Chapter 5

Oh, holde Sterne! Gießt Klarheit mir in die Seele –Füllet mit heiterer Ruhe die beklommene Brust,Daß stets ich das Gute nur wünsche und wähle,Daß jeglichen Guten ich liebe mit gleicher inniger Lust.

Oh, holde Sterne! Gießt Klarheit mir in die Seele –Füllet mit heiterer Ruhe die beklommene Brust,Daß stets ich das Gute nur wünsche und wähle,Daß jeglichen Guten ich liebe mit gleicher inniger Lust.

18. 10. Die Weihe des Erzbischofs ist vorüber; ich bin ganz müde von lauter Schauen und Hören. Gestern nachmittag sah ich den Großherzog, die Markgrafen und den Fürsten von Fürstenberg durch die große Straße fahren. Das Bild war unendlich lebendig, ein Hin- und Herwogen von Tausenden von Menschen zu Fuß, zu Wagen, zu Pferd. Die Landleute in ihren bunten Trachten, die Städter im Wichs, kuriose Erscheinungen von Gott weiß woher. Abends war große Beleuchtung, ein herrliches Schauspiel, wie ich nie etwas dergleichen gesehen. Alle öffentlichen Plätze und Gebäude glänzten in ihrem Brillantfeuer mit den schön gewählten Inschriften. Am besten gefiel mir die Darstellung des Münsters am Herderschen Hause mit seiner sinnreichen Inschrift:

»Konrad, der Ahne, rief des Domes Bau, den herrlichsten, ins Leben.«

Und links: »Ludwig, der Enkel, hat vollendend ihm den schönsten Schmuck gegeben.«

Schön und ideenreich war der über dem Fischbrunnen angebrachte haushohe Tempel, in dem die feuerumfluteten vier Ahnen prangten: Konrad, Berthold, Karl und Ludwig. Prachtvoll war das Rathaus, die alte Universität, das Erzbischöfliche Palais, die Darstellung des schwebenden Genius auf Minister Andlaws Balkon, bei Domherrn Hug ein in lichten Wolken schwebender Genius, in der Hand die Petrusschlüssel und Bischofsmütze. Wie ein Traum erhob sich auf dem Schloßberg ein Opferaltar, der gleichsam hoch über dem Karlsplatz in der Luft zu hängen schien, da der Berg im Dunkel lag. Hermann hatte seine besondere Freude an dem Spruch in der Wolfshöhle: »Wohn' ich gleich in einem Loch, So illuminier' ich doch –«

Am folgenden Morgen fand die Einweihung statt. Sie dauerte von acht bis halb zwölf. Ich war die ganze Zeit über mit Mutter auf dem Münsterplatz bei Herrn von Mohr, während Vater mit Therese und unsern Pflegebefohlenen sich unter der Menschenmenge befand.

Wir frühstückten eben zum zweitenmal, als der feierliche Zug unter dem gewaltigen Geläute der Münsterglocken den Dom verließ, voran mit Kreuz und Fahnen die Schuljugend, deren vielstimmigerGesang sich in dem feierlichen Glockengeläute verlor. Die ganze Geistlichkeit folgte, die Domherrn in ihrem violetten Ornate, der Erzbischof von Köln, in Gold strotzend, an seiner Seite zwei Weihbischöfe, nicht minder prachtvoll gekleidet. Ihnen folgte die hohe, majestätische, Ehrfurcht gebietende Gestalt des neu erwählten Erzbischofes. Seine Kleidung war anscheinend minder reich als die seiner Vorgänger; wenn diese von lauterem Gold, bestand jene, Mütze, Gewand und Schuhe, von weißem, reich mit Gold und Edelsteinen verziertem Stoffe. In seiner Linken hielt er den goldenen Stab, und mit der Rechten segnete er das in Bewunderung und Rührung hingesunkene Volk.

In geringer Entfernung folgten die Herren des Hofgerichts, die Professoren, der Magistrat. Den Fürstlichen voran ritten zwei rote Husaren, die Wämser reich mit Gold und Pelz verbrämt. Es waren die Heiducken der ihrer Schönheit wegen viel bewunderten Markgrafen. Aber das Volk hielt die reich gekleideten Heiducken für die Markgrafen und jubelte jenen zu.

Wir sahen auch die vier langen Tafeln im Rathaus, wo die Erzbischöfe und Bischöfe, der Landesfürst und die Markgrafen von der Stadt regaliert wurden.

Hermann meinte beim Anblick all der Herrlichkeiten und dem Dutzend von Gläsern an jedes Gastes Platz: »Herrgott, Nannele, ich werd' Erzbischof. –«

Des Abends um acht Uhr war großer Ball im Kasino. Ich setzte mich des Nachmittags an meine Zeichnung, eine Kopie des hl. Johannes, als Mutter eintrat und mich schmälte, daß ich Therese nicht half, die so viel noch an ihrem Ballstaat zu tun habe. Und ob ich mein Versprechen vergessen, diesmal mit auf den Ball zu kommen, und was ich eigentlich vorhabe, anzuziehen.

Ich ließ Mutters Frage unbeantwortet, in der stillen Hoffnung, letzten Augenblicks in Ermangelung eines passenden Kleides zu Hause bleiben zu dürfen. Denn wenn mich meine Freundinnen auch oft bereden, auf das Kasino zu gehen, um mit ihnen in einem so glänzenden Raum zusammen zu sein, so hat das doch eigentlich keinen rechten Sinn, da ich des Unmuts nicht immer Herr werde: Warum muß ich bei den Müttern sitzen, jung wie ich bin, und kann nicht tanzen wie die andern? Daß gerade das lebhafte Bewegen in geschlossenem Raum mein Leiden sofort hervorruft, ist ein eigenes Geschick. Da ich mich darüber nur bei mir selbst beklage, so ahnen die Meinen freilich nicht, wie schwer es mir wird, einen Ball zu besuchen.

Ich hatte Therese frisiert, so wie sie's eigentlichnicht gern mag und es ihr doch so ausgezeichnet steht. In die buschigen Neige-Locken steckte ich zwei herrliche weiße Rosen. Therese kann es in der Kunst des Blumenmachens mit der ersten Modistin aufnehmen. Auch die von ihr verfertigten Ballschuhe sowie die Stickereien an ihrem weißen Kleid sind Meisterwerke ihrer Hand. Ich wollte schon, als Mutter hereintrat, mich empören, daß sie nicht ihr Blauseidenes, das ihr so gut steht, anhatte, sondern das schon etwas verbrauchte Schwarzseidene, als sie mich lachend in ihr Schlafzimmer zog, wo das blaue Seidenkleid ausgebreitet auf dem Bett lag, Mutters schönster Spitzenkragen daneben. Sofort erriet ich, wie es gemeint war, und flog Mutter unter Tränen um den Hals.

»Bisch ein Närrle«, sagte sie.

Und so stieg ich, sehr solide geputzt, mit den Eltern und Therese in eine Chaise, die Hermann hatte holen müssen, denn es regnete in Strömen. Auf dem Bock saß zum Unglück ein kreuzdummer Fuhrmann, der nicht einmal das Münster, geschweige das Museum finden konnte. Und so gelangten wir endlich nach einer halbstündigen Spazierfahrt durch alle möglichen Gassen zum Museum, ich ganz der Komik der Situation hingegeben, Therese voll Angst, keine Tänzer mehr zu bekommen. Alles im Museum war schon versammelt und erwartete den Großherzog und dieMarkgrafen. Da man nun das Anfahren hörte, glaubte man, es sei der Großherzog, und wir wurden von zwanzig Bedienten mit silbernen Leuchtern, den Vorstehern des Museums und einer Masse von Offizieren auf das ehrenvollste empfangen. Nachdem wir diese angeschmiert hatten, begaben wir uns hinauf in den Tanzsaal und schmierten noch den ganzen Adel an, der im Vorzimmer Spalier stand.

Der Ball war wundervoll. Dieses glänzende Getreibe, diese herrlichen Männer- und Frauengestalten an mir vorüberschweben zu sehen, wurde mir zu einem so großen Genuß, daß ich mich darüber ganz und gar selbst vergaß. Für mich war Therese eine der vornehmsten Tänzerinnen, und ich dachte im stillen: wie seid ihr Menschen doch so dumm, rotes Haar häßlich zu finden. Ich fand es direkt schön, wenn Theresens leuchtendes Haupt unter all den blonden und hell- und dunkelbraunen Haaren auftauchte. Ihr Gesicht ist blaß und schmal, ihre Augen sind dunkel. Aber ach, wie konnten diese sonst so stillen Augen aufleuchten, wenn Oberleutnant A. sie zum Tanze holte. Und er holte sie sehr oft. Ohne Klage, ohne sich je auszusprechen, trägt Therese das schwere Leid des Verzichtens mit sich allein. Denn wenn auch Vater imstande wäre, eine Kaution zu stellen, ich glaube, die Heirat mit einemOffizier würde nie seinen Beifall finden. Aber die Freude, eine der gefeiertsten Tänzerinnen des Museums zu sein, tut ihr doch wohl. Sie lebt im Tanze, sie schwebt, ihre Füße scheinen den Boden nicht zu berühren. Markgraf Max holte sie zweimal, und ich fürchtete für Theresens Lunge, denn statt einmal, wie mit den andern Damen, tanzte er mit ihr jedesmal dreimal herum. Auch der Fürst von Fürstenberg tanzte mit Therese. Es war den Eltern eine große Freude.

Ich war übrigens auf meinem isolierten Plätzchen durchaus nicht verlassen. Nach jeder Tour erschienen meine Kamerädle, um mir mit erhitztem Gesicht von den Annehmlichkeiten des Tanzes zu erzählen. Lenchen natürlich erschien am häufigsten. Malchen Wänker, Malchen Roth, Caton von Mohr, Fromherzle, Baurittele, Marie Ruof – kurz, sie brachten mich in so gute Stimmung, daß ich mir's gefallen ließ, daß die rosigen schimmernden, schwebenden Gestalten, die dunkle in ihre Mitte nehmend, mit ihr in einer Pause den Saal entlang spazierten.

Ich hatte mein Ballkärtchen und war auf fünf Schwätztouren engagiert, von Monz, Hofrat Amann, Welcker, Professor Zell, Reichlin. Auch Herr von Rotteck erfreute mich mit seinem Besuch, und Verleb, der mir Grüße von Maria brachte, die ihr Vorhaben, zukommen, ihres weniger guten Befindens wegen hatte aufgeben müssen. Ich wollte, als ich das erfuhr, gleich den Ball verlassen und Maria Gesellschaft leisten, aber Mutter sagte: »Nannele, du bleibst jetzt bei uns.«

Amalie von Berg kam auch zu mir, gleich nach ihrem sehr späten Erscheinen, und fragte nach Maria, die sie zu treffen gehofft.

Ich bewundere Amalie von Berg. Es ist etwas so prachtvoll Gelassenes an ihr. Andre Mädchen springen sofort auf beim Beginn der Tanzmusik. Sie blieb ruhig sitzen und ließ ihren Tänzer warten. Hochgebildet, eine talentvolle Malerin, spricht sie, sobald sie meiner habhaft wird, sofort von ihrer Kunst, wohl empfindend, wie lebhaft mein Verständnis dafür ist. So ist unsre Unterhaltung immer nur auf diesen einen Punkt gerichtet und sehr ernst. Meine Heiterkeitsmöglichkeit, ich möchte sagen das Beste in mir, wird nicht geweckt, so daß es mir geht wie einem Kind, das traurig ist, weil sein Püpple keine Anerkennung findet. Bei Maria ist das ganz anders. Ich weiß nicht, wie sie's macht, aber sie versteht es, Heiterkeit bis zum Übermut in mir zu erwecken. Jedenfalls sind diese beiden Frauen die Sonntagsfreude meines Herzens, und obwohl sie nicht viel älter sind als ich, macht sie ihre Gewandtheit und Erfahrenheit in weltlichen Dingenmeiner Einfältigkeit gewaltig überlegen. Amalie von Bergs Selbständigkeit kommt wohl auch daher, daß sie Waise ist, also früh auf ihr eigenes Urteil angewiesen war. Sie lebt hier bei ihrem Bruder, dem Hofgerichtsadvokaten Berg – ach, einem Kollegen unseres Xaver. –

Wie schön ist das Los dieser beiden Frauen, die sich so ganz der Kunst, die sie lieben, hingeben dürfen. Ob sie's auch recht beherzigen?

Ich weiß eigentlich nicht, was ich für ein Temperament habe, aber ich glaube ein sanguinisches, ob es auch leicht von außen gestimmt, ja, verstimmt wird. Man darf mich nur wie ein Instrument an einen kalten Ort bringen. Doch bin ich meist froh und betrachte alles von der lachenden Seite und in besonderen Augenblicken sogar von einer geradezu glückseligen. Ich weiß nicht, woher diese Augenblicke kommen, und warum sie kommen. Es ist plötzlich, als erwarte mich bei der nächsten Biegung um die Ecke irgendein großes, unbeschreibliches Glück. Oder wenn ich zur Abendstunde ins Münster trete und so leise als möglich durch die dämmrige Säulenhalle schreite und die Stille so groß ist und nur ein paar alte Mütterle da und dort beten – da kommt es auch, daß mir das Herz erzittert, als müsse mir plötzlich eine große, mich unbeschreiblich glücklich machende Gewißheit werden.Und doch weiß ich nicht, was es ist, und die dunklen, tief im Schatten liegenden Ecken bleiben dunkel, und das in Licht getauchte Wunderbare tritt nicht hervor. Ob's allen Menschen so ist? Und doch mag ich nicht davon sprechen, aus Angst, es könnte Unsinn sein.

Schon habe ich meine drei liebsten Kamerädle dazu verführt, an schönen Tagen morgens um sechs mit mir in die Berge zu wandern. Am schönsten aber ist's mit Lenchen allein. Es ist ein Genuß, wieviel Sinn sie hat für die Natur. Jedes Landhäuschen, jede Naturgruppe, jedes niedliche Gräschen im Moose begrüßt sie mit ihrem hellen Stimmchen. Sie hat ihre Arbeit im Ridikül, ich mein Skizzenbuch. Es fällt uns aber durchaus nicht ein, den gewöhnlichen nächsten Weg auf den Schloßberg zu gehen, der wäre uns schon zu gemein: sondern viel weiter hinten, gegen den Johannisberg, wo er viel höher und die Aussicht noch weiter und mannigfaltiger ist und man sich mühvoll durchs Gestrüpp hinaufarbeiten muß, erklimmen wir alle Gipfel, atmen alle Wohlgerüche ein und jubeln, was wir können, allein, weil die Freiburger vor den Kopf geschlagen sind und nichts von Morgenspaziergängen wissen wollen, überhaupt nichts von täglichen Spaziergängen, sondern nur von zeitweiligen Ausflügen mit Einkehren. Und darum heißt's bei den Frau Basen: 's Villinger Nannelemacht alleweil alles anders als d'andere Leut' – kei Mensch kann d'Kreisrätin begreife, daß sie im Nannele au so wenig wehre tut. –

Gottlob, unsre Mutter wird oft nicht begriffen, und zwar zu unserm Glück und ihrem Ruhm.

Auch Caton und Petersen habe ich aufgestiftet, ihrer bescheidenen nordischen Natur die Ehre anzutun, sie zu durchwandern. Die neue Ansiedlung unsrer Lieben, das hannoveranische Städtchen Celle, liegt dicht an der Heide. Die liebende, nirgends reizlose Natur schmückt gewiß auch diese, so daß man sich auch fern von allen Bergen höher und freier fühlen kann.

Unendlich interessiert mich die Beschreibung Catons von dem nicht weit von Celle liegenden Schloß Ahlden, und tief ergreift mich das Schicksal der armen Prinzessin von Ahlden, der unglücklichen Sophia Dorothea, der Gemahlin des grausamen, kaltherzigen Kurfürsten von Hannover. Wenn ich auch eine so große Leidenschaft nicht recht begreife; denn wenn die Prinzessin ihren Mann auch nicht liebte, hatte sie nicht Kinder? Trotzdem geht mir ihr Schicksal so nahe, daß ich nicht ohne Tränen an sie denken kann. Ob es wohl in Celle noch Menschen gibt, die von Hörensagen noch manches von der armen Gefangenen zu erzählen wüßten? Oh, ich hätte keine Ruhe, ich müßte es erforschen.Wenn es uns Menschen doch gegeben wäre, uns leicht von einem Ort zum andern zu bewegen.

Weißt du noch, Caton, wie wir noch klein und dumm waren, so hätten wir, du und ich, aber jedes für sich, so gern etwas erfunden, aber wie wir auch sannen und uns anstrengten, es war schon alles da, denn etwas noch nicht Existierendes kam uns nicht in den Sinn. Aber, oh Himmel, in der Nacht, im Traum kam mir's – das Herrlichste von allem, was bisher der Menschengeist je erfunden hatte – ich bin zu dir ins Bett geschlüpft und hab' dir's ins Ohr gesagt: Menschenflügel –

»Aber wer soll sie denn machen?« hast du noch halb im Schlaf gesagt. »Ich kann's nicht.«

Ich auch nicht, aber wie dauert mich oft der arme zottlige Körper, wenn er daheim bleiben muß, während der freie Geist auf seinen Riesenschwingen unendliche Fernen kühn durchfliegt, ja, vorwitzig sich gar bis vor die Himmelstore wagt. Aber allzulange würde ich mich dort keineswegs aufhalten, indem mir ja die liebe Erde noch gar so viel des Sehenswerten bietet.

14. 5. Am liebsten gehen wir des Nachmittags auf unser eingebildetes Landgütchen, wie wir den sogenannten Stahl tauften. Eigentlich ist's ein Stall und davor eine große, uralte Laube, in der wir residieren. Wir bringen Löffel, Gläser und Weckle mit, die Bäuerin versorgt uns mit frischgemolkener Milch. Wir Frauenswesen nehmen unsre Handarbeiten vor, und der Vater liest uns herrliche Aufsätze von Rotteck und Welcker aus der »Freisinnigen«. Wir erfahren, wie man in der Residenz in der Kammer den Reden dieser Männer lauscht, und sind stolz auf sie und freuen uns ihrer.

Oft auch stehle ich mich weg und ersteige den hinter dem Stahl liegenden Berg, in dessen Gewirr von Brombeerstauden und Farnkraut ich einen Pfad gefunden, der zur Karthause führt. Die frommen Brüder haben doch recht verstanden, immer das schönste Erdenplätzle für ihre Klöster ausfindig zu machen. Sie waren eben zu jener Zeit offenbar gescheiter als die andern Leut'.

Jetzt ist die Karthaus ein herrschaftlicher Besitz. Hinter dem zur Bergeshöhe führenden Garten hat man einen herrlichen Ausblick ins Tal, über Ebnet weg mit dem Gaylingschen Schlößle, hinüber nach Littenweiler und von da ins blaue Gebirg', das sich prächtig aufbaut hinan zum Himmel. Von demHöchsten des Landes, dem kaum zu besteigenden Feldberg, sieht man nur mehr die Spitze. Ach, ihm gilt meine Sehnsucht, das heißt, sie gilt dem verklärten Bruder, der als Student mit jungen Freunden sich erkühnte, den unwegbaren Berg zu ersteigen. Ein paar Tage waren sie unterwegs, die Eltern schon in Angst um unsres Xaver Leben, da plötzlich erschien er mit rotverbranntem Gesicht, laut und froh trat er ein, begeistert von seinem Erlebnis, das er uns mit der ganzen Lebendigkeit seines Wesens schilderte. Stunden hatten sie gebraucht, vom frühen Tag bis zum Sonnenuntergang, bis sie durch tiefe Waldungen führende Holzwege Schritt für Schritt vorwärts kamen. Oft hörten diese Wege auf, und sie mußten sich durch dichtes Gestrüpp arbeiten, steilen Abhängen entlang, aus denen wilde Wasser rauschten. Zuweilen standen die hohen schwarzen Tannen so dicht, daß sie wie in Nacht gingen. In den Lichtungen tauchte Wild auf, ganze Familien, und über den Wäldern kreisten Raubvögel. Endlich schien der Weg ebener zu werden. Sie schrien vor Freude laut auf, als sie den Rauch eines Kohlenmeilers gewahrten. Erhitzt und todmüde kamen sie vor einer Holzhütte an. Auf ihr Rufen erschien ein Mann mit geschwärztem Gesicht. Er konnte sich nicht genug wundern, daß Städter, die's doch nicht nötig hatten, auf den »wüschte Berg« kletternmochten. Mordsfrisch sei's gewesen. Die jungen Leute machten sich ein Feuer und holten ihren Proviant hervor. Der Kohlenbrenner brachte ein schwarzes Stück Speck herbei. Mit Wein und Brot waren die Studenten genugsam versorgt. Der Mann, der, wie er sagte, lang keinen so guten Tag gehabt, wies ihnen den Weg zur nächsten Viehhütte. Dort erhielten sie ein Nachtlager im Heu, schliefen prächtig, tranken in der Frühe frische Milch und setzten ihren Weg fort, von einem Kohlenmeiler zum anderen, von Viehhütte zu Viehhütte, überall nach ihrem Ziel, der Spitze des Feldberges, fragend. Die dichten Tannenwälder machten allmählich weiten Flächen Platz, mit hochstengligem Lattich, dessen gelbe und lila Blüten weithin leuchteten. Dann wurde der Boden karg. Herden weideten mit Glocken um den Hals. Die Hirten, ungewaschene, borstige Gesellen, sahen wie die Räuber aus. Auf die Frage nach der Spitze des Berges deuteten sie zum rötlichen Abendhimmel. Erst ging's noch durch eine Mulde – es kam eine zweite, dritte – dann aber – ein Rausch des Entzückens erfaßte die jungen Leute, als sie auf der Spitze des Berges ankamen. Die weißen Zacken, die sich längs des Firmaments hinzogen, hielten sie zuerst für Wolkengebilde. Plötzlich aber erkannten sie an der Unveränderlichkeit und dem harten Glanze dieser Gebilde,daß sie es nicht mit Wolken zu tun hatten, sondern es war die Alpenkette der jenseitigen Schweiz, die sich in wunderbarer Klarheit vor ihnen enthüllte.

Da brachen sie, überwältigt von dem Anblick einer so herrlichen, nie geahnten Natur, in Tränen aus, knieten nieder und huben an zu singen. Hätten wohl auch so bis in die Nacht hinein gesungen, aber es kam ein Hirte, der ihnen sagte: »Mache, daß ihr heimkumme, ihr Herre, wenn d' Alpe am Himmel stohn, isch der Rege nit wit.« –

Damals bat ich den Bruder: »Gelt, Xaver, nimm mich das nächstemal mit?«

Und er versprach's: »Ja, ja, Nannele, das nächstemal nehm' ich dich mit.«

Und jetzt ist mir der Feldberg, dessen Spitze so stolz alle anderen Berge unseres Landes überragt, nicht weniger fern als der teure, noch höher wohnende Bruder.

27. 7. Ich habe gestern meinen Namenstag gefeiert. Mein erstes Beginnen war, in das Münster zu gehen und meinem Schöpfer zu danken für alle Wohltat, die er mir, seit ich lebe, in seiner Gnade zukommen ließ. In einer solch einsamen Stunde, in der der Mensch nur Gott und sich selber angehört, in der man zurückschaut auf das verflossene Jahr und wohlauf seine ganze Lebensbahn – in einer solchen Stunde feiert das Gemüt seinen stillen Festtag. Wie vieles hat sich zugetragen in den letzten Jahren – Xaver nicht mehr auf Erden, die geliebte Schwester im fernen Norden – Vaters Krankheit – Mutter, die durch Nachtwachen um alle Kraft gekommen war – ach, nach so einem Puff des Schicksals, wie froh ist man, wenn er überstanden ist, wie dankbar, wenn nicht der Püffe noch mehrere folgen. Leider ist für mich ein kleines Püffle zum Namenstag nicht ausgeblieben – von Caton keinen Brief! Ich weiß ja, das liebe Schwesterle ist ein wenig saumselig, und doch kränkt's. Außerdem ist mir bang, Caton und Petersen vielleicht durch eine Ungeschicklichkeit verletzt zu haben, indem ich ihnen in meinem letzten Brief den Vorschlag machte, sie möchten mir in diesem Jahr nichts schicken, im nächsten auch nicht, im dritten Jahr aber was Rechtes, z. B. ein Jean Paulsches Werk, wie »Hesperus« oder »Quintus Fixlein«. Oder ein Herdersches: den »Cid« oder Schulzes »Zauberrose« oder Ehrenbergs »Würde der Frauen«.

O wie fürchte ich nun, diese meine Ansprüche könnten zu groß gewesen sein, und meine Unbescheidenheit möchte Verdruß erregt haben.

Die schöne Feier meines Festes half mir über diese Stimmung Herr werden, schon der Anblick desherrlich geschmückten Frühstücktisches, in dessen Mitte eine ungeheure Brezel thronte. Die Kamerädle Lenchen und die Malchens nahmen am Frühstück teil, nachdem de Ber mit der Gitarre erschien und mir zum Geburtstag die Gnadenarie in deutscher Sprache vorsang. Da er aber immer statt Gnade – Dade aussprach und dabei die Augen zum Himmel hob wie ein Verzweifelter, wollte das böse Mädchenvolk vor Lachen fast gar bersten.

Als besonderes Benefiz durfte ich den Morgen mit Lesen und Stricken zubringen und meine Gratulanten und deren Geschenke in Empfang nehmen. Ach, und es wurde mir mehr zuteil, als ich je zu hoffen gewagt. Herr von Verleb überreichte mir im Namen seiner Frau nicht mehr und nicht weniger als – Schillers Werke! Ich nahm sie in Tränen ausbrechend in meine Arme und wäre am liebsten damit durch alle Zimmer gelaufen, in die Küche, zur Mutter. Aber es waren der Bändlein so viele, daß etliche davon auf den Boden kollerten, und wir zu tun hatten, bis alle glücklich auf meinem Namenstisch aufgestellt waren. Herr von Verleb lud mich ein, nächsten Sonntag mit ihm ins Suggenbad zu fahren, wo Maria schon drei Wochen zur Kur weilt, und die Aussicht, sie wiederzusehen, war vielleicht noch das Kostbarste meiner Geschenke.

Professor Schmidt beschenkte mich mit Klopstocks »Messiade«, Professor Monz mit Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, und es berührte mich sehr eigen, Monz über Schmidts Geschenk ein wenig wegwerfend lächeln zu sehen, während dieser beim Weggehen mir leise, aber mit eindringlichen Worten riet, das Herdersche Buch nicht zu lesen, es eigne sich nicht für ein junges Mädchen. Er wollte ein Versprechen, allein ich schwankte und erbat mir Zeit zum Überlegen.

Es ist nicht anders zu verstehen, als daß mich Monz weiterbilden, Schmidt aber zurückhalten möchte in jener Unschuld des Nichtswissens, von der er neulich auf der Kanzel sprach, immer wieder darauf zurückkommend: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet. Und ist es nicht wie eine Schickung Gottes, daß nicht er, sondern Monz es ist, der meiner so regen Wißbegierde Vorschub leistet? Den Herder habe ich einstweilen ganz zu unterst im Weißzeugschrank vergraben.

Bei Tisch hielt de Ber eine deutsche Rede auf das Namensfest seiner Lehrerin, die alle Ursache hatte, auf ihren Schüler stolz zu sein. Mein bescheidenes Annele hatte mir eine in französischer Sprache verfaßte Gratulation unter den Teller gelegt – halt so so – undLorchen, die bei ihren künftigen Schwiegereltern in der Residenz ist, schickte mir eine Schokoladentorte und ein Brieflein, in dem sie aber das Gratulieren vergaß, vor lauter Glück über ihr eigenes Glück, das in einem Leutnant besteht, der sie nächstens zum Altar führen wird.

Den Nachmittag und Abend bis neun Uhr brachte ich im Kreise der Meinen und der Freunde im neuen Tivoli in Herdern zu, wo zu Ehren sämtlicher Freiburger Annen eine glanzvolle Beleuchtung stattfand.

4. 8. Heute mit Professor von Verleb ins Suggenbad gefahren. Ich fand ihn unterwegs sehr ernst, fast gedrückt, was mich nicht wenig ängstigte, indem ich Marias Befinden damit in Verbindung brachte. Ich erlebte jedoch die angenehmste Enttäuschung. Nie habe ich Maria so rosig und heiter gesehen, ja, ihre Augen hatten geradezu einen überirdischen Glanz. Sie hat sich's gar herzig und behaglich im Suggenbädle eingerichtet und hat nur eine Klage – daß die Wirtsleute gar zu sehr der Meinung seien, ihr immerfort Gesellschaft leisten zu müssen, kaum habe sie sich's bequem gemacht an ihrem lauschigen Waldplätzle. Einmal, sie sei ganz vertieft in Tiedges »Urania« gewesen, als bei der schönsten Stelle:

Die ganze Menschheit strahlt in einem MeisterwerkeDer Lebenskunst, die nach Vollendung strebt –

Die ganze Menschheit strahlt in einem MeisterwerkeDer Lebenskunst, die nach Vollendung strebt –

»Was meinener zure brotene Dube mit Knöpfli, Frau Professor?« mitten in die Poesie hinein die Stimme der Wirtin ertönte.

Wir lachten, lachten den ganzen Tag, daß es eine Lust war.

Maria schrieb mir auch auf das Albumblatt, das ich zu diesem Zwecke mitgenommen hatte, die Stelle aus der »Urania«:

Ein heiliges Gemüt ist Licht im dunklen Hain:Wo Engel sind, ist Gott. –

Ein heiliges Gemüt ist Licht im dunklen Hain:Wo Engel sind, ist Gott. –

10. 8. Wir putzen und waschen und klopfen und bügeln. Frische Vorhänge werden aufgemacht, Mutter näht neue Houssen, Therese und ich schneidern herzige Kinderkleidle, und Vater geht besorgt umher, überzeugt, daß Caton nie zur Postzeit fertig sein wird und deshalb möglicherweise überhaupt nicht ankommen könne. Ich sage: »Haben Sie vergessen, Papale, daß Caton das Talent hat, immer eine Hilfe zu finden, wenn sie eine braucht?«

Therese, Hermann und ich hatten ausgemacht, Caton bis Emmendingen mit der Post entgegenzufahren. Vater legte ein Veto ein. Er wünscht, daß wir ihr alle miteinander bis Zähringen entgegengehen. Mutter solle dann Catons Platz in der Post einnehmen, und die Schwester mit uns zu Fuß zurückkehren.

24. 9. Das Projekt unserer Oberländer Fußreise, so lang schon entworfen und nie zur Wirklichkeit geworden, tauchte plötzlich wie aus heiterem Himmel von neuem in unsern sehnsüchtigen Herzen auf, und Caton war's, die mit Bitten nicht nachließ, bis Mutter erklärte: »Ja ja, Papale, lassen wir sie ziehen.«

Und so gingen wir wirklich in Reisekleidern und den Sonntagsschlapphüten, mit einem vollgestopften Ridikül und unserm Beschützer Hermann, der unsere Wäsche im Ränzlein trug, zum Tor hinaus, am 18. September, dem glänzendsten Herbsttag der Welt.

Vater begleitete uns eine Strecke Wegs, uns Lehren, Klugheitsregeln und Empfehlungen mit in die Fremde gebend. Alsdann, kaum hatten wir unsere Wanderschaft angetreten, saß Caton, die sich unter heißen Tränen von ihren Büblein verabschiedet hatte, schon hoch droben auf einem Leiterwagen, so daß Hermann, vom Ränzlein beschwert, neidisch ausrief: »Die klettert ja wie ein Bub!« Ich brachte es nur bis auf die hintere Deichsel des Wagens, war aber auch damit zufrieden und bedauerte Therese und Schwägerin Lotte, die den sonnigen Weg zu Fuß zurücklegen mußten.

Lotte sieht mit ihren vierundzwanzig Jahren wieder so jung und hübsch aus wie zur Zeit, da sie Xavers Braut war. Sie trägt wieder helle Kleider,und ich sah's ihren Augen wohl an, daß sie lieber zu Caton auf den Wagen geklettert wäre, als ernsthaft mit Therese einher zu wandeln.

Um halb zwölf kamen wir in Kirchhofen an, wo wir im Pfarrhause von Herrn Dekan auf das herzlichste empfangen und prächtig bewirtet wurden. Wir dankten und machten uns gestärkt auf den Weg nach unsrer nächsten Station, dem lieben Staufen. Wie zwei Kinder ergaben sich Lotte und Caton der Passion des Kleeblättersuchens, bei jedem Glücksfund laut aufschreiend und das liebliche Tal weithin mit ihrem Gelächter erfüllend.

Hermann machte sich an den Obstbäumen zu schaffen, und ich blieb erst recht zurück, indem ich versuchte, den sich immer mehr nähernden Schloßberg von dieser Seite in meinem Skizzenbuch festzuhalten. Theresens Mahnen wurde jedoch immer dringender, denn schon verkündete ein frischerer Luftzug den nahen Abend, und nur das Städtchen, dem wir zustrebten, lag noch im Glanze der untergehenden Sonne. Oh, wie kam uns da mit dem Anblick der befreundeten Wiesen, Berge und Hügel mit einem Male die erste freudige Erinnerung an unsere Kinderzeit!

Wir stürmten auf den Marktplatz mit dem alten Marktbrunnen und dem stattlichen, mit einem Dachreiter gekrönten Rathaus. Aber weiter, weiter, dieGasse hinunter, an der sich langziehenden Mauer vorbei – und wir standen vor dem lieben Haus mit dem efeuumsponnenen Turm – und gegenüber an der Gartenmauer der liebe kleine Brunnen. – Hermann lief gleich darauf zu, um zu trinken, Caton schwang den Hebel. – »Wißt ihr noch,« rief sie, »wie oft wir geschmält worden sind, wenn wir's zu arg mit unserer Puppenwäscherei trieben?«

Dann ging's die Turmtreppe hinauf – oh, ein Gezwitscher, Gelächter, ein Getrippel unbeschreiblich ungeduldiger Füße. Der Herr Oberamtmann erschien mit dem Zereviskäpple:

»Was ist denn los?«

»'s Villingers«, schrien wir aus einem Mund, »'s Villingers!«

»Potztausend,« rief er aus, »Frau, Frau, so komm au, 's Villingers!«

Oh, wie liebreich wurden wir empfangen, und unbeschreiblich war das Erstaunen über das nun erwachsene Volk, das einstmals als unmündiges Kindervölklein von hinnen gezogen war. Während die Schwestern mithalfen, die Betten aufschlagen, ging ich mit Hermann zu unserm ehemaligen Lehrer Kiesel, der ganz außer sich vor Freude war und behauptete, er habe meine Stimme schon im Dunkeln auf der Treppe erkannt. Er wollte gleich wieder fort in dieReben rennen und mir Trauben holen. Als Hermann ihn um ein Nachtlager bat, weinte er fast vor Freude und rief seine Frau, die mit schon mehligen Händen herbeikam, weil sie gleich Kuchen für uns backen wollte. – »Aber einen recht großen!« schrie Hermann mit nachgemachter Kinderstimme.

»Oh, Hermännle,« rief sie, »du sollsch in zehn Täg nit damit zu End komme!«

Der Herr Lehrer führte mich in sein Arbeitszimmer, wo eine Menge der unvergleichlichsten Kupferstiche fast bis zur Unordnung das kleine Zimmer dekorieren. Wie oft ergötzte ich mich als Kind an ihrer Schönheit, aber wie ganz anders bewunderte ich jetzt diese so fein ausgeführten Kunstwerke. Hermann mahnte und mahnte, ich konnte mich nicht trennen. Und der Lehrer sagte lächelnd: »Ich hab' dich allemal nausschmeiße müsse, ehnder bisch nit gange, und ich hab' damals gedacht, du wirst gewiß noch eine Malerin.«

»Ach, lieber Herr Lehrer,« sagte ich mit einem Seufzer, »nur zu einer Lehrerin langt's.«

Worauf er mich ansah und sagte: »Es ist ein heiliger Beruf, Nannele.«

Als wir auf die Straße traten, standen eine Menge Leute da und erdrückten uns fast vor Freude. Wir waren ganz berauscht von all der Menschengüte,die uns zuteil wurde, als wir am wohlversorgten Oberamtmannstisch saßen. Jetzt handelte es sich noch um Kriechbaums, unsere ehemaligen Schulkamerädle Lenele und Karolinele. Hin und her rieten wir, wie sie überraschen.

Caton schlug vor: »Wir wollen ihnen ein Mondscheinständle bringen.«

»Und tun, als seien wir eine Scheuernpurzlerbande«, rief Lotte.

Oh, die beiden, wie die jüngsten Mädele staffierten sie sich heraus. Ich nahm die Gitarre, Hermann einen Blechkessel mit Kochlöffel. Und wir sangen das alte Lied, das wir früher so oft gesungen:

»Kommt die Nacht mit ihren Schatten,Schleich ich still zur Laube hin,Setz mich traulich in den Mondschein,In die Laube von Jasmin.Doch allein so da zu sitzen,Wird die Zeit mir gar so lang,Um mein Liebchen herzulocken,Laß ich schallen meinen Sang:La la, La la, La la, La la –«

»Kommt die Nacht mit ihren Schatten,Schleich ich still zur Laube hin,Setz mich traulich in den Mondschein,In die Laube von Jasmin.

Doch allein so da zu sitzen,Wird die Zeit mir gar so lang,Um mein Liebchen herzulocken,Laß ich schallen meinen Sang:La la, La la, La la, La la –«

Also sangen wir unter Kriechbaums Haus, und unsere gravitätische Therese nahm ihr Schaltuch und improvisierte einen wunderschönen Mondscheintanz, der feenhaft wirkte. Oben standen sie am Fenster und lachten und fragten, und 's halb' Städtle lief zusammen.Da ging Hermann mit dem Hut in der Hand herum und sammelte Kreuzer, bekam aber nur einen – und ging dann ins Haus und wir hinterher. Herr Kriechbaum, der gleich zu merken schien, daß es sich nicht um Scheuernpurzler handelte, öffnete weit die Tür des freundlich beleuchteten Zimmers, und da ich nur große Leute gewahrte, rief ich in ungeduldiger Freude: »Lenele, Karolinele, wo seid ihr denn?«

Ach Gott, sie waren erwachsen und standen vor mir und wollten's ihrerseits nicht glauben, daß ich das Nannele sei, mit dem sie auf der Gasse gespielt. Da lag auch schon Caton am Hals der Großmutter, die weinte und lachte und behauptete, sie habe nie in ihrem Leben ein Weibsbild so lieb gehabt wie's Cattung. Und wohl oder übel mußten wir ein zweites Nachtmahl genießen, dem aber nur Hermann die nötige Ehre antat – und wandelten dann des Nachts, von den Kamerädle begleitet, unzähligemal hin und zurück, in Kindheitserinnerungen schwelgend, und fanden erst ein Ende, als der Nachtwächter uns antutete: »Die Uhr hat zwölfi g'schlage« – und hinzusetzte: »Marsch ins Bett, marsch ins Bett!«

Den anderen Morgen begleiteten uns die Kamerädle noch bis ins Münstertal, zu Bergmeisters, wo wir Mittag machten und zu unsrer großen Freude vor dem Haus ein Rößlein vorfanden, auf dem wir unsabwechselnd von der Mühsal des Wanderns ausruhen sollten. Es hatte aber keinen Frauenzimmersattel, was Caton jedoch nicht genierte, gleich saß sie oben und winkte mir, neben ihr Platz zu nehmen. Aber da ich nun einmal ein Hintenach-Gescheiterle bin, kam mir Lotte zuvor und stieg auf. Der Führer meinte: »Seid alleweg noch nit halb so schwer wie der Müller.«

Immer steiler und wilder wurde nun die Landschaft. Wie gern hätte ich diesen oder jenen Punkt gezeichnet, aber es gab kein Aufhalten, wenn ich die Gefährten nicht verlieren wollte.

Nach einer Stunde traten Caton und Lotte Theresen den Klepper ab, so daß diese die mühsamste Strecke reitend zurücklegen durfte. Nach einer Viertelstunde sah ich sie oben am Berg, am Waldrand, sich höchst schön ausnehmen, unserer wartend.

»Nannele, du dauerst mich,« rief sie mir zu, »mai, es ist auch herrlich, das Reiten.«

Aber ich hatte ja mein Catonele zur Seite, wahrlich, das ging mir über den Gaul. Trotz des mühsamen Steigens, wir konnten nicht fertig werden mit Erzählen, und ich hatte wieder jenes beglückende Gefühl seelischer Erleichterung durch Catons sonnige, das Leben so leicht nehmende Natur.

»Ich bin wieder ein Mädele,« sagte sie, »fast vergeß'ich, daß ich zwei Büble hab'« – und begann laut zu singen, mußte aber schnell aufhören, denn fast senkrecht ging's nun in die Höhe. Die Mittagssonne brannte heiß. Hermann mit seinem Ränzlein keuchte hinter uns her und führte auch noch Lotte am Arm, die laut stöhnte und nach dem Gaul jammerte. Ich schlug vor, ein Weilchen zu rasten, holte aus meiner Reiseapotheke Hoffmännische Tropfen, die Lotte sofort neu belebten. Schön war's, zurückzublicken auf die Gebirgskette und das wildschöne, mit Strohhütten übersäte Tal. Neu gestärkt von der kurzen Ruh, erklommen wir den Rest des Berges. Therese erwartete uns und wollte mir den Klepper abtreten, aber es waren nur noch fünf Minuten bis zum Bildstöckle, und nicht um vieles hätte ich den Triumph hergegeben, als Heldin des Tages hervorzugehen. Hermann, dem man den Gaul antrug, wies ihn höchst beleidigt mit den Worten zurück: »Ich bin doch ein Mann!« Und so stieg Lotte auf, bekam aber Hermanns Ränzle mit auf den Gaul.

Nach ungefähr einer Stunde waren wir am Ziel, das wir laut jubelnd begrüßten. Ein kleines Wirtshaus nahm uns auf, und wir stillten unseren ungeheuren Hunger an gerösteter Suppe, gesottenen Erdäpfeln und einer herrlichen Kratzede. Weiter zogen wir, mutig wie junge Rößlein. Durch dichtes Buchengehölzführte nun der Weg, an einem lustigen Bach vorbei, der sich über unzählige grünbemooste Felsenstücke ergoß. Gelbgrüne Weidberge taten sich vor uns auf, Ziegen und Schafe kletterten und sprangen umher, ein Hirte pfiff auf einer Pfeife. Dies brachte uns auf die Idee zu singen, da die Musik der Menschen Füße hebet, und wir marschierten so im Takt wohl ein Stündlein einher. Aber in Alpenschwand mußte der Lebensdocht wieder etwas geschürt werden. Ich bat die Vogtfrau zu melken, und nie auf der Welt ist eine Milch gieriger hinuntergeschlürft worden. Ein wenig seufzend machten wir uns auf den Weg. Es galt nun wieder zu steigen, und zwar über den Zeller-Blauen, in dessen Wäldern sich ein unheimliches Dämmern entfaltete, so daß wir uns alle bei den Händen nahmen und einen kräftigen Gesang anstimmten, mit verstellten Baßstimmen, von wegen der im Hinterhalt steckenden Räuber. Himmel, und was sahen wir jetzt auf einem nahen Hügel – brennende Männer waren's, die sich dehnten und sprühten, aneinander- und wieder zusammenkrochen. Wie lebt' ich jetzt wieder in Zell und seinen Märchen – verkohlende Erdäpfelstauden waren's, die wir von unserer Kinderstube aus erblickten und für böse, strafwürdige Dämonen hielten.

Wir standen auf dem Gipfel des Blauen, die Lunaglänzte in voller Glorie, und die herrlichste Landschaft tat sich vor uns auf, wenn auch die Ferne bereits in düstere Nachtschleier gehüllt war.

Plötzlich erblickten wir Zell, das Ziel unserer Wanderschaft, ganz nah, wie in einem Bergschacht vor uns liegen. Ein Freudenschrei entfuhr uns insgesamt; die Füße wußten nichts mehr von Müdigkeit, wir stürmten ins Städtle, das unser aller Geburtsort war.

Aber merkwürdig, unsere Freude verstummte plötzlich. Das Städtchen war wohl hübscher geworden, aber es gefiel uns nicht mehr wie ehedem. Wo unser Haus gestanden, steht nichts mehr. Nur der Steg, der über den Bach zu Monforts führte, heimelte mich noch an. Aber die lieben Verwandten Monfort hatten sich in ihrer Herzlichkeit nicht verändert. Die Bäsle brachten uns behagliche Hausschuhe für unsere müdgelaufenen Füße, und wenn wir auch kreuzlahm waren, so waren wir auch kreuzfidel. Onkel Förster sagte: »Was, 's Caton soll verheiratet sein? Isch's nit noch grad' so übermütig wie 's jüngst' Mädele?«

Und ich erzählte, wie Therese immer mahne: Caton, so gib doch acht auf deine Kinder – und wie der kleine Rudolf, der vom Stuhl fiel, erst vorwurfsvoll der Mutter zurief: Mama, so gib doch acht auf mich! – und dann erst losbrüllte.

Wir hatten gleich am andern Morgen weitermarschierenwollen, allein die Verwandten ließen es nicht zu, wir mußten den Pfarrer und Lehrer und alle möglichen Bekannten besuchen, und nach einem ungemein fröhlichen Mahl fuhr uns Onkel Förster mit seinen zwei schönen Rappen nach Wehr. Wie schön ging's nun durchs anmutige heimatliche Wiesental, und so ohne alle Mühseligkeit, unter heiterem Plaudern. Oh, die Welt kann ein Paradies sein – aber ein paar Rößle gehören freilich dazu.

Als wir am Wehrer Schloß anfuhren, empfingen uns die Domestiken mit der Nachricht, die Herrschaft sei in Säckingen, komme aber vor Abend zurück. Der Verwalter erschien, dienerte höflich und schloß uns den unteren Saal auf, mit der Frage, ob wir übernachteten. »Natürlich«, sagte Caton, die dem Herrn offenbar ganz besonders gefiel, denn er schob ihr extra einen Fauteuil hin, und wir wurden mit Wein, Konfekt und Tee bewirtet. Wir waren gerade mitten beim Schmausen, als Baron Wolfgang erschien und gleich darauf die ganze Familie mit allen Söhnen und der Stiftsdame, und es war eine große Freude für uns, wie der alte Herr von Schönau, dann seine Frau und so eines nach dem andern hereinstürzte mit dem Ausruf: »Wo ist der Villinger, wo ist er denn?« –

Und so viele unser auch waren, sie konnten sich nicht zufriedengeben, und bei Tisch hieß es einmalum das andere: »Ach, daß Ihr Vater nicht mitgekommen ist!«

Herr von Schönau erzählte, wie behaglich und vertraulich der Verkehr mit unsern Eltern gewesen sei, als diese im nahen Zell lebten. Und Frau von Schönau fügte hinzu:

»Eure Mutter hat damals genau so wie Caton ausgesehen, wie sie als junge Amtsmännin in Zell einzog.«

»Therese und Anna gleichen meinem lieben Villinger«, erklärte der Baron. »Kinderle, auf eurer Eltern Wohl!«

Das ging so fort, wir hatten alle rote Köpfe, aber die Stiftsdame trank tapfer mit, und Hermännle gegenüber gab ich manchmal einen kleinen Fußtritt, daß er des Guten nicht zu viel tue. Die Barönle aber vergaßen sich immer wieder und duzten uns wie früher, als wir noch Versteckens mit ihnen im Schloß spielten.

Kaum waren wir aus dem Speisezimmer in den großen Saal getreten, als auch schon die Stiftsdame am Klavier saß und einen gemütlichen Ländler aufspielte. Und siehe, da schwebte auch schon Therese mit Baron Wolfgang durch den mit Kerzen beleuchteten Saal. Baron Otto, der scharmanteste von allen, hatte Caton geholt, Baron Albert Lotte. Ein wenig verlegenstand Hermann unter der Tür, als die Frau Baronin ihn aufforderte, ein Tänzlein mit ihr zu wagen.

»Er macht seinen Schwestern Ehre«, sagte sie, als er sie mit einem etwas ungeschickten Diener auf ihren Platz zurückbrachte.

Herr von Schönau hatte mich zum Tanze führen wollen, allein ich hatte schon die Gitarre vom Nagel genommen und machte mich als Musikantin wichtig. Einen Anfall meines Übels in der Nacht befürchtend, blieb ich auch standhaft gegen das Andrängen der Söhne, die mich immer wieder zum Tanze verführen wollten. Es gefiel mir an meinem Platze neben der Stiftsdame. Ihre paar Tanzweisen, die sie immer wieder von vorne anfing, konnte ich nach zweimaligem Anhören prächtig mit der Gitarre ergänzen, dabei nickte mir die Stiftsdame, die schon uralt sein muß, denn sie war schon alt, als wir noch Kinder waren, immer wieder freundlich zu. Wir plauderten auch zuweilen, denn die Musik ging von selbst. So fragte ich sie nach dem großen Bild an der Wand gegenüber, das eine herrliche, volle Frau darstellte – mit roten Haaren. Die Stiftsdame sagte mir, es sei eine Kopie nach Rubens, die sie in ihren jungen Jahren im Stift gemalt. Sie setzte hinzu: »Du mit deinen frischen Farben und roten Haaren wärest recht nach dem Geschmack eines Rubens gewesen.«

Nun freute ich mich über die Maßen, daß ein so großer Künstler rote Haare schön fand und ich mich meines Geschmackes nicht zu schämen brauchte.

Bei näherer Betrachtung fand ich jedoch, daß das Bild nur einzelne wohlgelungene Partien aufwies, von recht mediokeren zuweilen unterbrochen. Ich fragte die Stiftsdame, ob sie bei ihrem so ausgesprochenen Talent nicht Lust gehabt hätte, sich bei einem Meister ausbilden zu lassen.

Sie lächelte und meinte dann: »So etwas ist in unserer Position doch nicht möglich.«

Erst nach ein paar Augenblicken wurde mir klar, was sie damit meinte, und ein tiefes Erstaunen erfaßte mich bei diesem neuen Erkennen. Also nicht nur bei den Bürgerlichen, deren Mittel beschränkt sind, ist das arme Talent gefährdet, auch bei den Adligen hat es keine Heimat, und zwar als eine nicht ebenbürtige Dreingabe. Nun denke ich nicht länger: O ihr glücklichen, durch Sparerei so wenig bedrückten Menschen, denen alles erreichbar ist – ihr habt auch euer Brett, und ein gehöriges. –

Aber ich merkte bald, unter den Tanzenden nahm der Übermut gar mächtig zu. Ein paar Gläser Punsch waren rasch hinuntergestürzt worden, die Gesichter glühten. Hermann tanzte ganz allein um sich selbst herum, mit den Armen Bewegungen machend, als befindeer sich im Freiburger Schwimmbädle. Therese mit Baron Wolfgang schwebte zwar immer noch schön und ruhig dahin, ohne jedes Echauffement, wie das ihre Art war, aber mein Catonle und Lotte mit ihren Tänzern, da ging's ein wenig allzu toll her für eine junge Frau mit Kindern und eine Witwe.

War ihnen alles in Vergessenheit geraten?

Oh, der schlimme Baron Otto. Einmal beim Tanzen hob er Caton hoch in die Höhe. Baron Albert machte es mit Lotte nach, was nicht so gut gelang. Herr von Schönau und seine Frau lachten Tränen. Die steifen alten Fingerle der Stiftsdame hackten immer rasender auf die Tasten ein. Herr des Himmels, lag da nicht Otto vor Caton auf den Knien und rief im höchsten Pathos: »Caton, ich habe dich immer geliebt, liebe auch mich!«

Und sie – o sie war zum Fressen – legte das Händlein auf die Brust und flötete mit nicht zu beschreibender Schalkhaftigkeit:


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