SIEBENTES KAPITEL.EMPFANG BEIM RAS ALULA UND REISE NACH ADUA.

SIEBENTES KAPITEL.EMPFANG BEIM RAS ALULA UND REISE NACH ADUA.

Ras Alula’s Wohnung. – Balata Gebro. – Geschenke. – Ras Alula’s Aeusserungen. – Gebro’s Besuch. – Das Lager. – Bewaffnung und Ernährung der Soldaten. – Herr Lombard. – Abschied vom Ras Alula und Gebro. – Ehrlichkeit der abessinischen Diener. – Hauptmann Mariam. – Der Mareb. – Vegetation. – Das Profitmachen abessinischer Beamten. – Sicherheit bei Fortschaffung des Gepäcks. – Heuglin’s Irrthum. – Der Ort Godofelassi. – Der Abstieg zum Mareb. – Gudda Guddi mit den bleichenden Gebeinen. – Der Mareb. – Die Stadt Adua. – Der Waffenschmied Mr. Baraglion. – Herr Schimper und Prinz Lidj-Ambe. – Der Markt in Adua. – Schwatzhaftigkeit der Abessinier.

Ras Alula’s Wohnung. – Balata Gebro. – Geschenke. – Ras Alula’s Aeusserungen. – Gebro’s Besuch. – Das Lager. – Bewaffnung und Ernährung der Soldaten. – Herr Lombard. – Abschied vom Ras Alula und Gebro. – Ehrlichkeit der abessinischen Diener. – Hauptmann Mariam. – Der Mareb. – Vegetation. – Das Profitmachen abessinischer Beamten. – Sicherheit bei Fortschaffung des Gepäcks. – Heuglin’s Irrthum. – Der Ort Godofelassi. – Der Abstieg zum Mareb. – Gudda Guddi mit den bleichenden Gebeinen. – Der Mareb. – Die Stadt Adua. – Der Waffenschmied Mr. Baraglion. – Herr Schimper und Prinz Lidj-Ambe. – Der Markt in Adua. – Schwatzhaftigkeit der Abessinier.

Es ist Sitte in Abessinien, dass Fremde, sobald sie einen Gouverneur, einen Ras, einen Negus oder auch den Negus Negesti besuchen, sofort nach ihrer Ankunft, ehe sie ihre Wohnung beziehen, sich zu demselben begeben. So denn auch ich. Aber ein solcher Besuch dauert nur einige Minuten, man sagt Guten Tag, das ist alles.

Beim Betreten des sehr umfangreichen Lagers empfingen mich von allen Seiten Soldaten, Frauen und Kinder, sodass meine Ehrenwache nur mit grosser Mühe die Andrängenden von mir abzuhalten vermochte. Die auf einem beherrschenden Punkte mitten in Tsatsega errichtete Reisigwohnung des Generals bestand aus einer grossen Verandavon Holz und Laub, die in eine sehr geräumige runde, mit spitzem Dache versehene Hütte führte. Vorhof und Hütte waren gedrängt voll von verschiedenen Würdenträgern, welche dem Ras zur Erhöhung seines eigenen Glanzes dienen sollten. Denn schliesslich sind ja auch dem Menschen die Menschen selbst ein höherer Schmuck als grosse Säle mit Prunkstücken.

Ras Alula sass auf dem Angareb, d.h. auf der mit Lederstreifen überspannten Bank, welche, abgesehen von der uns nicht angenehmen Höhe von 80 cm, recht bequem ist. Auf den Lederstreifen liegen zur Bereicherung des Sitzes Teppiche und Kissen. Neben seinem Angareb befand sich ein ähnlicher für mich, und auf der andern Seite ein grosser, auf der Erde ausgebreiteter Teppich, auf welchem die Anwesenden, welche das Recht oder die Erlaubniss hatten, in seiner Gegenwart zu sitzen, nach Art der Türken Platz nahmen. Hinter dem Angareb des Ras stand ein junger Mann, trotz seiner Jugend schon Oberst und überdies Verwalter eines wichtigen Amtes: er war Oberstfliegenwedler.

Nach kurzer Begrüssung ging ich auf den Ras zu und gab ihm die Hand; er fragte nach meinem Befinden und erzählte, was mir besonders auffiel, unmittelbar darauf, dass er soeben von den abessinischen Provinzen Bogos und Mensa Steuern eingetrieben, d.h. sie ausgeplündert habe, denn das ist in diesem Falle darunter zu verstehen. Mein Dolmetsch, Johannes, war nicht zur Stelle, und die Unterhaltung ging nur schwierig von statten, weshalb ich mich bald verabschiedete. Die Ehrenwache begleitete mich zum Wohnplatz des Generals Balata Gebro, jenes bekannten Freibeuters, welcher 1876 den ägyptisch-amerikanischen Geologen Mitchell gefangen nahm.

Die sehr geräumige Wohnung Balata Gebro’s bestand aus verschiedenen grossen umzäunten Hütten, Zelten u.s.w.,die er fast ganz zu unserer Verfügung stellte. Stecker jedoch, der meinen Widerwillen gegen abessinische Wohnungen kannte, gerieth mit ihm in grossen Wortwechsel, da er unsere Zelteausserhalbder Umzäunung wollte aufschlagen lassen, was Balata Gebro entschieden verweigerte, indem er sich auf Befehle berief und meinte, nur innerhalb seines Gehöftes uns vor Neugierigen schützen zu können.

Und so mussten wir denn die Zelte innerhalb der Umzäunung aufschlagen lassen. Bald darauf schickte der Ras einen Ochsen, ein Schaf, 100 Brote, einen Topf mit Butter, einen Topf mit Honig und einen Sack mit Gerste, mit der Erklärung, dass von jetzt an alle Tage in jeder Ortschaft diese Lieferung an mich zu geschehen habe. Natürlich übergab ich dem Ueberbringer das entsprechende Gegengeschenk in Geld.

Am folgenden Tage, am 1. Januar 1881, überreichte ich dem Ras meine Gaben: einen Winchesterkarabiner (Repetirgewehr zu neun Schuss, von Lefaucheux in Paris), eine schön vernickelte Weckuhr, einen grossen wurzener Teppich und seidenen Sonnenschirm, beide Stücke für Frau Ras Alula. Alles fand den Beifall des Generals. Sodann wurde Tetsch gereicht. Als ich, wie tags vorher, mein Glas auf einen Zug leerte – in Massaua hatten mir die Europäer gesagt, es sei das so Sitte bei den Abessiniern – fragte mich der General verwundert lachend, warum ich den Inhalt so schnell leere? Auf meine Antwort erwiderte er: „Was wissen die verfluchten Türken von unsern Sitten? Im Gegentheil, wir trinken langsam und nie viel auf einmal.“ Aus der jetzt zwanglosen Unterhaltung will ich nur die Worte Ras Alula’s anmerken: „Wenn Aegypten uns nicht die uns geraubten Provinzen zurückgibt, werden wir Massaua und Chartum zerstören.“

Abends besuchte uns in unserm Zelt Balata Gebro.Wahrscheinlich hatte er tagsüber schon viel Tetsch getrunken. Er lehnte den Thee ab, den wir gerade tranken, aber einige Wassergläser voll Cognac – noch dazu Hennesy Cognac – verschmähte er nicht, sodass er bald in sehr erregter Stimmung zu prahlen anfing: „Bin ich nicht der gefürchtete Balata Gebro? Reicht nicht mein blosser Anblick hin, um 2000 Türken in die Flucht zu jagen? Ich bin der Held, der jenen Diener der Ungläubigen, Mitchell, gefangen nahm! Ich tödtete mit eigener Hand 100 Aegypter. Ich entmannte mit eigener Hand 25 Ungläubige.[74]Ich bin der Starke und Unüberwindliche. Ich bin der Träger des schwarzen Leopardenfells. Es mögen 5000 Türken kommen, ich allein werde sie vernichten. Man nennt mich denmagernBalata Gebro, aber der magere Balata Gebro ist ein Löwe. Man nennt mich den magern Balata Gebro, aber der Balata Gebro entmannt und tödtet alle seine Feinde!“

So ging es noch lange weiter, bis ich seine Besiegung beschleunigte durch ein viertes Wasserglas voll Cognac, den Rest der ganzen Flasche. Er goss es hinunter und stürzte dann wie angeschossen zum Zelt hinaus nach seiner gegenüberliegenden Wohnung, um dort seine Niederlage zu verschlafen.

Merkwürdigerweise schien Balata Gebro am folgenden Tage vom Katzenjammer nichts zu spüren. Als ich morgens um 5 Uhr zum Frühgottesdienst ritt, kam er mir schon entgegen, da er mit dem Ras bereits ganz früh zur Kirche gewesen war. Diese dem heiligen Michael gewidmete Kirche von Tsatsega zeichnet sich durch nichts Besonderes aus: nur die reich mit Elfenbein ausgelegte Bundeslade, angeblich 500 Jahre alt, ist sehenswerth. Als wir zur Kirche kamen, war trotz der frühen Stunde der Gottesdienst schon vorüber, welcher eigentlich von Mitternacht bis Sonnenaufgang dauert. Die Geistlichkeit, einige im Vorhof lungernde Mönche und Nonnen bekamen ihr Geldgeschenk und wir dafür den Segen.

Tsatsega liegt 2328 m über dem Meere auf dem rechten Ufer des Mai Gola, eines der Quellflüsse des Anseba. Der Ort selbst, welcher aus wenigen Hütten von Thon besteht, ist unwichtig, wichtiger das umfangreiche Lager. Indess fand ich die Grösse desselben und die Zahl der anwesenden Soldaten sehr übertrieben. Ich glaube kaum, dass in Tsatsega mehr als 2000 Soldaten standen, mit Alten, Weibern und Kindern im ganzen 10000 Seelen. Wenn aber dennoch der Ras Alula im gewollten Augenblick über vielleicht 20000, ja 50000 Mann gebieten kann, so muss man bedenken, dass die grösste Zahl der dem Bauernstande angehörenden bewaffneten Soldaten beurlaubt werden, aber verpflichtet sind, auf den ersten Ruf zu erscheinen. Das Lager war in Gruppen geordnet. Um ein grösseres Zelt, um eine grössere Hütte standen kleinere für die Soldaten, sodass der Offizier oder der Anführer immer inmitten seiner Untergebenen sich befand.

Was die Soldaten anbetrifft, so fand ich eine grosse Veränderung zwischen denen, welche ich zur Zeit des Kaisers Theodor sah, und denen des jetzigen Negus Negesti. Theodor’s Soldaten hatten nur in vereinzelten Fällen und obendrein vorsündflutliche Gewehre; meistens nur Spiesse, Säbel, Schilde u.s.w. Spiesse und Schilde sind auch heute noch da, aber dass sie aus der Mode kommen, merkt man an der unsorgfältigen Arbeit. Nur selten noch sieht man jene sonst so häufigen, mit schönem Gold- und Silberfiligran versehenen Luxusschilde.

Jetzt sind fast alle Soldaten, sobald sie im Felde stehen, stets mit Flinten bewaffnet. Und wenn man auch noch oft genug Lunten- oder Steinschlossflinten sieht oder solche mit dem schon neuern Zündhütchenschloss, so findet man doch auch viele Hinterlader. Mindestens 15000 Remingtongewehre sind mit ausreichender Munition im Besitze des Negus. Man darf aber keineswegs glauben, dass die Soldaten Abessiniens irgendeinen Vergleich mit unsern regelmässigen Armeen aushalten. Bei weitem nicht einmal mit den ägyptischen, vielleicht nicht einmal mit den marokkanischen Truppen. Der abessinische Söldling bekommt nie Sold, der Offizier nie Zahlung. Die Soldaten sind wie die Civilpersonen gekleidet. Eine Schama, meist herzlich schlecht und immer von sehr zweifelhafter Reinlichkeit, darunter Hose und Hemd aus Baumwolle, bilden die Uniform. Der Kopf barhaupt, aber das Haar mit Vorliebe in kleinen oder auch grossen Wulsten geflochten, dazu ein dicker Siegelring und um die Schultern ein Schaf- oder Ziegenfell mit 2 Fuss langen Fransen, oft auch statt dessen ein Löwen- oder Pantherfell für die besonders Tapfern – das ist der Schmuck der Soldaten. Ausserdem im Sommer stets noch der unvermeidliche tellerartige Sonnenschirm von Stroh. Endlich ein langer krummer Säbel an der rechten Seite. So ausstaffirt kommt der abessinische Soldat daher. Stolz blickt er auf jeden hernieder: ihm gehört das Land, für ihn muss der Bauer arbeiten. Er selbst arbeitet nie, auch der geringste Soldat rührt nichts an, um etwa seinen Unterhalt zu erwerben. In dieser Beziehung hat er ganz den dummen Dünkel der mittelalterlichen Barone und Lanzknechte. Ja, er ist so eitel, dass er nicht einmal selbst seine Waffen trägt, dazu hat er seinen Pagen, seinen Waffenträger, ganz wie die Cavaliere des Mittelalters. Und man merke wohl, ich rede immer vomgemeinenSoldaten. Diese jungen Waffenträger, oft nurim Alter von zehn bis zwölf Jahren, alle freiwillig sich stellend, welche zuerst als solche eintreten und für ihren Dienst nichts erhalten als einen Theil der Beute beim Plündern, bilden die Rekruten des abessinischen Heeres. Im Alter von 18 Jahren oder auch schon früher suchen sie sich einen Schild zu verschaffen, denn der Schild gilt immer noch als besonderer Kriegsschmuck, namentlich wenn etwas Silber daran ist; dazu einen Säbel, ein Gewehr, und nun überreden sie andere Knaben, ihre Aeltern zu verlassen und in den Wehrstand zu treten. Aber wenn die Generale, die Offiziere und Soldaten nie Löhnung bekommen, wovon nähren, wovon kleiden sie sich? Mit den Lilien auf dem Felde kann man sie doch wol nicht vergleichen. Ausschliesslich von Plünderung! Die Beute wird regelrecht vertheilt. So und so viel bekommt der Anführer, so und so viel die Offiziere, so und so viel der Soldat. Daher auch die ewigen Raubzüge der Abessinier. Der Negus, die Grossen, welche eine seiner Armeen commandiren,müssenfortwährend Krieg führen, um ihre Truppen ernähren zu können. Das ist recht traurig, denn eigentlich ist es ein beständiger Krieg einiger gegen alle. Solange der Kriegszustand mit Aegypten dauert, kann man in diesen Raubzügen wenigstens eine gewisse Gesetzmässigkeit erblicken: man findet es begreiflich, dass die Abessinier sich für die geraubten Provinzen zu entschädigen suchen. Und solange noch auf der Grenze Völker und Gegenden existiren, auf welche der Negus Negesti glaubt seine vermeintliche Souveränetät ausdehnen zu müssen, kann man in den Kriegszügen wenigstens einen Schein von Recht entdecken. Aber wenn nun alles das einmal aufhört, wenn es gelingt, mit Aegypten Frieden zu schliessen, wenn die angrenzenden Provinzen unterworfen sind: was dann? Das ist eine Frage, welche ich kaum wage zu beantworten. Entweder man muss das Heer bedeutend vermindern, und im Innern würde dabei für die Regierung gar keine Schwierigkeit vorliegen, weil sie im Besitze der vielen Amben, d.h. natürlichen Festungen, mit Leichtigkeit auch das widerspenstigste Volk zügeln könnte, oder aber man muss das eigene Volk ausplündern. Regelmässige Abgaben nämlich gibt es bisjetzt nicht in Abessinien. Zwar steht dieses Land durch seine Religion immerhin auf einer relativ hohen Stufe der Cultur, aber wie unendlich viel ist darin noch zu thun!

Ras Alula hatte zu meiner schleunigen Abreise ebenso viel Lust wie ich selber. Wahrscheinlich kam ihm der Befehl, mich so rasch wie möglich zu befördern. Zwar erhielt ich von Herrn Hassen Bei aus Massaua die Meldung, dass Professor Reinisch meinen Dolmetsch Johannes für die österreichischen Jagdherren, Fürst Esterházy u.s.w., angeworben habe, aber ich trauerte seinetwegen nicht lange: einestheils dolmetschte er entsetzlich schlecht, andererseits war er trotz seines wiener Aufenthaltes körperlich schmuziger als der schmuzigste Abessinier. Ausserdem erhielt ich von Ras Alula das Versprechen, dass ich Schimper von Adua mitnehmen dürfe. Johannes wollte mich überdies noch einige Märsche begleiten.

Wie ich früher schon erwähnte, waren Herr und Frau Lombard vor mir aufgebrochen und demnach auch früher beim Ras Alula angekommen. Ich konnte am ersten Tage ihre Wohnung von der meinigen aus bemerken, da ich ihre französische Flagge sah. Am Tage meiner Abreise erblickte ich die Fahne nicht mehr. Wir haben uns im Lager nicht gesehen. Für mich lag keine Veranlassung vor, ihn zu besuchen, und erwolltevielleicht nicht zu mir kommen. Herr Raffray, der französische Consul, gab mir noch einige hundert Thaler für ihn mit, die ich ihm gegen Quittung in Tsatsega zustellen liess. Ich erfuhr nun, dass dem Herrn Lombard die Reise ins Innere Ras Alulauntersagte, dessen Worte mir Balata Gebro folgendermassen wiederholte: „Ich weiss nicht, was Herr Lombard eigentlich beabsichtigt. Einmal will er nach Schoa, dann wieder zum Negus Negesti. Ein andermal verlangt er sogar von mir die Abhaltung einer Revue! Dann wieder ist er mit den gelieferten Lebensmitteln unzufrieden, ohne zu bedenken, dass dieselben keinem Muss entspringen, sondern eine freiwillige Liebesgabe sind.“ Und in der That, nur eine dieser Beschuldigungen, wenn sie begründet war, musste genügen, um das Mistrauen eines auch weniger mistrauischen Generals zu erwecken. Hätte Herr Lombard meine Vermittelung bei Zeiten angerufen, so konnte ich seine Weiterreise vielleicht ermöglichen. Vor allem würde ich ihm aber gerathen haben, sein Herz nicht auf die Zunge, seine Gedanken nicht auf die Lippen zu legen. Ich erfuhr sein Misgeschick erst am Tage meiner Abreise, und da war es zu spät, irgendetwas für ihn zu thun. –

Der Tag der Reise kam. Im letzten Augenblick gelang mir noch der Ankauf einiger Maulthiere, sodass mir die Regierung nicht viele Träger zu stellen brauchte. Jetzt ritt ich hinüber zum Ras, um mich von ihm zu verabschieden. In meiner Gegenwart gab er dem Hauptmann Mariam, der mich mit seinen Soldaten begleiten sollte, die letzten Anweisungen und einen schriftlichen Generalbefehl. Nun wollte ich mein Maulthier besteigen. Wie überrascht aber war ich, als ich vor dem Thore ein vorzügliches, prächtig gesatteltes Thier vorfand: eine Ehrengabe des abessinischen Ras.

EUPHORBIA KOLQUAL ODER KANDELABERBAUM.S. 151.❏GRÖSSERE BILDANSICHT

EUPHORBIA KOLQUAL ODER KANDELABERBAUM.

S. 151.

❏GRÖSSERE BILDANSICHT

Der Abschied von Balata Gebro war ein recht langer, obschon ich ihm gar keine besondern Geschenke dargereicht: einen ziemlich gewöhnlichen Revolver und einige hundert Mark in Maria-Theresienthalern, welche Stecker ihm heimlich zustecken musste. Er überwachte die Bepackung unserer noch durch sieben vermehrten Maulthiere und die schnelle Herstellung der Packsättel. Endlich um 10¾ Uhr setzten wir uns in Bewegung, die jedoch nur langsam erfolgte. Und dazu noch: ich hatte die Ehrenwache noch nicht abgelohnt! Jetzt die Abladung eines Maulthieres, die Oeffnung der Kiste, die Herausnahme des Geldes, und das alles unter den Augen der umstehenden Abessinier! Aber nicht genug kann ich die Ehrlichkeit der abessinischen Diener, ihr anständiges Benehmen hervorheben: auf der ganzen Hin- und Rückreise ist mir nie etwas abhanden gekommen. Auch murrten die Leute niemals, als ob sie zu wenig bekommen hätten. Und so ging es denn auch mit dieser Angelegenheit glatt ab, und die Ehrenwache zog sich ganz zufrieden zurück, während wir mit unserer kleinen Bedeckung, unter dem Commando des Hauptmanns Mariam, der uns bis zum Negus Negesti begleiten und namentlich für die täglichen Lieferungen sorgen sollte, Tsatsega verliessen.

Im allgemeinen ging es nun südlich, zuweilen westlicher und dann wieder mit östlicher Abweichung. Je mehr ins eigentliche Abessinien hinein, desto schöner und fruchtbarer wurde die Gegend. Wir passirten noch am selben Tage den Mareb, der etwas weiter östlich von der Stelle unsers Ueberganges tief eingebettete, steile, aber äusserst malerische Ufer hat. Ein kleiner Wasserfall belebt noch die wundervolle Scenerie. Trachyt, Basalt herrscht hier noch vor; der Kandelaberbaum drückt der Pflanzenwelt den Stempel auf; der Grund ist dick bestanden mit einem binsenartigen Gras, tara ualia, d.h. Mädchenhaar, das vielleicht auch einmal für die Industrie dienstbar gemacht werden kann, wie die Stipa tenacissima. Bei 2000 m Höhe lagerten wir nachts in der Nähe eines kleinen Dorfes Namens Addi Saul. Hier bemerkten wir zum ersten mal jene saftgrünen schönen Palmen, wahrscheinlich eine wilde Phönix, mit sehr feinen Wedeln, die Früchtereifen jedoch nicht, sind daher nicht geniessbar. Statt des Ochsen brachte uns der Schum (Ortsvorsteher) drei Schafe; der mich begleitende Hauptmann wollte nun zwar noch Geld drauf haben, aber ich verbot das ein für allemal.

Es ist eine in Abessinien ganz gewöhnliche Sitte – und man sagte mir, was ich kaum glauben mag, dass selbst europäische Reisende, sogarofficielle Abgesandtedieselbe mitzumachen sich nicht scheuten! – dass die einheimischen Beamten, wenn sie für den Negus oder sonst in officiellen Diensten reisen, sich nicht unerhebliche Summen dadurch zusammenbringen, dass sie sich täglich die ihnen zukommenden Rationen in Geld auszahlen lassen. Gesetzt den Fall, sie haben, wie ich damals, das Anrecht auf täglich ein Rind, ein Schaf, einen Topf Honig, einen Topf Butter und einen Sack mit Gerste, so repräsentirt dieses unter Brüdern ca. acht Maria-Theresienthaler. Sie überlassen nun alles dem Schum, um ihm auch einen Vortheil zu gönnen, für vielleicht fünf Thaler baar, stecken das Geld ein und profitiren somit bei einer Reise von 30 bis 40 Tagen 150–200 Thaler, für Abessinien eine enorme Summe, eine Summe, welche nach unsern Verhältnissen mindestens 1000–1500 Thaler beträgt. Und der echte abessinische Beamte treibt das Handwerk noch besser, indem er sich von den auf seiner Marschroute immer vorgeschriebenen Ortschaften, auf welche seine Verpflegung lautet, diese in Geld zahlen lässt, dafür aber andere benachtheiligt, die ihm Nahrungsmittel in natura liefern müssen.

Es sollen, wie gesagt, europäische Reisende auch geldlich von diesem System profitirt haben, und unmöglich ist es nicht, denn selbst mir bot man einmal drei Thaler, wenn ich auf ein zu lieferndes Rind verzichten wollte. Ich brauche wol kaum zu sagen, dass ich Herrn Schimper, meinen damaligen Dolmetsch, beauftragte, auf das Rind sowol wie auf das Geld zu verzichten. Ein für allemalhatte ich beschlossen, die Lieferungen durch Geld auszugleichen, und bei den billigen Preisen konnte dies ja auch leicht geschehen. Gordon war in dieser Beziehung mit gutem Beispiel vorangegangen, oft vielleicht zu grossartig aufgetreten; aber ich wollte nicht, dass der Vertreter Deutschlands hinter ihm zurückstände. Vollkommen unbegreiflich finde ich es denn auch, wenn verschiedene Reisende, welche doch wissen und fühlen müssen, dass derartige Lieferungen wenigstens für Europäer „Gastgeschenke“ sind, auftrumpfen, wenn sie nicht einlaufen und dann wol noch gar ohne entsprechende Geldgeschenke abziehen!

Die erste bedeutende Stadt, Namens Godofelassi, wenn ein Ort von ca. 1200 Einwohnern Stadt genannt zu werden verdient, erreichten wir, nach vielen Mühen und Weitläufigkeiten mit unserm Gepäck, am 7. Januar. Da ich noch nicht alle nothwendigen Maulthiere besass, so war ich immer noch für einen Theil des Gepäcks auf Träger angewiesen. Träger bekommt man stets nur mit Widerstreben, und dann gehen sie blos von Ort zu Ort. So musste manchmal ein Gepäckstück oder zwei liegen bleiben in einem Ort, da man so schnell keine Träger auftreiben konnte. Dann ging der uns begleitende Offizier zurück, und spätestens am andern Tage hatte ich alle meine Sachen wieder. Damals ärgerte ich mich über diese kurze Verzögerung. Bei ruhigem Nachdenken jedoch staune ich jetzt über die Schnelligkeit, mit der man alles Gepäck fortschaffte. Der arme Abargues de Sosten, welcher zum Fortschaffen des seinigen gar keine eigenen Maulthiere besass, musste wochenlang auf dasselbe warten. Eine Kiste lag am Wege, eine andere in einem Dorfe, eine dritte irgendwo. Und wunderbar! bei dieser Transportweise hat sich kein Reisender beklagt, dass ihm irgendetwas abhanden kam.

Die Gegend, welche wir durchzogen, war prachtvoll. Wie ein grosser mit herrlichen Bäumen bestandener Park;schöngrüne, blühende, oft durch reiche Culturen unterbrochene Büsche; Felder mit Schimbera (Lathyrus), einer Hülsenfrucht, welche fast wie Erbsen aussieht und schmeckt; Kolqual und Mimosen; am Wasser stets riesige Sykomoren!

Erwähnen muss ich, dass der sonst so zuverlässige Heuglin in seinen Angaben auf dem Wege nach Godofelassi eines Vulkans erwähnt. Er sagt darüber[75]: „3–5 Meilen westlich von unserm Weg zieht sich ein niedriges tafelförmiges Hügelland hin, Daba Meda (Meda heisst Ebene) genannt, an dessen Ostrand sich ein Krater mit Caldera und pyramidalem Eruptionskegel im Centrum erhebt; der Berg oder die Gegend heissen Az-Schemer. Die relative Höhe des Vulkans schätze ich auf 3–400 Fuss, die Kraterwände scheinen nach innen sehr steil abzufallen und sein Rand ausserordentlich scharf zu sein.“ Man könnte fast versucht sein, aus dem Worte „caldera“ zu schliessen, es handle sich um einen noch thätigen Vulkan. Aber trotz der überall vulkanischen Gesteinsmasse der Gegend gibt es keine thätigen feuerspeienden Berge oder Geiser in Abessinien. Der Berg und Name Az-Schemer[76]existirt gar nicht. Wahrscheinlich meinte Heuglin den bei Addi Baro liegenden Berg Addi- oder Az-Schikel, welcher jedoch nie ein Vulkan war. Ferner ist Daba Matta (nicht Meda, hat also auch nichts mit Ebene zu thun) ein mächtiger Gebirgsstock, welchen man schon von Adua im Süden, von Asmara im Norden sehen kann, ein Wegweiser und Wahrzeichen, von dem es nur auffällt, dass ihn Heuglin übersah.

Prachtvolle Pferde wurden in Godofelassi zum Verkauf angeboten, zu 6–12 Thaler das Stück, gute Maulthierenur spärlich, aber meiner Heerde konnte ich doch einige hinzufügen. Wir erstaunten über die vielen Hyänen und Schakale, welche unser Lager umschwärmten, letztere zeigten sich sogar am Tage. Neun Diener zur Vervollständigung unserer Karavane wurden angeworben; einen, welcher aus Eitelkeit sich weigerte, Holz zu holen, weil das, wie er behauptete, Frauenarbeit sei, entliess ich.

Godofelassi, früher halb christlich, halb mohammedanisch, hat jetzt nur noch einige mohammedanische Familien und dürfte überhaupt wol einer der wenigen Plätze sein, welchen Mohammedaner bewohnen. Denn im Jahre 1880 erliess der Negus Negesti einen Befehl, demzufolge alle Mohammedaner zur christlichen Kirche übertreten oder auswandern mussten. Fast alle zogen es vor, sich taufen zu lassen, wodurch ein ganz neues frisches Element unter die christlichen Abessinier kam, nicht etwa, weil ein volksthümlicher Unterschied zwischen Mohammedanern und Christen bestanden hätte, sondern weil erstere vor letztern sich durch Arbeitsamkeit und Kunstfertigkeit auszeichneten.

Je näher dem wahren Ufer des Mareb, desto mehr bedeckt sich die Gegend mit basaltischen Steinmassen, welche das Gehen – eigentliche Wege gibt es ja in Abessinien nicht – sehr erschweren. In Adi[77]-Dochale nächtigt man gewöhnlich und beginnt dann am folgenden Morgen, je früher desto besser, den Abstieg, der, obgleich nicht sehr hoch, ca. 500 m, doch ganz fürchterlich ist und das Reiten stellenweise fast zu einer Unmöglichkeit macht. Manchmal windet sich der Weg wendeltreppenartig hinab durch senkrecht stehende schwarzpolirte Basaltsäulen, welche an Schönheit mit denen der Fingalsgrotte wetteifern können. Wie es den Aegyptern möglich gewesen ist, hierArtillerie herabzuschaffen, erscheint unbegreiflich. Endlich sind wir bei den Granitblöcken von Gudda-Guddi, zwischen welchen Herr von Arendrup und Arakel Bei ihren letzten Verzweiflungskampf fochten. Wir zogen so schnell wie möglich durch die bleichenden Gebeine hindurch, obschon die Abessinier nicht müde wurden, uns wieder und wieder aufmerksam zu machen auf die Gruppen und Schädel der Erschlagenen, an denen man oft noch die Schuss- und Hiebwunden erkannte. Ein schreckliches, schauderhaftes Bild! Und dabei die schönste, reichste Natur, denn bei Gudda Guddi hat man nun schon eine solche Tiefe erreicht, dass die Pflanzenwelt mit einem mal wieder tropischen Charakter zeigt. Wir lagerten südlich von Gudda Guddi bei Mai Gome, im Schatten einer riesigen Akazie, welche durch ihre kleinen gelben Röschen die Luft mit balsamischen Düften erfüllte. Mai Gome ist kein Ort, sondern eine Quelle im Thal, dessen östliche Wandung den District Gundet bildet, aus mehrern Weilern bestehend, welche dem Balamberrassobe[78]unterthan sind, der hier zugleich eine Zollstation besitzt. Der stattliche Mann machte uns einen Besuch und brachte vorzügliches Weizenbrot zum Geschenk. Aber trinken konnte er! Ein grosses Quantum Absinth stürzte er ohne Zumischung von Wasser hinunter. Sein Ansehen bewies die Pünktlichkeit, womit sich die Träger und zwar in solcher Zahl einstellten, dass ich durch sie alle meine Sachen hätte fortschaffen können. Ja, am andern Tage war das von ihnen getragene Gepäck schon vor uns an Ort und Stelle.

Der Mareb, dieser bedeutende Fluss Nordabessiniens, der später den Namen Sobat, Chor el Gasch und endlich Atbara annimmt, war schon einmal als schmalster Wasserfaden von uns überschritten worden, der sich jetzt aberbreitbettig, jedoch wasserlos ausweitete. Nur hin und wieder hatten sich Tümpel erhalten, welche von grössern und kleinen Fischen wimmelten. Das Wasser floss unterirdisch. Die herrlichen Bäume mit riesigen Schatten gewährten uns einen willkommenen Platz für unsere Mahlzeit. Gigantische Feigenbäume und Tamarinden, die uns ihre fast reifen Früchte boten, um durch Zerquetschen Limonade daraus zu bereiten! Die Mareb-Ebene, besonders das eigentliche Mareb-Thal hält man mit Recht für ungesund. Aber weshalb sich die südlich ansteigende Gegend, speciell Hamedo-Gegend genannt, eines so schlechten Rufes erfreut, ist mir unbegreiflich.

Schon von der Hamasenschen Hochebene aus haftet der Blick an den bei Adua liegenden Bergen, von so wechselnder und seltsam wunderlicher Gestalt, dass man nicht weiss, ob die Aduenser Berge oder die von Semien malerischer sind. Immer deutlicher zeichneten sie sich jetzt ab, und wenn man bei Daro Tachele die Mareb- oder, wie sie auch genannt wird, Daro Tachele-Ebene verlässt, hat man sie dicht vor sich.

In der Nähe der Hauptstadt von Tigre schickte ich einen meiner Diener voraus, um Schimper meine Ankunft wissen zu lassen. Auch sollte er ihm den Brief des Grossherzogs von Baden einhändigen, worin dieser ihm anempfahl, in meine Dienste zu treten. Adua’s Nähe äusserte sich nicht nur durch die grössere Dichtigkeit der Ortschaften, sondern auch dadurch, dass man von Daro Tachele an ganz vereinzelt und einsam liegende Gehöfte erblickt, was in Hamasen bei so unsichern Zuständen nie vorkommt.

Den mächtigen Scholoda-Berg umgehend, hatten wir einen Vollblick auf Adua. Sofort erkannte ich die Stadt wieder, welche ich im Jahre 1868 schon einmal mit Herrn Stumm besuchte. Wie damals, liess ich auch jetzt ausserhalb der Stadt Lager schlagen und zwar auf dem rechtenUfer des Mai Gogo, welcher sich dicht unterhalb Aduas mit dem bei dieser Stadt vorbeifliessenden Assam verbindet. Adua mit seinen grossen Kirchen und einigen nicht nach der allgemeinen Schablone gebauten Häusern, welche mehr europäisch aussehen, nimmt sich, zumal mit seinem prachtvollen Berghintergrunde, äusserst malerisch aus. Es ist, namentlich in den letzten Jahren, so oft beschrieben worden[79], dass ich dabei nicht zu verweilen brauche. Verändert hat sich nichts seit meinem letzten Besuche, nur ein grosses Gehöft: die Wohnung des Negus Negesti am Fusse des Scholoda, dann eine grosse neue Kirche, welche der Negus aus Dankbarkeit für die über die Aegypter erfochtenen Siege errichten lässt und an deren innerer Ausschmückung man noch immer arbeitet, sind Neubauten.

Gleich nach meiner Ankunft suchte ich Schimper auf, fand ihn aber nicht zu Hause, da er mit dem Gouverneur von Tigre, Lidj-Ambe, einem Neffen des Negus Negesti, verreist war. Indess konnte ich doch einen Einblick thun in die Wohnung Schimper’s, welcher in Abessinien den Namen Ngdaschit führt, und freute mich, dass er, der kein geborener Deutscher ist, sondern nur etwa während zehn Jahre in Deutschland Erziehung genoss, aus unserm Vaterlande den Sinn für Reinlichkeit mitnahm. Ein sogleich abgeschickter Bote sollte Schimper von meiner Ankunft in Kenntniss setzen. Inzwischen schlugen wir Lager auf; einige Tage wollten wir hier bleiben.

Nun bekam ich auch Besuch von einem Europäer und zwar dem einzigen, der sich hier befand, einem Franzosen, Mr. Baraglion, einem echten Provençalen, welcher seit Jahren in Abessinien als Waffenschmied sich einiges Geld erwarb. Aber in Abessinien war leichter hinein- als wieder herauszukommen. Man verweigerte ihm stets die Erlaubniss, man brauchte ihn eben; er war der einzige wirkliche Waffenschmied im ganzen Lande, der sich auf die Ausbesserung von Flinten neuester Construction verstand. Zwar gelang es ihm, einen Theil seiner Gelder nach Massaua in Sicherheit zu bringen, aber er hatte noch eine namhafte Summe bei sich. Endlich erlaubte ihm der Negus Negesti Abessinien zu verlassen.[80]Aber mit wem die Reise machen? Mit Bianchi etwa, welcher kurz vorher durch Adua kam? Aber der schien ihm zu wenig Sicherheit zu bieten. Mit einer abessinischen Karavane? Die Abessinier würden mir das Geld geraubt haben, meinte er. Ganz allein? Nimmermehr! Da dachte er denn mit mir zu reisen, ich schien ihm zu seiner Befreiung aus diesem „Affenlande“, wie er Abessinien nannte, die meiste Gewährschaft zu bieten. Er wolle geduldig meine Rückkehr abwarten. Ich sagte ihm, sein eigener Consul, Herr Raffray, würde bald eintreffen. Aber er wollte nichts davon wissen. Und so versprach ich ihm denn, seinen Wunsch nach meiner Zurückkunft zu erfüllen.

Lidj-Ambe, der Gouverneur, und Schimper kamen am folgenden Tag und letzterer direct zu mir geritten, um mich zu einem Besuche beim Gouverneur einzuladen. So ritten wir denn hinüber: alle unsere Diener mit Flinten und in neuen weissen Schama hinein in die Stadt mit den engen ungepflasterten Strassen, die jedoch eines gewissen Reizes nicht entbehren, da aus dem Mauerwerk grüne Kräuter und Buschwerk hervorwuchern und über die Mauern Uonzabäume,Cordia abessinica,Arundo donaxund wilde Oelbäume ragen.

Lidj[81]-Ambe, welcher Dedjatsch ist, hat, obschon Prinz und Neffe des Negus Negesti, keineswegs eine so hervorragende Stellung wie Ras Alula, der Gouverneur von Hamasen. Dies zeigt sich auch an seiner Wohnung, welche kleiner, und an seinem Gefolge, welches geringer an Zahl ist. Lidj-Ambe entfaltete allen ihm möglichen Pomp, unterstützt zumal von Adua selber mit seinen grossen Kirchen und seiner hochgestellten Priesterschaft, welche der Gouverneur von Hamasen nicht aufweisen konnte. Diese hochbeturbanten[82]Priester gaben der Gesellschaft des Lidj-Ambe und ihm selber ein gewisses Relief. Im Anfang steif und zurückhaltend, unterhielt man sich bald recht zwanglos, und reichlich wurde guter Tetsch herumgereicht. Was soll man aber eigentlich mit solchen Leuten sprechen, welche an Kenntniss und Urtheil tief unter europäischer Bildung stehen? Und je grösser die Unwissenheit der Geistlichkeit, desto grösser ihr Fanatismus. – Besonders interessirte mich eine Persönlichkeit, die ich hier kennen lernte, da sie einen gewissen geschichtlichen Hintergrund hat: Mircha, Murcha oder Mirscha, der seine Erziehung in Bombay erhielt und bei Grant und Lord Napier als Dolmetsch fungirte, damals häufig erwähnt in den officiellen englischen Berichten. Leider wollte Lidj-Ambe nicht erlauben, dass Schimper mich begleite, obschon ich mich auf die Zusicherung Ras Alula’s berief. Seine beständige Antwort war immer: Ras Alula habe ihm nichts davon geschrieben. Da ich unmöglich vorher wissen konnte, dass die persönliche Freiheit in Abessinien so sehr beschränkt und der Einfluss des Ras Alula so weitreichend sei, hatte ich versäumt, mir von ihm ein Schreiben zu erbitten. Aber auf der Stelle schrieb und expedirte ich ein solches.

Wir besuchten auch einen Markt in Adua, und erstaunen muss man über die Menge der herbeiströmenden Käufer und Verkäufer, sowie über die Verschiedenartigkeit der zu verkaufenden Gegenstände. In Adua hat man als einziges Geld nur den Maria-Theresienthaler vom Jahre 1780, da das abessinische Kleingeld, die Amole[83], erst in den amharischen Provinzen Geltung hat. Indess kann man Amole kaufen. Für einen Thaler erhielten wir 48 Stück.

Der Markt von Adua findet im Nordosten auf einem keineswegs sehr ebenen und passenden Platze statt. Alles ist nach den Gegenständen auf kleine Gassen vertheilt. Hier steht das Vieh: Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen, auch Hühner und getödtetes Wild. Dann eine Gasse, wo auf beiden Seiten Männer, Mädchen und Frauen hinter Säcken mit Getreide, Weizen, Gerste, Bohnen und Erbsen hocken. Grosse Haufen frischen und getrockneten rothen Pfeffers zeugen von dem starken Gebrauch dieses Gewürzes. Reihen von Honig- und Buttertöpfen; viele Töpfe mit Honigwein und Bier; auf grossen Tüchern kleine Spiegel, Perlen aus Venedig und Böhmen, Flacons mit schlechten Essenzen, Barille[84], Trinkgläser, Steingut, schlechte Messer und Scheren, Schreibpapier, schwarzer, weisser und rother Zwirn, Kattun in zwei Sorten (der bessere weiss, ziemlich gut; der schlechtere fast grau, stark gegipst), bunte Taschentücher, schlechte Seidenstoffe, schlechte Tuche in rother, gelber und hellblauer Farbe, Spiegel, hier auch eine Kiste mit elendem Cognac und noch giftigerm Absinth: das ist so ziemlich, was sie von europäischen Waaren feilbieten. Endlich abessinische Stoffe: prächtig mit bunter Seide gestickte Hemden und Hosen für Damen, Schama verschiedener Güte und Grösse[85], auch einige wunderschöne Margef[86], selbst für uns von bedeutendem Preis. Aber wenn man das sehr sorgfältig ausgeführte Baumwollgewebe betrachtet, welches ein Gemisch von Wolle und Seide zu sein scheint und ausserdem an beiden Enden einen in wunderbar schönen Farben gestickten 4 cm breiten Rand zeigt, so wird man für ein solches Tuch den Preis von 150–200 Mark nicht zu hoch finden. Auch Waffen: Spiesse, Säbel, alte Flinten, Pistolen, Büffel- und Rhinocerosschilde u.s.w. Bogen und Pfeile sucht man aber in Abessinien vergebens. Selbst naturhistorische Gegenstände: Löwen- und Pantherfelle, Häute kleinerer Raubthiere und Schlangen u.s.w. Ich kaufte die schöne Haut eines Python. In einer andern Gasse rohe, getrocknete und auch roth gegerbte Ochsen-, Schaf- und Ziegenfelle. In der That ein reichhaltiger Markt! Dazu dies Getreibe! Mindestens die eine Hälfte der Menschen gehörte zum schönern Geschlechte. Wie sie lachten und kicherten, wenn wir vorbeikamen! Aber nichts von Zudringlichkeit und Frechheit, nichts von jener sklavischen Scheu und jenem Verstecken, das man bei den Mohammedanerinnen wahrnimmt.

Der Marktrichter fehlte auch nicht. Er sass auf einer Art Plattform, und die eifrigen und lärmenden Erörterungen, welche vor ihm stattfanden, bewiesen, dass Kaufen und Verkaufen doch oft Streitigkeiten veranlassen. Ein eigentliches Kaufen nach unserer Art und Weise konnte ja auch nur stattfinden, wenn es sich um Gegenstände von Thalerwerth handelte. Bei geringwerthigen Sachen fand Tausch statt: für Gerste rother Pfeffer, für ein Zicklein etwas Baumwollenstoff u.s.w. Dabei ein Zungenlärm, alsbefände man sich innerhalb einer geschlossenen grossen Börse. Man hat den Grundton der menschlichen Sprache aus solchen Versammlungen mit der Stimmgabel herausfinden wollen und behauptet, dass die Sprache der Engländer und Deutschen viel tiefer sei als die der Franzosen, und die der Franzosen tiefer als die der Spanier und Italiener. Ich glaube, dass, wenn man das vereinte Sprechgeräusch von tausend und abertausend Abessiniern, männlichen und weiblichen Geschlechts, gestimmgabelt hätte, würde man einen hohen Sopran gefunden haben. Wenn man aber über die Masse der Wörter und Phrasen, welche die verschiedenen Völker im Laufe eines Tages, eines Jahres, eines Lebens hervorbringen, ein vergleichendes Urtheil fällt, dann muss man jedenfalls den Abessiniern die Palme zuerkennen. An Schwatzhaftigkeit übertreffen die Abessinier sogar die Franzosen. Im Vergleich mit erstern kann man letztere Niemsi[87]nennen.

Wie oft gerieth ich in Verzweiflung, wenn mein Hauptmann Mariam das „Ja“ oder „Nein“, welches ich von ihm auf eine an ihn gerichtete Frage erwartete, mit einer halbstündigen Rede umspann. Es war so schlimm, dass ich, ihm und denjenigen meiner Diener gegenüber, die ich am meisten zu fragen hatte, zuletzt immer im voraus ausrief: „Ich will nur ja oder nein.“ Und doch wie schwer hielt es ihnen, diese so einfachen Wörter zu sagen! Sie waren jedenfalls noch unglücklicher über die Beschränkung ihres Redeflusses, als ich über die Ausströmungen ihrer Redseligkeit.

Am Abend vor unserm Aufbruchstag erhielten wir plötzlich Befehl, nicht über Axum zu reisen, sondern östlich den Weg über Sokota einzuschlagen. Anfangs glaubteich, Ras Alula habe ebenfalls vom Negus die Weisung erhalten, nach Debra Tabor zu kommen und zwar in meiner Gesellschaft. Später jedoch erfuhr ich, dass der Weg durch Semien und westlich davon durch Rebellen oder Räuber versperrt und dies die wahre Ursache der veränderten Wegrichtung sei.

Von Schimper eine Strecke lang begleitet, zogen wir weiter, legten aber am ersten Tage nur einen kleinen Marsch zurück. Am westlichen Fusse des so merkwürdig geformten Berges Aba-Gerima schlugen wir unser Lager auf.

BLICK AUF DIE ALPEN SEMIENS.S. 165.❏GRÖSSERE BILDANSICHT

BLICK AUF DIE ALPEN SEMIENS.

S. 165.

❏GRÖSSERE BILDANSICHT


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