DREIZEHNTES KAPITEL.VON GONDAR NACH AKSUM.
Die drei Regionen Abessiniens. – Riesendisteln. – Ein Kurier mit einem Schreiben des Negus Negesti. – Eine Deputation Geistlicher. – Die Aussicht von Lamalmon-Berg. – Ein Gemeindecomplex mit 1000 Mönchen und 29 Nonnen. – Die Aebtissin. – Der Oberst mit seinen Soldaten zieht ab. – Bettler zu Pferde. – Das Flusspferd. – Der Neffe des Negus Negesti. – Streit zwischen Dienern und den Soldaten des Hauptmanns Mariam wegen eines Mädchens.
Die drei Regionen Abessiniens. – Riesendisteln. – Ein Kurier mit einem Schreiben des Negus Negesti. – Eine Deputation Geistlicher. – Die Aussicht von Lamalmon-Berg. – Ein Gemeindecomplex mit 1000 Mönchen und 29 Nonnen. – Die Aebtissin. – Der Oberst mit seinen Soldaten zieht ab. – Bettler zu Pferde. – Das Flusspferd. – Der Neffe des Negus Negesti. – Streit zwischen Dienern und den Soldaten des Hauptmanns Mariam wegen eines Mädchens.
Am 1. März verliess ich Gondar, eine Strecke weit begleitet vom Kentiba und andern Einwohnern der alten Kaiserstadt. Bald entschwindet der schöne Gemp den Blicken. Nordwärts muss man noch eine von den Portugiesen erbaute Brücke, die über den Magetsch führt, überschreiten. Rasch alsdann, auf verhältnissmässig guten Wegen, geht es stetig bergan. Aber so saftig auch zwischen blühenden Rosen- und Jasminbüschen die Matten daliegen, so wenig bevölkert ist die Gegend. Dennoch aber weisen grosse Getreidefelder auf nicht gänzliche Besitzlosigkeit hin. Riesige Rhododendren, Eriken, mehr als doppeltmannshoch, blühende Kusso-Bäume (Brayera anthelmintica), Hypericum geben kund, dass man sich bedeutender Höhe nähert. Aber Akazien, Spargelgebüsche, Aloë und andere abessinische Gewächsesieht man noch. Diese Gegend muss schon zur Deka[145]Abessiniens gerechnet werden, deren unterste Grenze man zu ca. 2500 m annehmen darf.
Wir nähern uns der bedeutenden Höhe von 3000 m und finden an verschiedenen Stellen jene wunderbaren Riesendisteln mit mannskopfgrossen Köpfen, deshalb Kugeldisteln (echinops giganteus), auf Amharisch aber koschoschilla genannt. Koqualbäume fangen an zu verschwinden, während Schirmakazien noch häufig vorkommen. Ganz reizend sind die auf den Wiesen blühenden lilienartigen Gewächse. Oft durchduftet Rosmarin die Gegend. –
RIESENDISTEL, ECHINOPS GIGANTEUS.S. 282.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
RIESENDISTEL, ECHINOPS GIGANTEUS.
S. 282.
❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Unterwegs überholte mich ein Kurier, der mir vom Negus einen Brief brachte, den ich mit Bangen Schimper zum Uebersetzen gab. Mit Bangen, weil er möglicherweise den Befehl der Zurückkehr enthielt. Das passirte ja Gordon, als er schon dicht auf der Grenze nach Metemmeh zu plötzlich umkehren und den Weg nach Massaua einschlagen musste. Was macht sich ein abessinischer Kaiser daraus, wenn jemand seinetwegen einen Weg von 1000 km in rasender Eile zurücklegen muss. Vielleicht wollte er, dass ich statteinesHutes[146]zwei für ihn kaufe. Oder irgendein anderer nichtiger, in seinen Augen aber wichtiger Grund veranlasste die Entsendung eines Kuriers. Glücklicherweise war meine Besorgniss unbegründet, denn der Brief enthielt weiter nichts als Folgendes:
„Der Brief des Gottverordneten Johannes, Königs von Zion, Königs der Könige von Aethiopien, gelange an den Hofrath Dr. Gerhard Rohlfs. Wie ist Dir’s ergangen? Ich mit meiner Armee bin Gott sei Dank wohl. Vom Gallafeldzug bleibe ich zurück, nachdem ich von der Ankunft der zahlreichen kaiserlichen Gesandten gehört habe; denn ich sagte, ehe ihre Rede gehört ist, will ich nicht gehen, Völker zu vertilgen. Geschrieben im Claudius-Lager (Galaddeos-Safar) am 17. Jekatit im Jahre der Barmherzigkeit 1873.“[147]
Ich antwortete gleich mit demselben Kurier, dass ich die Maassnahme Seiner Majestät für sehr weise halte, und es namentlich vorzüglich fände, dass er das „Völkervertilgen“ noch aufgeschoben habe. –
Je höher wir kamen, desto grossartiger wurde die Natur.Nach Westen zu sah man in unabsehbare Fernen. Ganz Kolla-Uogera lag vor uns. Aus der Tiefebene aber stiegen zahlreiche Bergriesen empor. Man irrt also gewaltig, wenn man sich die Kolla als eine einzige Ebene vorstellt. Nach Osten und Nordosten zeigten sich die Biala- und Lalibala-Berge und der schneebedeckte Semien-Gebirgsstock, an dessen Wänden, wie uns das Wetterleuchten andeutete, allabendlich starke Gewitter niedergingen.
So erreichten wir mit ca. 2800 m Höhe die bedeutende Ortschaft Dobarik, welche fast auf dem höchsten nördlichen Bande des Uogera liegt, der in seinen höchsten Spitzen noch einige hundert Meter die Höhe von 3000 m übersteigt.
Eine grosse Deputation Geistlicher in Ornat, mit Kreuzen, Fahnen und Kirchenmusik, kam aus dem nahen Fares Saber, um uns zu begrüssen. Aus Neugier kamen sie, aber auch mit der Bitte um Erlass der Lieferungen. Zufriedengestellt, zogen sie wieder heim. Nachmittags machte ich selbst einen Gang zu diesem für Abessinien so bedeutungsvollen Ort, denn hier war es, wo Theodor, aus Zorn über den Tod seiner Günstlinge Plowden und Bell, fast 2000 Abessinier kaltblütig schlachten liess.
In Dobarik verliessen uns die Beamten, welche uns bis dahin auf Befehl des Kaisers begleitet hatten, und mit ihnen verschwand ein Theil der Damen.
Darauf begannen wir den Abstieg vom Lamalmon-Berg. Zum ersten und einzigen male sahen wir hier die merkwürdige Gibara-Pflanze (rhyncho-petalum montanum), die Charakterpflanze der höchsten Berge Semiens, wie denn überhaupt der Lamalmon-Berg und Hoch-Uogera orographisch zu Semien gerechnet werden müssen. Die Aussicht vom Lamalmon nach Norden zu ist wol die grossartigste Abessiniens. Unmittelbar zu unsern Füssen verliert sich über kolossale Basaltabsätze und Säulen hinweg der Blick in geheimnissvolle, unergründliche Tiefen, die Bergwand vonSemien aber, welche man früher, von weitem gesehen, für eine compacte Wand hielt, löst sich in ein Meer von Bergen auf. Und welche sonderbare Gestaltungen! Will man verrückte Bergformen sehen, muss man nach Abessinien kommen.
LAMALMON-BERG.S. 284.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
LAMALMON-BERG.
S. 284.
❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Man spricht den Eingeborenen alle Empfindung für Naturschönheiten ab: dass die Pracht der Blumen, der Sternenhimmel, das blaue Meer, der hehre Glanz schneebedeckter Berge sie gleichgültig lasse. Im allgemeinen ist das richtig. Oft genug, wenn ich zwischen hohen Rosengebüschen schwelgte und mit Entzücken dem Gesange der Vögel lauschte oder mit Bewunderung meine Blicke über jene prachtvollen Alpenlandschaften schweifen liess, blieben meine abessinischen Diener vollkommen kalt. Ja, wenn man sie auf all das Schöne aufmerksam machte, wussten sie nicht, was sie eigentlich dazu sagen sollten. Hier aber erlebte ich eine Ausnahme. Aus dem unten gelegenen Orte Dibbewahr kam uns eine vom Schum angeführte Deputation bis zum obersten Abstieg vom Lamalmon entgegen, um beim Heruntersteigen behülflich zu sein. Als wir gerade den Abstieg oder vielmehr das Herunterklettern beginnen wollten, nahm mich der Schum bei der Hand, zog mich nach einer Plattform, einem kanzelartigen Vorsprung, und rief: „Ueberschauen Sie dies und sagen Sie, ob Ihr Land auch so schön, so grossartig ist!“ – Ich habe nie eine grossartigere, wildere Gebirgslandschaft gesehen. Selbst in Amerika nicht. Unsere europäischen Alpenlandschaften sind „zahm“ dagegen.
Ohne Unfall geschah der Abstieg. Aber grösstentheils verdankten wir das den freundlichen Bemühungen der Leute von Dibbewahr, welche die den Maulthieren abgenommenen Lasten heruntertrugen. An manchen Stellen konnte ich nur kriechend weiter kommen. Und nun der klimatische Unterschied! Eben noch oben der Kampf mit Schnee und Regen, und einige Stunden darauf schon, nach ganz veränderter Thier- und Pflanzenwelt, der Eintritt in die Tropenregion. Eben noch erinnerten die eigenthümliche Gibara, die Riesenheidekräuter (Erica arborea), die Kugeldistel an die kalte Zone, und gleich darauf sagten einem die Kandelaberbäume, die Palmen und Feigen, die Pavianheerden und zuckerhutförmigen Termitenhügel, dass man sich in der heissen Zone befinde.
Meist immer nördlich haltend, senkt sich der Weg bis zum Takaseh, aber keineswegs stetig; im Gegentheil, es ist ein einziges Auf- und Abklettern. Abgesehen jedoch von einigen schrecklichen Stellen, als deren schrecklichste der Lamalmon-Steig bezeichnet werden muss, istdieserWeg von Gondar nach Adua ungleich besser als der von Debra Tabor nach Adua.
Beiläufig will ich bemerken, dass der Lamalmon-Steig ein Abstieg oder Aufstieg, keineswegs aber ein Pass ist, wie er auf Karten und in Reisebeschreibungen bezeichnet wird.
Wir berührten sodann die Landschaft Uoldeba, die wir als Eigenthum des Etschege besonders hervorheben. Es leben hier an 1000 Mönche in 17 Gemeinden oder Ortschaften, und in einer achtzehnten, der Männerwelt unzugänglich, ungefähr 29 Nonnen. Neben Debra Damo, Lalibala und Teklaheimanot ist Uoldeba die berühmteste Aufenthaltsgegend der Klosterbewohner. Kloster ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, denn weder Mönche noch Nonnen wohnen in grössern Gebäuden beisammen, sondern je einer oder eine für sich in kleiner Hütte. Sie leben von den Einkünften des Bodens, vom Betteln, von ihrer Familie, von ihrem eigenen Vermögen. Ueber Tracht und Gebaren der Mönche berichteten wir schon. Der Oberste oder, sagen wir, „Prior“ von Uoldeba kam natürlich, sobald wir unsere Zelte aufgeschlagen, mit einer grossen Anzahl Mönche und brachte mir, ausser Geschenken an Lebensmitteln, als willkommeneGabe einen ganzen Sack frischen Ingwers, welcher gekocht nicht nur eine angenehme Zuthat zu Braten und Fleischspeisen abgibt, sondern sich auch allein als ein pikantes wohlschmeckendes Gemüse zubereiten lässt. Mit entsprechenden Gegengeschenken entliess ich die Mönche. Bald darauf erschien die „Frau“ Aebtissin – oder war sie ein Fräulein? – begleitet von einem halben Dutzend Nonnen. Sie brachten ebenfalls einen Sack mit Ingwer, den sie vor mein Zelt stellten. Ihre Kleidung bestand aus einem grobbraun-wollenen Kattunhemd; darüber ein gelbes Mäntelchen aus demselben Stoff; auf dem Haupte ein gelbes Mützchen, bei der Aebtissin dick umwickelt, sodass ein mächtiger Turban entstand. Dazu bei allen der Rosenkranz, und jene Andachtskrücke, auf die sie sich sehr würdevoll stützten, bis ich sie zum Sitzen einlud. Die Aebtissin theilte mir mit, dass sie aus sehr guter Familie stamme und schon seit längerer Zeit in Amt und Würden sei. Keine einzige dieser Nonnen war jung, noch weniger schön oder auch nur schön gewesen, allem Anschein nach. Wie die Mönche mussten sie das Gelübde der Keuschheit ablegen, aber sie treten gewöhnlich nie jung in die Klosterschaft, sondern nachdem sie in reichlicher Weise die Freuden des Lebens genossen. Obgleich nahe bei den Ortschaften der Mönche wohnend, sehen sie diese nie, wie die Aebtissin behauptete. Auf meine Frage, wovon sie lebten, antwortete sie: „Von Gartenbau und der Verfertigung von Kleidungsstücken und Stickereien, die wir verkaufen; hauptsächlich aber“, fügte sie hinzu, „beten und lesen wir, denn nur dadurch kommen wir zu Gott.“ Wie vorhin die Mönche, erhielten auch alle Nonnen ein Gläschen Schnaps und die Aebtissin ausserdem ein Geldgeschenk, womit sie so zufrieden gewesen zu sein schien, dass sie am Morgen, als ich eben den Lagerplatz am Inso verlassen wollte, noch einmal angeritten kam, um mir – eine von ihr selbst genähte Hose zu verkaufen. Daswar doch rührend. Da jedoch dieses Kleidungsstück recht bedenklich hinsichtlich der Reinlichkeit aussah und übrigens schon ein solches zu meinen ethnographischen Merkwürdigkeiten gehörte, bat ich die Aebtissin, es zu behalten, gab ihr aber ausserdem den Werth dafür in Geld, da ich, wie ich ihr bemerkte, nicht wollen dürfe, dass eine so hochgestellte und gottesfürchtige Frau meinetwegen den weiten Weg umsonst mache. –
Je tiefer wir nun hinabstiegen, desto tropischer wurde die Natur, und manchmal kamen wir durch ungemein grosse Bestände von Bambus, welches eine Höhe von 10–15 m erreichte. Namentlich Bra Amba umsäumte ein wahrer Bambuswald. Eigentlich sollte der Oberst mit seinen Soldaten mich bis zum Takase begleiten, da aber eingezogene Erkundigungen von hier bis Adua und weiter nach Norden zu Sicherheit vor Rebellen oder Räubern verbürgten, so stimmte ich mit Freuden ein, als der Oberst mir den Wunsch äusserte, schon am Mai Zabri zum Negus zurückkehren zu dürfen. Das Gebaren dieser rohen Landsknechte war von Tag zu Tag widerlicher geworden. Raubend und plündernd zogen sie neben meiner Karavane her. Kein Dorf liessen sie unbesucht, kein Haus ununtersucht. Wehe, wenn die Besitzer auf den Feldern sich befanden! Kehrten sie heim, fanden sie ihr Haus rein ausgeplündert. Das Unangenehmste dabei war, dass mich die Landbevölkerung für verantwortlich hielt, da ja das Plündern immer vom Anführer des Zuges ausgeht.
Ich hatte gehofft, in Frieden vom Oberst scheiden zu können, und nicht nur für jeden Soldaten, sondern auch für ihn hielt ich ein bedeutendes Geldgeschenk bereit. Aber nicht zufrieden damit, oder um von mir oder Schimper ein noch grösseres Geldgeschenk zu erpressen, schickte mir der Oberst das Geld – irre ich nicht, 150 Thaler, die ich ihm durch Schimper geben liess: eine für Abessinien vollkommengenügende Summe – mit der Bemerkung zurück: er habe strenge Weisung vom Negus Negesti, weder Geld noch irgendein anderes Geschenk anzunehmen. Was aber that der Mensch? Er liess die Verwandten Schimper’s in Ketten legen.
Natürlich liess ich den Oberst gleich zu mir bescheiden, setzte ihn zur Rede und fragte ihn, wie er dazu komme, Leute zu fesseln, welche unter meinem Schutze reisen. Seine Antwort lautete: die gefesselten Leute seien aus Debra Tabor entflohen, nur dem Kaiser sei er für sein Thun verantwortlich, die Leute würde er auf alle Fälle mit sich nehmen. Man kann sich denken, in welch unangenehmer Lage ich mich befand. Gewalt gegen den Oberst konnte ich nicht anwenden, möglicherweise war derselbe auch in seinem Rechte, möglicherweise hatten sich die Leute aus dem Staube gemacht, waren vielleicht nicht einmal Schimper’s Verwandte. Jedenfalls keine nahen Verwandten. Aber da sie nun einmal unter meinem Schutze reisten, musste ich nichts zu ihrer Befreiung unversucht lassen. Und ein Umstand begünstigte mich. Als ich gerade in nicht höflicher Weise mit dem Oberst die Angelegenheit nochmals beredete, erhielt ich den Besuch des Districtsgouverneurs Dedjadj Uogai, der ihm verständlich machte, dass, wenn der Kaiser erführe – und er selbst würde darüber berichten – wie wenig er meinen Wünschen nachkäme, da er doch auf Befehl des Negus nur zu meinem Schutze da sei, könnte ihm das leicht den Kopf kosten. Das wirkte. Der Oberst liess die Gefangenen entfesseln, aber der grösste Theil ihres Gepäckes war dabei auf Nimmerwiederfinden abhanden gekommen, während die Säcke der Soldaten inzwischen bedeutend an Umfang zugenommen hatten. Das Schönste aber bei dem Vorfall war, dass der Herr Oberst, obwol er sich bereits verabschiedet, nochmals herschickte und sich das Geldgeschenkausbitten liess. Ich gab es ihm, froh, von dieser unverschämten Begleiterschaft befreit zu sein.
In der That, wir athmeten auf, zumal uns auch ein Theil der lästigen Reisebettler verliess, vielleicht in der Meinung, bei den Soldaten sei mehr und auf längere Zeit etwas zu haben als bei mir, dessen Reise nun bald zu Ende sei. Welch sonderbare Auswüchse aber das gewohnheitsmässige Betteln in Abessinien erzeugt, das sollte ich am folgenden Tage erfahren. Als ich in Mai Zabri lagerte und an einer reizenden Quelle unter Citronen- und Pampelmusbäumen (citrus decumana), mit grössern als mannskopfgrossen Früchten, nach anstrengendem Ritt im Schatten und Dufte jener herrlichen Bäume ausruhte, kam eine Bande auf mich zugeritten und machte in einiger Entfernung, die Hände bittend gegen mich erhoben und um Almosen flehend, halt. Die Hüftknochen ihrer abgemagerten, fadenscheinigen Pferde, die sich gegenseitig vor Hunger auffressen zu wollen schienen, standen aus dem Körper heraus, als ob sie gar nicht dazu gehörten. Aber die darauf sitzenden Männer! Wahre Jammergestalten, hohläugig und hohlwangig, einige über und über gefleckt, andere mit aufgeschwollenen Gliedmaassen, einer mit offenen Wunden. Entsetzlich, schrecklich! Reitende Bettler?! Reitende Kranke?! So etwas war mir doch noch nicht vorgekommen. Freilich las ich, dass auch Bettler bei uns sich Vermögen erwerben, sodass sie sich Pferde und Wagen halten können, aber sie betteln doch nicht in der Carrosse oder auf dem Pferde! Und hier stand nun eine ganze Gesellschaft „berittener Bettler“. Schimper gab mir die Erklärung. Es waren Aussätzige und andere mit widerlichen Krankheiten Behaftete, welche in Abessinien ihrem Schicksal überlassen bleiben, aber abgesondert leben müssen. Sie vereinigen sich dann zu ganzen Gesellschaften, kaufen auf gemeinschaftliche Kosten alte Klepper und senden die äusserlich Widerwärtigsten, welcheam meisten das Mitleid zu erwecken im Stande sind, auf Bettel aus. Sie dürfen sich jedoch den Ortschaften nur bis auf eine gewisse Entfernung nähern, und Entgegenkommenden müssen sie sich von weitem schon durch Zurufen oder andere Zeichen bemerklich machen, da jeder das Recht hat, sie todtzuschlagen, falls sie nicht aufs gewissenhafteste das eben Gesagte befolgen. Etwaige Spenden, Almosen, Lebensmittel, Kleidungsstücke legt man auf besondere Plätze, von denen die Kranken sie abholen. –
Kurz vor meiner Ankunft am Takase kam Ras Bariau eigens an die Strasse heran, um mich zu begrüssen. Dieser mächtige und einflussreiche Mann, ein Schwiegersohn Kaiser Theodor’s, spielte ebenfalls in der letzten Geschichte der Kämpfe und Kriege um die Krone eine hervorragende Rolle, ist aber seitdem ein treuer Anhänger des Negus Negesti. Ras Bariau, der mit seinem würdevollen Auftreten einen angenehmen Eindruck machte, lud mich zu einem Besuche in seiner Wohnung ein, leider aber musste ich es wegen des zu grossen Umwegs ablehnen.
Der Abstieg nach dem Takase ging ziemlich gut von statten. Aber seit einigen Tagen waren wir nun von 3000 m Höhe zu 800 m herunter gekommen. Schon vorher machte das vulkanische Gebilde dem Sandstein, Thonschiefer und Urschiefer Platz, und an den tiefsten Einschnitten findet man, wie fast wol in ganz Abessinien, als anstehendes Gestein Thonschiefer. Wir setzten über den Takase ohne Schwierigkeit, obschon derselbe c. 100 m breit und über 1 m tief war. Flusspferde und Krokodile sahen wir nicht; aber beim Durchtreiben wurde doch eins unserer Schafe von einem jener grossen Saurier weggeschnappt.
Von 3000 m Höhe zu 800 m herab erzeugt natürlich einen grossen Temperaturunterschied. Wir mussten unten im breiten Thal, wo man sogar ackerte, lagern und erwachten vor Sonnenaufgang mit +19°5. Nachts wurdenwir aufs unangenehmste durch ein Flusspferd alarmirt, welches mitten durch unser Lager trabte und namentlich den Theil desselben, wo sich unsere abessinischen Anhängsel befanden, in arge Beunruhigung versetzte. Von der grossen Menge der Flusspferde an diesem Theile des Takase zeugten die Pfade derselben durchs Dickicht und die vielen Haufen Losung, welche man überall fand.
Auch der Aufstieg macht keine grossen Schwierigkeiten. Von da kommt man in die überaus fruchtbare, aber keineswegs stark bevölkerte Landschaft Simbila. Wie sehr man sich jetzt schon dem Norden genähert, erhellt am besten aus den Geldverhältnissen. Die Amole nimmt man von nun an nicht mehr als Kleingeld, dagegen kann man auf den Märkten schon wieder 40 Stück für einen Maria-Theresienthaler kaufen. Oben wird wieder alles vulkanisch, nur bei Mai Schivinni fand ich die Gegend abermals mit Sandsteinblöcken übersäet.
In Tembela kam Dedjadjmatsch Mengescha, der Gouverneur der Provinz, ein Neffe des Negus, zu mir, um mich zu begrüssen. Eigentlich aber wollte er dies: „Ich erhielt“, sagte er, „direct vom Negus Negesti den Befehl, Ihnen 1000 Maria-Theresienthaler zu zahlen; indess stehen mir höchstens nur 70 Thaler zur Verfügung, die können Sie gleich erhalten.“ Ich liess ihm durch Schimper antworten, ich könne weder seine 70 noch seine 1000 Thaler annehmen und hätte dies schon auf das bestimmteste dem Budjurunt Lauti erklärt. Als Mengescha jetzt merkte, dass es sich um eine vollständig erledigte Sache handle, war es höchst ergötzlich, zu hören, wie er folgendermassen auftrumpfte: „Ich werde die 1000 Thaler auf der Stelle herbeischaffen, nichts ist leichter als das! Dem Befehl des Negus muss man gehorchen!“ Schliesslich jedoch, als er einsah oder einsehen wollte, ich würde das Geld durchaus nicht annehmen, rückte er mit dem sonderbaren Anliegen heraus, ich möge ihm über denEmpfang des Geldes eine Quittung schreiben. Ich brauche wol kaum zu sagen, dass ich seinem Wunsche nicht nachkam.
Endlich sahen wir die Gegend etwas besser bevölkert: wir näherten uns ja jetzt der ältesten Hauptstadt des äthiopischen Reiches. Trachyt wechselte von nun an mit Granit und die Kolqualeuphorbien erreichten eine früher von mir nicht gesehene Höhe. Im Südosten erblickten wir aber noch immer die schneeigen Gipfel Semiens, während sich vor uns und immer schärfer die Umrisse der merkwürdig geformten Berge von Adua zeigten.
Eine unangenehme Episode stand mir noch bevor. Wie ich schon erwähnte, behielt ich meine ursprüngliche Bedeckung unter Hauptmann Mariam. Nun aber gerieth dieselbe mit meinen Dienern in heftigen Streit. Zum Unglück war Schimper nach Adua voraus, um mir dort einen Kurier zu besorgen und übrigens noch einige Geschäfte vor seiner Reise nach Massaua zu erledigen, wohin er mich auf Befehl des Negus begleiten sollte. Einer meiner abessinischen Diener sprach zwar etwas Arabisch, aber das war für eine gute Verständigung nicht hinlänglich. Der Streit nun brach aus über ein junges, etwa siebzehnjähriges Mädchen, welches, wie das in Abessinien üblich, eine Ehe auf Kündigung mit einem der Soldaten einging, welcher sie von Gondar mitnahm. Auf dem Wege nach Mai Schum, also schon im Gebiete von Aksum, schien ihr aber einer meiner Diener, Namens Tassama, besser zu gefallen. Sie verliess also in Mai Schum ohne weiteres den Soldaten Gebr Selassie und baute ihre Hütte aus Reisig mit Tassama auf, was jeden Abend alle Soldaten und Diener und übrigen Reisegenossen für je eine oder zwei oder mehrere Personen wegen des häufigen Regens ebenfalls thaten. Natürlich liess sich das Gebr Selassie nicht gefallen, seine Kameraden unterstützten ihn, meine Diener dagegen den Tassama, und so entspann sich eine grossartige Prügelei, welche in eine Schlägerei,in eine Schlacht ausartete. Unglücklicherweise befand ich mich ausserhalb des Lagers auf einem Spaziergange. Man hatte schon zu Messern, Säbeln, Dolchen gegriffen, und eben war man mit Schiesswaffen daran, als mein plötzliches Erscheinen der Schlacht ein Ende machte. Es war Blut auf beiden Seiten geflossen, einem meiner Diener hatte man einen Finger abgehackt.
Ich wollte die Aburtheilung bis auf Aksum verschieben, wo wir andern Tags eintreffen mussten, um sie der dortigen Gerichtsbarkeit zu unterbreiten, aber das gefiel beiden Parteien nicht, und nun begann ein gegenseitiges Anklagen, sich Beschuldigen und Vertheidigen, dass einem Hören und Sehen verging. Der Hauptmann Mariam meinte zwar, man solle gleich für alle mit einer energischen Bastonnade beginnen, aber dazu konnte ich mich doch nicht entschliessen. Vor allen Dingen, sagte ich, müsse man die Ursache des Streites, die junge Abessinierin, aus dem Lager entfernen, aber das wollten beide Parteien nicht, auch Hauptmann Mariam nicht, welcher ganz ernsthaft versicherte, die Abessinierin habe doch nichts verbrochen, sie sei nicht regelrecht verehelicht und könne deshalb auch von niemand gezwungen werden, mit diesem oder jenem zu leben. Unter solchen Umständen blieb mir nichts anderes übrig, als mich jeden Urtheils zu enthalten und sie nochmals, falls sie nicht einig werden sollten, auf das nahe Aksum zu verweisen. Der geringste noch einmal ausbrechende thätliche Streit solle aber sofort mit Wegjagung der Veranlasser bestraft werden: immer die härteste Strafe, die ich über sie verhängen konnte.