»Ritter, treue SchwesterliebeWidmet dir dies Herz.Fordere keine andere Liebe,Denn es macht mir Schmerz. –
»Ritter, treue SchwesterliebeWidmet dir dies Herz.Fordere keine andere Liebe,Denn es macht mir Schmerz. –
Außerdem hab' ich zwei herzige Büble« – setzte sie auflachend hinzu.
»Auch noch zwei«, schrie Baron Otto.
Die Musik verstummte, und unter lautem Gelächterbrachte uns die ganze Familie, jedes mit einem Leuchter, in unsre Schlafgemächer. Da hatten wir alle schon öfters genächtigt als Kinder mit unseren Eltern, und so fühlten wir uns gleich heimisch, indem sich jedes das Bett aussuchte, in dem es früher schon geschlafen hatte.
Am andern Morgen holten sie uns wieder ab zum Frühstück, und es entstand ein großes Lamento, als wir erklärten, gleich nachher unsre Wanderschaft fortsetzen zu wollen. Es kam uns freilich hart an, aber Vater hatte uns ans Herz gelegt, die Güte unsrer Gastgeber so wenig als möglich in Anspruch zu nehmen. Baron Otto bat sich aus, wenigstens unser Fuhrmann bis Säckingen sein zu dürfen, was wir mit unverstellter Wonne annahmen. Baronin von Schönau sagte beim Abschied zu Therese: »Frage doch deine Mutter, ob sie dich mir nicht überlassen könnte.«
Aber Therese schüttelte entschieden den Kopf: »Mutter braucht mich zu nötig.«
Die Fahrt war herrlich frisch. Wir hatten alle ein wenig Kopfweh vom Punsch. So waren wir nicht ausgelassen wie am Abend zuvor, aber angenehm heiter und gemütlich. Baron Otto sagte beim Abschied zu Caton: »Sagen Sie nur immer gleich jedem, daß Sie zwei Büble haben.« –
Wir kamen kurz vor Tisch in Säckingen, unsermHauptziel, an. Ach, in unserer lieben Stiftsmühle, unsrer wohl sechsten Heimat auf dieser Erde, denn wo nicht überall haben wir eine Heimat durch herzensgute Menschen? Vaters Bruder, der Stiftsmüller, ist ebenso dick, als Vater schlank ist, und ebenso laut, als dieser leise ist. Mit dröhnender Stimme jammerte er uns während des ganzen Mittagessens von den alten österreichischen Zeiten vor, daß er halt an die dreißig Johr seinem Kaiser, dem Franzele, angehangen und halt den Franzele nit vergessen kann, aber au nit vergesse mag, wennschon der Herr Bruder, der Herr Kreisrat, ein badischer Beamter worde sei; der Kreisrat sei halt kei ordentlicher Säckinger mehr, sondern früh in die arg Welt naus komme, wo's die Leut' mit der Treu nit so ernst nehme. Aber in Säckingen, da halt' man am Alte bis zum letzte Schnapper und drum am Kaiser, am Franzele – der Großherzog könnt' jo eneweg der Provisor sein, da hätt' er, der Stiftsmüller, nit's geringste dagegen. Aber – und er legte den Finger an die Nase – der Kaiser isch der Öberscht.
Die Stiftsmüllerin, die mir wohl ansah, daß ich eine Einwendung machen wollte, gab mir einen kräftigen Tritt unter dem Tisch und flüsterte mir zu, während ihr Mann lautschnaufend den Braten tranchierte: »Loß en rede, loß en rede.«
Und der Stiftsmüller sprach weiter: »Ich sag jo nit, daß es der Großherzog nit nett macht, sei Regierung ischt nit übel, aber wenn's au der Franzele nit halb so nett g'macht hätt', der Franzele isch halt der Franzele, und zu Säckinge ischeinDenke, und wollt ihrs nit glaube, so goht zu dene alte Huzle, die üwrige Stiftsdame, do könne ihr was erlebe an Hüle und Zähneklappere nach de alte österreichische Zite, und drobe im Wald, die Wälder, die glaube 's noch hüt nit, daß sie nimmer zu Österreich g'höre, und sie glaube 's au in fufzig Johr noch nit.«
Und alle saßen wir still und schwiegen, lächelten nur ein wenig, wenn die alte Geschichte aufs Tapet kam, waren aber im Innern dem herzensguten Onkel nicht böse.
Ach, liebe Eltern, wie sind wir doch so glücklich und auch so dankbar für diese so wundervolle Reise. Güte, Wohlwollen, prachtvolle Ausflüge, deliziöse Gerichte, himmlische Betten – wo aufhören mit all dem Segen! Und was mir so wichtig ist – auch stille Stunden, die Möglichkeit, alles Erlebte an die Eltern zu berichten, damit sie sich mit uns freuen, und diese Briefe dann noch schnell in mein Tagebuch abzuschreiben. Oder mit Caton am Rhein entlang zu gehen, in vertrauten Gesprächen, dabei das Auge labend an den grünlich dahinziehenden Wogen. Ich schüttete ihr mein Herz aus,und für alles hatte sie ein lachendes Wort und schob, was mir schwierig dünkte, mit der Hand nur so weg, daß ich schließlich über meine eigenen Nöte lachen mußte.
Und ich will nie vergessen, was sie mir sagte: »Du und Therese, ihr seht manchmal Lotte so verwundert an, wenn sie ausgelassen ist. Soll sie ewig um Xaver trauern? Ich bin der Meinung, daß sie wieder heiraten soll.«
»Nach Xaver!« rief ich aus. »Ist das möglich?«
»Bei Lotte ja,« sagte Caton, »bei dir wär's nicht möglich. Aber Lotte braucht einen Halt, eine Pflicht. Unglücklichsein ist keine Lebensaufgabe. Sie soll nicht denken, wir halten sie zurück, sie soll denken, wir freuen uns, wenn sie einen neuen Wirkungskreis findet.«
Ich war ganz erstaunt. Hatte sie nicht recht?
»Wie kurzsichtig war ich!« rief ich aus.
Und Caton nickte: »Aus lauter Bravheit.«
Große Fahrt in Oberamtmann Eichroths Wagen nach Laufenburg, wo gerade Jahrmarkt war und wir Gelegenheit hatten, das bunteste Treiben von Menschen zu beobachten – Hauensteiner, Schweizer und sonst noch der ländlichen Trachten mehr. Wir hatten aber nur Zeit zu einem Frühstück. Unser Ziel warWaldshut. Dort winkten uns die Freunde der Eltern, Turbans und Holzmanns, schon aus den Fenstern entgegen. Therese, Lotte und Hermann wohnten bei den letzteren, Caton und ich im gastlichen Turbanshaus. Ach, welche Tage verlebten wir hier an Traulichkeit und wieder unnennbarem Entzücken im Beschauen der paradiesischen Aussicht – vom Rhein, den Dörfern und Bergen und weiterhin, jenseits des Ufers, der eisigen Jungfrau und des majestätischen Rigi.
Des Abends versammelte sich die Waldshuter Jugend bei Turbans; es wurden Gesellschaftsspiele gemacht, deklamiert, gesungen, und ich hatte nicht selten Gelegenheit, zwei Finger gegen Caton zu erheben, wenn die Hofmacherei ein wenig gar zu lebhaft wurde.
Herrn Turbans Güte und Unternehmungsgeist verdanken wir den schönsten, jedenfalls interessantesten Teil unserer Reise. Den herrlichen Rheinfall bei Schaffhausen durften wir sehen, gleichsam die Krone unserer Erlebnisse.
Auf dem Wege dahin beschauten wir die dortige Schmelze, einen tief in die Erde gegrabenen Feuerofen, aus dem eine gräßliche Brunst in allen möglichen Farben hoch und wild aufloderte. Unwillkürlich mußten wir an Schillers »Fridolin« denken.
Auf dem Fußpfade längs des Rheinufers, der uns zum Wasserfall bringen sollte, bildeten sich Brandungen,die von der Gewalt des Sturzes brausend gegen das Ufer schlugen. Noch ein paar Schritte, und der mächtige Rheinfall stürzte von seiner Höhe herab ins wirbelnd aufzischende Wasser. Wir bestiegen einen Kahn und glitten, gefährlich auf und nieder gewiegt, auf dunkelblauer Wogenflut dem tosenden Sturz immer näher – zaghaft und still, von heiligem Schauer durchbebt. Am jenseitigen Ufer, am waldigen Felsberg, auf dem das Schloß Laufen steht, landeten wir und fielen uns voll Dankbarkeit, einer so großen Gefahr entronnen zu sein, freudig in die Arme. Nur Hermann lachte und verbat sich jeden Kuß. Wir stiegen auf einem mit Geländer versehenen Fußpfade höher und höher, tief hineinschauend in das schäumende Wogenmeer, dessen urgewaltige Stimme jeden Laut ringsumher verschlang.
»Schöneres werden wir nie wieder sehen«, sagte Therese und weinte ein wenig.
Caton rief aus: »Oh, mein Männle, wärst du doch hier!«
Und Hermann erklärte: »Ich mach' einmal meine Hochzeitsreise hierher.«
Herr Turban nahm einen Wagen, und wir fuhren nach Schaffhausen. Die Stadt überstieg meine Erwartung an Größe und Schönheit. Ist sie auch im Vergleich zu Freiburg etwas düster, so geben ihr dochdie hohen, meist mit Erkern versehenen Häuser ein großartiges, altehrwürdiges Ansehen.
So waren wir um vieles Erleben reicher geworden, wofür wir Gott nicht genug danken können. Der liebe gütige Herr Turban kutschierte uns nach einem schmerzlichen Abschied von Waldshut nach St. Blasien, über die hohen, dunkelbewaldeten Berge hinweg, an hoch und niedrig gelegenen Dörfern vorbei, schönen Tälern, Landhäusern und Bauernhütten.
In St. Blasien mieteten wir uns im Gasthaus ein. Herr Turban schied nach dem Mahle dankbeladen von uns, und ein anderer Kollege meines Vaters nahm uns in Empfang. Er führte uns zuerst in den herrlichen Tempel der ehemaligen Benediktiner-Abtei, einen unendlich großartigen Bau, so recht in die dunklen Wälder dieses Gebirges passend. Hierauf gingen wir zu dem äußerst galanten Herrn von Eichtal, dem Besitzer der Fabrik, die sich in dem weitläufigen, ein mächtiges Viereck bildenden Klostergebäude heimisch gemacht. Welches Getreibe in den unzähligen, unabsehbaren Sälen. Wie das durchsichtigste Spinnengewebe, einem Spitzenschleier ähnlich, löste sich die schneeige Baumwolle von der schlichtenden Karte und quoll wie Milchrahm in hohe blecherne Trichter. Gar schön sind die breiten Gänge, die gewundenen Treppen mit den kostbaren Eisengittern und die reicheStuckatur am Plafond und oberhalb der Türen. Bei der Familie Eichtal beim Tee machten wir die Bekanntschaft der St. Blasier Honoratioren, und es entstand ein Gerisse, bei wem wir das Nachtmahl nehmen sollten. Man zog Hälmle, und ich war sehr froh, daß das Los den lieben Kollegen unseres Vaters traf. Wir waren recht müde und sehnten uns nach Ruhe.
Frühmorgens ging's mit dem Einspänner nach Menzenschwand, wo die eigentliche Fußreise wieder begann. Hermann, als Führer, führte uns, um den Weg abzuschneiden, über bahnlose Pfade, über Abdachungen mit Gestrüpp und gefällten Bäumen, so daß wir, darüber hinkletternd, rutschend und glitschend, fortwährend in Gefahr waren, Hals und Bein zu brechen. Hermann selber standen die Härle nach allen Seiten, die Reisemütze war in einen Abgrund gerutscht, denn der arme Kerl hatte bald Therese, bald Lotte vom Boden aufzulesen oder sie an glitschigen Stellen zu stützen und zu führen, wobei es Vorwürfe, daß er sie solchem Ungemach aussetze, nur so hagelte.
Nach fünfstündiger Strapaze machten wir in der Posthalde halt. Atemlos traten wir ins Wirtszimmer, verstaubt, echauffiert, die Hüte im Nacken, Lotte in Tränen vor Erschöpfung, Hermann ein wenig fluchend – und blieben bestürzt stehen vor einem gedeckten Tisch mit Flaschen voll gelben Weines.
»Für wen ist der Tisch gedeckt?« fragten wir die Wirtin.
Sie lächelte.
»Um Gottes willen, jetzt Freiburger,« rief Therese, »und wie sehen wir alle aus!«
»Ja, Freiburger«, tönte es aus dem offenen Nebenzimmer, und Vater und Mutter traten herfür und schlossen ihre schmutzigen Kindlein samt und sonders unter deren Jubelgeschrei in die Arme. Und fast gar erstickten wir die teuren Eltern mit der Wucht unseres unsagbaren Dankes.
1832. Armes, unbeschreiblich bedauernswürdiges Polen! Wie anders ist es doch, menschliches Elend – unverschuldetes oder durch hohe Überzeugung sich zugezogenes – mitanzuschauen, als die treuste Schilderung solchen Unglücks. O wehmutsvolle schöne Zeit einer allgemeinen Begeisterung für große Taten, einer allgemeinen Vergessenheit des eigenen Selbst, eines allgemeinen Wohlwollens und Wohltuns!
Aber nicht nur mitweinen, auch mittun durften wir. Es mangelte den geflüchteten Polen die weiße Wäsche so gänzlich, daß sich Frau Hofrätin Welcker flugs der Sache annahm und einen Mädchenverein bildete. Innerhalb dreier Tage hatten wir sechsDutzend Hemden, Unterbeinkleider, Taschentücher und Socken zustande gebracht. Die Ausgaben wurden von dem ebenfalls von Frau Welcker gegründeten Freiburger Polenkomitee bestritten.
Um die Beherbergung der edlen Polenjünglinge setzte es wahre Kämpfe ab. Therese und ich hatten den ganzen Tag zu tuscheln, denn wir führten nichts weniger im Schilde, als einen Polen zu beherbergen. Theresens Zimmer wurde dazu ausersehen, ihr Bett kam zu mir herüber. Der schönste Teppich, das beste Bett und frische Vorhänge – alles war bereit, den hohen Gast aufzunehmen. Und unser kühner Traum wurde zur Wahrheit.
Um elf Uhr in der Nacht klopfte Hermann an unsere Tür und rief:
»Steht auf, ich habe einen Polen!«
Wir flogen aus den Betten und warfen uns in die Kleider. Therese besorgte eine kleine Erfrischung, Hermann und ich führten den ersehnten Gast in sein mit Blumen geschmücktes Gemach und verließen ihn mit einem feurigen: »Polen hoch!«
Er heißt Zarembecki, ist Oberleutnant bei den Ulanen, hat blaue, geistvolle Augen und einen braunen Schnurrbart. Schön ist der ruhige Ernst seiner Gesichtszüge. Man hat gleich Vertrauen zu ihm.
Die Eltern, Therese und unsere jungen Leute begrüßten ihn erst beim Frühstück, welches durch die Erzählung Zarembeckis weit in den Morgen dauerte. Ganz hingerissen lauschten wir seinen ergreifenden Schilderungen, als die Türe aufflog und die Hofrätin hereindampfte, einen jungen Mann am Arm.
»Da schaut her,« rief sie, »ich hab' auch ein – Schreiber heißt er und kann Deutsch, un glei zum Kaffee hat er drei Töpfle Eingemachts vertilgt – aber 's macht nix – Pole hoch!«
»Hoch Deutschland!« schrie Schreiber – »und«, setzte er hinzu, »welch ein Bett – bis zum Plafond – ein Gebirge von einem Bett.« – »He,« fiel ihm die Hofrätin ins Wort, »wo soll ich denn die fünf Matratze von meine Nichtene sonst hintu als ins Fremdenbett.« – »Nur ein Turner vermag's zu ersteigen«, sagte Schreiber, »ich bin gottlob ein guter Turner.« Er öffnete die Türe, nahm vom Gang aus einen Anlauf und sauste mit einem großen Sprung über den Tisch. – »So geht's«, sagte er. – Wir lachten wie toll.
»Ich hab' der Allerlustigscht«, schrie die Hofrätin, »e herzige Kerle – für den gäb' ich alle meine Nichtene her.«
Schreiber küßte ihr die Hand, worauf die Hofrätin erklärte:
»D' Freiburger sind Stoffel – da beißt kei Maus der Fade ab. Pole hoch!«
Alsdann nannte uns Schreiber Kochana Siostra (liebe Schwester), und wir mußten ihn und Zarembecki Kochany Braciszek (lieber Bruder) nennen.
Noch im Laufe des Tages machten wir aus, daß ich Zarembecki in der deutschen Sprache Unterricht erteile und er mir in der polnischen.
Es kommt mir ganz merkwürdig vor, dieses plötzliche Aufleben nach einer Zeit, die mir so viel der Schmerzen und der Verluste gebracht – vor allem Marias Tod. Du himmlische Erscheinung in meinem Leben, du Heilige jetzt, wohl lebe ich weiter mit dir und spreche mit dir und teile dir mit, was mein Inneres bewegt, aber wie ich auch nach dir rufe und mich sehne, deine liebe Stimme ertönt mir niemals wieder auf Erden … – Dann kam der Abschied von Professor Schmidt. Sein neuer Aufenthalt ist Köln. Er sprach die Worte zu mir: »Soll ich mit dem Gedanken von Ihnen scheiden, daß ein Freigeist Ihr bester Freund ist?«
»Was wollen Sie von mir?« fragte ich.
»Daß Sie mit ihm brechen«, sprach er hart.
Ich schüttelte den Kopf: »So kann ich nicht sein.«
Er sah mich vorwurfsvoll an: »Also Sie brechen lieber mit mir, der ich das Heil Ihrer Seele will?«
Ich sagte: »Ich breche nicht mit Ihnen, und ich breche nicht mit Professor Monz …«
O dieser letzte Besuch – dieses so wenig herzliche Scheiden – Gott allein weiß, wie nah es mir gegangen ist –
Der Freundeskreis wird immer kleiner. Auch die beiden Malchen haben uns verlassen als glückliche, junge Frauen – um so fester schloß ich mich an Lenchen an.
Sie hat mir durch ihre Teilnahme, ihr heiteres Gemüt über die schwerste Enttäuschung meines Lebens hinweggeholfen. Es handelte sich um meine Gesundheit. Der Arzt meinte, eine Kur in Baden vermöchte mein Übel zu heben.
O diese blütenschwere Hoffnung, dieser Lichtpunkt, der sich vor mir auftat – daß mir war, als berührten meine Füße nicht den Boden, wenn ich Badens bezaubernde Umgebung durchschritt. –
Es sollte nicht sein. – Mein Aufenthalt in Baden brachte mir keine Besserung. Was wir so heiß ersehnt, ich und die Meinen, erfüllte sich nicht.
In jener Zeit tiefster Entmutigung und Herzenseinsamkeit las ich Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«. Das Buch hat mich außerordentlich gefesselt und erhoben. Es war ein Studium, ich kam nur schrittweise vorwärts und errangnur durch wieder und wieder Lesen das völlige Verständnis. Ich weiß nun und verstehe, warum Professor Schmidt nicht wollte, daß ich dieses Buch lese. Es ist wohl möglich, daß die Darlegung und Auseinandersetzung des physischen Organismus des Menschen nicht jedem Mädchen fromme, ein Wissen, das aber nicht in Anschlag zu bringen ist gegen das damit verbundene Eindringen in das Schöne, Wahre, Göttliche. Wenn er von der reinen Humanität, von der Unsterblichkeit und der engen Verbindung zwischen hier und jenseits spricht, so weiß ich nicht, was man Besseres soll lesen können. Diese so überzeugende Sprache befestigte und kräftigte mich mächtig. So hoch war die Empfindung, die mir dieses Buch mitteilte, daß sich meinem damals so gebeugten Gemüt mehr als je die Gnade Gottes offenbarte.
Maria hat mir die Werke ihres liebsten Dichters Jean Paul zum Andenken hinterlassen, und da ich jetzt etwas mehr freie Zeit habe als früher, so weiß ich mir nichts Schöneres, als mich in die reiche Welt dieses Dichters zu vertiefen.
Nach Anneles Hochzeit, die unsern Haushalt so ziemlich auf den Kopf stellte, sprach Mutter das erlösende Wort aus, daß wir ferner keine jungen Mädchen, sondern nur noch junge Leute aufnehmen wollten. So waren Therese und ich des ewigen Chaperonierensledig, das so zeitraubend und wenig erquicklich für uns war. Hermann, unserm flotten Studenten, fällt jetzt die Aufgabe zu, sich unsrer jungen Leute anzunehmen.
Unter Stundengeben, Zeichnen, Übersetzen und Hausarbeit gingen meine Tage ohne innern Herzensanteil dahin – als Polens Schicksal sich wie ein Feuerbrand über unser kleines Freiburg verbreitete.
4. Juni. Als ich heute in eine Gesellschaft kam, in der Polen aufgeführt waren, wurde mir doch ein wenig verlegen zumute, angesichts der Unmenge von Stammblättchen, Ordensbändern und Rosenknospen, die nur so um die Jünglinge flogen, die dafür ihrer Haarlocken und Westenknöpfe beraubt wurden. Ich konnte nicht umhin, mehreren Polen zu Gemüt zu führen, daß nur ihre Tapferkeit und ihr Unglück sie auf diese Stufe der Verehrung stellten.
Aber leider gibt es Mädchen – oh, wie habe ich mich schon darüber geärgert – die den Enthusiasmus, den man für große Taten haben darf und soll, durch Unverstand und abgeschmackte Übertreibung herabziehen, ja, lächerlich machen.
»Fürchten Sie nicht,« sagte mir Zarembecki, »daß wir die allzu große Güte der Deutschen anders als ein unverdientes Glück auffaßten. Wir sind ja keine Sieger,wir sind ein armes, geschlagenes, nur noch als Trümmer weiterlebende Volk, der Willkür des russischen Wüterichs und unsrer eigenen Verzweiflung preisgeben.«
Unerforschlicher Gott, wie soll ich an deiner Barmherzigkeit nicht irr werden! Warum sendest du nicht ein furchtbares Gericht, das Ungerechtigkeit und unverdientes Glück, Tugend und unverschuldete Elend ausgleiche. Darf Rußland sein unheilbringendes Machtgebot hier ungestraft geltend machen? Und warum stehen nicht alle Völker gegen diese Übeltäter auf? O Menschheit, wie bist du so flau. –
Dir, vertrautes Tagebuch, darf ich solches sagen, weil du verschwiegener bist als ich selbst. Ach, kaum bin ich imstande, meine Ansichten für mich zu behalten, denn wie tadelt man es hart, wenn ein Frauenzimmer in solchen Dingen eine Ansicht haben will. Ich will es ja auch gar nicht, meine Unkenntnis in politischen Dingen verbietet mir's von selbst. Aber teilnehmen an der Brüder Wohl und Weh, das lasse ich mir nicht verbieten, mag die Welt sagen, was sie will.
10. Juni. Nun hab' ich auch Monz verloren. Ich habe Mutter nichts gesagt von meinem Erlebnis. Ach, ein vorwurfsvoller Blick hätte mich gewiß getroffen,wenn auch kein Vorwurf in Worten. Und die Ruhe, die jetzt in mir ist, wäre vielleicht in Reue und Schmerz verwandelt worden. Und diese Ruhe, ja, ich möchte sagen Heiterkeit, ist sie nicht ein Beweis, daß, was ich tat, das richtige war?
Die Meinen gingen zu einem Nachmittagskaffee, und ich blieb zu Hause, um mich von einer besonders schlechten Nacht zu erholen. Ich zeichnete, da klopfte es an die Türe, und auf mein Herein trat Monz über die Schwelle.
Er nahm Platz mit einem Gesicht, das einen sehr erregten, beinahe wütenden Eindruck machte.
»Ich halte es in diesem polentollen Nest nicht mehr aus,« sagte er, »oder gehören Sie am Ende auch zu den Narren, die Polen in den Himmel heben und am liebsten gleich gegen Rußland marschierten, um sich für das edle Volk hinzuopfern?« –
Er lachte unbändig. In mir kochte es.
»Wie ist es möglich,« preßte ich hervor, »sollten Sie kein Herz für dieses unglückselige Polen haben?«
»Nein, nein, nein,« unterbrach er mich, »ich will es nicht glauben und nicht dulden, daß auch Sie zu der unvernünftigen Horde gehören, die sich durch ihre Polenschwärmerei für alle Zeiten lächerlich macht.«
»Polens gerechte Sache«, fiel ich ihm ungestümins Wort, »ist die Sache aller menschlich empfindenden Herzen.«
Er legte wie beschwichtigend die Hand auf meinen Arm: »Ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen über Polen zu streiten, darüber können wir uns später auseinandersetzen. Jetzt drängt die Zeit. Ich reise morgen nach Stuttgart. Mein Wirken hier ist zu Ende. Es gibt kein Auskommen mehr zwischen mir und meinen Kollegen.«
Er schwieg, sah mich an, und ich fühlte, ahnte plötzlich, was jetzt kommen würde.
»Bevor ich gehe,« sagte er in leisem Tone, »möchte ich eine ernste Frage an Sie richten.«
Abermaliges Schweigen.
In diesem kurzen Augenblick übersah, überlegte und überdachte ich alles – der Eltern Aufatmen – die schwere Last, von der ich sie zu befreien vermochte – ich selber aber – da – ein rettender Gedanke. Du stellst ihn auf die Probe, und wenn er sie besteht – dann, ja dann –
»Sie sind erregt«, flüsterte er.
Und ich: »Immer nach solch einer Nacht.«
»Hatten Sie eine schlechte Nacht?« fragte er wie abwesend.
»Es ist mein Los, sehr oft schlechte Nächte zu haben durch – mein Leiden«, sagte ich.
»Sie haben ein Leiden?« fragte er.
»Wußten Sie das nicht?« gab ich ihm zur Antwort. »Ich leide an Asthma – nach Ausspruch der Ärzte ein unheilbares Leiden.«
»Wirklich unheilbar?«
Ich zögerte einen Augenblick, dann sagte ich: »Ja.«
»So.« – Er sah vor sich nieder, eine ganze Weile. Mir klopfte das Herz.
»Das tut mir leid«, sagte er aufblickend. »Ich danke Ihnen.«
Wir verabschiedeten uns mit einem Händedruck.
Ich konnte all die Tage Mutter nicht ansehen, ohne sie im stillen um Verzeihung zu bitten, denn hatte ich sie nicht eines großen Glückes beraubt? Aber konnte, durfte ich anders handeln? Und dann, so wie Monz ist, hätte ich nicht in ewigerUnmündigkeitneben ihm her wandeln und mich in allem seinem Urteil, seinen Ansichten fügen müssen? Kann man das ohne große Liebe?
O Nannele, danke Gott, er hat dich behütet!
15. Juni. Samstag wurde »Oberon« gegeben zu Ehren der Polen. Amalie von Berg hatte mich in ihre Loge eingeladen. Wir Mädchen saßen auf den vorderen Plätzen. Hinter Amalie Kozlowski, hinter mirZarembecki. Der Eintritt der Polen wurde mit einem stürmischen »Vivat Polonia« begrüßt. Amalie hatte sich erhoben, sie schwenkte das Taschentuch, ihr wunderschönes Gesicht leuchtete vor Begeisterung. Sie zitterte, als sie sich niedersetzte. Kozlowski beugte sich zu ihr. Sein edles Gesicht war leichenblaß. Und ich fühlte – ja, es war eine Gewißheit in mir, hier flammten zwei Herzen zusammen in unaussprechlicher Liebe. Ach, und schon erkannte ich den Widerstand, der ihrer wartete, den mißbilligenden Blick aus ihres Bruders Augen, der in der Loge nebenan saß und seine, sich ganz ihrer Begeisterung hingebende Schwester etlichemal anrief. Aber sie hörte nichts.
Grotecki hatte sich in Welckers Loge erhoben und hielt eine französische Anrede, worin er Deutschlands Freiheitseifer pries und diesen durch die Schilderung seines unglücklichen Vaterlandes noch höher entflammte. Er teilte mit, daß der polnische Feldherr Kosinski jeden Augenblick eintreffen könne, und er darauf brenne, Freiburg den Edelsten der polnischen Helden vorzustellen.
»Oh«, rief er aus, trat ein wenig zurück und wies auf Frau Welcker, die schlicht und bescheiden in der Ecke ihrer Loge saß, »wie soll ich sie nennen, diese Edelste der Frauen, unsre Vorsehung will ich sie nennen – unsern Kindern wollen wir ihren Namenverkünden, und unsre Kinder sollen ihn weiter segnen von Geschlecht zu Geschlecht – Madame Emma Welcker. Verwundete Polen liegen in ihrem Haus, die sie pflegt, wie nur eine Mutter pflegen kann. Unbemittelte polnische Studenten finden Unterstützung bei ihr, hilfreiche Güte. Wer hat an verschiedenen Stationen, wo unsere armen Emigranten haltmachen müssen, gastfreie Häuser ausfindig gemacht, die die Flüchtlinge in Empfang nehmen und wieder weiter befördern? Madame Emma Welcker. Und was tat sie für unsere armen verlassenen Kleinen? Eine Lotterie hat sie ins Leben gerufen zugunsten der verwaisten Polenkinder, eine Aufforderung an alle Stände Badens, teil an dieser Lotterie zu nehmen, zu der sie ein kostbares Korallenhalsband als Preis stiftete. O diese unermüdliche, edelste der Frauen – leitete sie nicht die Emigration verschiedener Kinder und Frauen aus Polen über Breslau und Dresden zu ihren verbannten Vätern und Gatten nach der Schweiz, nach Frankreich? Übervoll ist mein Herz von Dankbarkeit, Ehrfurcht und Liebe für diese hochherrliche Frau. Sie lebe – hoch lebe Madame Emma Welcker – Vivat Germania!«
Unsere Musensöhne schrien:
»Vivat Polonia!« – und stimmten Bundes- und Freiheitslieder an. Wir Frauen sangen mit, weintenund umarmten einander. Mitten in diesem Tumult ertönte der Ruf: Kosinski. –
Er erschien an der Rampe der Welckerschen Loge. Eine unbeschreibliche Begeisterung ging los. Er verneigte sich und grüßte mit der Hand, mit einer Würde, einem Anstand und auch wieder mit einer solchen Trauer, daß alles in Tränen ausbrach.
In diesem Augenblick erhob sich der Vorhang, ein Sänger trat vor und brachte einen von Professor Reichlin für die Polen gedichteten Gesang zum Vortrag.
In der nächsten Pause kam Grotecki in unsre Loge. Kozlowski stellte ihn mir vor:
»Graf Grotecki, Hauptmann bei den Ulanen.« (Auf seinen und Kozlowskis Kopf sind dreitausend Dukaten als Preis gesetzt.) Grotecki kann nicht Deutsch; wir sprachen Französisch. Er ist groß, schlank, von unbeschreiblicher Beweglichkeit, aus seinen Augen sprüht ein Feuer, dem der Blick kaum standzuhalten vermag. Er sprach so, als hätten wir uns schon unzählige Male gesprochen. Er sagte ungefähr: »Schon den ganzen Abend erfreute ich mich an der Leuchtkraft Ihres Wesens.«
Ich dachte an Mutters großen Spitzenkragen, an meine roten Haare.
Als lese er mir die Gedanken ab, lächele er miteinem lebhaften: »Nein, nein, nein, so ist's nicht gemeint, Äußerlichkeiten haben keinen Wert für mich. Es ist der Ausdruck. Ihre Seele spricht aus jedem Zug Ihres Gesichtes – die liebenswürdigste Seele« –
Meine Verlegenheit war grenzenlos. Ich besann mich auf eine abwehrende Antwort und sagte: »Das Theater ist sehr voll heute abend.«
Er lachte laut auf, erklärte jedoch im nächsten Augenblick, er werde sehr gesetzt sein, mein Blick hätte deutlicher gesprochen als meine Worte.
»Seien Sie mir nicht böse,« fuhr er zu sprechen fort, »wenn ich Sie durchaus vollkommen haben möchte, aber dieser Mund, so fein geformt, darf eine Sprache nicht anders als vollendet sprechen. Ihr Französisch ist grammatikalisch durchaus richtig, aber Ihre Aussprache ist die eines Menschen, der nie in Frankreich war.«
Ich vergaß meine Befangenheit: »Wie recht Sie haben – ich fühle das – ich habe manchmal schon an Straßburg gedacht.«
Er schüttelte Kopf und Hände: »Bewahre Sie der Himmel – Paris, Nancy, nichts anderes.«
Ich mußte lachen.
Die Musik unterbrach unsre Unterhaltung, der Vorhang ging in die Höhe, zugleich fiel mir ein, daß Zarembecki hinter mir saß – dieser Feinste, dieserBeste von allen, ja, das wußte ich, daß er das war – und ich hatte ihn ganz vergessen.
Es sind kaum vier Wochen, daß ich »Oberon« zum erstenmal sah. Ich rückte damals mein Stundengeld daran, um Therese und mir diesen Genuß zu ermöglichen, und glaubte wahrlich in meinem Leben nichts Schöneres gesehen und gehört zu haben. Damals hatt' ich halt noch keine Polen gesehen. Jetzt – immer wieder suchten meine Augen wider meinen Willen den bald in dieser, bald in jener Loge auftauchenden Grotecki im schlichten Flausüberrock, dem dunklen Schnurrbart und dem herrisch gebietenden Blick.
Nachher war zum Vorteil der Polen großer Ball im Kaufhaussaal, wozu alle Freigesinnten eingeladen waren. Mutter ging mit mir nach Haus. Vater nahm natürlich mit Therese und Hermann am Feste teil. Therese tanzte nur mit Polen. Hermann hatte die Weisung, sich auf Stammbuchblättchen, die ich ihm gegeben, die Namen wenigstens der interessantesten Polen aufschreiben zu lassen und von jedem einen Knopf zu erbitten.
Heute vor Tisch rückte eine Studentenschar durchs Schwabentor. Professor Reichlin, der Vater besuchte, ging mit uns auf den Altan, worauf die Studenten Professor Reichlin, als dem Dichter des Polenliedes,ein stürmisches Hoch brachten, das wir mit einem »Polen hoch!« erwiderten. Schnell wurden die Hüte aufgesetzt, und wir zogen hinter der jungen Männerwelt drein, die singend durch die Stadt marschierte, den polnischen Helden entgegen. Auf dem Marktplatz erfolgte das Zusammentreffen. Man hatte den Wagen die Pferde ausgespannt, die Studierenden zogen die polnischen Helden unter dem Zujauchzen der Volksmenge einher, vier Fahnen mit den polnischen Farben voraus.
Rotteck sprach, Welcker, zuletzt Grotecki. Die Begeisterung war unbeschreiblich.
Was ist es nur, was aus ihm sprüht? Überdenke ich mir die Worte, die er spricht, so kann ich nicht umhin, mir zu sagen – durch sie kann unmöglich dieser Taumel der Begeisterung entstehen, besonders wenn er ein paar unvollkommene deutsche Sätze stammelt. Es ist also die Seele, die uns hinreißt, die große Seele eines großen Unglücklichen.
Die Polen wurden von dem Offizierskorps zu einem Mittagsmahl in die »Stadt Wien« eingeladen. Wir baten Mutter, uns auf einen Kaffee auch dahin zu führen. Professor Reichlin bot sich als Begleiter an. Aber oh weh, alle Stuben waren schon mit Studenten angefüllt, die sangen und stritten und uns viel zu bezecht erschienen, als daß uns ihre Gesellschaft hätte zusagenkönnen. So wollten wir wieder schweren Herzens heimzotteln, als Grotecki unserer ansichtig wurde, herbeieilte und uns, mir nichts, dir nichts, in den Speisesaal führte, wo sich sämtliche Offiziere und Polen uns begrüßend erhoben. Man brachte uns einen kleinen runden Tisch. Mutter bestellte Kaffee. Kaum saßen wir, erschien Amalie von Berg mit Kozlowski und nahm mit einem Lächeln bei uns Platz. Sie ist noch schöner geworden durch die grenzenlose Begeisterung, die ihren dunkelblauen Augen entstrahlt, während ihr feiner Mund, oft merkbar zitternd, die Kämpfe ihres Innern verrät. Um den Mann ihrer Liebe kämpft sie, von dem die Ihren nichts wissen wollen. Warum denn nicht, um Himmels willen, warum sollten diese beiden so wahrhaft schönen Menschen nicht zusammenkommen? Es ist ja nicht wie bei Therese – Oberleutnant K. hatte sich neben sie gesetzt, und ich mußte mir sagen: Diese müssen sich fügen, die Kraft fehlt ihnen, um über das Herkömmliche Herr zu werden. Aber bei jenen andern, bei Amalie von Berg und Kozlowski, ist Kraft und Leidenschaft genug, um der ganzen Welt entgegenzutreten.
Grotecki sprach. Er ließ die Frauen Badens leben, deren warme Teilnahme Balsam sei für die so schmählich besiegten Polen. »Ce sont nos funérailles et ce sont vos beaux coeurs qui les embellissent«, sagte er,sich gegen die anwesenden Frauen verneigend. Mit brechender Stimme schilderte er das erbarmungswürdige Geschick seiner Landsleute – auch sein eigenes – der Vater nach Sibirien geschleppt, Mutter und Schwestern in ihren Schlössern verbrannt oder herausgeschleppt – mißhandelt, niedergetreten. – Der Ton seiner Stimme war so ergreifend, daß selbst die Offiziere in Tränen schwammen, und sie und die Polen umarmten einander unter dem Rufe: »Polen hoch! Deutschland hoch!«
Wie durch einen Schleier sah ich Amalie von Berg aufstehen und das Lied anstimmen:
»Noch ist Polen nicht verloren.« –
Leidenschaftlich brauste der Gesang durch den Speisesaal. Die Studenten aus den Nebenzimmern eilten herbei und sangen mit. Auf der Straße sammelten sich die Leute, alle erregt, unter Tränen singend, immer von neuem:
»Noch ist Polen nicht verloren.« –
Ach, erst im Umgang mit diesen Helden kann man ganz ihre Größe schätzen, ihr Unglück erfassen.
Beim Gehen war plötzlich Grotecki an meiner Seite.
»Merken Sie nicht,« flüsterte er, »oh, Sie merken nichts – nur für Sie sprach ich – nur Ihnen habe ichmein jammervolles Geschick mitgeteilt. – Was liegt mir an all den andern.« –
Ich nahm Mutters Arm, ich hatte ein Gefühl, als trügen mich die Füße nicht mehr. Ich brachte beim Nachtmahl keinen Bissen hinunter und zog mich gleich auf mein Zimmer zurück.
Mutter kam. Ich dachte: wenn sie mich fragt, was mir sei – was soll – was kann ich ihr antworten?
Sie fragte nicht. Sie sagte nur: »Närrle, nimm nicht alles gar so ernst.« –
1. Juli. Wie lebhaft, wie hochinteressant geht es nun des Nachmittags zur Kaffeestunde bei uns zu. Ganz wie selbstverständlich, ohne daß wir sie eingeladen hätten, erschien eines Nachmittags Amalie von Berg und mit ihr Kozlowski. »Dürfen wir?« sagte sie zur Mutter und weiter nichts. Und Mutter schloß sie in die Arme. Nun sind sie immer da und können ungeniert miteinander reden in dem lauten Kreis – laut durch die Gegenwart der Hofrätin mit ihrem Schreiberle, wie sie den jungen Polen nennt, der nun statt meiner unter den Tisch zu schlüpfen und den Knäuel zu suchen hat.
Meine Aufgabe ist – ach, sie ist entsetzlich schwer – Zarembecki nicht merken lassen, wie sehr, sehr es mich zu Grotecki zieht. Gleich als er das erstemalin unser Haus kam, sozusagen auf den ersten Blick, entdeckte er meine kleinen Zeichnungen von Mutter und Caton über der Kommode. Er fragte, von wem sie seien.
»Von mir«, sagte ich.
»Sehen Sie denn nicht,« rief er aus, »mit allem Talent, dem größten Fleiß – nichts vermögen Sie zu erreichen ohne die Kenntnis des menschlichen Körpers.« – Er deutete mit der Hand bald hierhin, bald dorthin: »So sitzt kein Arm, – diese Schulter steht falsch, – sonst vieles sehr, sehr gut. – Ich habe eine Schwester –«
Er brach plötzlich ab: »Mein Gott, was wird ihr Schicksal sein?« – Tränen liefen über seine Wangen. Er ging. Unter der Türe traf mich sein Blick. Welch ein Blick!
Es gab mir einen Ruck – ich konnte nicht anders – ich wollte ihm nacheilen.
Da legte Zarembecki plötzlich die Hand auf meinen Arm: »Kochana Siostra haben mich vergessen, habe noch nicht gehabt Kaffee.« –
Ich führte ihn zum Tisch und bediente ihn. Ich konnte gar nicht genug tun, so dankbar war ich Zarembecki, daß er mich von einem unbesonnenen Schritt zurückgehalten. Ich nahm mir vor, auf meiner Hut zu sein, – mit aller Gewalt, aller Kraft.
Ich betete, betete mit aller Inbrunst, als ich im Bett lag. Einmal schluchzte ich so laut, daß Therese erwachte.
»Hast du geweint?« fragte sie.
»Geträumt«, gab ich zur Antwort.
»Ich auch,« sagte sie, »mir träumte von der weißen Pelerine des Fräuleins von Berg. Etwas abgetragene Kleider kann man mit solch hübschen weißen Pelerinen wieder ganz auffrischen. Hast du gesehen, sie trug am Halse statt einer Krause ein weißseidenes Krawättchen, mit einer Agraffe befestigt. Ich werde Fräulein von Berg um das Muster ihrer Pelerinen bitten. – Du, Nannele, ich schäme mich ein wenig über die laute Art der Hofrätin. Hast du nicht bemerkt, wie Grotecki lächelte? Ich glaube, daß er mokant ist und es sehr spießig bei uns findet.«
Ich wunderte mich über meine eigene Stimme. als ich antwortete: »Ich glaube es auch.«
Aber warum, warum, wenn ich so von ihm denke, kommen meine Gedanken nicht los von ihm? Es gab eine Zeit, da verstand ich die Prinzessin von Ahlden nicht, die Mann und Kinder, Ruh und Ehre hingab für ihre Liebe. In dieser Nacht wurde es mir klar, daß so etwas möglich ist. Ich erkannte das entsetzliche Unglück einer Leidenschaft, und ich sagte mir: Es gibt nur eines: Kampf oder Untergehen.Ich hätte nicht gedacht, daß so etwas mich ankommen könne, – mich. – Ich hielt mich für gefeit, – warum eigentlich? War das nicht Hochmut, und muß ich darum klaftertief in meiner eigenen Achtung sinken? Schande der Geschichte meines Herzens, wenn ich es nicht über mich bringe, jeder ferneren Begegnung mit Grotecki aus dem Wege zu gehen. Was will er von mir? Eine neue Eroberung, weiter nichts. Hermann sagte mir, Grotecki stehe im Rufe eines Don Juan …
Ich konnte nicht umhin, Caton eine lebhafte Beschreibung zu machen von unserer herrlichen Polenzeit und der tiefen Teilnahme, die Freiburg an Polens schwerem Schicksal nimmt. Ich legte einige Blätter der »Freisinnigen« bei, in der Rotteck, Welcker und Grotecki fulminante Artikel in die Welt sandten über Polens Unglück, seinen Edelmut und seine Freiheitsliebe.
Zu meinem Erstaunen schrieb mir Petersen statt Catons, es sei offenbar sehr notwendig, meine hohen Ideen von den Polen etwas herunterzustimmen, deren Edelmut in Norddeutschland weniger Eindruck mache, da man hier wisse, daß die Polen in Paris mit einem Haufen Franzosen gegen Philipp rebelliert hätten. Das weibliche Politisieren habe übrigens keinen Sinn, da die notwendige geschichtliche Grundlage fehle undnur subjektive Empfindungen aus dem Politisieren der Frauen redeten.
Ich anerkannte und dankte Petersen für seine gute Absicht, mich bessern zu wollen, entschuldigte mich aber nicht, sondern erklärte, ich könne teilnehmendes Aussprechen unserer Gefühle, treffe es den einzelnen oder das Allgemeine, nicht politisieren nennen. Bezüglich der Rebellion gegen Philipp führte ich an, daß das, was zwei oder auch zwanzig Polen verschuldet, nicht dem ganzen Polenvolke könne angerechnet werden. Alsdann packte mich, wie so oft, der Humor zur Unzeit, indem ich von diesem ernsten Thema einen Sprung in den plattesten, weiblich romantischen Stil machte, so auf Petersens Mahnung eingehend, daß wir Frauenzimmer das Barometer der Politik doch lieber unberührt lassen und uns nicht männliche Interessen anzueignen hätten.
Ich schrieb also ungefähr: »Im übrigen freue ich mich über das schöne Wetter, weil man spazierengehen kann und die Natur bewundern, die grünen Bäume, das bunte Obst und die flatternden Vögelein und murmelnden Quellen. Aber auch das Regenwetter hat sein Gutes, weil Äuglein und Füßlein dann ruhig bleiben müssen, damit die Nadel flinker geht, um Kleider, Wäsche und Strümpfe in gehöriger Ordnung zu halten. Sonst weiß ich jetzt nichts mehr,als daß der süperbe Sommer leider auch einmal zur Neige geht, worüber ich sehr traurig bin, denn wie sehr die Partien oft auch fatiguiren, so sind sie doch noch amüsierender als die langen Winterabende beim Unschlittlicht usw. usw.«
Mein sonst so großdenkender, edler Schwager faßte meinen Spott nicht humoristisch auf, so wie es gemeint war. Er glaubte, ich mache mich über ihn lustig, während ich ihm nur zeigen wollte, wie ein Frauenzimmer ohne höhere Interessen sich ausdrücken möchte.
Ach, wäre man nur nachsichtiger, so brauchte man gar nicht so vorsichtig zu sein!
Petersen, mich so falsch beurteilend, wählte ein zu starkes Mittel zu meiner Besserung – nicht an mich selbst, sondern gleichsam anklagend, wandte er sich an die Eltern, sie möchten die übermütige Amazone an die ihr zuerst zukommende Tugend der Bescheidenheit verweisen.
Ich weinte bitterlich, als Vater diesen Passus vorlas. Aber, o Glück, ich hatte beide Eltern auf meiner Seite, und Mutter erklärte, sie selber wolle die Sache mit Petersen in Ordnung bringen, denn wenn sie mit meiner Bescheidenheit zufrieden sei, so sei sie der Meinung, daß auch er es könne.
Immerhin, es hat mir wehe getan, von einem soschätzenswerten Mann wie Petersen verkannt und gekränkt zu werden. Ich konnte nicht umhin, Welcker, den ich bei Mohrs traf, mein Erstaunen mitzuteilen, wie wenig man in Norddeutschland unsere Anteilnahme an Polens Unglück verstehe.
»Das glaube ich,« sagte Welcker und lächelte sarkastisch.
»Aber«, rief ich aus, »müßten wir Deutsche denn nichteinHerz undeineSeele sein?« Er nickte: »Was wollen wir denn andres.«
Den 3. Juli hatte trotz allem Abraten und Untersagen von oben ein kleines Freiheitsfest in St. Ottilien stattgefunden. Rotteck, Welcker und auch mein Vater waren nicht dabei. Er meinte, wir sollten auch zu Hause bleiben, aber Mutter hatte Amalie von Berg und noch anderen jungen Mädchen versprochen, sie zu chaperonieren. Ebenso hatte es sich Frau Welcker nicht nehmen lassen, dem Ausflug beizuwohnen. Sie ging voraus zwischen einem Schwarm von Polenjünglingen, die, wo sie auch immer erschien, nicht müde wurden, der gütigen Frau ihr Leid zu klagen. Ich hatte mir fest vorgenommen, Grotecki mit so viel Würde zu begegnen, daß er weder einen Handkuß noch eine Schmeichelei wagen würde. Aber als wir die Herren oben im Walde trafen, küßteer mir die Hand gleich zweimal, und aus meiner Würde wurde eine totale Verlegenheit. Ich nahm Lenchens Arm, an meiner anderen Seite schritt Zarembecki; so fühlte ich mich geborgen – wußte aber, ach, nur zu genau, daß Grotecki dicht hinter mir dreinging, nachdem er mir einen zornig-wütenden Blick zugeworfen hatte. – Auf dem ganzen Weg zur Wallfahrtskapelle wurden Freiheitslieder gesungen. Eine unbeschreibliche Erregung erfüllte aller Herzen. Ich mußte weinen, und Lenchen weinte mit mir. Aber dann mußten wir auch wieder lachen. Schreiber schleppte die Hofrätin neben uns her. – »O du mei' liebes Herrgöttle,« stöhnte sie, »isch des e' Schnauferei – aber 's macht nix – dafür keuch' ich gern der Berg 'nauf, daß mer so honett behandelt wird – in Freiburg kräht kei' Hahn nach de alte Weiber, aber sechs Pole springe, wenn ich mei' Knäuel falle laß' – Pole hoch! Die Freiburger sind Stoffel. –«
Die Kapelle der hl. Ottilie blieb unbesucht diesmal. Reden wurden gehalten, gesungen und wieder gesungen. Ich sah Amalie von Berg in einem himmelblauen Schaltuch da und dort unter den Männern auftauchen, einer Freiheitsgöttin gleich, leuchtend vor Begeisterung und Schönheit.
Der Redakteur der Freisinnigen Zeitung sprach von dem herrlichen Fest in Hambach, auf der uraltenKestenburg mit der prachtvollen Aussicht auf die Rheinebene – von Worms bis Straßburg – zwanzigtausend Menschen, auch Polen und Franzosen, lauschten hier den feurigen Reden Wirths, eines wahrhaft deutsch gesinnten Mannes, der in der deutschen Einheit das höchste Ziel seines Lebens erkannte.
Grotecki sprang auf die Rednerbühne. Mit aller Kraft, mit aller Leidenschaft eiferte er gegen Fürsten und Fürstendiener. Er sprach wie ein Gott. Mit der schwarzrotgoldenen Fahne sollte sich die polnische vereinen, um den russischen Barbaren gemeinsam zu vernichten, Rußland zu Fall zu bringen, seine schrankenlose Willkür, seinen unersättlichen Ehrgeiz zu brechen.
Er sprach und sprach. – Zu meinem Erstaunen blieb ich ungerührter als alle um mich her, die weinten und sich umarmten und sich wie Trunkene gebärdeten. Waren es jene mich so tief verletzenden Worte, die Monz sprach, und die mir plötzlich in den Sinn kamen – sein Auflachen, als er sagte: »Gehören Sie am Ende auch zu den Narren, die sich durch ihre Polenschwärmerei für alle Zeiten lächerlich machen?«
Ich sah Lenchen an, die mir am Arm hing.
»Du weinst auch nicht?« fragte ich.
»Ich wein' doch nicht, wenn du nicht weinst«, gab sie zur Antwort.
Ich mußte lachen – herzlich lachen.
Um uns her küßte sich alles. »Polen hoch! Deutschland hoch!« Der Tumult wurde mir fast zu arg – da, ein Schatten – ich schaute auf – Grotecki stand vor mir.
»Rache ist süß«, sagte er, und eh' ich mich's versah, preßte er mich an sich – und küßte mich.
Es war so, als drehte sich die Erde mit mir. Ich taumelte, ich hatte keinen Willen mehr. Ich kann es nicht beschreiben, Stimmen tönten an mein Ohr – ein polnisches Wort, heftig, schneidend – Zarembecki war's. Er nahm meinen Arm, Grotecki trat uns in den Weg, Worte flogen zwischen den beiden hin und her – ein Drohen – Aufflammen.
Ich raffte mich auf, ließ Zarembeckis Arm los und eilte zur Mutter.
Welch ein Heimweg zwischen Mutter und Lenchen – beide führend, mit zitternden Knien, nach Atem ringend, dem Weinen nahe und doch wieder voll Angst, mich zu verraten.
Und Lenchen, die erzählte:
»Denk' au, Nannele, der Schreiber, der Schlingel, kommt daher und gibt mir einen Kuß –, 's küßt sich ja alles, sagt er und will noch einmal anfange, da hat er aber e' Watsch 'kriegt, daß er au g'schrie hat.«
Sie lachte und schwätzte weiter. Und mir fiel'swie ein Vorwurf auf die Seele: Warum hast du's nicht auch so gemacht, warum hast du still gehalten?
Ach, so meiner selbst sicher war ich abgezogen, innerlich meiner Würde gewiß. Und was geschah? Fand ich Worte der Empörung, zwangen meine Blicke den Unverschämten einzuhalten?
Welch ein Heimweg.
Sie gingen vor uns her wie ein wandelnder Wald – fünfhundert Menschen. Alle trugen große Eichenäste, die sie im Triumphe schwangen. Auf den Schultern trugen sie Grotecki.
So ging's durch die Stadt. Welcker kam uns im Wagen entgegen. Seine Frau nahm neben ihm Platz. Die Studenten machten Spalier. Einige sprangen hinten auf den Wagen, in den auch Grotecki gestiegen war. Die jungen Männer hielten kreuzweis ihre Zweige über die Freiheitsmänner, von denen jeder eine Rede hielt.
Und wieder wehte das blaue Schleiertuch von Amalie von Berg inmitten der erregten Männerschar, und ihre Augen leuchteten, ihre Lippen sprachen – eine Priesterin der Begeisterung – so erschien sie mir.
Therese schlief längst, ich saß noch immer am Fenster und sah auf die stille Linde hinunter, über die der Vollmond sein bleiches Licht goß. Ich konnte nicht denken und hielt nur den Kopf. Erst als die Tränenkamen und ich weinen konnte, wurde mir ein wenig leichter.
Ich traute meinen Ohren nicht, als ich an der Türe ein Klopfen zu hören vermeinte. Es klopfte ein zweites Mal; als ich öffnete, kam Hermann herein, zitternd, mit zerwühlten Haaren. Er könne nicht schlafen, er habe versprochen, nichts zu sagen, aber er halte das Schweigen nicht aus – Zarembecki duelliere sich in der Frühe mit Grotecki. Sie seien im Tivoli hart aneinandergeraten dadurch, daß Zarembecki Grotecki vorwarf, er schade Polens Sache durch die Unwürdigkeit seines Betragens.
Hermann fügte hinzu: »Denke dir, er hat zwei jungen Mädchen den Kopf verdreht.«
Es war gottlob fast dunkel im Zimmer. –
Wir blieben die ganze Nacht am Fenster sitzen. Ich wickelte Hermann in ein Tuch; er fror vor Aufregung. Ein Schreiben von Zarembecki, das er mir zeigte, war ein Vermächtnis für uns. Hermann sollte seine Pistolen bekommen, eine prachtvolle russische Beute, Therese einen Orden, ich seinen Ring.
Schon um fünf des Morgens machte sich Hermann auf den Weg. Er hatte keine Ruhe. Ich auch nicht. Um sechs sollte das Duell stattfinden. Fiebernd vor Aufregung tat ich alle mögliche Hausarbeit, als Hermann strahlend vor Glück mit der Nachricht zurückkehrte:»Beide unversehrt.« Unter der Bedingung, daß Grotecki sofort abreise, hatten sie Frieden gemacht. Er ist schon unterwegs.
Ich bat die Mutter, mir zu erlauben, ein paar Tage auf unserem Landgütle zubringen zu dürfen.
O liebliche, so still verlebte Tage im heimeligen Waldasyl, abgeschlossen vom Geräusche des Stadtlebens, von all den seelenbeklemmenden Eindrücken, die dort auf mich gewartet hätten. Gibt es etwas, das unser Herz mehr beruhigen kann als so ein Bauernhaus, in dessen Hof die Hühner scharren, zuweilen ein Hahn kräht oder ein friedliche ›Muh‹ aus dem Stallfensterchen ertönt.
Seligkeit ist diese Stille, Balsam einem Gemüt, das nicht zu denken, nicht zu überlegen, nicht einmal zurückzublicken, sondern eben nur das Zunächstliegende ins Auge zu fassen vermag.
In der guten Stube der Bäuerin hatte ich mein Nachtquartier aufgeschlagen, ein wenig hart, zur Toilette mußte ich mir das Wasser aus dem nahen Brunnen holen. Exkursionen in den nahen Wald, – das eigenhändige Zubereiten meines kleinen Mahles aus Eiern und Milch, in die ich das harte Bauernbrot tunkte. Und endlich die Arbeit, das Aufsuchen von Motiven oder vielmehr das Auswählen, denn dieserkleine Erdenwinkel barg der lieblichen Bilder mehr als genug.
Am vierten Tag meiner Einsamkeit kam Hermann. Ich sah ihm entgegen, wie er den Waldweg einherschritt, ein gar herziger Student jetzt. Das Röckle am Stock, die Mütze im Nacken, seine braunen Augen lachten mir von weitem entgegen.
Gottlob und Dank, ich konnte auch wieder lachen!
Frische Butter hatte die Bäuerin eben im Fäßle. Ich konnte ihn herrlich bewirten.
Daß Amalie von Berg mit Kozlowski als Verlobte bei uns waren, war das erste, was mir Hermann mitteilte.
Dann: »O Nannele, denk' dir, Zarembecki hat mir zum Abschied einen prachtvollen russischen Säbel geschenkt.«
»So ist auch er gegangen?« fragte ich.
»Alle fast«, sagte Hermann. »Es sei gegen ihre Ehre, Freiburgs Gastfreundschaft noch länger in Anspruch zu nehmen. Sie sprachen von Frankreich, wo sie sich eine Existenz zu gründen hoffen. Halb Freiburg gab den scheidenden Helden das Geleite. Männer und Frauen weinten laut. Nur einige besonders unbemittelte Polenjünglinge sind zurückgeblieben. Frau Welcker hat nicht geruht, bis die Stadt versprach, ihnen Brot und Arbeit zu geben.«
Ich fragte, ob Amalie von Berg mit Kozlowski Freiburg verlasse, und freute mich, als mir Hermann mitteilte, daß er als Bibliothekar bei der Universität angestellt werde.
Die Eltern und Geschwister holten mich heim.
»Jetzt bist du wieder mei' alt's Nannele«, sagte Mutter, nahm meinen Arm, und wir schritten hinter den andern drein.
Nun wird sie mich wohl fragen, was mir war, dachte ich voll Angst.
Aber Mutter sagte nur: »Kommsch grad' recht zur große Wäsch'.«
Unendliche Freude gewährte mir ein Brief Petersens. Er tat mir Abbitte. Er sei zu hart und scharf gewesen, ein echter Nordländer, wie wir ihn zu nennen pflegten. Was er tun solle, um auch den letzten Rest meines Grollens gegen ihn zu tilgen.
So und nicht anders konnte er sprechen. Ich wußte es wohl, denn von herrlichen Menschen erwartet man nie zu viel Herrliches.
Tief berührt mich ein Gerede, das über Monz im Umschwang ist. Man wirft ihm vor, der ehemals so laute Freiheitsprediger sei ein Jüstemilieuaner geworden und lasse sich vom König von Württemberg für fürstenknechtige Dienste bezahlen. Ich wollte esnicht glauben und fragte bei ihm brieflich an, was es mit diesem Gerede auf sich habe. Er antwortete mir, daß er allerdings die Stelle eines Bibliothekars in Stuttgart bekleidet. Seine letzte Zeit in Freiburg habe seinen Glauben an wahre Freundschaft und vernünftige Menschen geschwächt. Da er sich gegen die Polen aussprach, seien ihm seine früheren Freunde ausgewichen, als schmälere sein Umgang an ihrer Ehre, sogar ich sei ihm kalt höflich begegnet. Er hoffe, sich in Württemberg ein Heim zu gründen, und schloß mit dem Wunsch, ich möchte ihm meine Freundschaft nicht entziehen.
Mit dem Brief kam der erste Band seiner gesammelten Gedichte. Eines darin ist an mich: »Anna Villinger – das weibliche Zartgefühl« betitelt.
Ein sehr minderwertiges, kühles Gedicht, während das auf den Tod von Maria von Verleb schön und warm empfunden ist. Er vergleicht sie mit der heiligen Cäcilia. Und wie er sie geliebt, zeigt ein Vers: