ACHTES KAPITEL.VON ADUA NACH SOKOTA.
Der Amben-Bezirk. – Der Mönch. – Die dünne Bevölkerung. – Die Region des Baobab. – Die schauerliche Schlucht. – Anmeldung beim Kaiser. – Sokota, der grösste Salzmarkt.
Der Amben-Bezirk. – Der Mönch. – Die dünne Bevölkerung. – Die Region des Baobab. – Die schauerliche Schlucht. – Anmeldung beim Kaiser. – Sokota, der grösste Salzmarkt.
Der geringe Einfluss Lidj-Ambe’s zeigte sich bald: der uns von ihm beigegebene Hauptmann, welcher dafür zu sorgen hatte, Träger aus den Ortschaften sowie abends Lieferungen herbeizuschaffen, fand nirgends Gehör. Zum Glück war ich auf letztere vorerst nicht angewiesen, da ich vorsorglicherweise die nächste Zukunft bedachte. Und nur für die beiden übermässig langen Geschenkkisten hatte ich Träger nöthig. Nicht, weil ich nicht genug Maulthiere besass: im Gegentheil, einige liefen stets ledig oder wurden von den Dienern geritten, sondern weil nach der Meinung der Abessinier diese Kisten überhaupt von Maulthieren nicht getragen werden könnten.
Abgesehen von der an malerischen Schönheiten überreichen Umgegend, hat man, sobald man die Höhe von Adua im Osten erstiegen, einen wunderbar überraschenden Fernblick auf die Alpen Semiens. Früher stritt man viel darüber, ob in Semien immer Schnee sei.Längstunzweifelhaft. Fast komisch musste es daher wirken, alsAbargues de Sosten im Sommer 1881 nach Aegypten berichtete, er habe zum ersten mal ewigen Schnee auf den Gipfeln Semiens entdeckt. Bruce[88]allerdings leugnete merkwürdigerweise ebenfalls die Existenz des Schnees in Abessinien überhaupt, aber Gobat, Combes und Tamisier lieferten den Beweis vom Gegentheil. Seltsam nur, dass ihn Bruce nichtsah! Bei seiner Uebersteigung des Lamalmonmussteer den Schnee sehen; auch vorher schon, denn man sieht ja die Semienberge aus grosser Ferne. Aber diese Thatsache passte nicht in seine Theorie von der Nilwasseranschwellung, obschon sie keineswegs irgendwie damit im Widerspruch steht. Im Gegentheil. Wir alle riefen wie aus Einem Munde: „Schnee!“ Prachtvoll glitzerte die Sonne darüber hin, und die von mir befragten Leute der benachbarten Ortschaften versicherten, dass sie diesen Anblickstetshätten.
Bald kamen wir nun auch in jenen Amben-Bezirk, welcher der abessinischen Gebirgsgegend einen so sonderbaren Charakter verleiht. Schon der Umstand, dass wir manchmal im Sande wateten, deutete auf Sandstein, und aus diesem bestehen in der That diese Königsteine, wie man die Amben nennen kann. Aber nicht ausschliesslich sind die Amben aus Sandstein, sondern auch und namentlich im Süden aus vulkanischem Gestein, z.B. Magdala. Ja, Talanta ist eigentlich Eine Amba von riesiger Ausdehnung. Bekanntlich dienen sie häufig als Gefängnisse oderbieten Mönchen und Nonnen eine sichere Stätte für ihre unzugänglichen Klöster, z.B. Debra Damo in Tigre. Als wir am 21. Januar am Katschamo lagerten, von riesigen Amben umgeben: Debra Antsa im Westen, Sattia Amba und Swandat Amba im Süden, wollte Stecker Sattia Amba besteigen, aber am Fusse derselben schon wiesen ihn bewaffnete Wächter zurück: es wären oben Staatsgefangene, niemand dürfe hinauf.
Von Sattia Amba bis nach Abbi Addi ist einer der schönsten Märsche. Der Weg läuft am Fusse der hohen Debra Amba hin durch eine äusserst liebliche Gegend, und hier entdeckten wir eine kleine Euphorbie von der Art, wie sie im Vorland bei Massaua wächst, aber nicht mit viereckigen, sondern fünfeckigen Zweigen. Man sieht hier auch häufig Steinhaufen, ähnlich den in Nordafrika unter dem Namen Bu Sfor bekannten, die wahrscheinlich aus gleichen Gründen von der früher hier befindlichen mohammedanischen Bevölkerung errichtet wurden. – Die Abessinier erzeigen den Steinen eine gewisse Verehrung. Das hübsch gelegene Dorf Takarakiro oder, wie Rüppel schreibt, Tackeraggiro, hatte zu seiner Zeit nur mohammedanische Bevölkerung. Rüppel, I, 366, sagt: „Tackeraggiro, welches aus etwa hundert meist steinernen Wohnungen besteht, dürfte etwas über fünfhundert Einwohner zählen. Diese sind insgesammt Mohammedaner und beschäftigen sich grösstentheils mit Handel u.s.w.“ Im Jahre 1881 fand ich den ganzen Ort zum Christenthum übergetreten. Südlich von Hamasen gibt es keine Mohammedaner mehr.
So hart in unsern Augen nun auch der Befehl des Negus Negesti erscheinen mag, wonach alle Mohammedaner in einer vorgeschriebenen kurzen Zeit sich mussten taufen lassen, so lässt sich andererseits nicht leugnen, dass man bei dem Hange zum Intriguiren und Spioniren durch ihren Religionswechsel diesem Unwesen einen dauerhaftenRiegel vorschob. Die mohammedanischen Abessinier waren immer bereit, sich mit den mohammedanischen Feinden gegen ihr eigenes Vaterland zu verbinden. Ganz natürlich! Ihrer Religion folgend, gehorchten sie einem christlichen Herrscher nur mit Widerstreben. Die getauften Aelteren werden zwar noch immer feindselige Gesinnungen gegen die Christen, d.h. die Abessinier hegen, aber die heranwachsende Jugend nicht. Die abessinische Geistlichkeit sorgt dafür. Die Mohammedaner müssen die christlichen Fasten halten, nach christlicher Weise schlachten, eine blauseidene Schnur[89]tragen und die Mädchen sich die Excision[90]gefallen lassen: alles Gebräuche, welche, so verabscheuenswerth sie den Mohammedanern erscheinen mögen, sie zu echten Christen stempeln. Und ist der Widerwille gegen diese äusserlichen Gebräuche einmal erst geschwunden, dann kommt alles andere von selbst.
Bei Takarakiro vorbei gelangten wir nach dem reizenden Abbi Addi, wo ich auf einer wundervollen, am Mai Tankua gelegenen Wiese lagern liess, um der Hälfte meiner Diener einen Ruhetag zu vergönnen. Jeder kam nämlich einmal im Monat, um eine Kusso[91]-Cur durchzumachen. Da erlaubte ich denn, um nicht jeden Tag arbeitsunfähige Diener um mich zu haben, den Leuten alle vierzehn Tage jene Cur, der sich ein jeder mit Freuden unterzog. Ob wirklich der Genuss des Brondo[92]die Entwickelung desBandwurms begünstigte, wage ich nicht zu behaupten, aber thatsächlich littenallemeine Diener daran. An solchen Tagen schien mein Lager ein Hospital zu sein. Schon früh morgens nahm jeder seine Portion Kusso, es wurde dazu gefastet, und wenn man die Patienten ganz und voll behandeln wollte, so gehörten dazu, wie sie behaupteten, für einen jeden schliesslich ein paar Gläser Tetsch. Da bei mir jeden Tag ein Rind geschlachtet und somit das rohe Fleisch täglich genossen wurde, ist es sehr gut möglich, dass der Genuss desselben dazu beitrug, diese lästigen Cestosen zu entwickeln. Herr Baraglion z.B., welcher sich auch an den Genuss des Brondo gewöhnt hatte, litt ebenfalls am Bandwurm. Wir, welche wir diesen widerlichen Brauch nicht mitmachten, sind indess nicht davon belästigt worden.
Unser Lagerplatz grenzte nach der Amba Gelah hin an ein prachtvolles jagdreiches Gebiet. Ich bedauerte, dass kein Jäger unter uns war. Indess erlegten wir doch einige Perlhühner und Tauben. Von hier an versuchte ich nun auch, die langen Kisten mit den Maulthieren fortzuschaffen, und es ging.
Aber welch eine entsetzliche Plage mit den Ameisen! Glücklicherweise ziehen sich diese nachts meist zurück, während die Termiten nur nachts bauen und zerstören. Wenn man ganz früh vor Sonnenaufgang die grossen Termitenhaufen betrachtet, dann wird man stets eine oder zwei frische und feuchte Stellen finden. Bricht man sie mit einem Stock auf, so trifft man die Termiten an der Arbeit des Bauens. Ebenso sieht man die Termiten, welche keine Häuser bauen, aber die gefährlichsten sind, vor Sonnenaufgang bei der Arbeit, d.h. beim Werke der Zerstörung. Hebt man dann eine Holzkiste auf oder einen andern Gegenstand, welcher unmittelbar den Boden bedeckt, so kann man sie auf der That ertappen. Etwasspäter haben sie sich zurückgezogen, und man sieht dann nur die Wirkungen. Bei Tage bemerkt man nie die Termiten.
An unserm Lager kam ein Zug Gefangener vorbei, mit schweren eisernen Ketten an Armen und Beinen, sodass ein Entlaufen unmöglich schien. Und doch brachte uns bald darauf der sie begleitende Offizier die Nachricht: es habe sich ein und dazu noch mit einem Soldaten zusammengeketteter Gefangener geflüchtet. Auf unsere Frage, wie denn das möglich sei, erwiderte er: „Beide nahmen reissaus.“ Allzu viel ist ungesund, dachte ich. Meistens schliessen sie nämlich den freien, sie begleitenden Wachtsoldaten mit dem Missethäter zusammen, um somit, ihrer Meinung nach, ein Entweichen ganz unmöglich zu machen. Der suchende Offizier musste unverrichteter Sache abziehen, der Gefangene blieb sammt dem Soldaten verschwunden.
Ein empfindlicher Verlust traf mich in Abbi Addi, da mein guter wachsamer Hund Halebi starb. Ich liess den Cadaver gleich aus dem Lager hinausschaffen, der andere Hund aber, welcher Bull hiess, folgte demselben und hielt Wache. Aber noch vor Sonnenuntergang kam eine Hyäne, vertrieb Bull und lief mit dem Cadaver davon. Bald darauf zeigten sich noch andere Hyänen und Schakale, selbst ein Leopard, wie die Diener behaupteten.
Am 26. Januar zogen wir weiter, meist stets in südlicher Richtung. Nachträglich nahm ich auch noch einen Mönch in Dienst, welcher dem Kloster Tekla-Haimanot zugehörte und von einer Wallfahrt nach Axum zurückkehrte. Durch diesen Zuwachs erhielt meine Gesellschaft einen neuen Glanz, denn die Grossen in Abessinien pflegen nie ohne einen oder mehrere Priester zu reisen. Er war übrigens ein guter Mensch. Eigenthümlich unterwegs berührte uns die Abwesenheit der Bevölkerung, die vielen zerstörten Dörfer und der schwache Verkehr. Wir befanden uns dochjetzt auf einer der gangbarsten Strassen nach dem Süden, jedenfalls auf der geradesten von Adua nach Debra Tabor. Und wie wenige Menschen erblickte man! Denn wenn uns auch anfangs viele Soldaten begegneten, so geben diese doch keineswegs den Maassstab für die Bevölkerung ab. Wenn ich mich später im Geiste nach Abessinien versetzte und bedachte, wie wir Tag für Tag und auf grosse Sehweite keine Ortschaften und Menschen erblickten, dann kam ich zur Ueberzeugung, dass Abessinien keine so grosse Bevölkerung besitzt, wie man anzugeben pflegt. Ich glaube schon hoch gegriffen zu haben, wenn ich sie auf 1,500000 Seelen veranschlage. Es ist ja möglich, dass es früher eine zahlreichere Bevölkerung gehabt hat und wahrscheinlich dereinst auch haben wird, die Abessinier scheinen ein fruchtbares Volk zu sein: Ehen mit fünf bis sechs Kindern und mehr sind häufig genug. Auch beschränkt man sie nicht im mindesten. Jeder, den die Neigung dazu treibt, kann heirathen, und aus solchen Ehen entspringen ja meistens viele Kinder. Selbstmorde gehören zu den grössten Seltenheiten, und das Klima ist durchaus gesund, denn die ungesunden, tief eingeschnittenen Thäler sind fast gar nicht bewohnt. Der Reichthum des Landes kann eine grosse Anzahl von Bewohnern ernähren.
Aber verschiedene Umstände erklären die so dünne Bevölkerung Abessiniens. Der stete Krieg im Lande rafft eine Menge Männer in der besten Blüte ihres Lebens dahin. Zwar die Soldaten sind fast alle beweibt, aber vielleicht ein Drittel der Kinder stirbt keines natürlichen Todes. Und wie viel Opfer kostet im Lande das beständige Kriegführen, wohin man auch das häufige Revoltiren und Raubmorden rechnen muss. Oft auch verheeren Krankheiten ganze Ortschaften und Provinzen, so nach dem ägyptisch-abessinischen Kriege eine in Tigre ausgebrochene Pest oder ähnliche Krankheit, vielleicht die Cholera.Möglicherweise hatte sie hier ihren Entstehungsherd, von wo sie sich später nach Aegypten verbreitete, durch eigene Schuld der Abessinier. Unzählige Hyänen, Schakale und Aasgeier, die von weitem herbeiströmten, reichten nicht aus, um alle die Leichen auf den Schlachtfeldern von Gudda Guddi und Gura zu verzehren. Daher die Fäulniss und daher die menschenmordenden Seuchen. Das früher zu 6000 Einwohnern geschätzte Adua hat, wie ich glaube, gegenwärtig kaum 3000. Matteucci (S. 83 seines Werks „In Abissinia“) sagt: „Die über Abessinien berichtenden Schriftsteller sagen von der tigrischen Hauptstadt, sie sei wichtig wegen der dort blühenden Industrie, und geben ihr eine Bevölkerung von 8000 Seelen: als wir ankamen, waren daselbst nicht einmal 1000 Bewohner, einbegriffen selbst die in der Umgegend Wohnenden.“ Der italienische Reisende nahm 1878 also nur 1000 Seelen, und noch dazu die umliegende Gegend mitgerechnet, für Adua an. Man wird deshalb vielleicht meine 3000 Einwohner schon für übertrieben halten, aber Nachforschungen liessen mich zu diesem Ergebniss kommen. Auch die trotz des guten Bodens durch Heuschreckenplage oder andere Umstände verursachten Hungersnöthe muss man bei Festsetzung der Bevölkerung in Anschlag bringen.[93]
An Thieren war kein Mangel, und als wir Abbi Addi verliessen, stiessen wir gleich auf eine grosse Heerde Paviane, welche neben uns auf den Bergen desselben Weges zogen. Ein paar blinde Schüsse brachten Leben in die Heerde, aber erst, nachdem sie durch grosses Geschrei und wüthende Grimassen ihren Unwillen zu erkennen gegeben, räumten sie das Feld.
Perlhühner und Tauben lieferten uns immer eine angenehme Beigabe zu unserer Küche. Wir nahmen eigentlich nur Eine Mahlzeit und zwar abends, wenn die Zelte aufgeschlagen waren. Morgens gleich nach dem Aufstehen Thee mit Milch und Zwieback dazu. Alsdann die Verpackung des Frühstücks. Stecker und ich ritten in der Regel voran, machten gewöhnlich an einer Stelle, wo klares Wasser floss, halt, und liessen, auf der Erde hockend, die Fasten brechen. Kalter Braten, Brot, Käse, Butter, Wasser mit Cognac war, was ein Diener, der eigens zu dem Zweck mit uns ritt, aufsetzte. Abends aber speisten wir warm und sehr gut. Ein Abessinier, Tassama, kochte unter der Aufsicht Karl Hubmer’s. Stets gab es eine vorzügliche Suppe, dann Braten, Gemüse, manchmal auch Wild, und als Getränk Wasser mit Cognac oder Thee, häufig auch Tetsch. Täglich wurde ein Rind und sehr häufig noch ein Schaf geschlachtet. Vorräthe also, wie auf andern Reisen, braucht man nach Abessinien nicht mitzunehmen. Wer z.B. Kaffee dem Thee vorzieht, findet ihn überall und zwar billig und gut. Das einzige für die Mitnahme Empfehlenswerte sind junge Gemüse inBüchsen, Zucker und Butter, sowie gutes Weizenmehl, denn das abessinische ist grau und schmuzig.
Wir erreichten nun den nicht durch seine Einwohnerzahl, wol aber wegen seines bedeutenden Marktes wichtigen Ort Fenaroa. Südlich davon, nach Durchwatung des Tsellari, kamen wir in die Region des Baobab. Zwar erblickt man einzelne Exemplare dieses Baumes schon nördlich, z.B. ein prächtiges in der Nähe von Fenaroa, hier aber, erst südlich vom Samre-Fluss, treten sie massenhaft auf. Den Berg Amba Saka, welchen wir südlich vom Samre überschritten, fanden wir bei ca. 1400 m Passhöhe dermassen mit derAdansonia digitatabedeckt, dass man von einem Baobabwald sprechen konnte. Und was für Exemplare! Als ob man in eine vorsündflutliche Periode gekommen wäre. Schade, dass sich nicht im Tsellari, den wir hierauf passirten, einige grosse Saurier zeigten und von den Pachydermen die Flusspferde und Nashörner. Dann hätte man ein completes Bild vorsündflutlicher Schöpfung bewundern können.
Nach Ueberschreitung des unbedeutenden Tsellari-Flusses, dessen Thal und Wasserbecken von Wild und Fischen wimmelt, für unsere Mahlzeiten eine willkommene Zugabe, betritt man südlich eine wunderbare Spalte, deren unterste, von senkrechten Felswänden beseitete Weite oft nur einige Meter breit ist. Ungefähr sieben Kilometer geht es durch diese, überdies noch von seitwärts hervorschiessendem Buschwerk derart überschattete Schlucht, dass man zuweilen den Himmel nicht sieht. Grosse, in diesen Abgrund geschwemmte Sykomorenstämme versperren häufig den Weg und, eingeklemmt, müssen sie liegen bleiben, bis Vermoderung sie weiter bergab schiebt oder gänzlich auflöst oder kubikmetergrosse, von der Flut getriebene Felsmassen sie zermalmen.
Indem wir so rasch wie möglich diese gefährlicheGegend durchzogen, fiel mir die lebendige Schilderung Munzinger’s ein: „Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit; von langer Fahrt müde, bettet sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschöpft, selbst diese finstern Gründe laden ihn zur Ruhe. Im heissesten Mittag wiegt er sich in süsse Träume; seiner harret das freundliche Heim – da dröhnt es dumpf im Hochgebirg; ein Schuss, ein zweiter, dann der schreckliche den ganzen Himmel durchrasende Donner. Doch fürchtet er noch nicht, das Gewitter ist jaso fern. Er weilt und träumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen, wie wenn der Wind durch die Blätter führe. Es wird lauter, gewaltiger, es zischt, es prasselt, es toset, es brüllt, als wenn die bösen Geister anführen – nun naht es, mauergleich, schäumend und sich überstürzend – es ist der Waldstrom. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein mächtiger Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk, stürzt wild und feurig er das Thal hinab; die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht und die grasige Ebene wird von Schutt überrollt; das Wasser füllt das ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann, wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Flügel des Adlers, hast du die Krallen des Affen, der über dir schwebend deiner Noth höhnt? Bist du im Bunde mit den Geistern, dass sie dich forttrügen? Hier ist sie nicht dein Knecht, die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind u.s.w.“
In dieser Schegalo-Schlucht – das Wort Schegalo bedeutet Drachenschlucht – erinnerte ich mich des Abzuges der britischen Armee aus Abessinien, wo, trotzdem man die nahende Gefahr durch den elektrischen Telegraphen signalisirte, beim Durchziehen derartiger Felsspalten einigemal Truppen oder Vieh fortgeschwemmt und natürlich vernichtet wurden. Unmöglich sich zu retten! Ich erinnertemich der Drachenschlucht bei Eisenach; aber wenn ich im Geiste einen Vergleich anstellte, erschien mir letztere gegen die an manchen Stellen Hunderte von Metern hohe Schegalo-Spalte wie ein Puppenwerk, wie ein Spielwerk.
Endlich erweitert sich das Thal, es wird wieder hell, und die gedrückte Stimmung, mit der Menschen und Thiere diesen grausen Schlund durchzogen, weicht einer heitern Stimmung. Die vielen Perlhühner laden zu Jagdstreifzügen ein; den Pavianheerden sendet man einen Schuss zu, um sie zu ihrer so ergötzlichen Eile anzutreiben. Und haben wir nun wieder die Höhe glücklich erklommen, alle Siebensachen mit den keuchenden und dampfenden Maulthieren, welche ausserordentliche Proben von Kraft und Geschicklichkeit ablegen, nach oben gebracht, dann ruht das Auge mit Wohlgefallen auf der grossartigen Gegend von Tsamara. In der Ferne erblickt man nach Osten zu die vor Jahren von der tapfern britischen Armee überstiegenen Grate und kann es im Geiste kaum fassen, wiesolcheBerge,solcheThäler von den Truppen, die man aus dem nordischen Europa und dem heissen Indien herbeiholte, konnten überwunden werden. Wir werfen noch einen Blick auf das Schegalo-Thal und bemerken mit Staunen, dass es breit, in fast gerader Nordrichtung in den Tsellari hineinmündet. Aber am nördlichsten Ende des Schegalo befindet sich auf der Sohle des Thales ein schwarzes Band, so wenigstens erscheint es aus der Entfernung von oben gesehen: das ist die Drachenschlucht, welche wir durchzogen. Dann, beim Wenden, erfreuen wir uns am Anblick des hoch in die Wolken hineinragenden Biala, eines alten Bekannten, den ich vor 15 Jahren besuchte. Majestätisch winkt er von Süden herüber, und wir wissen nun, dass wir nahe bei Sokota sind, und meinen sogar die Gegend des Aschangi-Sees zu erkennen.
Der letzte Weg bis Sokota war insofern interessant,als wir rechts und links am Wege viele Haufen von Steinen bemerkten, die man wegen ähnlicher Form und Gestalt offenbar den Dolmen, Kromlechs u.s.w. zuzählen muss. Es wird jetzt überhaupt wol niemand mehr Afrikas vorgeschichtliche Steinzeit bezweifeln. Wenn auch manche im Nilthal gefundene, wie mit Steinkunstgebilden überdeckte Stellen nichts anderes sein mögen als die Producte vieljähriger Verwitterung, so hat man andererseits so viele Beweise vom Vorhandensein der Steinzeit, dass man gar nicht mehr die Sache ableugnen kann. Vor allem wichtig wäre es, wenn man die Höhlen, welche in Afrika überhaupt und besonders auch in Abessinien zum Theil künstlich, zum Theil natürlich in grosser Zahl vorkommen, durch Aus- und Nachgrabungen auf vorhistorische Gegenstände genau untersuchte. Das Land der Troglodyten hiess man es ja im Alterthum.
Immer bergauf und bergab geht es in Abessinien. So hatten wir denn auch, ehe wir Sokota erreichten, noch manche Höhe, jede über 2000 m hoch, zu überwinden. Einzige Belohnung war der Blick auf die stets wechselnde Scenerie, welcher aber leider sehr häufig die Hauptsache fehlte: das Allbelebende des Menschen. Denn mag eine Natur noch so schön sein, mag der Gebirgscharakter sich noch so grossartig entfalten, mögen zahlreiche Waldströme und Wasserfälle dem Auge ihre mächtigen Spiegel bieten, – wenn der Mensch fehlt, entsteht eine Lücke, eine Oede, welche selbst durch die Anwesenheit einer regsamen Thierwelt nicht ausgefüllt wird, wenigstens meiner Meinung nach.
Während aber bei weitem Vordringen nach dem Süden die Thierwelt sich wenig ändert – unter den Vögeln bemerkt man jetzt öfters Papagaien – zeigt sich unter den Pflanzen stets etwas Neues. Im allgemeinen sind auchhier noch auf den Gehängen die verschiedenartigen Mimosen und der Kolqual die Charakterbäume, und in den tiefeingeschnittenen Thälern vermisst man nie die oft in riesigen Exemplaren vorkommendeCalotropis procera. Aber beim Lomin-Fluss finden wir jetzt Spargelgewächse, Ricinus, Aloë, welche letztere übrigens auch in Nordabessinien vorkommt, und Zizyphus, der mit kleinen rundlichen Blättern den wohlduftenden, sich durch die Aeste emporrankenden Jasmin stützt. Dann die jetzt immer zahlreichern, höchst sonderbar geformten, meist auf Mimosen festgewachsenen Schmarotzer; Lauranthusbüsche, oft roth, oft braun gefärbt;Carissa edulismit ihren betäubenden, wohlduftenden Blumen; ein weissblätteriger Strauch mit stachelichten Blumen und stachelichten Blättern,Octostegia integrifoliagenannt, beide nicht leicht zu brechen, denn heimtückisch verwunden sie die sich nach ihnen ausstreckende Hand; grossartig entfaltete Hypericumbüsche; Stechäpfel, welche ganze Felder dicht überwuchern, sodass man meint, sie wären künstlich angepflanzt. Man behauptet, die abessinischen Priester benutzten die Dämpfe dieser im getrockneten Zustande von ihnen verbrannten giftigen Pflanze, um Leute damit zu betäuben und dadurch allerlei aus ihnen herauszubringen. Oben auf den höchsten Gipfeln vor Sokota erblickten wir auch zum ersten mal jene sonderbaren, nur in Abessinien vorkommenden Kugeldiesteln (Echinops giganteus) mit 1 bis 1,50m hohen Stämmen und kindskopfgrossen Kugeln. Vereinzelt sehen wir auch schon jene riesige Erica, welche wir bald in noch viel grössern Exemplaren vor Debra Tabor bewundern sollten.
So gelangten wir nach Sokota, zogen gleich über die Stadt hinaus und begannen auf einer schönen Wiese zu lagern, welche vom Ort der Mai Bellis trennt, hier nur mehr ein schmaler Wasserfaden, der etwas weiter im Südwesten seinen Ursprung nimmt. Aber wir hatten nicht mitder Bewohnerschaft gerechnet. Kaum war ein Zelt aufgeschlagen, als Soldaten aus der Stadt kamen mit der Erklärung, dass wir da nicht lagern durften, das Gras würde zerstampft, es gehöre dem Wagschum Ras Buru. Dieser befand sich am Hof in Debra Tabor. Der mich begleitende Hauptmann wollte zwar von Wegziehen nichts wissen: ich sei Gast des Negus Negesti und als solcher habe ich das Recht, mein Zelt aufzuschlagen, wo ich wolle, auch kamen bald andere Soldaten mit der Weisung, mich dort zu belassen. Aber ich, ängstlich besorgt, irgendetwas den Bewohnern Unliebes zu thun, gab Befehl, weiter weg vom Ort auf einem Platze zu lagern, von welchem ich erfuhr, dass er kein Privateigenthum sei.
Wir waren nun in der Gegend der Agau, eines freilich in Sokota noch schwach vertretenen merkwürdigen Volksstammes, welcher als ein von den übrigen Abessiniern verschiedener gilt. Er soll mit den Bogos verwandt sein, und neuerdings brachte über ihn Professor Reinisch zu Wien, welcher Keren bereiste, viel Interessantes. Die Agau unterscheiden sich übrigens nicht im mindesten von den übrigen Abessiniern, weder durch die Hautfarbe, die ja ohnedies bei allen Abessiniern so sehr wechselt, noch durch das Haar, welches, obgleich gewöhnlich gekräuselt, doch auch schlicht ist. Nur ihre Sprache weicht von der amharischen und tigrischen ab, auch ihr Charakter, welcher mehr als bei der übrigen Bevölkerung Ungeschliffenheit und Wildheit zeigt. Nirgends mehr als hier hatten wir kleine Unannehmlichkeiten. Auf ihre Kleidung legen sie noch weniger Werth als die übrigen Abessinier. Freilich, wie Bruce vor allerdings nunmehr fast hundert Jahren sie schildert, sind sie nicht mehr. Auch in nichtcivilisirten Gegenden wird alles besser und vollkommener, wenn auch bedeutend langsamer als in unsern schnelldenkenden,schnellarbeitenden Ländern. Still stehen bleiben kann heute kein Volk mehr auf der Erde; gänzlicher Stillstand ist überhaupt wol nie bei den Völkern gewesen, auch nicht bei den afrikanischen. Aber wenn man die Berichte frühester Schriftsteller, eines Alvarez, Lobo u.s.w., über die Einwohner und Zustände Abessiniens liest, dann die spätern von Salt, Bruce, endlich die noch spätern von Rüppel, Heuglin, Beke, Combes und Tamisier u.s.w., welch ein gewaltiger Unterschied dann zwischen heute und damals! Ja, die zwanzig Jahre zwischen dem von Lejean, Cameron, Rassam, Flatt, Waldmeier und andern geschilderten Hofleben Theodor’s und dem des jetzigen Negus Johann zeigen bezüglich der Hofhaltung eines regierenden abessinischen Fürsten einen Unterschied, welcher grösser ist als der zwischen dem Anfang und der Jetztzeit dieses Jahrhunderts.
Treten afrikanische Völker, wenn auch nur von Zeit zu Zeit, europäischen näher, so können sie sich dem Einflusse der Civilisation nicht lange entziehen. Kommt es vollends auf Handelsbeziehungen an, dann hilft keine Religion und nichts mehr, alles europäisirt sich. Man sehe nur einmal auf die direct von Europa beeinflussten Städte Alexandria, Port Said, Sansibar, ja selbst Massaua, Djedda – alle europäisiren sich. Wenn auch allmählich, lernt die Bevölkerung arbeiten, denken wie die Europäer; allmählich schwindet der stets durch die Religion hervorgerufene Hass, und endlich arbeiten die verschiedenartigst veranlagten Völker an den gemeinsamen Aufgaben der Cultur.
Sokota liegt ca. 2250 m über dem Meere. Ich hatte früher die Einwohnerzahl zu 5–6000 Seelen veranschlagt; aber auch hier ist ein ganz bedeutender Rückgang zu verzeichnen; auch hier wüthete jene Seuche, deren ich schon bei Adua erwähnte; auch hier vielleicht forderte der stete Krieg seine Opfer. Kurz, über 1500 Seelen däucht mir1881 für Sokota kaum zu hoch.[94]Ganze Quartiere standen leer, und die verfallenen Gebäude zeugten nur zu deutlich von einer hier vormals dichten Bevölkerung. Ehe ich dem Gouverneur einen Besuch machte, begab ich mich nach der etwas ausserhalb der Stadt gelegenen neuen Kirche Medani Allem, die nach dem Kriege ein Franzose oder Schweizer, Mr. Dubois, erbaute. Die Kirche zeichnet sich aber durch nichts Besonderes aus, war zudem nicht einmal vollendet, da man aus Geldmangel vom Weiterbau absehen musste.
Der Gouverneur, Dedjadj Tassama, der Stellvertreter des abwesenden Ras Buru, war mittlerweile mit Geschenken – Lebensmitteln – zu unserm Lager gekommen, und ich beeilte mich, ihm den Besuch zu erwidern. Ich fand ihn in einer Wohnung, zu welcher man nur mittels halsbrecherischer Stiege gelangen konnte, und auf schmuzigen Teppichen sitzend, ohne Angareb, konnte ich es nicht vermeiden, verschiedene Parasiten mitzunehmen, welche man sonst nur bei den schmuzigsten Arabern und Berbern mit besonderer Zärtlichkeit und Vorliebe auf dem eigenen Körper gepflegt findet. Tassama, dem ich natürlich entsprechende Geschenke mitgebracht hatte: einen Revolver, Baumwolle, Sammt und Seidenstoff, nebst verschiedenen deutschen Schmucksachen für seine Frau, fand es höchst unlogisch, dass mein Rock das seidene Unterfutter auf der Innenseite zeige. Er meinte, die Seide als das Kostbarere müsse doch nach aussen getragen werden, ich möge daher meinen Rock umkehren.
Eine unerwartete Freude hatte ich am zweiten Tage meines Aufenthalts in Sokota. Als ich nachmittags voneinem Spaziergange bis fast zur Quelle des Bellis, an welchem Sokota liegt, zurückkehrte, kam mir schon von weitem Hubmer entgegengelaufen mit dem Rufe, ein Europäer käme und das könne nur Schimper sein. Die Vermuthung bestätigte sich bald: eine nicht unbeträchtliche Karavane näherte sich, und ich erkannte Schimper, der sich hoch zu Maulthier aus den übrigen Begleitern deutlich hervorhob.
Man wird sich erinnern, dass ihm Lidj-Ambe die Erlaubniss, mich zu begleiten, ohne einen schriftlichen Befehl von Ras Alula verweigerte. Einige Tage nach meiner Abreise von Adua kam aber der berühmte General, und so hatte sich denn schnell die Schimper’sche Angelegenheit geordnet. Ras Alula gestattete nicht nur die Abreise desselben, sondern gab ihm noch ein Schreiben für mich mit, das ihm gewissermassen als Pass und Legitimation diente und ihn namentlich von lästigen Plackereien, Zollabgaben, Geschenkerpressungen befreite, womit die Districtsbehörden und selbst die Schum grösserer Städte gleich bei der Hand sind. Ich hatte vor meiner Abreise eine hinlänglich grosse Summe für Schimper zurückgelassen, damit er während seiner Abwesenheit die Kosten seines Haushaltes und die Anschaffung von Maulthieren und Eseln zum Transport seines Gepäckes bestreiten könne.
Zugleich beschloss ich, da ich ja jetzt an Schimper einen Dolmetsch besass, wie ich ihn nicht besser wünschen konnte, Hauptmann Mariam voranzusenden, mit einem Brief an den Kaiser, um ihn von meiner baldigen Ankunft in Kenntniss zu setzen. Die Gerüchte von der Abreise desselben nach dem Süden nahmen eine immer bestimmtere Fassung an. Jede uns von Debra Tabor oder überhaupt vom Süden entgegenkommende Karavane meldete, der Negus rüste zur Reise, ja, die letzten behaupteten sogar, er sei schon abgereist. Und da die meisten als seinZiel Kaffa angaben, so hätte ich, um zu ihm zu gelangen, eine noch einmal so lange Reise machen müssen als von hier bis Debra Tabor. Hauptmann Mariam brach denn auch auf, schweren Herzens, denn ein prachtvolles Rind sollte noch am selben Tage geschlachtet werden, aber erst abends, während er bereits am Morgen seine Reise antreten musste. Ein tüchtiges, in Aussicht gestelltes Geschenk machte ihn aber willfährig. Seine Flinte, seine besten Sachen, kurz alles einigermassen Werthvolle liess er bei mir zurück, denn allein durch solche Gegenden zu reisen ist immer ein Wagniss.
Sokota hat Mittwochs einen wirklich grossen und bedeutenden Markt, und da die Leute aus der ganzen Umgegend schon Dienstag nachmittags eintreffen, Donnerstag nachmittags aber erst Sokota wieder verlassen, so dauert er eigentlich drei Tage. Namentlich der Salzhandel, d.h. der Amole-Handel ist hier der bedeutendste von allen in Abessinien. Auch an kleinen Markttagen sieht man grosse Züge von Pferden, Maulthieren und Eseln anlangen und bald darauf schon bepackt wieder abziehen. Man beladet sie, indem man die Amole über ihren Rücken wölbt, zwei bis drei Gewölbe übereinander. Regnet es, dann pflegt man eine oder zwei getrocknete Häute oder sonstige das Wasser nicht leicht durchlassende Stoffe darüberzulegen. Aber wehe, wenn ein Lastthier während eines Flussdurchganges zu Falle kommt und die Ladung nass wird oder gar auseinandergeht. Dann ist wenig mehr zu retten, jedenfalls tritt durch das Schmelzen eine Gewichtsverminderung ein. Sonst ist der Salzhandel trotz der vielen Zollstellen ein sicherer und einträglicher. Je weiter von der Ursprungsstelle Taltal, desto mehr vertheuert sich das Salz. Während man z.B. an der Stelle, wo die Amole oder Galeb, wie sie auf Tigrisch heissen, für einen Thaler 80–100 Stück bekommt, erhält man in Sokota, dem erstenund grössten Salzwerk Abessiniens, 60–80 Stück, in Gondar 20–30, in Debra Tabor aber nur noch 15–20, und je weiter nach Süden, desto seltener wird das Salz, bis es ganz im Süden nur noch 4 Stück auf einen Thaler gibt. Matteucci (S. 238 seines Werkes) sagt, dass man in Fadasi und Baso vier Stücke Salz für einen Thaler bekäme.
Am Tage vor meiner Abreise kam mein Postbote, Namens Edris, vor Zeiten im Dienste des französischen Consuls und jetzt von mir angestellt. Als merkwürdiges Beispiel, mit welcher Leichtigkeit mohammedanische Abessinier, aber erst nach der letzten Massentaufe, ihren Glauben verlassen, führe ich an, dass dieser Edris als Mohammedaner nicht direct in meinen Dienst treten konnte. Um ihn aber doch zu entschädigen, hatte ich ihn bei mir als Postboten angestellt und pecuniär stand er sich auch so besser. Als ich nun aber ganz obenhin äusserte, eigentlich in der Meinung, er würde dies gar nicht für Ernst nehmen, dass er als Christ mit mir nach Debra Tabor hätte gehen können, meinte er, er habe nichts dagegen, sich taufen zu lassen. Ich beachtete seine Erwiderung gar nicht. Aber abends sah ich ihn angethan mit der blauseidenen Schnur, auch setzte er sich mit meinen übrigen Dienern zum gemeinschaftlichen Fleischgenuss, zum Brondo nieder. Das musste auch den Ungläubigsten überzeugen, dass er Christ geworden sei, und zwar aus innerstem Herzen. In der That fand sich in Sokota ein Priester, welcher ihn gegen Erleg von 20 Amolen taufte, ohne dass er das Glaubensbekenntniss abzulegen brauchte. Eine neue blauseidene Schnur war ebenfalls schnell gekauft und damit der Christ fertig. Als ich fragte, was werden aber in Massaua die Mohammedaner dazu sagen, wenn sie hören, du bist übergetreten? erwiderte er: „Ich bin Abessinier, und solange du dort bist, bleibe ich bei dir;wenn du fort gehst, trete ich in die Dienste eines andern Frengi, und was können mir dann die Türken thun!“ Er war ein ganz guter Kerl, der Edris, welcher nun den Namen Gebr Maskal erhielt, und noch ehe ich Massaua verliess, trat er in die Dienste eines schweizer Kaufmanns, eines Herrn Müller; seine Stellung als Christ blieb also unangefochten.