»Und ich wett mit dir um ein halb' Maß Bier,Und die Eisenbahn isch noch nit hier,und du hascht kei Geld, und du kriegscht kei Geld,und du darfscht nit mit nach Friedrichsfeld.«
»Und ich wett mit dir um ein halb' Maß Bier,Und die Eisenbahn isch noch nit hier,und du hascht kei Geld, und du kriegscht kei Geld,und du darfscht nit mit nach Friedrichsfeld.«
Aus dem Unterland, wo die Eisenbahn jetzt fährt, kommt das Versle angeflogen.
Jetzt geht sie von Karlsruhe nach Offenburg, und schon im nächsten Jahr soll sie bis Freiburg gehen.
Weißt du noch, Caton, wie wir als Kinder vonMenschenflügeln träumten? Sollte das jetzt noch schwerfällige Dampfroß der Anfang sein, aus dem in späteren Zeiten sich allmählich ein leicht flatterndes Flügelpaar entpuppt? Einstweilen wollen wir indes mit dem, was uns jetzt beschert ist, zufrieden sein. O Gott, beglückt bis in die letzte Faser unsres Herzens. Welch ein Umschwung für die Menschen, die nach einem Wiedersehen schmachten – o Caton, Luftschlösser steigen aus dem Grunde meiner Seele in bisher ungeahnter Pracht auf. Die Möglichkeit eines Wiedersehens rückt näher und näher. Sechzehn Jahre fast liegen seit unserm letzten Beisammensein im Elternhaus. Die Jugend ging, aber die Liebe blieb.
Siehst Du, was alles aus der sparsamen Führung eines Haushaltes entstehen kann an Freude und Glück, wenn der Sparpfennig langt? Heil unsrer Therese, die es versteht, am rechten Fleck hauszuhalten, ohne Engherzigkeit, aber mit dem Überblick einer erfahrenen Hausfrau. So haben wir die Ellenbogen frei, brauchen nicht ängstlich zu rechnen, sondern dürfen uns mit unaussprechlicher Genugtuung sagen: Auch für die Freude ist etwas übrig. Habe ich einen solchen inneren Jubel jemals mit achtzehn Jahren erlebt wie jetzt in meinen dreißiger Jahren?
Nämlich wir wollen im nächsten Frühjahr – ach, Caton, der heiße Wunsch unsres Herzens –, wirwollen unser Freiburgle wiedersehen – die Ostergesänge im Münster wieder hören, in das freudige, weltbezwingende Halleluja mit den Sängern auf dem Chor einstimmen – die geliebten Gassen durchschreiten – unsre Gäßle, Caton – und am Grabe der Eltern beten. –
Aber bis dort ist es noch lang, und inzwischen haben wir wieder viel erlebt. Freilich behauptet Therese, ich mache aus jedem Stecknadelknöpfle ein Erlebnis, aber diesmal ist es etwas Wichtiges – denn gibt es etwas Wichtigeres, als daß meine Schule nicht länger unter dem Joch unwürdiger Lehrer zu seufzen hat, sondern einem schönen, erfreulichen Aufblühen entgegensieht unter dem Einfluß des ernsten, wohlwollenden Mannes, der mir nun zur Seite steht – eines Mannes, der allein schon durch sein Wesen Respekt einzuflößen vermag.
Auch mit der noch sehr jungen Hilfslehrerin kann ich zufrieden sein, um so mehr, als ich selbst noch bildend und fördernd auf sie einwirken kann, uns also ein freundliches Band verknüpft.
O Caton, und der Professor hat ein überaus herziges, ganz prächtiges Fraule. Sie wohnen in der Herrenstraße, zunächst dem Schloß, und täglich sehe ich sie mit ihren fünf Buben am Lyzeum vorbei in den Schloßgarten ziehen. Von der zierlichsten Gestalt,wie ein junges Mädele, hört man sie lachen und schelten inmitten ihrer die Mutter eng umdrängenden Buben, von denen sie einer schon überragt.
Eines Tages trafen wir uns im Schloßgarten, der Professor war mit dabei und machte mich mit seiner Frau bekannt. Gleich beim ersten Blick nahmen wir uns an und plauderten miteinander, als kennten wir uns schon Jahre. Sie ist eine Schwäbin mit prachtvollen braunen Augen, die so viel Herzensgüte und Heiterkeit ausstrahlen, daß man schon froh wird bloß durch ihren Blick. Kurzum ein Mensch – und ein lieber, lieber –
O Caton, Du weißt nicht, aber jetzt kann ich Dir's gestehen, so manchesmal, wenn ich vom Schloß in die Gassen hinunterschritt, die breit sind und still wie ausgestorben, suchte mein Blick wohl in jedes dieser niedrigen Häuslein einzudringen mit der sehnsüchtigen Frage: Braucht denn hier niemand Wohlwollen, niemand Liebe und Mitempfinden in Freud und Leid? – O ihr geschlossenen Häuser und Seelen, klagte es in mir, euer Kinder Wohl vertraut ihr mir an, aber um mein Wohl kümmert sich auch nicht eine Seele.
Und jetzt, siehst Du, Caton, jetzt hat das Fraule allem ein Ende gemacht. Es kommt die Treppe herauf, wie 's jüngste Mädele und will alles wissen und will immer helfen und tut, als ob's gar nicht mehrsein könnt, ohne täglich im Sibyllenbau einzukehren, sein Herz auszuschütten und mich zu dem Aussprechen meiner Gedanken zu bewegen. – Mein Ölbild von Baron Ö., das über der Komode hängt, sah sie lange an. »Dieser Mann hat Sie geliebt,« sagte sie. Ich fuhr ganz erschrocken auf: »Wie kommen Sie auf diesen Gedanken?« Sie lächelte: »Das ist nicht schwer. Aber wie schön, daß er's nicht merken ließ, und Sie's nicht merkten.«
Gottlob, Gottlob – ach wie versinkt das alles im Zusammensein mit den prächtigen Buben und ihrem flinken Mütterle, an dem sie mit rührender Liebe hängen.
Vor dem Vater haben sie einen gewaltigen Respekt, vielleicht gerade, weil er sich nicht viel mit ihnen abgibt, sondern die Erziehung der Söhne der Frau überläßt. Er muß Ruhe haben, denn neben seinen vielen Schulstunden arbeitet er an einem naturwissenschaftlichen Werk für die Jugend, und manchmal teilt er mir ein wenig aus seinen Arbeiten mit – immer ein Fest für mich.
So leb ich ferner nicht mehr einsam in meinem verwunschenen Schloß, dessen Geistern nachspürend, die einst in Fleisch und Blut seine Räume durchwandelt. Ade sage ich ihnen, macht dem warmen Leben Platz, den kräftigen Fußtritten junger Gesellenund dem herzlichen Lachen des liebenswürdigsten Mundes.
Rastatt, den 21. April 1845.
Es hat Dich wundergenommen, liebe Caton, daß ich Dir von Freiburg keinen Brief schrieb. Du dachtest, von da müsse einer kommen, wie noch nie einer da war. Ich habe es eigentlich auch gedacht, aber es kam anders.
Das Gefühl der Sehnsucht, das Gefühl der unbeschreiblichen Ungeduld, die Heimat wiederzusehen, wurde durch die Erfüllung nicht gesteigert. So schnell, ja, bänglich schnell uns der Zug dahintrug, es ging uns noch immer nicht schnell genug. Aber die Ängstlichkeit der Mitreisenden steckte uns doch auch ein wenig an. Sie fuhren alle, wie wir, zum ersten Male mit der Eisenbahn, und so oft der Zug mit einem plötzlichen Ruck an einer Station hielt, schrien sie laut auf und stießen mit den Köpfen gegeneinander. Zwei alte Damen waren von einem Eisenbahnunglück so überzeugt, daß sie während der ganzen Fahrt mit hochgezogenen Knien auf ihrem Sitz saßen und uns aufforderten, das gleiche zu tun, man habe ihnen gesagt, daß, wenn es ein Unglück gäbe, man wenigstens auf diese Weise seine Beine rette.
Du kannst Dir denken, wie uns war, als wir von Hermann, den wir zum ersten Male in Uniform sahen, von Baurittels und Fromherzens am Bahnhof begrüßt wurden – ach und die alte Heimatluft wieder atmeten. Wir weinten schrecklich – das war unsere erste Leistung. Der junge Mann mit den zweisternigen Epauletten, den rabenschwarzen Haaren und dem rabenschwarzen Bärtchen, dessen Augen so braunlachend in die Welt schauen, und dessen Wangen dasselbe leuchtende Rot zeigen wie das der Schwester Caton – solltest Du glauben, es brauchte eine ganze Weile, bis ich mit unserm Hermännle wieder ins alte Geleise kam?
Vieles war ja, wie wir's uns ausgemalt, Therese und ich. Sie wohnte bei Baurittels, ich bei Fromherzens, aufgehoben wie in Abrahams Schoß. Und als wir drei Geschwister am Grabe der Eltern standen – laß mich über diese Stunde schweigen. –
Ohne die Meinen suchte ich später zwei wohlbekannte Kreuze auf und wunderte mich, wie verwittert und verblaßt mich die Namen der einst so innig geliebten Freundinnen: Maria von Verleb und Amalie Kozlowska – anblickten.
Stille Wehmut ergriff mich, aber der Schmerz, der damals mein Jungmädchenherz so gewaltsam an dieser Stelle erschütterte – damit war's vorbei.
Auch vor Rottecks Grab stand ich, der Zeit seines Wirkens gedenkend, die ich erleben durfte, und die vielleicht das Beste in meinem Inneren wachgerufen. Ach, daß ich diesen feinsinnigen, edlen Volksfreund nicht mehr am Leben fand, um ihm zu sagen, wieviel Gutes er mir und so vielen andern getan – Schmach meiner Heimat, wenn sie ihm kein Andenken bewahrt. –
Auch polnische Namen fand ich da und dort auf einem Grabstein. Wie diese Zeit wieder vor mir auftauchte – Grotecki – Du weißt, wie's einmal um mich stand, Caton! – Da liest man zuweilen, wie alte Frauen in Tränen zerfließen, wenn sie dem Mann ihrer ersten Liebe wieder begegnen. So etwas kommt gewiß nur in Romanen vor. Wenn Grotecki plötzlich vor mir auftauchte, was wär dann? Ich weiß nichts mehr von jener Leidenschaft, die mich einst durchschauert, ich begreife sie nicht mehr. – Gott, dieses Erkalten, wie entsetzlich für jene, die ihrer Leidenschaft zum Opfer geworden! – Arme Prinzessin von Ahlden, winkst du mir auch wieder aus deinem alten Schloß im Norden, wo dir soviel Zeit gegeben war, deiner unseligen Liebe zu gedenken? Hast du sie gesegnet, oder begreifst du sie auch nicht mehr – arme Prinzessin von Ahlden. –
Ach, die vielen bekannten Namen auf dem Friedhof, wie fehlten sie mir in den Gassen. Fremde Gesichter auf allen unsern Wegen. Therese sagte: »Man fühlt sich ja gar nimmer daheim.«
Wir wohnten ja nicht beisammen, und doch trafen wir immer wieder zu jeder Tagesstunde in Oberlinden zusammen, vor unsrer einstigen Wohnung. Dann berieten wir, wollen wir in den Flur treten, wollen wir die liebe, liebe Treppe hinaufgehen und an irgendeine Tür klopfen, mit der Bitte, eintreten zu dürfen, nur um einmal wieder einen Blick in unsre ehemaligen Stuben zu tun? – Aber dann hatten wir wieder Angst, es könne drinnen alles so ganz anders sein als früher, und das würde uns doch mehr kränken und enttäuschen – so daß wir schleunigst den Flur verließen und wieder auf die Gasse traten und davongingen mit einem letzten schüchternen Blick zum Altan hinauf. Und Therese sagte: »Erwartest du nicht auch immer, es müsse etwas kommen?«
»Ja, Therese – ach ja.«
»Und dann kommt man wieder und wieder, und es ist immer dasselbe.«
»Immer dasselbe – was soll denn auch kommen, Therese?«
»Richtig, da seid ihr wieder.« –
Hermanns Stimme war's, des Bruders liebe, lebensfrohe Erscheinung, und es war so, als führe er uns aus den düstern Schatten der Vergangenheit in die frische, lebendige Gegenwart hinein.
Noch eins. Bei meiner Rückkehr von Freiburg fand ich ein Geschenk des Barons vor, ein ganz köstliches Aquarell: Clothilde als schönes, schlankes Mädchen an der Seite eines hochgewachsenen, bildhübschen Offiziers. Darunter steht: »Elferl und Hampelmann im siebenten Himmel.«
Über den beiden aber schwebt ein Engelchen, das des kleinen Rudis Züge trägt.
Es hat mich tief ergriffen.
Rastatt, 1. Mai 1845.
Liebste Caton!
Petersens Vorschlag soll uns recht sein, da er es für durchaus nötig findet, daß Du in aller Ruhe die Ferien ohne Deine Söhne mit uns genießest. Du weißt ja, wie sehr sich die Schwestern Deines Mannes freuen, ihren geliebten Neffen für eine Weile die Mutter ersetzen zu dürfen, also kannst Du Deine Reise, wenn auch mit dem unausbleiblichen Trennungsschmerz, aber doch sorgenlos antreten. Gesegnetsei die Eisenbahn, die Dich schon in wenigen Tagen ans Ziel bringt, das mit der Post kaum in zehn Tagen zu erreichen war.
Mach' Dir's um Gottes willen nur recht klar, daß die Eisenbahn nicht so gefällig ist wie die Post und auf ihre Reisenden wartet. Nun, Petersen wird Dir wohl alles genugsam einprägen. Ach, ich bin ihm so dankbar, es gibt keine Worte, die ihm meinen so heißen Herzensdank genugsam auszudrücken vermöchten. Nicht leicht wird es ihm werden, auf Wochen das geliebte Weibele entbehren zu müssen, damit endlich, endlich die so lang getrennten Schwestern sich wiedersehen. Und nicht genug des Glücks – der teure Schwager holt Dich in den Herbstferien ab und kommt nicht allein, kommt mit unsern heißgeliebten Neffen.
Die beiden, bisher hinter Schloß und Riegel liegenden Wohnräume sind weit geöffnet, und die Sonne durchwärmt die nicht länger kahl und leer stehenden Zimmer, die wir, einem seligen Vogelpärle gleich, zum behaglichsten Nestle einrichten, und es ist wundernett, wie oft Therese und ich unter der Türe zusammenstoßen mit irgendeinem Gegenstand, weil wir immer wieder etwas finden, das unserm Schwesterle zur Fremde dienen soll. Und dann lachen wir. Und weißt Du, wer mitlacht und alles Fehlendean Möbeln und Teppichen und Sonstigem herbeischleppt, daß wir uns nur wehren müssen, aber ohne Erfolg? – 's Fraule, Caton, das liebe, herzige Fraule! – Und wie gut kommt uns ihre Hilfe, denn wir müssen gleich beide Zimmer einrichten, da auch Hermann nicht erwarten kann, die langentbehrte Schwester zu begrüßen.
»Sag, Tante Anna, spreche am End' deine Neffe Hochdeutsch?« fragte gestern der Älteste vom Fraule. Und als ich nickte: »Das werden sie wohl« – erklärte er: »Dann prügeln wir sie so lang, bis sie's nimmer tun.«
Ich stifte jetzt schon Frieden.
O Caton, mit der Briefschreiberei hat's nun ein Ende.
Du große Güte Gottes – ein Wiedersehen, ein Beieinandersitzen und wieder ganz jung werden. Mutter würde sagen: »Du Närrle.« – Und so ist mir auch, ich muß, bevor ich in die Klasse trete, meinem Gesicht erst den nötigen Ernst geben; ich muß mich selber ganz fest in die Hand nehmen und die Grammatik dazu, denn ich möchte am liebsten den Kindern sagen: »Denkt euch, Caton kommt – und Caton ist wie die Sonne, die alles lebendig macht – und – und – und – kurzum.«
Therese läßt Dir sagen, Du sollst Dir wegen der Sommertoiletten keine grauen Haare wachsen lassen. Wir haben nämlich durch Lenchen – Du, wie sich Lenchen freut – also durch sie Gelegenheit, aus einem bescheidenen Geschäft in Baden die schönsten Stoffe zu bekommen, zum billigsten Preis. So wartet Deiner ein gelblich-brauner Barege; der Rock ist schon fertig, sehr weit, die Erde berührend; aber ob Du noch eine Wespentaille hast, das ist ein wenig die Frage, und darum kann die Taille erst bei Deinem Hiersein fertiggemacht werden. Die Mantille aus Mutters achteckigem Schal liegt, wie Du weißt, schon bereit. Du wirst staunen über Theresens Meisterwerk. –
Wir werden überhaupt staunen, uns ältlich wiederzufinden, nachdem wir uns zuletzt jung und blühend in die Augen geschaut. Aber haben wir nicht auch gewonnen an Lebenseinsicht und Herzensreife, und werden es nicht einzig schöne Tage und Abende sein, an denen wir einander von neuem kennenlernen?
O Caton, und wenn wir Arm in Arm durchs Schloß schreiten – denn ich hab' es ganz in Besitz genommen, kenne Weg und Steg, verkehre im Geiste mit seinen Fürsten und Fürstinnen; und was einst ihnen gehörte, gehört jetzt mir, dem Habenichtsle,aus keinem andern Grund, als weil ich lebe und mich von ganzer Seele an dieser Herrlichkeit erfreue.
Dem Besitzlosen gehört die Welt nicht weniger als dem andern – denn was das Auge umfassen und das Herz zu lieben vermag, gehört ihm an.
O Caton, mir ist, als müsse ich an die Brust schlagen mit der zagenden Frage: Gott, Gott, ist es nicht zuviel der Wonne auf meinen Teil, daß ich sagen darf:
Auf WiedersehenDu meine Herzensschwester.