ERSTES KAPITEL.AUF DEM ROTHEN MEERE.
Verhältnisse in Sues. – Der Dampfer Messina. – Sturm. – Die mohammedanischen Pilger. – Djedda. – Das Grabmal der Mutter Eva. – Suakin. – Herr Braun. – Kapitän Speedy. – Alamayo, nicht der einzige Sohn Theodor’s von Abessinien. – Die Gemahlin Theodors. – Sklavenhandel. – Seit Mehemed Ali Toleranz in Aegypten. – Massaua. – Munzinger. – Ali Risa und Ali ed din. – Herr Tagliabue. – Befestigungen und sonstige Verhältnisse von Massaua. – Die französische Mission. – Klima und Bevölkerung von Massaua.
Verhältnisse in Sues. – Der Dampfer Messina. – Sturm. – Die mohammedanischen Pilger. – Djedda. – Das Grabmal der Mutter Eva. – Suakin. – Herr Braun. – Kapitän Speedy. – Alamayo, nicht der einzige Sohn Theodor’s von Abessinien. – Die Gemahlin Theodors. – Sklavenhandel. – Seit Mehemed Ali Toleranz in Aegypten. – Massaua. – Munzinger. – Ali Risa und Ali ed din. – Herr Tagliabue. – Befestigungen und sonstige Verhältnisse von Massaua. – Die französische Mission. – Klima und Bevölkerung von Massaua.
Sues jetzt und Sues vor 15 Jahren, welch ein Unterschied! Zur Zeit der Erbauung des Kanals, als in Aegypten die Baumwollenerträgnisse, die grossen Unternehmungen des vorigen Chedive gewaltige flüssige Geldmittel in Umlauf brachten, machte sich dies am meisten fühlbar in den Städten am Kanal: Port Said, Sues und Ismailia. Namentlich in Sues herrschten amerikanische, ja fast californische Zustände. Und noch grösseres Leben entwickelte sich in dieser Stadt durch die englische Expedition nach Abessinien, wenn auch nur während eines Winters. Im Winter 1867/68 bot Sues in der That das Bild einer Hafenstadt ersten Ranges. Die Gasthöfe, namentlich das wegen seiner vorzüglichen Einrichtung bekannte Sueshotel, waren derartüberfüllt, dass nachts die Gäste in den grossen Sälen campiren mussten; Theater, Ballerinen mit Gagen, so hoch, wie sie auf den ersten Hofbühnen Europas nicht gezahlt wurden, sorgten für Augenweide, während rauschende Concerte das Ohr befriedigten. Aber – gerade wie die Hunderte von Spielhöllen – konnte man die Tempel Terpsichore’s und Apollo’s nur besuchen mit dem „Revolver“ in der Hand. Auf der Rhede aber lag eine Flotte von Kriegsschiffen und Transportdampfern.
Und jetzt? Im Jahre 1881/82? Die Einwohner von Sues vermehrten sich nicht; im Gegentheil, 1867 war die Zahl der Seelen viel bedeutender, aber es gewann eine festere Gestaltung: die Strassen sind vorgezeichnet, die Gebäude nehmen mehr das Aeussere europäischer Häuser an, mit einem Worte, die Stadt erhielt einen mehr gesitteten Zuschnitt. Geld und Revolver herrschen nicht mehr. Der obwol nach Sues benannte Kanal übt doch auf die Stadt geringen Einfluss aus: die Schiffe passiren meist, ohne sich um die Stadt zu kümmern, durch den Kanal, welcher östlich bei Sues vorbeigeht und dann weit südlich davon ins Rothe Meer oder, genauer, in den Busen von Sues ausmündet. Bis zur Mündung geht allerdings die Eisenbahn, welche von Kairo kommt. Und hier, wo der Hafenmeister wohnt und Marineetablissements sich befinden, haben sich denn auch schon Private, namentlich Restaurateure, niedergelassen. Ja, an diesem vorgeschobenen Punkte entstand am 31. Januar 1882 eine Schule und eine neue Stadt: „Port Tewfik“. Obschon dieselbe voraussichtlich in nicht langer ZeiteineStadt mit Sues bilden wird, entfernt sich dadurch das heutige Emporium doch immer mehr von der Lage des einstigen Hafens Arsinoë.
Unserm deutschen Consul verdanke ich folgende neueste statistische Nachrichten über Sues: Was die Einwohnerzahl anbetrifft, so liegt keine officielle Angabe vor. Einesolche lässt sich überhaupt in mohammedanischen Ländern nicht erzielen, selbst nicht in den Ländern des Islam, welche unter europäischer Herrschaft sind. Herr Meyer, der deutsche Consul, schätzt die Gesammtzahl von Sues auf 10000 Seelen. Meiner unmassgeblichen Meinung nach ist diese Annahme viel zu hoch. Die europäische Colonie zählt 600–700 Individuen. Sie besteht hauptsächlich aus Griechen, Engländern, Maltesern, Italienern und Franzosen. Deutschland hat in Sues nur 10 Angehörige.
Sues selbst producirt nicht, dennoch ist Import und Export nicht unbedeutend. Die fürs Rothe Meer bestimmten Waaren kommen in Sues auf der Bahn und dem Kanal, die für Europa bestimmten ausschliesslich zu Wasser an. Ungefähr drei Millionen Francs jährlich werden in Sues in Geld umgesetzt. Die Stadt steht in directer Handelsverbindung mit Djedda, Suakin, Massaua, Hodeida, Marseille, Italien, Syrien, Triest, Bombay, Madras und England. Von Suakin, dem in Beziehung zu Sues meistbegünstigten Platz, wurden 1880 in 11000 Collis 2400 Tonnen importirt, und dahin in ebenso vielen Collis 1200 Tonnen exportirt. Der grösste Export in 30000 Collis zu 3000 Tonnen fand nach Djedda statt, während von Hodeida mit 9400 Collis 840 Tonnen importirt wurden. Triest finden wir mit dem nicht unbedeutenden Posten von 4000 Collis zu 500 Tonnen mit Import und 6000 Collis zu 1200 Tonnen mit Export betheiligt. England weist allerdings nur 500 Collis zu 200 Tonnen Import und 5000 Collis zu 1000 Tonnen Export auf, aber man muss bedenken, dass Sues überhaupt nur Durchgangspunkt ist. Das, was von Europa kommt, geht meistens nach dem Rothen Meere, und umgekehrt. Bombay versorgt das Rothe Meer mit Korn, Madras mit Indigo. Im ganzen belief sich der Import auf 46600 Collis zu 6415 Tonnen, der Export auf 66800 Collis zu 8400 Tonnen. Man bringt nach Sues besonders Häute, Kaffee, Weihrauch,Wachs, Sennesblätter, Elfenbein, Baumwolle, Sesam, Taback, Perlmutter, Tamarinden, Gummi, Colqual, Indigo, Stoffe, Glassachen, Porzellan, Steingut, Glasperlen, Conserven, Kurzwaaren, Weine, Schnaps, Mehl, Metalle, Essenzen, Seife, Zucker, Kerzen, Schwefel, Petroleum, Korn, Cement, Gewürze, Nahrungsmittel, Papier und Farben.
Im Jahre 1881 beobachtete man im Schatten ein Maximum von +40°4, ein Minimum von +4°7C. Die relative Feuchtigkeit betrug 98° Maximum und 12° Minimum. Regen fiel 0,015. Herrschender Wind: Nord. Die Dichtigkeit des Seewassers bei Sues beträgt 1,039(die des Mittelmeers 1,026) bei +28° durchschnittlicher Wärme.
Nach Abessinien, wohin die Reise zum zweiten male gehen sollte – der Verfasser begleitete auch die britische Expedition unter Lord Napier – gehen zwei regelmässige Linien: ägyptische Dampfer und italienische der Compagnia Rubattino. Mit dem Worte „regelmässig“ soll aber keineswegs gemeint sein, dass die Schiffe beider Linien am festgesetzten Tage ihre Abfahrtszeit bestimmt innehalten. Das darf man in diesen Gegenden weder von der einen, noch von der andern Gesellschaft erwarten.
Am 6. November 1881 ging ich vormittags an Bord der Messina. Unser freundlicher Consul in Sues, Herr Meyer, hatte uns mit seiner Dampfbarkasse an Bord gebracht, und für lange Zeit zum letzten mal erfreuten wir uns an den prächtigen Farben unserer deutschen Reichsflagge. Obschon in vorgerückter Winterzeit, war es doch ausserordentlich warm und kaum zum Aushalten, zumal bei vollkommener Windstille. Nur die Zelte, welche von vorn nach hinten das ganze Deck beschatteten, gaben etwas Kühlung.
Nichts ist unangenehmer, als plötzlich eintretende Verzögerung in der vorher festgesetzten Abfahrtszeit, fast noch unangenehmer, als wenn man bei der Ankunft in einem Hafen plötzlich erfährt, man sei unter Quarantäne gestellt,auf die man, im Orient wenigstens, immer gefasst sein muss. Nun aber kam auf einmal die Nachricht, wir hätten eine Partie von Java kommender Pilger mit nach Djedda an Bord zu nehmen. Wunderbar genug, wenn man bedenkt, dass der britische Dampfer, welcher diese Gläubigen an Bord hatte, bei Djedda vorbeigefahren war, ohne sie zu landen. Aber wiederum erklärlich durch die Quarantäneverhältnisse. Endlich konnte man den englischen Dampfer am Horizont erspähen. Bald lagen wir Seite an Seite, und die menschliche Waare wurde herüber befördert. Keine angenehme Zugabe! Aber glücklicherweise machte doch keiner unter den Passagieren Anspruch auf die erste Klasse, obschon einige, welche besser, eleganter, aber nicht reinlicher als die Menge gekleidet waren, sich absonderten und auf hübschen Teppichen, von all ihrem Hausgeräth umgeben, eine Sonderstellung einnahmen. Die vollendete Uebersiedelung dieser indischen Kinder hatte denn auch bald die Abfahrt der Messina zur Folge, nachdem man vorher eine italienischecolazioneeingenommen.
Langsam glitten wir dahin, denn auf dem Rothen Meere ist fast immer gutes Wetter. So sagte uns der Kapitän des Schiffes, ein noch junger Herr aus der alten italienischen Seestadt Genua. Schon sein Auftreten erweckte Vertrauen, und sein seemännisches Benehmen wurde aufs glücklichste durch kindliche Gutmüthigkeit – die ja ohnehin den Seemann so gut kleidet – und ausserordentlich liebenswürdiges Benehmen unterstützt. Ueberfüllt war der Dampfer nicht: ein französischer Kapitän mit seiner Gemahlin, der, wie er vorgab, im Auftrage der französischen Regierung nach Abessinien reiste und oft genug betonte, „er sei im Besitze einespasse-port diplomatique“; einige Kaufleute aus Suakin und Massaua, griechischer Nationalität; mein Reisegefährte, Dr. Stecker, und meine Wenigkeit.
Angenehm ist eine Fahrt auf demSinus Arabicus[5]oderMare Erythraeumnicht. Eingeschlossen von zusammenhängenden Gebirgsketten mit einer durchschnittlichen Höhe von ca. 2000 m hindern diese Berge, bei der verhältnissmässig geringen Breite des Rothen Meeres, dass die sich auf der Oberfläche der See ansammelnde Feuchtigkeit aus diesem fast eingeschlossenen Becken herausgetrieben wird. Man darf daher das Vorhandensein einer beständigen Luftschicht oberhalb des Wassers annehmen, vielleicht 100 m hoch oder noch beträchtlich höher, welche fast mit Feuchtigkeit gesättigt ist. Unser zur Beobachtung ausgestelltes Hygrometer zeigte während der ganzen Fahrt nie unter 98° relative Feuchtigkeit. Selbstverständlich sieht man dabei nichts von der Feuchtigkeit, und man beobachtet selten Wolkenformation, noch seltener Nebel auf dem Rothen Meere, aber man ist doch in einer äusserst feuchten Luft. Man kann sich einen Begriff davon machen, wenn man sich in Gedanken in ein Gewächshaus mit tropischen Pflanzen versetzt, wo man ja ebenfalls die feuchte Luft durchaus nicht „sieht“, aber die Anwesenheit derselben desto nachdrücklicher auf der Haut verspürt. Und um so unangenehmer empfindet man diese feuchte Luft, wenn sich mit derselben eine beständige Wärme verbindet, die fast den heissesten Gegenden inmitten der Sahara an Stärke nichts nachgibt. Wie gross übrigensallerortsdie Wärme des Rothen Meeres ist, und zwar im Winter, dafür genügt die allerdings nur durch früher gemachte Messungen bestätigte Thatsache, dass man stets Badewannentemperatur, nie unter +28°C. hat.
Verführt durch die bei Herstellung der Karten aussereuropäischer Länder angewandten kleinern Maassstabe, denkt man sich gewöhnlich das Rothe Meer nicht so lang und nicht so breit, wie es in der That ist. Von Sues bis zur Mandeb-Strasse[6]ist dasselbe fast dreimal so lang als das Adriatische Meer, von Triest bis Brindisi gerechnet. Und einmal aus dem Busen von Sues heraus und weiter fahrend auf hoher See, kann man, wenn der Dampfer in der Mitte[7]sich hält, nirgends die doch keineswegs niedrigen Bergketten sehen, welche auf beiden Seiten das Rothe Meer begrenzen.
Dazu kommt, dass die guten englischen, französischen und deutschen Dampfer, welche das Meer von Sues bis Aden, also in seiner ganzen Länge durchmessen, sehr schnell fahren und diese ganze Strecke in etwa vier Tagen und Nächten vollenden, dass aber die ägyptischen und italienischen Dampfschiffe, welche nebenbei die am Rothen Meere gelegenen Häfen besuchen, mindestens die doppelte Zeit gebrauchen, um nur nach Massaua zu kommen. Eine entsetzliche Fahrt, bei der man fortwährend wie in einem türkischen Dampfbad sich befindet.
An Bequemlichkeit, an guter Verpflegung, an Reinlichkeit war auf der Messina auch kein Ueberfluss. Zum Glück hatte ich mir, was überhaupt jedem Reisenden anzurathen ist, meinen eigenen Lehnstuhl mit an Bord genommen. Die stets nach italienischer Art zubereitete Kost war gut für den, der italienische Küche liebt, bei welcher Oel statt Butter zu den Speisen genommen wird, welche Fett erfordern. Glücklicherweise war ich in dieser Beziehung nicht voreingenommen. Auch der Schmuz hatte nichts Befremdliches für mich, woran man sich ja überhaupt gewöhnen muss, sobald man afrikanischen Boden betritt oder afrikanische Gewässer befährt. Nur war es in den Privatkajüten – Dr. Stecker und ich besassen eine gemeinschaftlich – wegen der zu grossen Hitze und der mephitischen Dünste nicht zum Aushalten. Das Ausgusswasser aus der Cabine des Schiffsarztes lief in unsere Kajüte hinein! Niemand dachte an Ausbesserung, auf die sich wahrscheinlich auch niemand verstand. Aber alles das, die grosse Hitze, die scheusslichen Ausdünstungen, das oft genug unappetitlich aussehende Essen waren doch nur Kleinigkeiten, welche man wol bemerkte, über die man sich aber nicht zu ärgern brauchte.
Nachts schlief man auf Deck, wie das überhaupt auf allen Dampfern, welche das Rothe Meer befahren, Sitte ist. Passagiere und Mannschaft, Herren und Damen, Jung und Alt – jeder liess sich seine Matratze herauftragen, und unter leichtester Decke gab man sich allabendlich dem süssen Zustand hin, wo man die kleinen irdischen Unannehmlichkeiten vergisst.
„Auf dem Rothen Meere ist stets gutes Wetter“, wiederholte oft genug unser braver Kapitän, der nach französischer Sitte sich gern „Commandant“ nennen hörte. „Sturm ist auf dem Rothen Meere unbekannt, ich fahre seit einem Jahre auf und ab und habe noch nicht nöthig gehabt, auch nur ein einziges mal das Sonnenzelt einreffen zu lassen.“ – Aber es sollte doch einmal geschehen.
Allabendlich hatten wir übrigens, seitdem wir Sues verlassen, vor uns im Süden starke Wolkenbildung und glänzendes Wetterleuchten gesehen, aber die Wolken hielten sich immer weit entfernt unter dem Horizont, und das Wetterleuchten war der Widerschein meilenweit entfernter Blitze. Aber am 10. Nov. kamen wir in die Zone der Wolkenbildung, und das fürchterliche Wetter, welches über und unter uns tobte – an dem nämlichen Tage fanddas Erdbeben von Agram statt, und auch in Massaua verspürte man Erschütterungen – gehörte vielleicht zu den entsetzlichsten, das man auf hoher See erlebte. Da das Wetter nach Sonnenuntergang schon anfing bedenklich zu werden, begaben sich alle Passagiere unter Deck; ich selbst hatte mich gegen 11 Uhr abends aufs Sofa im Salon ausgestreckt und glaubte, dass das Gewitter, in welchem wir uns thatsächlich seit mehreren Stunden befanden, ohne besondere Ausschreitungen vorübergehen würde.
Der Regen war bis dahin mässig gewesen, die Luft angenehm, der Wind unbedeutend, nur die kolossale Menge der elektrischen Schläge, wenn auch nicht überlaut, doch durch ihre Häufigkeit auffallend. Und dies steigerte sich derart, dass bald der ganze Himmel wie ein Flammenmeer erschien, denn nun folgte nicht ein Blitz dem andern, sondern es war ein Zusammenrinnen unzähliger Zuckungen. Da, gleich nach 11 Uhr, erfolgte ein Schlag von so grosser Heftigkeit, dass man sogleich wusste, man sei im Mittelpunkte des Gewitters. Zugleich schlug der Regen heftiger herunter, und wenn der Wind sich auch nicht zum Sturm steigerte, so bearbeitete er doch mit so unregelmässigen Stössen den Dampfer, dass die Lage des Schiffes um so gefährlicher erschien, als der Capitano noch immer schlief und das Sonnenzelt anfing sich loszureissen. Endlich erschien er. „Alle Mann auf Deck!“ wurde gepfiffen, und trotz der Böen und Wellen, welche anfingen über Bord zu stürzen, wurde das Zelt bald gerefft und damit eine Gefahr beseitigt. Die Wuth der Elemente hatte sich aber so gesteigert, dass auch das Wasser Feuer zu sein schien. Nach dem Sturm, ich muss das besonders betonen, bestand ringsum das Meer aus nichts als Schaum und Gischt, noch weisser gemacht durch die unaufhörlichen elektrischen Entladungen. Wir waren natürlich wieder auf Deck gegangen. Plötzlich rief Hubmer: „Bemerken Sie die blaue Flamme oben aufdem Mastbaum?“ – In der That zeigte sich oben während mehrerer Minuten eine 0,1m lange blaue Flamme. So plötzlich, wie sie gekommen, verschwand sie. Das alles dauerte bis gegen 4 Uhr morgens. Als ich gegen 7 Uhr auf Deck kam, zeigte sich das Schiff ganz normal, das Meer war vollständig glatt, die Sonne brannte wie zuvor, und auch die allgemeinen Verhältnisse der Atmosphäre hatten keine Veränderung, keine Abkühlung erlitten. Das Thermometer wies um 9 Uhr morgens schon +29° im Schatten.
Ich bin weit davon entfernt, eine Beschreibung des Rothen Meeres geben zu wollen, dieser alten, seit Eröffnung des Kanals zu neuem Leben erwachten Heeres- und Handelsstrasse, deren Frequenz sich fast mit der des „Broadway“, der „Friedrichsstrasse“, des „Strand“ vergleichen lässt, wenn anders ein solcher Vergleich zulässig ist. Auch will ich hier nicht untersuchen, warum das Meer das „Rothe“ genannt wird. Seit Plinius und andern alten Naturforschern und Geographen ist diese Frage noch so oft aufgeworfen, erörtert und beantwortet worden, ohne jedoch zum Abschluss gekommen zu sein, dass ich als einfacher Passagier, denn weiter war ich doch nichts, mir nicht gestatte, zu den vielen Hypothesen eine neue hinzuzufügen. Auch die, welche der Commandant der Messina aufstellte: der Name sei deshalb gegeben, weil man sehr oft grossen Inseln abgestorbenen Seegrases von röthlicher Farbe begegne, Inseln, welche manchmal meilengross, zuweilen länglich, dann wieder hufeisenförmig seien, verdient weiter keine Beachtung. Neu ist sie überdies nicht. Im Kapitän der Messina hatte ich übrigens einen Herrn gefunden, dem ich noch zu Dank verpflichtet war für die liebenswürdigen Gefälligkeiten, welche derselbe meiner Frau erwies, als sie in Gemeinschaft mit der Familie des italienischen Generalconsuls Marquis Goyzuetta Tripolis verliess, um nach Europa zurückzukehren.
Welchen Gefahren übrigens die mohammedanischen Pilger ausgesetzt sind auf ihren langen Wanderfahrten, davon gibt folgende mir vom Kapitän mitgetheilte Thatsache den Beleg. „Denken Sie sich“, hub er an, „da tritt gestern ein Grieche, welcher diese Menschenfracht vermittelt und der ganzen Pilgergesellschaft als Agent dient, an mich heran mit den Worten: ‚Wir könnten ein Geschäft machen, Commandant.‘ – ‚Wie so?‘ – ‚Geben Sie mir die Erklärung, dass Sie nur nach Yanbo[8]führen, und die Sache ist gemacht. Ich theile das dem Schich der Pilger mit, und Sie werden finden, dass er sich auf der Stelle bereit erklärt, für jeden Pilger 10 Thaler mehr zu zahlen, als für die Fahrt nach Djedda ausbedungen ist. Mit diesen mohammedanischen Hunden braucht man es ja so genau nicht zu nehmen. Eine Entdeckung ist nicht zu fürchten; unter diesen verdammten Halbmondsanbetern versteht kein einziger eine europäische Sprache, und schriftlich wird ja nichts abgemacht zwischen uns und ihnen. Für mich würde ich mit einigen hundert Thalern zufrieden sein, der ganze Rest ist für Sie, Commandant.‘ – Ich erwiderte dem griechischen Lump kurz, ich sei von Rubattino angewiesen,directnach Djedda zu fahren, und drehte ihm den Rücken. – Sie staunen“, setzte er hinzu, „dass ich diesem saubern Agenten keinen Fusstritt gegeben habe, aber man muss Scenen an Bord vermeiden, und bei der Concurrenz, welche zwischen denverschiedenen Linien herrscht, muss man oft genug Bosheiten und Ungerechtigkeiten stillschweigend ertragen, um die Fracht für die Zukunft nicht zu verlieren.“ – Aber man sieht hieraus, welchen Gefahren die Pilger ausgesetzt sind, seitdem Speculanten sich der Beförderung derselben bemächtigt haben. Vom culturellen Standpunkt aus sollte man ja eigentlich nur wünschen, dass die Pilgerreisen nach Mekka, Lourdes, Allahabad, Kevelaer, Kerbelah, Jerusalem, Rom und wie alle andern Städte und Ortschaften heissen mögen, aufhörten. Nutzen und Segen für die Menschheit haben sie nicht gehabt, erweislichermassen sind sie aber oft genug Ursache verheerender Krankheiten gewesen, Krankheiten, welche nicht nur sich auf die Pilgerkreise beschränkten, sondern mittels derselben auch der übrigen Menschheit Verderben brachten. Aber was ist zu machen gegen Gewohnheit und Gewinnsucht? Nur Aufklärung kann hier helfen, und schliesslich muss man sich mit dem Gedanken trösten, dass trotz des erleichterten Verkehrs, trotz des viel billigern Reisens das Pilgern zu obengenannten und andern religiösen Sammelplätzen stets mehr abnimmt. Statistisch lässt sich das nachweisen. Eines Tages werden sich statt der verschiedenen Völker, die den Islam bekennen, in Mekka auch die Anthropologen versammeln, und wir zweifeln gar nicht, dass dies, wennschon erst in unabsehbarer Ferne, geschehen wird. Hätte im Anfang dieses Jahrhunderts ein christlicher Europäer auch nur irgendeine Moschee der Gläubigen betreten können? Seit dreissig Jahren besuchen die Europäer, ohne belästigt zu werden, die Moscheen Kairos, und eine der heiligsten Bethallen der Mohammedaner Nordafrikas, die grosse Moschee von Kairuan, ist jetzt einem jeden geöffnet.
Endlich kamen die hohen Berge Arabiens in Sicht. Ich war enttäuscht, aber angenehm. Ich hatte mir die arabische Bergkette nicht so hoch und malerisch vorgestellt,und nun zeichneten sie sich immer klarer am durchsichtigen Himmel ab. Die zackigen, wunderbar wilden Zerklüftungen wurden schon dem blossen Auge sichtbar und, wenn auch baumlos, konnte doch die Küste hinsichtlich der Bergformen in jeder Beziehung mit der süditalienischen einen Vergleich aushalten. Bald lag Djedda vor uns.
Wer zum ersten mal aus den grossen Culturländern Deutschland, England, Frankreich u.s.w. nach dem Süden kommt, wundert sich über die lärmende Zudringlichkeit der Fachini von Genua, über das Geschrei der Lazzaroni Neapels oder, wer gar nach Nordafrika kommt, über die Handgreiflichkeiten der Araber und Neger, der Fellachen und Berberiner in Alexandria, Port Said u.s.w. Es scheint aber, dass mit der Glut der Sonne sich die Heissblütigkeit der Bewohner steigert. Und Djedda liegt schon südlich vom Krebs!
So war denn unser Dampfer, sobald das Herabhissen der gelben Flagge das Zeichen zurlibera praticagegeben hatte, sofort auch von grossen und kleinen Booten umschwärmt, und bald wimmelte es auf Deck von stämmigen Maschobsträgern schwarzer, brauner, gelber und weisser Hautfarbe. Welch ein Gewirr, welch ein Durcheinander! Zum Glück war ihnen, wie den Javanesen, welche sich mit uns an Bord befanden, das Hinterdeck zu betreten verboten, und von der Brücke des Dampfers konnte man in Ruhe und ohne belästigt zu werden dem Entwirren des menschlichen Knäuels beiwohnen. Wie das vor sich ging, spottet jeder Beschreibung. Das Durchhauen des Gordischen Knotens konnte nicht schneller von statten gehen.
Hatten sie sich verständigt, war irgendeine Uebereinkunft geschlossen zwischen den Pilgern und den Bootsbesitzern? War überhaupt in der kurzen Zeit eine Verständigung möglich gewesen? So meine Frage. Aber beantwortet, praktisch wenigstens, wurde sie erst, als ichans Land ging und dort wahrnahm, dass die Javanesen noch am selben Abend mit ihren Habseligkeiten der heiligen Kaaba in Mekka zupilgerten. Aber jetzt flogen Koffer und Kisten über Bord, Töpfe aus Steingut zerbrachen vor ihrer Ankunft in der Jolle, Säcke mit Reis barsten und vermischten ihren körnigen Inhalt mit der Ghee (flüssige Butter, wie solche fast ausschliesslich in Indien im Gebrauch ist) am Boden des Bootes. Dazwischen flogen vom Dampfer herab Sonnenschirme, Fächer aus Bambus, Vogelbauer mit lebendigem Inhalt aus der Papagaienwelt, Packete mit Kleidungsstücken, lose Kleider, Turbane, Teppiche, Decken und Matratzen. Die armen Asiaten hatten gut jammern, schreien, fluchen, sich sträuben – es half nichts. Drohen und schlagen richtete erst recht nichts aus. Was wollten die Schwächlinge machen gegen die muskulösen Hafenamphibien Djeddas? Stets wurden sie zurückgetrieben. Und als endlich alles Leblose und verschiedene den Pilgern gehörige Thiere vom Dampfer auf wunderbar schnelle Weise in die Leichterschiffe befördert worden waren, kamen sie selbst an die Reihe. Und fast ebenso schnell spedirte man sie über Bord. Was kümmerte es die rohen Leute, ob die Pilger gerade in die Jolle kamen, welche ihr Privateigenthum barg, wenn jeder der erstern nur eine rechte grosse Zahl der Gläubigen erhaschte: der Bezahlung wegen.
Um die Hunderte von Pilgern nebst allem Gepäck abzuladen, war kaum eine halbe Stunde verflossen. Wir selber mietheten nun auch ein Boot, um zur Stadt zu fahren. Mir lag besonders daran, einen Brief auf die Post zu geben. War aber eine solche in Djedda? Es lagen noch verschiedene grosse Dampfer auf der Rhede, Consulate sind in Djedda vorhanden, und das englische und holländische (dies wegen der indischen Pilger) sogar bezahlte Consulate. Also eine Post muss da sein. Es war mittags, das Amtszimmer geschlossen, ein Briefkasten nicht vorhanden, abereiner der Unterbeamten, welcher in einer Veranda seinen Kef abhielt, belehrte uns, wir sollten nur getrost den Brief und was immer – Briefmarken hatten wir von Aegypten mitgenommen – durch einen Spalt im Fenster schieben, es würde schon besorgt werden. Meine Briefe, wie ich später erfuhr, sind denn auch in der That alle gut übergekommen. Die Post ist nicht türkisch, sondern ägyptisch.
Djedda[9], altes Grossmütterchen, ich hatte gar nicht vermuthet, eine so stattliche Stadt in dir zu finden! Vom Landungsplatz führt gleich eine verhältnissmässig breite Strasse, mit zahlreichen Restaurants, türkischen Kaffeehäusern und Schnapskneipen eingerahmt, in das Innere der Stadt. Die Schnapsverkäufer, welche auch schlechtes und gutes Bier (deutsches von Dreher oder Puntingham) verkaufen, sind alle griechischer Nationalität. Grosse ansehnliche, mehrstockige, blendend weisse Gebäude überragen überall die Strassen, von denen die hauptsächlichsten, namentlich die, welche die Bazare bilden, mit Bretern, auch wol Zweigen, zum Schutz gegen die glühenden Sonnenstrahlen überdeckt sind. Nirgends in der mohammedanischen Welt gibt es so schöne und kunstvoll geschnitzte Muscharabiehn als in Djedda. Die Kunst, schöne durchbrochene Holzgitter herzustellen, hat sich von Syrien und Aegypten nach Arabien geflüchtet. Denn in den Städten der erstern beiden Länder existirt sie nicht mehr. In den Ländern des Islam, welche jetzt mit den Abendländern in so innigem Verkehr stehen, braucht man sie nicht mehr: man baut europäisch, man kleidet sich europäisch, und kaum verschleiern sich die Mislemate noch, jedenfalls nicht mehr, als es bei uns die europäischen Damen thun, umihre Reizlosigkeit dem forschenden Auge zu entziehen. Aber hier in Djedda[10], wo der fanatische Argwohn gegen alles Fränkische noch lodert, werden die Frauen und Jungfrauen noch unter strenger Clausur gehalten, hier so nahe dem Mittelpunkt religiöser Voreingenommenheit, wo Hass und Wuth gegen Andersgläubige die unsinnigsten Pläne aushecken, ist alles noch echt und unverfälscht.
Djedda hat stark zugenommen: es ist der bedeutendste Hafen am Rothen Meere, und nach Aussage und Meinung der dort lebenden Engländer beträgt die Einwohnerzahl jetzt ca. 15000 und in der Pilgerzeit gegen 20000 Seelen.[11]Und es liegt, wenn man die statistischen Nachrichten über die Handels- und Schiffahrtsbewegungen untersucht, kein Grund vor, an dieser Annahme zu zweifeln. Aber die Stadt schien wie todt, als läge alles im Grabe. Vollkommen ausgestorben. Nur die am Hafen zurückgebliebenen griechischen Kaufleute brachten noch Leben. Auch hier indess wenig Verkehr. Das eigentliche Volkselement fehlte ganz und gar. Jung und alt, reich und arm, Männer, Frauen und Kinder, befanden sich alle schon seit einigen Tagen in Mekka, in jenem „Harem“[12]Gottes, das den Ungläubigenzu betreten bei Todesstrafe verboten ist. Führte sie nun der Gewinn nach irdischen Gütern dahin oder die Aussicht auf die Freuden des himmlischen Paradieses, welche den Rechtgläubigen nach je öftern Pilgerrundreisen in desto erhöhterm Maasse verheissen werden – Mekka hatte magnetisch alle angezogen.
Plan des Friedhofs und Grabmals unserer Mutter Eva.Nord.1. Füsse der Eva. 2. Lendengegend der Eva. 3. Kopf der Eva. 4. Grab der Mutter des Sultans Mahmud. 5. Grab eines Schichs. 6. Grabgebäude der Eva. 7. Eingangsgebäude zum Friedhof. 8. Beliebige Gräber. 9. Friedhofsmauer. 10. Mauer, um die Gebeine der Eva zu bezeichnen.
Plan des Friedhofs und Grabmals unserer Mutter Eva.Nord.
1. Füsse der Eva. 2. Lendengegend der Eva. 3. Kopf der Eva. 4. Grab der Mutter des Sultans Mahmud. 5. Grab eines Schichs. 6. Grabgebäude der Eva. 7. Eingangsgebäude zum Friedhof. 8. Beliebige Gräber. 9. Friedhofsmauer. 10. Mauer, um die Gebeine der Eva zu bezeichnen.
Ein kleiner Bube, den Stecker und ich mietheten, um uns das Grabmal Eva’s zu zeigen – die einfachste Pietät erheischte doch den Besuch der irdischen Grabstätte unserer Stammmutter – gab aber wol die richtigste Erklärung für die Abwesenheit der Djeddenser: „Mein Vater hat sich als Kameltreiber verdungen, mein älterer Bruderebenfalls, mein Oheim ist als Wächter mit, meine Mutter kocht für einen pilgernden Türken und meine Schwester hat sich Soliman, dem Kahiriner, angeheirathet.“[13]– „Und du selbst, warum bist du nicht nach Mekka gegangen?“ – „Ich bin schon seit langem Hadj“[14], erwiderte der höchstens zwölfjährige Bengel, „und wenn ich um diese Zeit hier bleibe, verdiene ich viel mehr als Führer, da fast alle Frengi das Grabmal unserer gnädigen Frau Haua zu besuchen pflegen und für mich dann immer ein gutes Bakschisch übrig haben.“ Und das mag wol im Durchschnitt für alle Djedda-Bewohner das Treibende sein. Das Grabmal der Eva liegt in einem etwas höher als 1 m ummauerten Friedhof, ausserhalb der Stadt, nach Norden zu. Unsere Ururgrossmutter muss sehr lang gewesen sein, denn der Kopf liegt an der östlichen Mauer und ist durch einige verkrüppelte Palmen angedeutet. Eine niedere und etwas mehr als 1 m breite Steineinfassung bezeichnet die übrige Lage des Körpers, während Bauch und Lendentheile durch ein kleines Gebäude besonders beschützt sind. In diesem Gebäude zeigt ein alter Marabut – gegen ein Bakschisch natürlich – unter bunten Tuchüberwürfen einen hölzernen Sarkophag. Er öffnet auch auf Verlangen – gegen ein Extrabakschisch natürlich – ein kleines Kläppchen in dem hölzernen Sarge. Und auf den Einwurf, dass man nichts bemerke, zündet er eine Kerze an, und – gegen ein abermaliges Extrabakschisch – leuchtet er hinein, um einem das Herz der Eva zu zeigen. Man sieht natürlich nichts. Aber das ist auch selbstverständlich: „ein Ungläubiger ist ja mit Blindheit geschlagen; nur der Moslim vermag dasHerz der gnädigen Frau Haua zu erblicken.“ – Ist das nun nicht ein Wunder? Wagt es angesichts einer solchen Thatsache ein Christ noch zu zweifeln an der Wahrhaftigkeit des Islam? Das westliche Ende der Kirchhofsmauer bezeichnet die Lage der Füsse der Eva, mithin hatte der Körper die achtungswerthe Länge von ca. 100 m. Aber schön muss sie nicht gewesen sein, diese unsere Stammmutter. Denn bei einer so grossen Länge nur etwas breiter als 1 m gewesen zu sein? Man stelle sich im Geiste eine solche Pappel vor: eine wahre Vogelscheuche!
Auf dem Friedhofe liegen auch noch einige andere Mohammedaner begraben, im Gebäude selbst wird sogar das Grabmal der Mutter des Sultans Mahmud des Grossen, wie die Türken ihn nennen, und das eines frommen Schich gezeigt, dessen Namen mir leider entfallen ist. Sollte sich jemand indess dafür besonders interessiren, so könnte sicher eins der Consulate in Djedda Auskunft ertheilen. Vielleicht würde man übrigens nicht weit von der Wahrheit ab sein, wenn man aufs gerathewohl sagte, es liegt dort der Schich „Mohammed“ oder „Abdallah“ begraben.
Etwas Grün sieht man auch auf dem Kirchhofe, wie auch ausserhalb desselben, namentlich fand ich einige blühende Sennesbüsche. Im allgemeinen macht aber die Abwesenheit von Grün, der Mangel an Süsswasser den Aufenthalt in Djedda zu einem entsetzlich trostlosen, was für die Eingeborenen nur durch die grosse Nähe ihres Sanctuariums – Mekka ist 100 km entfernt – ausgeglichen wird. Hiervon profitiren aber die Europäer nicht, wenigstens geistig nicht.
Nach einigen Erfrischungen bei englischen jungen Kaufleuten, welche uns zuvorkommend einluden, ihr „Home“ zu besuchen, gingen wir nach dem Hafen zurück. Und, o Wunder! Die Javaner rüsteten sich in aller Ordnung und Eile zum Aufbruch nach Mekka. Ein jeder hatte seine Siebensachen wiedergefunden. Mochte jenem auch sein ganzer Oelvorrath verloren gegangen, diesem die Hälfte seines Mehls ausgeschüttet, einem dritten seine Essschale zerbrochen, einem vierten der Spiegel in tausend Scherben zerschlagen sein – das liess sich alles leicht verschmerzen. Mekka und die Kaaba winkten ja von fern, und damit war ja schon die Schwelle des Paradieses überschritten. Mochten die Beduinen auch doppelte und dreifache Taxe für die Kamele fordern, denn diese frommen Wüstensöhne wussten ja, dass sie fordern konnten, was sie wollten, da es der letzte Augenblick war, um noch zum Opfer und zum Kaaba-Umgang rechtzeitig einzutreffen – auch das liess sich verschmerzen, denn was bedeutete das Geld im Vergleich zu den in Aussicht stehenden Freuden des Paradieses! Freude glänzte daher auch auf den sonst so ausdruckslosen gelben Gesichtern, und uns, den Frengi, warfen sie verächtliche, mitleidige Blicke zu, als wir unser Boot bestiegen, um zur Messina zurückzufahren.
Wir mussten jetzt nach Suakin hinüber, das auf der andern Seite an der afrikanischen Küste in Süd zu Ost gelegen ist. Die Ueberfahrt war prächtig, die verhältnissmässig kühlen Nächte, durchschnittlich +25°C., wirkten äusserst belebend nach des Tages Glut, welche man auszustehen hatte. Die Stadt liegt nicht unmittelbar an der Küste, sondern man gelangt zu ihr mittels eines ca. 1 km langen natürlichen Kanals, kaum breit genug, dass zwei Dampfer ausweichen können. Diese Seeenge läuft in einen Sack aus, und in diesem Wassertümpel liegt auf einer kleinen fast runden Insel Suakin oder, wie einige auch schreiben oder sprechen, Suakim. Mit dem Festlande durch einen Damm verbunden, befindet sich dort gleich der viel bedeutendere Ort Kef. Wenn man die Gesammtbevölkerung beider Orte auf 5000 Seelen veranschlagen darf, so kommt wol auf die eigentliche Insel Suakin kaummehr als der dritte Theil der Einwohner. Später mehr hierüber.
Hier sind wir aber auf ägyptischem Grund und Boden, wenn auch noch nicht seit langer Zeit, denn erst 1865 wurde die Stadt nebst den andern am Rothen Meere von der Türkei an Aegypten abgetreten. Aber man merkt die ägyptische Herrschaft auch im Schlafe, möchte ich sagen, an der grössern Toleranz. Namentlich unter der Regierung des vorigen Chedive gab es wol kein Land auf der Erde, welches sich grösserer religiöser Duldung erfreute als Aegypten. Während der eigentliche Handel und die Hauptreichthümer Djeddas sich denn auch in den Händen der Eingeborenen, der Mohammedaner, befinden, obschon auch diese jetzt meist mit christlichem oder, wenn man diesen Ausdruck nicht liebt, mit europäischem Gelde arbeiten, liegt der commercielle Schwerpunkt in Suakin bei den Europäern.
Meerwärts am Ufer des Eilandes leuchtete uns ein „Hôtel du Soudan“ entgegen und, da ich ohnedies zur Stadt musste, um ein mir zum Verkauf angebotenes Zelt zu besichtigen, nahm ich dankend die Einladung des Kapitäns an, mit ihm ans Land zu gehen. Die Stadt macht einen freundlichen Eindruck; ein kleiner Markt oder, besser gesagt, Platz, zeigt einige europäische Restaurants, und im gastlichen Hause des Herrn Braun, eines liebenswürdigen Landsmannes, konnten wir eine angenehme Ruhepause machen. Herr Braun, welcher Anfang dieses Jahres vorzüglich unterweisende Aufsätze über die Häfen und Handelsverhältnisse des Rothen Meers schrieb und im berliner „Export“[15]veröffentlichte, liess mir darüber nichts weiter zu sagen übrig. Und ich bin überzeugt, selbst ein Kaufmann, welcher noch länger als Herr Braun in jenen Gegenden geweilt hätte, würde kein besseres Urtheil als er abgeben können. Nur gegen Eins möchte ich eine Einwendung erheben.
Herr Braun sagt im „Export“ Nr. 9 vom 28. Februar 1882 in Beziehung auf Colonisation: „Keinem vernünftigen Menschen, welcher die hier besprochenen Gegenden kennt, wird es je einfallen, einer deutschen Colonisation von dieser Seite her nach Afrika hinein das Wort zu reden. Dagegen sprechen folgende Erwägungen: 1. Sämmtliche Plätze des Rothen Meers haben als nächste Umgebung und auf viele Meilen ins Land hinein nur ‚Wüste‘ und gänzlich unfruchtbare Gegenden. Aus diesem Grunde würde selbst eine allenfallsige Colonie im Innern wegen der zu grossen Entfernung des nöthigen Schutzes vom Meere her entbehren.“
Wir stimmen im allgemeinen mit Herrn Braun überein, bedauern aber, dass er unsere neuern Literaturerzeugnisse über Cultivation und Colonisation nicht genugsam beachtet hat. Und doch ist gerade in den letzten Jahren ein so reichhaltiges Material[16]in dieser Beziehung veröffentlicht worden, dass man mit entscheidenden Urtheilen sehr zurückhaltend sein sollte. Jedenfalls ist es, so competent Herr Braun in Handels- und kaufmännischen Sachen sein mag, vollkommen irrthümlich, wir bedauern das sagen zu müssen, dass in der Nähe der Städte des Rothen Meers nur „Wüste“ sei. Auch die meisten Reisenden, welche von Massaua aufbrachen, z.B. zuletzt Tagliabue, Matteucci, Vigoni u.s.w., sprechen von „Wüste“ (deserto), welche zu durchwandern sei, ehe man das abessinische Hochland erreiche. Aber diese Herren haben ebenso wenig wie Herr Braun die „Wüste“ gesehen, können also gar kein Urtheil, wenigstens aus Erfahrung nicht, darüber abgeben, was manunter Wüste versteht. Ich frage aber einfach, ob man „Wüste“ die Umgebung von Suakin nennen kann, wo die Botaniker Hunderte verschiedenster Pflanzen einheimsen, welche dort unter den Mimosen wachsen oder im Schatten von Euphorbien gedeihen. Oder wo man, ab und zu wenigstens, Ackerbau treibt und zwar so, dass der Boden durch den Pflug aufgefrischt wird. Oder wo in nächster Nähe beim Tokar- und Ossip-Fluss (Tokar-Gegend, eine Niederung) grosse Baumwollanpflanzungen waren und vorzüglich gediehen? Wenn letztere zu Grunde gingen, ist es sicher nicht in klimatischer Ungunst oder in mangelhaften Bodenverhältnissen zu suchen. Der Grund liegt in ganz andern Dingen. Der Barka schwemmt so viel Wasser jahraus jahrein fort, und die ganzen weiten Ebenen südlich von Suakin sind so mit Feuchtigkeit durchtränkt, dass es selbst mehrere Jahre hintereinander nicht zu regnen braucht, und der Boden bleibt doch feucht. Die Feuchtigkeit des Bodens der weiten Ebene südlich von Suakin ist eben abhängig von dem abessinischen Regen, von den Niederschlägen auf Hamasen, Bogos und Mensa, und dort regnet es alljährlich.
Auch wenn Herr Braun unter 2 und 3 sagt: „Die Völkerstämme seien zur Arbeit und Cultivirung des Landes gänzlich unbrauchbar, und es würde daher ein grosser Aufwand europäischer Arbeitskräfte erforderlich sein“, so ist das nicht ganz zutreffend. Die Hinterlandsbevölkerung am Rothen Meere des afrikanischen Continents treibt Viehzucht undAckerbau. Und namentlich, wenn es unter Umständen gelänge, abessinische Ackerbauer zu gewinnen, würde man die Cultivirung des Landes unter ganz andern Bedingungen beginnen können. Aber, wie gesagt, in allen übrigen Dingen wird jeder die von Herrn Braun mit Klarheit entwickelten Ansichten im „Export“ unterschreiben können; auch wir möchten nach diesen Gegenden namentlich keineDeutschen locken, welche ihr Vaterland verlassen, um „auszuwandern“. Wer nach den Küsten des Rothen Meers geht und dort von vornherein sein Glück machen will, muss, so scheint es, noch aufgeweckter sein als die, welche es in Amerika, in Australien und Indien versuchen, aber, wie Herr Braun ganz richtig sagt, es ist Platz für jedermann dort und noch viele ungehobene Schätze sind zu gewinnen.
Mein Weg, um das vorhin erwähnte Zelt zu kaufen, führte mich durch das recht belebte Kef nach ausserhalb, wo eine halbe Stunde oder ca. 3 km entfernt ein Grieche eine recht hübsche Farm besass. Als alte Bekannte begrüssten wir die Calotropis procera, verschiedene Mimosen, und die nach allen Seiten (Wüste!) reichlich bestandene Landschaft wurde abgeschlossen durch eine Alpenlandschaft, welche in ihrer Grossartigkeit schon ganz an Abessinien erinnerte. Namentlich mein Begleiter, Dr. Stecker, schwelgte in Entzücken, denn im Handumdrehen konnte er eine schöne Ausbeute an Coleopteren, besonders grossen Buprestiden und reizenden Cetonien, welche hier auf den Akazien und Calotropis vorkamen, sammeln, ebenso einige Spinnen und eine sehr häufige, von den Blättern der Calotropis procera sich nährende buntgescheckte grosse Accidide.
Als wir abends durch die lange Strasse von Kef zurückkehrten, sahen wir dieselbe von stolzen Nubiern bevölkert, welche gravitätisch daherschreitend, in ihrem dicken, wulstigen, schwarzen Lockenhaar mit der langen hölzernen Spindel geschmückt waren. Hadendoa und Beschari erinnern im Aeussern und in ihrem Auftreten schon stark an die Abessinier, mit denen in frühern Zeiten auch wol ein innigerer Zusammenhang bestand, welcher durch die später eintretende Verschiedenartigkeit der Religion immer mehr abnahm.
Von Suakin führt eine der Hauptstrassen nach dem Innern von Afrika. Graf Krokow, Schweinfurth, Junkerund verschiedene andere haben sie durchmessen, ja, nicht lange ist es her, als man ernstlich daran dachte, von hier eine Eisenbahnlinie ins Innere zu legen. Tags vorher war noch einer unserer alten Bekannten von Kassala oder doch aus der dortigen Gegend gekommen: Kapitän Speedy. Derselbe lebte vor Jahren längere Zeit in Abessinien, war eine Zeit lang nächst Plowden und Bell Günstling Theodor’s gewesen und hatte sich infolge seines langen Aufenthalts in Aethiopien die beiden Hauptsprachen des Landes: Amharisch und Tigrisch, vollkommen zu eigen gemacht. In seinem Drange nach Abenteuern besuchte er, nachdem er sich mit dem Negus entzweit, Neuseeland, durchstreifte verschiedene andere britische Colonien und traf während des englischen Feldzugs wieder in Abessinien ein, um dem Oberstcommandirenden, Lord Napier, als Dolmetsch zur Seite zu stehen. Nach Beendigung des kurzen, für England aber so ruhmvollen Kriegszugs, wurde Speedy zum Gouverneur des jungen abessinischen Prinzen Alamayo auserwählt.
Was eigentlich die englische Regierung oder vielmehr Lord Napier bewog, den Prinzen Alamayo[17]nach Indienund England zu bringen, wird wol stets ein Geheimniss bleiben. Kaum ist anzunehmen, dass der britische Befehlshaber es that, um den fremden Prinzen nach altrömischer Sitte an seinen Triumphwagen zu spannen. Wie der Erfolg lehrte, beabsichtigte man auch nicht, durch ihn später Einfluss in Abessinien zu gewinnen oder gar ihn selbst auf sein Herrscheramt vorzubereiten. Zudem waren die Rechte Alamayo’s auf den abessinischen Thron doch eigentlich höchst zweifelhafter Natur. Kapitän Speedy blieb während sechs Jahren mit dem abessinischen Prinzen zusammen, dem ausserdem anfangs ein abessinischer Deftera beigegeben war, um ihm das Amharische schreiben und lesen zu lehren. Man weiss nicht, weshalb man Speedy die Oberleitung des abessinischen Prinzen nahm. Er selbst, dem ich zum grossen Theil diese Mittheilungen verdanke, wusste mir darüber keine Auskunft zu geben. Alamayo wurde 1874 von Indien, woselbst er bis dahin mit Kapitän Speedy geweilt hatte, nach England gebracht, um dort seine weitere Ausbildung zu erhalten. Die britische Regierung liess ihm in der That eine vollkommen prinzliche Erziehung angedeihen, und namentlich die Königin von England interessirte sich aufs lebhafteste für den äthiopischen Prinzen.
Sofort nach der Trennung von Speedy ergriff den Prinzen Alamayo ein unbesiegbares Heimweh (eigenste Worte des Kapitäns Speedy); er war untröstlich über den Verlust seines Freundes, den ihm seine sterbende Mutter, die Königin Durenesch, aufs wärmste empfahl. Ja, er fasste jetzteinen förmlichen Hass gegen die Engländer, und als er von der unglücklichen Niederlage derselben durch die Zulu hörte, rief er: „Ich wollte, alle Engländer wären vernichtet!“[18]Ein anderes mal schrieb er an Speedy, ob er nicht etwas Geld zusammenbringen könne, um mit ihm zu fliehen, und zwar, wie er vorschlug, zum Negus Johann, dieser würde ihm gewiss den Thron abtreten. Auf einen so unsinnigen Vorschlag konnte sich der ehemalige Gouverneur des Prinzen natürlich nicht einlassen. Speedy erstrebte dann, als er von des Prinzen Krankheit hörte, noch einmal die Wiedererlangung seines alten Amtes, erreichte aber nur, dass er den Prinzen auf vier Wochen besuchen durfte. Als die englischen Aerzte endlich eine unheilbare Schwindsucht bei Prinz Alamayo constatirten, wollte man ihn nach Indien schicken, um ihn dort der Armee einzuverleiben. Aber es war zu spät. Prinz Alamayo starb im Jahre 1879, wie Kapitän Speedy sagt, am gebrochenen Herzen. Heimweh nach seinem afrikanischen Alpenlande tödtete ihn. Alamayo bekam eine prinzliche Bestattung. Auf Befehl der Königin Victoria wurde Speedy telegraphisch herbeigeholt; es war zu spät geworden, er konnte ihn nur noch einige Tage pflegen und dann seiner Beerdigung beiwohnen. So hatte er den Trost, dass der abessinische Prinz sich in den letzten Augenblicken in seiner Muttersprache unterhalten konnte, und dass sein erster Erzieher ihm im letzten Kampfe zur Seite stand.
Kapitän Speedy und sein Begleiter Kapitän Brooks kamen also an Bord. Ersterer hatte ausserdem ein Maulthier und einige Kamele mit sich, welche Thiere ebenfalls die Reise nach Massaua mitmachten. Durch die beidenEngländer erhielt unsere Tischgesellschaft eine sehr angenehme Vermehrung, denn Mr. Speedy war ein lebhafter Erzähler, und an Stoff mangelte es ihm nie. Er beabsichtigte, in die angrenzenden Nordländer von Abessinien zu gehen, da das eigentliche Abessinien zu betreten ihm verboten sei. Aus welchem Grunde, konnte ich eigentlich nicht erfahren, denn ich glaube kaum, dass der jetzige Negus Negesti Notiz von ihm nehmen würde.
Wir lagen einen ganzen Tag vor Suakin, keineswegs für uns angenehm, weil bei eintretender Ebbe das Wasser schreckliche Dünste aushauchte. Aber der Fischreichthum ist, wie überall im Rothen Meere, so auch hier ganz unglaublich. Oft sieht man eine durch leicht gekräuselte Wellen angedeutete Wolke sich auf der Seeoberfläche langsam fortbewegen. Man forscht nach der Ursache, man schreibt sie anfangs einer partiellen Brise zu. Aber keineswegs. Es sind Milliarden kleiner stint- oder sardinenartiger Fischchen, 5 cm gross, welche, wie wir später Gelegenheit hatten zu erproben, in Oel gebacken ein vorzügliches Gericht abgeben.
In Suakin gibt es kein Consulat, deshalb sind die dort wohnenden Europäer ganz auf sich selbst angewiesen. Wenn ein solches Verhältniss an der gegenüberliegenden arabischen Küste grosse Gefahren in sich schliesst, so ist das an der ägyptischen nicht zu befürchten.[19]Die Einwohnerzahl wechselt, da die Landbevölkerung, die Hadendaui, theilweise nur vorübergehend, namentlich in den Wintermonaten, dort Wohnung nehmen. Die Bevölkerung auf der Insel selbst kann man auf 1500 Seelen veranschlagen, von diesen waren 1882 ca. 60 Europäer, 20 Araber, 50 ägyptische Beamte, 300 Soldaten und 100 Galerensträflinge.Die Vorstadt Kef dürfte im Sommer 3000, im Winter 5000 Einwohner haben, wovon die meisten den Hadendaui angehören. An eigenen Schiffen besitzt Suakin nur einige Sambuk (jene ca. 50 Tonnen haltenden Schiffe mit unverhältnissmässig hohem Hinterdeck und grossem lateinischen Segel). Es kommen durchschnittlich im Monat vier ägyptische und zwei italienische Postdampfer, welche beide Linien Passagiere und Waaren befördern, nach Suakin.
Der Sklavenhandel wird von Suakin aus, namentlich aber von den Küstenpunkten in der Nähe noch immer betrieben. Bestimmte Angaben sind schwer darüber zu erhalten, da die Transporte nachts und so heimlich wie möglich stattfinden. Im Februar 1881 schaffte man von Suakin nach Djedda 65 Sklaven. Ein anderer Transport von 87 Seelen, meistens Kinder beiderlei Geschlechts, wurde im Sommer 1880 durch Militär in den Gebirgen von Singals (zwei Tagereisen von Suakin entfernt) abgefasst und durch die Behörden mit Freiheitsbriefen versehen und an die Bewohner von Suakin, zum Theil aber auch an die von Djedda abgegeben. Natürlich muss der Empfänger solcher Negerkinder eine Bescheinigung ausstellen, keinen Handel mit denselben treiben zu wollen. Halberwachsene oder ausgewachsene Burschen steckt die Regierung unter die Soldaten, während man die halbwüchsigen Mädchen dem ersten besten Soldaten als Frau beigibt.
In Suakin sind fünf Moscheen, zwei davon auf der Insel selbst, drei in Kef. Von Fanatismus weiss die Bevölkerung nichts, wie überhaupt, und wir betonen das noch einmal, unter allen mohammedanischen Ländern die ägyptische Regierung seit Mehemed Ali stets bemüht gewesen ist, religiöse Unterschiede soviel wie möglich durch vollkommenste Unparteilichkeit gegen alle verschiedenen Bekenntnisse zu verwischen.
So dampften wir denn wieder hinaus aufs hohe Meer,um unsere Schlussfahrt zu machen, denn jetzt hielten wir direct auf Massaua. Immer schwüler und unerträglicher wurde die Wärme, bis endlich der hohe Gedem-Berg als Wahrzeichen der Stadt in Sicht kam. Die Dampfer halten gerade auf ihn los und sind dann sicher, nach Massaua zu gelangen, welches erst viel später am Horizont auftaucht.
Es war schon spät abends geworden, nach Sonnenuntergang, als wir dicht bei der Stadt Anker warfen. Trotz der vorgeschrittenen Zeit wurden noch alle Hafenförmlichkeiten erledigt, und an Bord kamen die Honoratioren der Stadt: der französische Viceconsul Monsieur Raffray, bekannter Naturalist und vor Jahren schon in Abessinien; Hassen Bei, ein Oesterreicher in ägyptischen Diensten; Herr Tagliabue, Italiener; Herr Lucardi, ebenfalls; Herr Habib, der Postdirector; Herr Michel, Zolldirector. Wir hatten die erste Etappe glücklich zurückgelegt, von hier aus begann erst die eigentliche Reise. Welche Erinnerungen aber tauchten in mir auf angesichts Massauas und des mächtigen Gedem-Berges! Vor zwölf Jahren hatte ich schon einmal Massaua besucht, nur auf einen Tag von der Adulis-Bucht aus. Auf meinen Wunsch, die Stadt zu besehen, liess damals der Commandant eines vor Sues liegenden französischen Kanonenbootes dieses heizen, und wir fuhren hinüber. Munzinger hatte mich gebeten, ihm seine Frau, eine Abessinierin, mitzubringen, was ich auch that. Später sah ich ihn noch einmal, als ich zur Ausführung der libyschen Expedition in Kairo eintraf. Kaum hatte ich dort mit meiner Begleitung den Perron betreten, als Munzinger den Zug zur Fortreise benutzte, um als Generalgouverneur der Küste des Rothen Meers den Befehl über ganz Sudan zu übernehmen und den Krieg gegen Abessinien zu organisiren, welcher so verhängnissvoll für die ägyptische Armee und für Munzinger selber werden sollte, da er auf diesem Feldzuge sein Leben verlor.
Massaua, das alte Sabaitikon stoma[20], hatte, seitdem ich es 1868 gesehen, bedeutende Veränderungen erlitten und zwar zu seinen Gunsten. Bei meinem Besuch im genannten Jahre war das einzige Gebäude, welches an europäische Verhältnisse erinnerte, das, welches Munzinger, zu der Zeit englischer und französischer Consul, bewohnte. Selbst das ehemalige Haus des Gouverneurs, sowie das des frühern Consuls Plowden konnte nicht als anständig bezeichnet werden. Jetzt aber hat man eine ganze Reihe relativ vorzüglicher Wohnungen gewonnen. Herr Raffray z.B. wohnt ganz gut, und das Gebäude des frühern Gouverneurs war ebenfalls für einen einheimischen Beamten vollkommen ausreichend. Besonders hübsch und elegant nahm sich das Massaua gegenüber aufgebaute Schloss aus, dermalen Chedivialisches Palais genannt, welches aber seinerzeit Arakel Bei für sich als Amtswohnung hatte errichten lassen.
Diesen ersten Eindruck erhielt ich sofort, als ich am folgenden Morgen Ali Risa, dem Generalgouverneur der Provinzen am Rothen Meere, meine Aufwartung machte und sodann Ali ed Din, den Gouverneur von Massaua, besuchte. Ersterer war mit einem eigenen Dampfer der Regierung gekommen und beabsichtigte nach Seila zu fahren. Ein gebildeter Herr, eigentlich seines Faches Architekt, sprach er fliessend Französisch und hatte sich auch sonst durchaus europäische Manieren angeeignet. Ali ed Din, von Haus aus tscherkessischer Sklave, verdankte andern mir nicht bekannten Umständen seinen hohen Posten. Beide Herren waren übrigens sehr freundlich und zuvorkommend. Man schickte gleich eine Ehrenwache, wie es überdies mir als türkischem Bei und dann speciell als Gesandten Sr. Maj. des Deutschen Kaisers zukam.
Darauf wurden die Zollangelegenheiten geordnet, was gerade nicht sehr glatt abging. Freilich hatte ich dreissig Kisten und Koffer, und anfangs bestand der französische Director durchaus auf Durchsicht meines Gepäcks, bis er sich endlich durch den Platzgouverneur überzeugen liess, dass die von Kairo aus meinerseits gegebenen Befehle genau einzuhalten wären.
Nun war noch die Wohnungsfrage zu erledigen. Am besten wäre es gewesen, gleich hinauszuziehen nach Hotumlu und dort die Zelte aufzuschlagen. Ich hatte ein sehr geräumiges englisches Leinwandhaus, welches früher Speedy besass, gekauft, und in diesem mit doppeltem Dache und allen andern Bequemlichkeiten, wie Badezimmer, Küche u.s.w., versehenen Zelte hätte ich aufs beste wohnen können. Aber es fehlte noch manches andere, namentlich waren noch viele Einkäufe an Waaren, Geschenken und Lebensmitteln zu machen, sodass ich es für rathsam hielt, vorerst in Massaua selbst zu bleiben, und mit Dank das gütige Anerbieten des Herrn Tagliabue, in seine Wohnung zu ziehen, annahm. Der damalige italienische Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Herr Cairoli, hatte die Güte gehabt, mir ein Empfehlungsschreiben für ihn mitzugeben. Und möge Herr Tagliabue, dem ich auf andere Weise gar nicht genügend meinen Dank abstatten konnte, an dieser Stelle denselben noch einmal entgegennehmen; er kommt von Herzen. Man bedenke nur, welche Last er sich durch meine Aufnahme in seine allerdings hinlänglich geräumige Wohnung aufbürdete! Und nicht blos um meine Wenigkeit allein handelte es sich, auch Dr. Stecker, Karl Hubmer, und gar bald eine Menge abessinischer Diener mussten untergebracht werden. Dazu die vielen Kisten und Kasten, die vielen Säcke mit Vorräthen, selbst Maulthiere und Hunde, die uns gehörten, füllten bald den Hof des Hauses. Wir speisten gemeinschaftlich mit Herrn Tagliabueund dessen jüngerm Bruder, und auch zu den Ausgaben des Tisches erlaubte uns unser Wirth keinen Beitrag.
Massaua, eine Insel, ist 1 km lang und von ONO. nach WSW. gelegen. Die Breite beträgt an der breitesten Stelle nicht mehr als ca. 250 m. Die Hälfte, und zwar die westliche, ist mit Häusern und Hütten bedeckt, während die östliche Seite auf der äussersten Spitze ein schlechtes Befestigungswerk mit einigen alten Kanonen und einer kleinen Kaserne aufweist. Dicht dabei befindet sich die französische Mission und Kirche. Wie in manchen Gegenden, z.B. in Posen, polnisch und katholisch, deutsch und protestantisch sich decken, so ist im Orient, besonders in Abessinien, französisch und katholisch, englisch und protestantisch ein und derselbe Begriff. Ich werde später noch darauf zurückkommen.
Auf der Insel Massaua, welche jetzt aber keine wirkliche Insel mehr ist, leben höchstens 1500 Einwohner. Zum Theil bestehen diese aus Europäern, besonders Griechen, Banianen, d.h. Ostindiern, in deren Händen sich der hauptsächlichste Handel, namentlich der Handel mit Perlen, concentrirt, und Eingeborenen vom Festlande. Wir besitzen von Massaua so vorzügliche Beschreibungen der neuern und neuesten Zeit[21], dass ich darauf verzichte, irgendetwas Neues über die dortigen Verhältnisse zu bringen.
Auf einige Aenderungen will ich indess in aller Kürze aufmerksam machen. So liess Munzinger, als er noch Generalgouverneur war, die Insel mittels eines festen Dammes mit der nahen Insel Tolhut oder Taulhut verbinden. Beider geringen Tiefe von kaum 1,50m war damit keine grosse Schwierigkeit verbunden. Grössere Mühe machte schon die Verbindung Tolhuts selbst mit dem Festlande, aber auch das bewerkstelligte Munzinger und vervollständigte diese nützliche Anlage dadurch, dass er ganz im Osten von Hotumlu am obern Flussbett des Mpasi, welcher durch Mkullu und Hotumlu fliesst, eine unterirdische Wasserleitung legte und bis Massaua führte. Da aber bei den Mohammedanern Unterhaltungskosten vollkommen unbekannte Dinge sind, so zerfiel die Wasserleitung nach Munzinger’s Ermordung, und jetzt läuft das Wasser nur noch bis Hotumlu.
Auf der Südspitze von Hotumlu hat die ägyptische Regierung ein ziemlich starkes Erdwerk errichtet, dort, wo etwa vor nunmehr fünfzig Jahren unser wackerer Landsmann Hemprich begraben sein mag. Hier concentrirt sich überhaupt jetzt das officielle Leben. Denn wenn auch der eigentliche „Divan“ in der Stadt selbst, gegenüber dem Zollbureau, dicht am Hafen gelegen ist, so befindet sich doch hier die Wohnung Ali ed Din’s, wo er gleichfalls „Divan“ abhält. Ebenso die Telegraphenanstalt mit dem Staatsschatz. Die eigentliche Garnison von Massaua, ein Bataillon schwarzer, sehr gut uniformirter und vorzüglich (mit Remington) bewaffneter Soldaten, campirte auf Tolhut. Campiren ist eigentlich kaum der richtige und Kaserniren der richtigere Ausdruck, denn die Soldaten sind in geräumigen, mit Strohdächern versehenen Hütten untergebracht, deren Seitenwände aus durcheinandergeflochtenen Zweigen bestehen. Auf diese Weise circulirt die Luft, und die Sonne wird, ebenso wie feuchte Niederschläge, durch das Strohdach abgehalten.
Ein zweites noch stärkeres Fort haben die Aegypter bei Saga in der Nähe von Hotumlu errichtet, es mit Kanonen versehen und dort ebenfalls 1500 Mann untergebracht. Im ganzen stehen also in Massaua, denn auch das Fort vonSaga muss hinzugerechnet werden, ca. 3000 Mann regelmässiger Soldaten. Ausserdem verfügt aber der Gouverneur noch über einige hundert Mann Baschi-Bosuks.
Ich habe über die Zahl der Einwohner des eigentlichen Massaua meine ungefähre Schätzung mitgetheilt. Aber die Ortschaften Hotumlu und Mkullu nebst Saga sind, namentlich jetzt, so innig mit Massaua verwachsen, räumlich so wenig davon getrennt, dass sie eigentlich, wie Kef und Suakin, ein Ganzes bilden. Auf den Karten sieht man immer Mkullu als Ort angegeben, Hotumlu fehlt gewöhnlich. Gerade dieser Ort dürfte aber an Einwohnern, und auch sonst, der wichtigere und bedeutendere sein. Ich schätze Hotumlu auf 1500, Mkullu auf 500 und Saga auf ca. 100 Seelen. Im ganzen dürften also diese Orte, Massaua eingeschlossen, etwa 3500 Seelen haben. Die Verhältnisse des Handels hoben sich insofern etwas, als abessinischerseits der Export zu Lande nach Bogos zu (Suakin) vollständig geschlossen ist. Aber bei dem noch immer herrschenden Kriegszustand zwischen Aegypten und Abessinien sank der Verkehr, das Kommen der Karavanen, der Zufluss von Waaren aus Abessinien auf ein Viertel oder noch weniger herab, im Verhältniss zu dem, was unter normalen Verhältnissen auf den Markt gebracht werden müsste. Wachs, Butter, Häute, Felle, Kaffee, manchmal Getreide ist das Einzige, was die Abessinier bringen, und zwar darf vom Innern her alles nach Massaua gegen einen geringen und, wie ich glaube, etwas willkürlich erhobenen Zoll eingeführt werden. Erst beim Verladen nach auswärts erhebt die Douane eine Abgabe. Unter diesen Umständen leidet die Importation auch, obschon über Massaua Güter eingeführt werden, welche für den localen Consum, sowie für die umliegenden Oerter, z.B. Arkiko, und die jetzt ägyptischen Provinzen Bogos, Mensa nothwendig sind. Ja, selbst manche Waaren gehen von hier nach Kassalaund Gedaref. Man importirt ausser den Artikeln für Europäer und ägyptische Beamte (hierher gehören z.B. Möbel und fertige Kleider aller Art, Kochgeschirr, Steingut, kurz alles, was die Europäer brauchen, auch Conserven u.s.w.), Baumwollstoffe, Seidenwaaren, Tuche, Brocatstoffe (diese werden von den Banianen aus Indien eingeführt: höchstwahrscheinlich lyoner Fabrikat; einen merkwürdigen Umweg machen also diese Stoffe, um nach Massaua und Abessinien zu kommen; die in Massaua lebenden Europäer gingen übrigens damit um, sich diese Stoffe direct zu verschaffen) und rothe Garne, welche, früher von England bezogen, jetzt auch Monza in Italien liefert. Ja, es ist den Italienern sogar gelungen, die Nationaltracht der Abessinier, die Schama (ein breites weisses Baumwoll-Umschlagtuch mit rothen breiten Streifen) herzustellen. Aber ich glaube kaum, dass sie damit in Abessinien sich ein grosses Feld erobern werden, da der Preis, drei Maria-Theresienthaler das Stück, für abessinische Verhältnisse zu theuer ist.[22]Auch Wein, Liqueure, schlechter Schnaps, Bier, Petroleum, Oel wird importirt, von diesen aber nur der Schnaps und nur in geringen Mengen weiter befördert. Deutsche Waaren kommen gar nicht auf den Markt, denn selbst das Bier ist österreichisch. Mit den griechischen Kramläden ist gewöhnlich ein Wein-, Schnaps- und Bierverkauf verbunden. Auch türkische Kaffeehäuser gibt es, und am Wasser befindet sich eine Art von Gasthof, den ein Grieche eigentlich nur für abessinischen Besuch einrichtete, worin aber gelegentlich auch Europäer Unterkommen suchen, wie denn zu meiner Zeit zwei französische Offiziere dort abgestiegen waren. Arme Leute, wie schon so viele vor ihnen, kamen sie aufs gerathewohl nach Massaua, um in Abessinien Dienste zu nehmen, dort ihr Glück zu suchen! Aber waren Herr und Frau Lombard, welche mit mir gekommen waren, nicht in ähnlicher Lage?
Erwähnt wurde schon, dass Frankreich eine Mission in Massaua unterhält, welche aus vier Geistlichen besteht, abhängig von der viel grössern Mission der katholischen Kirche in Keren. Die Messe wird täglich, Hochamt Sonntags gefeiert, und auch Abessinier nehmen am Gottesdienst theil. Die Gebäude der französischen Geistlichkeit sind geräumig, massiv und schön gelegen. Die Missionare haben ihre eigene grosse Cisterne (eine von den alten Cisternen, deren noch mehrere in der Nähe der Mission vorhanden sind und heute noch benutzt werden; Heuglin meint, sie seien persischen Ursprungs, der Anlage und Bauart nach würde ich sie eher zu den griechischen oder römischen rechnen), welche ihnen fürs ganze Jahr Wasser liefert.
Das gesellige Leben in Massaua ist gleich Null. Kein Mensch geht in Gesellschaft. Wohin sollte man auch gehen? Die Europäer besuchen manchmal ein türkisches Kaffeehaus, um eine Tasse Mokka zu trinken; sie gehen zu irgendeinem Griechen, um ein Glas Absinth oder eine Flasche Dreher zu trinken; oder sie gehen zum Pascha, zum liebenswürdigen Postdirector Habib Schiavi, zum Director der Douane, wo sie eine Cigarrette und Tasse Kaffee bekommen. Das ist alles. Abends wird wol ein Spaziergang oder ein Spazierritt gemacht nach Hotumlu und einzelne thun sich zusammen, um am nahen Gedem oder sonstwo in der Ebene zu jagen.
Ueber die eingeborene Bevölkerung, unter welcher Bezeichnung ich, abgesehen von den ruhigen und anscheinendtheilnahmlosen Banianen, hier alle die verstanden haben will, welche nicht Europäer sind, also Abessinier (und es haust immer ein guter Theil Abessinier in Massaua und Umgegend), Schoho und andere Küstenbewohner, berichten die Reisenden nicht viel Gutes. Namentlich wird viel über das zügellose Leben in Massaua geklagt. Möglich, dass die Ausweisung sämmtlicher Herumtreiber aus Massaua und umliegenden Orten andere Verhältnisse schuf: ich fand in Massaua die Bevölkerung nicht schlimmer als anderswo, jedenfalls besser als in anderngrossenHafenstädten.
Das Klima, wenn auch im Sommer die Hitze unerträglich wird und besonders nachts wegen der dann stets herrschenden Windstille sich zu einem wahren Martyrium für alle steigert, rühmt man als gesund, namentlich auch, weil es frei ist von epidemischen und ansteckenden Krankheiten. Die Jahresdurchschnittswärme dürfte etwas über 30° betragen, die des Sommers vielleicht 45°. Es regnet jährlich viel in Massaua, und die Feuchtigkeit der Luft ist selbstverständlich enorm.
Hiermit glauben wir über Massaua gesagt zu haben, was sich im Jahre 1881 über diesen Ort berichten liess. Was mich persönlich anbetrifft, so siedelte ich nach Beendigung meiner Einkäufe nach Hotumlu über. Dort, in der Nähe, wo einst die Herzogin von Koburg-Gotha campirte, liess ich meine Zelte aufschlagen und entfaltete die deutsche Flagge. Und stattlich genug nahm sich das Lager aus, denn die ägyptische Regierung lieh mir bereitwilligst noch ein grosses Offizierszelt, sodass ausser meinem doppelbedachten Riesenzelt, welches 30 Fuss im Geviert hatte, mein Lager noch vier andere Zelte aufwies. Ehe ich aber in der Entwickelung meiner Mission fortfahre, müssen wir einen Rückblick werfen auf die allerneueste Geschichte Abessiniens, um daraus zu ersehen,wasmich eigentlich nach diesem Lande führte.