The Project Gutenberg eBook ofMeine Lebens-Erinnerungen - Band 4

The Project Gutenberg eBook ofMeine Lebens-Erinnerungen - Band 4This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4Author: Adam OehlenschlägerRelease date: March 23, 2015 [eBook #48569]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Thorsten Kontowski, Jens Nordmann and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net(This book was produced from scanned images of publicdomain material from the Google Print project.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 4 ***

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Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4Author: Adam OehlenschlägerRelease date: March 23, 2015 [eBook #48569]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Thorsten Kontowski, Jens Nordmann and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net(This book was produced from scanned images of publicdomain material from the Google Print project.)

Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4

Author: Adam Oehlenschläger

Author: Adam Oehlenschläger

Release date: March 23, 2015 [eBook #48569]Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by Thorsten Kontowski, Jens Nordmann and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net(This book was produced from scanned images of publicdomain material from the Google Print project.)

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Ein NachlaßvonAdam Oehlenschläger.Deutsche Originalausgabe.Vierter Band.LeipzigVerlag von Carl B. Lorck.1850.

Nur wenige Worte erlaube ich mir diesem vierten und letzten Bande der Erinnerungen vorauszuschicken.

Das eigene Manuscript des Verfassers endigt mit dem Anfang der Reise im Jahre 1844, Seite 151. Bei der Darstellung seiner spätern Lebensereignisse habe ich diejenigen seiner Briefe benutzt, die in meinem Besitze waren, und Auszüge aus denselben gemacht, je nachdem sie mir passend schienen. In diesen Briefen spiegelt sich seine Individualität so klar und lebendig in den verschiedensten Lebensverhältnissen ab, daß der Leser aus denselben ein weit besseres Bild von ihm erhalten wird, als eine noch so treue Erzählung, selbst wenn mir eine solche glücken könnte, zu geben vermöchte. Die Auszüge enthalten hauptsächlich, was das eigene Leben des Dichters, seine Urtheile und Ansichten über wichtige Zeitverhältnisse und Begebenheiten, Persönlichkeiten, Kunstwerke u. dgl. betrifft. Sollte man auch finden, daß einzelne kleine Züge hätten weggelassen werden können, so muß ich dazu bemerken, daß ich es für meine Pflicht hielt, mich nicht so sehr von Privatrücksichten leiten zu lassen, und daß ich dies und jenes beibehalten habe, was, wenngleich für die Gegenwart von wenigerem Interesse, einem kommenden Geschlechte von Nutzen sein und Aufklärungen geben kann, die man möglicherweise sonst vermissen würde.

Kopenhagen, im März 1851.

Johannes Oehlenschläger.

Literarische Fehde.

Ich hätte noch auf ein Jahr mit Bertouch leicht und angenehm nach Italien reisen können; aber das Heimweh, das mich vor neun Jahren in Rom ergriff, und mich verhinderte, Neapel zu sehen, ergriff mich nun wieder, und verhinderte mich Rom noch einmal zu sehen. Obgleich ich gewissermaßen durch einen freiwilligen Ostracismus aus meinem Vaterlande geflohen war, um den Haß meiner Feinde zu dämpfen, und ich gewiß klug gethan hätte, noch länger fortzubleiben, so konnte ich es doch nicht; ich sehnte mich nach meinem Hause, meinen Kindern; ich konnte nicht länger ohne sie sein. Ich schlug deßhalb Herrn Hjort (jetzt Professor in Sorde) vor, an meiner Statt zu reisen, und da er und Bertouch damit zufrieden waren, zog ich das häusliche Glück im Kreise meiner Lieben vor; aber es zog wieder von mehreren Seiten ein Ungewitter am Horizonte meines Glückes auf.

Baggesen hatte, während ich fort war, ein Singspiel,die Zauberharfe, geschrieben, welche Kuhlau componirte. Aus „Holger Danske“ und „Erik dem Guten“ hatte man bereits gesehen, wie wenig er sich zu dramatischer Dichtung eignete; nun da er „Ludlam's Höhle“ und „die Räuberburg“ als die elendesten Pfuscherarbeiten heruntergerissen hatte, verlangte man natürlich mehr von ihm, und es wurde doch noch weniger. Und hierzu kam noch das Gerücht, daß das Stück nicht Original von ihm sei, sondern daß er es nach einem ihm von einem Andern anvertrauten Manuscripte umgearbeitet habe. Baggesen bewies juridisch sein Recht an dem Stücke; und wenn man es ihm ästethischabsprechen wollte, so konnte dies meiner Ansicht nach nur geschehen, weil es zu mittelmäßig war. Da er nun mehrere Jahre hindurch fast ausschließlich meine dramatischen Werke als der Bühne unwürdig heruntergerissen hatte, so war es ganz natürlich, daß man mit seinem Benehmen unzufrieden war, und wenn es für das Auspfeifen überhaupt eine Entschuldigung giebt, so fand sie sich gewiß hier. Das Schlimmste war, daß Kuhlau's schöne Musik dabei ein gleiches Schicksal leiden mußte; und besser wäre es freilich gewesen, wenn man — was man auch Kuhlau's Genie schuldete — das Auspfeifen unterlassen hätte; um so mehr, als es über Den ausging, den man rächen wollte. Kurz nach meiner Rückkehr sollte Herr Violoncellist Funk ein Benefiz haben. Bei solchen Gelegenheiten wird ein beliebtes Stück gewählt, das Zulauf hat. Da dies nun mit Ludlam's Höhle der Fall war, so wählte er es. Aber das war ein gefundenes Fressen, für meine Feinde. Nun pfiffen sie auch hier; und so ging es mir wie Lars in Freia's Altar, dem Bilbo eine Ohrfeige giebt, weil Clotilde ihm einen Korb gegeben hat. Dergleichen geschieht oft im menschlichen Leben. Das Beste war, daß die Ohrfeige, die mir bestimmt war, weil Thalia Baggesen einen Korb gegeben hatte, mich nicht traf.

Todesfälle.

Aber bald sollte ich einen wirklichen Kummer erleiden. Meine geliebte Schwester Sophia, deren Munterkeit und Lebenskraft so lange gegen den Stoß angekämpft hatte, den sie in dem unglückseligen Scharlachfieber bekommen, mußte endlich unterliegen. Bis zur letzten Zeit war sie die Seele ihres Kreises. Nun kam ein hitziges Fieber und riß sie fort. Das letzte Mal, wo ich sie besuchte, saß sie aufrecht im Bette und sprach irre. „Gott segne Dich, meine gute Schwester,“ sagte ich beim Abschiede. „Ja,“ sagte sie, indem sie auf mich hinstarrte, „das wäre nicht so übel!“ — Ich glaubte doch noch nicht, daß sie sterben würde. O. H. Mynster, ihr Arzt, meinte auch, daß nicht alle Hoffnungverloren sei. Ich ging zwar betrübt, aber doch ruhig nach Hause; es ist nicht meine Art, die Hoffnung aufzugeben, ehe sie mich ganz entschieden verläßt. Ich wollte nach meiner Gewohnheit ein Wenig ins Theater gehen, um mich zu zerstreuen, als mich in demselben Augenblicke eine erschütternde Traurigkeit befiel. Ich ging in mein kleines Zimmer, warf mich auf die Knie und rief weinend: „Ach, meine geliebte Schwester! Nun stirbst Du gewiß in diesem Augenblicke! Habe Dank für alle Deine Liebe und schwesterliche Hingebung! Gott erfreue Dich in seinem Himmel!“ Eine Stunde darauf kam die Nachricht ihres Todes. Sie war gerade in jenem Augenblicke entschlummert.

Im October desselben Jahres verlor ich zwei meiner besten Freunde,Ole Hieronymus MynsterundMichael Rosing. Rosing war viele Jahre hindurch körperlich gelähmt gewesen. Ich besuchte ihn oft und las ihm die Tragödien vor, in denen er leider nicht mehr spielen konnte, die er aber, wie es seine bald funkelnden, bald thränenvollen Augen bezeugten, gut verstand. Wenn ich meine Visiten hübsch regelmäßig wiederholte, sagte er beim Eintreten: „Guten Tag, mein Sohn!“ wenn ich aber zu lange fort blieb, sagte er: „Guten Tag, Herr Professor!“ Bei seiner Beerdigung begegnete ich Rahbek auf der Treppe allein. Wir hatten seit der fatalen Freia's-Altars-Fehde nicht wieder mit einander gesprochen. Ich fiel ihm um den Hals, und nun waren wir die alten Freunde. Mynster wurde an demselben Tage, wie Rosing beerdigt und ich folgte ihnen Beiden zu ihrer letzten Ruhestätte.

Mein William hatte einen braunen Fleck auf dem Kinn, den ich gern beseitigt gesehen hätte. Ich hatte gehört, daß es hälfe, wenn man ihn mit dem Finger einer Leiche berührte, und wollte dieses Experiment versuchen. Ich fragte den kleinen vierjährigen Knaben, ob wir Mynster besuchen wollten. Das Kind wußte nicht, daß Mynster todt sei und konnte sich überhauptnoch keinen Begriff vom Tode machen. Mit Erlaubniß der Familie traten wir in die Leichenkammer. Es war dasselbe Haus, in dem der Verstorbene und ich so oft lustig mit einander gescherzt hatten. Nun lag er still und ernst da, als ich das Tuch zurückschlug: „Der gute Mynster schläft!“ sagte ich leise, „komm, William, willst Du ihn sehen?“ — Der Knabe näherte sich furchtsam, ich berührte sein Kinn mit dem kalten Finger der Leiche, und wir eilten fort. Erst auf der Straße fragte William: „Vater: warum war Professor Mynster so weiß im Gesicht?“ Ich gab ihm eine beruhigende Antwort. Die Kur half nicht; erst ein paar Jahr später verschwand der braune Fleck durch Hülfe des Professors Jakobsen, und hinterließ nur eine unbedeutende Narbe.

Der kleine Hirtenknabe.

Wenn die lieben Todten uns verlassen, knüpft uns das Band fester an die Lebenden. Das Jahr vorher hatte ich meine Tragödiedie Blutbrüder, schön gebunden von Paris, ebenso wie mehrere Jahre vorherHakonund andere nach Hause geschickt. Meine Frau hatte mir von der Freude geschrieben, die sie, Karl Heger, Boye und Hauch durch die plötzliche Ueberraschung gehabt haben, und ich beschloß selbst ein Mal, Zeuge einer solchen zu sein. Auf Friedrichsberg, wo Madame Voigt, die Wittwe des Schloßverwalters die Güte hatte, mir einige Jahre hindurch Zimmer für den Sommer zu überlassen, schrieb ich denkleinen Hirtenknaben, ließ ihn hübsch einbinden, und packte ihn mit einem Briefe ein, als ob er mit der Post von Paris käme. Eines Freitags nach Tisch, als die Leute beim Kaffee saßen, kam das Mädchen herein und brachte der Frau vom Hause das Paket. — Sie machte große Augen, wurde angenehm überrascht, und nun konnte ich, nachdem ich mich an der Verwunderung Aller geweidet hatte, mich selbst hinsetzen und ihnen das Stück vorlesen. — In demselben Jahre, am3. September, schenkte mir Gott als Ersatz für so viele Verluste, meine jüngste Tochter Maria Louise.

Eine neue Bekanntschaft, die ich in der letzten Zeit gemacht hatte, und die zu einer wahren Freundschaft wurde, war die der liebenswürdigen GeneralinHegermann-Lindenkrone, vielleicht das poetischeste weibliche Gemüth, das Dänemark besessen hat; und in ihrem Familienkreise fand ich durchaus das Gepräge des freundlichen Geistes, der ihre Gedichte beseelt.

Im Jahre 1818 schrieb ich noch das LustspielRobinson in England. Ich hatte auch die Freude, unsern großen Landsmann Thorwaldsen wieder im Vaterlande zu sehen. Wir wetteiferten Alle, ihm zu huldigen, und bei dem Feste auf der Schießbahn, hielt ich eine Rede, und dichtete ein Lied, welches bei Tisch gesungen wurde, und sich in meinen Werken abgedruckt findet.

Die Götter des Nordens.

Die Götter des Nordens, eins meiner Hauptwerke, wurde im Jahre 1819 gedichtet. Ich wandte hier ebenso wie in Helge verschiedene Versarten zu diesen zwar zusammenhängenden, aber im Charakter und Wesen sehr abweichenden Fabeln an. Thor's Reise nach Jothunheim (bereits im Jahre 1805 gedichtet) diente dem Ganzen als Einleitung.

Am 28. November starb mein Waulundur, Christiane's Vater, mein alter Freund der Conferenzrath Hans Heger, mit dem ich mehrere Jahre hindurch in kindlichster Vertraulichkeit gelebt hatte. Er liebte mich wie ein Vater, und jedes Lorbeerblatt, das ich gewann, war, als ob er es selbst gewonnen. Der, welcher meine Gefühle für ihn näher kennen zu lernen wünscht, den verweise ich auf das Gedicht, welches ich bei seinem Tode, und auf ein anderes, welches ich kurz vorher zu seinem Jubelfeste schrieb. Beide befinden sich in meinen Werken.

Tordenskjold. Erik und Abel.

Meine folgenden Arbeiten (1820) war das SingspielTordenskjoldund die TragödieErik und Abel. — Tordenskjold wurde angenommen und honorirt, aber nicht aufgeführt. Es hieß: „daß dieses Stück nicht aufgeführt werden könne, weil König Friedrich IV. darin auftrete.“ Die Erlaubniß, dänische Könige auf die Bühne zu bringen, ging nicht weiter, als bis zur Souverainetät. Christian IV. konnte folglich auftreten, aber Friedrich IV. nicht. Außerdemsanger im Stücke. Mir wäre Nichts leichter gewesen, als dieses Lied zu streichen; ja mit geringer Mühe hätte ich auch das Stück so umarbeiten können, daß der König nicht darin auftrat; aber dadurch hätte die Scene mit Tordenskjold an dramatischer Wirkung verloren; außerdem wußte ich, daß nichtdeßhalbdas Stück verworfen wurde, und als nun mein Freund Collin als Theaterdirector an betreffender Stelle darauf aufmerksam machte, daß das Stück angenommen sei, und daß es nicht anginge, mir meine Einnahme zu entziehen, so erhielt ich vierhundert Thaler, und war froh, da ich gern allen Chikanen ausweichen mochte, denen ich ausgesetzt war, wenn meine Stücke gespielt wurden, aber nicht das Geld entbehren konnte. Außerdem wußte ich, daß eigentlich nicht der angeführten Gründe wegen das Stück verworfen wurde; aber Rahbek vertraute mir, daß es folgendermaßen zusammenhänge: Ich hatte das Stück bei Schimmelmann's in einer großen Gesellschaft vorgelesen, wo Hofdamen und Hofherren zuhörten, und diesen gefielen die Scenen mit dem Matrosen nicht, der von Tordenskjold's Extraction von dem Kutscher der vornehmen Frau, u. s. w. spricht.

„Hättest du Ihnen wenigstens Namen alsspeciesgegeben,“ sagte Rahbek, „so hätten sie es vielleicht gehen lassen; aber nun wurde der vernünftige und der unvernünftige Hofmann als Genus genannt, und das konnte man nicht leiden.“ Das Stück wurde also nicht gegeben, und harrt noch eines guten Componisten, um vielleicht zu einer Zeit zu gefallen, wo dergleichen Einwendungen nicht mehr gemacht werden.

Tod Thaarup's.

Man las das Stück mit Vergnügen; ich hatte es Thaarup dedicirt, und hatte die Freude, diesen edlen Dichtergreis ganz zu gewinnen, der sich eine Zeitlang zur Partei meiner Gegner geschlagen hatte. In seinem letzten Lebensjahre besuchte er mich oft. Schon früher hatte sein gutes Herz und seine poetische Natur das Widerstreben oft besiegt, welches der Aeltere zuweilen empfindet, den Jüngern anzuerkennen. — Als ich das erste Mal ins Ausland reiste, sagte er zu Steffen Heger: „Wenn die Deutschen ihn nur nicht verderben!“ Heger las ihm als Antwort Etwas aus meinem Aladdin vor, und als Thaarup es gehört hatte, strich er sich auf seine gewöhnliche humoristische Weise das Kinn und sagte: „Laß ihn nur gehen! er wird sich schon hüten!“ — Ich hatte stets den Dichter des Erntefestes geliebt, und als er kurz darauf starb, schrieb ich aus vollem Herzen:

So lang noch Fischerdörfer stehnAm dän'schen Strand beim Meerestang,So lang noch Wellen rauschend gehn,Stirbt,Ewald, nimmer dein Gesang.Doch,Thaarup! auchdeinBildniß lebt,Dein Lied klingt immer frisch und neu,So lang noch wer die Sense hebt,Und mäht das reiche, duft'ge Heu.Und weht die Fahne stolz und frei,Das weiße Kreuz auf rothem Grund,So denkt, der Dän' des Lieds dabeiDas ihr zu Ehren sang dein Mund.

So lang noch Fischerdörfer stehnAm dän'schen Strand beim Meerestang,So lang noch Wellen rauschend gehn,Stirbt,Ewald, nimmer dein Gesang.Doch,Thaarup! auchdeinBildniß lebt,Dein Lied klingt immer frisch und neu,So lang noch wer die Sense hebt,Und mäht das reiche, duft'ge Heu.Und weht die Fahne stolz und frei,Das weiße Kreuz auf rothem Grund,So denkt, der Dän' des Lieds dabeiDas ihr zu Ehren sang dein Mund.

So lang noch Fischerdörfer stehnAm dän'schen Strand beim Meerestang,So lang noch Wellen rauschend gehn,Stirbt,Ewald, nimmer dein Gesang.Doch,Thaarup! auchdeinBildniß lebt,Dein Lied klingt immer frisch und neu,So lang noch wer die Sense hebt,Und mäht das reiche, duft'ge Heu.Und weht die Fahne stolz und frei,Das weiße Kreuz auf rothem Grund,So denkt, der Dän' des Lieds dabeiDas ihr zu Ehren sang dein Mund.

Ungefähr zu derselben Zeit gewann das Theater und besonders meine Stücke sehr viel durch das Erscheinen der beiden großen Talente FräuleinBrenöeund HerrnNielsenauf dem Theater.Foersomwar vor drei Jahren gestorben; in Rygehatten wir den Mann, den charakteristischen Helden, den Greis für die Tragödie, aber es fehlte uns noch der Held als Liebhaber und die Liebhaberin. — Diesen Mangel füllten Herr Nielsen und Fräulein Brenöe aus. — Nielsen trat alsAxelauf, zeigte was wir von ihm erwarten konnten und hatte unsere Erwartungen nicht getäuscht. Unter Fräulein Brenöe's ersten Rollen war Sophia in Erik und Abel, in der sie gleich die anmuthige und gefühlvolle Natur an den Tag legte, durch die wir später immer gerührt wurden. Ihr Genie für die Bühne zeigte sich bald in großem Umfange.

Erik und Abel.

Der kleine Hirtenknabe hatte Glück gemacht. Erik und Abel machte es auch (1821).Feindliche Brüdertragisch darzustellen, ist ein alter Stoff, an dem sich auch Neuere versucht haben. Wenn aber La Harpe vonRacine's frères ennemissagt:Sujet, qui ne pouvait guère réussir sur notre théâtre; ni l'un, ni l'autre des deux frères ne peut inspirer d'interet; tous deux sont à peu près également coupables, également odieux etc.— so paßt das nicht auf Erik und Abel. Der Erstere kommt seinem Bruder versöhnlich entgegen und rührt uns, da er in einem frommen Augenblicke ohne es zu ahnen von der Hand des Meuchelmörders fällt. An dem unglücklichen Abel rächt sich später, eben so rührend, das erwachende Gewissen. Der bloßeHaßkann nie tragisch sein, ebensowenig, wie irgend ein anderes Laster; aber der Kampf des Hasses, des Lasters mit den edlern Eigenschaften in der Brust des Menschen, der Sieg oder die Niederlage desselben, dichterisch dargestellt, interessirt, begeistert und rührt.

Ich falle durch.

In dieser Zeit war ich zwei Mal in Lebensgefahr, und das merkwürdigerweise auf der Bühne in meinen eigenen Stücken. EinesAbends, als der kleine Hirtenknabe aufgeführt wurde, und ich gegen meine Gewohnheit auf die Bühne gegangen war, um mit Ryge zu sprechen, stürzte eine der größten Coulissen dicht an meinem Kopfe nieder. Wäre sie zwei Zoll näher gekommen, so hätte sie mich getödtet, und man hätte dann bei dem Aufgange des Vorhangs die Blutspur dem Publikum zeigen können; wo der Dichter des kleinen Hirtenknaben sein Leben beschlossen hat. — Das zweite Mal war es auf einem Privattheater. Ich war wieder in Borup's Gesellschaft eingetreten, und spielte zuweilen, wenn auch selten mit. Nun wollte man daselbst einmal Correggio aufführen, und wünschte, daß ich Michel Angelo's Rolle spielen solle. Ich that es; aber obgleich mein Spiel nicht mißfiel, so fiel ich doch in meinem eigenen Stücke durch. Ich ging nämlich beim Schluß des dritten Actes zur linken Seite hinaus, wo ich vorher nicht gewesen war. Einen einzigen Schritt weit von der Coulisse war eine Oeffnung nach dem Keller mit einer schmalen Treppe auf der entgegengesetzten Seite. Ich ahnte eine solche Fallgrube nicht, stürzte die Treppe hinab, und kam glücklicherweise davon, indem ich mir nur Haut und Fleisch am Schienbein verletzte. Es war doch ziemlich schlimm; denn ich konnte drei Wochen lang nicht gehen. Wenn ich einen Schritt mehr seitwärts getreten wäre, so wäre ich in den Keller gestürzt, und hätte wahrscheinlich den Hals gebrochen. — Als ich nach überstandener Gefahr und glücklich hergestellt, meinem Freunde J. P. Mynster dies Ereigniß und den ähnlichen Unfall erzählte, den ich vor zwölf Jahren in Italien zwischen dem vierten und fünften Acte Correggio's, den ich damals schrieb, in der Cascade in Tivoli gehabt hatte, sagte er: „Nun ja! das nächste Mal kommt es also zwischen dem zweiten und dritten Acte!“

In diesem Jahre verließ uns mein Freund Hauch, um ins Ausland zu reisen.

Holberg's Jubelfest.

Im Jahre 1822 sollte Holbergs Jubelfest begangen werden. Es war 100 Jahre, seitdem der große Dichter Dänemark durch seine erste Komödie, den politischen Kannegießer, erfreut hatte; und dieserDichterHolberg war derselbeProfessorHolberg, der Dänemark seine historischen Werke geschenkt hatte; und dieserProfessorHolberg war derselbeBaronHolberg, der Dänemark seine Baronie Soröe verehrt hatte. Ursachen genug, sich seiner mit Dankbarkeit zu erinnern. Und doch war der Enthusiasmus nicht sonderlich groß. DieDamenkönnen Holberg nicht leiden, weil er plump ist, weil keine Liebe in seinen Lustspielen vorkommt, und die Damen haben in Sachen des Geschmackes einen entschiedenen Einfluß auf dieMänner. Was die Plumpheiten betrifft, so ist es leicht, die schlimmsten bei der Aufführung fortzulassen; und von der Liebe ist eigentlich auch nicht die Rede; aber Holberg's Stücken fehlt eine gewisse galante Plaisanterie; es wird nicht die Cour in ihnen gemacht, und das ist das Unglück! Wollten doch unsere Modedamen, die sich sonst soviel nach den Pariserinnen richten, von ihnen unsern Holberg so achten lernen, wie jene ihren Moliere schätzen; und wo die Dame, die Molière's muntern Witz und gesunde Satyre nicht zu schätzen weiß, für eine Gans gehalten wird.

Doch waren Leute genug von Geschmack und Verstand beiderlei Geschlechts in Kopenhagen, um das Fest zu feiern. Es wurde mir übertragen, ein dramatisches Vorspiel zu schreiben, und ich hatte die Freude, vier Abende kurz hinter einander die Anwesenden für unsern unsterblichen Dichter zu begeistern.

Robinson in England.

Da dieses Jubelfest so die Herzen im Tempel Apollo's verschmolzen hatte, schien es mir, daß es einmal Zeit sei,Robinson in Englandspielen zu lassen. Freilich hatte ich gehört, daß Mehrere unzufrieden mit der Theescene im Stück seien, weil sie darin Beziehungen auf sich zu finden glaubten. Ein Dichter kann nicht aus dem Nichts schaffen, und eine Satyre,die nicht die Mißbräuche der Zeit trifft, ist ohne Salz; aber ich war mir bewußt, daß sich keine Persönlichkeiten im Stücke fanden, und viele, die es gelesen, wünschten es aufgeführt zu sehen.

Rahbek, mit dem ich bei der Beerdigung unseres gemeinsamen Freundes O. H. Mynster wieder ganz versöhnt worden war, schrieb mir folgenden Brief darüber:

„ Ich danke Dir für Dein Lustspiel, das ich gleich zu lesen anfing, das ich nicht von mir legen konnte, bis ich es ausgelesen hatte, und ich beeile mich es Dir zu senden, damit es gedruckt, angenommen und aufgeführt werden könne, da wir so lange keine gute Originalcomödie gehabt haben.

Ich habe Dir, wie Du siehst, bereits gesagt, daß Deine Komödiegutist, und trage kein Bedenken, hinzuzufügen, daß der ganze Theil, der zwischen Selkirk, William, Betty, Defoe und Sir Robert Edgarson, außerordentlich schön ist; nur möchte ich Du wolltest Peter, wie die Gärtner es nennen,strafen, d. h. etwas beschneiden. — Ich muß übrigens bei dieser Gelegenheit bemerken, daß, wie ich stets die drei ersten Acte Deines Correggio's für einen Nathan der Weise überKunstgehalten habe, so finde ich, daß die Scene im Gelehrtenklub ein lucianischer Dialog über sogenannteKritik, oder ein lehrreicher Commentar über Lessing's Worte sei, daß der, welcher eine Art von Kunstschönheiten schätzen könne, sei es als Dichter oder in andern Künsten, sich darum nicht einbilden darf, daß er alle zu beurtheilen verstehe; da es keine schlechtere aber auch keine gewöhnlichere Kritik giebt als die, welche incommensurable Größen mit derselben Elle mißt. Also — „Courage, mon ami! Voilà la bonne comédie, et peut-être quelque-chose de mieux!“

Ich ließ also das Stück aufführen, und es gewann großen Beifall.

Ein ausgezeichnetes Talent wurde erst bei dieser Gelegenheit erkannt und geschätzt. Unser witziger komischerRosenkildeerwarb sich als Peter reichen Applaus.

Aber — es war ganz richtig — dieTheescenekonnte man nicht leiden, und obgleich sie ganz ohne Persönlichkeiten war, so wollte man doch Persönlichkeiten darin finden. Dies genügte einer gewissen Partei, mich zu kränken und Lärm im Stücke zu machen. Die unsinnigste Einrichtung, welche der Unverschämtheit und Ungerechtigkeit eine Hinterthür im Tempel der Musen öffnet, von der aus sie, ohne das geringste Risiko, ihres Sieges sicher, Geschmack und Genie verhöhnen können, fand früher im Theater und findet leider noch jetzt darin statt. Aus alten Zeiten her, wo man das Theater wie eine Bretterbude betrachtete, in welcher Menschen, die nicht auf qualificirte Achtung rechnen durften, sich dazu hergaben, die Leute wie andere Gaukler zu amüsiren, und wo die Stücke, welche man spielte, als eine Art Spaß betrachtet wurden, die nur hierzu daseien, und also von den Launen der hohen Herrscher (des Publikums) abhingen, nahm man an, daß das tyrannische Recht, das Urtheil über Leben und Tod eines Stückes zu fällen, mit den paar Groschen bezahlt sei, die man für ein Billet gegeben hatte. Dieses Recht wird noch jetzt geachtet. Jeder hat das Recht, sein Urtheil zu fällen. Das mag nun sein, und obgleich das Pfeifen im Theater eine alte Unsitte ist, die abgeschafft werden sollte, so könnte man sich doch wohl hierein finden, wenn es so eingerichtet wäre, daß das Publikum selbst das Urtheil fällen dürfte. Und aus Achtung für das Publikum ist ja diese Erlaubniß gegeben, sodaß die öffentliche Meinung den Ausschlag geben kann. Aber in der Art der Erlaubniß, die hier herrscht, liegt eine ebenso große Beleidigung gegen das Publikum, wie gegen den Dichter, der das Stück geschrieben hat. In Paris (von wo wir doch, was die Theatereinrichtung betrifft, unsere ganze Weisheit geholt haben) ist es ganz anders. Dort ist dieser Streit zwischen den Meinungen so gestattet, daß es ein wirklicher Streit wird, der sich mehr oder weniger auf ein ästethisches Urtheil stützt. Dort pfeift man in einem Stücke gleich an den Stellen, von denen man glaubt, daß sie es verdienen.Wenn diese Stellen nun von einer andern Partei in Schutz genommen werden, so kommt es darauf an, welche von beiden die siegende ist. Es trifft sich äußerst selten, daß die Meinungen gerade gleich getheilt sind. Die stärkere Partei siegt, die schwächere muß schweigen, und wenn das nicht geschieht, so heißt es: „A la porte!“ und die Spectakelmacher müssen hinaus, wenn sie nicht ruhig sein wollen. So vermag das Stück zu siegen, und das Publikum das Stück bis zu Ende zu sehen. Hier ist keins von beiden möglich; erst wenn der Vorhang fällt, ist es zu pfeifen erlaubt, früher zehn, jetzt fünf Minuten, bis das Gongon ertönt, dann kommt die Polizei und bringt die noch Pfeifenden fort. Aber in fünf Minuten können zwei, drei Menschen mit gellenden Pfeifen in größter Ruhe und unter dem Schutze der Polizei dem ganzen Publikum opponiren; und da das Schrillen der Pfeifen viel stärker ist als das Händeklatschen, so kann es dem Ohre so erscheinen als wenn der Kampf fast gleich wäre. Dies kann so oft wiederholt werden als Jemand Lust dazu hat, und das Pfeifen gilt nur den Dichtern, nie den Schauspielern; denn da erst gepfiffen werden darf, wenn der Vorhang gefallen ist, so kann der Tadel nie diese treffen.

So wurde auch einige Abende hintereinander von einigen Wenigen nach der Vorstellung vonRobinson in Englandgepfiffen, während ein stürmischer Beifall des ganzen Hauses vergebens suchte, sie zu unterdrücken. Ich war selbst im Parket zugegen und blickte mit Gleichmuth auf die Pfeifenden, bis Collin mich einmal bat, fortzubleiben, um sie nicht zu irritiren. Das that ich denn auch, und so hörten sie endlich zu pfeifen auf, und das Stück wurde in aller Ruhe gespielt.

Ich hatte bisher fast alle meine dänischen Dramen und Erzählungen in das Deutsche übersetzt, auch einige lyrische; an das Epische wagte ich mich nicht. Nun bekam ich Lust, das neuere deutsche Publikum mit unserm großen Holbergbekannt zu machen. Herr Brockhaus in Leipzig übernahm den Verlag.

Die Inseln im Südmeer.

Und als ich wieder in die Uebung gekommen war, soviel Deutsch zu schreiben, bekam ich Lust, wieder einmal Etwas von vorn herein in dieser Sprache zu dichten, was, seit dem Correggio, nicht geschehen war. Ich bearbeitete mein altes LieblingsbuchAlbertus Juliusganz frei, und benutzte nur seine guten Hauptsituationen. Der Stoff gab mir Gelegenheit, eine Menge Charaktere zu schildern; poetische Begebenheiten zu erfinden und sie in natürliche Verbindung zu bringen. Man muß dieInseln im Südmeernicht wie einen einzelnen Roman, sondern wie einen Cyklus von Erzählungen betrachten; nicht in einer losen Verbindung (wie in Tausend und einer Nacht oder wie in Boccaccio's Decameron), sondern im innern poetischen Zusammenhang und in einem Vereinigungspunkt von gemeinsamem Interesse. — Ueber dieses Werk erschienen in Deutschland drei für mich ehrenvolle Recensionen; einige andere rissen es herunter. In Dänemark wollten die Inseln im Südmeer lange Zeit nicht schmecken. Ich hatte die dänische Uebersetzung auf Subscription erscheinen lassen; glaubte man vielleicht, es koste zu viel und sei zu viel auf ein Mal zu lesen? ich weiß es nicht; genug, man war mit dem Buche unzufrieden, und ich glaube ganz besonders die, welche es nicht gelesen hatten.

Uebrigens will ich gern gestehen, daß die Inseln im Südmeer einen üblichen Fehler von Romandichtungen hatten, das Werk war zu weitläufig. Ein Drittheil hätte zum Vortheil des Werkes fortgelassen werden können. Dies ist bei den neuen Auflagen sowohl im Dänischen wie im Deutschen geschehen.

Brief an Walter Scott.

Obgleich ich nun in diesen größtentheils erotischen Erzählungen keineswegs Walter Scott nachzuahmen suchte, der fast gar nicht erotisch ist, so wird doch das folgende Fragment eines Briefes, den ich diesem großen Mann mit meinen Schriften ungefähr zu derselben Zeit sandte, da ich meinen Roman dichtete, den Leser überzeugen, wie sehr ich ihn bewunderte und liebte.

„Dem herrlichen Dichter, mit dem ich in vertrauter Bekanntschaft gelebt habe, danke ich einen mehrjährigen Genuß, ohne ihn jemals mit meinen irdischen Augen gesehen, ohne jemals seine Stimme gehört oder einen Druck seiner Hand empfangen zu haben. Ich kenne ihn nicht, aber ich kenne seinen rothhaarigen Campbell mit den langen Armen und der ausgedehnten Wirksamkeit; seine holde Diana Vernon, die in ihrer Kälte, wie der Mond leuchtet; seinen kräftig-schrecklichen Mac Merilles; seinen in seiner Unbedeutendheit höchst poetischen Simson mit den schiefen Beinen; seinen königlichen Bettler in dem zerfetzten Gewande. Ich sehe seine entsetzlichen Schwärmer in der dunkeln Hütte, wie sie auf die Uhr blicken und sie auf Zwölf stellen, damit sie ihre Opfer tödten können. Ich sehe Allen Mac Auley in seinen Plaid gehüllt mit stolzem, gerührtem Seherblick, einen wunderbaren Gegensatz, wie ein Funke in der Asche zu der fast erloschenen Flamme des Alterthums, zu dem sanguinischen, launischen Egoisten Dalgetty bilden. Ich sehe Maria Stuart, frei selbst als Gefangene, in ihrer Anmuth, und Elisabeth in ihrem eifersüchtigen Geistesgefängniß auf dem Throne. Ich finde dem Herzog von Argyle in dem schönsten Verhältniß zu der heroisch anmuthigen Jenny Deans. Die jüdische Madonna Rebecca erweicht mein Herz; und in der Schilderung ihres Vaters und des Narren Wamba, finde ich — wie in Allem — Shakespeare's Landsmann und Nachkommen. Der stolze Fergus rührt mich auf dem Wagen zur Richtstätte. Ich bin heimisch in Schottland, ohne dort gewesen zu sein; ich kenne die einsamen Wege über die Moräste des Landes hin nach den fernen Bergen; die Hütten mit ihren Rauchsäulen, die Felsen mit ihren Höhlen, den Bach mit seinen Elfen, das Kloster mit seinen Mönchen, die Burg mit ihren Rittern. Ja selbst in Glasgow habe ich einen vertrauten Freund in dem liebenswürdigen, thätigen Spießbürger Jarwin.“

„In allen diesen Gestalten treffe ich stets einen in den verschiedensten Gesichten sich offenbarenden Genius, den großenDichter selbst; und diesem schreibe ich diese Zeilen, um ihm meine Gefühle an den Tag zu legen.“

Walter Scott.

Walter Scott gestand bekanntlich damals noch nicht, daß er der Verfasser der Romane sei; von seinen andern Poesien hatte ich in meinem Briefe nicht viel gesprochen. Er konnte mir also nur durch dritte Hand als Anonymus danken; das that er denn auch auf das Freundlichste und sagte mir viel Verbindliches, indem er mir auch seine Werke, sowohl die Gedichte, wie die Romane sandte.

Wir schrieben uns später einige Male. Sir Walter Scott wollte mir einen englischen Verleger für die Inseln im Südmeere verschaffen, die Herr Gillies nach dem deutschen Manuscripte, das ich ihm sandte, zu übersetzen versprochen hatte. Aber obgleich ich oft ehrenvoll im Edinburgh Magazine besprochen und stückweise übersetzt war, und obgleich Sir Walter Scott eine Vorrede zu meinem Romane schreiben wollte, gelang es ihm doch nicht, einen Verleger zu finden, der soviel bezahlen wollte, daß Herr Gillies und ich Vortheil davon haben konnten, wenn wir das Honorar theilten. Walter Scott, dem es leid that, nicht durchführen zu können, was er gehofft und wozu er mich selbst aufgemuntert hatte, schrieb an Feldborg, der damals in London war und meine Commission übernommen hatte: „Mr. Cadel says,no German Workhas ever stood the expence of translating; and we know how very small that is. In short, I had the mortification to see, that he is not in humour with the undertaking. I wish, you would look into Constables shop, and talk with Cadel on the subject. He will tell you, that I offered to do any thing in my power, to make the British public acquainted with Mr. Oehlenschlaegers merit, and I will turn your evidence, that the matter does not miscarry for lack of zeal on my part.“

Uebrigens war für meinen Antheil nur die Rede von hundert Pfund. Kurze Zeit darauf hatte Sir Walter Scott selbst das Unglück, durch den Bankerott des Herrn Constableein bedeutendes Vermögen zu verlieren, aber er verschmerzte seinen Verlust und hat uns später mit mehreren Werken erfreut, unter denen z. B. Quentin Durward und das schöne Mädchen von Perth sich mit jedem seiner besten Werke aus früherer Zelt sicherlich messen können.

Johann Ludwig Heiberg.

Indessen versahen andere Dichter die dänische Literatur und Bühne reichlich mit ihren Werken.

Ludwig Heiberghatte bereits im Jahre 1814 sein Marionettentheater herausgegeben. Ein paar Jahr, bevor es gedruckt wurde, sah ich eins dieser Stücke, ich glaube Don Juan, bei seiner Mutter, Frau Gyllembourg, aufführen, und der poetische Geist und Ton darin, überraschte mich und gefiel mir ganz besonders. Das Stück wurde gut gespielt, woran ohne Zweifel der Dichter selbst Theil nahm. Es war auch wirklich etwas Kindliches darin, das mich rührte. Dies kam vielleicht zum Theil von der Erinnerung vergangener Jahre, wo der Dichter selbst Kind bei seiner Mutter gewesen war, deren Weihnachtsfeier, mit ihren Geschenken und Spielen sich diesem Marionettenspiele näherten, theils rührte mich dasKunstkindlicheim Marionettenspiele selbst, die Erinnerungen an Kasperle im Thiergarten u. s. w. Vor mehreren Jahren hatte ich in Halle die Marionettentragödie Faust gesehen, in der sehr viel Gutes ist, besonders in den tragikomischen Scenen, und die Lessing in seiner Dramaturgie lobt. Und so mangelhaft es auch ist, könnte man doch wünschen, tragische Werke öfter so aufführen zu sehen; man müßte dann aber auch selbst soviel Phantasie mitbringen, daß sie die sonst unaufhörlich gestörte Illusion ersetzen kann.

Um ein großes tragisches Drama mit vielen Personen aufzuführen, wird ein großes Personal von so poetisch gebildeten Menschen erfordert, wie man sie selten findet. Im Marionettenspiele kann man sich die Diction vonwenigenunsichtbar Spielenden meisterlich gesprochen denken, die mehrere Rollenausführen. So wurde es ein Zwischending von Vorlesung und einem Bilde fürs Auge, mit dem man doch nicht zu scharf sehen, oder es bewaffnen durfte, wenn man nicht den Mangel der Pantomime entdecken wollte.

Als Heiberg diese Stücke:Don JuanundTöpfer Walter, drucken ließ, nannte er sie noch: Marionettentheater, weil er meinte, „daß der kindliche Geist der der eigentliche Charakter des Marionettentheaters ist, sich mehr oder weniger sichtbar durch dasselbe ziehe“. Aber hierin kann ich doch nicht mit ihm einig sein. Erstens liegt kein kindlicher Geist in irgend einem der Stücke des alten Marionettentheaters selbst; es war dieKunstin der Kindheit, die etwas Naives in ihren gestrandeten Versuchen und ihrer kecken Unwissenheit hatte. Diese Heiberg'schen Stücke sind, wenn man sieliest, durchaus nicht kindlich. Das erste:Don Juan, ist eine sehr gute freie Behandlung von Molière's Drama, besonders in den komischen Partieen. Aber ein Schauspiel, das Laster, Verbrechen, Ausschweifungen, Leichtfertigkeit und Spott, Scherz, Abscheu und Entsetzen darüber darstellt, kann doch nicht kindlich genannt werden. DerTöpfer Walterist ohne Zweifel eine der poetischsten Dichtungen Heiberg's; besonders ist die Scene mit Walter und Ulf, wo der erste Gott und der Natur eine ewige Freundschaft schwört, sublim und tragisch erschütternd. Aber wenn man die Stellen ausnimmt, wo Doctor Pancreas Prügel bekommt, ist doch Nichts darin, das an das Marionettenspiel erinnert. Das Verhältniß zwischen Rosa und Walter ist anmuthig und rührend; aber merkwürdig ist es, wie der junge Dichter bereits hier fürchtet sentimental zu sein, sodaß er sich (mit der später so sehr gepriesenen Ironie) beeilt, den Eindruck auf den Leser zu vernichten, den seine Begeisterung geweckt hat, indem er Harlekin mit einer Plattitüde das Stück beschließen läßt.

Ein paar Jahr später erschien Heiberg'sWeihnachtsscherz und Neujahrsspiele, eine Fortsetzung meines Sct. Hansspieles. Dieses Stück steht ohne Zweifel den frühern umVieles nach. Es ist in seiner ganzen Composition eine Nachahmung von Tieck's „gestiefeltem Kater“, „Zerbino“ und der „verkehrten Welt“. Der ganze Spaß, die Illusion aufzuheben, und die Zuschauer selbst mit in die Handlung zu verwickeln, ist nach Tieck. Doch fehlt es mehreren Scenen nicht an Witz und Humor. Die kleine Nanine tritt schön und ergreifend auf; doch verschwindet dies, wenn sie in den Himmel kommt, und die Engel das irdische Weihnachtsspiel nur fortsetzen, das doch wohl eine Ahnung von etwas viel Höherm jenseits sein soll. Die Satyre über den Mangel an Fleisch und Blut in derIngemann'schen Blancaist treffend. In einem Dialoge, der sich nicht genügend in Kraft und Begeisterung erhebt, entwickelt sich ein dem Gil Blas entnommener Stoff der auf die Menge durch schöne lyrische Stellen wirkte, in dem aber der Haupteindruck doch peinlich wird, weil es ein Unglück ist, das durch Intrigue oder Mißverständnis ohne Entwickelung großer und interessanter Charaktere geschieht. Dem milden, ruhigen Ingemann, der die Literatur durch so viele schöne, besonders elegische Gedichte bereichert, und viele Leser dadurch erfreut hat, daß er in seinen dichterischen Erzählungen den Volkston zu treffen wußte, fehlt das Feuer, der Pathos, den die Tragödie nicht entbehren kann. Bei dem NorwegerBoye, der kurz darauf mehrere Dramen für die Bühne dichtete, finden wir Feuer und Pathos; dagegen wieder zu wenig Milde und schaffende Phantasie.

Zeuthen und Rahbek.Schrödersee.

In diese Jahre fiel meine Bekanntschaft mit derZeuthen'schenFamilie, welche später als unsere Kinder aufwuchsen, durch das ganze Leben fortgesetzt und zur Freundschaft wurde. Den alten Etatsrath Zeuthen hatte ich bereits in meiner Kindheit gekannt, als er, ein eifriger Freund der Schule für die Nachwelt sich derselben eifrig annahm und ich oft beim Examen den muntern, imposanten Mann mit dem klugen Gesichte und den feurigen braunen Augen als Director sah. Später in meinerJugend, als ich Rahbek's Freund wurde, hörte ich diesen und Andere oft Gutes von Zeuthen reden; obwohl sie nicht miteinander umgingen. Zeuthen und Rahbek waren beide Jütländer, aus den Dörfern, nach denen sie genannt wurden. Sie waren beide mit dem reichenKnud Lyneverwandt, nach dem Rahbek seine Vornamen empfing, und von dem er viel erbte; Zeuthen zwar am meisten, aber Rahbek, soviel ich weiß, doch 12,000 Reichsbankthaler, für damalige Zeit eine nicht unbedeutende Summe. Zeuthen, der Jurist, später Assessor am Hof- und Stadtgericht und Geldmann war, schlug Rahbek vor, sein Vermögen so zu verwalten, daß er gute Zinsen erhalten und mit der Zeit durch Ankauf von Grundstücken gleich Zeuthen reich werden sollte. Aber das wollte Rahbek durchaus nicht, er trug das Geld in der Tasche; nach Rousseau'schen Ideen meinte er, Geld müsse ein gemeinsames Eigenthum für Alle sein; mit diesen communistischen Grundsätzen lieh er, oder richtiger gesagt, gab er seinen Freunden, was sie brauchten; er selbst machte eine Reise ins Ausland auf eigene Kosten, ohne Buch zu führen, oder auch nur etwas aufzuschreiben, und so währte es nicht lange, bis der gute Rahbek nicht einen Schilling mehr besaß, und oft in Verlegenheit gerieth, wenn die guten Freunde, an die er sich nun in der Noth wenden mußte, seine communistischen Grundsätze nicht theilten. Es währte dagegen nicht lange, als sich Zeuthen ein schönes Gut kaufen konnte. Dergleichen mochte Rahbek aber nicht, das war ihm zu vornehm. Daß zwei Menschen von so durchaus verschiedenem Character nicht Neigung empfanden zusammen zu leben, ist begreiflich, doch achteten sie gegenseitig ihre guten Eigenschaften und Zeuthen hatte auch Sinn für die schönen Wissenschaften; obgleich man eigentlich nicht sagen konnte, daß er ein Schöngeist war. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft hatte er ein prächtiges Fest veranstaltet, was er häufig that. Hier fand ich einen Mann bei Tisch, den ich oft in meiner Kindheit, in steifer Uniform als Gardecapitain im Friedrichsberger Schloßhofe herumstiefeln gesehen,und von dem ich damals nicht ahnte, daß ich jemals sein Tischnachbar werden würde; er war der KammerherrSchrödersee. Obgleich ich glaube, daß er von einem gelehrten Großvater abstammte, hatte Schrödersee in seiner Jugend doch dem Studentenwesen einen tödtlichen Haß geschworen; er war ein sehr eleganter, steifer, gepuderter Officier; an der Fehde, die zu Ewald's Zeit zwischen jungen Officieren und Studenten, veranlaßt durch Bredal's dramatisches Journal, stattfand, soll Schrödersee kräftig Theil genommen haben, und man glaubt, daß Ewald eine Tirade in seinen brutalen Claqueurs auf ihn bezogen habe. Es war recht merkwürdig mit diesen Lieutenants- und Studentenfehden, die sich damals oft wiederholten; aber sie trugen doch alle nach und nach dazu bei, die häßliche feindliche Trennung zwischen Kriegern und Gelehrten aufzuheben, bis endlich die Jünglinge der militairischen Hochschule und der Universität einander wie Brüder herzlich umarmten. Hierfür können wir bereits Holberg danken, der in seinem Jakob v. Tyboe dasusund dasvonverspottete. In Deutschland hielt sich diese Trennung bis in die neuesten Zeiten aufrecht, aber aus einem ganz andern Grunde, hier standen Adel und Bürgerschaft sich gegenüber; und hier ging es nicht wie im Norden, wo dieses Vorurtheil sich niemals eingewurzelt hatte, wo das deutsche „Von“, das uns von Holstein hergekommen war, sich nicht in die Marine eingenistet hat, und wo der Adel seinen Todesstoß im Jahre 1660 erhielt. Aber um auf Schrödersee zurückzukommen, so beschuldigte man ihn, in seiner Jugend zu jenen Bramarbasirern gehört zu haben. Wenn er im Parquet mit seinem gepuderten Kopfe und seiner großen Nase dastand, so blickte er oft auf eine Weise ins Parterre, welche die demokratischen Köpfe daselbst verdroß. Aber Schrödersee war in der Periode, wo ich ihn kannte, älter, zahmer und billigdenkender geworden. Wenn er auch keine Kenntnisse hatte, so war er doch ein witziger Kopf. Als der Danebrog-Orden auf mehrere Grade erweitert und er Ritter wurde, und man ihm gratulirte,antwortete er: „Er ist noch sehrjung!“ womit er meinte, daß er, als ein alter Cavalier, auf einen höhern Grad gehofft hatte. Als Graf Yoldy, früherer spanischer Minister, Oberkammerjunker wurde, auf welchen Posten Schrödersee gehofft hatte, scherzte der König einmal mit ihm und sagte: „Schrödersee! Ihr scheint mir in der letzten Zeit so steif geworden zu sein“. „„Ew. Maj.““, antwortete Schrödersee, „„das kommt daher, weil ich eine spanische Fliege im Nacken habe““. — Hier bei Zeuthens richtete er eine Replik an mich, die sehr gutmüthig und entschieden den Gegensatz von stolzer Eitelkeit war. Denn als der Wirth, wie ich zum ersten Male bei ihm speiste, nach alter Sitte einen Toast proponirte, „Denen zu Ehren, die die Kunst und Kultur im Lande befördert hatten“, rief Schrödersee laut über den Tisch mir zu: „Der Toast gilt uns Beiden“!

Einige Jahre darauf begegnete ich ihm wieder auf der Marmorbrücke beim Christiansburger Schloß. „Wie befindet sich der Herr Kammerherr“? fragte ich. „„Ach was, schlecht geht's mir““, antwortete er; „„ich bin ein altes Pferd; den man eine Kugel durch den Kopf jagen muß““! Damit zeigte er auf das Ohr, wo die Kugel hineingehen sollte, und verließ mich. Wenige Tage darauf begegnete ich auf derselben Stelle dem Oberhofmeister der Königin, Brockenhuus. Wir waren sehr gute Freunde vom Theater her, wo er mir einmal gesagt hatte, als er von seinen Vorfahren sprach: „Wir kamen mit Erik von Pommern hieher“. Bei dieser Begegnung auf der Marmorbrücke wandte er sich nun wehmüthig nach dem Schloß zu und sagte: „Sie können glauben, da habe ich viel Plaisir gehabt“! „„Nun““, antwortete ich, „„Ew. Excellenz können noch viel Plaisir auf der Welt haben““. „Ach“, seufzte er, „ich werde nie wieder soviel Plaisir haben“. Er ging; ich stand einen Augenblick im Nachdenken versunken, und gedachte der Zeit, wo ich als kleiner Knabe 1796 auf dieser Brücke stand, in der finstern Nacht das Schloß mit den gelben, rothen undblauen Flammen und mit der dunkeln Rauchwolke brennen und den Thurm wanken und mit starkem Geräusche mit drei Donnerschlägen durch alle drei Stockwerke hindurchstürzen sah.Sic transit gloria mundi!


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