Die Natur selbst zeigt an, wie sie sich helfen kann und will. Wir binden ihr sozusagen Hände und Füße, verstopfen und versalben ihr die Rettungswege. Wenn da das Ende Untergang und Verderben der Natur, des Körpers ist, wer will sich wundern?
Dem Beamten riet ich, er sollevierzehn Tage lang täglicheinenUnterwickelnehmen, je 1½ Stunden lang, und zweimal imTage den Oberkörper kräftig waschen; dazuwöchentlich einen Kopfdampfvon 20 Minuten. Diese Anwendungen sollten den Körper reinigen, zugleich zur Ausscheidung der kranken Säfte kräftigen. Nach vierzehn Tagen kam der Kranke wieder; seine ersten Worte waren: „Ich habe das letztemal gesagt, ich sei nicht krank; jetzt aber weiß ich, daß ich recht krank war. Ich konnte nurmehr mit Mühe die Treppen steigen, so hart ging der Atem. Stets war ich ungewöhnlich aufgetrieben. Als ich dieses voll Angst dem Arzte sagte, meinte er, ich möge doch nur bedenken, daß ich allmählich älter werde. Jetzt aber,“ fuhr der Mann fort, „fühle ich mich ganz anders, wie neugeboren. Das Atmen geht leicht, und mir ist so wohl. Die Launenhaftigkeit hat mich früher fast zugrunde gerichtet; jetzt aber habe ich den heitersten Humor, und Essen und Trinken schmeckt mir wie nie zuvor. Daß man mir aber dieses früher nie gesagt hat! In diesen vierzehn Tagen,“ so schloß der Patient, „ging ungemein viel Urin ab; im Körper, besonders im Unterleib fühle ich mich viel leichter; schon lassen auch die Schmerzen im Fuße etwas nach, und der Schaden scheint gleichfalls zu heilen. Was muß ich weiter tun, damit der Fuß vollends heil werde wie der Körper?“
Der Beamte nahmwöchentlich noch zwei Unterwickelauf je eine halbe Stunde undtäglicheinen kräftigenOberguß.Auf den Fußlegte er täglich ein drei- bis viermal in lauem Wasser neu angefeuchtetes leinenes Läppchen. Sonst durfte am Fuße absolut nichts geschehen. Wenn die Quelle nicht mehr gespeistwird, hört das Fließen von selbst auf, und sie versiegt. Nach weiteren 14 Tagen kam der erfreute Beamte wieder; am gesunden Körper hatte er auch wieder einen gesunden Fuß. Seitdem hat er nie aufgehört, die Heilkraft des Wassers zu loben.Ein so Geheilter soll(und dieses ist sehr wichtig), um die Ansammlung neuer Krankheitsstoffe zu verhüten,die eine oder andereder erprobtenAnwendungennochlängere Zeithindurchvornehmen. Er wähle unter den Übungen jene, deren Wirkung er als die wohltätigste verspürte.
Agathalitt seit Jahren an einem kranken Fuße, der von Zeit zu Zeit aufbrach, dann wieder von Zeit zu Zeit zuheilte. Über die unvermeidlichen Salbereien verliere ich kein Wort mehr, es würde mich nur aufregen. Der Arzt versprach der Kranken Heilung, wenn sie längere Zeit hindurch getreulich tun wolle, was er bestimme. Der Fuß wurde in ziemlich hohe Lage gebracht, so daß er im Bette etwas höher zu liegen kam als der Unterleib. Fast augenblicklich ließen die Schmerzen nach. Man brachte an die Wunde eine Kleinigkeit, ich weiß nicht was, und band sie gut ein. Der Kranken ging es vortrefflich; sie war ohne alle Schmerzen in dem kranken Gliede, und die Heilung machte große Fortschritte. Die Fußwunde war geschlossen. Plötzlich fühlte Agatha einen schweren Kopf und etwas Schwindel; doch sie machte sich nicht viel daraus. Nachts indessen überfiel sie eine solche Schwäche und Ohnmacht, daß der herbeigerufene Arzt erklärte, es trete schneller Marasmus ein, mit Agatha nehme es ein baldiges Ende. Nachts 12 Uhr noch mußte die Kranke versehen werden; fünf Tage lang lag sie regungslos da. Sie atmete mühsam und war geistesabwesend, wie betäubt. Am sechsten Tage kehrte die Besinnung wieder, mühsam brachte sie auch einige Worte zusammen.Ohne Geheißlegte sie selbstnasse Wickel um den Leib und den kranken Fuß. Den zweiten Tag schwoll der Fuß bedeutend an und begann heftiger zu schmerzen. Der Kopf aber und die Besinnung wurden besser. Agatha wickelte den Unterleib und den Fuß mutig weiter ein. Der halbe Fuß entzündete sich heftig, und nach fünf Tagen brach er auf. Die Heilung, wie oben angegeben, war ein leichtes. Agatha erhielt ihre frühere Gesundheit wieder.
Was aber hatte wohl der Anfall zu bedeuten?Am allerwenigsten einen Marasmus. Dem Knaben, der sich auf den Kopf stellt, muß das Blut zum Kopf strömen. Die vom Fuße gewaltsam (durch die erhöhte Lage) zurück und nach oben getriebenenSäfte stiegen der Brust und dem Kopfe zu und bewirkten die fatalen Erscheinungen. Die Wickel leiteten sie wieder nach unten, das Wasser öffnete die Wunde, und die kranken Stoffe, die ihre früheren Wege und Ausgänge offen fanden, ließen die Brust frei atmen und den Kopf frisch und leicht denken.
Daß jeder dieses recht beherzigte, der mit solchen „Bresten“ behaftet ist! Ich weiß gut: viele Ärzte der neuen Schule denken da ganz anders. Bei vielen Ärzten indessen, auch bei mir bleibt in dieser Beziehung alles beim alten. Ich halte und nennejede offene Stelle, welche die Natur selbst sich gräbt, um das Ungesunde auszuwerfen, solange dieselbe fließt, eineGesundheits-undLebensversicherung.Wer kennt nicht Fälle genug, daß Leute nach zugeheilten Füßen schnell gestorben sind? Und wer weiß nicht, daß, wenn solche offene Füße im Alter sich schließen, der Sensemann kein ferner Gast mehr ist?
In einem mir vorliegenden Briefesteht wörtlich: „Mein Fußleiden ist wieder im Beginne. Das rheumatische Kopf- und Zahnleiden, an welchem ich vor vierzehn Tagen zum Rasendwerden litt, hat mich, seitdem ich am Fuße leide, gänzlich verlassen. Der eine oder andere Teil an meinem Körper ist immer leidend. Es herrscht bei mir eindoppeltes Leiden; entweder habe ich heftige Schmerzen im Körper, besonders in den Zähnen, oder wenn mich diese verlassen, arge Fußschmerzen, so daß ich nicht sagen kann, welches Übel ärger ist. Und ist eines von diesen zwei Leiden nicht in besonderer Stärke und Größe da, so bin ich amganzenLeibe nicht gesund.“ Soweit der Bericht.
Wie das Quecksilber im Barometer steigt und fällt, so gibt es Leiden, die von einer Stelle im Körper zur andern eilen. Die Gicht, der wandelnde Rotlauf sind solche fahrende Schüler. Als Dritter im Bunde gesellt sich ihnen unser Übel bei mit dem Unterschiede, daß es nicht wie Gicht und Rotlauf sich äußerlich verrät, sondern seine Kreuz- und Querzüge stets auf verborgenen Wegen, im Innern, antritt.
Dreigeteiltmuß stets der Angreifer gegen diese Wandergesellen vorrücken.
In unserem Falle greiftder kurze Wickeldie Plänkler an, d. h. er räumt mit all den Stoffen auf, die noch auf der Wanderung vom Kopf zu den Füßen oder von den Füßen zum Kopf begriffen sind. Öfter angewandt verleidet er ihnen durch Ausleitung alle Wanderlust. Sekundär wirkt er schon auf die leidende Stelle ein, indem Stoffe, die von ihr Reißaus genommen,unterwegs aufgefangen und so an der Rückkehr verhindert werden. DerFußdampfmit dem abschließenden Unterguß richtet sich gegen den einen Flügel, die leidende Fußstelle. Er löst die kranken Stoffe auf und leitet sie aus.
Die kalten Waschungen, statt deren auch derspanische Mantel, rücken gegen das Zentrum, gegen den ganzen Körper vor, freilich zu freundschaftlichen Diensten. Sie kräftigen und stärken den Körper, daß er zu schneller Ausheilung mithelfe.
Sämtliche Angriffe wären somit der Reihe nach zu machen: der kurze Wickel, zwei Ganzwaschungen in einer Nacht, nochmals der kurze Wickel, der Fußdampf und zuletzt der spanische Mantel.
Als Hilfstruppen von innen könnte entgegenkommenTeevonTausendguldenkraut,SalbeiundMinze. Die ersten zwei wirken reinigend, die Minze mit ihrem Bitterstoff unterstützt die Magensäfte.
Nochzwei Arten von Heilung offener Füßewill ich hier angeben; die erste kann manchem Bauern und einfachem Manne vielleicht Dienste leisten, der die Vorrichtung zum Baden nicht so leicht hat; die andere dürfte selbst Herrenleuten nicht übel anstehen.
Ein ziemlich wohlgenährtes Bäuerlein blinzelte, ob ernst, ob spöttelnd, ich weiß es nicht, gar klug mit seinen Augen und sagte: „Hochwürden, ich hab’ so einen offenen Fuß. Haben Sie nicht auch ein Wässerlein für mich?“ „O ja, guter Freund!“ sagte ich. „Jetzt machen Sie ’s so, Bauer: Sie gehen heim und breiten auf Ihrer Liegerstatt, auf dem Bett, einen wollenen Teppich oder ein recht grobes Tuch aus! Dann suchen Sie sich unter ihren Säcken einen recht alten, abgenutzten und deshalb nicht steifen aus! Den tauchen Sie herzhaft in kaltes Wasser, winden ihn etwas aus und schlüpfen dann in Adams Kostüm hinein! Oder wenn Ihnen das besser gefällt, können Sie den Sack wie elegante Hosen anziehen; darauf schnell einen Satz ins Bett und ein warmes Zudecken mit der Woll- oder rauhen Decke und dem gansfedrigen Oberbett.“ Die früher blinzelnden Augen wurden wie Pflugrädchen so groß und vor Wasserangst jetzt schon naß; dem Bauer kam’s schaurig vor. „Und dieses,“ so lautete der gestrenge Spruch weiter, „zum ersten Versuch täglich einmal, eine Woche lang; jeder Sackschlupf soll dauern zwei Stunden lang.“ Der Bauer schwitzte bereits beim Weggehen; dennoch tat er, wie ihm geheißen.Innerhalb fünfzig Tagen hat er fünfundzwanzigmal dies eigentümliche Sackschlupfen und Sackjucken probiert, und der Fuß war geheilt. Vor Freude hüpfte er auf, mehr noch als über den Fußdarüber, daß er in dem Sacke auch einen so trefflichen Humor bekommen. Ich riet ihm, die Übung noch zuweilen einmal vorzunehmen. Ich brauchte dieses nicht zweimal zu sagen. „Zum Dank und aus Freude,“ rief er mir zu, „will ich die Sackgeschichte ein ganzes Jahr lang treiben.“ Und er hat Wort gehalten.
So schauerlich diese Kur in manchem Ohre geklungen haben mag (in der Tat ist sie es nicht),so kurz und vornehm lautet die andere:
Man nehme:a)in der Woche zweimal ein warmes Bad mit dreimaligem Wechsel, am besten ein Haberstrohbad; desgleichenb)zweimal wöchentlich einen Unterwickelvon 1½ Stundenoderstatt dessen denspanischen Mantelin derselben Dauer.
Zur Warnungführe ich folgenden Fall an.
Einziemlich korpulenter, aber sehr gesunder Herr, der seinesgleichen suchte, bekam einenoffenenFuß, der ihm recht lästig war. Er nahm die Zuflucht zur Wasserkur und gebrauchte dieselbe auch zwölf Tage. Nicht genug konnte er erstaunen, wie leicht und wohl es ihm wurde. „Doch der leidige offene Fuß,“ sagte er, „heilen Sie den mir zu!“ „Wer es tut, kürzt Ihnen das Leben ab; ich tue es nie und nimmermehr,“ entgegnete ich entschieden. Das verdroß den Herrn, und er ging. Es war Herbstzeit; im Frühjahr besuchte er, wie ich hörte, ein Mineralbad und gebrauchte, nach Hause zurückgekehrt, verschiedene Mittel, die Wunde zuzuklabastern. Es gelang, und 6–8 Wochen freute er sich seines zugeheilten Fußes. Da bildete sich auf dem oberen Rücken, mitten auf dem Kreuze, ein gewaltiges Geschwür. Die Ärzte hielten dasselbe für einen Karbunkel und öffneten es durch einen kräftigen Kreuzschnitt. Doch statt des Unrates trafen sie auf eine große harte Platte. In zwölf Tagen hatte Blutvergiftung dem kräftigen Leben ein Ende gemacht. Solche und ähnliche Beispiele könnte man in großer Zahl sammeln und aufzählen.
Ich kam in ein Haus. Der junge Herr hatte eben seinen Fuß bis an das Knie herauf auf Verordnung des Arztes im heißen Wasser stehen. So heiß solle er das Bad nehmen, als er es nur ertragen könne. Die ohnehin großen Schmerzen wurden durch das heiße Wasser noch bedeutend gesteigert.Der Fuß war vom Knöchel bis an die Waden zur doppelten Stärke angeschwollenunddie Geschwulstoberhalb des Knöchelsso gefärbtundentzündet, daß ein baldiges Aufbrechender brandigen Stelle nahe bevorstand.
Mir ist unbegreiflich, was bei einer so heftigen Entzündung eines Gliedes, das einen förmlich heiß anweht, noch heißes Wasser, das einen Gesunden halb verbrühen könnte, tun soll, und zwar nicht kurz und einmal, sondern länger und öfter genommen. Der Herr erklärte aufgeregt, er könne es nicht mehr aushalten, man solle ihm das Wasser aus den Augen bringen. Ruhig ließ ich seinen Befehl vollziehen und riet hernach, er möge statt des Brühwassers Krautwasser bringen lassen, einen weichen Fleck eintauchen und unmittelbar auf die am ärgsten entzündete Stelle legen, darüber ein größeres, recht weiches, in kaltes Wasser getauchtes Tuch umwinden, so daß es den ganzen Fuß vom Knöchel bis zu den Waden bedecke (darüber natürlich trockene Auflage), und beide Aufschläge zusammen so oft wiederholen, als der Fuß von neuem zu brennen und wehe zu tun anfange. Der junge Herr tat nach meinem Rate; in zwei Tagen konnte er wieder gehen. Das Geschwür brach auf. Um rascher die Materie aufzulösen und auszuleiten, umwand er die Geschwürstelle mit einem Linnensäcklein, das angefüllt war mitangeschwellten Heublumen. In acht bis zehn Tagen war der Fuß geheilt und diente als treuer Untertan mit alter, ja verjüngter Geh- und Tragkraft.
Ein Herr von Stand erzählt: „Jedes Jahr bekomme ich ein Fußleiden, welches zwei bis drei Wochen dauert; dann bin ich wieder auf ein Jahr gesund. Etwas empfindlich sind meine Füße immer. Ehe dieses Leiden kommt, brennen mich meine Füße, und mitunter spüre ich ein heftiges Stechen. Dann schwellen die Füße bis an die Knie ziemlich stark auf. Wenn das Anschwellen beginnt, läßt der Schmerz etwas nach; ich bin aber doch unfähig zu jeder Arbeit. Kann diesem Übel nicht vorgebeugt werden?“ Die Antwort heißt: „Ja, mit folgenden Anwendungen: 1) In der Woche ein- bis zweimal leinene Strümpfe, in Wasser getaucht, in welchem Haberstroh gesotten wurde, anziehen (angenehm warm); über die nassen Strümpfe ein trockenes Tuch winden und zwei Stunden lang diesen Fußwickel behalten. (Kann am Abend geschehen.) 2) In der Woche einen kurzen Wickel 1½ Stunden lang, in Wasser getaucht. Wer noch fünf bis sechs Wochen ein- bis zweimal wöchentlich die Anwendung vornimmt, beugt gewiß seinem Übel vor.“
Ein Landmann kommt und zeigt seine geschwollenen Füße, die von unten an bis an die Knie gleichmäßig hart anzufühlen und mit schwarzblauen großen Flecken bedeckt waren. Diese geschwollenen Füße schmerzten ihn sehr, so daß er oft ganze Nächte nicht schlafen konnte; zudem wurde er, seitdem die Füße so anschwollen, gemütsleidend schwermütig, so daß er nach seiner Angabe sich schon oft den Tod gewünscht hatte. Appetit schlecht, Aussehen recht krank.
Die Anwendungen waren folgende: 1) Jede Woche einen Fußdampf, in der ersten Woche aber zwei. 2) Zweimal in der Woche ein Hemd anziehen, in Haberstrohwasser getaucht, 1½ Stunden lang. 3) Zweimal wöchentlich von unter den Armen ganz hinunter sich einwickeln, 1½ Stunden lang. 4) In jeder Nacht werde der Fuß bis an die Knie eingewunden mit einem Tuch, in Wasser getaucht, in welchem zwei Löffel vollFoenum graecumabgesotten wurden. Gerade diese Einwicklung hat besonders zur Linderung der Schmerzen und zur Aufweichung gewirkt. Eingenommen wurde Absud vonFoenum graecum, zwei Messerspitzen voll in einem Schoppen Wasser gesotten, — während des Tages in drei bis vier Portionen.
Fußleiden,anderes.
Eine Frau hatte Jahre hindurch Fußleiden. Von Zeit zu Zeit brach einer der Füße auf mit Entleerungen von viel Unrat, und nach mehreren Wochen heilte er wieder zu. Wie jeder gesund werden will, so wollte auch diese Frau für ihren Beruf von diesem Leiden befreit werden und wendete folgendes an: 1) Dreimal in der Woche in der Nacht vom Bett aus ganz waschen und gleich wieder ins Bett; 2) in der Woche einmal den spanischen Mantel; 3) die Füße wurden von Morgen bis Mittag oder bis Abend umwunden mit einem Tuch, das in Heublumenwasser getaucht war, aber ziemlich stark ausgewunden, und darüber ein Wollstoff gelegt. Auf die wunde, von Haut entblößte Stelle, die so groß war wie ungefähr drei Finger breit und lang, wurde gesottenesFoenum graecum, auf Flecken aufgestrichen, aufgelegt. Dasselbe zieht das Ungesunde heraus, nimmt die Hitze und den Schmerz und heilt, wenn der Krankheitsstoff ausgeleitet ist. Nach je zwei bis drei Tagen wurden über den kranken Fuß angeschwellteHeublumen, die ziemlich gut ausgetrocknet waren, warm, aber nicht heiß, direkt aufgetragen und umwickelt — zwei Stunden lang. Innerlich: täglich eine Messerspitze voll graues Pulver und täglich eine Tasse Tee, von vier bis fünf grünen Holunderblättern gesotten.
Geburten.
Ein junges Weib hattedrei tote Kindergeboren; sie wurde darob sehr betrübt und ganz entmutigt, zumal der Arzt erklärte, „sie werde nie ein Kind austragen können.“ Ich tröstete sie und machte ihr Hoffnung, falls sie sich bequemen wolle, Wasseranwendungen vorzunehmen; ihre Natur werde so erstarken, gesunden, und wenn dieses eingetreten, habe sie weiter nichts zu fürchten. Der trostlosen Frau klang dieses wie frohe Botschaft.
Mit denleichtesten Abhärtungsübungenwurde begonnen; nach und nach gewöhnte sie sich an stärkere, abhärtende Wasseranwendungen, bis sie zuletzt beiHalb- und Ganzbädernstehen blieb. Innerhalb drei Jahren gebar sie dem erfreuten Vater drei gesunde, kräftige Kinder.
Eine Frau litt anTyphus; sie hatte Kopfschmerzen zur Verzweiflung. Ihre Verwandten brachten sie aus der Stadt aufs Land, damit sie dorten ruhig sterben könne. Die arme Frau sollte zudem Mutter werden. Man fragte mich; ich riet kurze Wickel an, die alsbald angewendet wurden. Das Kopfleiden ließ nach. Um sicher zu gehen, fragten die Angehörigen auch bei dem früher die Kranke behandelnden Arzte an, ob nicht vielleicht ein Wickel gute Dienste leisten würde. Dessen Verdikt lautete, der erste Wickel würde das Kind zu früh zur Welt bringen. Unterdessen waren bei Einlangung der Nachricht fatalerweise schon sechs Wickel genommen. Die Typhuskranke wurde selbst gesund und genas glücklich auch eines gesunden Kindleins.
Gehirnentzündung.
Wo immer eine Entzündung entsteht, dorthin drängt sich auch durch alle Adern das Blut. Es eilt der Wärme zu, und in den von der Entzündung entferntesten Körperteilen nimmt das Blut am meisten ab. Tritt eine Gehirnentzündung ein, so muß zu allererst das Blut in die äußersten Teile geleitet werden, aber auch auf die entzündeten Stellen muß hitzeableitend eingewirkt werden. Die Anwendungen sind folgende: Es sollen die Füße bis an die Knie mit Tüchern, welche in Wasser und Essig getaucht sind, eingewickelt werden. Sind die Füße recht kalt, so ist das Tuch anfangs in heißes Wasser zu tauchen. Sind die Tücher an den Füßen nach ungefähr einer halben bis einer Stunde recht heiß, dann sollen sie in kaltes Wasser getaucht und wieder umgelegt werden. Wie die Füße, so sollen auch die Hände eingewickelt werden, wenigstens bis an die Ellenbogen, und es soll gerade so verfahren werden wie bei den Füßen; dann kann ein Unteraufschläger genommen werden. Nach drei Viertelstunden tauche man das Tuch wieder in kaltes Wasser. Ist die Hitze immer noch stark, kann länger so fortgefahren werden. Um die Hitze recht stark abzuleiten, kann man ein zweifaches grobes Tuch, in Wasser getaucht, auf den Unterleib legen, wodurch das Blut mehr in den Unterleib geleitet wird. Auf den Kopf wende man weiter nichtsan, als daß man einen Lappen auf die Stirne bindet und diesen nach je einer halben Stunde in kaltes Wasser frisch eintaucht. Fast noch günstiger wirkt ein Tuch, das um den Hals gewunden wird, oder ein Schal; beides darf jedoch nie länger als drei Viertelstunden an Ort und Stelle bleiben, ohne daß das Eintauchen von neuem besorgt wird. Diese Anwendungen werden, im Wechsel vorgenommen, die Entzündung nicht auf einen hohen Grad kommen lassen, und die ganze Entzündung wird einen ziemlich raschen Verlauf nehmen. Nach innen bleibt immer das Beste frisches Wasser, aber ja nicht viel, höchstens ein bis zwei Löffel voll, lieber öfter. Statt Wasser kann man auch einen Absud vonFoenum graecumnehmen.
Gehirnleiden, schweres.
Ein ungefähr 33 Jahre alter Bräumeister ist seit elf Jahren schwer leidend. Im Mai 1877 stürzte er eines Morgens nach dem Aufstehen vom Bett plötzlich halb bewußtlos hin und blieb zwei Stunden in diesem Zustande liegen. Dies war die Einleitung zu einem schweren, sechs Monate dauernden Typhus. Schon damals stellte sich täglich starker Schwindel mit Erbrechen und Ohnmacht ein. Der Schwindel begann mit Klopfen im Gehirn; dann warf es den Mann zu Boden, oft auf Zimmerlänge hin. Dieser Zustand währte meist fünf bis zehn Minuten und wiederholte sich täglich fünf- bis acht- bis zehnmal. Nach diesen sechs Monaten wurde er wieder arbeitsfähig, aber nur auf zwei Monate. Darnach traten die Anfälle so häufig und stark auf, daß er weitere acht Monate das Bett hüten mußte. Im Verlaufe dieser elf Jahre war er alle Jahre sechs bis sieben, sogar acht Monate bettlägerig. Das Leiden steigerte sich so, daß die Anfälle von Schwindel und Hinfallen auch in der Zwischenzeit alle zwei bis drei Tage wiederkehrten, besonders auch nach geistigen Anstrengungen, nach raschen Bewegungen, bei jeder Drehung des Kopfes. Die Anfälle kündigten sich stets durch Klopfen im Kopfe an, und wenn er sich nun rasch genug anzuklammern vermochte an einen Tisch oder im Freien an einen Baum, so schüttelte und warf es ihn hin und her, bis er zu Boden kam. Das Bewußtsein verging ihm dabei nicht, wohl aber das Sehen. Neun Jahre lang war der Anfall stets von Erbrechen begleitet, welches seit dem letzten Jahre aufhörte. Die ganze Zeit über, seit 10½ Jahren empfand der Unglückliche einen fortwährenden Druck auf der Scheitelhöhe, wie wenn ein Zentnerstein droben liege. Seit fünf Jahren besteht fast anhaltend Ohrensausen und Schwerhörigkeit auf dem rechten Ohr. Der Schlaf stellte sich neun Jahre lang fast nie vor ein bis zwei Uhrnachts ein wegen Gefühl von Schwere und Vollsein im Kopfe. Von Mai 1886 bis Oktober 1887 war der Mann mit ganz geringer Unterbrechung bettlägerig. Von vierzehn Ärzten, die ihn im Laufe dieser langen Krankheit behandelten, und von denen ihn verschiedene für unheilbar erklärten, nahm er eine Masse Medikamente ein. Die meisten sprachen die Ansicht aus, es sei durch eine frühere Kopfverletzung — es war dem Bräumeister früher ein Faß auf den Kopf gefallen — die Hirnschale gesprungen, und seitdem drücke ein Knochensplitter auf das Gehirn, und hiedurch sei das Leiden verursacht. Einige Ärzte hielten es für chronische Hirnhautverdickung.
Nach meiner Meinung bestanden außerordentlich starke Kongestionen zum Kopfe und waren folgende Anwendungen angezeigt: Oberguß, Wassergehen, Rückenguß, Schenkel- und Knieguß, Fußdampf, sowie der spanische Mantel. Der Erfolg innerhalb der fünfwöchentlichen Kur vom 28. Juli bis 2. September war ein ganz vorzüglicher. Schon am fünften Tage erklärte sich der Patient frei vom Gehirndruck. Am zweiten Tage erfolgte noch ein Anfall nach einer längeren, geistigen Anstrengung (Briefschreiben), — es war der letzte. Von Tag zu Tag schritt die Besserung zu seiner größten Freude voran; die nächsten vier Wochen fühlte er sich „wie neu geboren, so frei und so leicht im Kopf“, und auch im Sehvermögen erleichtert. Schlafen konnte er seit diesen fünf Wochen anhaltend die ganze Nacht. Der Mann ist überglücklich und lebt nun neu auf. Zu Hause hat er täglich bloß noch eine der obigen Anwendungen fortzusetzen.
Geisteskrankheit.
Furchtbar muß es sein, wenn diese Geistesnacht über einen hereinbricht, wenn der Mensch nicht mehr Mensch ist, sondern gleichsam zum unvernünftigen Tiere wird. Noch vor 50, 40, 30 Jahren gehörten Geisteskrankheiten zu den Seltenheiten. Heutzutage mehrt sich deren Zahl (darin sind alle eins) in schreckenerregender Weise. Die Irrenhäuser, so zahlreich sie sein mögen, sind überfüllt, reichen nicht mehr aus. Man baut jetzt vielerorts außerhalb der Großstädte fast ganze Irrenstadtviertel. Unheimlich ist’s, diese Totenfelder von Lebenden zu durchwandeln. Also das ist der Mensch, der so groß tun kann! Gott bewahre uns vor solcher Heimsuchung! Derlei Gedanken umflattern bei solch düsteren Gängen die ernstgestimmte Seele. Das sind dieGanz-Irren. Wie viele hundert, ja wie viele tausend Menschen aber sindhalbe Geisteskranke, die entsetzlich viel leiden und selten Hilfe bekommen! In Wahrheit darf ich sagen, daß einesehr große Anzahlsolcher Unglücklichenbei mir Linderung und Heilung suchte, und mit besonderer Liebe und Sorgfalt fühle ich mich jederzeit gerade zu diesen so arg verlassenen und so trostlosen Menschen hingezogen. Sie waren zu wenig krank fürs Irrenhaus, aber unfähig zu jedem Berufsleben.Unsagbar,unbeschreiblich,unzähligundmannigfaltigsind diePlagen solcher Geistesgestörten. Wie zur Sommerszeit in der heißesten Mittagsglut die Stechmücken am ärgsten schwirren, so treiben in dem heißen Gehirn dieser Armen die tollsten Gedanken ihr heillosestes Spiel. Die einen hassen ihren bisherigen, geliebten Beruf, andere wollen nicht mehr beten. Menschenscheu und Menschenhaß hat die einen erfaßt, Haß gegen sich selbst die anderen; sie wollen sich das Leben nehmen usw. Die Köpfe und deren Inhalt sind so verschieden als die armen Individuen selbst.
Bei allen Kranken, die mich aufsuchten, habe ich in den fünfunddreißig Jahren stetsUrsachender Krankheit gefunden. Entweder war das Übel angeerbt, also von Kindheit an grundgelegt, im Keime vorhanden; oder es rührte her vonKörpergebrechen, von Krankheiten,[35]wohl auchvon der Lebensweise.
Ein Punktist wohl zu beachten, weil daso gerne Täuschungenvorkommen. Man bleibe bei der Beurteilung solcher Zuständerecht nüchtern, lasse sich selbst den Geist nicht einnehmen.Nicht genug kann ich warnenvor jenem voreiligen, so überaus törichten Gebahren, welches alsbaldübernatürliche, besondersteuflische Einflüssehellsehen will. In Fällen selbst, in denen jedermann fast hätte glauben müssen, der leibhafte Satan herrsche in dem Kranken, hat der einfache kalte Strahl ihn vertrieben.
Mir kam inmeiner ganzen Praxis nicht ein einziger Fallvor, in dem natürliche Mittel, recht angewendet, nicht geholfen hätten. Ich klammere mich fest an den Glauben und an das Übernatürliche wie an ein Rettungsboot und möchte — Gott bewahre! — kein Strichlein und kein Pünktlein dieser Glaubens-Überzeugung aufgeben. Nie aber möchte ich den Glaubensfeinden eine Handhabe reichen zum Spotte oder Angriffe auf den Glauben.
Die es angeht, kennen und verstehen mich.Ein Beispiel: Ein Bruder bringt seine Schwester, welche behauptet, mitten in ihrer Brust wohne der böse Geist. Sie wisse vom Teufel viel, der Teufel aber wisse von ihr alles, auch die geheimsten Gedanken; er regiere, leite und beherrsche sie. Ein Narr sei ihr Bruder, noch dümmer sei der Pfarrer, der allerdümmste aber sei der Arzt. Warum? „Weil sie immer sagen, ich solle einen anderen Kopf aufsetzen, meine Torheiten ablegen und ihnen folgen. Wenn einmal der Teufel in einem herrscht,“ fügte die Kranke bei, „dann hat der eigene Kopf das Regiment verloren.“ Es ist nicht zu sagen, wie heftig und unbändig wild die Arme gegen die drei genannten Persönlichkeiten wütete.
Hätten dieselben ruhig geschwiegen — sie wußten ja, wen sie vor sich hatten —, sie hätten die Kranke nicht in so gewaltige Aufregung versetzt, und ich hätte leichter getan.
Bei derlei Kranken kommt alles, ja alles auf die Behandlung an.Ich widersprach ihr mit keinem Worte und sagte bloß: „Ja freilich, in deinem Innern steht es nicht gut.“ Damit war die Kranke zufrieden, und ich hatte sie auf meiner Seite. Sofort faßte sie Vertrauen, wie ihre Antwort bekundete. „Wenn mir einer nicht glauben will,“ so lautete diese, „daß ich den Teufel in mir habe, so wird er ihn auch nicht austreiben können.“
Dieses Vertrauenheißt bei mir jedesmal so viel als: die Kranke ist bereits zur Hälfte geheilt, und deine Arbeit ist mehr als zur Hälfte getan. Die Kranke nahm ein, was ich ihr gab; sie wendete pünktlich das Wasser an, wie ich es bestimmte. In sechs Wochen ward sie vollkommen geheilt. Gewißinteressiertes manchen,was der Personwohlgefehlt hat. Die Kranke sah stürmisch drein. Ihre Gesichtszüge waren eingefallen, die Hände kalt, die Füße noch kälter; auf der Brust fühlte sie einen schweren Druck und im Magen Widerwillen gegen jede Speise. Alles Blut war, so schien es, der Brust zugeeilt. Dieerste Aufgabebestand darin, dieZirkulation des Blutes zu ordnen, dadurchgleichmäßige Naturwärmeund ein geordnetes Arbeiten des ganzen Organismus herzustellen. Zu dem Ende mußte die Kranketäglich zweimal bis über die Waden ins kalte Wasser stehen, je zwei Minuten lang, darauf tüchtig gehen, um die Füße so bald als möglich zu erwärmen; dann ebensodie ganzen Arme täglich zweimal ins Wasser halten, je zwei Minuten lang, darauf denselben in irgend einer Weise Bewegung verschaffen, um sie ebenfalls möglichst schnell warm zu bekommen.Zweimal des Tagesließ sie sich, zu Bette liegend,Rücken,BrustundUnterleibmitWasserundEssigkräftig waschen. Die verhältnißmäßig schwachen Anwendungen mußten durchvierzehn Tagegenau fortgesetzt werden. Die heftigste Aufregung ließ nach, wenn auch der Teufel in dem wirren Kopfe immer noch spukte. Die eingefallenen Züge belebten sich. Nach vierzehn Tagen ließ ich kräftiger einwirken. Die Kranke bekamUnterwickelim Wechsel mitHalbbädern(nur eine halbe Minute lang, und jedesmal folgte die Waschung des Oberkörpers) unddem spanischen Mantel; alle drei Anwendungen waren zirka drei Wochen fortzusetzen. Nach der dritten Woche beschlossen die Heilungwöchentlich eine Ganzwaschungundein kurzer Wickelvon einer Stunde. So wurde der vermeinte Teufel ausgetrieben, und die Aufregung wich großer Ruhe und ungestörtem Frieden.
Arme Elternbrachten ihren Knaben von zehn Jahren und erzählten folgendes: „So oft man zur Kirche läutet, fängt der Bube an zu toben und in der heftigsten und gräßlichsten Weise die entsetzlichsten Flüche auszustoßen, Flüche und Schwüre, die wir in unserem Leben noch nie gehört haben. Er flucht so lange, als er die letzte Person auf dem Kirchwege sieht. Dann hört er auf. Sobald aber nach vollendetem Gottesdienste der erste Andächtige die Kirche verläßt, fängt er auch schon wieder an, zu schwören, und er schwört und flucht fort, bis er niemanden mehr erblicken kann. Wenn wir beten, so flucht er; hören wir auf, so hört auch er auf. Hochwürden, es ist schrecklich. Man mag anwenden, was man will, helfen tut gar nichts, am wenigsten das Einreden; das macht ihn nur noch heftiger. Seine Mutter packte er einmal mit beiden Armen wie mit Krallen und schüttelte sie derart, daß man nicht glauben sollte, wie ein Knabe so viel Kraft entwickeln könnte. Ärzte sind mehrere befragt worden, geholfen hat nichts. Benediziert wurde er auch; da hat er noch am ärgsten geflucht usw.“
Der Knabe hatte ein ganzsonderbares Aussehen: abgestandene Gesichtsfarbe, im höchsten Grade wildaussehende Züge; die Haare standen, wie beim Igel die Stacheln, senkrecht in die Höhe. Ich unterstand mich, seine Hand anzufühlen; er wollte mir sofort ins Gesicht springen. Zwei Priester, welche den schrecklichen Zustand gesehen hatten, sagten: „Wer an eine Besessenheit glaubt, muß sagen: hier ist sie.“
Ich faßte das Leiden von Anfang anganz natürlichauf und täuschte mich auch dieses Mal nicht; in sechs Wochen war das arme Kind vollständig geheilt. Ich ließ den Knaben täglich auf1 bis 1½ Stundenein Hemdanziehen, das in Wasser (mit etwas Salz) getaucht war, ebenfallstäglich einmalmit einer Mischung vonWasser und etwas Essig ganz waschen. Beides dauertevierzehn Tagelang. In der dritten Woche bekam er den einen Tag ein (oben beschriebenes)Hemdangezogen, den andern Tag auf eine halbe Stunde einwarmes Badvon 28°R.im Wechsel mit einem kalten (eine halbe Minute), am dritten Tage eineGanzwaschung. Dieses waren die Übungen der dritten und vierten Woche. In der fünften reichte aus einnasses Hemd, in der sechsten und letzten einwarmes Badmit rascher kalter Abwaschung.
Die Umänderung und Besserung vollzog sich rasch. Der ganz kalte Knabe wurde wieder warm, der verlorene Appetit kehrte wieder, und er ließ sich die Milch- und Mehlkost, welche die armen Eltern mit Freuden ihm reichten, trefflich schmecken. Aller Spuk war wie weggeblasen.
Einer der Leser wird vielleicht fragen: „Warum denn wendet der Pfarrerbei solchen Kranken keine Güssean, da doch in unseren Irrenanstalten die Tobsüchtigen besonders mit Douchen usw. behandelt werden?“ Nach meiner unmaßgeblichen Meinung darf ein Jäger (doch vielleicht ist’s Jägerlatein?), der einen Fuchs aus seiner Höhle locken will, unmittelbar vor das Loch hin nicht schießen. Besser wird’s sein, den listigen Reinecke mit einer Lockspeise (etwa einem Huhn oder Spanferkel) zum gefälligen Herauskommen einzuladen. Nun höre, mein lieber Leser! Wo eine Krankheit drinnen steckt, da steckt auch Krankheitsstoff. Diesen auflösen und ausleiten, das heißt den Fuchs locken und fangen. Eine Douche aber löst nicht auf, leitet aber auch nicht aus. Ist einmal aufgelöst und ausgeleitet, dann hat die leichtere Douche einen Sinn, dann laß ich sie mir auch recht wohl gefallen.
Vor neun Jahren kamein Mädchenzu mir und erzählte, wie folgt: „Mein Bruder ist schon mehr als ein Jahr im Irrenhause. Er wurde für unheilbar erklärt. Nun bekomme ich ganz dieselben Zeichen, die mein Bruder vor dem Ausbruch der Krankheit hatte. Ich hatte bisher gedient, mußte aber meinen Dienst verlassen; denn ich kann nicht mehr arbeiten. Wenn ich keine Hilfe erhalte, komme ich in Bälde zu meinem Bruder in die Irrenanstalt.“
Aufverschiedene Fragenerhielt ich den Bescheid, daß der Appetit sehr wechsle, manchmal gut sei, manchmal ganz fehle; daß ferner, sobald das heftige Gliederreißen nachlasse, ebenso heftige Brustschmerzen folgen, daß die früher dichten und langen Haare schon mehr als zur Hälfte ausgefallen seien. Sofort war mir klar, daß hierrecht verdorbene Säfteihr Unwesen trieben, und daß das sicherste Zeichen ihres gänzlichen Ausscheidens darin bestehe, wenn die Haare auf dem halbkahlen Schädel wieder festen Fuß faßten und in alter Stärke von neuem weiter wüchsen.
Die Krankewendetenacheinanderfolgende Übungenan: zuersttäglich das nasse Hemd, getaucht in Salzwasser oder in Wasser mit Essig gemischt; ebensotäglich lauwarme Halbbädermit kräftiger kalter Waschung des Oberkörpers (höchstens eine Minute). Es war Sommerszeit. So ging siejeden Tag viel barfußmit großem Erfolge, besonders im Morgentau. Dieses dauerte drei Wochen hindurch. Es folgten jetztwarme Bäder im Wechsel mit kalten, sodann der Unterwickel(die Kranke bediente sich des Sackes), in Absud vonHeublumengetaucht. Dieganze Kurwährte bis zu vollständiger Herstellungdrei Monate. Der starke und solide Haarwuchs wies auf gründliche Heilung. Die Person hat später geheiratet und ist gesund bis zum heutigen Tage.
Ein Pfarrer, in seiner Gemeinde hochgeschätzt und geliebt, kam vom Ausland ganz entmutigt zu mir. Er könne, so meinte er, seiner Pflicht gar nicht mehr nachkommen. Dieser Zustand, der sich ingroßer Traurigkeit,in Mißmut,in Unfähigkeit zum Studierenäußerte, hatte früher schon einmal die Nachbarsgeistlichen veranlaßt, den Armen in eine Anstalt zu bringen. Daselbst verblieb er mehrere Wochen und kehrte ruhiger, aber ungeheilt in seine Heimat zurück. Er beriet mich, was doch zu tun sei, ob er die Pfarrei verlassen oder was er anfangen solle. Der Herr sah gesund, frisch und kräftig aus, was bei solchen Kranken so leicht täuscht und so viele harte, ungerechte und lieblose Urteile veranlaßt.[36]Wer näher zusah, konnte wohl bemerken, daß das Auge trüb, die Farbe verbleicht, die Haare erstorben waren.
DieAnwendungenwarendreifacher Art: derKopf-undFußdampf,kalte Ober-undUntergüsse,häufiges Gehen auf nassen Steinen oder ins Wasser stehen, drei bis vier Minuten lang. Nach einigen Tagen folgtenwarme Bäderim Wechsel mitkalten Ober-undUntergüssen. Am sechsten Tage der Wasserkur zeigte sich einbläulicher Ausschlagauf dem Rücken. Je mehr dieser heraustrat, um so besser fühlte sich der Kranke. Als der Krankheitsstoff gänzlich ausgeleitet war, war der Pfarrer gesund. Das ganze Heilverfahrendauerte vierzehn Tage. Mit neuem Mut kehrte der seeleneifrige Priester heim in seine Gemeinde.
Gelbsucht.
Die Gallenblase liegt an der Leber und ist eine Art Sammelbehälter für die aus den Lebergängen herausfließende Galle. In den innerhalb der Leber gelegenen Gängen oder in der Gallenblase können sich Verhärtungen der Galle bilden, Gallensteine genannt, die entweder in der Leber oder bei der Weiterwanderung in dem Gallengange die Entleerung der Galle hindern. Aber auch durch Druck, durch Stoßen und ähnliche Übelstände können Zuschwellungen des Gallenganges eintreten, und dadurch kann die Galle ins Blut geraten. Dann entsteht die Gelbsucht. Sie entsteht auch gerne nach schweren Krankheiten, wie Typhus, starkem Fieber usw. Es kann aber auch die Leber krank sein und infolgedessen das Blut krankhaft oder gar nach und nach vergiftet werden. Kommt die Gelbsucht nur von Störungen her oder auch von anderen Krankheiten, so hat dies meistens wenig Bedeutung; kommt aber die Gelbsucht von einer Krankheit der Leber her, so bringt sie gerne den Tod. Die ersten Zeichen der Gelbsucht erblickt man im Weißen des Auges, dann in der Haut selber, im Stuhlgang und Urin; der Appetit läßt gewöhnlich nach, und auch der Geschmack ändert sich meistens. Ist die Leber gut, so hat diese Krankheit im Heilen keine Schwierigkeit. Nach innen ist besonders zu empfehlen: täglich drei- bis viermal, jedesmal drei bis vier Löffel voll, Wermuttee oder dreimal eine Messerspitze voll Wermutpulver in sechs bis zehn Löffeln voll warmen Wassers einnehmen. Salbei mit Wermuttee tut treffliche Dienste.
Täglich sechs Pfefferkörner mit der Speise verschluckt ist ebenfalls ein Mittel zu guter Verdauung. Im Essen und Trinken mäßig sein ist zu empfehlen. Die Milch als Nahrungsmittel ist vorzüglich.
Die besten Anwendungen mit Wasser sind: In der Woche zwei- bis dreimal ein kurzer Wickel und eine Waschung zur Nachtzeit vom Bett aus und gleich wieder ins Bett. Die gelbe Farbe bleibt oft Wochen hindurch, hat aber durchaus keine Gefahr. Wie man aus einem Stoffe nicht schnell eine Farbe herausbringt, so geht es auch bei der Gelbsucht. Geht aber die gelbe Farbe nach und nach über in braune und schwärzliche, nimmt der Appetit stets ab, ist ein allgemeines Beißen und Brennen in der Haut und steigert sich die Abmagerung mehr, dann ist aller Grund da, zu fürchten, dieLeber sei unheilbar, und es trete Leberverhärtung, Leberkrebs oder eine ähnliche Krankheit ein.
Ganz besonders wirkt auf kranke Leber und Gelbsucht, jeden Morgen und jeden Abend eine Tasse Milch trinken, mit welcher ein Löffel voll Kohlenstaub mit Zucker vermischt ist.
Gelenkrheumatismus.
Es kommtein Herr. Sein Aussehen ist krankhaft. Verschiedenes und schweres Unbekannte hat seinen Zügen eine tiefe Wehmut eingedrückt. Mir stieg beim ersten Anblick unwillkürlich der Gedanke im Kopfe auf: Der Mann leidet viel oder hat viel gelitten. Die ungesundeGesichtsfarbezeigt ein unheimliches Gelb,der Kopfnur mehr wenig (kaum den zwanzigsten Teil von früher) Haare. Der Mann selbst ist noch nicht vierzig Jahre; es ist ein Bild des Ernstes, großer Ruhe, aber auch, wie gesagt, einLeidensbild.Sein eigener Berichtlautet also: „Es stellten sich bei mir öfters Unterleibsleiden mit heftigen Kolikanfällen und Diarrhöen ein. Später bekam ich eine Nierenkrankheit, wie die Ärzte es nannten. Wenn die unsäglichen Schmerzen kamen, drehte es mich um wie eine Spindel, wie einen Kreisel. Nach Jahren verlor ich dieses Übel, dafür aber bekam ich diesen Gelenkrheumatismus. Mir ist’s, als wenn die Summe alles früher erlittenen Schmerzes in die Glieder gefahren wäre und jedes Glied eigens gepeinigt werde. Ich gebrauchte viele ärztliche Mittel. Das Ende war stets nicht die ersehnte Hilfe, sondern das alte Leiden. Mit großer Überwindung und großen Opfern konnte ich meinem Berufe bis zuletzt vorstehen; geklagt habe ich niemandem, es verstand mich ja weder der Arzt noch sonst jemand. Derjenige, welcher den Leidenden die Krone versprochen hat, weiß allein, was ich gelitten. Eines noch wäre vielleicht meinen Worten beizufügen. Ich hatte Fußschweiß; die angeratenen und angewendeten Mittel vertrieben ihn, aber mir war nicht gut. Auch Mineralbäder habe ich auf Verlangen des Arztes gebraucht; doch sie steigerten mein Übel. Peinlicher fast als aller Schmerz quälte mich im Innersten die Wahrnehmung, daß mancher meinte, die Sache sei doch nicht so arg; die Empfindsamkeit spiele bei mir eine große Rolle, man müsse sich überwinden und über derlei Dinge hinwegsetzen. Leiden tragen ohne Teilnahme heißt doppelt leiden.“
Die Erzählung hat lange gedauert, freundlicher Leser; aber sie war und ist lehrreich. Daß wirgegen Kranke doch nie hart und ungerechtwerden! Ein sonst tüchtiger Mann wird ja nicht plötzlich und ohne Grund wie eine feige Memme jammern.
Wer mag dieWurzel all dieser Übeluns nennen, das Innere dieses recht kranken Körpers uns erschließen? Das Geheimnis ist nicht schwer zu erraten. Die Vordersätze hat uns der Kranke selbst in seinem Berichte gegeben; wir brauchen nur den Schluß daraus zu ziehen. Die gelbe Farbe, die häufigen Kolikanfälle, der zurückgedrängte Fußschweiß lassen auf einengiftigen Stoffschließen, der, wie die Schlange im Versteck, im Körper lauerte, zuweilen züngelte und zischte, jetzt aber, bei dem letzten Anfall auf seine Beute schießt, d. i. alle Glieder erfaßt und sie mit seinem Biß bis hinein in die Gelenke und in das Knochenmark selbst vergiftet. Auch dieHaarefallen von einem sonst dichten und starken Haarboden nicht ohne Grund aus. Es muß sie ein innerer Sturm ausschütteln, wie der Herbstwind die fahlen und dürren Blätter von den Bäumen schüttelt. Oder ein giftiger Wurm, d. i. ein Giftstoff, muß deren Wurzeln töten.
Eine solide Heilung wird nur möglich sein, wenn dieser Giftstoff, der alles durchfressen hat, aufgelöst, ausgeleitet und der Körper dergestalt gekräftigt ist, daß er solche fatale Säfte nicht mehr aufkommen läßt. Mäuse vertilgt man mit Mausgift. Und das Gegengift fürunser Gift, in welcher Materialienhandlung ist es zu kaufen? Mancher würde es gut bezahlen. Für künstliche Mittel ja, besonders wenn sie noch neu und unbekannt sind, zahlt man sein teures Geld; für die natürlichen und besten Mittel aber weiß man dem Geber alles Guten oft kaum ein kaltes „Deo gratias“, „Gott sei Dank!“
Im klaren Quell, im Bache, im Brunnen fließt das vielvermögende Heilmittel, das wir meinen.Es ist das Wasser.Wie soll das Wasser heilen? So höre! Wenn die Hausmutter ihre Leinwand bleichen, d. i. ihr das blendende Weiße geben will, so taucht sie selbe ins Wasser, begießt sie öfters und läßt dann die liebe Sonne darauf scheinen. Das oftmalige Gießen weicht die sogenannten Rohstoffe auf, und die Sonne zieht sie alle aus. Das Linnen ist gebleicht auf der einen Seite, dasselbe Verfahren bleicht es auf der anderen. Durch und durch müssen zu gründlicher Bleiche der Wasser- und der Sonnenstrahl dringen, dann aber trübt das blendende Weiß, den Stolz der Hausfrau, auch nichteintrüber Fleck. Das ist klar. Machen wir die Anwendung! Der Körper unseres Kranken mit seinem gelben Hautüberzug gleicht wahrlich so einem ungebleichten Linnenstück. Ein Teil der Wasseranwendung muß die Feuchtigkeit, welche die Roh- d. i. die Giftstoffe auflöst, nach und nach bis ins Innerste eindringen machen; der andereTeil muß Wärme entwickeln, welche der Sonnenwärme gleich das Aufgelöste herauszieht. Noch eines.Auch der Laugebedient sich zuweilen die Hausfrau, welche nachhaltiger und schneller die Dienste des Wassers tut bei ihrem Linnen. Laugen können alsstärkere Auflösungsmittelauch wir bereiten. Wir kochen im Wasser verschiedene Vegetabilien, Pflanzen, und die trefflichste Lauge für die Körperbleiche ist fertig.
Doch kehren wir zurück zu unserem Falle!Der kranke Herrmußte zuerst denspanischen Mantelanlegen. Diesem folgte einKopfdampfmit kräftiger Abwaschung, hernach einFußdampf. Beide Dämpfe ersetzten die beste Lauge (man kann mir glauben) und durften erst nach ordentlichen Zwischenräumen einander ablösen. Je schonender nämlich der Körper behandelt wird, um so leichter kann die Natur es aushalten und selbst mithelfen, die Krankheitsstoffe auszuleiten. Darauf nahm der Krankeeinen kurzen Wickelund, um die Natur zu stärken, einenOber-undUnterguß, vonsämtlichen Anwendungen abwechselnd täglich eine; dazujede Nacht vom Bette aus eine Ganzwaschung. So wurde drei Wochen fortgefahren. Die vierte und fünfte Woche erhielt er jezwei Halbbäder,einen Kopf-undFußdampfundeinen spanischen Mantel; die sechste Woche endlich zweiwarme Bäderim Wechsel mit kalten, einHalbbadund einenOber-undUnterguß. Für die weitere Zukunft empfahl ich dem Patienten wöchentlichein paar Ganzwaschungen,einen Ober-undUnterguß, monatlich ein warmes Bad ohne Wechsel.
Das Wasser strafte auch in diesem heiklen Falle das Vertrauen nicht Lügen. Das schwere Leiden, das ohne Zweifel einen frühen Tod gebracht hätte, verschwand. Das frische Aussehen, die verlorenen Kräfte kehrten wieder; an Stelle des gebrochenen Mutes trat neue Begeisterung zum Berufsleben. Die Stimme tönte klangvoll wie früher. Oft wiederholte sie mir das herzliche „Vergelt’s Gott!“ Demjenigen aber, von dem allein alles Heil und Gelingen kommt, sang sie ein freudiges und dankbaresGloria: die Ehre sei Gott!
Ein Mann von ungefähr 40 Jahren hatte im rechten Fuß solche rheumatische Schmerzen, daß er nur mit Hilfe eines Stockes ganz kurze Strecken gehen konnte. Zeitweilig hatte er auch Schmerzen in den Armen und Schultern. Angewendet wurde schon verschiedenes, jedoch ohne Erfolg. Er nahm die Zuflucht zum Wasser, und in sechs Tagen fühlte er sich so ziemlich befreit, setzte die Anwendungen noch fort und wurde vollständig geheilt.
Die Anwendungen waren folgende:
1) Sechs Tage hindurch täglich zwei Obergüsse und zwei Schenkelgüsse, einmal in der Woche ein Wickel unter den Armen. Täglich zweimal im Wasser gehen bis über die Waden 1–3 Minuten. Jeden Tag ein Rückenguß und Grasgehen.
2) Nach diesen sechs Tagen Oberguß mit Knieguß im Wechsel mit Halbbad, letztereseine Minutelang.
Ein Bursche von 28 Jahren erzählt: „Ich habe bereits zwei Jahre keinen einzigen Tag, an welchem ich schmerzlos bin; der Anfang war auf dem Rücken, wo ich ein heftiges Brennen und Stechen empfunden habe, bald in schrecklicher Weise, dann erträglicher, nach und nach zog sich der Schmerz mehr in den rechten Schenkel bis hinunter; ich kann oft ganze Nächte nicht zwei Stunden ordentlich schlafen; bald peinigt mich die Hitze, bald kommt ein Kältegefühl, daß es mich schüttelt. Ich gebrauchte anfangs mehrere Ärzte ganz erfolglos; es wurden auch Einspritzungen vorgenommen, worauf die Schmerzen eine kurze Zeit gemildert wurden, aber gewöhnlich bald darauf viel ärger auftraten. Weil mir die Ärzte nicht helfen konnten, habe ich Pfuscher gebraucht; ich bekam Einreibungen, geistige Einwaschungen; aber alles, was ich getan, half mir nichts. Jetzt möchte ich den Versuch mit Wasser machen.“
Die Anwendungen waren folgende: