ZWEITES KAPITEL.NEUESTE ABESSINISCHE GESCHICHTE.
Veranlassung der Reise. – Negus Johannes. – Dessen Brief an den englischen Feldherrn. – Sein Vertrag mit Lord Napier. – Johannes und Gobesieh. – Schimper’s Bericht über Johannes’ Krönung. – Munzinger’s Ehrgeiz und Emporstreben. – Chedive Ismaël’s Lob. – Aegyptens Feldzug gegen Abessinien. – Johannes und seine Armee. – Die Schlacht im Abgrunde von Gudda-Guddi. – Munzinger’s Tod. – Abermals Aegypten gegen Abessinien. – Prinz Hassan. – Die Schlacht von Gura. – Hassan’s Flucht.
Veranlassung der Reise. – Negus Johannes. – Dessen Brief an den englischen Feldherrn. – Sein Vertrag mit Lord Napier. – Johannes und Gobesieh. – Schimper’s Bericht über Johannes’ Krönung. – Munzinger’s Ehrgeiz und Emporstreben. – Chedive Ismaël’s Lob. – Aegyptens Feldzug gegen Abessinien. – Johannes und seine Armee. – Die Schlacht im Abgrunde von Gudda-Guddi. – Munzinger’s Tod. – Abermals Aegypten gegen Abessinien. – Prinz Hassan. – Die Schlacht von Gura. – Hassan’s Flucht.
Meine Reise nach Abessinien geschah im Auftrage Sr. Maj. des Deutschen Kaisers. Der Negus Negesti hatte verschiedenemal an unsern Kaiser geschrieben, um Vermittelung bittend in seinem Streit mit Aegypten, und in der unserm Herrscher eigenthümlichen Leutseligkeit beschloss derselbe ein Antwortschreiben abzuschicken und, um dieser Höflichkeit noch mehr Ausdruck zu geben, dasselbe durch einen besondern Abgesandten überbringen zu lassen. Posten gibt es ja auch in Abessinien nicht. Und es war ja ganz natürlich, dass des Kaisers Wahl auf mich fiel, da ich ja vor Jahren schon einmal, wenn auch nur auf kurze Zeit, Abessinien besucht hatte. Ich begleitete die britische Expedition gegen König Theodor nach Abessinien. Mir kam diese Reise jedoch ganz unerwartet. Eben erst war ichvon meiner Kufra-Expedition heimgekehrt. Aber hier galt kein Zaudern, und als eines Tags der Fürst-Reichskanzler mich kommen liess und mir die Mittheilung machte, mich bereit zu halten zu einer Reise nach Abessinien, fragte ich weder nach dem Wann und Warum, sondern stellte mich sofort zur Verfügung.
Um aber den ägyptisch-abessinischen Feldzug verstehen zu können, müssen wir zurückgreifen auf die Geschichte des abessinischen Kaisers selbst, welche zugleich die Geschichte des Landes ist, soweit uns die Nachrichten über denselben vorliegen. Der Negus ist unzweifelhaft aus alter und guter Familie. Seine sämmtlichen nähern und entferntern Anverwandten haben das Prädicat Lidj, d.h. sie gehören dem höchsten Adel an. Mit der alten Kaiserfamilie dürfte kaum andere Verwandtschaft existiren als entfernt cognatische, obschon Johannes II. ebenfalls seinen Ursprung bis auf Salomo zurückführt.
Als die britische Expedition begann, war Kassai Gouverneur von Adua und Lidj-Kassai sein Titel; aber Kassai regierte als Gouverneur keineswegs über ganz Tigre, sondern nur über die nächstliegende Gegend. Tigre hatte um diese Zeit keinen Herrscher, wie denn in den letzten Jahren der Regierung Theodor’s die vollkommenste Anarchie in ganz Abessinien herrschte. Es ist daher auch nicht ganz genau, wenn im „Record of the expedition to Abyssinia“, S. 16, gesagt wird: „Im Frühling 1867 rebellirte Dejach Kassai, Statthalter des Wagshum Gobaze in Tigre gegen seinen eigenen Herrn und bemächtigte sich der Herrschaft dieser Provinz.“ Denn er war keineswegs Dedjadj. Gobesieh rebellirte übrigens ebenfalls gegen Theodor, und dass letzterer auch nicht rechtmässiger Kaiser von Abessinien war, ist bekannt. Aber Theodor besass als Gekrönter und Gesalbter den Rechtstitel auf die höchste abessinische Würde. Wagschum Gobesieh, in den letzten Jahren der RegierungTheodor’s eigentlich mächtiger als der Kaiser, denn Schoa machte sich unter dem Enkel Sahela Selassie’s, dem König Menelek, ebenfalls unabhängig, hatte den rechtmässigen Gouverneur von Tigre, Ras Bariu, schon 1863 vertrieben. Eigenthümlich genug tritt nun das Bestreben zu Tage, dass jeder Rebell, jeder Gouverneur, welcher sich unabhängig erklärt, sofort vermeint, Ansprüche erheben zu können auf die abessinische Kaiserwürde. Menelek[23]unterschreibt sich König der Könige. Gobesieh hatte die offen ausgesprochene Absicht, sich krönen zu lassen unter dem Namen Hesekias, und Kassai, eben noch Gouverneur zweiten Ranges, erklärte offen seine Anwartschaft auf die abessinische Kaiserwürde.
In der That sollte der junge Mann bald der erstaunten Welt zeigen, dass er der bedeutendste von allen um die höchste Macht Ringenden sei. Jung, kühn und berechnend, wusste Kassai jede sich ihm bietende Gelegenheit zur Befriedigung seines Ehrgeizes festzuhalten und auszunutzen. Tapfer wie Theodor, zeigte er sich als ein viel klügerer Herrscher. Was konnte ihm daher gelegener kommen als der Feldzug der Engländer 1867? Und wenn man es vom nationalen Standpunkt aus verdammen kann, dass der Fürst von Tigre, bereits 1867 Herrscher dieses Theils von Abessinien, sich mit den Feinden seines Landesverband, so muss man immer bedenken, dass die Verhältnisse Abessiniens in den letzten Jahren der Regierung des Kaisers Theodor sich derart zugespitzt hatten, dass niemand mehr wusste, wer Freund oder Feind sei. Ausserdem besitzt der Abessinier nicht das Vaterlandsgefühl, welches sich gründet auf das Bewusstsein des mit dem Lande Verwachsenseins. Fanatisch wie der Moslim, gehorcht er leider nur den Gefühlen, welche einer Religion entspringen, die sich blos um Aeusserlichkeiten dreht. Die in Abessinien lebenden Falascha, d.h. Juden, sind in den Augen der Abessinier keine Abessinier, d.h. Christen. Die Begriffe Abessinier und Christen decken sich bei ihnen. Auch die Mohammedaner – als es noch solche gab, denn seit 1880 mussten sich alle Moslemin taufen lassen – sind dadurch bloss Abessinier geworden. Für den Anthropologen sind die christlichen Abessinier, die Mohammedaner, die Falascha stets derselben Abstammung. In der Anschauung der Abessinier ist nur Abessinier, wer Christ ist.
Wenn man dies in Erwägung zieht, wird man Kassai kaum tadeln, dass er sich empörte und die Gelegenheit ergriff, sich mit den Engländern gegen die „Gottesgeisel“ Theodor zu verbünden.
Uebrigens war Kassai keineswegs der einzige abessinische Fürst, der sich den Engländern anschloss: Hailo, Gouverneur von Hamasen, bot im September dem General Merewether seine Dienste an. Wir erfahren aber aus einem Bericht dieses Generals, dass er schon im October sich Kassai unterwerfen musste, und dieser nun immer mehr seine Herrschaft über Tigre befestigte. Er nahm sogar die für unüberwindlich gehaltene Amba Zion in Tigre, wobei verschiedene Kanonen in seine Hände fielen. Der Commandant der Bergfeste übergab sie freiwillig dem aufgehenden Gestirn, und in der That konnte Kassai nunmehr den Titel Negus von Tigre annehmen.
Bald darauf, im November 1867, eröffnete Kassai brieflich mit den Engländern officielle Beziehungen. Sein Brief lautete[24]:
„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; Ein Gott. Brief, geschickt von Dedjasmadj Kassai, Anführer der Häupter von Abessinien, an den Anführer der britischen Truppen.
„Wie geht’s Ihnen? Gut?
„Durch Gottes Gnade haben wir den Thron unserer Vorfahren bestiegen, den Thron Michael’s, Ulda Salassie’s und Sabagadie’s. Wir sind alte Hausfreunde, von Consul Salt an bis auf Plowden. Ich erwartete einen Brief von Ihnen, aber da keiner kam, habe ich selbst geschrieben. Ich weiss nicht, weshalb Sie kommen. Wenn ich es wüsste, würde mir das Freude machen. Wir sind Hausfreunde. Ich sende Lidj Mircha[25], den Sohn von Atu Wurke, welcher meine Sprache und die Ihrige versteht. Ich sende Ihnen mein Herz und auch Sie, senden Sie mir Ihr Herz! Im Jahre 1860 nach Christi Geburt in der Zeit Johannes’, des Evangelisten, im Monat Hadar, am 18., Mittwochs.“
Am 21. Januar 1868 wurde dann der Gefährte Speke’s, der damalige Major Grant, nach Adua geschickt, um persönlich mit Kassai zu unterhandeln. Am 7. Februar kam Grant zurück und konnte über den schmeichelhaftesten Empfang berichten. Es liegen aus dieser Epoche zwei Briefe Kassai’s vor: an Lord Napier und General Merewether, in welchen der Prinz den Wunsch einer Zusammenkunft mit Lord Napier ausdrückt, die denn endlich auch, und sie ist denkwürdig genug, mit letztem am 25. Februarstattfand, wobei man die Vereinbarungen traf, welche der britischen Armee zum grössten Vortheil gereichten. Welches Unheil hätte in der That der Fürst von Tigre als Feind den englischen Truppen zufügen können! Die Behauptung ist nicht übertrieben, dass er die britische Expedition hätte scheitern machen können. Theodor mit Kassai verbündet! Dann hätte Lord Napier letztern erst unschädlich machen müssen!
Kassai lag natürlich vor allem daran, als Negus Negesti von Lord Napier anerkannt zu werden[26]und letztern zu bewegen, ihn unter allen Umständen gegen seinen mächtigen Rivalen Wagschum Gobesieh zu schützen. Dies konnte indess Lord Napier auf keinen Fall versprechen! Aber nichtsdestoweniger kam ein vorteilhafter Vertrag zu Stande. Kassai garantirte dem englischen Befehlshaber absolute Neutralität, versprach, wöchentlich 60000 Pfund Weizen und Gerste zu liefern, den Telegraphen zu respectiren u.s.w. Es war daher auch nicht zu viel gesagt, wenn es im englischen Rapport hiess: „Kassai’s Freundschaft war von grösster Wichtigkeit“.
Im Verlaufe der britischen, mit so staunenswerther Geschwindigkeit zu Ende geführten Expedition begegnen wir dem Fürsten von Tigre erst wieder beim Abzuge der britischen Truppen. Seinem Versprechen, Prinz Kassai zu belohnen, falls er den Engländern freien Durchgang durch Tigre gewähre, kam Lord Napier in wahrhaft königlicher Weise nach.
Kassai erhielt an Waffen die alten Gewehre vom 3. und 25. Regiment der Eingeborenen, sechs Mörser, sechs Haubitzen, 725 Musketen, 130 Flinten, eine grosse Quantität Munition, Pferde- und Artilleriegeschirr. Ferner Lebensmittel, Kleidungsstücke und Geräthschaften aller Art, kurz alles das,was für den Feldzug der britischen Truppen berechnet gewesen und jetzt überflüssig geworden war. Kassai hatte an Lebensmitteln auf Jahre hinaus Vorrath, und darunter fehlten selbst feinere Sachen nicht, wie Porterbier (230 Gallonen), Zucker centnerweise, Mixed pickles u.s.w.
So ausgerüstet, konnte er es allerdings unternehmen, gegen seine Gegner mit Zuversicht ins Feld zu ziehen. Es kamen ja eigentlich auch nur Gobesieh von Lasta und Menelek von Schoa in Betracht. Letzterer verhielt sich vollkommen ruhig, nur suchte er sich mehr und mehr in seinem eigenen Königreich Schoa zu befestigen, und wie sein grosser Vorfahr öffnete er sein Land bereitwilligst den Europäern, wovon namentlich die Italiener, sowie protestantische Missionare und katholische Bischöfe profitirten. Zwischen Gobesieh und Kassai entbrannte aber gleich der Kampf, der es nach verschiedenen Scharmützeln 1871 zur Entscheidung brachte. Gobesieh, der über eine viel grössere Armee verfügte – die Engländer geben an, dass ihm zur Zeit ihrer Anwesenheit über 60000 Krieger zu Gebote standen – hatte keine so guten Waffen wie Kassai. Aber tapfer und unternehmend, war er nach Adua gezogen, um Kassai bei und in seiner eigenen Hauptstadt anzugreifen.
Am 14. Juli 1871 standen sich die beiden Armeen nicht weit von Adua, der Hauptstadt von Tigre, gegenüber.[27]„Man kann heute noch die Knochen dort bleichen sehen“, sagt Raffray, welcher 1873 Abessinien besuchte; „westlich von Adua, auf dem Wege nach Axum liegt ein Hügel, der sich an die Berge lehnt. Auf der Seite dieser Berge stellte Kassai seine kleine Armee auf, ungefähr 12000 Mann stark, während die 60000 Mann Gobesieh’s die Ebene einnahmen, welche aus einem Wald von Spiessen zu bestehen schien. Endlich ertönte allerorts Gewehrfeuer. Aber die stockwerkweise übereinander aufgestellten Soldaten Kassai’s konnten alle zu gleicher Zeit schiessen, während aus der Armee Gobesieh’s nur die erste Reihe Gebrauch von den Feuerwaffen machen konnte. Kassai zeichnete sich durch grosse Tapferkeit aus. Mit einem Knie auf dem Boden, zielte er auf seine Feinde, unbeweglich und unbekümmert um die Gefahr, und jede Kugel brachte dem Gegner den Tod. Gobesieh, der seine Leute dadurch decimirt sah, wollte selbst den Hügel erstürmen, aber sein von einer Kugel getroffenes Pferd überschlug sich und stürzte mit ihm zu Boden. Jetzt brachen die Tigrenser hervor, und Gobesieh wurde gefangen genommen. Der Schatz und die Papiere Gobesieh’s fielen in Kassai’s Hände.“
Raffray sagt ferner: „Der Gebrauch des Landes erheischte es, Gobesieh die Augen aus dem Kopfe springen zu lassen und zwar dadurch, dass man die Ohren mit Pulver vollstopfte und sodann den Schädel durch Explosion sprengte. Kassai wandelte jedoch die Strafe um: man blendete Gobesieh einfach die Augen durch ein im Feuer geröthetes Eisen. Man legte ihm sodann silberne Ketten an und sperrte ihn auf Amba Salama ein, wo er bald darauf gestorben sein soll.“
Nach einem solchen Siege konnte Kassai daran denken, sich krönen zu lassen. In der That geschah das etwa ein halbes Jahr später, am 21. Januar 1872, in der alten Kaiserstadt Axum. Dr. Wilhelm Schimper, der zu der Zeit noch lebte, wohnte derselben bei und hat uns darüber in der „Zeitschrift für Erdkunde“, 1872, S. 270, berichtet: „Dieselbe wurde durch einen aus Aegypten verschriebenen koptischen Bischof[28]vollzogen und nahm Kassai nun den Namen Johannes an. Einige 1871 nach Abessinien gekommeneitalienische Arbeiter, namentlich die Gebrüder Naretti[29], hatten für den Kaiser – Negussa Negesti, König der Könige, lässt sich der Kürze halber durch Kaiser wiedergeben – ein sehr prächtiges Throngestell nebst Sessel angefertigt. Da letzteres aber nicht lang genug war, um bequem darauf liegen zu können, so liess Kassai an dessen Stelle eine Art Bett herrichten.“ Die weitern Ausführungen Dr. Schimper’s seien hier übergangen, wie es denn auch absolut unmöglich ist, dass, wie Schimper berichtet, acht Tage nach der Krönung ein Priester in Axum den Kaiser und den Abuna in den Bann gethan hätte. Schimper war überhaupt sehr schlecht auf den jetzigen Kaiser zu sprechen, und die üble Behandlung seiner Tochter[30]konnte die Beziehungen nicht verbessern. Leider sind aber überhaupt die Berichte dieses sonst so ausgezeichneten Forschers keineswegs unparteiisch und vollkommen wahr, wie denn selbst der junge Schimper, der Sohn des berühmten Gelehrten, oft genug die Unzuverlässigkeit und den grossen Leichtsinn seines Vaters bis in dessen spätestes Greisenalter hinein beklagte.[31]
Kassai hätte jetzt mit Ruhe an die Befestigung seiner Herrschaft in Abessinien denken können, wenn ihm nicht, und zwar schon im Jahre seiner Krönung, ein äusserer Feind in Werner Munzinger entstanden wäre.
Munzinger hat zu tief in die Geschichte und die staatliche Geographie Abessiniens eingegriffen, als dass nicht ein Wort über ihn hier am Platze wäre.
Munzinger hatte den britischen Feldzug in Abessinien mitgemacht. Französischer und englischer Consul zugleich, war er officiell nach der britischen Campagne nur noch französischer Consul in Massaua. England hielt es für unnütz, in Abessinien einen Vertreter zu unterhalten, da es glaubte, für lange Zeit in diesem Lande vollkommen aufgeräumt zu haben. „Dieses Land hat durchaus kein Interesse für Grossbritannien“, äusserte Lord Napier, „unsere Kaufleute wollen von commerziellen Beziehungen mit Abessinien nichts wissen.“ Aber Frankreich, schon blos der Thätigkeit seiner Missionare wegen, musste dort einen Consul haben. Trotzdem die Herrscher Abessiniens so und so oft in nicht miszuverstehender Weise den französischen Repräsentanten ihr Misfallen zu verstehen gaben[32], kommen sie immer wieder, zum Theil aus religiösen Gründen, auf ihre vermeintliche Unentbehrlichkeit zurück. „Nous sommes tellement aimés par ces peuples“, sagen sie, gerade wie sie es sich stets in Beziehung auf ihre Unterthanen in Südalgerien einbilden, und merken dabei nie, dass man ihnen empfiehlt, sie möchten die Thür von aussen zumachen. Munzinger war französischer Consul 1869–71, obschon kein einziger französischer Unterthan seinen Schutz beanspruchte.
Die britische Expedition hatte aber die Aufmerksamkeit des Chedive auf ihn gelenkt. Ismaël war ein weitschauender Mann. Mag man noch so sehr gegen ihn sprechen, die Geschichte wird ihm einst Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sein Unglück, seine Entthronung wurde hauptsächlich durch europäische Speculanten und Schwindler herbeigeführt. Besonders französische Abenteurer, welche zu Hause kein Brot hatten, überschwemmten das Land, und die unglaublichsten Dinge kamen vor, welche den Chedive Ismaël in den Bankrott trieben.
Und mag man nun über Munzinger[33], welcher den Chedive zu den unglücklichen Feldzügen gegen Abessinien zu verleiten wusste, urtheilen wie man will: die Meinung kann man ihm nicht ersparen, dass alle seine Beweggründe sich auf maasslosen persönlichen Ehrgeiz zurückführen lassen. Keineswegs sollen hiermit auch nur irgendwie die grossen wissenschaftlichen Verdienste Munzinger’s um die Erforschung Afrikas in Schatten gestellt werden. Seine „Ostafrikanischen Studien“ und besonders viele gelehrte Abhandlungen in den Petermann’schen „Mittheilungen“ werden stets ein glänzendes Zeugniss seines Wissens und seiner vorzüglichen Beobachtungsgabe bleiben. Von Geburt Schweizer, war in seinem Denken und gründlichem Wissen der so früh Dahingeschiedene ein Deutscher. Auch die politisch-administrativen Talente Munzinger’s wollen wir nicht in Abrede stellen. Im britischen Feldzuge gegen Theodor lagen oft die politischen Fäden mit den eingeborenen äthiopischen Fürsten ausschliesslich in der Hand Munzinger’s. Noch weniger soll irgendwie sein Charakter als Privatmann verdunkelt werden: ich selbst habe während der britischen Expedition und mit mir unsere Landsleute, Graf Seckendorf und Herr Stumm, zu oft Beweise seiner Güte und seiner Liebenswürdigkeit erhalten. Auch die zuerst von ägyptischen Beamten gegen ihn erhobenen Vorwürfe wegen übertriebener Grausamkeiten glaube ich zurückweisen zu müssen, denn Munzinger, ein zu guter Kenner der Eingeborenen und ihrer Verhältnisse, wusste zu gut, dass im dortigen Lande ein Regieren mit Phrasen und philanthropischen Redensarten unmöglich ist.
Aber blos aus persönlichem Ehrgeiz Tausende von Menschen in den Tod stürzen, ganze Provinzen auf Jahre hinaus unglücklich machen, kann das gutgeheissen werden? Konnte denn überhaupt schon die ägyptische Civilisation, ich meine die, welche sich in den sudanischen Provinzen dieses grossen Reichs breitmacht, würdiger auftreten und menschenbeglückender arbeiten, als dies unter den bestehenden Verhältnissen der Fall war? Und hatte nicht Munzinger schon 1871 den ausgesprochenen Wunsch, anstatt chedivialischer Gouverneur von Ostsudan, abessinischer Vicekönig zu werden? Es könnte eine solche Behauptung übertrieben erscheinen, aber für Munzinger galt es als nicht unausführbar. Der Chedive stand damals im Zenith seiner Macht. Wenn er auch verpasst hatte, im richtigen Augenblick sich unabhängig zu erklären, so hatte er doch eben erst bei Eröffnung des Sueskanals die Repräsentanten der mächtigsten Staaten Europas als Gäste im Lande der Pharaonen bewirthet und im Süden grosse, unbegrenzte Gebiete und Länder seinem Reiche einverleibt.Einen Theil davon beherrschte Munzinger und zwar durchaus unabhängig, Herr über Leben und Tod. Man wird es verstehen, dass ein solcher, mit solcher Machtvollkommenheit ausgestatteter Mann nach dem höchsten Ziele streben konnte. Vielleicht nährte Munzinger auch im Innersten seines Busens den Plan, nach der obwol mit ägyptischer Hülfe vollendeten Besiegung und Unterjochung Abessiniens sich von Aegypten ganz unabhängig zu machen. Munzinger war vollkommen der tigrischen Sprache mächtig; er verstand es, sich der Denkungsweise, den Anschauungen und Sitten der Abessinier durchaus anzubequemen; er war verheirathet mit einer Abessinierin und hatte durch Bekanntschaft und Verwandtschaft mit mächtigen eingeborenen Familien durchs ganze äthiopische Land enge Beziehungen.
Im Sommer 1872 nahm Munzinger die beiden abessinischen Provinzen Bogos und Halhal für Aegypten in Besitz[34], und zur Belohnung dafür wurde er vom Chedive im selben Jahre[35]mit der Würde und dem Titel eines Pascha belehnt. Im Herbst 1873 legte Munzinger dem Chedive seinen Plan vor, ganz Abessinien zu erobern. Munzinger glaubte fest an das Gelingen seines Unternehmens: Bogos u.s.w. hatte er ja mit leichter Mühe unterworfen, und für Aegypten waren diese nördlichen Gebiete insofern von grosser Wichtigkeit, als man nun eine ununterbrochene Strasse, eine beständige Verbindung herstellen konnte zwischen Kassala, Gedaref und Massaua. Bislang musste man, wollte man nicht einen grossen Umweg machen oder den Weg über Suakin einschlagen, über abessinisches Gebiet reisen. Eine Telegraphenlinie wurde sogleich errichtet undSenhit als Festung angelegt. Munzinger entfaltete die grösste Energie und Thätigkeit, um den leicht gewonnenen Besitz dem Chedive zu sichern. Der Negus, denn Kassai hatte sich mittlerweile schon zum Kaiser krönen lassen, musste, Wuth und Grimm im Herzen, dem Vorgehen Munzinger’s, der Einverleibung des nördlichen Theils von Abessinien in Aegypten zuschauen, da ihm ein neuer mächtiger Feind mitten in Aethiopien entstanden war. Nach der Unschädlichmachung Gobesieh’s empörte sich Ras Adal, Herrscher von Godjam. Johannes war vollkommen ohnmächtig, er konnte Munzinger keinen einzigen Soldaten entgegenstellen.
Wenn man nun bedenkt, wie Munzinger, einer der rührigsten Theilnehmer der englischen Expedition, noch ganz unter dem Eindruck der Leichtigkeit des britischen Erfolgs stehen musste, so wird man es vollkommen begreiflich finden, dass er fest vom Gelingen seiner Pläne überzeugt war. Und jetzt hatte er ja selbst schon einen Erfolg aufzuweisen und zwar einen sehr bedeutenden.
Trotz seines Erfolgs stand aber Munzinger nicht fest im Vertrauen des Chedive. Mochte von seinen Plänen einiges lautbar geworden sein, mochte man ihm seinen Erfolg neiden, oder verstand er es nicht, auf orientalische Weise zu kriechen – als man 1875 den Feldzug unternahm, war Munzinger nicht mehr Gouverneur, sondern Arakel Bei hatte ihn ersetzt.
Der von Aegypten in Scene gesetzte Feldzug wurde mit grösster Heimlichkeit ausgeführt. Wie viele Truppen man 1875 einrücken liess, lässt sich nicht bestimmen. Auf dem Kriegsministerium in Kairo wird man es auch nicht wissen. Nach den entsetzlichen Niederlagen liegt erst recht kein Grund vor, der Mitwelt bekannt zu geben, wie gross der Verlust gewesen.
Das Obercommando hatte man Arakel Bei, einem NeffenNubar Pascha’s, übertragen, einem talentvollen, tüchtigen Manne, aber von Haus aus keineswegs gelernten Soldaten. Darauf kommt es ja auch in der Türkei und Aegypten nicht an. Die eigentliche höchste militärische Spitze war aber Arendrup Bei, dänischer Oberst a. D., wie denn überhaupt in der ägyptischen Armee viele europäische und namentlich auch amerikanische Offiziere dienten, letztere besonders aus der secessionistischen Armee. Der Ausgangspunkt war Massaua, und für die vollendete Expedition Senhit. Nach den Aussagen der Abessinier rückten die Aegypter mit 7000 Mann ein, wie jedoch letztere behaupten, nur mit drei Bataillonen. Es ist aber kaum glaublich, dass man mit einer so geringen Zahl die Eroberung Aduas unternommen hätte. Denn die Unterwerfung Tigres war das Nächste, was man wollte.
Die ägyptische Armee bewegte sich in kleinen Tagemärschen geradewegs südlich, und da sie sich auf dem Höhenzuge vom rechten Mareb-Ufer hielt, konnte sie ohne zu grosse Naturhindernisse vorwärts kommen. Ausgerüstet war dieselbe mit vorzüglichen Waffen neuester Construction. Die Soldaten hatten Remington-Gewehre, die Artillerie bestand aus Hinterlader-Kanonen. Bekleidung, Verpflegung, Ausrüstung – nichts mangelte in dieser Beziehung. Die Offiziere waren viel luxuriöser versorgt als damals die englischen während ihres Feldzugs in Abessinien. Aber es fehlte viel, was zu einem Gelingen berechtigte. Niemand kannte das Land, die allergewöhnlichsten Vorsichtsmaassregeln, welche beim Vorrücken in einem feindlichen Lande so nothwendig sind, liess man ausser Acht, strategischer Blick scheint keinem der höhern Offiziere eigen gewesen zu sein, und man hätte nicht vergessen sollen, dass die Taktik in einem Lande wie Abessinien, und einem Volke wie den Abessiniern gegenüber, eine ganz andere sein muss als in Europa, und wiederum eine andere, als man sie fastwehrlosen centralafrikanischen Negerstämmen gegenüber ausübte.
Mittlerweile bezwang Negus Johann seinen Gegner Ras Adal. Bedeutend besserer Politiker als Theodor, sein Vorgänger, bestätigte er Ras Adal nicht nur in seiner Regentschaft, sondern verpflichtete ihn auch grossmüthig durch Ueberlassung von Waffen und Munition. Er befand sich bei der Kunde vom Anmarsch der ägyptischen Armee in Enderta[36]und zog nun in Eilmärschen mit seinem ganzen Heere den Aegyptern entgegen. Anfangs – nach eigener Erzählung des Kaisers Johann – hatte er die Absicht, die feindliche Armee hinter dem Mareb zu erwarten. Der Mareb, welcher bis ca. 14° 80′ einen vollkommen südlichen Lauf nimmt, biegt dann ziemlich plötzlich nach Westen um und bildet so die Grenze des eigentlichen Tigre. Mitte November stand Johannes mit seinen Abessiniern schon am Mareb. Die Armee mochte 50000 Streiter zählen. Genau weiss der Kaiser von Abessinien nie, wie viele Soldaten ihm zur Verfügung stehen, da schriftliche Listen u.s.w. unbekannt sind. Die Abessinier hatten sechs Geschütze bei sich, waren aber im übrigen schlecht bewaffnet. Man wird sich erinnern, dass ihnen Lord Napier nur alte Waffen überliess.
Schon am 15. November 1875 kam es zwischen den Aegyptern, von denen einige kleine Abtheilungen sich bis zum Mareb vorgewagt hatten, und Vorläufern der abessinischen Armee zu Plänkeleien. Der Negus, von allen Vorgängen der ägyptischen Armee, von jeder noch so geringfügigen Bewegung derselben aufs genaueste durch dieLandleute unterrichtet, beschloss nun, mit der Armee vorzurücken. Unglücklicherweise war aber Arakel Bei gar nicht von den Unternehmungen der Abessinier unterrichtet, sondern im Gegentheil durch falsche Nachrichten irregeführt. So wusste er gar nicht einmal, dass er sich dem Negus und der Hauptarmee der Abessinier gegenüber befand, sondern glaubte, er habe es nur mit Banden zu thun. Unbegreiflicherweise begann er bei Mai Scheko den Abstieg, welcher von fast senkrechten Wänden zwischen Basaltsäulen hindurch beginnt und zu einem der schwierigsten in Nordabessinien gehört. Weshalb man überhaupt mit einer Armee diesen Weg nach Adua wählte, der freilich von Senhit aus der kürzeste, aber der schwierigste war, ist unerfindlich.
Zur selben Zeit begann aber der Negus den Aufmarsch. Während er selbst auf andern Wegen und ohne Gepäck mit einer Abtheilung seiner Armee das Ufer von Mai-Tsade bestieg, schickte er einen seiner besten Generale, den Ras Alula, auf die Anhöhen von Gundet. In Adirbate stand die Reserve, welche einen etwaigen Durchbruch nach Süden verhindern sollte. Die Strasse nach Godofelassie hatte man offen gelassen. Auf diese zu, sobald die Hauptarmee der Aegypter im Thale von Gudda-Guddi angekommen war, bewegten sich concentrisch der Negus und Ras Alula. Am 17. November waren die Aegypter schon verloren. Sie befanden sich wie in einer Mausefalle. Jede Disciplin hatte aufgehört. Einzelne Abtheilungen versuchten zwar, bis zum Mareb vorzudringen, wurden aber aus den Wäldern von unsichtbaren Feinden erschossen. Auf die Anhöhe zurückzukehren war vollkommen unmöglich. Ich habe selbst diesen Weg genommen und kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass der Aufstieg ein wahnsinniges Unternehmen gewesen wäre.
S. 56.SCHLACHT BEI GUDDA-GUDDI.Das Original, 4 Meter lang, 80 Centimeter hoch, Geschenk des Negus Negesti und in Abessinien gemalt, befindet sich im Besitz des Verfassers.Der untere Theil schliesst sich an den obern rechts an. Die Abessinier sind stetsen face, die Aegypteren profildargestellt.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
S. 56.
SCHLACHT BEI GUDDA-GUDDI.
Das Original, 4 Meter lang, 80 Centimeter hoch, Geschenk des Negus Negesti und in Abessinien gemalt, befindet sich im Besitz des Verfassers.
Der untere Theil schliesst sich an den obern rechts an. Die Abessinier sind stetsen face, die Aegypteren profildargestellt.
❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Gudda-Guddi ist ein schmales Thal; es heisst auch Gundet, nach den auf der linken Bergseite des Thals gelegenen Dörfern. Gudda-Guddi speciell sind einige Wasserlöcher oder Quellen, in deren Besitz sich die Aegypter gesetzt hatten. Unter fortwährendem Schiessen seitens der Abessinier, welche von den Anhöhen herab auf die Aegypter feuerten, ohne dass diese das Feuer zu erwidern vermochten, zogen sich die letzten Truppen unter Oberst Arendrup zwischen dicht bei den Quellen liegende Granitblöcke zurück und suchten sich hier zu befestigen. Die Blöcke sind haushoch, liegen dicht zerstreut beieinander und hätten mit ihren senkrechten Wänden, wenn man Zeit gehabt hätte, die Lücken zwischen den Blöcken zu schliessen, eine gute Redoute abgegeben. Aber diese Zeit mangelte. Sobald der Kaiser von oben her wahrnahm, dass dieses Häuflein – von Arendrup hatte noch ca. 4–500 Mann – sich den mörderischen Kugeln zu entziehen versuchte, stürzte er nach. Was vermochten die paar hundert gegen Tausende fanatisirter beutelustiger Krieger! Wirkte jetzt auch manche ägyptische Kugel verderbenbringend, denn bei dieser letzten Action fielen einige hundert Abessinier, am Ende musste man der Uebermacht weichen. Am 18. November lebte kein kampffähiger Aegypter mehr. Das Abschlachten des Arendrup’schen Häufleins begann um 9 Uhr morgens, um 3 Uhr nachmittags war alles vorbei. Von den Höhen hatte ein Bataillon Aegypter, welches bei Mai Scheka aufgestellt gewesen war, der Tödtung seiner Kameraden, ohne helfen zu können, zusehen müssen. Als sie sich anschicken wollten, herabzusteigen, rückten die abessinischen Truppen heran, und in wilder Flucht mussten sie sich zurückziehen. Viele von ihnen wurden noch, ehe sie die sichern Mauern von Senhit erreichten, unterwegs ermordet, denn nicht nur die Soldaten verfolgten sie, sondern auch die abessinische Landbevölkerung schlug jeden Aegypter todt, wo sie ihn fand.
Am 18. November 1875 hatte das Schlachten aufgehört.Alle Aegypter, mit Ausnahme des Bataillons, welches nicht in den Abgrund von Gudda-Guddi hinabstieg, waren getödtet. Man liess allerdings viele lebendig auf dem Schlachtfeld liegen, aber als – Entmannte! Einige derselben pflegte man sorgfältig, aber nur damit sie im Stande wären, die Kunde dieser grauenvollen Niederlage nach Massaua und Senhit zu bringen. Alle übrigen waren niedergemetzelt worden. Einen österreichischen Grafen Zichy, welcher auch in der ägyptischen Armee diente, fand man als Schwerverwundeten zwei Tage nach der Schlacht und verpflegte ihn auf Verwendung des französischen Viceconsuls in Massaua, Mr. de Sarzec. Auch er starb, und nur auf wiederholtes Bitten des Consuls gestattete der Negus ein christliches Begräbniss in Aderbati.
Die Niederlage war so gross und empfindlich für die Aegypter gewesen, dass die Localbehörden darüber gar nicht nach Kairo zu berichten wagten. Man sagte einfach, man habe die Schlacht verloren, aber man verschwieg die grauenhaften Umstände, unter denen das Abmorden vor sich ging.
Die ägyptische Regierung hatte Munzinger, der, wie wir früher gesehen, von Massaua entfernt worden war, nach Berbera geschickt, um die Küste von Seila bis Cap Gardafui in Beschlag zu nehmen. Diese bis dahin unabhängig gewesene Küste wurde nun mit einem mal unter Munzinger und auf dessen Anregung ägyptisch. Aber nicht nur an der Küste, sondern auch im Innern wusste der Chedive seine Macht zu begründen, indem er 1875 die bedeutende Oase Harar seinem Reiche einverleibte. Munzinger rastete keinen Augenblick. Er hatte mit Negus Menelek von Schoa ein Bündniss abgeschlossen, und es war ausgemacht worden, dass, während Arakel Bei vom Norden her den Negus Negesti angriffe, Munzinger vom Süden her mit dem Negus Menelek einen Einfall in Abessinien unternehmen sollte.Dass dieser kein Freund von Johannes war, dass er selbst nach der Würde der äthiopischen Kaiserkrone strebte, haben wir eingangs dieses Kapitels erfahren. Allerdings hätte dieses Unternehmen von zwei Seiten her für den jetzigen Kaiser von Abessinien bedenklich werden können. Aber Munzinger ging zu sorglos vor, er war kein Soldat, er unterschätzte offenbar die Eingeborenen, indem er sich auf seine gelegentlich des englischen Feldzugs gemachten Erfahrungen verliess. Von Tadjura im Herbst 1875 aufbrechend, an der Spitze einiger hundert Soldaten, hätte er wol mit dieser vorzüglich ausgerüsteten Truppe Schoa erreichen können, wenn dies stets unter militärischen Vorsichtsmaassregeln geschehen wäre; aber als er nachts bei Aussa lagerte und sämmtliche Wachen vor Ermüdung und Hunger dienstuntüchtig waren, überfielen ihn Galla. „Der Kampf dauerte bis 8 Uhr morgens; 175 ägyptische Leichen und 500 todte Galla bedeckten die Walstatt. Munzinger, welcher sich mit seiner Frau mitten im Lager, in seinem Zelt befand, wurde nicht ermordet, sondern er fiel kämpfend, sich vertheidigend, nachdem er selbst mit einem Gewehrschuss und zwei Revolverschüssen drei der anstürmenden Galla niedergestreckt hatte. Er erhielt einen Säbelhieb auf den Kopf, ein zweiter zerschmetterte ihm den linken Schulterknochen; ferner erhielt er noch fünf Lanzenstiche, aber er starb erst um 12 Uhr mittags. Es war eine vollständige Verwirrung und ein furchtbares Gemetzel. In wilder Flucht retteten sich die wenigen überlebenden Aegypter nach der Küste zurück, und auf der Flucht starben von ihnen noch ungefähr funfzig.“[37]So endete auch dieses Unternehmen für Aegypten sehr unglücklich, aber keineswegs konnte das den Chedive von weitern Unternehmungen gegen Abessinien abschrecken. Vielleicht jedoch hatte man ihm dieses Unglückin seiner ganzen Grösse nicht gemeldet, sondern einfach gesagt, Munzinger sei ermordet. Die Wissenschaft erlitt aber durch den Tod Munzinger’s einen schweren Verlust, denn neben seinen ehrgeizigen Unternehmungen fand er noch stets Zeit zu ethnographischen und linguistischen Studien.
Die nun geplante Expedition, zu welcher allerdings auch jetzt nicht der mindeste Grund vorlag, wurde mit grosser Sorgfalt ausgerüstet. Zum Oberstcommandirenden ernannte der Chedive seinen Sohn Hassan.
Prinz Hassan, dritter Sohn des Chedive, war 1873 nach Berlin geschickt worden, um sich militärisch auszubilden. Den Dragonern zugetheilt, that er Lieutenantsdienst bei dieser Waffe und wurde, als er nach etwa zweijährigem Dienste Abschied nahm, mit dem titulären Majorscharakter vom Kaiser entlassen. Nun soll gewiss nicht bestritten werden, dass ein deutscher Major ebenso viel vom Kriegshandwerk versteht wie ein türkischer oder ägyptischer General; aber bei der Jugend des Prinzen war es doch ein wenig gewagt, ihn gleich an die Spitze einer Armee zu stellen. In Deutschland würde man dies nicht gethan haben. Mit seiner Truppe holte sich dann Prinz Hassan im russisch-türkischen Feldzug auch keinen Lorber. Aber Vorwürfe kann man ihm auch nicht machen. Und nun sollte er gar nach Abessinien!
Diesmal wurden 25 Bataillone nach Massaua geschickt, eine ungeheuere Menge Kriegsmaterial mit verladen und nach sorgfältig angestellten Terrainstudien eine ganz andere Route gewählt, welche zwar anfangs grössere Schwierigkeiten bot, aber directer auf Massaua zurückführte und eine kürzere und mehr sichere Linie auf der Basis bildete. Man ging von Massaua direct in den Bergfalten nach Gura, wo man alsbald ein regelrecht befestigtes Werk errichtete, welches 15000 Soldaten aufzunehmen vermochte.
Im Februar brach die Armee von Massaua auf, undder Aufmarsch wurde ohne Verlust bewerkstelligt. Die ägyptische Regierung hatte von Kairo ganz neue Truppen geschickt und ohne Aufenthalt über Massaua weiter befördert, damit sie durch Erzählungen einiger von Gudda-Guddi entronnenen Entmannten nicht entmuthigt würden. Dennoch ging man nicht siegestrunken in den Kampf. Gerüchte von der Grausamkeit der Abessinier, namentlich die Gewissheit, dass die Abessinier keine Gefangenen machten, sondern jeden, der in ihre Hände gerieth, abzuschlachten pflegten, erweckten ein gewisses unheimliches Gefühl. Und wofür sollten denn auch die Aegypter sich begeistern? Was konnte dem ägyptischen Soldaten im besten Falle geboten werden? Ruhm? Kaum! Denn wer erfuhr von ihrem etwaigen Siege über die Abessinier? Schätze? Die Abessinier hatten und haben ja nichts. Das ganze Eigenthum des abessinischen Soldaten besteht nur in seiner Waffe von zweifelhafter Güte, in seiner schlechten, schmuzstrotzenden Schama.[38]Länderbesitz? Was ging es den Soldaten an, dass der Chedive noch so und so viele Quadratkilometer seinen weiten Besitzungen hinzufügen wollte? Fanatismus? Die ägyptischen Soldaten haben von Natur aus keinen Religionshass, und namentlich die schwarzen Kinder Sudans versuchten während der grässlichen Niederlagen bei Gudda-Guddi und Gura oft genug, das Herz ihrer Feinde zu rühren, indem sie sich bereit erklärten, auf der Stelle zum Christenthum überzutreten, falls man sie nicht entmanne, falls man ihnen nur das Leben lasse.
Mit aller Anstrengung arbeiteten die Aegypter, ihr Werk sturmfest und für die Abessinier uneinnehmbar zu machen, was ihnen in kurzer Zeit gelang.
Aber auch der Kaiser von Abessinien war nicht unthätig gewesen. Boten, welche das Land durchzogen, die Priester in den Kirchen riefen und predigten zum Kampf für das Vaterland gegen die ungläubigen Mohammedaner. Durch Herolde liess der Kaiser verkünden, es gelte, die Frauen und Töchter zu schützen, welche die Aegypter in ihre Harems schleppen wollten; Männer und Jünglinge sollten zum Schwert greifen, um die Bibel gegen den Koran zu vertheidigen. Und alle folgten dem Rufe. Auch der mächtige Ras Adal kam mit seiner ganzen Armee. Ganz Abessinien erhob sich, die Gefahr hatte alle geeinigt. Selbst Menelek von Schoa, der doch eben erst ein Bündniss mit Aegypten abgeschlossen, wagte nicht, sich der allgemeinen Strömung entgegenzusetzen, und wenn er auch nicht selbst kam, so schickte er doch Truppen, Geld und Vorräthe. Der Chedive hätte dem Kaiser Johann keinen grössern Gefallen thun können als mit diesem zweiten, ohne Ursache, ohne jeglichen Grund unternommenen Einfall. Zum ersten mal, seit Hunderten von Jahren, stand das Aethiopische Reich geeint da, einem einzigen Führer, dem Negus Negesti gehorchend.
Der Negus verfügte über ca. 200000 Bewaffnete: in der That eine Achtung gebietende Macht, wenn man bedenkt, dass Abessinien kaum 1,500000 Einwohner haben dürfte; dass das Land keine Wege und Stege besitzt; dass die Verbindungen sehr schwierig, oft durch reissend und tief gewordene Ströme ganz unmöglich geworden sind. Und in kurzer Zeit geschah die Zusammenbringung so vieler Krieger! An Geschützen besass Johannes etwa ein Dutzend, mit Gewehren Bewaffnete etwa 10000, alle übrigen hatten nur Lanzen[39], Schwerter und Schilde. An Pferden (Cavalerie) standen dem Kaiser höchstens einige hundert zu Gebote.So vorzüglich die abessinischen Pferde und namentlich so billig sie sind, so gibt es doch keine eigentliche Cavalerie. Dem gegenüber standen 20000 mit Remington bewaffnete, aufs vorzüglichste ausgerüstete und eingeübte[40]ägyptische Soldaten. 24 Geschütze vertheidigten das Fort von Gura, es war natürlich Feldartillerie. Cavalerie hatten die Aegypter nicht mit heraufgebracht. In dieser Beziehung also standen beide Armeen sich gleich.
Aber die Abessinier waren elektrisirt durch den Gedanken an die Vertheidigung ihres Vaterlandes, ihrer Frauen, ihrer Kinder, und fanatisirt durch die Aussicht, gegen die Ungläubigen kämpfen, für die christliche Religion sterben zu können.
Die Truppen lagen sich eine Zeit lang unthätig gegenüber, nur hin und wieder fanden kleine Scharmützel statt, welche bald mit dem Siege der einen, bald mit dem der andern Partei endeten. Und die Sache hätte für die Abessinier sehr schlimm werden können, wenn die Aegypter ruhig und defensiv in ihrem Fort geblieben wären. Die Einnahme desselben durch Sturm war einfach unmöglich.
Da geschah das Unglaubliche, dass Prinz Hassan am 7. März die Truppen ausrücken und angreifen liess. Der blutigste Kampf entspann sich, ein Kampf, wie er wol nie in Abessinien ausgefochten ward. Solche Feinde hatten sich nie gegenübergestanden. Selbst die Schlachten zur Zeit der Portugiesen und des Sultans Mohammed Granje waren nichts dagegen. Die Aegypter, abgedrängt von der Festung, von der kolossalen Uebermacht fast erdrückt, kämpften wie Verzweifelte. Die Aussicht, entmannt und getödtet zu werden, machte sie tapfer. Sie wussten, es galt siegen oder sterben. Aber immer mehr schmolzen die Aegypter zum Häuflein zusammen. Zwanzig Bataillonewaren bis abends niedergemetzelt, und wenn die Abessinier auch den doppelten Verlust erlitten: sie konnten stets die empfindlichen Lücken, welche das Schnellfeuer der Aegypter in ihren Reihen anrichtete, wieder ausfüllen. Der Prinz Hassan war überall. Tapfer focht er wie ein gemeiner Soldat, zwei Pferde wurden ihm nacheinander unter dem Leibe erschossen. Ebenso aber wusste der Kaiser von Abessinien durch sein persönliches Eingreifen seine Leute zu entflammen. Zuletzt nur noch ein Morden und Schlachten, denn nachmittags war man handgemein geworden. Die Abessinier sowol wie die vom Fort abgedrängten Aegypter hatten sich verschossen. Beiden Theilen fehlte die Munition.
Endlich gegen Abend gelang es Prinz Hassan, mit einigen Bataillonen trotz der Terrainschwierigkeit das Fort wiederzugewinnen. Die Abessinier aber drängten nach. Welche Nachlässigkeit! Der Festungscommandant, der es versäumte, gleich mit Kartätschen dareinzuschiessen, auch auf die Gefahr hin, 50–100 Aegypter mit tödten zu müssen, um durch Schnell- und Massenfeuer den Abessiniern den Eingang zu verwehren!
Kaum gelang es dem Prinzen Hassan, mit einigen hundert Mann sich in einen im Fort befindlichen Reduit zu flüchten. Hier befand er sich vorläufig in Sicherheit, hier hatte er noch einige Geschütze, Waffen, Munition, Lebensmittel, nur kein Wasser. Aber es war Nacht geworden, und so konnte er nicht verhindern, dass man alle übrigen Truppen abschlachtete, dass die Kanonen des Forts, die Lebensmittel, die Munition in die Hände der Sieger fielen. Ungefähr 50000 Menschen bedeckten das Schlachtfeld, einige leicht, einige schwer verwundet. Alle Lebenden wurden entmannt. Die Todten waren glücklicherweise die Mehrzahl. Der Kaiser von Abessinien hatte am 7. März 1876 den vollkommensten Sieg erfochten und eine der grössten Schlachten geschlagen, die je in Abessinien stattfanden.
Prinz Hassan fing sogleich Unterhandlungen an. Er erbot sich, bei seinem Vater die Abtretung von Bogos und Mensa zu erwirken, ein hohes Lösegeld zu zahlen. Aber der Negus, welcher mittlerweile das Fort wieder hatte räumen lassen, verlangte unbedingte Unterwerfung. Er liess das Fort räumen, weil bei Tage Prinz Hassan aus dem Reduit ihn hätte beschiessen können. Ausserdem war der Prinz wegen Wassermangels zur baldigen Uebergabe gezwungen. Mit dem Sohne – dem Lieblingssohne – des Chedive in Händen, hätte der Negus alles erlangen können[41]: Massaua, die Ansley Bai, Kassala, Gedaref, Harar, kurz alles, was die Aegypter den Abessiniern seit Theodor’s Tod abgenommen hatten. Aber an Unterwerfung dachte Prinz Hassan nicht. Vielleicht fürchtete er einen erzwungenen Uebertritt zum Christenthum oder das noch schlimmere Schicksal seiner meisten Kameraden, obschon mit Unrecht, denn der Kaiser, so unerbittlich er sich gegen die übrigen Aegypter gezeigt, würde doch das Leben und die Gesundheit des Sohnes des Chedive geschont haben.
Mittlerweile, fast in Verzweiflung, knüpfte Prinz Hassan directe Unterhandlungen an mit dem abessinischen Anführer Ras Bariu, welcher mit seiner Truppe den Weg von Gura nach Massaua versperrt hielt. Und hier war er glücklicher. Gegen Auslieferung der Kriegskasse, in welcher sich 20000 Pfd. St. in Gold und ca. 30000 Thaler (österreichische Maria-Theresienthaler) in Silber befanden, liess Ras Bariu seine Truppen rücken, sodass Prinz Hassan in der Nacht vom 8. auf den 9. März durch die Lückehindurch entfliehen konnte. Er erreichte ganz allein[42], zu Pferde, um Mitternacht am 9. März Massaua, die wenigen Soldaten, todmüde, halb verhungert und verdurstet, welche mit entfliehen konnten, trafen erst am Morgen des 10. März ein. Schreckliches Ende einer Unternehmung, die man ohne jeglichen Grund anfing, welche Tausenden von Menschen einen schmachvollen Tod bereitete und welche zurückgeführt werden muss auf den Ehrgeiz nur einiger wenigen.
Ras Bariu sollte übrigens seines Geldes nicht froh werden. Die Nachricht von der Flucht des Prinzen verbreitete sich am andern Morgen sofort durchs ganze Lager. Wie konnte so etwas auch verborgen bleiben! Kaiser Johannes eilte herbei, und ehe der Verräther Zeit hatte, mit der Kriegskasse zu fliehen, hatte sich der Negus Negesti in Besitz derselben gesetzt und den Ras gefangen genommen. Man behandelte ihn glimpflich. Beweisen konnte man ihm auch ein Einverständniss mit Prinz Hassan nicht. Das Zerrissene der Gegend, die Dunkelheit der Nacht konnte, bis zu einem gewissen Grad wenigstens, als eine Entschuldigung für ihn gelten. Man blendete ihn daher blos und steckte ihn für immer auf eine Amba.