VIERZEHNTES KAPITEL.AKSUM IM JAHRE 1881.

VIERZEHNTES KAPITEL.AKSUM IM JAHRE 1881.

Lagerung vor Aksum. – Nachts bei Regen ein Unfall. – Nicht Opferstein, sondern Königsstuhl. – Keine Obelisken, sondern Stelen. – Eine noch nicht veröffentlichte Inschrift. – Die Wohnung des Negus Negesti. – Die lästige Rotte Jungen und Mädchen. – Gefesselte Knaben. – Der Nebreïd von Aksum. – Besuch der Metropolitankirche. – Musikanten. – Besuch beim Nebreïd in der Kirche. – Beschreibung seiner Umgebung und der Kirche. – Unterredung mit dem Nebreïd. – Abschied von Aksum. – Priester mit Geschenken des Nebreïd. – Die Einwohnerschaft Aksums.

Lagerung vor Aksum. – Nachts bei Regen ein Unfall. – Nicht Opferstein, sondern Königsstuhl. – Keine Obelisken, sondern Stelen. – Eine noch nicht veröffentlichte Inschrift. – Die Wohnung des Negus Negesti. – Die lästige Rotte Jungen und Mädchen. – Gefesselte Knaben. – Der Nebreïd von Aksum. – Besuch der Metropolitankirche. – Musikanten. – Besuch beim Nebreïd in der Kirche. – Beschreibung seiner Umgebung und der Kirche. – Unterredung mit dem Nebreïd. – Abschied von Aksum. – Priester mit Geschenken des Nebreïd. – Die Einwohnerschaft Aksums.

So lagerten wir denn angesichts der alten Hauptstadt Aksum, die ich während der britischen Expedition schon einmal, wenn auch nur flüchtig, besuchte. Städte mit historischem Hintergrund haben immer ein erhöhtes, doppeltes Interesse. Und vollends in Afrika, wo wir neben Ländern mit ältester Geschichte andere vorfinden, von deren Vor- und Neuzeit wir durchaus nichts wissen. Zum Theil ist es ja mit Abessinien auch so, dessen Geschichte erst durch das Eingreifen der Portugiesen eine einigermassen auf Wahrheit beruhende Fassung erhält, denn die Ereignisse in diesem Lande vor Christof da Gama können wegen ihrer Lücken- und Nebelhaftigkeit kaum auf wirklichen Werth Anspruchmachen. Und was nützt eine lange Liste von Kaisernamen bis in die tiefe Vergangenheit hinein? Blosse Namen für Begriffe ohne charakteristische Merkmale! Selbst die neueste Geschichte Abessiniens, die uns Bruce in ununterbrochenem Zusammenhange gab, wie wenig reizvollen Inhalt bietet sie! Sie zeigt uns in detaillirteren Zügen, wie das Kaiserthum mehr und mehr zur Schattenmacht herabsank, wie aus dem unaufhörlichen Kriege aller gegen alle zeitweilig ehrgeizige „Lidj“ oder „Abkömmlinge Salomo’s“ hervorgingen, die nur an die Behauptung ihrer Macht, nicht aber an die Segnungen des Friedens dachten. Interesse erregt das Land erst, als es mit dem Auslande durch die britische Expedition und die ägyptischen Feldzüge in Wechselbeziehung zu tretenschien. Von wirklich culturellem Einfluss verspürt man wenig. Auch heute noch ist dort Krieg aller gegen alle die Losung und „Völkervertilger“ ein Wort von derselben Geltung, wie bei uns Ratten- und Mäusevertilger.

Wir lagerten auf einer grossen Wiese, ca. 1 km südöstlich von Aksum. Unfern unserer Zelte schlängelte sich ein kleiner Bach, der sich nach dem Takase hinabzog. Im Norden sahen wir die Bergwand, die wir von Tembela an entlang zogen, dicht vor uns die alte Krönungsstadt Aksum, überschattet von jenen Sykomoren, welche alle Reisenden bewundern, in weiter Ferne die schneeigen Köpfe Semiens. Mit dem Aufschlagen der Zelte und dem Herbeiholen des Reisigs zum Hüttenbau ging viel Zeit hin, sodass ich am Tage unserer Ankunft nicht mehr zur Stadt konnte. Dagegen kam der kaiserliche Beamte zu meiner Begrüssung heraus, und der Nebreïd schickte, um seine wohlwollende Gesinnung an den Tag zu legen, einige Töpfe Honigwein. Meine Leute fanden vollauf Verpflegung. Wie immer, wenn wir nach einer Stadt kamen, liess ich für sie Bier kaufen, und alle gaben sich der angenehmen Erwartung hin, hier einige Tage Ruhe zu finden.

Die ersehnte Ruhe musste aber theuer erkauft werden. Nachts fing es an zu regnen und zu gewittern, wie es eben in diesen Bezirken eigentlich nur während der Regenzeit zu geschehen pflegt. Aber was hatte ich davon zu fürchten? Mein doppeltgedachtes Zelt schützte vor Wasser von oben, ein rings um das Zelt angebrachter guter Graben vor dem Hereinlaufen des Wassers von unten. Lachen konnten sich nicht bilden, da wir auf sanft sich neigendem Boden lagerten. Aber im besten Schlaf sank auf einmal das Zelt zusammen. Ich lag begraben unter der nassen wuchtigen Leinwand. Zum Glück war die schwere Zeltstange, welche ca. 25 kg wog, auf die andere Seite gefallen. Dabei goss es ununterbrochen herunter, und die grell zuckenden Blitzstrahlen blendeten derart, dass man jetzt erst recht nicht die Finsterniss durchdringen konnte. Endlich kam Hülfe. Die Leute befreiten mich aus meinem nassen Grabe, mein anderes Zelt wurde schnell aufgeschlagen. Aber welch eine höchst unangenehme Nacht! Ich sowol wie alle Gegenstände waren windelweich nass geworden. Die Katastrophe verursachten eiserne Pflöcke, deren sich die Diener zur Befestigung des Lagers statt der hölzernen bedienten; erstere liess ich nur in felsigem Boden anwenden. Die am andern Morgen glänzend aufgehende Sonne machte bald alles wieder gut.

Es ist in der That schade, dass man von den wirklich interessanten Bauresten, soweit sie historischen Werth haben, nicht zu retten sucht, was noch zu retten ist. Die grosse Steinplatte mit der von Salt zuerst veröffentlichten griechischen Inschrift geht sichtlich dem Untergange entgegen. Die Seite mit der äthiopischen Inschriftistschon vollständig verwittert, und die griechische Inschrift beginnt ebenfalls unleserlich zu werden. Mehr und mehr versinkt auch der Stein, welcher ursprünglich 31 Reihen enthielt; jetzt liegen nur noch 24 zu Tage. Besser, wenn der Stein in einemtrockenen oder in einem der abwechselnden Witterung nicht ausgesetzten Erdboden verborgen läge, um ihn für die Wissenschaft zu erhalten. So aber gestattet die körnige Zusammensetzung der Steinplatte eine volle Verwitterung, zumal wenn die zerfressenden Einflüsse des nassen Humus hinzukommen.

Ich bin der Meinung, dass das, was die meisten Reisenden als Opfersteine bezeichnen, keine sind. Sie haben dieselbe Form wie der sogenannte Königsstuhl vor der Metropolitankirche und dürften dazu gedient haben, hölzerne oder steinerne Statuen aufzunehmen. Wenn die Rinne, welche man oben auf dem Steine bemerkt, eine wirkliche Blutrinne gewesen wäre, so hätte man sie bis zum Abfliessen verlängert. Auch lassen sich die vor dem Stein befindlichen länglichen Vertiefungen nur durch die Bestimmung zur Aufnahme der Füsse der Statue erklären. In Aegypten haben wir ja gerade an den Memnonssäulen und andern ähnlichen sitzenden Bildsäulen die entsprechenden Vorbilder. Und die aksumitischen Denkmäler, wenn auch von Griechen errichtet, erinnern nur zu sehr an ägyptische Bildhauerei.

a. Blutrinne, wahrscheinlich aber Einsatz für eine steinerne Lehne.b. Aushöhlungen für die Füsse.

a. Blutrinne, wahrscheinlich aber Einsatz für eine steinerne Lehne.

b. Aushöhlungen für die Füsse.

Von den sogenannten Obelisken, die aber gar keine Obelisken, sondern viereckige Stelen sind, Stelen allerdings von kolossalen Dimensionen, liegen in den verschiedensten Werken so genaue Abbildungen und Beschreibungen vor, dass man es mir erlassen kann, näher darauf einzugehen. Jedenfalls hat Rüppel vollkommen recht, wenn er dieses Obeliskenfeld, wie er das Säulenfeld nennt, als einen Begräbnissplatz bezeichnet. Dass die Aksumiten so riesigeStelen ihren Dahingeschiedenen widmeten, darf uns auch nicht wundern. Ohne Zweifel kamen die Griechen nach Adulis aus Aegypten, von wo sie die Mode, den Todten so grosse Denkmäler zu errichten, mitbrachten. An den Pyramiden bei Memphis, an den grossen Königsgräbern bei Theben lernten sie ja das Grossartigste kennen, was es in dieser Beziehung auf Erden gibt. Alles bisjetzt in Aksum Gefundene erinnert an Aegypten und vorchristliche abessinische Zeit. Die Christen hätten wol, nachdem der heidnisch-griechische Einfluss aufgehört, derartige Säulen nicht mehr errichtet. Ich möchte deshalb auch kaum die Meinung Rüppel’s unterschreiben, welcher annimmt, dass die vier Löcher an der obern Fläche der noch aufrecht stehenden Säule zur Aufnahme eines Kreuzes gedient hätten. Die ursprünglichen Erbauer wollten doch wol keins daran befestigen! Die grosse aufrecht stehende Säule ist die einzige noch vollkommen erhaltene. Zwar hat sie sich auch schon etwas gesenkt, jedoch liegt die Lothlinie noch innerhalb der Basis. Aber wie lange noch? Alle andern Säulen liegen zertrümmert am Boden. Jene könnte man retten, wenn man sie ans Rothe Meer schaffte und ihr als ausgeprägtestem Denkmal aksumitischer Grösse einen Platz in Europa anwiese.

Vor der Säule auf der grossen Steinplatte befinden sich drei in den Stein ausgehauene Schalen. Die jungen Damen Aksums benutzten sie als – Mörser: eine Bestimmung, die sie wol ursprünglich nicht hatten. Die von Rüppel erwähnten drei äthiopischen Steinschriften konnte ich nicht ausfindig machen, möglicherweise sind sie schon zerstört. Dagegen fand ich die von ihm erwähnte, jetzt mit Erde angefüllte Schale aus Lava im Hofraum der Kirche Tekla Haimanot. Alle übrigen von den Reisenden erwähnten Bauüberreste sind noch im selben Zustande vorhanden.

Auch die unterirdischen Bauten auf dem Am Nelicalos-Berg, welche Heuglin Qonasel, Fuchsbau, nannte, die Einwohner Aksums dagegen Königssohnsgräber, Dachel ebn Negus, nennen, besuchte ich. Hier fand ich eine Inschrift, welche noch nicht veröffentlicht worden ist:

Alte Inschrift

Jedenfalls würde ein Archäologe bei gründlichen Nachgrabungen gewiss manches Interessante und vielleicht für die alte Geschichte Abessiniens Bedeutsame zu Tage fördern. Aber unter den jetzigen Verhältnissen ist das absolut unmöglich.

Aksum[148]ist immer noch die alte Krönungsstadt. Hier liess sich denn auch Kaiser Johann, vormals Fürst Kassai, krönen, und in der alten Kirche salbte ihn der damalige Abuna.

Diese so oft beschriebene und abgebildete Kirche macht ebenfalls einen traurigen Eindruck. Früher soll sie von Gold und Silber gefunkelt haben – von dieser Pracht ist aber nichts mehr zu sehen. Ganz ausgeplündert und niedergebrannt 1535 von Mohammed Granje, blieb weiter nichts übrig als vier nackte, nothdürftig ausgebesserte Wände. Das einstige Gewölbe der Kirche ist durch ein Balkendach mit Cementüberwurf ersetzt. Man weiss nicht: ist sie noch Ruine, oder gehört sie zu den noch zu benutzenden Gebäuden?

Ich besah auch die Wohnung des Negus: den einzigen bemerkenswerthen, neuerdings in Aksum hergestellten Bau. Alle Achtung vor Signor Naretti, welchem die meisten Reisenden wegen seiner Freundschaftserweise zu Danke verpflichtet sind! Aber diese Königswohnung macht nicht den Eindruckeines baukünstlerischen Könnens. Möglich, dass man ihm beim Bauen die Hände band, dass er genau nach den Plänen des Negus verfahren musste. Man denke sich eine grosse runde, mit Stroh gedeckte Hütte, inwendig ein grosses Gestell, von dem man nicht weiss, ob es „Mimber“ (Kanzel der Mohammedaner) oder Thron sein soll. Abscheulicher Geschmack! Dazu die geringe Sorgfalt der Abessinier für Aufbesserung: der Angareb (Sofa) auf dem Throne war von zerrissenen Fetzen bedeckt, aber der Haushofmeister, der mir die Wohnung zeigte, nicht wenig stolz auf solch buntes Lappenwerk.

Auf dem Rückwege nach meinem Lager verfolgte michzum ersten male seit meiner Anwesenheit in Abessinieneine lästige Rotte Jungen und Mädchen, welche lärmend und schreiend hinter mir drein zogen. Aksum ist Asylstadt und ermangelt einer weltlichen Behörde, denn der dort residirende Schum ist eigentlich nur wegen der Umgegend da, soweit diese nicht unter nebreïdlicher Botmässigkeit steht, woher es denn wol kommt, dass eine gewisse Zuchtlosigkeit unter der Jugend herrscht. Oft sammeln sich Hunderte von Familien, um ihr Eigenthum zu retten, in diesem Asyle, wozu sich Aksum auch deshalb besonders eignet, weil es, abgesehen von solchen Zufluchtsstätten, welche ihrer natürlichen Beschaffenheit wegen Schutz gewähren, wie Debra Damo in Tigre, einer der geheiligtsten Oerter ist. Viele Kinder bleiben nun, wenn auch die Aeltern in ruhigern Zeiten nach der Heimat zurückkehren, in der „Stadt der Mutter Gottes“, um sich dem geistlichen Stande zu widmen. Wo auch besser, als in diesem uralten Heiligthum, könnten sie die abessinische Religion erlernen! Die Geistlichkeit verhängt übrigens auch körperliche Strafen, wie wir gleich sehen werden. Als ich nämlich, nachdem meine Soldaten, obwol ungern, diese angehenden Heiligen auseinandergetrieben, einen bessern Ueberblick über diekleinen Unholde gewann, bemerkte ich mit grossem Erstaunen,dass viele von ihnen zwischen den Füssen mit einer ziemlich dicken Kette gefesselt waren. „Was?“ fragte ich, „so jung und schon Verbrecher unter ihnen?“ „Das nun gerade nicht“, antwortete der mich begleitende Aksumit, „aber sie hatten ihre Aufgaben nicht gelernt, sie hatten die Schule ohne Erlaubniss geschwänzt und, am sie am Weglaufen zu verhindern, werden sie gefesselt und zwar mit Bewilligung ihrer Aeltern. Sie sehen, dass sie nur hüpfen, aber nicht laufen können.“ – Das war in der That so. Aber noch einmal, wie höchst sonderbar das: 6–10jährige Knaben mit eisernen Ketten gefesselt! Das war ein Seitenstück zu den „reitenden Bettlern“! Welche Zustände!

Der Nebreïd von Aksum ist einer der höchsten Geistlichen und gleichen Ranges mit dem Etschege, ja, oft wetteifert er in Ausübung seiner Machtvollkommenheit mit dem Abuna.

Der alte ehrwürdige Mann liess mich zu einem Besuche einladen, da er, weil er Kusso eingenommen, selber nicht kommen könne. Ich antwortete, dass ich, falls er im Stande sei, mich vor dem Geheul und Gejohl der Jugend in den Strassen der Stadt zu schützen, gern seinen Wunsch erfüllen würde. Ihm schien die unliebsame Scene mit der Strassenjugend schon zu Ohren gekommen zu sein, denn gleich darauf liess er einen Ausrufer in den Strassen verkünden, dass die Aeltern und Lehrer unverzüglich ihre Kinder einsperren sollten. Das wollte ich aber doch nicht, ich schickte daher meinen Geistlichen, den Mönch von Gondar, mit der Bitte zu ihm, diese Maassregel rückgängig zu machen, ich würde mich schon selbst mit der Jugend auseinanderzusetzen wissen. Meine Fürbitte hatte denn auch, wie ich richtig vermuthet, die Gewogenheit aller Schüler und Kinder zur Folge. Die ganze Stadt erfuhr ja auch inzwischen, dass ich in besonderer Werthschätzung beimNebreïd stehe, der, man kann wohl sagen, in Aksum ein weit grösseres Ansehen geniesst als der Negus selbst.

Weil es jedoch schon Abend geworden, konnte ich den Nebreïd nicht besuchen, ich begab mich daher zur Metropolitankirche, um sie eingehend zu besichtigen. Der bei dieser altehrwürdigen Kirche angestellte und auf meinen Besuch vorbereitete Klerus nahm die Gelegenheit wahr, im Ornat und unter Musik einen feierlichen Gottesdienst – natürlich auf meine Kosten – für mein Seelenheil abzuhalten. Es war dies eine ganz besondere, innerhalb einer Kirche seitens der Geistlichkeit mir noch nicht zu theil gewordene Ehre und Auszeichnung. Processionen von Geistlichen im Ornat, mit und ohne Musik, mit und ohne Kirchenschmuck, hatte ich oft genug empfangen und stets den Segen der frommen Leute und sie dafür grössere oder kleinere Geldgeschenke erhalten. Nun aber vollends eine solche Feier! Uebrigens bezweifelte die abessinische Geistlichkeit nicht im mindesten meine Rechtgläubigkeit. Zwar wussten sie genugsam, dass ich nichtihrChrist sei, denn ich hielt ja nicht die Fasten, aber mein Mönch verkündete allen laut, ich schaffe ihn nach Jerusalem, und das absolvire mich. Zwar wussten sie nicht minder, dass ichihrenGlauben an die Jungfrau Maria nicht theile, aber oft genug sahen sie, dass ich beim Betreten einer Kirche die Thürpfosten küsste[149], und das machte mich, auch wenn ich keine blaueSchnur trug, in ihren Augen zu einem echten Christen; sie sahen ferner, dass ich den abessinischen Priestern stets mit Hochachtung begegnete, was sie mit Ausnahme von Bruce noch von keinem Europäer erlebten, und schlossen daraus, dass ich von der GüteihrerReligion überzeugt sei und nicht, wie die Missionare, gegen dieselbe eifere. Und schliesslich hörten sie, zunächst durch Vermittelung meiner zahlreichen Dienerschaft, dass ich der freigebigste Mensch sei und nie, auch das Geringste nicht, ohne Vergütung annehme. Letzterer Punkt fiel in Abessinien überhaupt undbesonders bei der Geistlichkeitin die Wagschale. Und so erhielten denn auch die Priester dieser ältesten und geheiligtsten Kirche Abessiniens für ihren aussergewöhnlichen Gottesdienst gebührend Belohnung und, Hymnen singend, zogen sie feierlichst von dannen.

MUSICIRENDER ABESSINIER.S. 304.❏GRÖSSERE BILDANSICHT

MUSICIRENDER ABESSINIER.

S. 304.

❏GRÖSSERE BILDANSICHT

Als ich bei meinem Lager wieder ankam, wartete meiner eine neue Ueberraschung: der Nebreïd hatte, um mir ein Abendconcert zu geben, fünf mit grösseren und kleineren Instrumenten versehene Musikanten geschickt, die sich auf die Erde niederliessen und ihre Mollweisen begannen, während sich rund herum bald ein Zuhörerkreis bildete, der nachHunderten zählte. Bei besonderer Gelegenheit erhoben sich auch zwei, um Gegentänze aufzuführen. Von eigentlicher Melodie, geschweige denn von Harmonie war nichts zu verspüren. In der musikalischen Veranlagung stehen die Abessinier wol noch hinter den Arabern zurück, wie denn auch namentlich die abessinische Kirchenmusik durch Mistöne auf europäische Ohren höchst beunruhigend einwirkt.

Am andern Morgen machte ich dem Nebreïd meine Aufwartung. Um seine ganze Macht und Herrlichkeit vor mir entfalten zu können, hatte er zum Empfangsort die Kirche selber bestimmt. Angekommen vor der Umfassungsmauer der Kirche, empfingen mich weissgekleidete Schüler und führten mich durch eine Reihe von Priestern zu ihm. Er sass in der Ecke der Vorhalle, die man mit hübschen Teppichen belegt, auf weichen seidenen Polstern, während ich selber neben ihm auf einem besondern Teppich Platz nahm. Um uns herum gruppirte sich die ganze Priesterschaft Aksums, im ganzen wol 500 Personen. Man glaubte in einer mohammedanischen Versammlung zu sein, denn alle waren beturbant, mit Ausnahme der Schüler, an Zahl etwa 100, welche barhaupt gingen. Zur Feier des Tags hatte man den Faulen die Ketten abgenommen, und unter Leitung eines ältern Priesters sangen sie im Hintergrunde der Kirche, sodass der Gesang nur gedämpft unsere Ohren erreichte, während der ganzen Zeit Psalmen.

Der Nebreïd selbst war mit einem blauen, goldverzierten Mantel angethan, neben ihm stand eine hübsche, goldene Krone, die eines frühern abessinischen Kaisers, ringsum mit Bildern geziert, mit grossen bunten Steinen besetzt, von einem dreifachen Goldkranz umgeben und fast ebenso hoch wie die des Negus Negesti. Zur Seite des Nebreïd standen jüngere Priester, von denen der eine einen baumwollenen Schirm, der andere einen Fächer hielt. Er selbst hatte in seiner Hand ein mächtig dickes Goldkreuz. Sein Haupt bedeckte, wie immer bei den Priestern, ein hoher weisser Turban. Die ihm zunächst stehenden Priester und Deftera (Schriftgelehrte, welche die weltlichen Angelegenheiten der Kirche besorgen) waren ebenfalls in prächtigen Kleidern, ja, noch glänzender gekleidet als der Nebreïd selbst, einige von ihnen hatten goldgestickte Gewandung.

Die Unterhaltung ging anfangs nicht recht, da Schimper fehlte und somit Arabisch gedolmetscht werden musste. Der Nebreïd entschuldigte sein vorhin erwähntes Nichterscheinen mit dem Unwohlsein infolge des Einnehmens von Kusso. Er bat mich sodann wegen der Ungezogenheit der Schüler um Entschuldigung und erkundigte sich nach dem Befinden des Negus Negesti, von dem er bezüglich meiner einen warmen Empfehlungsbrief erhalten habe. Darauf verallgemeinerte sich das Gespräch, und ich benutzte die Gelegenheit, einige Geschenke zu überreichen, welche allerdings nicht, wie ich wünschte, ausfallen konnten, denn allmählich waren meine Vorräthe doch sehr zusammengeschmolzen. Ich freute mich indess, wenigstens seinen Schirm durch einen bessern ersetzen zu können, da ich ihm meinen eigenen seidenen zurückliess.

Auf meine Frage, ob er auch schon in Jerusalem gewesen sei, erwiderte er, ob ich denn nicht wüsste, dass ich mich in diesem nämlichen Augenblick an ebenso heiliger Stätte befände wie Jerusalem selbst? Das hatte ich allerdings nicht gewusst und nur, dass Aksums Kirche ein unverletzliches Asyl sei. Aber Ubieh sowol wie Theodor respectirten trotzdem nicht die Heiligkeit dieses Schutzortes, ja, Gott selbst kümmerte sich so wenig darum, dass er einst die Plünderung und Verbrennung dieses Heiligthums durch Mohammed Granje gestattete. – „Sie wissen also auch nicht“, fuhr er fort, „dass diese Kirche, in welcher Sie sich jetzt an geheiligter Stätte befinden, von Joseph, dem Vater unsers Heilandes, erbaut worden ist?“ Ich wagte nicht,meine Unwissenheit einzugestehen, sondern erwiderte: „Ich hörte allerdings davon, wusste aber nicht, ob es wahr sei.“ „Ja“, sagte er, „hier an dieser Stätte hielt sich die Jungfrau Maria mit dem Christuskinde auf, als die heilige Familie aus Aegypten kam, und zum Andenken daran erbaute Joseph mit eigenen Händen unter Beihülfe unsichtbarer Engel die Kirche, in der wir uns jetzt befinden.“ Da ich gar keinen Einwand erhob, glaubte der Nebreïd natürlich, dass ich ebenso von der Wahrhaftigkeit seiner Aussage überzeugt sei wie er selbst und alle anwesenden Priester. Ich erlaubte mir jetzt die Frage, ob die Bundeslade (Tabot), welche Menelek, der Sohn der Königin von Saba und Salomo’s, bei seiner Flucht aus dem Tempel der Israeliten zu Jerusalem mit nach Abessinien nahm, bei der Ausbrennung der Kirche durch die Mohammedaner unverletzt geblieben sei. – „Wie können Sie nur so fragen?“ antwortete der Nebreïd; „als Mohammed Granje die Kirche ausbrannte, war die Bundeslade seinen Augen entzogen, Gott gestattet keinem Ungläubigen, sie zu sehen.“ – „Also[150]ist die Bundesladeimmer noch da und, wie früher, nur den Falascha sichtbar?“ – „Wer hat Ihnen dieses Märchen erzählt?“ – „Ich las es“, sagte ich. – „Ihr wisst nur bei euch, was den Reisenden unwissende Leute mittheilten. Die Wahrheit verkündet nur, wer sie hat. Wir, die Diener des Höchsten, sind im Besitze des Schatzes. Die echte Bundeslade ist allerdings hier: keineswegs eine gewöhnliche Nachbildung, wie man sie im innersten Raum (im Allerheiligsten) der Kirchen findet, sondern eingemauert in der Kirchenwand, und blos mittels einer nur uns bekannten Thür kann man zu ihr gelangen.“ – „Würde es mir nicht gestattet sein, o heiliger Vater, dieses altehrwürdige Denkmal des Bundes zwischen Gott und dem erwählten Volke zu sehen?“ – „Unmöglich. Nicht einmal der Kaiser, nicht einmal der Etschege, ja, nicht einmal der Abuna bekommt die Bundeslade zu sehen, sie würden auch gar nicht den Anblick derselben ertragen können!“ – „Aber, o höchster Priester, ist denn nicht den übrigen Geistlichen der Kirche der Anblick der Bundeslade vergönnt?“ – „Nein, nur mir, dem Hüter derselben, und meinem Nachfolger, wenn ich sterbe. So war es vor Tausenden von Jahren, und so wird es bis zum Jüngsten Tage sein!“ – „Wenn nun aber Gott nach seinem unerforschlichen Rathschlusse Ihrem Leben ein plötzliches Ziel setzt, wie erfährt dann der neue Nebreïd den geheimnissvollen Zugang der Bundeslade?“ – „Sehen Sie hier“, sagte er, indem er an blauseidener Schnur eine kleine silberne Kapsel aus seinem Gewande hervorzog, „diese Kapsel trug Moses selbst. Mein Testament liegt darin oder vielmehr nur die Anweisung, wie man zum Eingange der Kammer gelangt, in der sich die Bundeslade befindet.“ – „Sie sind also, o heiliger Erzpriester, eigentlich der rechtmässigste Nachfolger Moses’ und jedenfalls noch mehr als dieser, weil Sie zugleich sich der Segnungen Christi erfreuen.“ – Diese Worte riefen beim Nebreïd eine grosse Befriedigunghervor. „Habt ihr gehört, meine lieben Gefährten, was der Fremde sagt? Merkt euch seine Worte, sie sind voll innerer Wahrheit und fordern zum Nachdenken auf.“ Einer grössern religiösen Auseinandersetzung hörte ich aufmerksam zu, ohne jedoch durch neue Fragen zu unterbrechen. Lag nun auch hier wieder Betrug oder Selbsttäuschung vor? So dachte ich bei mir selber, kam aber schliesslich zu dem Resultate, dass es beim Glauben auf ein wenig mehr oder weniger nicht ankommt. Mögen die Abessinier mit ihrem Glauben passiren. Ob sie damit aber auf eine hohe Stufe der Güte und Gesittung gelangen, ist eine andere Frage.

Obgleich ich die Kirche schon besah, sollte ich sie doch noch einmal besehen. Jetzt gewissermassen in Procession. Der Nebreïd, dessen Herz ich durch meine Fragen und besonders durch mein andächtiges Anhören seiner weisen Worte gewonnen zu haben schien, machte selbst den Führer, so schwer ihm das Gehen auch wurde. Die von den Portugiesen wiedererbaute Kirche von Aksum ist länglichviereckig. Das Dach tragen vier dicke Säulen. Eine Art Bundeslade ist auch darin, aber nur, wie man sie in allen andern abessinischen Kirchen vorfindet. An den Wänden sieht man halb verwischte Frescogemälde, in einer vordern Abtheilung einige grosse mit Elfenbein ausgelegte Kirchenstühle und Kircheninstrumente. Von einer besondern Ausschmückung bemerkt man nichts. Im Gegentheil, das Innere der Kirche ist äusserst unsauber und schmuzig. Vergebens suchte ich beim Rundgang den geheimnissvollen Eingang zur Bundeslade zu erspähen, der Nebreïd verrieth durch nichts, woraus man hätte darauf schliessen können. Betrachtet man die gar nicht starken Wände der Kirche, so entdeckt man auch nirgends eine Stelle, welche dick genug wäre, um eine ganze Kammer in sich bergen zu können.

Gleich nach dem Rundgang verabschiedete ich mich vom Nebreïd. Inzwischen waren auch meine Leute mitsämmtlichem Gepäck vom Lager heraufgekommen, sodass ich noch am selben Tage meine Reise nach Adua fortsetzen konnte. Längs des Berges dahinreitend, hatte ich aber noch nicht einmal den von Salt zuerst entdeckten Stein mit der Inschrift erreicht, als ein Bote nachgesprengt kam mit der Bitte, halt zu machen.

Ich benutzte die Verzögerung, um auch die andern Steine einer eingehenden Besichtigung zu unterziehen, fand auch eine zweite Steinplatte, welche Spuren von Inschrift zeigte, aber auch nur Spuren. Ich war erstaunt, als nach einigem Warten zehn Priester mit Geschenken des Nebreïd kamen. Obwol der gute Mann mir täglich Lebensmittel und Tetsch die Menge geschickt hatte und keineswegs so schöne Geschenke von mir erhielt, wie ich sie andern hohen Personen zu ertheilen pflegte, wollte er mir doch noch einen Beweis seines Wohlwollens geben. Die Geschenke bestanden in einem Ochsen, einem Zicklein, in Gerste, Honig, Butter, Brot, Tetsch etc. etc. Dazu noch einmal sein Segen, dessen Empfang ich mit gebührenden Dankesworten, aber auch, um ihn noch wirksamer zu machen, mit einer Summe funkelnagelneuer Thaler bestätigte. Wären unter den Geschenken des Nebreïd nur auch Bücher, besonders geschichtlichen Inhalts, gewesen! Ich wenigstens konnte nichts davon in Aksum auftreiben. Wenn dergleichen Bücher existirten, gingen sie bei früherer Gelegenheit zu Grunde. Lalibala dürfte der einzige Ort sein, wo man jetzt noch werthvolle Bücher antrifft. Vielleicht auch Debra Damo, welches man trotz seiner scheinbaren Unersteiglichkeit einigemal wahrscheinlich durch Verrath einnahm. Aber bei solchen Gelegenheiten nimmt man alles mit, auch Bücher und Manuscripte und, einmal herausgerissen aus ihrem Heiligthum, gehen sie nur zu leicht dem Untergang entgegen. Anders die Stadt Lalibala, welche bisjetzt nie einer Plünderung ausgesetzt gewesen ist, daher lässt gerade dieser Umstand interessante Manuscripte daselbst vermuthen.

Schliesslich noch einige Bemerkungen hinsichtlich der Einwohnerschaft Aksums, welche die Aduas und Gondars übersteigen möchte. Die Krankheit, welche erstere Stadt so schwer heimsuchte, scheint in Aksum keine merkbaren Menschenverluste hervorgebracht zu haben. Auch litt Aksum nicht zu sehr durch die Plünderung Theodor’s, der sich einen „Gottgesandten“ nannte, welchen Ausdruck viele Abessinier mit „Gottesgeisel“ vertauschten. Ausserdem erhält die Stadt beständigen Zufluss von Auswärtigen, welche ihr Leben gern in unmittelbarer Nähe eines so grossen Heiligthums beschliessen möchten. Die vielen in den niedern Graden sämmtlich verheiratheten und meistentheils verhältnissmässig gutgestellten Geistlichen tragen ebenfalls zur Vermehrung der Bevölkerung bei. Wenn auch nicht so zahlreich wie in Gondar, leben doch wol beständig 800 Priester in Aksum. Dazu kommt, dass alle übrigen abessinischen Geistlichen es für eine heilige Pflicht erachten, wenn nicht wegen der grossen Entfernung nach Jerusalem, doch wenigstens einmal im Leben nach Aksum zu pilgern. Infolge dieser Verhältnisse bekommt die Stadt, um uns so auszudrücken, ein gewisses internationales Gepräge, insofern hier stets Leute aus allen Theilen Abessiniens zusammentreffen. Natürlich macht sich da auch eine gewisse, durch viele Geistliche und Fremde erzeugte Wohlhabenheit bemerklich.

Man lebt in Aksum etwas lustiger als in Adua, aber nicht lustiger als in Gondar. Was sollen die Leute auch anfangen? Der Erwerb ist leichter als in den übrigen Städten, und das durch wenig Mühe Erworbene pflegt man ja ebenso sorglos bald wieder zu verthun.

Es befremdet vielleicht, wenn ich für Aksum 5000 Seelen veranschlage, aber die eben angeführten Gründe bestimmen mich dazu.


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