»Mein Traum entschwand, gefolgt von stummen Klagen;Schon war dein inn'rer Morgen aufgegangen,Ein andres Bild hielt deines fest gefangen,Da ehrt' ich dich im Freund – und im Entsagen –«
»Mein Traum entschwand, gefolgt von stummen Klagen;Schon war dein inn'rer Morgen aufgegangen,Ein andres Bild hielt deines fest gefangen,Da ehrt' ich dich im Freund – und im Entsagen –«
Und wenn er mein »weibliches Zartgefühl« auch nicht schön besang, so ist es doch wahrlich zu preisen, denn mir ward ahnungsvoll inne, daß eine Vernunftehevon beiden Seiten zu viel der Vernunft für eine Ehe gewesen wäre.
Es wundert mich, ob grausame Tyrannen oder Weltverfinsterer mehr zu verantworten haben?
Es sollen künftig keine öffentlichen Predigten mehr im Seminarium stattfinden, weil die Alumnen als künftige Landpfarrer der aufgeklärten Musterpredigten der Professoren nicht bedürften.
O ihr armen, verkürzten Jünglinge! Wohl mag mancher unter euch Gedankenfülle und Rednertalent besitzen, aber die Kunst, diese Gedanken zu formen, daß sie Eingang finden ins menschliche Herz, die ist euch genommen, da man euch das Vorbild entzogen. Denn wenn irgendwo die Form nötig ist, so ist es in der Rede. Diese Neuerung hat mich auf das bitterste betrübt, denn auch wir sind verkürzt, denen diese Predigten geistvoller Professoren bisher ein wahres Seelenfest waren.
Armes Freiburg, was hast du verschuldet, daß du wie ein zweites Sodom und Gomorra büßen sollst? Ist es ein Verbrechen, daß du eine Anzahl Redlichdenkender, den großen, herrlichen Rotteck, Welcker, Reichlin in dir bergest? Die Volksvertreter, so geehrt und geliebt von uns allen, sind entlassen. Die »Freisinnige Zeitung« ist aufgehoben. Die Aristokratentriumphieren. Die Machthaber verkünden ja nun ihre zehntausend Gebote: Du sollst nicht schreiben, nicht sprechen, nicht singen und so fort. Der Todesengel der Freiheit posaunet es durch die Länder, daß die Volksstimme – Gottesstimme – verstumme. Die Stadt verliert das Regiment. Man spricht auch von einem möglichen Verlust des Hofgerichts, der Wegnahme des Bistums. Was soll aus uns werden, beraubt von allem, was uns bisher Anregung und Bereicherung gab. Ja, ich weine auch der Militärmusik nach, deren muntere Klänge mir die Seele erfrischten wie den Körper das kaltklare Wasser.
5. Nov. Die Stille jetzt in Freiburg!
»Mer isch wie e begossener Pudel«, sagte die Hofrätin.
Es will mir jedoch scheinen, daß, wenn sie da ist, Mutter und sie sich trotz aller Zeitereignisse so gut wie gar nicht verändert haben.
Aber es kommt mir vor, als hätten Therese und ich uns verändert. Sie zu ihrem Vorteil, denn sie ist entschieden heiterer, in ihrem Wesen gleichmäßiger seit der Versetzung des zum Hauptmann avancierten K. Dieses sich immer wieder Begegnen reißt die Wunden einer doch hoffnungslosen Liebe stets von neuem auf. So ist es Therese offenbar viel leichter geworden, fernerdem Tanzen zu entsagen, als sie sich's vorgestellt. Davon gesprochen hat sie nicht, eine große Schweigerin, die sie ist, im Gegensatz zu mir, die nur im Aussprechen Labsal findet. Therese sprach sich im Tanzen aus. Ich glaube, im Dahinschweben fühlte sie sich aller Pflichten und Besorgnisse ledig. Sie vergaß sogar eins ihrer Hauptkümmernisse – wenn Caton lange nicht geschrieben. Denn wenn ich mich auch darob kränken und recht sehr ärgern kann, so verloren und unglücklich sein, wie Therese über das Ausbleiben von Catons Nachrichten ist, das kann ich nicht. Weiß ich doch aus Erfahrung, daß, wenn wir eben auf dem Punkt angekommen sind, Petersens samt und sonders am Rande des Grabes zu vermuten, kommt da nicht plötzlich ein kreuzfideler Brief Catons mit einer köstlichen Beschreibung aller möglichen Feste? So ist eben nun einmal unser Catonele.
Ich habe viele Schüler angenommen für Nachhilfestunden im Deutschen, auch für französische Stunden. Aber ich gebe diese nicht mehr mit dem alten guten Gewissen, seit ich das Französisch der Polen gehört. Wie aber nach Frankreich kommen? Das ist die Frage, die jetzt Tag und Nacht mit mir umgeht. Mein Leben und alles, was ich tu und lasse, kommt mir jetzt so passabel vor – ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich, sonst so vom Zeitgeiz besessen, eile jetztmit Weile, und wie ein Traum kommt es mir vor, daß ich einst mit edlen, leidenschaftlichen Menschen geglüht und geweint. –
Grotecki, du Rätsel meines Lebens! Von andern kann ich deinen Namen noch nicht aussprechen hören. Aber denken kann ich jetzt an ihn und ihn zu verstehen suchen – und mich selber auch. Was war das? O Himmel, wenn ich einen Menschen fragen könnte, was das war! Wie es nur möglich ist, wenn man sich anders für ein rechtliches Geschöpf gehalten, plötzlich für einen Augenblick seiner selbst nicht mehr mächtig zu sein. Unwürdig, ja unwürdig war dieser Zustand, einer reinen Seele unwürdig.
Grotecki, du hast mich mit deinem zügellosen Beginnen nicht gewonnen, sondern verloren, du hast mich vor mir selber erniedrigt. Ich schäme mich, so lang ich lebe vor Zarembecki. Ich bete zu Gott, daß er mich ferner bewahre. Es war nichts Gutes. Das habe ich gefühlt in aller Verwirrung.
Arme Prinzessin von Ahlden, kam auch dir eines Tages die Einsicht, erwachtest auch du aus dem Rausche deiner Leidenschaft? Du großer Gott, wenn dir das geschah! Nach deinen Kindern hast du verlangt und durftest sie nicht wieder sehen. Ein Menschenleben lang mußtest du in Einsamkeit büßen für ein Gefühl, das wie eine fremde Gewalt den Menschenüberfällt und ihn bezwingt. Habe ich den Arm zurückgestoßen, der mich umfing? –
Arme Prinzessin von Ahlden … Wär' ich anders gewesen, als du es damals warst! –
Grotecki war ein Mensch, der miteinemBlick alles übersah. Ich lernte durch ihn, was mir fehlt.
Ich habe Mutter gegenüber ein paar Worte fallen lassen von der Notwendigkeit, daß ich mir die richtige Aussprache in Frankreich holen müsse. Sie schlug die Hände zusammen.
»Kind, Nannele, du, in Frankreich allein!«
Ich sagte ihr: »Bedenken Sieeines, Mutter, ich darf mit einem guten Französisch ganz andere Ansprüche machen.«
»Willst du wirklich?« fragte sie unter Tränen.
»Muß es nicht sein,« sagte ich, »und ist mein Beruf nicht eine längst ausgemachte Sache?«
»Nannele, wenn du gesund wärst!«
»Ich habe Mut, das ist noch mehr. Und, Mutter, denken Sie, wenn ich's erreichen könnte, daß Sie sich um Theresens und um mein Los nicht mehr zu grämen brauchten.« –
Sie nahm sich zusammen, versuchte zu lächeln und ging.
Aber der Anfang ist gemacht.
Ich schrieb an de Ber in Nancy.
Eine Insel hat sich in Freiburg gebildet, wo alle die, welche einst von Freiheit träumten und um das Los der armen Polen litten, sich wieder finden, einander kennend, vom Vergangenen schweigend, ihre Seelen aber neuen Interessen öffnend.
Es ist im Hause von Amalie von Berg, der Madame Kozlowska. Ich staune die beiden herrlichen Menschen wie höhere Sterbliche an.
Die Frage kommt mir wohl zuweilen: Warum haben die einen alles und die andern nichts? Hätte sie nicht genug an Schönheit und Liebe? Aber auch die Kunst ist ihr Eigentum. Bilder, die ich nicht genug anstaunen kann, zieren die Wände ihres Gemaches, in dem sie, eine vollendete Weltdame, ihre Gäste empfängt und bewirtet. Sehr oft trägt sie das polnische Nationalkostüm und hat sich selbst konterfeit in der pelzverbrämten Tschapka, ein Bild, das alle Herzen in Brand stecken könnte, wenn sie nicht einzig und allein nach der Liebe ihres Kozlowski verlangte. Und er, dieser königliche Mann, hält er in uns nicht das Andenken aufrecht an das ritterliche, dem Schönheitssinn so wohlgefällige Benehmen der edlen Polenjünglinge? Wie hätte doch der Umgang mit diesen eineBildungsschule werden können für einen großen Teil unserer jungen Männer, die man leider so oft eines ungehobelten Benehmens zeihen muß, wenn auch nicht selten ihr Wissen ein erfreuliches ist. Ich spreche von unserer Jugend, nicht von der älteren Generation mit ihren etwas altväterlichen, so rührend chevaleresken Manieren. Vor allen dem edlen, feingesinnten Rotteck, der mir vorbildlich bleiben wird, so lang ich lebe.
Ich sehe es für ein ganz besonderes Glück an, ihn und Welcker an Kozlowskis Empfangstag zu treffen. Die beiden Herren sind immer gleich frisch und voll der Pläne. Eine gemeinsame Arbeit, die Herausgabe des »Staats-Lexikons«, beschäftigt sie bis hinein in die Geselligkeit, und ich kann gar nicht nahe genug bei ihnen sitzen, um ihren oft ungeheuer sarkastischen Reden und Gegenreden zu lauschen. Wenn ich die Regierung wär', wahrlich, diese Köpfe hätte ich mir für den Staat erhalten. Aber wie Schiller sagt:
»Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen« –
Amalie Kozlowska hat mir den Vorschlag gemacht, bei ihr zu malen; es würde ihr Freude machen, ihre Erfahrung meinen Arbeiten angedeihen zu lassen.
Oh, ich verstehe, sie allein ahnt wohl, was sonst außer Zarembecki niemand geahnt. Nun will siewohl, so glücklich jetzt, ein wenig von dem Zuviel, das ihr zuteil geworden, an eine weniger Glückliche abgeben.
Ich dankte ihr.
3. Januar 1835. So wäre es nun entschieden. Im April nehme ich einen einjährigen Aufenthalt in Nancy bei den Eltern de Bers. Es soll mir dort jede Möglichkeit gewährt werden, mich im Französischen zu vervollkommnen. Seine Stiefgeschwister, ein Mädchen von vierzehn und ein Knabe von dreizehn Jahren, sind meiner Erziehung anvertraut.
Mir ist seltsam befreit zumute, da ich nun weiß, der Stein ist ins Rollen gekommen. Ja, ich bin heiter und versuche, den Meinen, deren Herz schon jetzt ob des Abschieds blutet, mit gutem Beispiel voranzugehen. Wir sind eifrig mit meiner Aussteuer beschäftigt, Therese und ich. Die gute Mutter will mir alle Wäsche neu mitgeben, damit mich in der Fremde keine Flickerei belästige und an meiner Aufgabe hindere. Also wird drauflosgeschneidert, -genäht und -gestickt, und ein Ballen schönster Hausmacherleinen muß dran glauben. Großes Kopfzerbrechen verursachen die Kleider. Das gute Blaue, meint Mutter, könne für die Werktage dienen, für den Sonntag riet sie zu einem schwarzen. Dafür reichte mein Stundengeld prächtigaus. Für etwaige Gesellschaften bot mir Therese eines ihrer weißen Mullkleider an, das sie mir mit schwarzen Samtschleifen gar hübsch ausgarnierte. Hut und Mantel lassen vielleicht zu wünschen übrig, aber das macht nichts. Mutter beglückte mich mit ihrem seidenen Schal für die kühlen Sommerabende, und ein Peterle für gewöhnlich machte mir Therese aus einem alten Mantel zurecht. Immer wieder brachten sie etwas aus ihren Schränken herbei, das ich haben sollte, und ich mußte mich ernstlich wehren, daß sie sich nicht völlig beraubten. Wie weh mir innerlich ist, soll den Lieben erspart bleiben. Will's durchbrechen im Herzen, mache ich einen Weg durch unsre lieben Gäßle, schau alles mit ganz neuen Augen an, möchte weinen vor Schmerz, von all dem Gewohnten zu scheiden, wenn nicht ein Gefühl brennender Neugier, die Frage: Zukunft, was wirst du mir bringen? mich auch wieder beglückte.
Besonders schwer wird mir der Abschied von Lenchen werden, denn nächst den Meinen wird sie mich am meisten vermissen.
Hermann hat noch nie so viele Dummheiten gemacht, aber ich weiß, es geschieht, um uns allen über den Gedanken an den Abschied wegzuhelfen. Er hat die Flegeljahre, die nicht immer lieblich waren, glücklich überstanden, und ich bin stolz auf unsern bildhübschenAkademiker, den die jungen Mädchen im Kasino den Lord nennen, weil er wirklich ein ausgezeichnetes Benehmen hat. Ich hab's ihm auch nicht wenig eingeschustert.
2. März 1835. Große Ereignisse bringen uns über unsre eigene Persönlichkeit weg. Denn ist es nicht ein großes, unbegreifliches Ereignis, wenn ein schönes, uns unerreichbares Glück plötzlich jäh vor unsern Augen zusammenbricht? Unerforschlicher Gott! Auch mit zuckendem Herzen, verständnislos müssen wir das Haupt beugen. Amalie von Berg – Amalie Kozlowska ist nicht mehr.
Es hat mich hineingetrieben in ihr schönes, von ihr so geliebtes Heim. Es war still am Haus. Ich ging die Treppe hinauf. Es traf mich ein Lichtschein, dem ich beklommenen Herzens entgegenging. War es nicht unbescheiden, dieses Eindringen, konnte nicht jeden Augenblick jemand kommen und mich aus dem Hause weisen? Aber der Augenblick auf der Schwelle ihres Totenzimmers war mir wie ein Geschenk, das mir eine heilige Erinnerung fürs ganze Leben bleiben soll.
Da lag die Schönheit im Sarge, von einem Schleier umhüllt, der nur die obere Hälfte ihres Gesichtesfrei ließ. Wie aus Marmor war diese klare Stirn gemeißelt, das geschlossene Augenpaar, die feinen Linien der Wangen. In ihrem Arm unter dem Schleier lag ein kleines Köpfchen an ihrer Brust, so klein und zart, daß man's kaum entdeckte.
Über dem Sarg an der Wand – ich mußte mein Herz mit beiden Händen halten – denn ach, da hing das lebensfrohe, strahlende Bild Amaliens – ihr Selbstporträt in der Tschapka.
Ein leises Stöhnen brachte mich zu mir selber. Das dunkle Etwas auf dem weißen Totenkleid waren Kozlowskis Hände. Zur andern Seite des Sarges kniete er, ein völlig gebrochener Mann, bleich wie die Tote selber – die Augen geschlossen.
Wie wechselt doch Freud und Leid im Leben! Wenn ich Hochzeit machte, könnten mir nicht lieblichere und schönere Geschenke zuteil werden. Ich bin beschämt und beglückt. Diese Liebe, diese Teilnahme hebt uns alle wie mit Samthänden über Schmerz und Trennungsweh weg. Wir bestaunen die köstliche Vervollkommnung meiner Aussteuer, immer wieder freuen und umarmen wir uns. Lenchen hat mir einen Spitzenkragen gestickt, wie ihn eine Königin nicht schöner hat. Ridiküls sind's ein halbes Dutzend.Die Hofrätin schenkte mir eine sechsreihige Granatkette mit silbernem Schlößchen. Von Caton kam ein Marie-Antoinette-Fichu mit echten Spitzen – kurz, es ist nicht zum Aufzählen. Ich werde den größeren Koffer nehmen müssen.
Auf dem Wege meiner Abschiede und Dankvisiten traf ich bei der Hofrätin Karoline im Klostergewand – jetzt Frau Martina. Es sind Jahre, daß wir uns nicht gesprochen. Gesehen habe ich sie wohl zuweilen im Klostergarten, aber wir gingen uns aus dem Weg. Nun kam mir alles Vergangene kindisch vor, und ich ging herzlich auf die ehemalige Mitschülerin zu. Sie erhob sich nicht, sondern gab mir mit einer gewissen Gönnermiene die Hand.
»Du tust mir recht leid, Nannele,« sagte sie, »daß du in die böse Welt hinausgestoßen wirst.«
»Ich gehe von selber,« gab ich zur Antwort, »niemand stößt mich hinaus.«
»Eben die Verhältnisse,« meinte Frau Martina in mitleidigem Ton, »ich werde für dich beten.«
Ich dankte ihr, und dann war's ganz nett. Wir sprachen von den alten Schulzeiten, und Frau Martina gab sogar zu, daß ich sie in allen Fächern überflügelt habe.
Ein paar Damen erschienen, begrüßten sie vor mir und erwiesen ihr als Klosterfrau mehr Aufmerksamkeit als mir. Sie war ganz glücklich, strahlte, drückte mir die Hand, nannte mich ihre beste Freundin und nahm den rührendsten Abschied von mir.
Hierauf erhob sie sich, und da ich auch gehen wollte, ließ ich der Klosterfrau den Vortritt. Erhobenen Hauptes schritt sie an mir vorbei, stolperte über die Stufe und flog mit wehendem Schleier auf den Gang hinaus.
Da haben wir aber so gelacht und waren wieder Kinder und sind so voneinander geschieden.
Herr von Verleb wird sich verheiraten.
Es heißt, daß es auf eine glückliche Ehe schließen lasse, wenn der Mann nach dem Tode der Gattin sich bald wieder vermähle, weil ihm das Leben ohne sorgende Gefährtin nicht mehr möglich sei.
Du, liebe Caton, hast mir einmal ein beherzigendes Wort gesagt: »Unglücklich sein, ist keine Lebensaufgabe«. Also will ich das Gefühl überwinden, das mich bei dem Gedanken überkommt: Eine andere wird Marias schönes Heim bewohnen.
Ich bin froh und danke Gott, daß ich fort sein werde, wenn Verleb mit seiner Braut Visite macht.
Nun kurz vor meinem Weggehen wird Therese krank. Entsetzlich überkommt es mich: Wie kann ich denn gehen? Wer soll Mutter beistehen, wenn sie ihrer Stütze beraubt ist? Dieser Kampf ist noch das ärgste: Soll ich, darf ich gehen? Oder müßte ich bleiben? … Es geht besser. Therese muß nur noch zu Bett bleiben, um ihren Katarrh nicht der rauhen Märzluft auszusetzen. Nun ist es Mutter, die mich von allen Zweifeln, ob ich gehen oder bleiben solle, heilt. »Närrle,« hat sie gesagt, »wann denkst du ans Packen?« –
Wie doch Mutter das Aufrichten versteht! Wir sitzen an Theresens Bett und besprechen ganz heiter alles Nötige für die bevorstehende Reise. Lenchen kommt auch dazu. Wer kommt nicht? Man sollte meinen, es wäre eine Prinzessin krank, die täglich große Cour hält, wo sie alle Stadtbegebenheiten und Staatsangelegenheiten erfährt. Der großherzogliche Leibarzt fühlt ihr täglich den Puls, Hermann hat sie als Vorleser anzustellen geruht, wobei er noch gratis die Stelle eines Hofnarren übernahm. Ich bin als Nachtwächterin nicht eben hervorragend zu loben, da ich Therese stets meine Dienste anbiete, wenn sie schläft, während ich fest schlafe, wenn sie meiner Hilfe bedürfte.
30. März. Es will mir fast scheinen, als habe Theresens Krankheit eigens kommen müssen, um uns allen den Abschied zu erleichtern. Eine neue Sorge hatte unsere, auf einen Punkt gerichteten Gedanken plötzlich in Anspruch genommen, und nun wir jene los sind, legt sich's wie ein Gefühl der Dankbarkeit auf das kommende Weh.
Ich bin auf unserm lieben heimeligen Friedhof gewesen, wo da und dort auf den Gräbern schon Schneeglöckle und Aurikele sich hervorwagen. Zwei Kränze hatte ich geflochten für zwei teure Gräber – Maria von Verleb steht auf dem einen Kreuz. Auf dem andern, nahe bei der Kapelle: Amalie Kozlowska.
Aus dem Glanze ihres Daseins, beneidet von so vielen, waren sie abgerufen worden. – Und ich, die ich voll liebender Bescheidenheit die beiden Gottbegnadeten angestaunt, ich bin noch da, ich stehe an ihrem Grab, genieße das Licht der Sonne, sehe das junge Grün der Bäume sprossen und höre der Vögel Jubeltöne durch den stillen Friedhof schallen. – Mein Gott, der Du mir das schöne Leben noch ließest, wie danke ich Dir! –
Dinglingen, den 3. April 1835.
Unschätzbarste Eltern!
's ist eins, meine Gedanken sind doch bei Euch, warum soll ich sie Euch nicht sagen dürfen, da ich sie bekanntlich einmal nicht bei mir behalten kann. Noch dazu, da mir das Herbeischaffen des Schreibgerätes gar keine Umstände macht. Ich schreibe in einem abgelegenen Tanzsaal des Postgebäudes, mit einem Schreibepulver, in das ich die Feder nur ein einziges Mal zu tunken brauche, um einen noch längeren Brief zu schreiben, als dieser ausfallen wird, denn in einer halben Stunde geht die Post weiter. So wisset denn, Gott hat gleich wieder so viel Komisches auf meinen Lebensweg geschüttelt, daß es dem Abschiedsweh zur Unmöglichkeit wurde, mich zu übermannen, und ich wollte nur, Ihr hättet nach einer Stunde unsrer Trennung so herzlich lachen können wie ich über meine possierliche Reisegesellschaft im gelben, alterswackeligen Postwagen.
Die Insassen bestehen aus einer impertinenten Marquisin, die kein Deutsch kann, einem überaffektirten Tanz-, Fecht- und Schulmeister, der fortwährend mit seinen feinen Tanzschuhen, die aber zerrissene Sohlen haben, kokettiert, und einem jungen Blut voneinem Bürschlein, das von Freiburg bis Dinglingen von einem Lachkrampf in den andern verfiel. Ich selbst hätte am liebsten mitgehalten, wenn ich mir nicht ganz ernstlich gesagt hätte: Nannele, jetzt ist's aus mit dem »dummen Mädele sein«; du hast jetzt als Muster der Vernünftigkeit, als kommende Erzieherin in die Fremde zu segeln, also muckse nicht. –
Und so machte ich Ihnen, geliebte Eltern, alle Ehre, indem ich die Impertinenzen der Marquisin nicht mit gleichem, sondern mit einer geradezu hoffähigen Artigkeit erwiderte, im Innern mich so auf mein künftiges Mundhalten einübend, das mir bislang meistens nicht gelungen ist.
Den armen Fecht- und Tanzmeister mit seinem vor Höflichkeit grinsenden Gesicht nannte die Marquisin denmaigre et pauvre homme, und da er sich den Anschein gab, Französisch zu verstehen, nickte er nach jedem Satz, den die Marquisin sprach, auf das höflichste: »Oui, madame«, auch als die Marquisin meinte, er sei gewiß mit seiner roten Krawatte ein durchgegangener Sträfling. Ich nahm ihn lebhaft in Schutz, indem ich die böse Sieben auf seine ehrlichen Augen aufmerksam machte. Sie meinte lächelnd, ob ich etwa verliebt in ihn sei. Meine Antwort wäre vielleicht etwas derb ausgefallen, wenn das junge Kerlchen in seiner Ecke nicht durch einen neuen, ganzbesonders lebhaften Lachanfall unsre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte.
»Imbécile,« herrschte ihn die Marquisin an, »haben Sie gehört,imbécile!«
»He nei,« preßte er erstaunt hervor, »Baptist Will heiß i.«
»Was sagt er?« stieß mich die Marquisin an. Aber ich lachte so, daß ich nur stoßweise hervorbrachte, der Bursche habe geglaubt, sie nenne ihn beim Namen.
»Ist auch sein Name –imbécile« – »Baptist Will«, beharrte er.
Sie zog einen halben Kipfel aus der Tasche und zeigte ihn dem Bürschlein mit den Worten:
»Den hättest du bekommen, wenn du kein solcherImbécilewärst« – und aß ihn selber auf.
Alsdann lehnte sie sich in ihre Ecke zurück und schloß die Augen.
Ich benützte meine Freiheit, indem ich dem Fecht- und Tanzlehrer das kleine Fläschle Wein anbot, das mir Therese ins Ridikül spediert hatte. Das Bürschle bekam einen ganzen Kipfel.
»Sie hät eso e Bart«, flüsterte er mir zu.
Dermaigre et pauvre hommetrank das Fläschle in einem Zug, versteckte es dann aber schnell in seinem Rockärmel, denn die Marquisin schlug die Augen auf.
»Er ist ein Dieb!« rief sie aus. »Ich sah etwas in seinem Ärmel verschwinden.«
»Oui madame«, sagte er, ehrerbietig an seinen Hut greifend.
»Und dieserImbécile, was ißt er da, hat er mir etwas aus meine Ridikül genommen?«
Ich klärte sie über ihren Irrtum auf, indem ich ihr versicherte, daß sie sich in einer absolut ehrlichen Gesellschaft befinde.
»Ah,« fiel sie über mich her, »Sie halten zu diesen Menschen gegen mich!«
Jetzt kochte es in mir.
»Es sind ja meine Landsleute«, gab ich zur Antwort.
»Bah«, machte sie, »ich habe in Freiburg Ihre Landsleute kennen gelernt; es ist ein wildes Land, und seine Bewohner sind Wilde. Nur Baden-Baden ist ein Paradies, und nur die Königin Hortense und die Großherzogin sindgens de qualité– warum? Weil sie nicht aus diesem barbarischen Lande stammen, in dem der Adel ein Französisch spricht, das für das Ohr einer Französinhorribleist. Überhaupt, außer Frankreich, einem Stückchen von Italien und Baden-Baden ist die ganze Weltabominable.«
»Sehen Sie, diese Wilden«, unterbrach sie sich, als wir viehtreibenden Landsleuten begegneten.
»Tragen bei Ihnen, Madame, die Viehtreiber Glacéhandschuhe?« fragte ich und nahm, da sie nicht gleich eine Antwort bereit hatte, ein Buch aus dem Ridikül.
Nun rückte sie hin und her, stellte immerzu Fragen an den armen Fecht- und Tanzlehrer, schrie das junge Kerlchen an, das aber friedlich wie in seinem Bett schlief, und ließ endlich, nur um mich vom Lesen abzubringen, den ganzen Inhalt ihres Ridiküls auf den Boden fallen. Der Fecht- und Tanzmeister war glücklich, ihr alles aufheben zu dürfen. Ich rührte mich nicht.
In Dinglingen machten wir Mittag. Ich bestellte mir Suppe und ein Stückchen Kalbfleisch.
Die Marquisin rümpfte die Nase:
»Echt deutsch, sich schon um Mittag den Magen zu füllen« – und bestellte sich Eier.
Mir gegenüber am Tisch saß der Tanzlehrer.
»Ach,« flüsterte er mir zu, indem er sich durch die Haare fuhr, »das Geld ist mir ausgegangen.«
»Hat er Ihnen eine Liebeserklärung gemacht?« fragte die Marquisin.
Ich sagte ja und bestellte beim Kellner Suppe und Rindfleisch für denpauvre et maigre homme.
Als uns die Marquisin speisen sah, gelüstete siealles, und sie tauchte in alle Schüsseln, versuchte, schnitt ein Gesicht und versuchte wieder.
Sie hätte wahrlich eine Ohrfeige verdient, so impertinent ungezogen benahm sie sich.
Nun kam aber der Hauptspaß – sie mußte über die Hälfte mehr als ich bezahlen.
Der Wirt sagte: »Sie hät jo von allem g'hat, und der Kellner hat springe müsse für zehne.«
Als sie ihm mit einem empörten »Worüm?« die Rechnung hinwies, verneigte er sich und sagte: »Dorüm«.
Fortsetzung in Offenburg, aber auch während der ganzen Fahrt, liebe Eltern, wird Ihr Nannele bei Ihnen sein.
Offenburg.
Die Marquisin befliß sich bei der weiteren Reise einer absoluten Höflichkeit. Sie bot mir sogar von ihren Pfefferminztäfele an. Ich nahm eines und dankte höflich. Diese Höflichkeit steckte die neuen Insassen der Post an, so daß eine Frau, die schnarchte, immer wieder von ihrem Gegenüber geweckt wurde mit dem Bemerken: »Lent doch euer Muusik«. –
Wie unerquicklich wäre diese Reise ausgefallen, hätte ich der Marquisin gegenüber meinem ÄrgerLuft gemacht und sie mit Sottisen bombardiert, wie sie verdient hätte. Nun hatte ich Genuß an ihrem schönen Französisch, sie tätschelte mir wiederholt die Schulter, und ich wurde ob der Ehre, die mir widerfuhr, von sämtlichen Insassen der Post angestaunt.
Der Fecht- und Tanzmeister hatte seinen Sitz auf dem Deck des Postwagens genommen, nachdem er mir gesagt, die französische Sprache sei ihm auf die Dauer zu anstrengend.
»Ich bin«, setzte er hinzu, »jetzt in einer traurigen Lage, aber sobald ich eine Stelle habe, werde ich in Freiburg bei Ihren Eltern meine Schuld entrichten.«
Wie anständig, nicht? Eigentlich sind alle Menschen besser, als man voraussetzt, vielleicht auch die Marquisin – wer weiß.
Wir kamen gegen sieben Uhr in Offenburg an. Als wir an der Post ausstiegen, fragte mich die Marquisin, ob ich ein besonderes Zimmer haben wolle.
»O ja«, sagte ich, denn ich war wirklich zu müde, um ihr bis in die Nacht hinein zu huldigen.
Als Abend- und Nachtessen nahm ich Kaffee, und ein bescheidener Knabe von Kellner bediente mich in meinem kleinen Zimmerchen, in dem ich jetzt schreibe.
Da morgen Sonntag ist, fährt die Post erst um neun Uhr, so daß ich genügend Zeit haben werde, einer hl. Messe beizuwohnen, das Städtle anzusehenund noch einen Morgengruß an die lieben Eltern zu schicken. Gute Nacht denn.
Noch eine gute Stunde bis zur Abfahrt der Post. Wie höchst interessant ist doch das Reisen! Möchten Sie doch, meine ungemein lieben Eltern, sich keinen Augenblick um Ihr Nannele sorgen, denn wenn mir auch das Heimweh nicht geschenkt ist, so bin ich von der Vielseitigkeit meiner Erlebnisse doch so in Anspruch genommen, daß ich weit davon entfernt bin, die Flügel hängen zu lassen.
Also ich wandelte höchst einsam durch die sonntagsstille Hauptstraße der Stadt Offenburg, mich bemühend, Sehenswürdigkeiten zu entdecken. Der helle Klang einer Glocke lockte mich in eine schmale Seitengasse, so daß ich plötzlich am Ende derselben vor einem klosterähnlichen Gebäude mit einer Kirche stand. Eine Frau, die mit ihrem Gebetbuch des Wegs kam, sagte mir, das alte ehemalige Franziskanerkloster sei jetzt das Mädcheninstitut dercongrégation Notre-Dame. Soeben fange die heilige Messe an.
Ich schritt durch das uralte Eingangsportal in die halbdunkle Kirche und nahm meinen Platz vor dem Altargemälde der Himmelfahrt Marias. Ein paar Stufen führen zum Chor, das hell und licht erglänztedurch die vielen Kerzen am Altar, wo die heilige Messe zelebriert wurde.
In den Bänken knieten die Schülerinnen, rechts und links in den Chorstühlen die Klosterfrauen. Ein rührendes Bild für mich, die ich einst so gern mich der Schar der Gottgeweihten einverleibt hätte! Nun führt mich der Weg hinaus in die Fremde, wo ich es nicht so gut haben werde wie diese von der Welt abgeschlossenen Frauen, die sich, aller Sorgen ledig, der Erziehung ihrer Zöglinge hingeben können.
Denken Sie nicht, liebe Eltern, daß diese Betrachtung etwa aus einem ängstlichen Herzen kommt. Im Gegenteil! Als ich unter dem Gesang der Klosterkinder in den hellen Tag hinausschritt, war ich äußerst begierig auf das neue Stück Welt, das sich vor mir auftun sollte.
Straßburg.
Groß war die Freude der Marquisin, als wir elsässischen Boden unter den Füßen hatten. Es stieg gleich ein Bauer ein, ein alter Mann, der einen fürchterlichen Knaster rauchte. Das hätte sich einer jenseits der Grenze erlauben sollen!
Sofort redete sie den Elsässer mit einem Schwall von Liebenswürdigkeiten an, dabei mit beiden Händengestikulierend, vor Glück, endlich einencompatrioteanzutreffen.
Der alte Bauer maß sie mit zusammengekniffenen Augen.
»He,« stieß er mich an, »was babbelet's au, des old Fegnascht – isch 'm vielleicht 's Raache nit racht?«
Er sah wütend nach der Marquisin hin.
Ich beeilte mich, ihm zu sagen, daß die Dame eine Französin sei und gehofft habe, mit ihm Französisch sprechen zu können.
»I rad kei Französisch, i rad Dütsch«, brummte er neben seiner Pfeife heraus.
»Was sagt er – was reden Sie mit diesem Mann?« drängte die Marquisin. »Wie können Sie überhaupt Deutsch mit ihm reden? Er wird Sie nicht verstehen.«
»Ich fürchte, er versteht nicht Französisch«, sagte ich, meine Heiterkeit durchaus nicht verbergend.
Nun fuhr sie auf: »Nicht möglich – unmöglich –monsieur,« fiel sie über den Mann her, und ihre Empörung ergoß sich wie ein Wasserfall über den Ahnungslosen.
Jetzt erhob auch er sich, nahm die Pfeife aus dem Mund, spuckte und traktierte die Marquisin mit einerAuswahl von Schimpfwörtern, wie ich sie nie in meinem Leben gehört. –
Sie wurde still und fragte nicht einmal: »Was hat er gesagt?«
Avricourt.
Soeben Abschied genommen von der Marquisin. Sollte man's glauben, sie umarmte mich, weinte und umarmte mich wieder. Sie sagte mir, daß sie mich gleich beim ersten Blick zu dengens de qualitégezählt habe, trotzdem ich sehr unmodern sei und einen Hut habe wie eine Vogelscheuche. Aber in Nancy würde man mich modernisieren; in Nancy, dempetit Paris, könne man so etwas gar nicht sehen.
»Und noch eins,ma chère,« rief sie mir beim Gehen zu, »nehmen Sie sich vor den Franzosen in acht!«
Sie legte den Finger auf den Mund und schlug lachend die Augen zum Himmel, warf mir eine Kußhand zu, und gleich darauf hörte ich sie mit einem Mann, der sich ihres Gepäcks – man sage drei Koffer – bemächtigt hatte, laut schelten und streiten.
Nancy, 8. April.
Meine geliebten Eltern!
Nun hier, nun angekommen, Gott sei Dank!
De Ber holte mich an der Post ab mit der Chaise. Ich fand ihn sehr verändert, nicht zu seinem Vorteil. Weder von seinem Übermut noch von dem einstigen Respekt für die Lehrerin ist noch etwas vorhanden. Seine familiäre, nachlässige Art widerstrebte mir. Er brachte mich in sein elterliches Haus, verabschiedete sich und überließ mich der Sorge eines hübschen jungen Dienstmädchens, das mich artig, aber mit seltsam lächelndem Blick auf mein Zimmer führte und mein Gepäck heraufkommen ließ.
Ich möchte Toilette machen, sagte sie, um sechs Uhr sei das Diner. Ich will nicht unterschlagen, daß mir das Herz pochte bei dem Gedanken meines ersten Erscheinen in der Familie. Aber der Anblick meines sehr netten, mit dem reizendsten Kattun ausgarnierten Zimmers machte andrerseits den angenehmsten Eindruck auf mein für alles Schöne so empfängliche Herz. Ich mußte sogar lachen: nicht weniger als drei Spiegel, einen ganz großen, in dem man sich vom Kopf bis zu den Füßen sieht, und zwei kleinere. Einige Kupferstiche aus »Paul et Virginie« hängen an den Wänden, und auf dem Waschtisch stehen soviele Büchslein und Glasschalen, daß ich Landkonfektle neugierig davorstand, unfähig deren Zweck zu erraten.
Daß ich Toilette machen sollte, verursachte mir nicht wenig Kopfzerbrechen. Um alles in der Welt wollte ich mich nicht allzu schön machen – (oh, ich Dummerle) um nicht gleich beim ersten Erscheinen den Eindruck von Unbescheidenheit zu erwecken. Andrerseits wollte ich der Würde meiner neuen Stellung nicht Abbruch tun, indem ich zu wenig Wert auf mein Äußeres legte, sintemalen das Sprichwort sagt: Kleider machen Leute.
Ich wählte also das neue, schwarze Kleid – fast mit etwas Gewissensbissen, da es doch Werktag war, und wählte den zweithübschesten Spitzenkragen – nicht den von Lenchen, der wäre mir viel zu pompös erschienen.
Die Familie befand sich im Salon, als ich mit Aufgebot meiner ganzen Energie versuchte, nicht allzu schüchtern einzutreten.
Aber die Dame des Hauses empfing mich mit so großer Liebenswürdigkeit und sprach so lebhaft auf mich ein, daß ich gar keine Zeit fand, mich zu genieren.
Wie mir die Reise bekommen – wie ich mich befinde – ob mir der Kopf nicht weh tue – ob michdie Glieder nicht schmerzen. – »Sehen Sie hier Marie, Ihre kleine Schülerin, und dies ist Paul – keine Grimassen, Paul. Sorge, daß du das Deutsche so gut wie dein Bruder lernst. Unser ältester Sohn Justin hat sehr profitiert bei Ihnen. Monsieur ist sehr zufrieden mit Justin – das Geschäft beansprucht Sprachkenntnisse. Ein großes Exportgeschäft, wissen Sie, Mademoiselle. Unser ältester Sohn besorgt die englische und deutsche Korrespondenz. Ich wäre glücklich, wenn Paul bei Ihnen so profitierte, daß ich ihn nicht fortschicken müßte. Er ist ein wenigenfant gâté. Was Justin von der deutschen Kost erzählt, würde Paul kaum zusagen. Ich meine, die deutsche Kost im allgemeinen. Es ist ja alles Gewohnheitssache.«
Da saß noch ein junger Mann, der mir vorgestellt wurde.
Cousin Sormont.
Und dann ging die Tür auf, und eine große stattliche Frau trat über die Schwelle, von den Kindern mit Handküssen begrüßt:Grand'maman.
Auch hier wurde meine Begrüßung durch die lebhafte Gegenrede der alten Dame erstickt.
De Ber kam mit seiner jungen Frau. Dann Monsieur.
Man setzte sich zu Tisch. Hier endlich fand ichZeit, mich ein wenig in dem Kreis umzusehen, in dem ich fortan leben soll. Man ließ mich völlig in Ruhe, sprach unausgesetzt, und ich machte sehr bald die Bemerkung, daß die Ankunft einer neuen Gouvernante kein Ereignis im Hause war. Nur die kleine Marie sah manchmal mit einem etwas bedenklichen Blick nach mir hin. Ein blasses Kind, mit nichtssagenden Augen, das faul ißt und die Hälfte auf dem Teller liegen läßt. Paul verschlingt.
»Esse nicht wie einOgre«, mahnte seine Mutter.
Sie sprach fast unausgesetzt. Monsieur nickte zuweilen zerstreut mit dem Kopf. De Ber machte einen abwesenden, übellaunigen Eindruck, seine Frau einen bedrückt schüchternen.Grand'mamanallein mutete behaglich an. Sie hatte einen Zipfel ihrer Serviette in den Ausschnitt ihres Kleides gesteckt und gab sich ganz dem Genuß des Diners hin. Es war aber auch danach! Ich schämte mich fast ein wenig unserer Schweinebraten mit Sauerkraut und Leberknöpfle. Andererseits glaube ich, daß unseren Männern, die soviel größer und starkknochiger sind, die so kleinen, feinen Platten nicht genügt hätten wie den Herren an diesem Tisch, die schmal und mager, kaum von mittlerer Größe sind. Jede Speise wurde lebhaft kritisiert.
Nach Tisch sagten die Kinder gute Nacht. Als ichihnen folgen wollte, hielt mich Madame zurück, man nähme den Kaffee im kleinen Salon bei Großmama, die Bonne sorge für die Kinder.
Der kleine Salon ist zugleich das Schlafzimmer der Großmama. Man saß um einen runden Tisch. Die Herren wurden plötzlich sehr lebhaft. Bei der Schnelligkeit ihres Sprechens und den mir noch neuen Redewendungen verstand ich oft nichts, merkte aber bald – es war besser, sehr oft nichts zu verstehen. Großmama und Madame amüsierten sich köstlich, und es schien keinen Eindruck zu machen, daß ich nicht auch lachte. Bei dieser Gelegenheit merkte ich, daß ich von nun an niemand mehr bin. Nicht leicht für jemand, der vielleicht im eigenen Nestle eine allzu große Rolle gespielt. Aber die liebe Mutter darf sich darum nicht grämen, denn ihr Nannele hat ja die Gabe, allem eine komische Seite abzugewinnen, so auch diesem Abend mit seinem unerquicklichen Anfang. – Die Herren rauchten und griffen zur Zeitung.Grand'mamanhatte ihr drittes Täßchen Kaffee geschlürft und begann:
»Wir haben einen großen Bekanntenkreis, Mademoiselle. Da ist vor allem Monsieur Simon, Industrieller. Ein Mann wie in einem Roman. Man kann sich nicht genug vor ihm in acht nehmen. Er hat nie eine Frau kennen gelernt, die sich nicht sofortin ihn verliebt hätte. Seine Laufbahn ist die denkbar interessanteste. Sein Vater war der Sohn einesdéputé. Seine Mutter – mein Gott, was war sie doch für eine Geborene? Ich habe ihren Neffen gekannt. Er hat zu gleicher Zeit mit mir geheiratet; ein großercharmeur. Seine Frau war die Nichte eines entfernten Verwandten unsres Hauses, dessen Großmutter – mein Gott, wie war doch ihr Name? Ihren Mann, denken Sie, nannte ganz Nancy den schönen Antoine –O oui.« –
Da sie einen Augenblick schwieg, fragte ich: »Und Herr Simon, Madame?«
Ich erschrak über den Effekt, den meine Frage hervorbrachte. Die Herren sahen von ihren Zeitungen auf und lachten, die junge Frau de Ber wurde rot, und Madame hustete und machte sich an ihrem Armband zu schaffen, währendGrand'mamanmich erstaunt fragte: »Wollte ich denn etwas von Monsieur Simon erzählen?«
»AberGrand'maman, das hast du ja getan,« gab ihr Madame im liebenswürdigsten Ton zur Antwort, »Mademoiselle meinte nur, sie habe nicht recht verstanden. Mademoiselle ist des Französischen noch nicht mächtig.«
Das war mein erster Abend in der Fremde. Ich kann nur sagen, daß ich ein Bett habe wie eine Prinzessin und mich trotz der ermüdenden Reise heute frisch und wohl fühle.
Der Diener trägt die Briefe des Hauses um acht Uhr auf die Post. Ich hoffe, die Länge des meinen rechtfertigt das teure Porto.
Sie können also, teuerste Eltern, ganz ruhig über mein Los sein. Es fehlt hier sogar nicht an einer Hofrätin, wie Ihr aus der Beschreibung derGrand'mamanerseht.
Und so nehme ich denn Abschied von Ihnen und den geliebten Geschwistern, mit der Bitte, unsrer Caton meinen Brief zu schicken, nachdem ihn auch Lenchen und die anderen Kamerädle gelesen haben.
Ihr dankbarste Nannele.
… bei Nancy, 27. Juni 1835.
Meine liebe Caton!
Deine Zeilen haben mir so wohl getan. Du, die mich so kennt wie niemand, hast wohl bemerkt, was alles in meinem Brief an die Eltern ungeschrieben geblieben ist. Aber leidet Mutter nicht schon genug durch mein Fortgehen, hätte ich ihr durch das Geständnis meines großen Heimwehs das Herz nochschwerer machen sollen? Ich werde also den Eltern alles nur im besten Lichte hinstellen und nur zu Dir von den Schattenseiten meines Exils sprechen. Es wird das für mich eine große Seelenerleichterung sein, in dem Bewußtsein, daß Dein Herz, so weich es ist, doch auch die nötige Kraft und Stärke besitzt, über Ungemach nicht zu verzweifeln. Und noch eins, Caton, mache es Dir zur heiligen Aufgabe jetzt, so oft als möglich an die Eltern zu schreiben. Sie brauchen Trost, da ihnen die Trennung von einem zweiten Kind nicht wenig schwer fällt.
Wir sind seit dem 1. Juni auf dem Lande in der Nähe von Nancy, ungefähr eine Fahrt von drei Stunden bis hin. Es ist ein schönes, großes Landhaus mit hohen Fenstern und großen Räumen. Ich residiere im Reiche der Mansarden, die nicht schräg sind wie bei uns, sondern genau so grad' wie die Zimmer der unteren Stockwerke, nur etwas niedriger. Meine beiden Sorgenkinder, Marie und Paul, haben ihre Zimmer rechts und links von mir. De Ber und seine junge Frau bewohnen die übrigen Mansardenräume.
Also die Sorgenkinder. Ob Marie etwas denkt oder nichts denkt, ob sie eine Vorliebe für etwas hat oder nicht – es ist kein Klugwerden aus ihr. Ich bin an ihre Schritte geheftet von morgens bis abends. Wenn mich Madame nur einen Augenblick allein sieht,sofort fragt sie vorwurfsvoll: »Wo ist Marie?« Nach ihrer Ansicht kommen kleine Mädchen, wenn sie sich selbst überlassen sind, auf unnütze Gedanken. Ich sprach mich einmal über Maries mir so ganz unbegreifliche Teilnahmlosigkeit aus. Madame lachte.
»Meine Tochter ist genau so, wie ich war. Man wird sie jung verheiraten, und ihre Teilnahmlosigkeit wird sich in das Gegenteil verwandeln.«
Ich fragte: »Glauben Sie, daß alle jungen Frauen glücklich sind?«
Madame zuckte die Achsel: »Man muß sich zu helfen wissen.«
Meine Augen wurden plötzlich sehend, ich weiß nicht, wie's zuging, und so sah ich, wie sie sich zu helfen wissen. Madame macht Ausfahrten mit dem Cousin, von denen sie immer ganz besonders animiert zurückkehrt.
De Bers Gleichgültigkeit gegen seine junge Frau wurde mir durch den Besuch eines jungen Ehepaares aus der Nachbarschaft klar. Madame Lejeune war kaum im Salon erschienen, als de Ber im Handumdrehen zu dem jungen, übersprudelnden Menschen wurde, wie ich ihn in Freiburg gekannt. Und nun weiß ich auch, warum seine junge Frau immer so traurig ist bei seinen tagelangen Ausritten, und warum Monsieur, Madame undGrand'mamanimmerein wenig ärgerlich auf die junge blasse Frau zu sprechen sind, die es offenbar nicht versteht, sich zu helfen. Es scheint das hier eine Schande zu sein, dennGrand'mamanerklärte neulich: »Eine Frau muß eroberungsfähig bleiben bis in ihr höchstes Alter, sonst ist sie ein überflüssiges Wesen, wenn sie nicht mehr begehrt wird.« –
UndGrand'mamanmacht sich schön, hat wundervolle, schwarze Haare, und ihre Wangen schwimmen in Milch und Blut.
Das ist der Kreis, in dem ich lebe, und ich muß hinzufügen, daß die Liebenswürdigkeit, mit der ich behandelt werde, nichts zu wünschen übrig läßt. – Und doch, welche Kluft zwischen ihnen und mir – daß ich doch auch jung bin und möglicherweise einer Anlehnung, einer Aussprache bedürfte – wem fiele das ein. Aber ich glaube, sie selber brauchen das nicht. Sie sind immer heiter und zufrieden, wenn sie sich nur amüsieren. Und es scheint, von Gewissensbissen wissen sie gar nichts, sondern gehen ruhig mit ihren schuldbeladenen Herzen in die Kirche. Ob sie beten? Die schöne, alte Franziskanerkirche mit ihren zahlreichen Grabmonumenten und Statuen, dem viel zu buntfarbigen Altar und der viel zu heiteren Kirchenmusik – ich selber habe es hier noch nie zu einem herzinnigen Gebet gebracht. Die elegante Weltrauscht während des ganzen Gottesdienstes die Bankreihen entlang. Man nickt sich zu, man lacht und flüstert. Ach, Caton, weißt Du noch unser Plätzle im Münster, wie wir da einmal abends vor dem Muttergottesaltar knieten, halb im Dunkeln, während die Abendsonne durch die dunkelrote Rosette glühte und das ganze Schiff des Münsters durchflutete. –
So fromm wie damals war mir hier noch nie zumute. Ja, manchmal erschrecke ich und komme mir selber anders vor in dieser andern Welt.
Von der Kirche ging's dann immer auf die Pepiniere, eine prachtvolle Promenade – denke Dir's Freiburger Nannele inmitten dieser Großstadtmenschen, von deren Eleganz man daheim sich nichts träumen läßt. Dazu diese herrliche Stadt mit ihren prachtvollen Gebäuden, Schlössern, Standbildern und dem monumentalen Toreingang von der Altstadt in die Neustadt. Tief bewegt hat mich die Grabstätte von Stanislaus Leszczynski, dem Exkönig von Polen, und seiner Gemahlin Marie Leszczynska in der Bon-Secours-Kapelle.
Ich habe sie öfters besucht, der armen Polenjünglinge gedenkend, deren so geliebte Heimat jetzt unter dem russischen Joch seufzt.
Ach, im Halbdunkel dieser kleinen Kapelle kam mir das Erleben jener Zeit wieder so recht zum Bewußtsein.Wie schön war jenes hochgespannte Empfinden, jene tiefe Ergriffenheit für fremdes Leid, das zu lindern uns als die heiligste Aufgabe erschien. Oh, ich gebe diese Erinnerung nicht her, nicht um alles in der Welt!
Was ich damals erlebt, hat mich gereift, ich habe an Einsicht gewonnen, bin der Enge meiner Anschauungen entwachsen und kann unterscheiden. Hätte ich das können, wenn mir das Herz nicht in Schmerz und Demut geblutet hätte? Wäre ich nicht mit dummen, unerfahrenen Kinderaugen in diese neue Welt getreten, unfähig, deren Leere und Oberflächlichkeit zu durchschauen? O Caton, ich habe einmal so groß und heiß empfinden müssen, um für alle Zeiten gefeit zu sein. Wenn ich auch einsehe jetzt, daß Dein Mann recht hatte und diese romantisch veranlagten, so wenig praktischen Polen nicht imstande sind, ihr Land vor dem Untergang zu retten, so wie es Preußen 1813 getan. – Aber ich schäme mich meiner Vaterstadt nicht und ihrer damaligen etwas weltfremden Teilnahme für Polens erschütterndes Schicksal. Ist es uns doch in der edelsten Gestalt näher getreten, und ich kann jener heimatlosen Helden nur mit der innigsten Teilnahme gedenken. – Durch Lenchen habe ich erfahren, daß nur noch wenige Polen in Freiburg zurückgeblieben sind. Zwei von ihnen haben eine Anstellungin der Kunzerischen Zichorienfabrik gefunden. Darunter Schreiber. Durch ihn hat Lenchen von dem Schicksal jener erfahren, mit denen wir einst verkehrten. Zarembecki, der edelste von allen, schlägt sich in Paris ärmlich durch mit Unterrichtgeben in der polnischen Sprache. Grotecki ist wegen einer Frau im Duell gefallen. Feldherr Kosinski ist verschollen. Von Kozlowski, Amaliens Gatten, weiß man nur, daß er sich aus Schmerz über den Tod seiner Frau in ein Kapuzinerkloster in Polen zurückgezogen hat.
Was mir unsäglich leid tut – Frau Welcker, diese so edelmütige Frau, die alles daransetzt, um der Polen Los zu lindern, was hat sie erfahren müssen! Welckers Bruder in Bonn kam dahinter, daß in Dresden einige Gauner sich die Güte der Polenfreunde zunutze machten und diesen Geld abzuschwindeln verstanden. Die Ernüchterung nach dem Überschwange soll groß sein.
20. Juli. Du siehst, Schwesterle, eine lange Pause, aber mein Leben auf dem Lande ist ganz anders angestrengt als in der Stadt. Dort ging Paul ins College, und Marie wurde von ihren Tanten häufig zum Spazierenfahren oder in Kindervisiten abgeholt. Es fiel also manches freie Stündle für mich ab, das ich dazu benütze, Briefe zu schreiben oder mir Nancyanzusehen. Eine Gouvernante ist ja kein junges Mädchen, dem man hier nicht gestattet, ohne Begleitung auch nur über die Straße zu gehen. Nun, ich mache in meiner Circasienne mit dem, wie die Marquisin sagte, abscheulichen Hut einen offenbar so solid unerfreulichen Eindruck, daß ich bis jetzt nicht den Schimmer eines Abenteuers zu berichten hätte. So habe ich von Nancy in kurzer Zeit mehr gesehen, als vielleicht meine Hausdamen von ihrer Heimatstadt überhaupt wissen. Die Altstadt im Norden mit ihren unregelmäßigen Baulichkeiten und engen Gäßle tat mir's besonders an, wegen gewisser Ähnlichkeit mit Freiburg, das ich eben nicht eine Stunde des Tages vergessen kann. Überhaupt Heimweh! Ich mußte manchmal irgend etwas Kleinstädtisches tun, nur um wieder einmal das eigentliche Nannele zu sein – z. B. ich stahl mich mit meinen zerrissenen Schuhen im Ridikül heimlich zum Haus hinaus und suchte mir einen Schuhmacher. Davon hatt' ich einen ganz besonderen Profit. Der Schuhmacher war nämlich nicht zu Hause, nur die Frau, und die bediente mich. Auch andre Leute zugleich mit mir, und ich machte die Entdeckung, daß sie die Sache genau so gut wie ihr Mann verstand, immer wußte, wo es fehlte, hier trennte, dort einem Lehrjungen den Fehler wies – kurzum ein ganzer Schuhmacher ist. Dies machtemir Lust, daß ich's mich aus purer Neugier ein paar Groschen kosten ließ, um bald einen Bleistift, bald sonst eine Kleinigkeit zu kaufen, und immer hatte ich Gelegenheit, mich der Tüchtigkeit der Frauen des Bürgerstandes zu freuen.
Ich denke manchmal – in Stunden des Heimwehs – daß ich möglicherweise nicht mehr nach Nancy zurückkehre, um früher als vor einem Jahr – Gott, Caton, ich darf es nicht ausdenken. Was ich gewollt – eine gute Aussprache – habe ich ja schon erreicht. Es wird mir täglich gesagt – wozu also länger bleiben? Ich bin manchmal geradezu krank vor Sehnsucht nach Mutter. Ich glaube, ich müßte in einem Strom von Tränen aufgehen, wenn einer darherkäme und ein wahrhaftiges Deutsch spräche.
Es gibt Stunden, Caton, da zanke ich mich ernstlich, denn ich habe es ja doch sehr gut, besonders da mein Leiden, seit wir auf dem Lande sind, mich kaum mehr in der Nacht belästigt. Also was will ich denn? Was können die Kinder dafür, daß ich mir in meinem Eifer lauter Idealkinder vorgestellt habe, die mich unendlich lieb hätten und die ich zu wahren Vollkommenheiten heranbilde. Ojele, Nannele, ich muß froh sein, wenn wir's nur einigermaßen miteinander aushalten, und ich bin für jedes Lächeln dankbar, dasgelegentlich in dem gleichgültigen Gesichtchen der kleinen Marie auftaucht. Sie ist wenigstens gehorsam – freilich aus keinem anderen Grund, als weil sie zu faul ist, irgend etwas zu wollen. Mit Paul dagegen lebe ich in einem unausgesetzten heißen Kampf um meine Übermacht, in dem ich nur dann siege, wenn ich den querköpfigen Bengel wie einen Erwachsenen behandle, Monsieur zu ihm sage und mich unbeschreiblich wundere, wenn er sich wie ein ungezogenes Kind beträgt. Da bekommt er plötzlich Rückgrat, macht ein ernsthaftes Gesicht und geruht so von oben herab nachzugeben. Aber ich hab das Bürschle trotzdem gern, denn wir können gelegentlich recht herzlich miteinander lachen, und es ist merkwürdig, wie Lachen verbindet. Bei Marie setzt dieses befreiende Mittel nie ein. Aber sie bekommt allmählich etwas Farbe und Appetit, veranlaßt durch unsern einstündigen Spaziergang vor Tisch. Madame ist die Liebenswürdigkeit selbst, seit Marie gut aussieht. Denn – gut aussehen und sich amüsieren ist die erste Lebensbedingung in diesem Hause. Daß man sich das erstere durch Bewegung in frischer Luft leicht verschaffen kann, wird jedoch nicht eingesehen, sondern man glaubt das Äußerste an Bewegung getan zu haben, wenn man ein wenig im Garten herumtrippelt. Im übrigen wird gefahren.
In letzter Zeit gehe ich mit den Kindern Pilze suchen im nächsten Wäldchen. Solche Wäldchen zerstreuen sich über die ganze Ebene hin. Sonst fruchtbares Land mit Getreide und Weinfeldern. Ferne blaue Hügel begrenzen das Tal. Ach, diese Hügel, Caton! Ich muß mir immer sagen, du hast es ja auch durchmachen müssen und kamst aus unseren Bergen in die Lüneburger Heide. Aber wenn Dir's Herz ein wenig schwer war, dann hattest Du Deinen lieben, klugen, Dich auf den Händen tragenden Mann, für den unser Catonele gern alle Berge der Welt hingeben würde. Wie anders ist das bei mir, die ich im Hausepour une personne très sérieusegelte, weil ich darauf bestehe, die Lehrstunden einzuhalten, und Madame ernste Vorstellungen mache, wenn sie mir bei jeder Gelegenheit den Unterricht unterbricht mit dem Vorschlag zu irgendeinem Vergnügen.
Daß mich dieses Streng-vernünftig-und-alt-sein-Müssen nicht leicht ankommt, kannst Du Dir denken, Schwesterle. Ich versichere Dir, nach nichts auf der ganzen weiten Welt sehne ich mich so sehr als nach Mutters tadelndem »Du Närrle«. –
27. Juli. Solltest Du glauben, liebe Schwester, als ich gestern morgen ins Lesezimmer trat, fand ich da eine ganze Versammlung zu meinem Namenstagvor. Madame,Grand'maman, de Ber und seine Frau, die Kinder, alle brachten Rosen, sagten mir die liebenswürdigsten Dinge und führten mich zu den Geschenken, die für mich ausgebreitet lagen. Ein seidenes Kleid, weißseidene Fil-d'écosse-Handschuhe, weißseidene Strümpfe, die feinsten Schuhe und ein unsagbar entzückendes Ridikül. Ich verlor die ganze Tapferkeit meines Wesens und brach in Tränen aus. Da lachten sie alle; de Ber war plötzlich wieder wie in Freiburg, stellte sich vor mich hin und hielt eine deutsche Rede, die ich zwar nicht recht verstand, aber doch die eine Stelle: »Es ist die deutsch Natur, wo Franzose lacht, heult die Deutsch« – was mich so ergötzte, daß ich meinen Dank mit dem lachendsten Gesicht abzustatten vermochte.
Auch die Kinder suchten mich zu erfreuen. Marie durch ein Lächeln, Paul versprach: »Heute werfe ich beim Fahren nicht um.«
Er fährt uns nämlich alle Tage mit seinem Pony spazieren, und da er das Tierchen unvernüftig behandelt, wirft er regelmäßig ein- oder zweimal während der Fahrt um. Glücklicherweise ist der kleine zweisitzige Wagen sehr niedrig, so daß das Herauskollern nichts weiter auf sich hat.
Es war mir eine wirkliche Namenstagsfreude, daßdas Fahren an diesem Tag in der Tat glatt vonstatten ging, indem Paul meine, wie ich glaubte, in den Wind gesprochenen Mahnungen befolgte und das Tierchen mit Rücksicht behandelte. So tat es seine Pflicht, und ich ließ mir von Paul das Versprechen geben, bei seiner jetzigen Behandlung zu bleiben. Der erste, einzige Fortschritt, den ich bei ihm zu verzeichnen habe.
Die Abende sind so schön jetzt. Nach den heißen Tagen streicht ein frisches Lüftle über die weite, mondbeschienene Ebene. Aber man sitzt drinnen inGrand'mamanskleinem Salon, bei geschlossenem Fenster, ganz wie in der Stadt, undGrand'mamanerzählt wie dort von irgendeinem wunderschönen Mann und dessen Verwandtschaft bis ins dritte und vierte Glied.
Eines Abends aber nahm Villingers Nannele plötzlich ihre ganze Wohlerzogenheit beim Schopf, verneigte sich und ging. Und als ich merkte, daß der Fall nicht das leiseste Aufsehen erregte, schalt ich mich ein kreuzdummes Ding, und bin nun jeden Abend draußen. Es ist ein Aufatmen, ein Hingeben an die Phantasie, ein Schwimmen in Heimweh, ungeniertem Weinen und auch wieder kräftigem Ausschreiten im abendlichen Wind. Ein Alleinsein endlich, nachdem ich den lieben langen Tag die kleine stumpfe Marie nicht von der Seite lassen durfte.
Lache nicht, ich habe sogar ein Kamerädle gefundenim nächtlich einsamen Garten – freilich nur ein vierbeiniges – es ist die schöne weiße Angorakatze, Courtes-bottes genannt. Sobald sie meine Schritte hört, kommt sie aus dem Gärtnerhaus und geht mit mir spazieren. Manchmal laufen wir wie verrückt zwischen den Beeten dahin, wie zwei Kinder, die »Fangis« spielen. Zuweilen unterhalten wir uns miteinander.
»Gelt, du bist auch so ein Einsames wie ich, Courtes-bottes?«
»Miau.«
»Nicht nur der Mensch, auch ein Tierle braucht ein wenig Güte und Liebe und Zärtlichkeit – gelt, Courtes-bottes?«
»Miau.«
O Caton, wie bin ich so glücklich, daß ich Dir anvertrauen darf: Ich hab Heimweh, Heimweh, Heimweh. –
4. August. Also, liebe Caton, ich trage das schönste Kleid zum Diner, so oft wir Gesellschaft haben, und all die Menschen, die mich früher nicht bemerkten, machen plötzlich ein Wesens von mir, und ich bekam so viel Schmeichelhaftes zu hören, daß es eine Lüge wäre, wollte ich sagen, ich bliebe unempfindlich. ImGegenteil, es freute mich, wenn man mir sagte, daß mein Äußeres apart und vornehm sei und mein verpöntes rotes Haar mich wie eine goldene Krone kleide.Grand'mamanklopfte mir auf die Schulter: »Tiens, tiens, sie wird uns gefährlich werden.« Worauf de Ber mit einer gewissen Geringschätzung erklärte: »Sie ist zu deutsch,Grand'maman.« – »Ich danke Ihnen für dieses schöne Kompliment«, sagte ich zu meinem früheren Schüler.
1. September. Liebe Schwester! Hast Du gewußt, daß Mutter krank war? Daher, o gewiß daher meine große Unruhe all die Zeit. Ich wußte mir gar nicht zu helfen und hatte so große Not, meinen Pflichten nachzukommen mit dieser Angst im Herzen, die ich nicht zu deuten wußte. – Da kommt heute ein Brief der Mutter. Ach, ich bin so froh. Ich geb ihn nicht aus der Hand, werde ihn Dir abschreiben. Ihre Schrift ist noch sehr wackelig. O du Mutterschrift, du liebe, ich muß sie küssen und weinen. De Ber würde wieder sagen: »Es ist die deutsche Natur, die heult, wenn der Franzose lacht.« Ja, ich bin zu deutsch oder zu bürgerlich oder Gott weiß was. Und wenn sie mich mit Geschenken überschütten, und wenn, und wenn –. Schau, Caton, man muß von seiner Seele geben können, ich glaube, dann hält man alles aus.Und weißt Du, es hat bei uns jeder seine eigene Sprache, so wie er ist, daß man ihn gleich kennt, aber es kommt mir vor, als hätten die Franzosen nureineSprache, die so schön und vollendet ist wie ihre Mode, bei der man auch nie weiß, was dahintersteckt.
Lebwohl und gell, gräm' Dich nicht um mich, Du weißt, wie schnell ich unten und wie schnell ich wieder oben bin. Du mußt's machen wie der Beichtvater. Er grämt sich auch nicht und gibt die Absolution. Schnell noch Mutters Brief: