Er schenkte mir ein Exemplar seiner Dramen und schrieb darein:Hommage de sympathie et de haute éstime de la part de l'auteur?
Victor Hugo.
— — Um jetzt wieder auf den großen Sieger, Victor — oder wie er der größern Deutlichkeit wegen auch genannt wird — Victor Hugo, Vicomte — zu kommen, so hatte ich, wie Ihr aus früheren Briefen wißt, zweimal versucht, sein Herz oderwenigstens sein Logis zu stürmen. Aber hier sitzt er eben so gut gegen Besuche gesichert, wie Reinecke Fuchs in seiner Burg Malepartus und läßt sich verleugnen, wenn es nicht gerade Sonntag Abend ist, an welchem er allen Lusthabenden Audienz giebt und sie zur Cour vorläßt. Außer diesen Festtagen ist es unmöglich, sich Eingang zu verschaffen, ungeachtet ein Schneider der einzige ist, der seine Festung vertheidigt. Dieser Schneider ist zugleich Thürhüter, und nimmt, auf seinem Tische hockend, mit großer Behendigkeit die Visitenkarten entgegen, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen. Da er gar keine Notiz von mir nahm, so dachte ich „was ist es auch der Mühe werth, Victor Hugo mit Gewalt zu nehmen? Das wäre eine Sünde, er will am Liebsten ungestört sein, lassen wir ihn; Paris ist groß genug für uns Beide!“
So standen die Sachen, als es der Zufall wollte, daß ein anderer Poet, Deschamps, ganz untergeordneten Ranges, aber ein sehr liebenswürdiger freundlicher Mann, der Deutsch versteht und Romanzen von Goethe und Schiller übersetzt hat, — auch meine Muse kennt und liebt, — uns zu einer Soirée einlud. Hier waren viele Menschen. Deschamps kam auf mich zu und fragte mich, ob ich Victor Hugo's Bekanntschaft machen wollte? Ich glaubte, er meinte, daß wir ihn gemeinschaftlich besuchen sollten, und antwortete ganz trocken: „Nein!“ Später kam er noch einmal, ich sagte noch einmal „Nein“, und fügte hinzu, „ich bin zweimal vergebens dort gewesen“. Später erfuhr ich, daß Victor Hugo in der Gesellschaft zugegen sei. Aber ungeachtet ich mich weder kostbar mache, oder streng auf die Form sehe, wo ichmehrals bloße Form wähne, so fand ich es hier doch unpassend, mich Victor Hugo vorstellen zu lassen, da ich zweimal bei ihm gewesen war und nur seinen Schneider zu sprechen bekommen hatte. Indessen betrachtete ich doch aus der Ferne den großen Mann, wie er dort zwischen einigen ältern Damen saß, die ihm die Cour machten. Schön ist er nicht, häßlich auch nicht, in einem blühenden Lebensalter, frisch,fett, stark und gesund. Er sah gar nicht hochmüthig aus, eher etwas verlegen, wie Derjenige, dessen übermäßige Prätensionen mehr der Eitelkeit als dem Stolze entspringen. Endlich, als der Thee servirt wurde, und ich mich in dem andern Zimmer bei den Damen befand, sah ich Victor und Deschamps die Köpfe leise redend zusammenstecken und das Resultat hiervon war, daß Deschamps Victor Hugo zu mir führte und ihn mir vorstellte. Er sprach einige artige Worte, unter andern, daß die Franzosen „tort“ hätten, keine fremde Literatur zu kennen. Ich war ein wenig ungehalten, und antwortete: „Ja, das habt Ihr allerdings! Es wäre so dumm nicht, wenn Ihr Euch ein wenig um Eure Nachbarn bekümmertet“. Darauf wechselten wir mehrere artige Redensarten; zu einem ordentlichen Gespräche kam es aber nicht, und wir trennten uns, nachdem er mich wieder gebeten hatte, ihn zu besuchen.
Bei dem Herzoge von Nemours traf ich ihn wieder und da ich nun das erste Mal mich expectorirt und ihm ein wenig imponirt hatte, trat ich ihm freundlich entgegen und versprach, ihn zu besuchen, aber weder hier noch später auf einem Balle beim König kam es zu einer längern Unterhaltung zwischen uns.
Jetzt beschloß ich also ihn zu besuchen. Er wohnt weit entfernt, an dem Bastillenplatze, ich fuhr in einem Fiaker dahin; sein Audienzzimmer ist groß; die Familie saß im Dämmerlichte und ein einladendes Steinkohlenfeuer flackerte im Kamine. Hier, eh noch andere Gäste kamen, sprachen wir denn endlich von Diesem und Jenem. Hier ist der englische Schauspieler Macready mit seiner Truppe angekommen, um Shakespeare'sche Stücke aufzuführen. Ich hatte ihn als Hamlet gesehen. Victor Hugo lobte ihn. Ich entgegnete freundlich: „Ich bitte um Verzeihung; aber ich kann nicht Ihrer Ansicht sein. Hamlet muß ein liebenswürdiger, junger Mann sein, voller Schwärmerei, Gefühl, Humanität — er muß das Herz einnehmen, muß natürlich sein u. s. w. Macready ist alt, häßlich, affectirt, convulsivisch“. — „Vous avez raison“, sagte Victor Hugo, ohneferner seine Ansicht zu vertheidigen. Nun langten mehrere Gäste an, und damit war die Audienz zu Ende.
Es ist sonderbar mit diesen Franzosen; sie wissen gar nichts von uns Fremden, aber siewünschenauch nichts von uns zu wissen; — sie fragen nur, wie wir in Paris uns „amüsiren“. Victor Hugo hat eine schöne Frau; zwei hübsche Söhne, und eine allerliebste Tochter. Er ließ sich nun in Conversation mit seinen Damen ein, und bekümmerte sich nicht mehr um mich, und ich gesellte mich zu einem Herrn Ehrenbaum, einem deutschen Doctor. Ich betrachtete das Zimmer, welches das Ansehen einer großen Rumpelkammer hatte, in dem eine Menge alte Möbel zusammengetragen waren, unter andern auch ein Thronhimmel aus den Zeiten Ludwig XIII. Ich hielt mich nicht lange auf, aber Victor war doch so höflich, mich bis zur Thüre zu geleiten. Ich hatte weder Nasses noch Trocknes genossen; doch jetzt bekam ich Nasses genug, denn der Regen goß in Strömen herab. Ich kannte die Straße nicht und verirrte mich. Mitten auf dem Bastillenplatze blieb ich endlich vor einem hohen, ungeheuern, schwarzen Gegenstande stehen. Es war der große Elephant, den Napoleon hier aufstellen ließ, der mir durch seine Gegenwart sagte, daß ich mich verirrt hatte, und gerade nach der entgegengesetzten Richtung gehen sollte. Hier fand ich aber endlich, wie eine gebadete Maus, einen elenden Fiaker, mit dem ich nach Hause fuhr. — Das war mir Alles ganz recht; was wollte ich dort? Ich habe viele von Victor Hugo's Werken wieder gelesen, obgleich ich bereits die Mehrzahl schon kannte. „Lucretia Borgia“, „Marion de Lorme“, „Le roi s'amusé“, „Marie Tudor“, „Ruiz Blas“, und ich befinde mich jetzt wieder mitten in seinem „Notre Dame de Paris“. Ich kann das Urtheil, das ich bereits früher über ihn ausgesprochen, nur wiederholen. Er ist ein Mann von Geist, von Feuer und Phantasie, und zweifelsohne derjenige der französischen Dichter, der das größte Talent besitzt. Aber er ist in einem hohen Grade bizarr und convulsivisch undalle seine Helden und Heldinnen sind tragische Carrikaturen. Die unglückliche Ansicht, das Moralische und Tugendhafte in der Poesie als etwas Bornirtes, Unpoetisches, ja fast Einfältiges und Dummes zu betrachten — hat sich auch seiner bemächtigt. Weil so viele Stümper und Heuchler früher diese Motive zu flauen Affectationenmißbrauchten— ist er und Consorten (denn diese Tendenz ist ja auch in germanischen und skandinavischen Ländern Mode) darauf gefallen, das Laster fast zu vergöttern. Er schildert das Laster ohne Abscheu und Verachtung, mit glänzenden Farben, und durch die Art und Weise, wie es dargestellt wird, spendet er ihm Achtung und Bewunderung, während das Gute und Edle bei Seite geschoben und wie etwas Veraltetes, das nicht mehr der Zeit angehört, fast verachtet wird! — Leider, wenn es so fortgeht, so werden wir bald — wieder Barbaren werden können. Barbaren? Nein, dazu fehlt uns die kräftige Naivetät und die entschuldigende Unwissenheit. — Wieder wie die Thiere? Nein, dazu sind wir leider zu klug, zu erfahren und kenntnißreich. — Aber spitzfindige Bestien und gebildete, feine Cannibalen, daskönntenwir werden! Doch — es hat keine Noth! Auch unser Zeitalter besitzteine große MasseMenschen mit gesundem Sinn und Herzen, welche diese genialen Knabenstreiche verachten. In Victor Hugo's Dramen und Romanen findet man kaum einen Menschen mit gesundem Sinn und von honettem Charakter. Die Composition seiner Bühnenstücke ist sehr schwach und unnatürlich. Wenn Einer etwas erfahren soll, das er eigentlich nicht erfahren dürfte, so legt er sich auf der Stelle hin undstelltsich als schliefe er. Je nach dem Bedürfniß des Stückes springen die Personen aus Schränken, Wänden, Mauern u. s. w. hervor. Da es unmöglich ist, mit einer Tragödie irgend eine Wirkung zu bezwecken, wenn man das Herz nicht rührt, so wird solches denn auch durch diese oder jene edle Eigenschaft bei den lasterhaften Personen hervorgebracht. Aber wie — z. B. — kann man Mitleid mit einer Lukrezia Borgia fühlen, weil dieseFurie, dieser tragische Ausbund in ihren eigenen Sohn verliebt ist, und die Schuld seines Todes trägt. Und so ist es überall. Zuletzt wird dem Laster immer etwas Erhabenes und Edles beigegeben, das unser Mitleid erwecken soll. Weder Aeschylos, Sophokles, Shakespeare oder Schiller haben so gedacht. Selbst bei dem katholischen Calderon überholte seine gute Natur die schiefe Bildung — und, aller Vorurtheile, und alles Aberglaubens ungeachtet, schimmert das echt Humane bei ihm herrlich durch. Goethe neigte sich der Entschuldigung und der Idealisirung der Wollust in einigen seiner Werke zu. Eine gefallene Tugend — wo derGeistnoch tugendhaft ist! —kannauch entschuldigt werden. Gretchen, Klärchen, die Bayadere sind schön und herrlich. Christus selbst entschuldigt die büßende Magdalena. Das ist aber etwas ganz Anderes, als Victor Hugo's Dirnen. Seine Dialoge sind übrigens geistreich und der Zwang des Reimes verhindert ihn nicht an einer natürlichen Diction. Es finden sich mehrere gute Scenen in seinen Werken, so z. B. König Ludwig, der Richelieu bis auf den Tod haßt und ihm doch blindlings gehorcht — wie der Vogel, der in den Rachen der zischenden Klapperschlange hinabfliegt. Victor Hugo istinteressant. Man langweilt sich nicht mit ihm. Aber — wenn man ihn gelesen, so hat man einenbitternNachgeschmack, denn wodurch erweckt er besonders das Interesse? Durch das Grausenhafte! Seine Stücke sind meistentheils Hinrichtungsscenen. Man folgt ihm auf den Richtplatz. Er malt uns Alles aus: den Scharfrichter, das Beil, den Block, die Angst des Sünders, das Blut, das Grausen der Zuschauer; aber man schämt sich fast nach der Lectüre, bei einer solchen Hinrichtung zugegen gewesen zu sein, und wie Tiberius und Nero eine geistige Wollust in der Nervenerschütterung der Schrecken und in der Grausamkeit gefunden zu haben. Noch habe ich Victor Hugo's lyrische Gedichte zu lesen. Diese sollen edler, besser sein; die allgemeine Meinung hier ist, daß er eigentlich ein lyrischer Dichter ist. Eswird mich erfreuen, von ihm etwas Schönes zu lesen.Die Schönheitist doch der Stoff aller Kunst; Tugend und Wahrheit wird als etwas veraltetes verworfen. Ist die Schönheit gleichfalls veraltet? — Dann wäre es dem Loke geglückt, Ydun mit den Aepfeln wieder in Jothunheim in Ketten zu schmieden, und so könnte ja die ganze Natur veralten und ins Grab steigen. Das genialste Werk Victor Hugo's ist doch ohne Zweifel, der ungeheuren Mißgestalten und Auswüchse ungeachtet, sein Notre Dame de Paris. Es ist kein Kunstwerk; es ist ein unordentliches Magazin von Studien, welche mehr denn zur Hälfte das Buch füllen, und die gemacht sind, während er dasselbe schrieb. Die Ideen über das Romantische, über die alte Baukunst des Mittelalters hat er, aus unzusammenhängenden Mittheilungen und Traditionen, doch aus Deutschland geholt und in seiner Weise zugestutzt. Seine Abhandlung über die Architektur ist bis auf wenig Einfälle eine übertriebene Phantasterei. Wenn man weiß, was in dieser Richtung geschehen ist, seitdem Goethe seine kleine Abhandlung über Straßburg schrieb, und was später Wackenroder, Tieck, die Schlegel, Künstler und Kunstkenner wie der Architekt Moller, die Gebrüder Boisserée, wie in München die ausübenden Künstler geleistet haben, so wird Victor Hugo's Gerede davon kindisch und unwissend. Höchst sonderbar ist auch die Herzlosigkeit, die sich überall in dem Werke zeigt, der totale Mangel an religiösem Gefühl, wenn er z. B. die alte herrliche Kirche Notre Dame betrachtet — die ihm doch zu dem Ganzen begeistert hat, und diese edle, würdige Gedenktafel der Kunst nicht allein mit seinem abscheulichen, einäugigen, buckligen, rothhaarigen, tauben, boshaften Quasimodo vergleicht, sondern diese Bestie, als den Genius der Kirche hinstellt und sagt: „A tel point que, pour ceux, qui savent que Quasimodo a existé, Notre Dame est aujourd'hui déserte, inanimée, morte. On sent, qui'l y a quelque chose de disparu. Ce corps immense est vide, c'est un squelette; l'espritla quitté, on en voit la place,et voila tout. C'est comme un crane, ou il y a encore des trous pour les yeux; mais plus de regard.“
Eine solche Art des Fühlens und des Denkens findet man überall im Buche. Aber das Buch ist interessant, weil es gute Scenen, einige gute Charaktere besitzt, und weil es ein Bild des pariser Lebens der damaligen Zeit giebt. Seine Leser in dieser Weise zu unterhalten, indem er nämlich seinen Roman zu einer Zeitschilderung macht, in welcher das individuell Historische hervortritt, hatte Victor Hugo von Walter Scott gelernt. Aber wie weit schöner und besser malt nicht dieser! Bei Walter Scott tritt immer das Schöne, das Edle als die Hauptsache hervor. Victor Hugo schildert den Crapule; in seinen Dramen, inaristokratischerWeise, denvornehmenCrapule, der nur die Wollust und die großsprechende dumme Courage kennt, um unbedingt, Alles aufopfernd, seinem einzigen Abgotte, seinem Dalai-Lama, seinem Vitzli-Putzli — demPoint d'honneurzu huldigen. Hier in Notre Dame wimmelt es vonPöbel, von europäischen Cannibalen. Aber das historische Colorit und einige gute Erfindungen machen es amüsant zu lesen, so ist z. B. die Scene mit dem zerbrochenen Kruge vorzüglich. Die schönste aller Schilderungen Victor Hugo's findet sich gleichfalls in diesem Buche: „Esmeralda“, die einzige eigentlich anmuthige und unschuldige Schöpfung, die seiner Phantasie entsprungen. Sie giebt Veranlassung zu vielen schönen, echt poetischen Scenen. Wie diese seine anmuthige Schöpfung in menschlicher Weise entstanden ist und in dem wildesten Crapule leben und gedeihen kann, ist eine andere Frage. Wie sie schuh-, strumpf- und handschuhlos noch immer eine fast soignirte Schönheit bleiben kann — da sie doch keine Fee ist — darüber die Natur zu fragen, würde wenig nutzen; denn dieselbe leiht den Erfindungen Victor Hugo's nur flüchtige Züge. Wir könnten ebenso leicht fragen, wie dieser elende, bucklige Quasimodo so ungeheure Kräfte besitzen kann. Aber — Esmeralda ist voller Anmuth — und hatte Victor Hugo auch nur sie allein geschildert,so war er schon dadurch Dichter. Einzelne Scenen mit ihr sind sogar meisterhaft, z. B., wo Phöbus sie vom Thurme zu den vornehmen Damen ruft; auch ihr Tod ist schön.
Aber, du lieber Gott, ich bin ja in eine lange Abhandlung gerathen, die den Briefton ganz verläßt! Jedoch — derselbe berührt etwas, allen denkenden und fühlenden Menschen unserer Zeit sehr Wichtiges: Das — in höherer Bedeutung — Sittliche, das in der engsten Bezeichnung zum Guten und Frommen steht.
Ich erinnere mich noch bei dieser Gelegenheit einer Aeußerung des Königs Louis Philipp gegen mich, die Ihr nicht ohne Interesse lesen werdet. Er klagte gleichfalls, indem er von dem Zeitgeiste sprach überles moeurs et les théâtres, und zuckte dabei mit den Achseln. Ich machte die Bemerkung, daß es gewiß schlimm und gefährlich sei, die Laster und die Ausschweifungen nur von einer brillanten Seite zu schildern. „Ich werde Ihnen eine Anekdote erzählen“, sagte der König, „die sich kürzlich hier ereignet hat. Ein junger Mann hatte eine Tante, die ihn sehr liebte. In einem schwachen Augenblicke vertraute sie ihm an, daß er in ihrem Testamente zum Universalerben eingesetzt sei. Kurz darauf stirbt die alte Tante; man findet, daß sie vergiftet ist, stellt eine Untersuchung an, und entdeckt, daß der junge Mann seine Wohlthäterin vergiftet hat. Er wird gefänglich eingezogen, zeigt aber — als die Thatsache hinlänglich erwiesen ist — nicht die geringste Trauer oder irgend eine Art von Gewissensbissen. In einem süßen menschenfreundlichen Tone betheuert er, die That vollbracht zu haben, um seiner Tante gefällig zu sein, weil sie alt und schwächlich, von den Krankheiten ihres Alters zu leiden hatte, und — weil sie doch so wie so baldigst hätte sterben müssen. Er hatte das Gift an einem Lamme versucht, das er gleichfalls sehr lieb hatte; dasselbe sei, wie später die Tante, ohne Schmerzen gestorben, und sie sei ihm also, aufrichtig gesprochen, noch obendrein verpflichtet, weil er ihr einen angenehmen, ruhigenund schmerzlosen Tod verschafft habe! Wie gefällt Ihnen das?“ fragte der alte König, nachdem er die Geschichte beendet hatte, und blickte mir dabei mit wahrem Menschengefühl ins Auge.
Ich nenne ihn alt, er ist auch alt; doch, weit entfernt schwach zu sein, ist er ein kräftiger Mann. Als ich ihm mit einer gewissen Eitelkeit erzählte, daß ich fünfundsechzig Jahre alt sei, rief er mit fröhlichem Stolze: „Aber ich bin einundsiebenzig.“
Spontini.
Eines Abends war ich in Gesellschaft bei dem reichen InstrumentenmacherErard, woselbst sich, wie Jemand sehr witzig sagte, dreitausend Freunde versammelt hatten. Die Einladung zu diesem Balle hatten wirSpontini, dem Schwager Erard's, zu verdanken. Er ist ein Mann von wahren Verdiensten. „Die Vestalin“ ist ein Meisterstück, und „Ferdinand Cortez“ ist ausgezeichnete Musik. Er soll in seinem Vaterlande viel Gutes geübt haben, weshalb der Papst ihm den Grafentitel verlieh. Er war in Berlin Musikdirector und wollte — laut seines Contractes — nicht dem Theaterchef Graf Redern weichen. Hier verlief er sich durch die Behauptung, der König selbst vermöge nicht, sein ihm gegebenes Wort zurückzunehmen, wenn auch derselbe den Willen dazu habe. Spontini's Feinde verstanden diese Aeußerung in eincrimen laesae majestatiszu verdrehen. Es wurde eine Commission niedergesetzt, man sprach von neun Monat Gefängniß in Spandau. Darauf wurde die Sache vom König selbst niedergeschlagen. Spontini erhielt seinen Abschied und bekam seinen ganzen, bedeutenden Gehalt als lebenslängliche Pension; jetzt lebt er auf einem großen Fuße in Paris.
Madame Constant.
Ich habe bereits in früheren Briefen meiner treuen Freundin,Madame Constant, der Wittwe Benjamin's, gebornen Comtesse Hardenberg, Erwähnung gethan. Sie ist eine freundliche, gastfreie, alte Frau, die noch einen muntern Geist besitzt, aber in einer sonderbaren Weise ganz ihr Gedächtniß — vergessen hat! Doch kehrt dasselbe mitunter zurück. Aber — sonderbar genug!— ich wurde empfangen und wie ein alter Freund in die Familie aufgenommen; jedoch einmal während eines Gesprächs mit mir hatte sie ganz vergessen, daß wir einander vor achtunddreißig Jahren gekannt hatten, trotzdem dies gerade der Grund des liebevollen Empfanges war. Einst frug sie mich — obwohl, wie es der liebe Gott weiß, mein Französisch, bei weitem nicht klassisch ist, ob ich auch Deutsch spräche. Wir hatten schon sehr oft Deutsch mit einander geredet. Sie ist noch aus der alten, höflichen Schule, sogar dermaßen, daß sie ihre Katze Mademoiselle und ihren Bedienten Monsieur nennt. „Merci Monsieur“ sagt sie oft, wenn ihr derselbe einen Teller reicht. Doch dies Letztere könnte man vielleicht eher der neueren Gleichheit, als der alten Höflichkeit zuschreiben. Eine komische Anekdote gab hier in der Gesellschaft Veranlassung zu vielem Lachen. Die gute, alte Frau läßt ihren Gästen nicht allein einen guten Rothwein, sondern gewöhnlich auch ein Glas Champagner einschenken. Nun war ihr der Champagner ausgegangen, und sie schrieb deshalb an ihren Commissionair. Sie hatte schreiben wollen:Faites-moi un envoi, comme le dernier. Aber, da sie sehrdistraitist, schrieb sie: „Faites-moi un enfant, comme le dernier“. Dieser naive Wunsch einer Frau ihres Alters konnte nicht anders als das Zwergfell Derjenigen erschüttern, die den Brief gelesen hatten.
Gräfin Bourke.
Gestern (den 17) waren wir zu einem Fest bei derGräfin Bourke. Vor einiger Zeit hatte ich bei ihr zu Mittag gespeist; doch die gestrige Einladung galt keiner Mahlzeit wo man ißt, sondern „wo man selbst gegessen wird“, wie Hamlet sagt — denn es war eine Einladung ihres Verwandten und Erben, des jungen Grafen Bourke, sie zur letzten Ruhestätte zu geleiten. Sie war eine alte einundachtzigjährige Frau. Als wir in das Trauerhaus traten, verletzte uns der Mangel an Feierlichkeit. Es waren keine Trauergardinen, keine Trauermäntel zu erblicken und das Gefolge trat, in seinem gewöhnlichen, täglichen Anzuge auf die Straße, fast wie zu einem Judenbegräbniß, heran, Einige in blauen, Andere mit grauen Beinkleidern — Alle aber mit schwarzen Handschuhenangethan. Außen am Hause waren einige schwarze Teppiche mit silbernen Fransen aufgehängt, der Sarg stand im Thorwege, der in eine schwarze Trauerhalle verwandelt war. In dieser Weise begleiteten wir zu Fuße die selige Gräfin. Aber die schöne Magdalenenkirche war in der Nähe;hierfanden wir die Feierlichkeiten. Die Kirche war mit schwarzen Teppichen, mit dem Wappen der Verstorbenen geziert, und inmitten derselben, von unzähligen Wachskerzen umstellt, wurde der Sarg unter einen prächtigen Katafalk gestellt, der hoch in das Gewölbe hinaufragte. Schöne, alte Seelenmessen und Hymnen erklangen aus den kräftigen Baßstimmen der Mönche mit den Discanten der Knaben; es war dies keine moderne Kirchen-Theater-Musik. Hätten nur nicht die Pfaffen den Eindruck durchihreManövers verdorben. Bald verbeugten sie sich vor unserm lieben Herrgott nach rechts, nach links, bald schritten sie dorthin, bald dahin; dann mußten die Knaben mit Kerzen die Stufen bald hinab, bald hinan steigen. Mir kam es vor, als suchten sie den Herrgott und — als sei er nicht zu Hause und sie müßten warten, bis er käme. Endlich trug man den Sarg aus der Kirche auf den Leichenwagen, nachdem erst das ganze Gefolge ihn mit einem Weihwedel besprengt hatte. Es ist dies ein schönes Bild der persönlichen Theilnahme. Diese schuldet jeder Mensch dem andern an der hohen Pforte der Ewigkeit, und als solche bedienten William und ich, obgleich Protestanten, uns gleichfalls des Weihwassers. Des echten Weihwassers erblickte ich in der ganzen großen Versammlung nur zwei Tropfen, in den Augen des jungen Bourke, als der Sarg hinausgetragen wurde. Die Verewigte war ihm eine gute Tante gewesen: Grafentitel, Reichthum — Alles hatte er ihr zu verdanken.
Brüssel.
Kopenhagen, den 20. Mai 1845.
— — In einem meiner frühern Briefe habe ich erzählt, daß König Louis Philipp mich, als ich einmal bei ihm zur Tafel war, bei der Hand faßte und zu einem Manne führte,der sehr freundlich mit mir sprach, meine Schriften in der deutschen Ausgabe gelesen hatte, und mich bat, ihn zu besuchen. Ich kannte ihn nicht, aber später fand ich heraus, daß es der König von Belgien sein müsse. Die Reise ging also jetzt wieder über Brüssel. Ich war etwas unruhig über diese Einladung, weil ich es immer hinausgeschoben hatte, mich näher zu erkundigen, und jetzt, da es zum Treffen kam, nicht genau wußte, ob es auch wirklich der König sei, der mich eingeladen hatte. Ich studirte vorher Kupferstiche und Büsten — mitunter fand ich Aehnlichkeit mit dem hohen, großen Manne, der mich eingeladen hatte, mitunter nicht.Coopmans, unserChargé d'affaires, kratzte sich auch hinterm Ohre, und sagte: es sei so nicht die Gewohnheit des Königs. Ich antwortete: dann erzeigen Sie mir die Güte, den König zu fragen, ob er es erlaubt, daß ich ihm meine Aufwartung mache, indem ich durch das Land reise. Dies fandCoopmansin der Ordnung; ich wurde zur Audienz angesagt. Es war ganz richtig. Der König sprach lange und freundlich mit mir. Einige Tage darauf wurde ich zur Tafel geladen, wo ich die Königin, die Tochter Louis Philipp's, sah — eine sehr gutmüthige, freundliche Dame — und am Tage darauf reiste ich ab[2].
Hamburg.
Jetzt bekam ich gleichfalls Lust, wenigstens ein Stück von Holland zu sehen, umsomehr, weil es weder mehr Mühe noch mehr Geld erforderte. Wir reisten über die alte Stadt Antwerpen nach Amsterdam, einer interessanten Stadt, die fast aus lauter Kanalstraßen und Alleen besteht. Ich war auch hier genöthigt, einige Tage zu bleiben, um das Dampfschiff, das nach Hamburg ging, zu erwarten. Die holländische Sprache gefiel mir; sie klang mir wie Englisch, ohne französische Beimischung. Endlich kam das Dampfschiff an, wir gingen an Bord und erreichten bald und glücklich Hamburg, das ich gar nicht wiedererkannte;wir stiegen in Streit's Hotel am Jungfernstieg ab. Ich besuchte den Theater-DirectorCornet, der uns gleich Freibillets gab, aber bedauerte, daß wir uns diesen Abend mit seiner kleinen Loge auf der Bühne selbst begnügen müßten. Sämmtliche Billets des ungeheuern Theaters waren schon vergriffen, Jenny Lind sang die Norma. Dort saß ich nun und sah die liebliche nordische Jungfrau nach allen den französischen Talenten — aber sie hat auch Talent und ein gutes Spiel unterstützt ihre ausgezeichnete Stimme. Es schien mir, als seiFreiavon Walhalla herabgestiegen, um einmal die südlichen Musen zu vertreiben. Als der erste Act aus war, hätte das ganze hamburgische Publikum mich beinahe an ihrer Hand zu sehen bekommen, denn ich lief auf sie zu, und ergriff ihre Hand in demselben Augenblick, als der Regisseur: „von der Bühne“ rief, denn sie sollte nach deutscher Sitte hervorgerufen werden. Sie wußte gar nicht, was es für ein Mann sei, der sie so vertraulich anredete und ihr in nordischer Sprache dankte; als sie mich aber erkannte, freute sie sich, und gedachte des Abends, den sie vor einigen Jahren bei mir verbracht hatte.
Die Schauspieler wollten durchaus Correggio vor mir spielen, und somit geboten mir Höflichkeit und Dankbarkeit, einige Tage länger als bestimmt war zu verweilen.Baisonspielte die Titelrolle gut aber ein wenig zu sentimental. Bei dem ConferenzrathDonnerauf Neumühl war ich zu Mittag eingeladen; er hat dort eine herrliche Villa an der Elbe mit Arbeiten von Thorwaldsen und Nissen geschmückt. EtatsrathNagel, der in frühern Tagen Amanuensis beiBrandiswar, gab uns ein prächtiges Frühstück und fuhr uns nach Blankenese. Weil ich von Brandis rede, muß ich eine Anekdote erzählen. Als er in den letzten Athemzügen lag, sagte er: „Der dumme Apotheker N. N. sagte immer die meisten Menschen stürben gegen Mitternacht; und nun kriegt der verfluchte Kerl auch Recht, was mich betrifft, denn ich werde auch ungefähr zwischen 11 und 12 sterben.“
Skandinavisches Studentenfest.Ein sonderbarer Traum.
Fasanenhof, den 5. Juli. 1845.
Meine liebe Maria!
— — Bei der großen Zusammenkunft der Studenten der drei nordischen Reiche, hatte mir das Comité vier Gäste, drei Schweden und einen Norweger, zugetheilt. Sie wohnten in der Stadt in meinen Zimmern; des Mittags kamen sie zu mir heraus und aßen mit mir zusammen, an den Tagen nämlich, an welchen keine öffentlichen Feste veranstaltet waren. Die Norweger und Schweden sind sehr beliebt, nicht allein bei den Studenten, sondern bei allen Einwohnern Kopenhagens. Eine so ungeheure Menschenmasse, wie die, welche sie vom Hafen aus nach der Universität begleitete, ist vielleicht noch nie in Kopenhagen gesehen worden. Viele Damen warfen Blumen auf die lieben norwegischen und schwedischen Gäste von den Fenstern herab. Ich bin überzeugt, daß die jungen Männer, von Achtung und Liebe für die Dänen erfüllt in ihre Heimath zurückgekehrt sind. Sie kamen auch im Zuge zu mir. Ich begrüßte sie in der großen Allee vor dem Fasanenhofe. Sie führten zwei Musikchöre mit sich, eins aus Upsala, eins aus Lund. Ein DocentPettersonaus Upsala hielt eine hübsche Rede an mich, und die Studenten sangen ein schönes Lied. Ich bezeigte ihnen meinen Dank, meine Freude darüber, daß der Funke nordischer Bruderliebe, den ich vielleicht durch meine Gedichte zu entzünden beigetragen, jetzt als eine Flamme in jeder nordischen Brust glühe. Ich sprach meine Freude darüber aus, daß mir so viele Ehre von einer so großen Versammlung in demselben Garten erzeigt werde, wo ich als Kind so lange Zeit einsam in meinen Träumereien umhergegangen sei. Ich bat sie, sie möchten, wenn sie einst wieder mit ihren Söhnen hierherkämen, und der Dichter-Greis nicht mehr sei, denselben sagen: „Hier schlug ein ehrliches, treues Herz für den brüderlichen Norden; in diesem sommerlichen Schatten besuchte ihnYdun und lehrte ihn die Lieder, die noch leben, und durch welche er uns noch frisch und jugendkräftig grüßt.“ — —
Was soll ich Dir jetzt noch erzählen, was Du nicht bereits schon weißt? Ich wüßte nichts. Doch ja — ich habe diese Nacht einen wirklich kuriosen Traum gehabt, den will ich Dir, und zwar ohne alle dichterische Ausschmückung erzählen: „Es träumte mir, ich hatte ein schönes Miniaturbild für ein Taschenbuch gemalt. Alle Menschen sagten, wenn ich das herausgäbe, würde das Buch ganz vorzüglich gehen. Aber dann begegnete mir Winckler (ich war ihm gestern im wachen Zustande im Südfelde begegnet), er bat mich um das Bild — ich gab es ihm, und mußte später viel von meinen Freunden leiden, weil ich mich von einem solchen Schatze getrennt hatte. Aber dann setzte ich mich wieder ruhig hin undmalteeine Daguerreotype so künstlich, daß, wenn man sie von einer Seite sah, war sie Maria mit dem Christuskinde, von der andern Seite stellte sie Christus am Kreuze dar. Dies fand man, sei noch besser, und versicherte mir, daß, wenn ich damit nach Paris ginge, würde ich mein Glück machen und großes Vermögen erwerben. Dies wollte ich denn auch; als ich aber erfuhr, daßRaphaelzufällig in Kopenhagen sei, wollte ich ihm das Bild erst zeigen. Ich besuchte ihn und wunderte mich darüber, daß er einem vornehmen Manne hier ganz ähnlich sah. So sieht Raphael aus? dachte ich. Mit diesen Augen, diesem Blick hat er soviel Schönes und Herrliches gesehen und durchschaut! Ich zeigte Raphael meine Daguerreotype. Er wurde ganz roth im Gesicht und sagte: „„Etwas so Schönes habe ich noch nie hervorgebracht. Hätte ich es doch gemacht! Wenn das dochmeineArbeit wäre! Wollen Sie sie mir nicht schenken, ich könnte es dann fürmeineArbeit ausgeben.““ — Ich war so geschmeichelt und so entzückt, als Raphael den Wunsch äußerte, mein Bild geschaffen zu haben, daß ich rief: „Ja herzlich gern“! und ihm das Bild gab, indem ich doch zugleich über seine moderne Frisur sann, und darüber, daß er ein so kurzes Hinterhaar hatte. Nunhatte ich auch diese Arbeit verschenkt, und mich selbst einer großen Einnahme beraubt, aber es war an Raphael. Ich trat später auf den Marktplatz hinaus, wo ich Raphael's Frau sah, auf einem Fleischerwagen sitzend, mit einer alten Kapuze auf dem Kopf; man sah deutlich, daß sie in ihrer Jugend schön gewesen, sie glich Frau S. Sie hielt das Bild in der Hand und fuhr damit auf dem vollgeladenen Fleischerwagen nach Paris; die großen Fleischstücke im Wagen zeigten sich noch meinem wehmüthig nachblickenden Auge, nachdem das Bild verschwunden war.“
War das nicht ein kurioser Traum? Ich glaube die Veranlassung desselben ist das Gefühl, das mich in dieser Zeit beherrscht, wo ich vier Theaterstücke drucken lasse, ohne sie auf die Bühne bringen zu können.
Heute Morgen, ehe ich noch frühstückte, ging ich in den Garten, und schnitt Georginen und grüne Rosenblätter für Deine zwei Portraits. Das Bild von Gärtner hängt hier in meinem Arbeitszimmer, das andere in dem großen Gartenzimmer, Vaters Büste, welche auf dem Ofen steht, gegenüber. Ich steckte die Blumen über die Rahmen der lieben Bilder. Doch das muß ich Dir sagen, dieser Gruß galt nicht allein Deinem Geburtstage, er ist Dir den ganzen Sommer hindurch gebracht worden. Die Georginen halten sich länger frisch als die Rosen; sie tragen den Namen Deiner seligen Mutter, und wenn ich die Bilder mit ihnen schmücke, däucht es mir, als sei sie, ein seliger Engel, dabei und spräche den Segen des Himmels über ihr Kind. Ich sage dann oft wie Walborg: „Ich grüß' Dich, meine Liebe! Guten Morgen“!
Aber höre jetzt — ich sitze nicht allein hier — eine große schöne Person, mit Blumen angethan, steht im Winkel am Schreibtische, dort wo mein alter Lehnstuhl stand. Diese Person ist — ein neuer Lehnstuhl, der gerade ganz akurat vorgestern hier eintraf, so pünktlich, daß er (oder sie) an diesem Tage in meiner kleinen Stube paradiren und Deine eigene Person vorstellenkonnte. Das ist fast mehr Sinn und Herz, als man von einem Lehnstuhl zu erwarten berechtigt ist. Aber beste Maria! was hast Du auch nicht auf seine Erziehung gewendet! Ein wenig streng bist Du gewesen, denn für jede schöne Blume, die er mir bringt, hast Du ihm unzählige Nadelstiche versetzt. Doch — diese Nadelstiche schmerzten ihn nicht, und mir thaten sie wohl; es sind keine Herzstiche, das versichere ich Dir. Das einzige Schlimme an diesem Lehnstuhle ist, daß ich es nicht über mein Herz gewinnen kann, darin zu sitzen; vom Anlehnen will ich nun gar nicht reden. William hat mir vorgeschlagen, den Stuhl mit einem Netze zu überziehen; darin hat er Recht. In einem Netze will ich Deine Liebe fangen, damit sie nicht davonflattere.
Literarische Wirksamkeit.
— — Ich habe in der letzten Zelt einige Romanzen geschrieben: „Tannhäuser im Venusberge“, „Götz von Berlichingen und der Schmied“, „Die zwei Räuber.“ — Ich denke zum Winter eine kleine Sammlung Poesien drucken zu lassen. Meine Schauspiele sind jetzt unter der Presse. „Das Gespenst auf Herlufsholm“ ist schon beendet und „Garrick“ wird es bald. Dem Theater etwas einsenden, thue ich kaum wieder. Ich habe es satt, mich dem Mäkeln und Kritteln zu unterziehen. „Sucht euch einen andern Knecht“! sagt Göthe im Vorspiel zu Faust. Ich habe jetzt diese Karten der weltlichen Eitelkeit so lange gespielt, habe so oft die Vorhand und Zwischenhand gehabt, und bin mit guten Karten in der Hand beet geworden; kann ich nicht in der Hinterhand sein — und meiner Sache gewiß — sopasseich. Die Welt will immer etwas Neues, und daß Adam Oehlenschläger Schauspiele und Verse schreiben kann, ist ja was Altes und Abgedroschenes. Indessen besucht mich meine Muse doch noch immer, hat mich ganz lieb, und findet mich auch nicht zu alt für ein Liebesabenteuer mit ihr.
Dina in Wien.
Kopenhagen, den 13. December 1845.
Ueber „Dina's“ Schicksal in Wien hatCastellimir die Hiobspost gesandt, daß die Schauspieler gegen sie kabalisirten; aber vor einigen Tagen erhielt ich eine ganz entgegengesetzte Nachricht vom DirectorHolbeinselbst. „Von einer Kabale — schreibt er — ist nicht nur keine Spur vorhanden, sondern vielmehr das Gegentheil. Mit Sorgfalt und Theilnahme für Gedicht und Dichter wird die Aufführung vorbereitet, und bald wird nichts dem schönen Kinde in den Weg treten.“ Da aber der religiöse Schluß, die Scene mit dem Mönch, in dem katholischen Wien nicht geduldet werden kann, so batHolbeinmich, eine „Schlußrede“ für Dina, ehe sie zum Tode geht, zu schreiben. Eine solche habe ich gedichtet und schreibe sie hier ab:
Die Stunde ruft, die Glocke schlägt.Die flücht'gen Gaukelbilder schwinden;Das arme Herz ist tief bewegt —Zum letztenmal — bald wird es Ruhe finden.Und hab' ich auch viel Sorg' und Spott —Nicht ohne eigne Schuld — erlitten —Doch dank' ich für mein kurzes Leben Gott;Der harte Kampf ist ausgestritten.Was klag ich, daß die Freude wich,Daß eitle Hoffnung schnell verschwunden?Weit schöner ist die Ros' als ich,Und lebt nur ein'ge Morgenstunden.Der Greis — oft ohne Lebensglück —Ermattet sank, nach wiederholten Streben.Gesund und jung geb' ich Natur zurück,Die schöne Blüthe, die sie mir gegeben.Und dieses warme, volle Herz, —Im Tode wird es Glück erwerben —Es schwingt sich freudig himmelwärts —Ich weiß es, meine Seele kann nicht sterben.
Die Stunde ruft, die Glocke schlägt.Die flücht'gen Gaukelbilder schwinden;Das arme Herz ist tief bewegt —Zum letztenmal — bald wird es Ruhe finden.Und hab' ich auch viel Sorg' und Spott —Nicht ohne eigne Schuld — erlitten —Doch dank' ich für mein kurzes Leben Gott;Der harte Kampf ist ausgestritten.Was klag ich, daß die Freude wich,Daß eitle Hoffnung schnell verschwunden?Weit schöner ist die Ros' als ich,Und lebt nur ein'ge Morgenstunden.Der Greis — oft ohne Lebensglück —Ermattet sank, nach wiederholten Streben.Gesund und jung geb' ich Natur zurück,Die schöne Blüthe, die sie mir gegeben.Und dieses warme, volle Herz, —Im Tode wird es Glück erwerben —Es schwingt sich freudig himmelwärts —Ich weiß es, meine Seele kann nicht sterben.
Die Stunde ruft, die Glocke schlägt.Die flücht'gen Gaukelbilder schwinden;Das arme Herz ist tief bewegt —Zum letztenmal — bald wird es Ruhe finden.Und hab' ich auch viel Sorg' und Spott —Nicht ohne eigne Schuld — erlitten —Doch dank' ich für mein kurzes Leben Gott;Der harte Kampf ist ausgestritten.Was klag ich, daß die Freude wich,Daß eitle Hoffnung schnell verschwunden?Weit schöner ist die Ros' als ich,Und lebt nur ein'ge Morgenstunden.Der Greis — oft ohne Lebensglück —Ermattet sank, nach wiederholten Streben.Gesund und jung geb' ich Natur zurück,Die schöne Blüthe, die sie mir gegeben.Und dieses warme, volle Herz, —Im Tode wird es Glück erwerben —Es schwingt sich freudig himmelwärts —Ich weiß es, meine Seele kann nicht sterben.
Den 4. Februar 1846.
Dina ist nun aufgeführt, aber das Stück machte kein Glück. Ich verstehe es nicht, den guten Leuten einen echten Wienertrank zu brauen. — Ein wiener Recensent, Namens Andreas Schuhmacher, hat es seinen Landsleuten ganz gut gesagt. Er schreibt:
„Von den zahlreichen Meisterwerken Oehlenschläger's war es der einzige „Correggio“ den Wien von der Bühne herab genießbar fand, und in diesem Werke selbst war es das Künstlerleben, die bühnliche Einheit und Faßlichkeit, und die entschiedene Hinneigung zum sentimentalen Raisonnement, was es allgemeiner zugänglich machte, als die übrigen Dramen Oehlenschläger's sammt und sonders. Auf diesem Boden war Kotzebue den größten Dichtern überlegen, die sich ja glücklich preisen durften, wenn sie mit dieser prosaischesten aller Seelen den Theaterlorbeer theilen konnten. Soviel nur, um darzuthun, daß die eben vom Publikum ziemlich einstimmig abgelehnte Dina nicht schlechter zu sein braucht, als andere von ganz Deutschland bewunderte, von ganz Dänemark gefeierte Dichtungen dieses Meisters. „Hakon Jarl“, „Hagbarth und Signe“, „Axel und Walborg“ würden das gleiche Schicksal mit der Dina theilen, wenn es Jemandem einfiele, sie mitunsernSchauspielern vorunsermPublikum zu geben. Mag die Dina zergliedern, wer will; ein Dichter schrieb sie, das beweist jedes Blatt! u. s. w.“
Meine kleine Tragödie „Das Land gefunden und verschwunden“ hat mir die Theater-Direction selbst aufzuführen angeboten. Es ist kein Knall-Effectstück; für das Historische und Nationale hat man — aller skandinavischen Vereine ungeachtet — nicht viel Sinn. Ich erwarte keine große Wirkung, aber das Stück wird gelesen und mit Achtung selbst von den Stimmgebenden besprochen.
Amleth.
Den 19. April 1846.
Jetzt bin ich schon lange wieder flott. Ihr wißt, ich war diesen Winter eine Zeitlang auf dem Podagra-Riff auf den Grund gerathen. Es wäre nun sehr langweilig gewesen, wenn ich nicht ein Amüsement gefunden, daß auch Andere, wie ich wünsche, amüsiren wird. Ich habe noch einmal ein Herz gefaßt und eine heroisch-nordische Tragödie in 5 Akten geschrieben, um eine leere Stelle an der Wand meiner dramatisch-historischen Bildergalerie auszufüllen. Werde nicht bange, wenn Du das Blatt wendest und liesest: „Amleth.“ Es ist bei weitem nicht meine Absicht gewesen, mit dem unsterblichen Shakespeare zu wetteifern; unsere Trauerspiele unterscheiden sich nicht nur darin, daß er (wievonTyboe sein von) sein H voran, und ich (wie Stygotius) das meinige hinterher setze — sondern die Stücke sind in Composition und Characterenganz und garverschieden, welches Ihr erfahren werdet, wenn Ihr nach Frederiksberg kommt und ich es Euch vorlese. Ich habe bereits die Freude, daß mehrere competente Richter meinen Amleth gutgeheißen haben.
Den 30. Aug. 1846.
Hier sitze ich nun wieder zu Hause auf Frederiksberg mit allen meinen lieben Erinnerungen und sage, wie die verwittwete Königin einst zu mir sagte: „Ich lebe in den Erinnerungen.“ Habe Dank, meine geliebte Maria, für all Deine Liebe! Noch gehe ich nur kleine Touren, die ersten längern werden den Bäumen im Garten und im Südfelde gelten, wo ich Deinen geliebten Namen finde. Küsse die süßen Knaben, meinen Harald, meinen Adam und meinen kleinen Wollert vom Großvater, und sage ihnen: ich käme bald! Ach Gott, die längste Zeit wird bald verstrichen sein.
Comique (wie Harald richtig sagt), oder Commäk (wie Adam sich freier ausspricht), liegt mir zu Füßen. „Paroled'honneur, ick hob' keen andern“! sagt der Jude in Heiberg's „König Salomon“ von seinem Schlafrock. Ein kleiner rother junger Hund, den mir v. d.Maasegeschenkt hat, geht im Hofe umher und heult. Er soll Robin (Roy) heißen. Die Dienstboten nennen ihn Ruben und glauben, er sei nach einem Juden getauft. Leb wohl! Man scherzt oft mit einem schweren Herzen!
Erster Weihnachtstag 1846.
Um zuerst von einem nur geistigen Kinde zu reden — so wirst Du gelesen haben, daß Amleth Glück gemacht hat. Das Stück wurde an meinem 67. Geburtstag aufgeführt, und wenn auch an diesem Tage eine gewisse Pietät für den Vater auf das Kind überging, so erntete doch das Stück vielen Beifall und hat jedesmal ein volles Haus gegeben.
Am ersten Abend nach Aufführung des Stücks, als ich nach Hause gekommen war, brachte mir ein Lakai folgenden Brief vom Könige, der im Theater gewesen war.
„Herr Etatsrath Oehlenschläger! Sie haben mir durch Ihren Amleth einen großen Genuß bereitet. Ihr immer junger Dichter-Geist hat sich kräftig entfaltet und uns Alle begeistert; die Schönheit und Sinnigkeit des Gedichts haben uns zur Bewunderung hingerissen. Ich sehne mich nicht allein in meinem Namen, sondern auch im Auftrage der Königin Ihnen mündlich auszusprechen, was die dänische Dichtkunst Ihnen, dieses großen Vorbildes halber, schuldig ist, und wie sehr ich Sie, mein lieber Oehlenschläger, den Dichter, hochachte, der ich Ihnen heute viele frohe Lebensjahre wünsche.
Kopenhagen, 14. Nov. 1846.
Ihr wohlwollenderChristianR.“
Vorlesungen.
Den 15. Februar 1847.
In diesem Jahre halte ich vor einem großen Auditorium Vorlesungen über meine eigenen Tragödien. Den ersten Abend entdeckte ich dort etwas, was ich in den 37 Jahren, wo ich an der Universität gelesen habe, noch nie wahrgenommen: nämlich eine Dame! Später kam noch eine. Am nächsten Abend waren deren fünf zugegen, dann zwölf, vierzehn. Ich erhielt nun einen sehr hübschen anonymen Brief, worin man mir sagte, daß mehre Damen mich zu hören wünschten, aber daß sie, obgleich man ihnen allerdings gesagt, daß meine Vorlesungen von Damen besucht würden, doch nicht recht wüßten, ob sie erscheinen dürften. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, denn hätte ich öffentlich gesagt: Kommen Sie nur! so wäre eine große Menge herbeigeströmt, zum Theil aus Neugierde. Ich schwieg also und dachte: Wenn sie wissen, daß bereits Damen da sind, so können sie ja ohne weitere Einladung kommen. Indessen wählte ich mir doch einen größeren Hörsaal, und hier stehe ich nun und lese vor einer bunten Reihe von Damen und Herren, die den Saal füllen.
Den 18. April 1847.
Meine Vorlesungen habe ich für diesen Winter geschlossen. Den letzten Tag fand ich in meinem Zimmer einen schönen Blumenkranz und ein schönes Gedicht von einer meiner (anonymen) Zuhörerinnen; ich nehme an von einer der anmuthigsten. Ich kenne keine von Ihnen, denn auf dem Katheder brauche ich keine Brille, und ohne solche vermag ich nicht weit zu sehen.
In dieser Zeit habe ich Amleth ins Deutsche übersetzt, was keine leichte Arbeit war, wenn man die Trimeter dem Genius der fremden Sprache entsprechend, mit Klang und Kraft wiedergebenwollte. Dahl in Christiania verlegt meine neuen deutschen dramatischen Gedichte, nämlich „Dina“, „Garrick in Frankreich“, „Das Land gefunden und verschwunden“ und „Amleth.“