DRITTES KAPITEL.FORTSETZUNG DER NEUESTEN GESCHICHTE ABESSINIENS.

DRITTES KAPITEL.FORTSETZUNG DER NEUESTEN GESCHICHTE ABESSINIENS.

Menelek von Schoa. – Aegypten und Abessinien. – Mitchell’s Gefangennahme. – Negus Johannes und König Menelek. – Gordon Pascha. – Johannes schreibt an Gordon. – Gordon’s Unterredung mit Johannes zu Debra Tabor. – Johannes schreibt an den Chedive. – Johannes schreibt an die Grossmächte Europas. – Gordon verlässt den ägyptischen Dienst. – Gordon’s Brief an die Times. – Der griechische Consul Herr Mitzaki.

Menelek von Schoa. – Aegypten und Abessinien. – Mitchell’s Gefangennahme. – Negus Johannes und König Menelek. – Gordon Pascha. – Johannes schreibt an Gordon. – Gordon’s Unterredung mit Johannes zu Debra Tabor. – Johannes schreibt an den Chedive. – Johannes schreibt an die Grossmächte Europas. – Gordon verlässt den ägyptischen Dienst. – Gordon’s Brief an die Times. – Der griechische Consul Herr Mitzaki.

Durch den Sieg von Gura am 7. März 1876 änderten sich zauberhaft schnell die staatlichen Verhältnisse Abessiniens. Die dem Negus Negesti bislang von vielen verweigerte Anerkennung verwandelte sich in Unterwerfung. Empörungen gibt es ja immer in Abessinien, und das, was man in den Culturländern Europas, in Frankreich, Deutschland und England, durch „mittelalterliche Zustände“ bezeichnet, ist eben im äthiopischen Reiche noch in vollster Blüte. Aber die Grossen, die Fürsten und Könige im Lande standen nun fest zum Kaiser. Man sah in ihm ein Werkzeug Gottes, einen Auserwählten. Zweimal hatte er den Erzfeind des Landes, den verhassten Mohammedaner, geschlagen. Nur durch den directen Beistand Gottes konnte das geschehen sein! Die Priesterschaft forderte daher den Negus Negesti auf, officiell seinen Titeln hinzuzufügen: „Auserwählter Gottes“, und gern folgte er einer solchen Aufforderung. Nur einer hatte sich noch immer nicht unterworfen: nach ihm der mächtigste König in Abessinien, welcher selbst schon früher nach der Kaiserwürde strebte, den man namentlich fürchten musste, weil er directe Verbindung mit verschiedenen europäischen Mächten, namentlich mit den Franzosen und Italienern unterhielt und im Bündniss stand mit den Aegyptern: Negus Menelek von Schoa.

Vorläufig aber kräftigte sich Kaiser Johann im eigentlichen Abessinien. Aegypten knüpfte Unterhandlungen an, die jedoch zu keinem Resultat führten. Ohne irgendwelche Kenntniss von abessinischen Zuständen – in keinem Lande der Welt ist man mangelhafter über Abessinien unterrichtet als in Aegypten – schickte man verschiedene Gesandte ab, um die Freilassung der ägyptischen Gefangenen zu bewirken. Aegyptische Gefangene! Man sprach davon, dass man die ägyptischen Artilleristen und Musikanten gezwungen habe, in die abessinische Armee zu treten. Wie komisch das klingt für den, der mit abessinischen Verhältnissen vertraut ist! Abgesehen von denen, die man als lebende, aber entmannte absichtlich laufen liess, überlebte kein einziger Aegypter die Schlachten von Gudda-Guddi und Gura, ausgenommen die wenigen, welche sich durch die Flucht zu retten vermochten. Das musste man in Aegypten doch wissen!

Der Gesandte, welcher gleich darauf, im Mai 1876, nach Adua kam, Ali Bei, wurde vom Negus gut aufgenommen. Ueberhaupt hat man die Grausamkeit des Negus Negesti übertrieben. Gerade in dieser Beziehung sollte man sehr vorsichtig sein und sein Urtheil nicht vom europäischen Standpunkte, sondern von dem des betreffenden Volkes abgeben. Und was soll man dazu sagen, dass manim folgenden Jahre 1877 eine abessinische Gesandtschaft, welche der Negus abschickte, um Frieden zu schliessen und einen neuen Abuna an Stelle des Anfang 1877 gestorbenen zu holen, zu Kairo ins Gefängnis steckte! Der Schmerz und die Trauer über die eben verlorenen Schlachten war allerdings noch zu frisch, aber eine Gesandtschaft hätte man doch respectiren müssen. Erst durch Intervention des britischen Generalconsulats wurden die Abessinier befreit und kehrten sodann unbelästigt, aber auch unverrichteter Sache nach ihrem Vaterlande zurück.[43]

Kleinere Revolten eingeborener Fürsten, so der Abfall des Uald Michael, welcher zu den Aegyptern überging, konnten die immer mehr sich vollziehende Befestigung des Negus Negesti nicht verhindern. Auf das Allgemeine hatten sie gar keinen Einfluss, wie denn kleinere, oft auch grössere, zuweilen nicht einmal gegen die Gewalt des Negus Negesti gerichtete Aufstände in Abessinien von jeher chronisch gewesen sind.

In diese Zeit fällt auch die Gefangennahme des in ägyptischen Diensten stehenden Geologen und Geodäten Mitchell, welcher über seine Gefangennahme und schlechte Behandlung einen äusserst lamentabeln Bericht publicirte. Herr Mitchell befand sich im Winter 1876 als chedivialischer Beamter unter dem Schutze von 50 ägyptischen regelmässigen Soldaten in Ailet und nahm diese Grenzgegend geodätisch auf, welche zu Abessinien gehört, dagegen von Aegypten als ägyptisches Gebiet beansprucht wird, in der That aber freies, d.h. von keiner Behörde regiertes Gebiet ist. Eines schönen Tages überfiel ihn eine Abtheilung abessinischer Soldaten, die meisten ägyptischen Soldaten konnten sich durch die Flucht retten, Mitchellgerieth in die Hände der Abessinier. Natürlich wurde er in Ketten gelegt und nicht gerade zu glimpflich behandelt, nach kurzer Gefangenschaft jedoch vom Negus Negesti selbst in Freiheit gesetzt. Mitchell wundert sich in seinem Buche darüber, dass ihn der Negus Negesti ohne Gelddarbietung entliess! Kann man sich eine grössere Naivetät vorstellen? Man denke sich einen solchen Fall in Europa, sagen wir, zwischen zwei der civilisirtesten Nationen, zwischen Deutschland und Frankreich. Also diese beiden Länder befinden sich miteinander im Kriege. Auf der Grenze ertappen die Franzosen einen deutschen Geodäten, welcher ihr Gebiet vermisst, aufnimmt und kartographirt. Die Franzosen würden zweifelsohne den Deutschen auf der Stelle erschossen haben. In Abessinien blieb dagegen Herr Mitchell einige Wochen in Ketten und wurde dann bedingungslos entlassen. Aber er verlangte noch Entschädigung, Geschenke, Geld dafür, dass er für seine Regierung, die ägyptische, auf abessinischem, d.h. feindlichem Gebiet, mappirt hatte! Diese sogenannte schmähliche Behandlung, die Fesselung eines ägyptischen Beamten rief einen Schrei der Entrüstung in Aegypten und Europa gegen den Negus Negesti hervor, und selbst denkende Männer stimmten mit ein, ohne aber den wahren Sachverhalt zu kennen, nämlich dass Abessinien und Aegypten noch immer im Kriege miteinander sind.

Es kam aber der Zeitpunkt immer näher, wo ganz Aethiopien Ein Reich werden sollte, was es seit Jahrhunderten nicht gewesen war. Mitte 1879 zog der Kaiser nach dem Süden, um Schoa zu unterwerfen und Menelek zu zwingen, ihn anzuerkennen. Aber es kam nicht zur Schlacht. Als die beiden Armeen einander gegenüberstanden, zeigte Menelek an, er sei bereit, sich zu unterwerfen. Auch er, der viel Aeltere, was Abkunft anbetrifft, und Vornehmere, wollte sich beugen vor dem neuen Kaiser, vor dem „Auserwählten Gottes“, Und aus Erfahrung an andern Fürsten wusste er, dass der Negus Negesti ihn nicht entthronen würde. Hatte er doch Ras Adal zweimal verziehen! Eine von der Politik Theodor’s ganz verschiedene befolgte Johannes. Während jener, wenn er sich eine Provinz, ein abessinisches Königreich eroberte, stets einenneuenund, wie er annahm, ihm ergebenen Gouverneur oder König einsetzte, lässt der jetzige Negus Negesti, wenn irgend möglich, den Bewohnern ihre angestammten Gouverneure und Regenten. Und hierauf rechnete auch Menelek, der Sohn von vielen Königen!

Menelek schrieb Johannes, er würde sich bei ihm einstellen, mit dem Stein auf dem Nacken: ein noch immer geübter Brauch der erniedrigendsten Art der Unterwerfung in Abessinien, etwa das, was die Römer mit ihrem „durchs Joch gehen“ verstanden. Der Kaiser schrieb ihm, es sei dies nicht nöthig, er möge nur auf dem Evangelium einen Eid schwören, nie wieder revoltiren zu wollen. Sein Königreich dürfe er behalten[44], aber alljährlich müsse er bestimmten Tribut zahlen.

König Menelek erschien aber in der That vor versammeltem Hof mit einem schweren Block auf dem Halse. Als der Negus Negesti den Mann in einer solchen Erniedrigung erblickte, sprang er auf und befahl dem General Ras Alula, den Stein abzunehmen, worauf er Menelek umarmte und unter einem Strom von Thränen seine eigene Krone bringen liess, mit der er ihn krönte. Mit dieser Krönung Menelek’s, mit der Unterwerfung Schoas war Abessinien, abgesehen vom Küstenbesitz, auf welchen es mit Recht Anspruch machen kann, ein einziges Reich geworden.Für den Nachfolger Theodor’s hatte sich dessen Traum erfüllt.

Ein wichtiges Ereigniss, denn die verschiedenen europäischen Gesandtschaften, welche der Negus Negesti inzwischen empfing, können nur als Höflichkeitsbesuche gelten, war im Winter 1879/80 die Gesandtschaft Gordon Pascha’s an den Hof des Kaisers von Abessinien. Der ehemalige englische Oberst, welcher in China so Vorzügliches leistete, stand seit Jahren in ägyptischen Diensten und hat sich als Generalgouverneur der sudanischen Provinzen unvergängliche Verdienste um die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels erworben. Auch seine Bemühungen zur Heranbildung gerechter und unbestechlicher Beamten, welche die ihm anvertrauten Provinzen und Unterthanen mit Güte und Gerechtigkeit regieren, können gar nicht hoch genug angeschlagen werden. Aber wir zweifeln, ob er für eine solche Reise zu einem solchen Herrscher sich eignete. Seine Mission schlug denn auch gänzlich fehl, sodass das Verhältniss zwischen dem Negus Negesti und dem Chedive womöglich sich noch verschlimmerte. Ohne Zweifel beleidigte Gordon den Negus durch zu barsches Auftreten, und dann wieder und jetzt aufs höchste dadurch, dass er den an den Chedive geschriebenen Brief erbrach.[45]Dazu war Gordon Pascha unzweifelhaft vom Chedive ermächtigt.

Erwähnen will ich noch, dass ein gewisser Uadenkal, welcher in Bogos lebte und, obschon Abessinier, sich Aegypten anschloss, angewiesen wurde, sich ruhig zu verhalten, was er jedoch so wenig that, dass er sogar denSohn Theodor’s, den damals noch lebenden Prinzen Alamayo, als Gegenkaiser aufstellen wollte. Erst als er die Unterwerfung Menelek’s erfuhr, kehrte er nach Abessinien zurück und der Kaiser verzieh ihm auch.

Gordon stand seit 1877 in Unterhandlungen mit dem Kaiser. Im Jahre 1879 schickte er den Herrn Winstanley an den Negus mit Geschenken und Friedensvorschlägen, und obschon der Negus auf Gordon’s Vorschläge sich nicht einliess, welche im Namen des Chedive, aber gegen Gordon’s eigenen Wunsch, auf den Verbleib von Bogos bei Aegypten lauteten, schrieb er doch folgenden recht freundlich gehaltenen Brief[46]an ihn:

„Von Seiner Majestät Johannes, König der Könige von Aethiopien, an Gordon Pascha.

„Mein lieber Freund, Gott sei Dank, ich und mein Volk befinden uns wohl. Die Sachen, welche Sie mir geschenkt haben, habe ich erhalten aus den Händen Winstandling’s: Sammt, einen Silbersattel, zwei goldene Anzüge (d.h. Brokatstoffe), fünf Ellen roth Bannasi, zwei rothe Anzüge, einen Silberteller mit zwölf Silbertassen und einer goldenen, eine schöne Flinte und einen schönen Teppich.

„Mein Freund, ich bin sehr dankbar für die Güte, welche Sie mir erwiesen haben; ich habe alles gesagt, was nöthig ist. Meine Wünsche wird er (der Ueberbringer des Briefes) Ihnen mittheilen. Ich hoffe, Sie bald zu sehen.“

Gordon, mit der Administration seiner ausgedehnten Provinzen beschäftigt, wurde sodann im August 1879, nachdem Tewfik die Regierung angetreten hatte, nach Kairo berufen und erhielt den Auftrag, sich sofort nach Abessinien zu begeben, um mit dem Negus Negesti Frieden zu schliessen. In Massaua am 5. September 1879 angekommen, brach er von dort am 11. September auf, war beim Gouverneur von Hamasen, Ras Alula, am 17. desselben Monats, und erreichte nach fast sechswöchentlicher ununterbrochener Reise Debra Tabor, woselbst er sogleich zum Negus geführt wurde. Der griechische Consul Mitzaki von Sues befand sich ebenfalls dort. Gordon überbrachte ein chedivialisches Schreiben mit der Anfrage, unter welchen Bedingungen der abessinische Herrscher gewillt sei, Frieden zu schliessen. Sodann sollte er die Herausgabe der Gefangenen[47]beantragen.

Gleich die erste Zusammenkunft trug einen unfreundlichen Charakter. Da stand auf der einen Seite der Mann, welcher, von Glücksumständen getragen oder, wie er selbst glaubte, durch göttliche Vorsehung erkoren, sich zum Alleinherrscher eines bis dahin stets zersplitterten Reiches aufschwang, eines Reiches, welches seiner Meinung nach zu den mächtigsten der Erde zählte; der ausserdem von den geographischen Zuständen und namentlich von den Machtverhältnissen der übrigen Länder die kindlichsten Begriffe besass, etwa wie weiland sein berühmter Vorfahr David oder Salomon; der, im Vollgefühl, die Aegypter zweimal aufs Haupt geschlagen zu haben, glaubte, als Sieger sein vae victis! unbedingt durchführen zu können. Und auf der andern Seite Gordon, der, im Bewusstsein seiner grossen Verdienste um Humanität im allgemeinen, sich beim Friedensschluss nach dem Krimkrieg als vorzüglicher Politiker erwies; der an der Spitze der chinesischen Armee die Aufständischen bezwang und dadurch ein wahres Feldherrntalent an den Tag legte; der endlich in Aegypten durch seine administrativen Maassnahmen sowie durch die Mittel, welche er zur Unterdrückung des verabscheuungswürdigen Sklavenhandels in Anwendung brachte, einen neuen Lorberkranz seinem alten Ruhme hinzufügte; der, obwol in ägyptischen Diensten, seine englische Zugehörigkeit nicht aufgab, ja nicht einmal aus dem Verband der britischen Armee schied; der jederzeit das Bewusstsein: „civis romanus sum“, in der Brust trug; der jetzt über ein Gebiet regierte, fünfmal grösser als das des abessinischen Kaisers und fast mit derselben persönlichen, sonst aber mit grösserer Machtfülle als dieser!

Der Negus Negesti musste schon deshalb für Gordon kein wohlwollendes Gefühl in seiner Brust hegen, weil dieser in die Dienste eines mohammedanischen Herrschers getreten war. Die Mohammedaner oder Türken oder Aegypter, alle diese drei Namen decken sich für die Abessinier und sind ihnen das Verabscheuungswürdigste, was auf der Erde existirt. Allerdings ist es ja oft genug vorgekommen und kommt noch immer vor, dass abessinische Häuptlinge sich mit den Mohammedanern verbündeten, dass christliche Abessinier zum Islam übertraten; aber der echte Abessinier sieht sein Heil nur im Christenthum, Abessinier und Christ ist ihm so gleichbedeutend wie Türke und Mohammedaner.

Bei der Audienz erfuhr Gordon nun zum ersten mal, was der Negus, um Frieden zu gewähren, verlangte, nämlich: Bogos, Metemmeh, Schangalla, die Häfen von Sula und Amphila, einen Abuna und eine Kriegsentschädigung. Zum Theil waren diese Forderungen den Aegyptern bekannt. Aber merkwürdigerweise hatte Gordon die Instructionvon der chedivialischen Regierung, keine einzige zu bewilligen. Doch eine, nämlich Abessinien dürfe sich einen Abuna „kaufen“ vom koptischen Patriarchen. Auch wolle sich die chedivialische Regierung zu Verhandlungen wegen freien Durchgangs von Waaren über Massaua herbeilassen. Von vornherein konnte man unter diesen Umständen durchaus kein Resultat erwarten.

Die letzte Audienz, am 8. November, spiegelt den Gang der ganzen Unterhandlungen wider, weshalb wir darüber nach Gordon’s eigener Mittheilung im „Anti-Slavery Reporter“[48]die wörtliche Wiedergabe als historisch und culturhistorisch interessant mittheilen:

Am 8. November hatte Gordon seine letzte Zusammenkunft mit Johannes, welcher sehr schlecht gelaunt war und keine Lust sich auseinanderzusetzen zeigte. Der griechische Consul (Herr Mitzaki) von Sues war auch anwesend.

Der König sagte: „Haben Sie noch irgendetwas zu sagen?“

Gordon erwiderte: „Nein.“

Dann sagte der König: „Gehen Sie zu Ihrem Herrn zurück, ich werde Ihnen den Brief senden.“

Gordon fragte: „Wollen Sie mir nicht die gefangen gehaltenen ägyptischen Soldaten zurückgeben?“

Johannes wurde sehr böse und rief aus: „Weshalb fragen Sie danach? Sie haben viele von meinen Soldaten als Gefangene zurückbehalten.“

Gordon antwortete: „Nein, jeder ist freigegeben worden; fragen Sie den Consul.“

Der Consul schwieg[49], und der König hob die Zusammenkunft mit den Worten auf: „Ich habe schon einenBrief dieserhalb geschrieben, und ich werde noch einen andern schreiben. Geh.“

Eine Stunde später erhielt Gordon den Brief und brach auf, um über Galabat nach Chartum zu gehen. Aber in der Voraussetzung, dass der Brief seinem Inhalt nach nicht in Ordnung sei, öffnete er ihn und fand Folgendes[50]:

„Wie geht’s Dir in dieser Woche?[51]Gott sei gedankt, ich und meine Soldaten wir befinden uns wohl. Der von Dir mir geschickte Brief ist mir zugekommen. Wegen eines Friedensschlusses hast Du mir jenen Mann geschickt. Nachdem Du mich beraubt hattest, kämpftest Du gegen mich ohne Wissen der Könige, aber die Könige werden davon in Kenntniss gesetzt werden. Und jetzt möchtest Du heimlicherweise, wie man es zwischen Räubern thut, Frieden schliessen. Wie kannst Du den Frieden schliessen, wenn Du die Kaufleute und die Landbevölkerung im Verkehr hinderst? Die Könige werden über mein Verhalten und Deines in Kenntniss gesetzt werden. Geschrieben in Senna am 29. October[52]1879.“

Wie Gordon mit Recht hervorhob, bildete dieser Brief einen seltsamen Contrast mit dem so höflich gehaltenen des Chedive. Aber andererseits darf man nicht vergessen, dass, wenn auch der Chedive äusserst höflich schrieb, Gordon doch keine einzige Concession mitbrachte, um auch nur einigermassen den von Aegypten Abessinien verursachten Schaden zu vergüten. Aegyptenhattedoch die Provinzen Bogos und Mensa geraubt, und die früher von Abessinien halb abhängigen Galabat, Gedaref und Harar, welche alljährlich bis zur Thronbesteigung Theodor’s Tribut entrichteten, ganz einverleibt. Ausserdem erfahren wir aus diesem Schreiben, dass der Negus Negesti gar keine eigentliche Vorstellung von der Macht des Chedive, von der Grösse Aegyptens besitzt. Wahrscheinlich lebt man in Abessinien immer noch im Glauben, Aegypten sei, wie vor Mehemed Ali’s Regierungsantritt, ein von der Türkei durchaus abhängiges Paschalik. Ferner erhellt aus dem Briefe des Negus, dass er von europäischen Verhältnissen die eigenthümlichsten Vorstellungen haben muss. Denkt er sich „die Könige“ als eine Vereinigung, als einen Areopag? Alles das ist so unklar.

Aber Gordon hat vollkommen recht, wenn er ausruft und einestheils seinen Miserfolg diesem Umstand zuschreibt:

„Ich war überzeugt, dass der König aufgehetzt worden war von Personen an seinem Hof, welche ihn überredeten, nur zu fordern, es würde schon bewilligt werden.“

Nichts wollte er indess unversucht lassen, und so schrieb er denn an Herrn Mitzaki, den griechischen Consul, um zu fragen und zu erforschen, warum der König diesen Brief geschrieben, anstatt,wie er versprochen, einen mit den von ihm erhobenen Ansprüchen zu formuliren. In einer Audienz zuvor hatte nämlich der Negus Gordon versprochen, die oben mitgetheilten mündlichen Forderungen dem Chedive brieflich mitzutheilen. Es wurde Gordon geantwortet[53]: „Man hätte den König wegen des Briefes gesprochen und derselbe habe geantwortet, er habe dem Chedive so geschrieben, wie er es für passend hielte, und dass er andere Briefe schreiben würde, wenn es in den Interessen seines Staates läge.“ Dies war eine offenbar von einem Europäer inspirirte Antwort. „Staatsinteressen“,das sagt kein Negus. Ein Negus Negesti kennt nurl’État c’est moi. Aber sei dem wie ihm wolle, Gordon hatte nichts erreicht und musste auf dem Rückwege noch die unangenehme Erfahrung machen, dass fast auf der Grenze von Galabat sich ihm Truppen des Ras Areya (Oheim des Negus) entgegenstellten mit der Weisung, die Abreise Gordon’s nach dieser Seite hin zu verhindern und ihn auf Massaua zu dirigiren. Auch auf dieser Rückreise begegneten Gordon noch manche Widerwärtigkeiten. Am 7. December 1879 erreichte er Massaua wieder und zerstörte somit durch seine Ankunft alle namentlich über seine Gefangenschaft entstandenen Gerüchte.

Während der Negus Anfang 1879 schon Briefe an die christlichen Grossmächte wahrscheinlich durch Private hatte befördern und in Massaua auf die Post geben lassen, schickte er mit dem nach Sues zurückkehrenden Herrn Mitzaki neue Schreiben an die europäischen Mächte, Klageschriften, worin er die Könige aufforderte, ihm beizustehen im Kampfe gegen die Ungläubigen und Aegypten zu befehlen, an Abessinien die eroberten Länder und namentlich die Küste wieder abzutreten, die es vorher besessen habe. Aus diesem Schreiben geht deutlich hervor, dass der Negus sich sämmtliche christliche Mächte als in ihren Interessen solidarisch verbunden dachte. Wie er das vereinbarte mit dem Gedanken an den Krimkrieg, wo Frankreich, England und Sardinien auf seiten der Mohammedaner die orthodoxen Russen bekämpften, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich dachte er: wenn ein abessinischer Fürst, Uld Michael, sich mit Mohammedanern verbündete, dann konnte es zur Bekriegung Russlands auch Napoleon.

Wie wir in der Folge sehen werden, sind die Versuche des Negus Negesti, die europäischen Regierungen für die abessinischen Angelegenheiten zu interessiren, bislang erfolglos geblieben. Anders wäre es vielleicht gewesen, wennder Kaiser es verstanden hätte, sich mit Gordon besser auseinanderzusetzen.

Gordon, mit seinem persönlichen Einfluss und in seiner Eigenschaft als Engländer, also der Nation angehörend, welche Indiens halber sich aufs lebhafteste für alles interessirt, was am Sueskanal und an der natürlichen Verlängerung desselben, am Rothen Meere, vorgeht, hätte es vielleicht vermocht, England für Abessinien zu interessiren, denn in seiner uneigennützigen, edeln Weise war er trotzdem ein Freund Abessiniens, ja, ein Freund des Negus Negesti geblieben, so schwer ihn derselbe auch beleidigt hatte. Freilich wusste Gordon, dass diese Beleidigung nur aus der Unkenntniss des Negus mit den auswärtigen Zuständen entsprang und ausserdem fremden Einflüsterungen ihre Entstehung verdankte. Aber wie mancher andere würde jetzt erst recht feindlich gegen den Negus aufgetreten sein. Gordon im Gegentheil verliess gleich nach seiner Rückkehr nach Kairo den ägyptischen Dienst für immer. Er wollte von nun an die Möglichkeit des activen Vorgehens gegen Abessinien vermeiden. Wenn er bis dahin in strengem Pflichtgefühl treu zu seinem Souverän stand und unter den schwierigsten Umständen und ohne Aussicht auf Erfolg eine Mission unternahm, welche viel Beschwerde und Mühe, aber keinerlei Lohn und Ruhm einbrachte, so wollte er jetzt nichts mehr mit einer Regierung zu thun haben, welche ihn möglicherweise in die Nothwendigkeit hätte versetzen können, feindselig gegen ein christliches Volk vorzugehen. Gordon ist eine durchaus christlich angehauchte Natur, ein eigenartig religiös angelegter Mensch. Daher musste auch das Christenthum der Abessinier auf ihn, den momentan in mohammedanischem Dienste stehenden Christen, einen bedeutenden Einfluss ausüben. Und wenn er auch aus Pflichtgefühl seinem Herrn nicht untreu ward, so scheint es doch unzweifelhaft, „dass die vom Negus gemachtenVersuche, Oberst Gordon von seinen ägyptischen Verpflichtungen gegen den Chedive abzuziehen, und dass die Vorstellungen, ein Christ und ein Engländer müsste doch eher freundschaftliche Gefühle für einen christlichen Monarchen haben, als für den Chedive, der doch Ungläubiger sei“, nicht ganz ohne Einfluss auf ihn blieben.

Wir erfahren das aus einem Briefe, den Oberst Gordon am 1. Januar 1881 an die „Times“ sandte. Derselbe lautet in freier Uebersetzung:

„Mein Herr, ein Telegramm meldet, dass der König von Abessinien Gesandte nach Kairo geschickt habe, um wegen des Friedens zu unterhandeln.[54]

„Abyssinia bildet seit Jahrhunderten eine christliche Nation. Die Abessinier besitzen die Heilige Schrift, worin sie wohlbewandert sind. Sie sind frei von den Lastern der Orientalen und ein schöner männlicher Volksstamm. Sie haben das Recht auf die Sympathie der christlichen Nationen; denn wie trübe auch das Licht ihrer Kirche brennt, es lebt doch noch, und es hat sich erhalten trotz der zahllosen Invasionen, welche ihre mohammedanischen Nachbarn unternahmen, und obschon keine andere christliche Kirche Hülfe brachte.

„Lord Napier kann davon erzählen, zu wie grossem Dank er und seine Armee Prinz Kassai (jetzt König Johann) verpflichtet waren für die Hülfe, welche dieser Prinz ihmleistete im Kriege gegen Theodor. Und so sollte man hoffen, dass bei etwaigen Unterhandlungen zwischen Abessinien und Aegypten – und hierbei muss unsere Regierung notwendigerweise um Rath gefragt werden – keine parteiische Hinneigung zu letzterer Macht stattfände.

„Der Gegenstand des Streites ist das Gebiet von Bogos, das durch Munzinger 1869 oder 1870 den Abessiniern abgenommen wurde. Die ägyptische Regierung erklärt, dass eine Rückgabe dieses Gebietes eine Verletzung des Firmans des Sultans in sich schliesse, welchem zufolge kein Theil des ägyptischen Gebietes abgetreten werden dürfe. Aber das passt hier nicht, denn Bogos war nie ägyptisches Gebiet. Und da Aegypten niemals der Pforte die Einverleibung von Bogos anzeigte, kann diese auch nichts davon wissen.

„Bogos ist ein kleines Land und liegt als Vorsprung auf dem abessinischen Hochlande. Wenn eingesammelt, betragen die Einkünfte jährlich 700 Pfd. St.; in den letzten vier Jahren wurden keine Abgaben eingesammelt. Die fortgesetzte Einverleibung von Bogos kostet den Aegyptern 12000 Pfd. St. jährlich; man sollte es daher zurückgeben im Interesse der Gerechtigkeit und des Staates. Oder die ägyptische Regierung müsste sich mit dem König für die Besitzergreifung abfinden durch einen zu zahlenden Tribut oder durch Kauf. In Wirklichkeit ist das Land werthlos für Aegypten; es hat nur den Nutzen, dass die von Massaua nach Aegypten führenden Telegraphenlinien dasselbe schneiden. Diese könnten aber ebenso gut längs des Ufers von Massaua nach Suakin geführt werden. Der sudanische Handel geht nicht durch Bogos, sondern nach Suakin.

„Die nächste Frage betrifft den Handel eines grossen Landes, es ist das die abessinische Hafenfrage. Der Einwand ward erhoben, man könne den Abessiniern keinen Hafen geben, weil sie ein zu wildes Volk seien. Ist es aber nur möglich, sie weniger wild zu machen, wenn man sie nicht aus ihrer Isolirung befreit? Betrachtet man das Zollamt in Massaua, so sieht man, dass die meisten dort aus- und eingeführten Waaren von Abessinien sind und nach Abessinien gehen. Aegyptischer Handel existirt dort fast gar nicht. Der Hafen von Annesley Bai, den der König mit einem kleinen dazugehörigen Gebiet zu haben wünscht, bringt jährlich 100 Pfd. St. an Abgaben ein. Es ist noch eine Frage, ob es zu Aegypten gehört. Einst besassen wir es, und Frankreich machte in vergangenen Zeiten Anspruch darauf. Es würde nicht mehr als billig sein, dem König einen freien Zugang zur See zu gewähren, wie man einen solchen auch für Montenegro geschaffen hat.

„Die nächste Frage ist die Forderung des Negus, einen Erzbischof oder Abuna zu besitzen. Seit Jahrhunderten erhält die abessinische Kirche diesen Abuna aus der koptischen Kirche. Dies ist von Wichtigkeit, da blos der Abuna die Priester ordiniren kann. Der König hat deshalb wegen der Feindseligkeit der beiden Regierungen seit Jahren ohne Abuna sich behelfen müssen[55], und während der ganzen Zeit konnten keine Priester ordinirt werden.

„Die Aegypter haben deshalb eine so grosse Abneigung gegen die Abtretung eines Hafens, weil sie der Sage glauben, dass vor der Auferstehung oder dem Jüngsten Tag die Kaaba von den Abessiniern würde zerstört werden; aber da diese Zerstörung ein Zeichen vom Herannahen desJüngsten Tages sein soll, so kann das ja schliesslich für Aegypten ganz einerlei sein.

„Mohammed prophezeite auch seinen Anhängern Strafe, wenn sie sich je unterfangen sollten, die Abessinier anzugreifen; dankbar wollte er sich dadurch erweisen für den Schutz, den sie seiner Familie angedeihen liessen während der Verfolgung seitens der Koreischiten.“ –

Der griechische Consul in Sues, Herr Mitzaki, reich mit Ehren und Geschenken überhäuft, hatte den Negus bald nach Gordon’s Abreise ebenfalls verlassen. Er überbrachte für den König von Griechenland, für den griechischen Kronprinzen und den Ministerpräsidenten die Decoration des vom Negus Johannes wieder erneuerten Salomonis-Ordens. Ursprünglich von Theodor gestiftet, hatte derselbe drei Klassen. Die Form war bei allen dieselbe: zwei ineinanderliegende Dreiecke, genau so, wie das Staatswappen der marokkanischen Kaiser und das der bairischen Bierwirthe. Kaiser Johannes lässt die Decoration aus massivem Gold herstellen und die Goldstäbe abwechselnd mit Diamanten und Türkisen besetzen. Man hat sich in Aegypten viel die Köpfe darüber zerbrochen, woher diese Intimität zwischen dem Negus und dem Basileus stamme; man sagte, der griechische Consul wolle den Negus überreden, einen griechischen Abuna, statt eines koptischen, zu nehmen[56], und ausserdem für Griechenland ausschliesslich Handelsvortheile gewinnen u.s.w. u.s.w. Alles das ist möglich. Und wir gestehen offen, dass, wenn es Herrn Mitzaki gelungen wäre, den Negus zu überzeugen, es sei vortheilhafter, einen griechischen Abuna statt eines koptischen zu nehmen,dies für Abessinien nur hätte von Vortheil sein können. Denn ein koptischer Abunawardoch einst ägyptischer Unterthan, Unterthan eines Mohammedaners und bot daher stets leichter eine Handhabe zum Intriguiren, was man von einem griechischen Abuna nicht zu fürchten brauchte. Griechenland ist ausserdem zu weit entfernt und zu schwach, um irgendwie Einfluss auszuüben oder gar activ in Abessinien einzugreifen. Davon hat allerdings ein Abessinier keinen Begriff; sagt ihm jemand, Griechenland sei mächtiger als alle übrigen Staaten Europas zusammen, so liegt kein Grund für ihn vor, dies für unwahr zu halten.

Als wichtiges Ereigniss muss sodann noch verzeichnet werden die Krönung des Gouverneurs von Godjam, Ras Adal, zum König Teklahaimanot; sie fand Mitte Januar 1881 statt. Ras Adal, welcher früher ebenfalls gegen den Negus Negesti rebellirte, bewies sich in letzter Zeit als treu, nahm lebhaften und wirksamen Antheil an der Schlacht von Gura und bewirkte gleich darauf die Unterwerfung von Kaffa und Enarea, wofür ihn der Negus Negesti nun belohnte. Um die Krönungsfeierlichkeit noch grösser zu machen und mit allem nur möglichen Pomp zu veranstalten, wurde auch der König von Schoa zu dieser Feierlichkeit eingeladen, und zum ersten mal seit undenklichen Zeiten sahen wir im Jahre 1881 das geeinigte alte äthiopische Reich mit seinem Negus Negesti Johannes an der Spitze und unter ihm die Königreiche Schoa, Godjam und den nördlichen Theil Tigre, welches allerdings heute noch keinen König besitzt, voraussichtlich denselben aber demnächst, in der Person des Ras Areya, des einzigen Sohnes des Kaisers selbst, erhalten wird.

Mehr aus Höflichkeit als aus irgendeinem andern Grunde antworteten die verschiedenen Mächte auf die Schreiben des Negus Negesti. Der Verfasser war am erstenzur Reise gerüstet und konnte als erster noch im Jahre 1881 abessinischen Boden betreten.

Nach dieser kurzen Excursion auf das Gebiet der neuesten Begebenheiten in Abessinien wollen wir den Faden der Erzählung wieder aufnehmen, welche im ersten Kapitel die Uebersiedelung nach Hotumlu berichtete.


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