NEUNTES KAPITEL.REISE NACH DEBRA TABOR UND BESCHREIBUNG DIESER LANDSCHAFT.
Der hohe Geistliche. – Die Vorberge des Biala. – Die schauderhaften Wege. – Der hohe Geistliche und die drei Maria-Theresienthaler. – Der Takase. – Im Thal von Agissa. – Negus Johannes schickt hundert Mann Ehrenwache. – Eine Extrareinigung. – Schimper nach Debra Tabor voran. – Die Furt des Reb-Armes. – Ankunft in Debra Tabor. – Die Gebrüder Naretti. – Debra Tabor nicht Ort, sondern District. – Näheres darüber.
Der hohe Geistliche. – Die Vorberge des Biala. – Die schauderhaften Wege. – Der hohe Geistliche und die drei Maria-Theresienthaler. – Der Takase. – Im Thal von Agissa. – Negus Johannes schickt hundert Mann Ehrenwache. – Eine Extrareinigung. – Schimper nach Debra Tabor voran. – Die Furt des Reb-Armes. – Ankunft in Debra Tabor. – Die Gebrüder Naretti. – Debra Tabor nicht Ort, sondern District. – Näheres darüber.
Am 2. Februar 1881 verliess ich Sokota in der Begleitung eines hohen geistlichen Würdenträgers in gelber Tracht. Wie unsere Geistlichkeit vorzugsweise für ihre Gewänder Schwarz liebt, so die abessinische Gelb, das aber mit der Zeit eine schmuzigbraune Farbe annimmt, die jedoch weiter nicht genirt, da die abessinische Geistlichkeit es für sehr gottgefällig hält, vom Wasser zum Zwecke der Reinigung so wenig Gebrauch wie möglich zu machen. Mit gelbem Sonnenschirm, auf schönem Maulthier sass er da, begleitet von verschiedenen Geistlichen niedrigern Ranges, von denen die einen grosse, die andern kleine Kreuze oder schön aus Messing gearbeitete Räuchergefässe trugen. Da ich durchaus keinen Zweifel erhob gegen die besondere göttliche Begnadung dieser heiligen Schar, so war ich bald ihr lieber Begleiter geworden, und ich bin fest überzeugt, sie würden mir jede Sünde vergeben haben. Glücklich einVolk, welches von einer so zahlreichen Klasse von Menschen gehütet und überwacht wird, die alle Gewalt zu binden und zu lösen haben. Auf 12000 Geistliche schätzt Heuglin die Zahl der „Drohnen“, wie er sich ausdrückt, aber ich glaube, er hat viel zu tief gegriffen. Man bedenke nur, dass eigentlich bei jeder Kirche 20 Geistliche oder doch mit der Geistlichkeit zusammengehörige Bedienstete angestellt sein sollen! Am meisten machte es mir immer Spass, wenn die abessinischen Geistlichen davon überzeugt zu sein schienen, ich glaube ebenso fest wie sie selbst an die Heiligkeit ihrer Person.
Dem guten Einvernehmen mit unserm frommen Priester verdankte ich es auch, dass ein Landmann, der uns bald darauf begegnete, mir unaufgefordert ein schönes Perlhuhn schenkte, welches er jedoch zuerst dem Diener Gottes anbot, der aber, da Wild den Abessiniern aus religiösen Gründen zu essen untersagt[95]ist, die Gabe zurückwies. Ueberdies wusste er ja auch, dass er abends Brondo bei mir erhielt.
Man steigt immer noch. Bei Ab Johannes zeigt sich, da im allgemeinen vulkanische Formation vorherrscht, noch einmal Sandstein, und gerade hier im Mai Saida entwickelt sich, wie nie zuvor, die üppigste Vegetation von Kolqual, Aloë und den sie umwickelnden Stapelien. Aber ein beschwerlicher Marsch, weil wir über die Ausläufer des Biala mussten. Wie verlockend lag der Riese da! Und dahinter, gar nicht in zu grosser Ferne, Lalibala mit seinen wunderbaren Kirchen auseinemStein gemeisselt, wie nirgends in der ganzen Christenheit. Diese westlichen Ausläuferoder Vorgebirge des Biala findet man auf der Karte unter dem allgemeinen Namen Maskalo und Kausawa. Uebrigens fliessen die von Maskalo kommenden Gewässer nicht in den Takazze, sondern in den Tsellari. Aber auch hier in dieser nicht nur scenisch wundervollen, sondern auch überall mit bestem Boden gesegneten Gegend leider nur eine äusserst spärliche Bevölkerung! Wohin man blickt, leere oder verlassene Stätten. An andern Stellen wol Spuren früherer Ortschaften, aber so verwittert und überwuchert, dass man meint, sie müssten vor Hunderten von Jahren zerstört sein. Und doch gingen vielleicht nicht so viele Jahrzehnte darüber hin. Unter den Tropen verschwindet alles schneller als bei uns, und namentlich viel schneller als im trockenen Nordafrika.
Aber welche entsetzlichen Wege jetzt, sodass es mir schier unbegreiflich erscheint, wie man sie überwinden konnte. Verschiedene Thiere fielen bereits, man überliess sie, nachdem man sie getödtet, den Hyänen. Kein Maulthier vollkommen heil mehr, auch das meinige und selbst das vorzügliche Stecker’s nicht und nicht das fast ebenso gute, welches ich Hubmer schenkte. Und wenn man die eigentlichen LastthiereohneSattel sah – welch ein Jammer! Die Rückenfläche bildete eine einzige grosse Wunde. Stühle und Tische längst zerschlagen. Die Bettstellen, als nicht mehr ausbesserungsfähig, mussten wir wegwerfen. Von unserer ganzen Ausstattung: wir hatten zwei Tische, sechs Stühle, Betten u.s.w., nichts mehr übrig als mein Lehnstuhl. Alles andere zertrümmert! – –
So erreichten wir die 2550 m hoch gelegenen Dörfer von Amde Uork: man glaubt mitten zwischen den Wolken zu sein. Amde Uork heisst auf deutsch Goldsäule. Eine in grossem Ansehen stehende Kirche, reizend versteckt zwischen hohem Wachholder und wilden Oelbäumen, enthält einige aus Einem Stück gefertigte und mit den Knochenehemaliger Priester angefüllte Holzsärge. Als ich sie besuchte, traf ich dort meinen Privatpriester in inbrünstigem Gebet. Auf meine Frage, warum er so andächtig und laut bete, erwiderte er wörtlich: „Ich fand soeben drei Maria-Theresienthaler. Der Satan flüsterte mir zu, sie zu behalten, aber ein Blick auf die Kirche führte mich auf den richtigen Weg. Und da rief mich der Engel Gabriel herein. Wie dankte ich Gott, dass er mir Kraft gab, der teuflischen Versuchung zu widerstehen! Hier sind die drei Thaler, denn Sie können sie doch wol nur verloren haben.“ – Ich war ganz sprachlos. Das also war einer der Priester, so ein dummer Fanatiker, noch dümmer als die Abessinier selbst, wie es in den meisten Reisebeschreibungen heisst; ausgestattet mit allen möglichen Lastern, fähig zu jedem Verbrechen. Und wie einfach gut handelte dieser Mann! Es ist wahr, bei uns fällt es durchaus nicht auf, wenn einer gefundenes Gut wieder abgibt. Aber hier so ein Mitglied der so viel geschmähten abessinischen Geistlichkeit, wer hätte das gedacht! UnterallenReisebeschreibungen gibt es von zehn kaum eine, welche den abessinischen Geistlichen das mindeste Gute nachsagt. Man übertreibe doch nicht! – „Behalten Sie nur das Geld“, erwiderte ich, „ich habe es nicht verloren, und wenn sich niemand meldet, gehört es Ihnen.“ Kaum aber wieder im Lager, kam uns der jetzt Gebr Maskal getaufte Edris mit verstörter Miene entgegen. „Mein Geld, meine drei Thaler sind mir gestohlen!“ rief er. Dass gerade ein PriesterderReligion, zu der er eben übergetreten, ihm das gefundene Geld wieder einhändigte, freute mich doppelt und nicht minder ihn. Er wollte auch gleich meinem Priester einen Thaler geben, aber standhaft verweigerte dieser die Annahme irgendeines Geschenkes: „Ich habe einfach meine Pflicht gethan“, war seine Antwort. Und ich bestärkte ihn darin. Dass ich ihn aber desto reichlicher beschenkte, alser mich in Debra Tabor verliess, um seine Reise nach dem berühmten Kloster Tekla Haimanot fortzusetzen, bedarf wol kaum der Erwähnung. Möge auch mir dieser Priester, wenn er in seiner einfachen Mönchswohnung wieder sitzt, ein gutes Andenken bewahren, wie ich es ihm hier thue.
Ich hielt die Einschaltung dieser kleinen Episode nicht für überflüssig, weil bisjetzt die abessinische Geistlichkeit nur mit Gift und Hass überschüttet ward, und zwar besonders von ihren europäischen Collegen, protestantischen sowol wie katholischen. Ich bin auch der Meinung, dass man die Eigenschaften eines fremden Volkes, statt sie herabzuwürdigen, soviel wie möglich der Wahrheit gemäss hervorheben soll.
Nach unsäglichen Mühen und Leiden, zu welchen sich abends noch Regen und Gewitter gesellten, stiegen wir hinab zum Meri, und von da, nach einem Marsch im Meri selbst, der etwas länger als 1 km war, zum Bett des Takase oder Takasiëh. Eben noch in freier Bergluft, 2500 m hoch, mit einer Temperatur von höchstens einigen Graden über dem Gefrierpunkt am Morgen, befanden wir uns jetzt, 1300 m hoch, in einer tropischen Dampfbadhitze.
Das war also der Takase[96], einer der bedeutendsten Ströme Abessiniens, welcher, wenn man annimmt, dass er mit Setit und Atbara denselben Fluss bildet, von der Quelle an bis zu seiner Einmündung oberhalb Berber ungefähr so lang ist wie der Rhein. Und dies wenige Wasser, diese geringe Breite der Thalsohle! Freilich ich bedachte im ersten Augenblick nicht, dass der Takase da, wo wir sein mit dem Meri gemeinschaftliches Thal betraten, noch ein kaum aus den Windeln genommenes Kind war. DasTakase-Thal verläuft eine grosse Stecke unterhalb und oberhalb der Meri-Mündung in gerader Südnordrichtung, ist unten etwa 300 m breit, während sich nach oben zu natürlich die Thalwände erweitern und zwar zu einer Breite von 4–5 km. Der Takase hatte überall fliessendes Wasser, welches stellenweise im sandigen Flussbett tiefe Tümpel oder in felsigen Auswaschungen tiefe Wasserbehälter bildete. Krokodile, Flusspferde u.s.w. kommen, wie es scheint, so weit nach oben nicht vor, dahingegen wimmelte es von Wasservögeln: Gänsen, Enten, Reihern, Pelikanen u.s.w.
Das Flussbett bot einen recht guten Weg, denn wenn man auch manchmal auf Geröll gehen oder durchs Wasser waten musste, so fand man doch hinlänglich Platz, um den nicht selten hausgrossen Blöcken auszuweichen, welche von den oft gewaltig daherbrausenden Wogen fortgerollt wurden. Auch hat der Takase auf dieser Stelle kein grosses Gefälle.[97]Bei der Einmündung des Meri in den Takase mass ich die Höhe von 1260 m; aufwärts, 4 km südlich, hatten wir bei unserm Lagerplatz 1310 m. Das macht also eine Steigung von 12,50m auf 1 km, was mit Leichtigkeit von einem Bahnzug könnte überwunden werden. Wir marschirten also südwärts und lagerten im Flussbettselbst, auf der höchsten Stelle, welche wir finden konnten, um vor einer plötzlichen Ueberraschung sicher zu sein. Den höchsten Wasserstand konnte man aber deutlich an den Felswänden messen, er betrug an der Stelle, wo wir lagerten, 6 m. Welche gewaltige Wassermenge musste sich dann hindurchdrängen!
Die hier verschiedene Temperatur deuteten wir oben schon an. Nachmittags hatte das Schleuderthermometer +30°, während das zum Baden einladende Wasser des Takase +27° zeigte. Und jeder benutzte das laue Wasser, selbst mein Priester konnte nicht umhin, ein Bad zu nehmen, obschon er innerlich gewiss Gott für dieses unfromme Gebaren um Verzeihung bat. Abends wieder Gewitter und Regen, der erst mit Sonnenaufgang aufhörte, jedoch auf die Vergrösserung der Wassermenge keinen merklichen Einfluss ausübte. Aber wie frisch erwachte am andern Morgen die Natur, und wie doppelt schön leuchtete die Sonne, nachdem sie die schwarzen Wolken gleich beim Aufgange nach Norden vertrieben!
Während der Takase südöstliche Richtung einschlug, gingen wir im Mai Felfel südwestwärts und gewannen allmählich wieder höhere Gegenden, ohne dass irgendeinem von uns der Aufenthalt im Takase geschadet hätte.
Man hätte denken sollen, dass, je näher an Debra Tabor heran, desto besser die Wege sein würden; aber das war keineswegs der Fall. Nur hin und wieder bemerkte man einige Verbesserungen der Pfade, ja, man hatte sogar auf recht schwierigen Stellen Fels ausgehauen und Sprengversuche gemacht. Letztere stammten jedenfalls aus den Zeiten der Regierung Theodor’s, welcher ja im Anfange seiner Regierung wirklich bemüht war, Verbesserungen einzuführen. Einigemal z.B. im Mai Felfel bemerkte ich, wenn auch höchst primitive Versuche, höher gelegene Theile durch künstliche Kanalisation zu bewässern. Manhatte bedeutend weiter oberhalb der betreffenden Stelle das Wasser abgefangen, in einen kleinen Kanal geleitet und sogar nach verschiedenartiger Ueberbrückung des Flusses den Aeckern zugeführt. –
Endlich im schönen Thal von Agissa und damit aller Sorgen überhoben! Es war aber auch die höchste Zeit. Uebrigens befanden wir uns alle wohl, die nach und nach angesammelten 60 Diener einbegriffen, nebst deren Frauen und Kindern, denn mehrere waren bereits verheirathet. Ja, man kann wohl sagen, dass sie sich viel frischer und kräftiger befanden als beim Abgange von Massaua, denn so viel Fleisch und Brot hatten sie wol niemals im Leben gegessen. Auch Kaufleute schlossen sich uns an, um sicherer reisen zu können, besonders auch angelockt durch die reichlichen Lebensmittel, sodann viele Bettler von Profession.
Aber nicht so gut stand es mit den Thieren. Bei weniger reichlichem Gerstenfutter wären sie längst erlegen. Mühsam, mit Anstrengung aller ihrer letzten Kräfte schleppten sie das Gepäck weiter; kam nicht bald Hülfe, dann, so nahe am Ziel, hätten wir nach Debra Tabor um Hülfe schicken müssen. Denn wo solche in der Umgegend finden? Frische Esel und Maulthiere und Träger? Auch für Geld nicht. Hauptmann Mariam konnte es vielleicht, aber der war vorangeeilt.
Da, in Agissa, als wir gerade unsere Zelte aufschlagen wollten, erschien Mariam und mit ihm ein Oberst sammt 100 Mann Soldaten: eine mir vom Negus Negesti entgegengeschickte Ehrenwache! Nun hatte alle Noth ein Ende.
Wie durch Zauber, wie aus dem Boden gewachsen, kamen am folgenden Tage Träger und Maulthiere; alle unserigen konnten nun ledig gehen. Aber doch noch einige schwierige Märsche, ehe wir die Residenz erreichten: schwierige, aber voll herrlicher und grossartiger Aussichten! Ja,am vorletzten Tage konnten wir vom Kalim Mtrebbia-Berg im fernen Westen den Tsana-See erglänzen sehen, während vor uns der mächtige Guna-Berg sein Haupt in die Wolken erhob und hinter uns das Melsa-Plateau wie eine mächtige Festung sich aufbaute! Unvergleichliche und doppeltschöne Fernsichten, weil man durch mächtighohe, mit Rosen und Jasmin untermischte Heidekräuter (erica arborea) reitet.
Tags zuvor befahl ich den Dienern eine Extrareinigung und liess ihnen Seife zum Waschen ihrer Leibwäsche und Endotsamen (phytolacca habess.) zum Reinigen ihrer Schama geben. Sie behaupten nämlich, dass die grossen Tücher leichter mit dem sich verseifenden Mehl der Endotsamen gereinigt werden könnten, als mit Seife. Nach und nach fanden denn auch die mich bedienenden abessinischen Diener grösseres Wohlgefallen an Reinlichkeit. Namentlich bewirkte ich dadurch eine vollkommene Umwälzung bei ihnen, dass ich durchaus nicht, wenigstens bei denen nicht, die mich täglich bedienten, die Belegung ihres Haares mit Butter duldete.
SAMARA, RESIDENZ DES NEGUS NEGESTI IN DEBRA TABOR.S. 195.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
SAMARA, RESIDENZ DES NEGUS NEGESTI IN DEBRA TABOR.
S. 195.
❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Und als sie dann am andern Tage, unserm letzten Marschtage, alle in schneeweissen Schama erschienen, konnte ich in der That mit einem glänzenden, schmucken Gefolge auftreten, wie man es so einheitlich vorher wol selten in Abessinien sah. Wir freuten uns, nun bald am Ziel zu sein. Aber trotz der Versicherung des Obersten war der letzte Tag noch einer der schlimmsten. Schimper hatte ich tags vorher vorangeschickt, um die Ceremonien des Empfanges zu regeln. Am 12. Februar passirten wir noch einige nicht unbedeutende Zuflüsse des Reb. Und nun glaubte ich, meinen von Felsvorsprüngen, Dornen, Regen und Staub arg zugerichteten Anzug für den Einzug in die kaiserliche Residenz mit einem bessern vertauschen zu müssen. Dies geschah, nachdem wir eine kurze Zeit halt gemacht. Auch Stecker kleidete sich um. Aber als wirnun weiter zogen, standen wir plötzlich vor einem angeschwollenen, undurchwatbaren Reb-Arm. Das war schlimm. Ich wusste, dass der Negus meine Ankunft um Mittag desselben Tages erwarte. Hier durfte nicht lange gezögert werden. Also hinein zuerst mit den Maulthieren. Sie kamen gut durch, aber die kleinern mussten schwimmen, was uns einen Beweis gab von der Tiefe des Wassers. Wir suchten und fanden eine bessere Furt, besser auch dadurch, weil aus dem Wasser grosse Felsblöcke hervorragten, an denen man nöthigenfalls hätte Sicherheit finden können. Da erbot sich der Oberst, ein wahrer Hühne an Gestalt, mich auf seine Schulter zu nehmen, und ich sass auch auf, meine Beine über seine Brust kreuzend, während Leute eine Kette bildeten, von welcher er das mittlere Glied bildete, denn sonst wäre er wol nicht ungefährdet hindurchgekommen. Nass wurden meine Füsse aber doch, so sehr ich sie auch heraufzog. Indess ging doch alles gut ab. Und damit hatten denn die Wegbeschwerlichkeiten ihr Ende erreicht: wir befanden uns jetzt auf der grossen Ebene, wo der Negus Negesti lagerte. Welch ein Gewimmel und Getümmel! Indess mussten wir doch noch eine ziemliche Strecke reiten, ehe wir den Hügel Samara erblickten, auf dessen höchstem Gipfel das Gebäude errichtet ist, in welchem der Kaiser wohnt, wenn er in Debra Tabor weilt.
Unsere grosse Karavane erregte natürlich das grösste Aufsehen. Männer, Frauen, Knaben, Mädchen, alles eilte herbei, um den Abgesandten des Kaisers[98]von Preussen zusehen. Aber Aufdringlichkeit, Bettelei kommt nirgends vor. Hier beiläufig, aber keineswegs unangemessen sei bemerkt, dass der uns entgegengeschickte und uns begleitende Oberst ein sehr anständiger Mann war, der sich besonders noch dadurch auszeichnete, dass er alle Spirituosen mied.
Nun kamen auch Schimper und die beiden Gebrüder Naretti herangeritten. Der ältere[99]der beiden Brüder hatte sein seidenes goldbrokatenes Gewand, ein Geschenk des Negus Negesti, angelegt und war geschmückt mit dem abessinischen Salomonisorden. Herr Naretti theilte mir mit, der Negus wünsche mich gleich zu empfangen, ich möge nur eine Weile verziehen, bis alles geordnet sei.
Wir waren also in Debra Tabor: ein Name, welcher eine so grosse, zum Theil traurige Berühmtheit durch die Gefangenschaft der Europäer unter Theodor erlangte; ein Name, der nicht sowol einen Ort, als einen ganzen District bezeichnet, welchen im Süden eine Gebirgskette, im Norden der Reb begrenzt. Nach Osten zu umfassen die Ausläufer des Gunastockes die prachtvolle, wellige, von metermächtigem Humusboden gebildete Ebene, während sie sich nach dem Tsana-See ohne weitere bestimmt ausgeprägte Formation absenkt. Die verschiedenartigsten Beschreibungen existiren von diesem Ort, denn bisjetzt ist Debra Tabor meist als Stadt, als Lagerplatz beschrieben worden und Verwechselungen mit Gafat und Samara sind nicht selten gewesen. Einen so wichtigen Platz verlohnt es sich aber wol genauerkennen zu lernen, denn ein gut Theil der letzten abessinischen Geschichte hat sich hier abgespielt.
Debra Tabor tritt zuerst in den Vordergrund zur Zeit des Ras Ali, welcher hier unter der Aufsicht seiner Mutter Menenen heranwuchs und zuweilen auch im benachbarten Madera-Mariam sich aufhielt. Combes und Tamisier geben (Bd. II, S. 83) von Debra Tabor nachstehende Beschreibung:
„Wir hatten hinlänglich Musse, Debra Tabor kennen zu lernen. Diese Stadt ist auf einer unebenen Hochebene gebaut; sie nimmt einen grossen Raum ein, denn die Häuser liegen zerstreut. Je nach den Kriegen und der Jahreszeit wechselt der Stand der Bevölkerung, sodass es nicht möglich ist, eine Schätzung zu machen. Die Temperatur ist während der Regenzeit, welche dort den Winter bedeutet, angenehm, während der trockenen Jahreszeit wird man deshalb auf grosse Hitze schliessen dürfen u.s.w.“ Combes und Tamisier sprechen sich sodann noch bewundernd über die Kirchen aus, fügen hinzu, dass Debra Tabor den Soldaten gehöre, dass syphilitische Krankheiten dort stark grassirten, dass Montags ein Markt in der Nähe abgehalten werde, und dass man für einen Thaler 16 Amole bekäme.Voilà tout.Bei dieser Wenigkeit doch noch eine der besten Beschreibungen. Alles, was uns die englischen Missionare, die Gefangenen darüber berichten, ist noch dürftiger.
Waldmeier[100]gibt wol Abbildungen von Debra Tabor, aber eine auch nur einigermassen belehrende Beschreibung fehlt, er theiltnurseine Erlebnisse und die der übrigen Gefangenen mit. Und so alle. Erst Heuglin[101]belehrt uns, dass Gafat dreiviertel Stunde von Debra Tabor auf einem ziemlich isolirten Hügel, dessen Fuss ein lustiges Bächleinumfliesse, gelegen sei. Aber auch er scheint nicht gewusst zu haben, dass Debra Tabor Name der ganzen Gegend zwischen Reb und dem Gebirgszug ist, auf welchem die berühmte Kirche Medani Allem steht. Aber er berichtet doch über den von Qafat oder Gafat eine Stunde entfernten Reb-Wasserfall, der ca. 70 Fuss tief sich hinabstürzt, und von der daneben befindlichen Höhle aus phonolitischem Gestein.
Auch Beke[102]gibt uns die werthvolle Notiz: „Da Gafat auf den gewöhnlichen Karten von Abessinien nicht verzeichnet, und im Süden der Halbinsel von Godjam ein von mir im October 1842 besuchter District ist, welcher früher diesen Namen trug oder von einem Volke gleichen Namens bewohnt war, und von dem man sagte, er sei der Aufenthaltsort der europäischen Arbeiter, so möge es mir gestattet sein, darauf aufmerksam zu machen, dass die in Frage kommende Oertlichkeit ein in unmittelbarer Nähe von Debra Tabor gelegener Ort ist, wo Consul Plowden zu lagern pflegte, wenn er Ras Ali oder den jetzigen Kaiser besuchte, und welcher nun der ständige Aufenthaltsort der kleinen europäischen Colonie von Schmieden und andern Arbeitern geworden ist, eine Art von abessinischem Woolwich-Arsenal.“
Auch die letzten Reisenden scheinen von der Thatsache nichts zu wissen, dass Debra Tabor der Name der Landschaft ist. Raffray[103]beschreibt es als „Stadt“.
„Wir betraten die Stadt“, sagt er S. 240 seines Werkes, „nichts: man würde sagen eine Todtenstadt. Der Negus ist abgereist, seine Armee mit ihm und Debra Tabor, mehr Lager als Stadt, ist jetzt wie ausgestorben.“
Matteucci sagt in dem Kapitel seines Werkes, welches die Ueberschrift Debra Tabor trägt, S. 212:
„Gian (?) Gafat (so heisst der Hügel, auf welchem König Johannes lagert) liegt ungefähr anderthalb Stunden südlich von Debra Tabor. Es ist umgeben von Hochebenen und lachenden Hügeln, bekleidet mit der schönsten afrikanischen Vegetation, um so schöner, wenn man bedenkt, dass Gafat 2740 m über dem Meere liegt. Auf den Karten findet man Gafat nicht, weil man Debra Tabor auch den Hügel zu nennen pflegt, wo das Hoflager des Königs aufgeschlagen ist, und zwar weil Theodor hier wohnte und die Europäer zu empfangen die Gewohnheit hatte. Damals hatte Debra Tabor grössere Wichtigkeit. Aber der Ort Gafat existirt erst seit kurzem, und sein wahrer Taufname ist kaum bekannt, denn auch die Abessinier sprechen nur von Debra Tabor.“
Matteucci irrt sich. Gafat war bereits funfzig Jahre vor seiner Reise nach Abessinien bekannt. Und lange vorher schon hätte er es auf den Karten finden können, z.B. in den Petermann’schen Mittheilungen von 1867 auf der abessinischen Karte und ebenso auf der Heuglin’schen.
Wir müssen bedauern, dass Vigoni, dessen Reisebeschreibung sich vor der seines Collegen durch grössere Gewissenhaftigkeit auszeichnet, so kurz ist bei der Beschreibung von Debra Tabor, wie er denn ebenfalls irrthümlicherweise Debra Tabor ein Dorf und den Hügel, auf welchem die königliche Residenz liegt, Gafat nennt. Gafat ist der Hügel, wo Theodor seine europäischen Fabriken und Schmiedewerkstätten hatte; die königliche Residenz dagegen heisst Samara. Aber Vigoni sowol wie Matteucci stützten sich in ihren Erkundigungen auf Naretti, welcher, übrigens ein sehr guter Mensch, ihnen wahrscheinlich die Oertlichkeiten so angab, wie er es selber nicht besser wusste. Vigoni sagt auf S. 185 seines Werkes nämlich:
„Das Dorf Debra Tabor liegt unweit vom königlichen Lager und hat seinen Namen vom nächsten Orte, aber derwirkliche Name des Hügels, auf dem das königliche Lager steht, und welcher 2700 m über dem Meere liegt, heisst Gafat.“[104]
Nach unsern Beobachtungen wird die Landschaft Debra Tabor vom 38.° mit einigen Minuten östl. L. von Greenwich und vom 11.° 50′ nördl. Br. geschnitten und liegt ca. 2500 m über dem Meere. Am Fusse des Hügels Samara, auf welchem sich die königliche Residenz befindet, hatten wir die Höhe von 2496 m. Unter dem Einflusse des mächtigen Guna, der fast die Höhe des Montblanc erreicht und dessen Gipfel beinahe immer Wolken umhüllen, stürzen sich zahlreiche Bäche nach der Ebene hinab, welche auch zur trockensten Jahreszeit nicht des Wassers ermangelt. Auf dieser bedeutenden Höhe über dem Meere, zumal auf den höchsten Punkten der Gebirge, beginnt der Unterschied zwischen trockener und nasser Jahreszeit zu schwinden. In Semien z.B. und in andern ebenso hohen Gegenden Abessiniens regnet es in der sogenannten trockenen Jahreszeit fast täglich. So auch auf den Guna-Bergen, was denn bewirkte, dass seit Jahrtausenden die ewig rieselnden Wasserfäden sich tief in die fette Dammerde einschnitten, bis sie den basaltischen Grund erreichten, auf welchem sie nun weiter auswaschen und zerstören.
Diese prachtvolle Hochebene hat klimatisch ungefähr dieselben Verhältnisse wie Talanta und Uadela. Hier ist es im Winter nicht zu kalt und wegen der immerhin bedeutenden Höhe im Sommer nicht zu heiss. Hier könnte in der That der Boden alles hervorbringen, was auf der Erde wächst. Traurig aber, dass gerade in Abessinien gar kein Sinn für Obstcultur vorhanden ist, dass man Getreide und Gemüse nur insoweit anbaut, als man für den Jahresbedarf nothwendig zu haben glaubt. Zwar die jeweiligen Herrscher versuchen manchmal zusammengeraubte Einzelvorräthe in Magazinen zu vereinigen, aber jedesmal haben sie sich in ihren Vorausberechnungen geirrt, jedesmal kamen sie zu kurz, und Hungersnoth war die Folge. Man wird sich erinnern, wie traurig der Verproviantirungsversuch Theodor’s in Magdala ausfiel, obwol er, wie man sagte, seit Jahren dort Korn und Vieh zusammenschleppte. Theodor hätte, falls er nicht ohnehin schon, nachdem man bei Aroge seine Armee aufs Haupt geschlagen, vernichtet gewesen wäre, bereits nach kürzester Zeit keine andere Wahl gehabt, als entweder kämpfend zu sterben oder sich zu ergeben. Trotz seines Geschenkes von zwölf Ochsen an Lord Napier, welche dieser bekanntlich zurückwies, stand er an der Schwelle der Hungersnoth.
Die Landschaft Debra Tabor hat andererseits den unschätzbaren Vortheil der centralen Lage und ist in dieser Beziehung weit besser gelegen als die Stadt der Atse[105], Gondar, welche zwar leicht zu befestigen wäre, aber während eines grossen Theils des Jahres ganz ausser Verbindung mit vielen Provinzen bleibt. Wenn der Takase seine Wassermengen durch die engen Thäler drängt, dann ist Gondar von Nordabessinien abgeschnitten oder kann doch nur auf grossen Umwegen erreicht werden. Dem ist die Landschaft von Debra Tabor, in der die königliche Residenz Samara liegt, nicht ausgesetzt. Maassgebend war auch wol für Ras Ali bei der Uebersiedelung nach Debra Tabor seine Unlust, denselben Aufenthaltsort mit dem Atse zu theilen. Denn wenn auch zu seiner Zeit schon die abessinischen Kaiser zu einer blossen Null herabgesunken waren, so hing ihnen doch noch immer ein gewisser historischer Nimbus an, und das schon musste für den Emporkömmling zu viel sein. Seit Ras Ali haben, ob mit Ueberlegung oder nicht, die folgenden Herrscher Debra Tabor immer bevorzugt. Und wenn sie sich auch nicht immer dort aufhielten, denn bei der Verfassung des Landeskannjetzt der Kaiser gar nicht an einem und demselben Ort weilen, so war doch sowol bei Theodor wie bei Johannes Debra Tabor der bevorzugte Lagerplatz der kaiserlichen Heere.