SECHSTES KAPITEL.AUFSTIEG ZUM ABESSINISCHEN HOCHLAND UND ANKUNFT IN KASEN.
Das Geleit ägyptischer Soldaten. – Abschied von Hassen Bei und den schwedischen Missionaren. – Die Vorgegend zum abessinischen Hochland keine Wüste. – Menschenöde. – Lagerung im Thal Ailet mit heissen Quellen. – Aschuma-Beduinen. – Zahlreiche Friedhöfe. – Verabschiedung des ägyptischen Militärs. – Ansiedelungen der Aschuma. – Tropische Vegetation. – Wunderbare Fernsichten. – In Kasen wartet ein Offizier Ras Alula’s auf den Reisenden. – Rasttag. – Dorfmusik. – Beschreibung von Kasen. – Die Geistlichkeit. – Musikanten. – In Ras Alula’s Lager.
Das Geleit ägyptischer Soldaten. – Abschied von Hassen Bei und den schwedischen Missionaren. – Die Vorgegend zum abessinischen Hochland keine Wüste. – Menschenöde. – Lagerung im Thal Ailet mit heissen Quellen. – Aschuma-Beduinen. – Zahlreiche Friedhöfe. – Verabschiedung des ägyptischen Militärs. – Ansiedelungen der Aschuma. – Tropische Vegetation. – Wunderbare Fernsichten. – In Kasen wartet ein Offizier Ras Alula’s auf den Reisenden. – Rasttag. – Dorfmusik. – Beschreibung von Kasen. – Die Geistlichkeit. – Musikanten. – In Ras Alula’s Lager.
Der Tag des Aufbruchs kam. Die bis zum letzten Augenblick sehr dienstwillige ägyptische Regierung stellte Kamele, was ich um so höher anschlug, als man mir diese gerade damals schwer zu beschaffenden Lastthiere zu denselben niedrigen Preisen wie den ägyptischen Beamten überliess. Ich beschloss, am TagevorWeihnachten aufzubrechen, da ich dieses so deutsche Fest nun doch einmal nicht nach deutscher Art, mit Tannenbaum u.s.w., hier feiern konnte.
Das Beladen der Kamele ging über Erwarten schnell. Auch blieben einige Thiere ausserhalb meiner Berechnung, da die Leute sehr grosse Lasten auffuderten; mindestens5 Centner für ein Thier. Statt 25 Kamele nahm man nur 16. Indess muss ich bemerken, dass wir, ausser Reitmaulthieren, die man uns stellte, fünf eigene besassen, die man beladen konnte. Auch das Geleit ägyptischer Soldaten hatte sich eingefunden: ein Offizier, ein Naib und 25 Mann Baschibosuks, welche etwas abenteuerlich aussahen, aber gute Waffen besassen. Eine ziemlich bedeutende Ausgabe für mich, da ein jeder täglich einen Thaler bekam, der Offizier zwei und der Naib drei. Das war aber doch wegen der auf der Grenze herrschenden Unsicherheit nothwendig.
Karl Hubmer zog mit allen voran, während Stecker und ich noch einer Einladung des uns gegenüberwohnenden Hassen Bei folgten, um bei ihm das Mittagessen einzunehmen. Der Gouverneur, die obersten Offiziere, viele befreundete Europäer waren schon im Laufe des Morgens herausgekommen, um sich von uns zu verabschieden.
Da wir nicht zu lange von unserer grossen Karavane getrennt sein wollten, wurde diesmal bedeutend schneller gespeist. Wir konnten uns bald verabschieden von Frau Hassen, geb. Prinzess Ubieh, und von ihrem Gemahl, vom Naib Mohammed (d.h. dem Hauptnaib) und einigen Cavassen begleitet, ging es westwärts, nachdem wir noch einen Augenblick bei den freundlichen schwedischen Missionaren vorgesprochen hatten, um auch diesen Lebewohl zu sagen. Wer konnte wissen? vielleicht auf immer? Denn bei einer Reise nach Abessinien kann man sich stets von vornherein auf das Schlimmste gefasst machen.
Man reitet fast eine Stunde, ehe man aus den weitläufig gelegenen Hütten und Gehöften von Hotumlu, Mkullu und Saga heraus ist und die Wälle der äussersten ägyptischen Schanzen hinter sich hat.
Mit Unrecht ist die Vorgegend, welche das eigentliche abessinische Hochland vom Rothen Meere trennt, als„Wüste, deserto“ verschrien. Diejenigen, welche diese so ungemein wilde, von tausend dem Hochlande entsprungenen Rinnsalen durchfurchte, und wenn auch nicht dicht, so doch licht mit Bäumen, Büschen und Kräutern bestandene Gegend Wüste nennen, haben nie Wüste gesehen.
Während an der Küste Kalk und Madreporenformation vorherrschen, kommen wir nun bald zu plutonischen Gesteinsmassen: Gneis, Urschiefer und namentlich Lavamassen bilden den Grund der stark hügeligen Gegend. Grosse, meist von Stapelien durchrankte Büsche der Euphorbia quadrangularis, stachelige Mimosen, die unvermeidliche Kranka, hier Uscher genannt, einige just hervorspriessende Gräser sind anfangs die Pflanzen. An Thieren bemerkten wir am ersten, übrigens nur kleinen Marschtage fast nichts. Auch keine Menschen bekamen wir zu sehen. Wir passirten zahlreiche Chor, welche alle trocken lagen, aber doch Spuren neuesten Wasserflusses zeigten, und erreichten um 5 Uhr abends Saati, nachdem wir im ganzen von Hotumlu ca. 20 km zurückgelegt hatten, die Wegkrümmungen mitgerechnet.
Saati schlechtweg bedeutet die Wasserlöcher oder Brunnen, welche im Chor gleichen Namens gelegen sind, welcher vom Bisen kommt und ca. 5 km nördlich von Massaua ins Rothe Meer sich ergiesst. Die Wasserlöcher, mit etwas brakischem, jedoch ganz trinkbarem Wasser, liegen in einer äusserst wilden, zerrissenen Ausbuchtung des mit steilen Ufern eingefassten Flussbettes, wo das Gestein zum Theil aus schneeweissen Quarzgebilden besteht.
Obwol bis dahin seit 25 Jahren in Afrika thätig, hatte ich es dort nie mit wilden Bestien zu thun gehabt, sah ich dort nie einen Löwen oder auch Panther lebendig. Auch nicht als ich den britischen Feldzug mitmachte, abgesehen von Hyänen, Luchsen, Schakalen. Aber das konnteman eben dem Umstande zuschreiben, dass vor einer so grossen Armee, vor einer so grossen Anhäufung von Menschen und dem damit verbundenen Lärm und Geräusch sich sämmtliche Thiere zurückzogen. Diesmal aber glaubte Stecker mit Bestimmtheit auf einige aufregende Scenen rechnen zu können. Hatte sie doch Blanford gerade in dieser Gegend erlebt; liess doch Raffray gerade hier einen seiner Diener von einem Löwen verspeisen. Aber weder in Saati noch später begegneten wir irgendeinem reissenden Thiere. Stecker, der in Abessinien zurückblieb, erlebt vielleicht so ein „Löwenabenteuer“. Sollte man jedoch von mir durchaus eins erwarten, würde ich Zuflucht nehmen müssen zu irgendeinerinteressantenReisebeschreibung, um danach mit einigen der Oertlichkeit und Zeit angepassten Veränderungen eine derartige überraschende Geschichte zu behandeln. Aus meinen eigenen Erlebnissen kann ich keine geben. –
Bei unserer Ankunft dunkelte es bereits. Ueberall wurden grosse Feuer angezündet, die Zelte aber nicht aufgeschlagen und so die erste Nacht unter freiem Himmel verbracht. Durch Kälte litten wir nicht, und dass man eine Karavane, die aus mehr als funfzig Menschen bestand, durch nichts, nicht einmal durch falschen Lärm störte, bedarf kaum der Versicherung.
Am folgenden Tag hatten wir bis Ailet nur einen kleinen Marsch. Die Gegend wird immer belebter, das Wild, besonders Hasen, Rebhühner, Francoline u.s.w., zahlreicher, und der Seecharakter tritt mehr und mehr zurück. Grosse Termitenhügel, in der Ebene viele Scolopendriden und Julus zeigten an, dass jetzt auch grösserebeständigeFeuchtigkeitsverhältnisse walteten. Ehe man in das breite Thal von Ailet kommt, übersteigt man eine fast nordsüdlich laufende Hügelkette von 300–350 m Höhe, welche den Namen Taracha, oder auch weiter im Südenden Namen Digdigta führt. Oben angekommen, hat man eine herrliche Aussicht auf das breite schöne Thal, welches sich nordnordöstlich bis zum Meere erstreckt. Mit Wehmuth erblickt das Auge die reichen, von hundert Rinnsalen netzartig durchzogenen Gefilde vor sich, welche dem prachtvollen Boden regelmässig das Wasser zuführen. Mit Wehmuth, sage ich, denn Tausende könnten hier ihr Brot finden. Und jetzt? Das ganze Thal hat drei oder vier elende Weiler, von denen der bedeutendste Ailet ist.
Unter einigen schönen Bäumen, westlich von Ailet, liess ich, eine freundlich angebotene Wohnung ablehnend, die Zelte aufschlagen. Ein für allemal beschloss ich damals, nie in abessinischen Wohnungen zu schlafen, da ich auf der Rückreise während des britischen Feldzugs zu üble Erfahrungen gemacht hatte. Die heissen Quellen von Ailet, welche ca. 5 km südlich von der kleinen Oertlichkeit liegen, sind eine höchst merkwürdige Erscheinung. Ein daraus unausgesetzt hervorfliessendes kleines Rinnsal umgibt da, wo auf einem Hügel die Ruinen der schwedischen Mission liegen, in einem Umkreis von ca. 50 m so heisser Boden, dass man mit blossen Füssen nicht darauf wandeln kann. Das aus grossen, sehr tiefen Löchern hervorbrodelnde Wasser hat als heisseste Temperatur +59° (nachmittags bei 31° Lufttemperatur), einige Meter unterhalb +58°, 10 m weiter nach unten noch +50°, und 15 m weiter entfernt noch +48°. Bei dieser Temperatur leben schon Wasserkäfer[70]im Rinnsal. Trotz der Unsicherheit der Gegend fand ich verschiedene Familien, welche krankheitshalber badeten. Rheumatische Leiden sollen auf diese Weise schnell beseitigt werden. Mineralische Bestandtheileliessen sich durch den blossen Geschmack[71]nicht erkennen, im Gegentheil, wenn kalt geworden, war das Wasser von vollkommen süssem Geschmack. Durch meinen Dolmetsch[72]erfuhr ich, dass die sich Badenden christliche Abessinier aus Hamasen waren, welche in Massaua Felle verkaufen wollten.
Obschon es Weihnachten war und wir in Ermangelung von andern Festlichkeiten abends einige Extraschüsseln unserm Mahle zufügten, hatte uns das Marschiren während des ganzen Tags so ermüdet, dass um 9 Uhr nachts alles im Lager schlief. Nur die ägyptischen, diesmal durch einige Dorfbewohner verstärkten Soldaten hielten die übliche Wache. Das aber bemerkte ich schon, dass sie mich keineswegs bis zur wahren abessinischen Grenze begleiten würden, wie doch ursprünglich abgemacht worden war. Dazu mangelte der Muth. Sie wollten eigentlich hier schon umkehren, ja, sie beredeten sogar die Kameltreiber, fortzugehen: „Die Abessinier werden euch die Thiere abnehmen“, sagten sie.
In der sichern Voraussicht, dass sie sowie die Kameltreiber am folgenden Tage mich verlassen würden, schickte ich am frühen Morgen den Naib voraus, um von Leuten, welche nicht fern von uns weideten, Ochsen zu miethen. Denn wenn auch Ras Alula versprochenermassen mir abessinische Soldaten und Ochsen entgegensenden wollte, so hätte mich das auf unbestimmte Zeit zu einem Aufenthalte in oder bei Ailet genöthigt, ohne einmal mit Sicherheitauf das Eintreffen derselben rechnen zu können. Glücklich für mich – wie mich denn überhaupt auf dieser ganzen Reise stets ein aussergewöhnliches Glück begünstigte – fanden wir denn auch Aschuma-Beduinen, welche sich bereit erklärten, unser Gepäck mit ihren Ochsen bis nach Kasen zu schaffen. Damit waren alle Schwierigkeiten überwunden.
Bis nach Adegani, einer Oertlichkeit, ca. 8 km westsüdwestlich vor uns, hatten wir jedoch noch das „beruhigende“ Gefühl, unter dem militärischen Schutze Aegyptens zu reisen. Weiter erklärte der Offizier, sich nicht vorwärts wagen zu dürfen. Dort sollte es sich also entscheiden, ob wir wieder nach Ailet zurück oder allein, allerdings auf eigene Verantwortung, unsere Reise fortsetzen müssten. Das Chor Choar, welches uns nach kurzem Marsch nach Adegani führte, hat immer fliessendes Wasser, und wir befinden uns jetzt mitten im tropischen Afrika, schon die Papyrusstauden am Wasser deuten dies an. Wie überall auf unserm ganzen Wege, bemerken wir auch hier noch zahlreiche Friedhöfe. Sind sie alten, ältesten Datums? neuern Ursprungs? Oft sind es Tumuli nach Art der alten keltischen Denkmäler, oft Aufhäufungen, wie sie die Mohammedaner aller Länder zu machen pflegen. Aber wie stark muss einst die Bevölkerung hier gewesen sein! Und jetzt hausen in diesen segenspendenden Gefilden gar keine sesshaften Bewohner mehr. Nur Nomaden befinden sich in den Vorbergen Abessiniens, und der Stamm der Aschuma, welcher zwischen Ailet und Kasen weidet, dürfte höchstens 300 Männer zählen, dazu die Nebara mit 200, die Alaschkar mit 300, die Gedemsega mit 200, die Asus-Adaha mit 300, die Massali und Ueira ungefähr mit ebenso viel Männern, das ist die ganze Bevölkerung der östlichen Gehänge Abessiniens, etwa vom 15. bis zum 16.° nördl. Br. Also zu jedem Mann etwa noch drei Individuenhinzugerechnet, würde das die Gesammtseelenzahl von noch nicht 8000 Menschen ergeben.
Die Aschuma befanden sich, als wir Adegani erreichten, schon an Ort und Stelle. Das Militär wurde nun verabschiedet, abgelöhnt und, was mich besonders erfreute, ein jeder war mit der Ablöhnung und mit dem Extrabakschisch zufrieden. Und gleich von vornherein zeigten sich die Aschuma als höchst liebenswürdige und gutmüthige Burschen. Aber diese Laderei! Die meisten Ochsen trugen nur ein Stück Gepäck auf dem Rücken. Es fehlte also das Gegengewicht zweier auf beiden Seiten eines Saumthieres verladener Gepäckstücke. Die Aschuma hatten keine eigentlichen Buckelochsen, aber auch keine mit ganz flachen, breiten Rücken. Bei der Beladung fasste man die Thiere beim Maul oder griff ihnen in die Nüstern, und das Packen ging dann ziemlich schnell von statten. Aus freien Stücken führten die Aschuma noch Reservethiere bei sich, um täglich wechseln zu können.
Aber was waren das für Märsche! Man bedenke nur, dass Kasen in gerader Linie von Massaua nur etwa 60 km, von Ailet, wo doch schon die Schwierigkeiten beginnen, etwa 40 km entfernt ist. Aber mit der Schönheit der Natur wachsen die Hindernisse. Wasser überall in Hülle und Fülle und bald auch Regen dazu, als wir uns auf der schon bedeutenden Höhe von 1900 m befanden! Um nur diese kurze Entfernung von ca. 40 km zu überwinden, brauchten wir sechs Tagemärsche, denn erst am 29. December hatten wir bei Kasen die eigentliche Hochebene von Hamasen erreicht.
Keine Abenteuer. Zwar begegneten uns einigemal kleine Gruppen, aber nach freundlichen Begrüssungen, nachdem man sich über das Woher und Wohin unterrichtet, setzte jeder seinen Weg fort. Wir kamen auch zu einigen Ansiedelungen der Aschuma, namentlich im Uainathal, wowir funfzehn elende Strohhütten fanden. Frische Waldbrandplätze deuteten an, dass hier die Aschuma ihre Durra dem Boden anvertrauen wollten. Sie sind also keine reinen Nomaden, d.h. Menschen, welche nur vom Viehstande leben, sondern sie erbauen sich ihr Korn selbst. Ihre Heerden sind, wie sie selbst sagten, auch viel zu unbedeutend, als dass sie ausschliesslich davon leben könnten. Selbstverständlich nomadisiren, d.h. weiden sie auf ganz bestimmtem Grund und Boden. Sie sind in der unangenehmen Lage, dem Naib sowol als auch dem Gouverneur von Hamasen Steuern entrichten zu müssen, und werden ausserdem noch von beiden nicht selten durch willkürliche Abgaben bedrückt. Ihrer Abstammung nach nicht mit den Küstenbewohnern verwandt, dürften sie den Abessiniern angehören. Ihre mehr als einfache, oft aber nur aus einem Hemd bestehende Kleidung ist die Schama. Als Waffen führen sie einen Spiess, einzelne auch einen Säbel, zwei von ihnen besassen uralte Luntenflinten. Das Haar tragen sie kraus und kurz geschnitten. Ihre Sprache ist der tigrinische Dialekt. Die Hautfarbe der meisten ein schmuziges Braun, das man jedoch vielleicht ebenso sehr dem Schmuz als der Natur zuschreiben muss. Die wenigen Frauen, die wir sahen, hatten sanfte Züge, starrten aber auch von jahrelang auf ihrem Körper haftendem Schmuz. Wie alle auf dem Gehänge von Abessinien lebenden Stämme wollen auch die Aschuma Mohammedaner sein. Ich wüsste aber nicht, dass sie das durch etwas anderes als durch ihre eigene Behauptung erhärten könnten, denn von den üblichen Gebeten verrichteten sie keins, und auch sonst gaben sie keine auf den Islam hinweisende Andeutungen.
Ich erwähnte vorhin, dass wir in den Thälern der untern Gehänge vollkommen tropische Vegetation vorfanden: riesige Sykomoren, Tamarinden, wildwachsende hohe Citronenbäume mit saftgrünen, glänzenden Blättern,aus deren Kronen unsere flinken Abessinier einen willkommenen Vorrath von kleinen, aber kräftig schmeckenden Früchten herabholten, prachtvolle Ricinusstauden, Myrten, höher hinauf erst abessinische Rosen und Jasmine, Aloë, Carissa edulis, wilde Oelbäume und überall auf dem Boden schöner Graswuchs. Dass sich in einer mit so üppigem Pflanzenwuchs bedeckten Gegend ein grosser Thierreichthum vorfindet, brauche ich kaum zu bemerken. Einmal glaubten wir, es war nachts, als wir bei Chor Agenat lagerten, dicht bei unserm Lagerplatz sogar einen Löwen brüllen zu hören. Da wir aber am Morgen keine Spuren bemerkten und Löwen bekanntlich nicht wie die Paviane in Bäumen hausen, so wird es wol nur ein Ochse gewesen sein, welcher sich etwas von der Heerde entfernte.
Mitunter wahrhaft wunderbare Fernsichten! Bei einer Bergwandung erblickten wir sogar deutlich Massaua am Rothen Meere! Wir sahen es noch einmal bei unserer Ankunft zu Kasen am Morgen vom hohen Geraraberg, welcher dem Kasenberge angehört. Ein unvergleichlich schöner Ausblick! Nachts zuvor hatte es geregnet. Als ich etwas vor Sonnenaufgang mein Zelt verliess, um wegen der im Zelte herrschenden feuchten Luft draussen meinen Kaffee einzunehmen bei einem prasselnden Feuer, dessen Nahrung aus wohlduftenden Wachholderästen bestand, zertheilten sich die Wolken und sanken dann, als würden sie auf einer Bühne vom Schnürboden herabgelassen, immer tiefer und tiefer. Oben der bereits lichtblau gewordene Himmel, als lächle er der Sonne entgegen, die sich noch unter dem Horizont befand! Immer fester ballten sich von Kuppe zu Kuppe die schweren Haufenwolken zusammen. Da entstieg die feurige Kugel dem Meere. Dort Massaua! Und zu unsern Füssen wie aus einem einzigen Guss ein riesiges Eisfeld, eine Schneefläche, ein grossartiger, silberstrahlender Gletscherteppich, der sich zur Ebene hinab entfaltete.Das waren die Haufenwolken, welche nachts über uns regneten und jetzt, von der Sonne getroffen, sich den mächtigen Abhang hinabwälzten. Hier und dort einzelne schwarze Bergkuppen, welche das weisse Brauttuch der Natur durchbrachen! – Solche Augenblicke vergisst man nie.
Der letzte Aufstieg, nur noch ca. 400 m hinan, war der allerschlimmste. An Reiten konnte man der Steilheit wegen nicht denken. Ein eigentlicher Weg existirte ja auch gar nicht, denn sehr selten nimmt man die Richtung auf Kasen. Es ist das der Weg, den auch Herr von Katte vor Jahren einschlug, als er in Abessinien eindrang.
Westlich vom Rande des Berges in mehr niedriger Gegend befindet sich der kleine ärmliche Ort Kasen. Jetzt waren wir also in der Machtsphäre des Negus Negesti. Von dem Augenblick an hörte man auf, ein freier Mensch zu sein, denn im Grunde genommen ist jeder, einerlei ob Fremder oder Eingeborener, Privatmann oder Gesandter, im Bereiche des abessinischen Herrschers weiter nichts als ein Object, eine Persönlichkeit ohne eigenen Willen. Selbst Gordon, dessen Machtfülle seinerzeit die des Negus Negesti von Abessinien bei weitem überstieg, hatte sich, einmal innerhalb Abessiniens, solchen Erwägungen nicht entziehen können.
Welch ein Leben und Lärmen, als wir auf das ärmliche Dorf loszogen, obwol die Bewohner desselben von unserer Ankunft unterrichtet worden waren. Denn seit mehrern Tagen befand sich dort ein Offizier mit Soldaten von der Armee des Generals Ras Alula, um aus der ganzen Umgegend Lastochsen zu requiriren, womit er mir, einem Befehle des Generals gemäss, bis Ailet entgegenkommen sollte. Aber die Aufregung der Bewohner war eine freudige.
Nach so anstrengenden Aufmärschen beschloss ich,Rasttag zu machen, und liess unser Lager sowie mein grosses Prunkzelt aufschlagen und die deutsche Flagge entfalten. Bald darauf kam der abessinische Offizier mit der Meldung, er habe 50 Ochsen zur Verfügung und würde mich, wie ihm befohlen, zum General geleiten. Mit Verwunderung bemerkte ich, dass seine Soldaten zum Theil gute Waffen und zwei sogar Remingtongewehre besassen. Die Aschuma wurden nun abgelöhnt und noch reichlich mit Geschenken versehen, worauf ich um so mehr hielt, als die Treiber, welche mit Mr. Lombard heraufgekommen waren, sich bitter über zu kärgliche Bezahlung beschwerten.
Unsere Zelte umlagerten unzählige Abessinier, welche aus der ganzen Umgegend, namentlich den Ortschaften Amne Petros, Asen und Amba Bero kamen, um uns anzustaunen. Auch die Dorfmusik von Kasen erschien, um uns ein Willkommständchen zu bringen. Zahlreich war sie nicht: nur zwei Individuen, welche dasselbe Instrument bliesen, d.h. eine Art Schalmei, der Vater ein 1,5m langes, mit Leder überzogenes Tutrohr, der Sohn ein kleineres, aber ebenso construirtes. Nur zwei Töne konnten sie aus diesen riesigen Nachtwächterhörnern hervorbringen. Das Merkwürdigste, Niedagewesene bei diesem ohrenzerreissenden Concert war aber, dass sich beide Musikanten, nachdem sie, langsam hin- und herschaukelnd und ihr langes Blasrohr auf- und absenkend, sich in musikalischen Ergüssen versucht hatten, auf den Rücken legten und nun unisono den Himmel anbliesen. Entsetzlich, aber auch komisch zugleich, sodass Stecker und ich schnell ins Innere des Zeltes eilten, um nicht die andächtig lauschende Menge, welche das alles wunderschön fand, durch hier unpassende Heiterkeitsausbrüche zu stören.
Ich machte auch einen Spaziergang nach und durch Kasen, ein auf und an einem Hügel sehr unregelmässiggebautes Oertchen mit höchstens 700 Einwohnern. Die viereckigen, aber auch länglichen Häuser bestehen aus Thon. Ausserdem vereinzelte runde Hütten. Die Dächer sind aus Laubwerk und Schilf. Manche an die Bergwand gelehnte Wohnungen haben flache Dächer, von welchen man gleich zu Berg steigen kann. Die Kirche in Kasen ist entgegen der abessinischen Regel, welche Rundstil vorschreibt, viereckig. Daneben befindet sich eine runde Hütte für den Priester. Man sieht übrigens in Kasen ebenso viele leergebrannte Stätten wie bewohnte, und dies spricht deutlich genug von den auf der Grenze üblichen Plünderungen und Mordbrennereien. Kasen, zwischen Mai Adora und Mai Mesrob, welche sich gleich unterhalb des Ortes vereinigen und einen Quellfluss des Anseba bilden, liegt 2450 m über dem Meere, der Rand des Hochlandes dagegen nach Osten zu noch 110 m höher. Immerhin eine ganz ansehnliche Höhe, sodass morgens vor Sonnenaufgang das Thermometer auf den Gefrierpunkt sank. Das hinderte jedoch keineswegs ein und von nun an beständiges nächtliches Blitzen und Wetterleuchten. Wie weit waren wir denn auch von der tropischen Hitzegegend entfernt? Nach Osten, Süd und Nordost in gerader Linie höchstens 15–20 km. Dort fanden die Gewitter statt, von denen wir die feurigen Elektricitätserscheinungen sahen, den Donner aber nicht hören konnten.
Die Einwohnerschaft liess es an Aufmerksamkeiten aller Art nicht fehlen. Freilich die Lieferungen gingen spärlich ein. Der Hauptmann theilte mir mit, dass ich bis zum Hauptquartier täglich ein Anrecht habe auf einen Ochsen und 120 Brote. Am ersten Tage aber erhielt ich nur 20, am folgenden jedoch 80 Brote. Selbstverständlich zahlte ich dafür baares Geld und mindestens den dreifachen Werth. Zum Lobe des von Ras Alula geschickten Adjutanten muss ich erwähnen, dass er durchaus keinGeldgeschenk annehmen wollte. Natürlich bestand ich nicht auf Eintreibung der Lieferungen. Nur im äussersten Nothfalle, wenn ich für meine zahlreiche Dienerschaft nichts zu essen hatte und für Geld keine Nahrungsmittel irgendwo erhalten konnte, machte ich von dem mir zustehenden Rechte der Eintreibung Gebrauch.Jedesmal aber zahlte ich dafür den Liefernden mindestens den doppelten Werth in Geld.
In Kasen war es schwer, sich Kleinigkeiten zu verschaffen. Aegyptische Kupfermünzen wollten die Leute nicht nehmen. Warum? weiss ich nicht, denn so nahe der Grenze, konnten sie dieselbe leicht wieder verwerthen. Amole oder Salzstücke hatten bei ihnen auch keine Währung, übrigens besassen wir auch noch keine. Für jede Kleinigkeit verlangten sie einen Thaler, und so erhielten denn auch die Musikanten für das vorhin erwähnte Ständchen einige Thaler. Allerdings etwas unvorsichtig von mir, denn meine Grossmuth zog mir nun alle Musikbanden der Umgegend auf den Hals. Jede Ortschaft schickte ihre Musik. Aber damit war es noch lange nicht genug.
Johannes, mein Dolmetsch, kam plötzlich mit dem Rufe ins Zelt gestürzt: „Die Geistlichkeit, die ganze Geistlichkeit kommt!“ Ich bat Stecker, Anordnung zu treffen, dass man unsere Lehnsessel vor die Zelte trage, einen Teppich ausbreite, um die Herren draussen zu empfangen, denn gerade bei der abessinischen Geistlichkeit ist der grösste Schmuz, da man es für gottgefällig hält, sich so wenig wie möglich oder auch nie zu waschen, es sei denn, dass man sich der Wiedertaufe unterzieht.
Und da kamen denn die würdigen Diener der abessinischen Kirche wirklich heran: langsam in feierlichem Schritt, wie es solchen heiligen Männern geziemt, alle im Ornat; der erste mit einem monstranzähnlichen Instrument, der andere mit einem Kreuz, der dritte mit einer Kirchenschelle, der vierte mit einem seidenen Fähnlein; im ganzen etwa 30 Personen, Knaben und Mönche einbegriffen, letztere mit gelben Käppchen und Ledermantel. Im Halbkreis standen sie vor meinem Zelt und begannen Litaneien zu singen, ja, sie tanzten sogar, und ich möchte ihre dabei gemachten Bewegungen keineswegs anständig nennen, wenigstens wie wir die Sache auffassen. Ich liess endlich dem Oberpriester einige Thaler reichen, worauf er eine lange Rede hielt: „Wir sind nicht des Geldes wegen gekommen, sondern um die Ankunft eines weit hergekommenen Glaubensgenossen zu feiern!“ u.s.w. Ich erwiderte: das Geld sei nicht für sie, dazu sei es viel zu wenig, sie möchten es den Armen ihres Sprengels geben. Damit, glaubte ich, habe die Geschichte ein Ende. Aber weit gefehlt. Die ganze Gesellschaft fing an, sich zu setzen und von neuem zu singen. Wie der Dolmetsch mir mittheilte, sangen sie jetzt mein Loblied, und erst als sie beim Dunkelwerden merkten, dass trotz der überschwenglichsten Lobeserhebungen nichts mehr herauszuschlagen sei, zogen sie ab. Aber ganz früh am andern Morgen vor Sonnenaufgang weckte man mich abermals durch Musik. Die Musikanten, weil maulthierberitten, kamen entweder weit her oder waren vornehm: der eine von ihnen, ein Minnesänger, trug sogar ein Ehrenkleid von Goldbrokat. Ihre Instrumente waren dieselben, und eine Art einsaitiger Violine war auch dabei.[73]Nachdem sie eine Zeit lang gesungen, liess ich ihnen der Vorsicht halber, um nicht allzu sehr von Musikanten überlaufen zu werden, blos einen Thaler verabreichen. Der Hauptbarde meinte zwar, dass wol ein jeder von ihnen einen Thaler verdient habe, da sie so weit hergekommen seien. Indess ritten sie doch, mit der kleinen Gabe zufrieden, davon, und ich muss hier sagen, dass sich fast immer abessinische Bettler als genügsam und freundlich bescheiden erwiesen.
Da die Aschuma wieder zurückkehrten, so musste ich das Anerbieten des mir entgegengeschickten Offiziers, mir Ochsen und Esel zum Transport meiner Sachen nach Tsatsega zu stellen, annehmen. Ich beschloss aber, sobald wie möglich Maulthiere zu kaufen, um ganz unabhängig von der Regierung reisen zu können. Denn gerade das macht eine Reise in Abessinien so entsetzlich unangenehm, wenn man nur auf die Hülfe der Regierung angewiesen ist. Freilich kann man dadurch erheblich sparen, denn die Dorfbewohner sind ja gezwungen, das Gepäck des Reisendenumsonst, entweder auf ihren eigenen Schultern oder mit ihren Thieren, fortzuschaffen. Aber wie sinkt man dadurch nicht nur in den Augen der Bewohner, die natürlich höchst ungern für einen Fremden fronen, noch unlieber, als für ihre eigenen Beamten und Vornehmen, sondern auch in der Meinung der Regierung, welche mit Verachtung auf den Reisenden oder den Gesandten herabblickt, der ihr zur Last fällt.
Das Beladen der abessinischen Rinder bereitete aber weit mehr Schwierigkeit als das der Aschuma. Ich bat daher Stecker und Karl Hubmer, mit unsern beladenen Maulthieren voranzureiten und mich beim Ras Alula anzumelden, während ich selbst mit dem Offizier und den Soldaten bei dem übrigen Gepäck zurückblieb. Erst ziemlich spät brach ich auf. Der Weg nach Tsatsega, ca. 22 km entfernt, bietet keine grosse Schwierigkeit. Die Gegend ist grossgehügelt, manchmal mehr oder weniger mit Büschen bestanden. Vereinzelt erscheint nun auch der so echt abessinische Kandelaberbaum, Euphorbia kolqual. Im ganzen aber macht die Landschaft einen Eindruck von Kahlheitund Oede, denn wenn man auch auf zahlreiche, nach Westen abdachende, die Gegend belebende Wasserfäden und nach so schrecklichen Zeiten und Kriegen mit Staunen und Freude auf die grossen und schönen Rinderheerden blickt, so erinnern einen doch immer und immer wieder die eingeäscherten Dörfer an die Schreckensscenen, welche sich vor kurzem hier abgespielt haben mögen. Man passirt nur einen bewohnten Ort, Baderho, wo der General eine Ehrenwache, eine Compagnie gut bewaffneter Soldaten, hatte aufstellen lassen, unter deren Begleitung ich weiter zog. Endlich erblickt man auf einer Anhöhe, wo sich auch die grosse Kirche von Adeköntschi befindet, das imposante Lager. Man durchreitet noch den Mai Gola und ist dann inmitten der Truppen, welchen man für gewöhnlich die Vertheidigung des Landes gegen den Erzfeind, den Aegypter, anvertraute.