ZEHNTES KAPITEL.MEINE AUDIENZEN BEIM NEGUS NEGESTI.
Erste kurze Audienz beim Negus. – Seine Wohnung. – Der Balderaba oder Geschäftsvermittler. – Die Wohnung des Grossschatzmeisters. – Das Riesenzelt. – Gastgeschenke des Negus. – Feierliche Audienz beim Negus. – Der Etschege. – Ueberreichung des Briefes vom Deutschen Kaiser. – Seltsame Ansichten des Negus. – Vorlesung des Briefes. – Ueberreichung der Geschenke. – Die Wichtigkeit eines seidenen Schirmes in Abessinien. – Die Bettler. – Ein Markttag. – Tägliche Audienzen. – Der Negus will den Reisenden zum Friedensvermittler zwischen Abessinien und Aegypten. – Günstiges Urtheil über den Negus. – Die Wohnung und Stellung Naretti’s. – Abschiedsaudienz. – Geschenke des Negus, darunter eine Anweisung auf 4000 Mark, die der Reisende ablehnt. – Herr Stecker bleibt bei den Narettis zurück.
Erste kurze Audienz beim Negus. – Seine Wohnung. – Der Balderaba oder Geschäftsvermittler. – Die Wohnung des Grossschatzmeisters. – Das Riesenzelt. – Gastgeschenke des Negus. – Feierliche Audienz beim Negus. – Der Etschege. – Ueberreichung des Briefes vom Deutschen Kaiser. – Seltsame Ansichten des Negus. – Vorlesung des Briefes. – Ueberreichung der Geschenke. – Die Wichtigkeit eines seidenen Schirmes in Abessinien. – Die Bettler. – Ein Markttag. – Tägliche Audienzen. – Der Negus will den Reisenden zum Friedensvermittler zwischen Abessinien und Aegypten. – Günstiges Urtheil über den Negus. – Die Wohnung und Stellung Naretti’s. – Abschiedsaudienz. – Geschenke des Negus, darunter eine Anweisung auf 4000 Mark, die der Reisende ablehnt. – Herr Stecker bleibt bei den Narettis zurück.
Inzwischen kam vom Negus ein Bote: wir sollten ohne Verzug zu ihm kommen. So ritten wir denn durch eine kurze Hecke gaffenden Volkes. Grosse und kleine Gehöfte, in deren Mitte sich Hütten befinden, welche je nach dem Range des Besitzers aus drei, zwei oder auch nur einer bestehen, säumen den schmalen Pfad, an dessen Seiten Gras, Buschwerk und Unkraut lustig emporwuchern. Auch hier, in der unmittelbarsten Nähe der Residenz, sind die Wege derart holperig und krumm, dass man die Bewohnerim Vergleich mit westeuropäischen Verhältnissen für vollkommene Barbaren halten möchte. Freilich, wenn man an die abscheulichen Wege des heutigen Russland, Ungarn denkt, wo die Bewohner doch halbwegs civilisirt sein wollen, so findet man in diesem abessinischen Zurückgebliebensein nichts Auffälliges mehr.
Wir erreichten jetzt eine Plattform, wo eine Batterie mit Kanonen neuester Construction, die man den Aegyptern abnahm, aufgestellt war. Hier empfing und begrüsste uns der Balata-Geta[106]und überliess uns einem zweiten höhern Hofbeamten, der uns in das mit konischem Strohdach versehene Thorgebäude führte. Hier mussten wir unsere Maulthiere verlassen. Das runde Thorgebäude war angefüllt mit Beamten, Offizieren, Landleuten, welche Geschenke oder Steuern brachten oder vielleicht appelliren oder Berufung gegen ein Urtheil einlegen wollten. Man musste sich fast durchdrängen.
Alsdann ging es in einen ca. 100 m langen, 20 m breiten Vorraum, in welchem Soldaten vierreihig in möglichst gerader Linie aufgestellt waren, alle ohne Ausnahme mit Remingtongewehren, die man ebenfalls früher den Aegyptern abnahm. Dennoch aber, trotz des kriegerischen Aussehens – mag man über die den Aegyptern abgewonnenen Schlachten denken wie man will –, die Leute, wie überhaupt die abessinischen Soldaten, machten doch den Eindruck, dass sie vor gutgeschulten europäischen und selbst vorgutgeführtenägyptischen Truppen nicht würden standhalten. Malerisch allerdings war der Anblick: dieOffiziere mit schwarzen oder bunten Pardelfellen umhangen, andere mit kostbaren blau- oder rothsammtnen Schilden, beschlagen mit Silberplatten, auf welchen Goldfiligransterne sassen, dazu die Haltung der ohnedies so graziösen Abessinier – alles das machte einen überraschend schönen Eindruck. Man glaubte irgendeinen Aufzug vor sich zu haben, und ein Aufzug, eine Parade war es ja auch. Langsam schritten wir durch die lebende Gasse buntgekleideter Soldaten, und eine zweite, grössere runde Halle empfing uns, in welcher der Kaiser bei regnerischem Wetter Recht zu sprechen pflegt. Wir mussten hier kurze Zeit halt machen, da man abermals dem Negus unsere Ankunft anmeldete. Auch dieses Gebäude war voller Offiziere, Gouverneure, hoher Beamter sowie niederer Diener. Aber man bekümmerte sich fast gar nicht um uns, sei es, dass man sich bereits an das Erscheinen fremder Gesandter gewöhnte, oder auch wegen der Nähe des Negus eine grössere Zurückhaltung beobachten zu müssen glaubte. Blos einige Diener boten uns niedrige Schemel zum Sitzen.
Nun aber erschien der Afa Negusti[107], welcher ein hohes richterliches Amt am Hofe von Abessinien bekleidet, um uns zum Negus zu geleiten. Nach abermaliger Durchschreitung eines Hofraumes erstiegen wir auf einer sehr steilen, unangenehm glatten Treppe aus Basaltsteinen das grosse Gemach, in welchem der Kaiser fremde Gesandte zu empfangen pflegt. Dieser Raum, die vordere Abtheilung eines von Herrn Naretti erbauten und speciell zur Wohnung des Negus bestimmten Gebäudes ist keineswegs eines Kaisers würdig, selbst nicht in Abessinien. Wie ganz anders wohnten da die Kaiser in den noch ziemlich guterhaltenen monumentalen Schlössern Gondars! Die dunkle und finstere Wohnung des Negus in Samara glich ganz einerCasa di campagna, wie man sie in ihrer dunkeln Färbung auf den Bergen Umbriens und der Emilia sieht. Die unbehauenen, durch Mörtel verbundenen Basaltsteine haben mit dem niedrigen Dacheà chevalnichts Imponirendes. Die Wohnung besteht aus zwei Abtheilungen, einem vordern und einem hintern Zimmer; aus letzterm kann der Negus gleich in seine grossen runden Wohnhütten gelangen.
Das vordere, etwa 10 m lange und 8 m breite Gemach, in das man uns führte, war durchweg mit schönen weichen persischen Teppichen belegt. An den Wänden ringsum hingen äusserst wirkungsvoll blendendweisse, rothgeränderte Schama, von welchen auch genügend Licht durch die einzige Oeffnung, die Thür, zurückstrahlte. Im Hintergrunde, gerade dem Eingang gegenüber, sah man eine Erhöhung, belegt mit blauem Sammt, an welchem massiv silberne Fransen hingen; ausserdem einen Angareb, d.h. ein abessinisches, hier mit schönen Teppichen, Fellen und seidenen Kissen belegtes Sofa. Der Negus sass nach türkischer Manier zwischen zwei Kissen. Neben ihm standen für uns zwei hübsche, weisslackirte und vergoldete Rococostühle, mit Polstern von geblümter rother Seide. Einige nicht mit jenen vorhin erwähnten weissen Tüchern behangene Nischen enthielten prachtvolle Krüge, Vasen, Becher u.s.w. aus getriebenem Gold oder Silber, alles abessinische Arbeit. Sie würden jeden Sammler und Kunstkenner entzückt haben.
Der Negus war in abessinischer Tracht: vollkommen in seinen Margef gehüllt, jenes prachtvolle Umschlagetuch, welches, weicher als Seide, aus feinster Baumwolle gewebt und an beiden Enden mit 40 cm breiten Seidenborden in wundervollen Farben durchflochten ist. Kopf und Gesichtsteckten ebenfalls, Augen und Stirn ausgenommen, in der Umhüllung. Aber durch das feine Gewebe des Margef bemerkte man sein nach kriegerischer Art geflochtenes Haar, aus welchem eine reizende Goldfiligrannadel hervorlugte.
Wir verbeugten uns tief, worauf der Negus uns näher zu sich heranwinkte, seine Hand aus der Umhüllung hervorlangte und, die meine schüttelnd, uns ein herzliches Willkommen entbot. Bei dieser Audienz waren nur zugegen der Budjurun[108]-Lauti, Dr. Stecker und Ngdaschit Schimper als Dolmetsch. Der Negus erkundigte sich nach der Gesundheit des Kaisers, des kaiserlichen Hauses, des Fürsten Bismarck und des deutschen Heeres. Als ich darauf zufriedenstellend antwortete und auf meine Frage nach der Gesundheit des Negus und seines Heeres ebenfalls gute Antwort erhielt, meinte der Negus, dass wir, von der langen Reise ermüdet, es wol vorzögen, uns zurückzuziehen; unser Balderaba sei der Budjurun-Lauti. Von diesem geführt, verliessen wir die Wohnung des Negus. Während der Audienz donnerten der Gesandtschaft zu Ehren die Kanonen.
Zum nähern Verständniss füge ich hinzu, dass nicht nur jeder Ausländer, sondern auch die Abessinier zu ihrer Vermittelung mit einem Höherstehenden oder auch einem fremden unbekannten Gleichstehenden eines „Balderaba“ bedürfen, welcher gewöhnlich ein Vertrauter dessen ist, mit dem man in Verbindung zu sein pflegt. Der Budjurun, sonst schon eine der einflussreichsten Personen am Hofe der Kaiser von Abessinien – denn auch dort ist Geld und Gut wie bei uns gleichbedeutend mit Macht –, hat unterdem gegenwärtigen Kaiser den ersten Rang. Eigentlich soll ja der Fitorari, d.h. der Vorkämpfer der kaiserlichen Heere, über allen andern stehen, aber auch in Abessinien weiss sich manchmal durch eigene Geschicklichkeit oder sonstwie ein Beamter oder auch ein Offizier einen höhern Einfluss zu erringen, als ihm seiner Stellung nach zukommt. Wir hatten also nicht nur einen sehr einflussreichen Gastgeber, sondern auch einen allmächtigen Balderaba bekommen. Und ohne einen solchen geht es nun einmal nicht in Abessinien. Namentlich zwischen fremden Personen ist anfangs ein directer Verkehr undenkbar. Mir ist es z.B. häufig vorgekommen, dass ein von irgendjemand an mich abgeschickter Bote, wenn er auch nur einen Tag in meinem Lager blieb, sofort einen Balderaba verlangte, d.h. einen meiner Diener, welcher einen etwaigen Verkehr zwischen ihm und mir zu vermitteln hätte.
Wir ritten also, sobald wir die Wohnung des Negus verlassen hatten, vom Oberstschatzmeister begleitet, zu dessen Wohnung, die am Fusse des Hügels lag und aus einer grossen Umzäunung bestand, welche verschiedene grössere und kleinere Tokul enthielt. An der einen Seite fand ich ein weissleinenes Zelt aufgeschlagen, ein unwohnliches, weil von ungewöhnlicher Grösse: mein eigenes Prachtzelt, das doch auch 5 m im Geviert hielt, hätte viermal darin stehen können. Es war das grosse Zelt, welches die italienische Geographische Gesellschaft dem König Menelek von Schoa schenkte und dieser dann seinem Herrn, dem Negus Negesti, zu Füssen legte. Da ich es für mich in der That zu ungemüthlich fand, bat ich Budjurun-Lauti, mir zu gestatten, mein eigenes Zelt, das ausserdem ein doppeltes Dach und doppelte Wände besass, aufschlagen zu dürfen. Leider ging das nicht an; das wäre, meinte er, eine Beleidigung des Kaisers, der eigens befohlen habe, für mich sein grosses Paradezelt aufzurichten. Man hätteeinen Ball darin geben können, so geräumig war es. Als Geräth enthielt es aber weiter nichts als zwei Angareb, jene hohen und breiten, mit Streifen ungegerbter Rindshaut überzogenen Bänke der Abessinier, die man jedoch hier mit hübschen Teppichen überdeckte. Auch vor denselben lagen solche. In einer Ecke befand sich eine ca. 0,5m tief in den Boden gegrabene Röhre[109], um darin etwaige Bedürfnisse zu verrichten, brauche aber wol kaum zu sagen, dass ich diese Bedürfnissanstalt gleich zuschütten liess, welche an jene ominösen Spalten erinnert, wie man sie auf den französischen Bahnhöfen, in den Hotels der kleinen Städte Frankreichs und in fast allen französischen Privathäusern findet.
Mittlerweile war es Abend geworden, der Tag ging auch schnell genug dahin mit Empfang von Beamten und andern, welche uns besuchten. Für meinen Reisegefährten,Dr. Stecker, liess man ebenfalls ein Zelt aufschlagen, ebenso fanden die Diener ein gutes Unterkommen, und unsere müden und wunden Maulthiere trieb man auf die Weide, welche in vollster Pracht grünte und blühte. Natürlich erhielten wir gleich, nachdem wir uns kaum eingerichtet, die Gastgeschenke des Negus: 3 Ochsen, 5 Schafe, 300 Brote, Mehl, Gerste, Honig, Butter und Wachsdrähte, deren man sich in Abessinien anstatt der Kerzen bedient; grosse Krüge mit Tetsch; Krüge mit Bier, und ein besonderes Geschenk vom Negus für mich: eine Flasche mit in Gondar gebranntem Schnaps. Diese Gaben wiederholten sich von nun an regelmässig in derselben Weise, solange wir in Samara verweilten. Aber auch andere machten Willkommsgeschenke, vor allen natürlich unser Wirth, der Budjurun, ausserdem viele, die es für ihre Pflicht hielten, den Gast des Negus ebenfalls zu beschenken. Mancher freilich hatte es auch wol nur auf das Gegengeschenk abgesehen.
Am folgenden Tage sollte die eigentliche feierliche Audienz, die Ueberreichung des kaiserlichen Schreibens sowie die Uebergabe meiner Geschenke vor sich gehen. Früh zogen wir daher unsere besten Kleider an, liessen unsere Maulthiere besonders schön satteln, und um 8 Uhr morgens, von unserm Balderaba, dem Budjurun-Lauti abgeholt, ritten wir, begleitet von einer Zahl unserer Diener, welche bewaffnet waren, während andere die Geschenke trugen, nach der kaiserlichen Residenz hinauf.
Der Negus empfing mich mit demselben Ceremoniell wie tags zuvor, nur diesmal in Gegenwart des Etschege, zu der Zeit der oberste Geistliche Abessiniens, da das Land Anfang 1881 keinen Abuna besass. Von allen Abessiniern darf der Etschege allein sich in Gegenwart des Kaisers setzen, ohne specielle Erlaubniss dazu erhalten zu haben. Wie alle Geistliche des Landes, trug er einen weissenTurban, der, um seine hohe geistliche Würde auch äusserlich in die Augen fallen zu lassen, von enormem Umfang und pyramidaler Höhe war. Sein übriger Anzug bestand in einem schwarztuchenen Burnus; hochschnabelige Schuhe standen ihm zur Seite. Er sass auf dem Teppich, der den Fussboden bedeckte. In der Hand hielt er ein grosses Kreuz aus massivem Golde.
Freudiges Entzücken malte sich auf dem Antlitz des Negus, als ich ihm den in einer rothsammtnen, geschmackvoll decorirten Mappe ruhenden Brief des Kaisers von Deutschland überreichte. Der Herrscher Aethiopiens löste die schwarzweissrothseidene Schnur, welche die Umhüllung zusammenhielt, und jetzt, auf weissem Atlas liegend, zeigte sich seinen erstaunten Augen der auch äusserlich prachtvoll ausgestattete kaiserliche Brief. Der Umschlag von blauem Papier, wie alle die, welche von unserm erhabenen Monarchen ausgehen, enthielt in goldenen und buntgemalten Buchstaben die Adresse: „An Johannes, König der Könige von Aethiopien, Majestät.“
„Dasistein kaiserliches Schreiben!“ rief der Negus entzückt aus, indem er den Brief hervorzog und das rothe Siegel betrachtete, welches jedoch durch die fürchterliche Hitze in Massaua ganz den Wappeneindruck verloren hatte. Der Negus, dies bemerkend, stellte dann sofort die Frage: – Schimper dolmetschte wieder, Naretti war bei keiner der Audienzen zugegen – „aber hat Deutschland denn kein Wappen wie England und Frankreich?“ „Ja“, erwiderte ich, „aber die Hitze hat das Siegellack geschmolzen; indess werden Djanhoi[110]in dem Briefe selbst dasgrosse Staatssiegel Deutschlands, welches das meines gnädigen Herrn ist, finden.“
Der Negus drehte den Brief hin und her, triumphirende Blicke auf seine abessinische Umgebung werfend, als wollte er sagen: Seht ihr dies Schreiben, welches der mächtigste Monarch Europas dem mächtigsten König von Aethiopien[111]sendet? Habt ihr nun alle begriffen, dass ich wirklich der von Gott Auserwählte bin? Gibt es überhaupt noch jemand, welcher an meiner Allmacht Zweifel erheben könnte? Das mochten sicher die Gedanken des abessinischen Monarchen sein: man konnte sie fast von seinem Antlitz ablesen.
Der Negus drehte den Brief noch einmal hin und her, jede Einzelheit daran schien ihn zu interessiren, dann übergab er ihn dem Etschege, damit auch dieser die kostbare Umhüllung bewundern könne. Endlich wagte ich die Frage, da das Bewundern gar kein Ende nahm: „Wollen Majestät nicht den Brief öffnen, damit ich ihn lese und Herr Ngdaschit ihn übersetze?“
Der Kaiser sah mich an, drehte noch einmal den Brief um, ja, er schien eine gewisse Angst zu empfinden. Fürchtete er irgendeinen Zauber? Dann schnell zu Ngdaschit sich wendend, sagte er: „Bitte Herrn Rohlfs, das Siegel zu erbrechen und dann mir Satz für Satz den Brief vorzulesen.“ Ich nahm also das kaiserliche Schreiben wieder aus seinen Händen entgegen, zerbrach mit grosser Langsamkeit, mit einer gewissen Feierlichkeit das Siegel und entfaltete den auf grossen Quartseiten kalligraphirten Brief, welcher die eigenhändige Unterschrift unsers Deutschen Kaisers enthielt.
Eben wollte ich mit dem Lesen desselben beginnen, als der Negus rief: „Verzeih, lass mich vorher den Brief sehen!“ Ich beeilte mich, das Schreiben dem Negus wieder zuzustellen. Jede Seite wurde nun genau untersucht, besonders aber das unten sich befindende grosse Staatssiegel gemustert. „Frankreich hat auch einen Adler im Wappen“, hob der Kaiser wieder an. – „Ja“, sagte ich, „eshattevorübergehend dieses Wappenzeichen unter der Herrschaft der Napoleoniden.“
„Warum sind gewisse Worte im Briefe besondere schön und grösser geschrieben?“ fragte dann der Negus, und dabei zeigte er auf die Worte „Wilhelm“ und auf seinen eigenen Namen „Johannes“. Ich erklärte ihm, dass der Künstler die Namen des Deutschen Kaisers und des Königs der Könige von Aethiopien stets durch besondere kalligraphische Schönheiten hervorgehoben hätte.
„Das ist eine grosse Aufmerksamkeit, welche früher auch in Habesch (Abessinien) Sitte war“, bemerkte er. – „Ihr Kaiser ist ein wirklicher Kaiser“, hob der Negus wieder an, „er ist Negus Negesti von Deutschland, wie ich es jetzt von Abessinien bin, denn man hat mir gesagt, dass viele Könige unter dem Kaiser von Deutschland regieren.“ – „Das ist vollkommen richtig, Majestät; früherhatten sich zwar manche Fürsten mit Hülfe des Kaisers Napoleon unabhängig gemacht, auch war die Kaiserwürde schon einmal erloschen, aber seit Jahren hat Deutschland einen Kaiser, und alle Fürsten Deutschlands erkennen im Kaiser ihren obersten Kriegsherrn.“ – „Das ist gerade wie bei uns in Abessinien“, erwiderte der Negus. „Aber seitdem ich den Thron[112]meiner Väter bestieg, den auswärtigen Feind, die gottlosen Mohammedaner, besiegte und endlich im Innern Herr der Rebellen wurde, habe ich das alte äthiopische Reich geeint und wiederhergestellt, so wie es bestand, als mein Urahn, Menelek, der Sohn Salomonis, es von seiner Mutter, der Königin von Saba, ererbte.“ Nach einer kleinen Pause – denn Schimper musste mir das alles verdolmetschen, und ich wusste nicht, was ich auf diese sonderbare Abstammungsrede erwidern sollte – fuhr der Negus fort: „Frankreich hat jetzt keine Regierung, und die Königin von England keine Könige unter sich, wie kommt das?“ – Er hatte sich inzwischen beim Reden so belebt, dass ihm der Margef, den er auch diesmal trug, ganz vom Gesichte glitt. Ich erwiderte durch meinen Dolmetsch: „Frankreich hat allerdings eine Regierung, und Englands Königin hat mehrere Könige, sogarmohammedanische Fürsten unter sich. Das englische Reich ist überhaupt das grösste der Welt, grösser als alle übrigen europäischen Länder.“ – „Wie ist das möglich? Man sagte mir doch jüngst noch, Griechenland sei das mächtigste Reich, mächtiger sogar als Russland, welches wir Abessinier bislang für das mächtigste Reich hielten.“ – Ich musste mich wirklich anstrengen, um mein Lachen über diese sonderbaren geographischen und politischen Ansichten zu unterdrücken. Aber wenn selbst sonst für vollkommen vernünftig geltende Leute[113]sich nicht scheuen, bei Audienzen diesen dergestalt unkundigen Beherrschern, welche nebst ihren Fürsten und Völkern dochnurauf solche Berichte angewiesen sind, die sonderbarsten Dinge zu erzählen, wie ist es da zu verwundern, wenn sich in ihren Köpfen über die Machtverhältnisse europäischer Staaten die seltsamsten Ansichten bilden. „Ist es also nicht wahr, dass Griechenland die Türken gezwungen hat, mit Russland Frieden zu schliessen und ganze Königreiche abzutreten?“ – Ich bat Schimper, mit wenigen Worten dem Negus den letzten Krieg zwischen Russland und der Türkei auseinanderzusetzen. „Aber Griechenland ist doch mächtiger als Deutschland?“ hob von neuem der Negus an. Auch hier überliess ich die Antwort meinem Dolmetsch, welcher ja in Karlsruhe eine vorzügliche Ausbildung, mithin auch geographischen Unterricht erhielt.
„Warum zwingt die Königin von England ihre mohammedanischen Könige und deren Unterthanen nicht, den christlichen Glauben anzunehmen?“ fragte der Negus; „aus verschiedenen Religionen in Einem Lande entspringen dem Herrscher stets Schwierigkeiten. Ich habe alle meinemohammedanischen Unterthanen gezwungen, sich taufen zu lassen. Früher hatten sie stets gemeinsame Interessen mit unsern Erbfeinden, mit den Aegyptern. Sie pilgerten nach Massaua und Mekka und verriethen dann ihr Vaterland an die Türken. Jetzt habe ich nur noch Christen und einige Falascha in Abessinien.“
Ich verbeugte mich blos, denn was sollte ich darauf erwidern, da selbst bei den gebildetsten Abessiniern der Gedankengang ein so himmelweit von dem unserigen verschiedener ist, dass es äusserst gefährlich gewesen wäre, demselben zu folgen, geschweige denn zu widersprechen. Hatte doch erst vor kurzem der Kaiser mit dem bald darauf aus Abessinien ausgewiesenen Bischof Massaya[114]und andern Geistlichen aus Schoa einen grossen Disput gehabt, der damit endete, dass man den eingeborenen Geistlichen, welche katholisch geworden und die Einheit in der Natur Christi anders auffassten, die Zunge abschnitt! Was gingen mich auch jene unfruchtbaren religiösen Streitfragen an? Ist selbst in Europa je etwas dabei herausgekommen? Als aber der Negus sah, dass ich keineswegs gewillt sei, mich mit ihm auf dem Gebiete religiöser Erörterungen zu tummeln, gab er mir den Brief, um ihn vorzulesen. Das that ich denn auch laut und mit Betonung, während Schimper Satz für Satz übersetzte und später den Brief Amharisch zu Papier brachte.
Hierauf reichte ich den kaiserlichen Brief zurück. Der Negus Negesti dankte und fragte dann: „Die deutsche Sprache ist sehr wohltönend, verstehen die Deutschen auch die französische, englische und italienische Sprache?“ (Mich wunderte, dass er nicht fragte, ob wir nicht auch „Griechisch“ verständen, denn ich glaube, innerlich warer doch noch immer überzeugt, dass Griechenland das mächtigste Reich Europas sei, „grösser als alle übrigen Staaten zusammen“.) – Ich erwiderte: „Nein, die Engländer, als unsere Vettern, können wir allerdings leichter verstehen, aber das Französische und Italienische muss gelernt werden, wie z.B. der Amhariner das Tigrische oder der Abessinier das Arabische lernen muss.“
Darauf fragte ich den Negus, ob er gestatte, dass ich ihm einige Gaben überreiche. Nach erhaltener Erlaubniss hiess ich Schimper die vor dem Gemach mit den Geschenken wartenden Diener hereinrufen.
Zuerst brachte man das prachtvolle solinger Schwert[115], welches, ursprünglich für den Sultan von Uadaï bestimmt, sich eine Zeit lang in den Händen der räuberischen Suya von Kufra befand, später aber zurückgegeben wurde. „Hat Ihnen“, fragte der Negus, „der Kaiser von Deutschland diese Geschenke für mich mitgegeben?“ – „Nein, Majestät, diese Gegenstände sind alle von mir und sollten ein geringes Zeichen meiner Hochachtung sein für den Herrscher der Könige von Aethiopien.“
Sodann erschien der bei Gerson in Berlin gefertigte Schirm, eigentlich ein kleines Sonnenzelt, und erregte durch seine gediegene Pracht fast noch eine grössere Wirkung als das Schwert. Von echtem grünen Sammt, reich mit Stickereien echter Goldarabesken bedeckt und langen echten Goldfransen ringsum behangen, war er inwendig mit dickem gelben Atlas gefüttert und hatte aufgespannt ca. 2 m Durchmesser. Die Stange und oben der Knaufwaren echt vergoldet. Der Schirm ist in ganz Abessinien das Symbol der Fürsten, etwa wie bei uns das Scepter. In Abessinien ist heute noch der Besitz eines Schirmes sowie Zeltes aus rothem[116]Stoff Privilegium allein des Negus. Und wenn meingrünerSchirm solch einen überraschenden Erfolg erzielte, so war das nur der Goldstickerei und überhaupt der in jeder Beziehung reichen und meisterhaften Anordnung zuzuschreiben. Wie bei uns in unsern militärisch organisirten Ländern nur die grössten kriegerischen Thaten jemand die Auszeichnung des Sceptertragens (Marschallstabes) verschaffen können, so hängt bei den Abessiniern die Tragung eines seidenen Schirms immer von einer besondern Gunst des Negus ab. In letzterer Zeit erlaubte er allerdings vielen vornehmen Herren und Damen, sich eines europäischen Schirmes zu bedienen, und er wird jetzt wol bald jedem gestatten, in dieser Beziehung zu thun und zu lassen, was ihm beliebt; aber 1881 war diese Erlaubniss als für jedermann geltend noch nicht erfolgt. Nur des abessinischen Strohsonnenschirmes darf sich gegenwärtig jeder bedienen. Man hält in der Nähe der Residenz und innerhalb derselben so sehr auf die Schirmordnung, dass, als ich tags nach der Hauptaudienz wieder zum Negus gerufen wurde, ein im Hofe anwesender General mir durch Schimper zuflüstern liess, „ich möge meinen Schirm niederspannen lassen“ – ich liess mir nämlich nach abessinischer Weise von einem Diener den Schirm tragen – „in der Residenz dürfe niemand, ausgenommender Kaiser, einen Schirm aufspannen.“ Ich that es indess nicht, sondern liess erwidern, ich würde mich eines Schirmes bedienen, solange der Negus mir es nicht verböte.
Der Burnus aus violettem Sammt, auch reich mit echtem Gold bestickt, 40 m deutsches Tuch feinster Art, war ebenfalls sehr willkommen, sowie einige Kleinigkeiten, die in Spielsachen[117]bestanden. Natürlich bedachte ich auch in entsprechender Weise die ersten Hofbeamten, ich hatte für sie Taschenuhren, Goldbrocatgewänder, Doppelferngläser, Revolver u.s.w. mitgebracht. Keiner von ihnen bettelte mich an, alle waren vollkommen mit ihren Geschenken zufrieden, und es macht mir besonderes Vergnügen, dies ausdrücklich bemerken zu können, weil fast sämmtliche Reisende über die Bettelhaftigkeit der Abessinier, namentlich auch der Grossen, zu klagen pflegten.
Freilich im allgemeinenistin Abessinien Bettelei starker Brauch. Hungersnoth, Raub, Plünderung, Kriegführung tragen das Ihrige dazu bei. Schon früher erwähnte ich, dass in Abessinien eine ganze Menschenklasse davon lebt, Reisende zu begleiten und von deren Ueberfluss zu leben. Man sieht und hört sie, merkt aber keineswegs in unangenehmer Weise ihre Anwesenheit. Ist für sie etwas zu essen, so sind sie da; ist nichts übriggeblieben, dann sind sie auch zufrieden. Sie sind nie unzufrieden, zudringlich, nie klagen sie. Ja, im Laufe der Zeit bildet sich eine Art freundlichen Verhältnisses zwischen den eigentlichen Reisenden und diesen Bettlern: sie reisen eben mit. Auch leisten sie gern kleine Dienste, tragen Gepäck, bringen trockenes Holz zum Kochen und Brennen, holenWasser, richten Botschaften aus und werden so, ohne je Geld oder Kleidungsstücke zu verlangen, Diener der eigentlichen Diener.
So fehlten denn auch in Debra Tabor die professionellen Bettler nicht. Schon frühmorgens sammelten sie sich ausserhalb der Umzäunung unserer Wohnung. Den näselnden einförmigen Gesang der Geistlichkeit um Mitternacht in der nahen Kirche verstärkten um 3 Uhr morgens Scharen von Mönchen durch Hymnen auf das Mitleid des deutschen Gesandten. Jung und alt, Männer und Weiber, alles sang, heulte, rief. Trat ich morgens um 6 Uhr oder später aus dem Zelt, sah ich wol Hunderte um mich her. Aber sie baten auch nie vergebens, alle bekamen ihr Theil, und das geht in Südabessinien um so leichter, als man ja Kleingeld zur Verfügung hat: die Amole. Wenn ich ausging, gab ihnen einer der mich begleitenden Diener eine Hand voll Thaler, gewöhnlich 10 Stück. Dass dabei unter viel Lärm und Geschrei die köstlichsten Scenen vorkamen – prügeln durften sie sich nicht – versteht sich von selbst, aber schliesslich vertheilten sie sämmtliche Gaben mit mehr Gewissenhaftigkeit und Verständniss, als wir es selbst hätten thun können.
Ich will noch erwähnen, dass ich dem Negus bezüglich der Herkunft der Geschenke einige Erklärungen gab, wobei er sich besonders dafür interessirte, zu wissen, ob alles in Deutschland verfertigt sei.
In Debra Tabor erlebten wir auch einen grossen Markttag, welcher jeden Montag stattfindet, kleinere dagegen alle Tage, aber an verschiedenen Orten des Districts. Die in Südabessinien vorkommenden Gegenstände sind hier schon sehr billig. Für einen Thaler kauft man z.B. 30, manchmal 40 Pfd. Kaffeebohnen; das in Südabessinien gebräuchliche Pfund ist freilich bedeutend kleiner als bei uns, etwa 350 Gramm. Ferner rothe, gegerbte Ochsenhäute, drei bis vier Stück für einen Thaler. Billig sind auch die in Abessinien gefertigten Waffen: für einen Thaler zwei Spiesse; für einen Thaler einen aus Büffel- oder Rhinoceroshaut gut gearbeiteten Schild. Bei mit Silberplatten belegten Schilden kommt der Silberwerth, kaum aber die Arbeit in Betracht.
In Debra Tabor hatte ich keinen Augenblick frei, da ich jede Minute gewärtig sein konnte, zum Negus gerufen zu werden. Dazu das lästige Gefolge einer grossen Ehrencompagnie, selbst bei einem Spaziergange. Es war mir daher keineswegs unangenehm, vom Negus selbst zu hören, dass er eine Inspectionsreise (d.h. einen Raubzug) nach dem Süden hin nur meiner Ankunft wegen verschoben habe. Nun aber würde er am 17. Februar Debra Tabor verlassen, niemand bliebe zurück, und so brauche auch ich nur bis zum 17. Februar zu bleiben.
Dieses „niemand bliebe zurück“ ist nicht genau wörtlich zu nehmen. Wie Asmara, wo der Ras Alula mit der Grenzarmee zu lagern pflegt, ist Debra Tabor, vollends Gafat und Samara, ein fast nur von Soldaten und Hofbeamten bewohnter District. Es gibt allerdings einige kleine Hüttenansammlungen, z.B. um die Kirche von Medani Allem, wo auch Bürger und Bauern wohnen, aber alle diese stehen doch als Käufer und Verkäufer in irgendeinem Verhältniss zur Armee.
Bei einer der folgenden Audienzen, zu welchen man mich täglich abholte, hielt mir der Negus eine fast zweistündige Rede über die Vortrefflichkeit der abessinischen Religion, über die Einheit der Natur Jesu Christi u.s.w. Ich hütete mich wohl, ihm je zu widersprechen oder auch nur den Anschein zu erwecken, als ob ich nicht auch überzeugt wäre. Soll es schliesslich darauf ankommen, dass derjenige der christlichste sei, welcher am meisten und festesten glaubt, dann können sich die alten Aethiopiertrösten: sie glaubenalles, was in der Bibel Alten und Neuen Testaments steht. Daher die Mordlust, die Unduldsamkeit, der Fanatismus der abessinischen Kaiser. Was würde der Kaiser antworten, wenn ihn jemand aufmerksam machte auf das „Unchristliche“ solcher Raubzüge, welche Tod und Verderben über ganze Völkerschaften verbreiten? Er würde einen jene Verbrechen, und Sünden glorificirenden Spruch aus den Büchern Moses’ citiren. Was soll man da machen? Ein Missionar wagte den Einwand: „Aber das steht ja imAltenTestament!“ Da antwortete der Negus: „Der Heiland sagte: ‚Ich bin nicht gekommen, den Alten Bund aufzulösen, sondern zu erfüllen.‘“ Er wollte dadurch beweisen, dass das Alte Testament ebenso bindend für die Abessinier sei wie das Neue. Kann man überhaupt mit einem Priester streiten? Und der jetzige Kaiser von Abessinien ist ja so ein Priester, dersummus episcopus, er kennt die Bibel wie kein anderer.
Wenn es nun unter diesen Umständen für mich unmöglich war, auf seine religiösen Meinungen näher einzugehen, konnte ich mich doch weniger den politischen Gesprächen entziehen. Nicht nur erzählte mir der Negus ausführlich die in den ersten Kapiteln dieses Buches erwähnten Siege über die Aegypter, sondern auch seine Unterredungen mit Gordon bezüglich des Friedens.
Leider vermochte ich ihn nicht zu überzeugen, dass Gordon, als er in ägyptischen Diensten stand, gar keine andern Friedensvorschläge machenkonnteals die, welche ihm von der ägyptischen Regierung zu machen befohlen waren. Dass Gordon gleich darauf den ägyptischen Dienst verliess und zwar wol hauptsächlich aus dem Grunde, weil er die Forderungen des Negus, zum Theil wenigstens, für gerecht hielt, das konnte er allerdings nicht leugnen, aber er wollte durchaus nicht glauben, dass Gordon seine Ansprüche, d.h. die des Negus, jetzt unterstütze. „Warumtrat er nicht in meine Dienste? Warum verliess er nicht die Dienste des ungläubigen mohammedanischen Fürsten?“ fragte er beständig.
Dabei legte er denn auch mir die Frage vor, ob ich als sein Bevollmächtigter für ihn Frieden schliessen wolle. Ich erwiderte, falls meine Regierung dies gestatte, würde ich es als eine grosse Ehre und für eine meiner schönsten Aufgaben betrachten, Frieden zwischen zwei Völkern zu stiften. „Aber“, fügte ich hinzu, „ein vollkommen bindendes Versprechen kann ich, da ich augenblicklich im Dienste des Deutschen Kaisers stehe, nicht geben.“ – „Versprechen Sie mir nur in feierlichster Weise, dass Sie, wenn Ihnen Ihre Regierung keine Schwierigkeit bereitet, als mein Stellvertreter mit dem Chedive Frieden schliessen wollen.“ Dies that ich, nachdem ich gefragt hatte, welche Forderungen er an Aegypten stelle. Als ich ihm bemerkte, dass ich vielleicht einige, nicht aber alle Forderungen durchsetzen könne, sagte er: „Ich überlasse das Ihnen, führen Sie meine Sache als mein Anwalt nach bestem Können und Wissen.“ Das konnte ich abermals versprechen. Was in der That gab es Schöneres und Edleres, als zwischen zwei grossen Ländern Frieden zu schliessen, dazu beizutragen, dass man endlich jenen Raubzügen, jenen Plünderungen, jenem Abfangen von Menschen ein Ziel setze! Ist nicht Friedenvermitteln eine der erhabensten Thaten? Der Krieg erzeugt das Böse, der Friede das Gute. Jeder Krieg ist verabscheuungswürdig, wenn auch zuweilen unvermeidlich. Ausserdem war der Antrag und Auftrag des abessinischen Kaisers so ehrenvoll für mich, dass ich nicht umhin konnte, Schimper zu fragen, weshalb die Wahl des Negus auf mich gefallen sei. Hatten ihm meine Geschenke, welche ja persönlich von mir kamen, so imponirt? Glaubte er, ich würde ihm mit Deutschland einen guten Hinterhalt verschaffen? Meinte er, dass, weilich an dem Feldzuge der britischen Armee theilnahm, also auch früher schon die Verhältnisse Abessiniens kennen lernte, für die mir zugedachte Rolle ich ihm besonders geeignet erscheine? Ich vermuthe, alles dies zusammen bestimmte den Negus zu seinem so ehrenvollen Vorschlage, vornehmlich aber doch meine Theilnahme am britischen Feldzuge. Denn nicht nur fragte er wiederholt, ob ich auch Lord Napier persönlich kenne, sondern er gab mir auch den vor Jahresfrist an ihn gerichteten Brief der Königin Victoria zu lesen. In der That wusste Johannes den Einfluss und die Macht Englands nicht hoch genug anzuschlagen und besonders über Lord Napier war er des Lobes voll. Und auch mit Recht, denn ohne Lord Napier wäre Kassai nicht Johannes geworden. So theilte er mir auch mit, Lord Napier habe an ihn einen Brief gerichtet, Gordon nicht als Gefangenen zurückzubehalten, was er selbstverständlich auch nie würde gethan haben, denn Gordon, obwol ägyptischer Pascha, sei doch Engländer. –
Auch dem Etschege, damals dem höchsten Geistlichen des Landes, machte ich einen Besuch. Ich war einigermassen in Verlegenheit, was ich diesem vornehmen Mann als Geschenk geben sollte, fand aber dann noch einen rothtuchenen, mit Gold gestickten Burnus, Brocatstoff, Sammt und andere Gegenstände, womit er auch zufrieden zu sein schien. Hätte ich seine Anwesenheit beim Negus vorher gewusst, würde ich natürlich passendere Geschenke für ihn bereit gehalten haben. Ich fand in ihm einen höchst aufgeklärten Mann, aufgeklärter, als man es von einem so hohen abessinischen Geistlichen erwarten sollte.
Auch meine vorgefasste Meinung über den Charakter des Negus Negesti musste ich zu seinen Gunsten corrigiren. Ein Wütherich, ein perfider Mensch sollte er sein, und zwar fällte man schon während der englischen Expedition dieses Urtheil über ihn. Und doch erwies er sich dort alsein treuer Bundesgenosse, als ein Mann von Wort. Mit Zagen ging ich zu ihm hin, die Berichte der Missionare lauteten über ihn äusserst ungünstig. Ich fand aber in ihm einen ganz vernünftigen Menschen. Dass er keine Missionare in Abessinien dulden will? Auch wir haben die Jesuiten ausgewiesen; er ist Herr in seinem Lande,seinWille ist Gesetz, dem Gesetz muss man gehorchen. Dass er das Rauchen verbot? Auch bei uns war es einst verboten, wer wollte ihm das vorwerfen? Dass er bei vielen Gelegenheiten grausame Strafen verhängt? Er beruft sich dabei auf das Alte Testament!
Indess theilte er mir mit – ob diese Worte aber aufrichtig gemeint sind, wage ich nicht zu unterschreiben – dass er, im Fall es ihm gelänge, mit Aegypten Frieden zu schliessen, sein Land den Europäern öffnen wolle. Nicht nur wünsche er alsdann Handwerker und Künstler, sondern auch Gelehrte herbeizuziehen. Am liebsten wäre es ihm, wenn Eisenbahnen und Strassen sein Land durchzögen, um durch directe Verbindung mit europäischen Ländern seine Waaren dorthin zu schaffen und andere von dort zu beziehen. Aber erst müsse Friede geschlossen sein.
Bei den jetzigen militärischen Verhältnissen des Landes ist aber, auch nach geschlossenem Frieden, an eine eigentliche Civilisation des Volkes nicht zu denken. Die Soldaten leben eben nur durch Raub und Plünderung. Das Nothwendigste für Abessinien wäre, Regelmässigkeit in die Abgaben zu bringen und sonach auch eine Bezahlung der Soldaten möglich zu machen.
Von den beiden Brüdern Naretti empfingen wir viel Freundschaft, obgleich sie uns natürlich nicht das sein konnten, was sie den italienischen Reisenden gewesen waren, da wir ja Schimper zum Dolmetsch hatten. Derältere Naretti, schon seit Jahren in Abessinien, mit einer Tochter Zander’s, aus Anhalt, verheirathet, welcher beim Kaiser Theodor Kriegsminister gewesen war, nahm beim Negus die Stelle eines wirklichen geheimen Oberzimmermeisters ein und nicht, wie man wol angab, die eines Ministro della casa del Rè. Er leitete die Arbeiten zur casa del Rè, wie er denn auch das Holzwerk zu vielen Kirchen behauen, bearbeiten und hübsch schnitzen liess. Aber mit eigentlichen Regierungsangelegenheiten befasste sich Naretti wol schwerlich. Beide Brüder, in jeder Beziehung Ehrenmänner, besuchten wir nicht selten in ihrer dicht neben der Residenz des Negus befindlichen gemeinschaftlichen Wohnung und freuten uns jedesmal, dies thun zu dürfen. Sie waren, was Stühle, Tische, Betten, Anzüge u.s.w. anbelangt, ganz europäisch eingerichtet, gingen meist auch europäisch gekleidet, auch Frau Naretti, welche, in der schwedischen Mission erzogen, Amharisch und Italienisch sprechen und schreiben und, wie es scheint, auch vorzüglich kochen gelernt hat. Jedesmal, wenn wir das Vergnügen hatten, bei Narettis zu speisen, erfreuten wir uns eines vorzüglichen Tisches, wobei auch die Kartoffeln nicht fehlten, welche, ursprünglich vom alten Schimper eingeführt, in einigen Gegenden Debra Tabors gezogen werden und sicherlich durch die vormals zahlreich in Gafat lebenden europäischen Arbeiter Verbreitung fanden.
Am Tage vor meiner Abreise berief man mich zur Abschiedsaudienz, und unser Balderaba, der Budjurun-Lauti, hatte zugleich den Auftrag, mich zu beschenken. Denn wenn es auch nothwendige Sitte ist, dem Kaiser Geschenke mitzubringen, so entlässt er doch keinen ohne Gegengeschenke. Da wurden zuerst zwei prächtige Hengste und zwei schöne Maulthiere vorgeführt. Das eine Pferd hatte silbernes Geschirr, aber auch Sattelzeug und Geschirr der andern Thiere war überaus prächtig.
Sodann wurde mir ein Goldbrocatkleid angezogen, eine silberne, mit Goldfiligran umsponnene Armspange angenestelt, ein blausammtner Schild mit Silberplatten nebst zwei ausserordentlich schönen Spiessen dargeboten. Der Abschied vom Negus war kurz und herzlich. Als man mir die Geschenke nachführte, schickte ich den einen Hengst zurück. Das Thier war zu edel, zu schön, um eine so beschwerliche Reise bis zum Rothen Meere ertragen zu können. Die Abessinier beschlagen ihre Pferde und Maulthiere nicht, und wenn letztere auch abgehärteter sind und das Reisen ohne Hufeisen ertragen, so gehen Pferde fast immer zu Grunde. Der Budjurun-Lauti machte anfangs Schwierigkeiten, das Pferd zurückzunehmen, aber endlich nahm er es doch.
Grössere Mühe machte das Ablehnen eines Geschenkes von 1000 Thaler (4000 Mark), welches der Negus mir mittels Anweisung auf den Gouverneur von Schire wollte auszahlen lassen. Immer und immer kam unser Balderaba darauf zurück, ich dürfe das Geld nicht ausschlagen, und ebenso beharrlich erwiderte ich, dass ich kein Geld nöthig habe. Es beweist das aber auch, wie geldarm der Negus ist, denn im Besitze einer so grossen Summe würde er sie geschickt und nicht angewiesen haben. Gordon, dem er eine gleiche Summe „zuschickte“, wies ebenfalls das Geld zurück, während, wie Herr Naretti sagte, die übrigen Herren meistens das Geld ohne weiteres nahmen. Die Unterhandlung mit dem Balderaba wegen des Geldes dauerte über eine Stunde, bis ich endlich erklärte, ich bliebe bei meinem Nein und würde nun nicht mehr antworten. Bei dieser Gelegenheit sei mir gestattet, darauf aufmerksam zu machen, dass die Berichte von dem hohen Tribut, den der König von Schoa zu zahlen hätte, meiner unmassgeblichen Meinung nach bedeutend übertriebensein müssen. Matteucci[118]spricht von 150000 Lire (fast 50000 Thaler), die, abgesehen von vielen andern Dingen, welche hier zu nennen kein Interesse vorliegt, alljährlich vom König von Schoa an den Negus Negesti entrichtet werden müssten. Es kann dies schon deshalb nicht wahr sein, weil der Negus nicht einmal das Geld zum „Kaufen“ eines Abuna zusammen hatte. Und diese Summe betrug doch nur 7000 Thaler. In dieser Beziehung sind übrigens die Abessinier wie die Marokkaner, d.h. sie haben von Zahlen gar keinen Begriff. Als die Marokkaner unter Mulei-el-Abbes mit Spanien Frieden schlossen, erklärten sie sich ohne grosse Schwierigkeit bereit, die Millionen zu zahlen, als es aber zum Abzählen des Geldes kam, fand es sich, dass alle ihre Schätze bei weitem nicht ausreichten; sie wussten gar nicht, was eine Million ist, sie kannten den Namen, hatten aber keinen Begriff davon. Und so geht es mit den Abessiniern auch. Wenn das Volk sagt oder das Gerücht geht, Menelek zahle an Johannes 50000 Thaler, so glaube ich schon sehr hoch zu greifen, wenn ich 5000 darunter verstehe.
Den letzten Tag speisten wir noch bei Narettis, welche uns immer mit gleich liebenswürdiger Freundschaft empfingen und mit Rath und That unterstützten. Zugleich sagte uns Naretti, er begleite den Negus nicht, sondern bleibe in Samara, um die Kirche zu vollenden, welche der Negus ihm zu bauen aufgetragen habe. Da Stecker in den letzten Tagen fieberkrank geworden war, luden sie denselben ein, bei ihnen zu wohnen. Die Erlaubniss, eine Reise nach dem Tana machen zu dürfen, hatte der Negus ohne Schwierigkeit auf meine Bitte bewilligt. Mir that es leid, bis zum Tana-See nicht mit Stecker zusammen reisen zukönnen, aber sein Zustand erforderte einige Ruhe, um sich für spätere Unternehmungen kräftigen zu können. Und da es nun einmal geschrieben stand, dass wir uns in Samara trennen sollten, so wurde mir der Abschied dadurch weniger schwer, dass ich ihn in Gesellschaft guter Leute und noch dazu bei Europäern einquartiert wusste.