Der Herr hatte natürlich auch die Zeitung mit dem Bericht des Eisenbahnunglücksfalls gelesen, irgend jemand hatte ihm auch mitgeteilt, daß einer der Beschädigten hier auf den Hof geschafft worden sei; allein zu wem und wohin, das wußte er nicht. So grüßten wir einander, und ich folgte dem einzigen Rate, den er mir zu geben hatte: ich trat in die nächste Tür (ein halbes Dutzend dergleichen führen von dem Hofe in die Gebäude) und ließ es auf das gute Glück ankommen, ob ich die richtige getroffen habe.
Eine enge, steinerne, im Laufe der Jahrhunderte von Hunderttausenden von Füßen ausgetretene Treppe führte mich, sich im Halbkreise drehend, in den Unterstock, im rechten Flügel der Hofgebäude, und zuerst in einen ziemlich breiten gewölbten Gang, der durch ein großes Bogenfenster im Westen erhellt wurde. Erhellt? eine Flut von Licht, von abendlichem Sonnenschein, strömte in dieses große Fenster und vergoldete das dunkelgraue Gemäuer in eigentümlich schöner Weise.
Eine dunkle Tür zur Linken lud zum Anpochen ein, und eine Männerstimme forderte einen Augenblick später zum Eintritt auf. Ich stand zweifelnd still auf der Schwelle in der Überraschung vor dem Bilde, das sich jetzt dem Auge bot.
Ich erzähle heute, nachdem alles, was mich damals innerlich mächtig erregte, durch die Jahre gesänftigt hinter mir liegt, und ich darf jetzt demnach wohl auch dem Äußerlichen sein Recht geben und Gefühl und Empfindung auf die Beschreibung folgen lassen.
Wieder vor allem andern ein tief in die Wand eingelassenes hohes Bogenfenster, und dieselbe Flut von Licht, jedoch hier noch wundervoller und magischer sich über das mittelalterliche Eichengetäfel des Gemaches ausbreitend! Grüne Zweige draußen vor dem Fenster — das Hausgerät eines alten Jüngferleins ringsum, doch ein Bett und darauf ein bärtiger Mann im Winkel! In der Fensterwölbung am Spinnrad eine alte Frau! … in dem Sonnenstrahl die merkwürdigste alte Frau mit dem merkwürdigsten weißen Haar, das ich je an einer Frau gesehen hatte!
Das war gleicherweise eine Fülle von Licht, — eine Fülle, die sich nicht bändigen ließ und an Schönheit wahrlich den blondesten, braunsten, schwärzesten Locken der Jugend nichts nachgab. Blaue klare Augen, wie sie nur zu diesem Silber paßten, leuchteten unter den noch immer dunkeln Brauen; — und dazu war das alte Zauberweible taub; es saß und spann und hielt die hellen, blauen Augen nur fest auf das Schmerzenslager gerichtet, auf welchem der starke, breitschultrige Mann, der Seefahrer und Abenteurer hülflos wie ein Kind lag. Von meinem Eintreten vernahm die Base des Steuermanns Karl Schaake nichts, sie folgte aber den Augen ihres Neffen und stand rasch auf von ihrem Spinnstuhle.
Auch der Verwundete richtete sich, soweit er durfte, empor, und er war es auch, der fragte: mit wem man die Ehre habe.
Glücklicherweise war das bald gesagt und erklärt, und aus dem verwundert-fragenden Blicke des armen Burschen wurde augenblicklich ein sehr erfreuter, und die fiebernde Hand, die er mir entgegenstreckte, griff fest die meinige und ließ sie fürs erste nicht los.
»O das ist schön! das ist brav!« rief der Steuermann Schaake. »Das ist das Beste, was mir in diesen nächsten Tagen zufallen konnte. Nehmen Sie es nicht, als ob ich Ihnen mit einem dummen Schiffsagenten-Komplimente aufzuwarten gedächte; aber Sie, Herr von Schmidt, hatte ich vor allen andern Menschen nötig.«
Ich sagte dem Armen einige triviale Trostesworte, auf die er natürlich wenig Achtung gab. Dagegen aber winkte er das alte Weiblein, das bis jetzt auf das, was wir gegenseitig vorgebracht hatten, mit der Hand hinter dem Ohre gehorcht hatte, eifrig-hastig heran und ließ es näher zu seinem Bett hintreten. Und als sie sich über ihn hingebeugt hatte, um ganz genau zu vernehmen, brüllte er ihr zu:
»Du, das ist der Herr, von dem ich dir gesagt habe. Das ist der Mann, den wir jetzt so sehr gut gebrauchen können. Siehst du, alte Mutter, ich hab's dir doch gleich durchs Sprachrohr deutlich gemacht, daß du dir deine ungemütliche Jammerei zu drei Vierteln hättest sparen können. He, hab' ich nicht immer Glück gehabt zu Wasser und zu Lande?«
»Das weiß der liebe Gott!« seufzte das weiße Weibchen, beide Hände flach erhebend und wieder senkend.
»Dem ist es auch niemals eingefallen, von einem Salzfisch, einem Seehahn oder einer Seeschwalbe zu verlangen, daß sie ein Nest unter einen Dachrand hängen und ihren Laich an eine Hauswand absetzen. War es etwa seine Schuld, als der Esel aufs Eis und der Steuermann Karl Schaake auf die Eisenbahn ging? Glück muß man haben, Tante Schaake, und daß ich Glück habe, das kannst du hier wieder sehen. Tausend andere hätten hier liegen können, bis sie reif gewesen wären für des Kapitäns Gesangbuch, das Brett und die Kugel am Fuß; ich aber habe mich kaum gemütlich in der Blockade eingerichtet, so signalisiert auch das Fort San Salvador schon: Schiff in Sicht — =man of war= — sechsundneunzig Kanonen; die Tür geht auf, und Sennora Fortuna steckt den Kopf herein und fragt vergnügt: Befehlen Sie sonst noch was, Maat?!«
Obgleich ich in diesem Moment durchaus nicht wußte, wie gerade ich dem Seemann so außerordentlich erwünscht kommen und nützlich werden könne, so freute mich doch die Freude des armen Teufels über meinen Besuch sehr, und ich sagte ihm das auch so eindringlich als möglich.
Dann gab ich der Alten die Hand, und wir verstanden uns bald recht gut; sie war sehr freundlich und gut, und je länger man sie offen oder verstohlen ansah, desto weißer wurden ihre Haare und desto blauer und klarer ihre alten Augen.
»Er ist recht schlimm mitgenommen,« sagte sie betrübt. »Die Doktoren undWundärzte haben die Köpfe geschüttelt, und, Herr, glauben Sie ihm nurnicht, wenn er Sie anlacht: er beißt sich doch die Lippen blutig vorSchmerzen. O daß der liebe Gott uns das auch noch hat schicken müssen!«
Daß die Greisin recht hatte, sah ich wohl. Der Verstümmelte litt die furchtbarsten Qualen; er lag auch im heftigsten Fieber, und es war ein Fieberlachen, mit welchem er rief:
»Schicken müssen? =Damn!= Wenn der betrunkene Kapitän die Rahen nicht in die Piek setzt, sondern absolut mit vollen Segeln in den Hafen laufen muß, — wer, zum Teufel, will ihn abhalten, seinen Willen zu haben? O, die Base ist ein guter Hafenmeister und weiß in dem entstehenden Lärm ihr Wort zu sprechen.«
»Lieber Herr,« sagte die Base Schaake, mich leicht mit dem Ellbogen berührend. »Sie müssen ihm seine Reden zugute halten; er hat mich von jeher seinen alten Hafenmeister genannt und ist eben sein ganzes Leben durch zu weit weg gewesen. Und dann sind wir auch von Natur ein Paar unbeholfene Leute; und es freut mich so sehr, wenn das Kind meint, an dem Herrn den Richtigen gefunden zu haben.«
Das bärtige breitschultrige Kind auf dem Marterbette verzog wieder mitten in seinen Schmerzen den Mund zu einem behaglichen Lachen:
»Den Richtigen? Höre, Alte, so gut solltest du mich doch kennen, um mir unbesehen zu glauben, daß ich mein Notfeuer nicht anzünden werde, wenn da eine verdammte malayische Seeräuber-Proa um die Insel kreuzt! Natürlich ist das der Richtige!… und Ihr, Herr, stoßt Euch nur ja nicht an ihre dumme Art; denn daß je eine Henne es mit ihrem Küken besser im Sinne gehabt habe, als sie mit mir, das glaube ich erstens nicht, und zweitens weiß ich das Gegenteil ganz genau.«
Was mich anbetraf, so hatte ich mich selten so schnell in einem Haushalt orientiert, wie in diesem hier. —
Sechzehntes Kapitel.
So saß ich denn am Bette des Verwundeten und sprach ihm zu, wie man mit einem im starken Fieber Liegenden zu sprechen wagt. Ich erzählte ihm, wie ich vorgestern mit seinem alten Freunde, dem Herrn Kunemund, zusammengetroffen sei, und wie alles so wunderlich in der Welt, auch im Schlimmen, sich ineinander schicke. Diesen Gemeinplatz machte ich auch dem »alten Hafenmeister« deutlich, und das weißlockige Zauberweibchen erhub die blauen Augen und schüttelte das Haupt und sagte:
»Der Autor, der Autor, der wird sich auch arg kümmern! Herr, wollen Sie es ihm schreiben in unserem Namen? Bitte, tun Sie es, meinem Kinde zum Gefallen; Sie werden es zu machen wissen, daß er nicht mehr erschrickt, als nötig ist.«
Ich versprach gern, das zu übernehmen, und der Steuermann drückte mir von neuem die Hand und rief:
»Das ist das eine, wozu wir Sie so gut gebrauchen können; aber es ist noch mehr da —«
Er brach ab, und ich erfuhr heute noch nicht, wozu ich ihm noch weiter nützlich sein könne, drang auch nicht in ihn, es mir mitzuteilen, denn die Sonne sank tiefer, und mit dem Abend kam das Fieber heftiger, und der Arzt und der Wundarzt zum neuen Verband. Ich ging als die Doktoren anlangten, und versprach wiederzukommen. Die Greisin begleitete mich vor die Tür und brach da in ein heftiges Weinen aus:
»O Herr, ich bin siebenzig Jahre alt, und ich soll ihm ein Gesicht machen wie ein jung Mädchen, welches am Pfingstsonntage zu Tanze gehen will!« …
Mit dem Worte in Herz und Hirn nachklingend stand ich wieder in dem Hofe, fand meinen Weg durch die alte Stadt in den schönen Sommerabend hinein und aus dem Tore der Stadt. Da suchte ich den Garten, den Gertrud Tofote geerbt hatte, und fand ihn nicht mehr. — Der Garten war verschwunden, wie in einem Jahre — vielleicht weniger als einem Jahre, jener prächtige, alte, düstere Cyriacushof mit seinen jahrhundertelangen Erinnerungszeichen, den ich eben verlassen hatte, verschwunden sein konnte — verschwunden war. Die damals durch den rotweißen Pfahl angedeutete Straße zog sich, vollständig ausgebaut, mit Kanalisation und Gasleitung über den romantischen Platz hin. Der Teich, in welchen der Stein der Abnahme hineingefallen war, war ausgefüllt, und die Räder des Tages rollten leicht darüber weg. Die hohen, dunkeln Bäume um das Wunderhaus des achtzehnten Säkulums waren niedergehauen, die Blumen und Büsche ausgerissen; und mit den Bäumen, Blumen, Büschen, springenden Wassern, singenden Vögeln und den Schmetterlingen war auch das Wunderhaus verschwunden; — wunderliche Gebäude freilich waren zu beiden Seiten des macadamisierten Weges dafür in die Höhe gewachsen, und es galt da wirklich, wie es jedermann überall vor Augen hat, mit einer kleinen Abänderung das Wort aus dem Vorspiel zum Faust:
in unsern deutschenGassenProbiert ein jeder, was er mag.
Welches denn vielleicht der passende Ort zu einer abermaligen mich selbst betreffenden Abschweifung und Anmerkung wäre, oder zur Wiederholung einer schon früher angedeuteten Frage, nämlich: Was gingen grademichalle diese Leute an? —!
Ich hatte in meinem Leben mancherlei gesehen, erfahren, erlebt, — hatte das, was man geistige Kämpfe zu nennen pflegt, bestanden, und körperliche gleichfalls. Ich hatte auch vielerlei probiert, hatte nicht einen Felsblock, sondern manch ein rund Dutzend den Berg hinaufgewälzt und dem sofortigen Wiederherunterrollen mit offenem Munde nachgestarrt. Gütiger Himmel, ich schäme mich nicht, es zu sagen, ich hatte manche Träne verschluckt und, ohne mich zu schämen, manchen Schweißtropfen vergossen und manchen Seufzer hervorgestoßen: was gingen michdieseLeute und diese Verhältnisse an?
Ich hatte das Leben und den Tod in meinem Leben einander ablösen gesehen und meine Schlüsse daraus gezogen wie irgendein theoretischer oder praktischer Philosoph: wie kam es, daß ich an diesen Zuständen und Menschen, die mir in den Weg geraten waren, wie Tausende mehr, ein so tiefes, inniges und zugleich so schmerzhaftes Interesse nehmen mußte? Wie geschah es, daß mich das Verschwinden des Gartens Mynheers van Kunemund nicht nur ärgerte, sondern auch so ungemein melancholisch stimmte?
Die Antwort auf alle diese Fragen war leicht zu finden. Die Schicksale dieser guten Menschen und Sachen schlugen sämtlich Töne in meiner Brust an, die lange auf diesen Fingerdruck von außen gewartet hatten.MeinGefühl und Bangen,meinUnbehagen in der Zeit kam hier zum Anklang, und so ward mir im Tiefsten tragisch das, was jedem andern im Werkeltage, wenn auch vielleicht ein wenig betrüblich, so doch im ganzen recht gleichgültig und nichtsbedeutend erscheinen mußte.
Mit Recht! denn welch ein Glück für die Menschheit ist's, daß sie es gar nicht merkt, wie ihr die Zeit, die Jugend, das Glück, das Märchen, der Zauber, die Schönheit, die Zucht und die Tugend (man gestatte mir die zwei letzten verbrauchten Worte) unter den Händen weggleiten! Keines von alle diesem würde eben noch vorhanden sein, wenn man sein Abblassen, Einschrumpfen, Schwinden und Vergehen augenblicklich merkte und den schlimmen Prozeß diagnostisch, die Hand am Pulse, begleiten könnte. Die Menschheit würde es dann schon längst, längst aufgegeben haben, dem Tage und dem Glücke zu trauen. Sie würde den eben erwähnten Entwickelungs-Fort- und -Abgang merklich beschleunigt haben, — sie würde einfach ein beschleunigtes Verfahren der langsamen Hinquälerei vorgezogen haben. Die Philosophen nennen das, was das große Tamtam schlägt, dasDing an sichund haben sich unendlich gefreut, als sie das Wort gefunden hatten. Dieses Ding an sich, insofern es durch jedes neugeborene Kind, oder vielmehr durch jegliches Neugeborene sich darstellt, hat noch nie über den Tod nachgedacht. Mit dem ersten Kinde, mit welchem das Wissen des Todes geboren werden wird, ist die Stunde des Weltgerichts vorhanden, und die erste Mücke, die sich mit Vergnügen von der Grasmücke fressen läßt, spricht das Urteil, also — horchen wir Alten doch noch ein wenig dem sonderbaren, klangvollen Dröhnen in unsern Ohren! —
Ich hatte die neue Straße, über die traumhafte Erinnerung wegschreitend, durchwandert, hatte die verschiedenen Stilarten der frischaufgeschossenen Menschenunterschlupfe ästhetisch-kritisch begutachtet; und, das helle Leben um mich, das Handbuch der Kunstgeschichte im Kopfe, überraschte es mich, als ich mit einem Male vor dem Gitter des Kirchhofes stand, auf welchem man den kleinen, muntern Bruder Autor Kunemunds begraben hatte. Den hatte man noch nicht ausreuten können, den Kirchhof nämlich! Dreißig Jahre und länger verlangt das respektiert zu werden! Es ist recht unangenehm; aber bis dato hat man noch vergeblich sich den Kopf über die Frage zerbrochen, wie der Verdruß abgestellt werden könne; — die Lebenden haben es so eilig, und die Toten wollen sich Zeit gönnen — wahrhaftig, es wäre lächerlich, wenn es nicht so sehr, sehr ärgerlich wäre! —
Ich stand vor dem schwarzen, eisernen Gitter, vor welchem auch die neue Prachtstraße hatte Halt machen müssen, und ich blickte hinein und hin auf die Büsche, Bäume und Blumen über den Gewölben und um die Grabhügel. Sie lachten in der Abendsonne, und nicht ohne Grund. Im schönsten Grün lachte der Garten der Toten über die verschwundenen Gärten der Lebendigen; er allein hatte seine Blumen und Vögel und Schmetterlinge behalten, der Ort der Verwesung! und — ich wendete mich, schritt die neue Straße abermals hinauf, und kaufte im nächsten Buchladen ein Adreßbuch der Stadt, werde es aber den Lesern nicht deutlich zu machen suchen, wie ich gerade jetztdaraufkam.
In diesem Buche des Lebens blätternd und nach allerlei Namen suchend, erreichte ich mein Wirtshaus wieder, bezog am folgenden Morgen eine Privatwohnung und fand mich am Nachmittag zum zweitenmal am Bette des verwundeten Steuermanns Schaake sitzend.
Er befand sich, den Umständen nach, ganz leidlich. Seine Schmerzen wußte er zu verbeißen, und das Fieber trat nicht heftiger auf, als man erwarten konnte. Meinem Besuche hatte er, wie sein alter Hafenkapitän, die schöne, weiße Frau Muhme sagte, mit Sehnsucht und Ungeduld entgegengesehen; und nun waren wir allein, und die Hand auf die Bettdecke des Kranken legend, sagte ich:
»Ich habe mich gestern da und dort ein wenig umgeschaut. Das ist so eine Gärtnerschnurre, die dann und wann gelingt, daß man einen Baum ausreißt, ihn mit dem Gezweig in den Boden gräbt und seinen Spaß und seinen Ruhm davon hat, wenn die Wurzeln wirklich anfangen, Blätter zu treiben. Man nennt das den Gipfel der Kultur, lieber Freund, und ist sehr stolz darauf: was für Früchte unsere Nachkommen aus dem Experiment zwischen die Zähne bekommen werden, können wir freilich heute noch nicht bestimmen, bekümmert uns übrigens auch durchaus nicht. Den Garten, den die kleine Gertrud ererbte, habe ich vergeblich gesucht, aber wo das Fräulein jetzt wohnt, hab' ich in Erfahrung gebracht; und nun, Freund, was ist es mit der Gertrud? was ist aus der Gertrud Tofote, seit jenem Tage, an welchem Sie den Stein der Abnahme aus dem Fenster warfen, geworden?«
Auf diese Frage richtete sich der Steuermann mit einem Ruck auf, der michbedauern ließ, sie an ihn gestellt zu haben, denn er biß die Zähne vorSchmerz dabei aufeinander und hätte fast den Verband seiner Füße inUnordnung gebracht.
»Unsere Gertrud?… O, ich habe gemeint, der Alte — ich meine den Meister, — den Herrn Kunemund, habe Ihnen das schon gesagt!«
Ich schüttelte den Kopf.
»Nicht?… O, unserm Trudchen soll es sehr gut gehen.«
»Sie sagen das mit einem eigentümlichen Tone, lieber Freund. Weshalb wissen Sie nicht mehr oder wollen, wie der Meister, nicht mehr von ihr sagen, als was sich in ein kahles, mattes >Soll< legen läßt?«
Da faßte der Verwundete hastig meine Hand, zog mich näher zu sich heran und flüsterte mir zu:
»Sie haben eben davon gesprochen! Ich hatte damals recht; aber es war schon zu spät! Was half es mir, daß ich den Unglücksstein in der Hinterlassenschaft des alten Sünders fand? Herrgott, was ist aller Nebenwind auf See gegen den, welchen der Flutwechsel auf dem Lande bringt! Das hat auch Gertrud erfahren! Aber es mußte so sein, denn wenn wir ihn meilenweit weggetragen und ihn dann in hunderttausend Stücke zerschlagen hätten, so würde es nichts geholfen haben. Das Unglück ist auf dem Platze geblieben, hat das Wasser in dem Weiher vertrieben und die Bäume vergiftet! Es war eben der Stein der Abnahme, und er allein ist schuld daran, daß die arme Gertrud uns, mich und das alte, liebe Leben aufgegeben hat. Ach, Herr von Schmidt, Sie, der Sie viel unter die Leute kommen, werden ihr gewiß begegnen, und wenn Sie ihr begegnet sind, dann wollen wir — ich und der Meister Autor Sie fragen, wie es unserer Gertrud Tofote geht!«
Ich fragte heute nicht weiter nach der jungen Dame. Fürs erste wußte ich genug und ging wieder ziemlich melancholisch und verstimmt nach Hause, bald nachdem die weiße blauäugige Muhme hereingekommen war, um meinen Platz am Schmerzenslager des Neffen einzunehmen. Doch, — aufeineFrage geriet ich noch und erhielt auch Antwort darauf.
Der Unglücksstein mußte freilich gewirkt haben, und es war nur ein Glück, daß jetzt die neue Straße auch über ihn hinwegführte, und er also auf Nimmerwiedersehen begraben worden war und keinen weitern Schaden mehr anrichten konnte. Ich bemerkte dergleichen, und der Kranke richtete sich von neuem empor und rief kläglich in seinem Fieber:
»Wissen Sie das gewiß? Ich nicht!… Wer kann sagen, wer ihn aus dem Teiche auffischte? wer weiß, wer ihn voller Vergnügen mit sich nach Hause nahm, als das Wasser des Tümpels abgelassen worden war, und der Schlamm offen zum Durchwühlen dalag? Man soll absonderliche Kuriositäten in dem Schlamme gefunden haben; ach, Herr von Schmidt, und fragen Sie nur den Meister Kunemund danach, der wird's Ihnen schon sagen, daß das Unglück sich nicht so leicht verbraucht in der Welt. Was Schaden bringt und Unheil stiftet, hat meist immer eine gute Gesundheit. O, es wird sicherlich jemand das Ding wiedergefunden haben und dafür büßen müssen!«
»Wir wollen es nicht hoffen,« sagte ich, und dann tat ich meine letzteFrage, als die Muhme Schaake bereits auf meinem Stuhle saß.
»Noch einer! Da war noch ein Erbstück des Mynheer; — der Mohr, der — wie hieß er doch? der Signor Ceretto! Lebt er noch, und was ist aus ihm geworden?«
»O der Nigger!« rief der Steuermann, und trotz allem Elend und Jammer ging ein Lächeln über sein Gesicht. »Ei freilich lebt der noch und gottlob dazu gesagt! Sie, unsre Gertrud schleppt ihn mit sich herum; er gehört zu ihrem Haushalt, wenn er das vielleicht auch nur seiner Farbe zu danken hat. Wissen Sie, lieber Herr, wenn Sie dem Fräulein begegnen, dann werden Sie auch wohl den Nigger zu Gesichte kriegen, und, bitte, dann grüßen Sie ihn recht schön von mir!«
Siebenzehntes Kapitel.
Es fehlen an der Leiter, die in den Brunnen hinunterreichen soll, immer einige Sprossen, hatte mir einmal bei einer andern Gelegenheit der Meister Autor gesagt; ich hatte es, das Wort, richtig befunden, es, wie man weiß, dann und wann weiter gegeben, und es bewährte sich auch diesesmal. Ich hatte den Alten kurz und bündig, wie es sich ihm gegenüber gehörte, von dem Unglücksfall, der seinen Freund Karl Schaake betroffen hatte, in Kenntnis gesetzt; wir erwarteten im Cyriacihofe seine eilige Ankunft mit jeglichem Eisenbahnzug, er aber blieb aus. Wie sich's später auswies, war mein Schreiben richtig angelangt, hatte den Alten jedoch nicht zu Hause getroffen. Ein anderer Brief war vor dem meinigen gekommen, ein absonderliches Dokument, dasdieAlte inihremDorfe einem Schulkinde in die Feder diktiert hatte. Darin stand denn zu lesen, daß es ihr, der Alten, gottsjämmerlich jammervoll ergehe, daß sie, die es zu allen Zeiten so gut mit dieser schlechten Welt im Sinne gehabt habe, jetzo von der ganzen Bauerschaft als ein Scheuel und Greuel vor die Feldmark gesetzt werden solle, und zwar mit Zurücklassung all ihrer Habseligkeit von wegen aufgewendeter Gemeindekosten.
»Alle seind mir aufsässig,« schrieb das Schulkind. »Sie verschimpfieren mir, wie man es keinem Hund und keiner Katze bietet. Sie hohnnecken mir bei Tag und Nächten, daß ich mich von Tage tun möchte, jedwedes Mal, daß mir die Sonne aufgeht. Sie zerren mich herum, jung und alt, wie eine tote Katze in der Gosse; sie betitulieren mich, wo ich mir sehen lasse, daß es eine Schande ist, und die, die es am wenigsten leiden sollten, sind die Ärgsten. Der Vorsteher sagt, das sei, weil ich es mit allen verdorben habe, aber, Kunemund, er lügt in seinen Balg hinein, und das will ich ihm dermaleinst vor Gottes Thron in das Gesicht sagen, und Er, Meister Kunemund, soll es mir bezeugen, denn Er kennt mich! Lieber Gott, wenn du mich nur hinnehmen wolltest, das ist mein einzigstes Gebet, wenn sie mir wieder vor die Tür hofiert und in den Kaffeekessel — haben. Es ist nicht zum Aushalten, Meister Autor, und dazu einen so alt — so alt werden zu lassen, das ist Unrecht, und das will ich auch dermaleinst vertreten, der liebe Herrgott mag's mir verzeihen. Du lieber Himmel, wenn ich an den Arend jetzt denke und an Sie, Herr Kunemund, und an die Gertrud und die Hunde und das übrige Vieh und das ganze gute alte Leben, so könnte ich mir mein Hemde in meinen Tränen waschen; denn so ist es, und so gut wird es mir niemals wieder. Aus tiefer Not schrei ich zu dir, steht im Gesangbuch, und welche Nummer der Pastor alle Sonntage auch singen lassen mag, was mich anbetrifft, so höre und singe ich nur das eine, wie sich auch der Kantor vor der Orgel die Seele herausdrücken und Hände und Füße abdrücken mag mit Wie viele Freuden dank ich dir, oder Dir Gott, dir will ich fröhlich singen, oder Mein Herz, ermuntre dich zum Preise, oder Wie groß ist des Allmächtigen Güte, ist der ein Mensch, den sie nicht rührt? Nein, liebster Herr Kunemund, ich bin kein Mensch mehr, o, und wenn ich es ihnen nur geben könnte, wie sie es mir gegeben haben und tagtäglich geben, so sollte sich die Landesbrandkasse wirklich darüber verwundern, und damit, Kunemund, wende ich mich in meinen höchsten Nöten an Ihn« — usw….
Auf diesen Brief hin hatte sich der Meister Autor natürlich sofort auf die Socken gemacht und die Wanderschaft zu der »Alten« angetreten; mein Schreiben aber lag beim Vorsteher, und da es zufällig unter seine sonstigen Papiere und Schreibereien geriet, so wurde es auch, als der Meister Autor mit der Alten zurückgekommen war, keineswegs sofort an ihn ausgeliefert; — den Brief der Alten an den Meister bewahre ich als ein kostbares Kleinod unter meinen Papieren. »Mit meinen fröhlichen Redensarten, die sich an den Spaß knüpfen, will ich Ihnen lieber nicht aufwarten,« sagte Herr Kunemund, als ich ihm das Dokument glücklich abgeschmeichelt hatte; und nun will ich weiter erzählen. —
»Ich habe schon einmal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen, mein gnädigesFräulein,« sprach ich mit einer tiefen Verbeugung zu der glanzvollenErscheinung, der mich mein Freund, der Hofrat (wie in einer alten, altenKomödie) zuführte und vorstellte.
Die großen Augen erhoben sich verwundert fragend, und das Kind aus demMusterforst, die so sehr stattlich gewordene Elfe lächelte:
»Wirklich? O aber es wäre mir sehr interessant, zu erfahren Wo und Wie. Ich bitte —«
Und sie machte mir Platz neben sich auf dem Divan und lud mich mit der zierlichsten Fächerbewegung ein, mich zu setzen, was ich mit Vergnügen tat, während der Herr Hofrat sich im Kreise der Gesellschaft verlor, und uns, wie es schien auch nicht ungern, uns selber überließ.
»Wir taten einst einen wunderlich verhängnisvollen Gang zusammen, mein Fräulein,« sagte ich. »Ein guter Bekannter von uns beiden hatte mich dazu eingeladen und abgeholt, und so ging ich mit als Chorus tief in das Märchen hinein und sah das zuckerige Haus mitten im Zaubergarten. Ich hatte eigentlich nicht recht daran glauben wollen, aber ich überzeugte mich, daß alles so vorhanden war, wie die Geschichte und die Geschichten es uns berichten. Nichts fehlte! weder die Wände aus Honigkuchen, noch das Dach aus Eierkuchen, noch die Fensterscheiben aus Bonbontafeln. Und nun bin ich wieder über den Platz geschritten und habe leider gefunden, daß der Wind — der Wind, das himmlische Kind, sein Spiel während der letzten Jahre ein wenig arg getrieben hat; die Heerstraße führt mitten durch den Märchenwald, mein Fräulein, die Dekorationen haben sich merkwürdig verschoben, und wir alle haben mit daran rücken müssen.«
Das schöne Mädchen sah mich betroffen an und drückte den zusammengelegtenFächer an den Mund; dann aber faßte sie sich schnell genug und rief:
»Mein Gott ja, das ist ja aber auch wahr! Sie waren in der Tat dabei zugegen, als mir des Onkels Erbschaft übergeben wurde! Das waren freilich sonderbare Zustände, an die Sie mich da erinnern! Der Onkel Kunemund hatte mich in jenem schrecklichen Gasthause abgesetzt, um Sie zu seinem eigenen Troste herbeizuschaffen; und dann gingen Sie mit uns zu dem verwilderten Garten und dem unheimlichen alten Hause. Ei ja, ja, nicht wahr, das alles hat sich seltsam verändert? Dekorationen und Akteure sind andere geworden, und unter den letztern hab' auch ich mein Kostüm gewechselt; — finden Sie nicht?«
»Gewiß!« sagte ich, verbindlich mich neigend und überzeugte mich verstohlen von neuem, daß der Meister Autor vollkommen genau gesehen hatte, wenn oder als er das Nämliche gefunden hatte. Dann fuhr ich fort: »Ich war längere Jahre abwesend von dieser Stadt und habe meinerseits gleichfalls die Bilder im Guckkasten in bunter Folge wechseln gesehen. Überall verschiebt die Welt sich, mein teures Fräulein, und sonderbarerweise meistens ohne daß wir es bemerken; das Buch Hiob hat heute in dieser Beziehung in demselben Grade recht wie zur Zeit seiner Abfassung. Wie in den Tagen des Mannes von Uz geht der Herr vorbei, ohne daß wir es gewahr werden; aber manchem alten guten Bekannten bin ich seit meiner Rückkehr doch wieder nahe gekommen. Haben Sie in der letzten Zeit Nachrichten von unserm Freunde, dem Herrn Kunemund erhalten?«
»Nei—n, mein Herr,« sagte das Fräulein, und ich beobachtete dabei leider auch ein etwas mißmutiges Emporziehen der feinen runden Schultern, ließ mich jedoch selbstverständlich nicht dadurch irr machen, sondern fuhr heiter fort:
»Dann habe ich einigen Anspruch auf ihre Dankbarkeit, indem ich Ihnen die neuesten mitteilen kann. Es geht dem braven Alten recht wohl; er führt sein Schnitzmesser so rüstig und kunstfertig wie vor Jahren und hat auch seine übrigen Künste in Wald, Garten und Feld durchaus noch nicht verlernt. Ich hatte die Ehre, ihn neulich auf dem Wege zu treffen, und er lud mich freundlich ein, ihn in seiner jetzigen Häuslichkeit zu besuchen. Zwei sehr angenehme Stunden habe ich in seiner Gesellschaft hingebracht; leider war es nur ein sehr unglücklicher Zufall, der mich mit ihm von neuem zusammenführte, nämlich jenes Eisenbahnunglück, das mich nur einen kurzen Augenblick auf der Reise aufhielt, das aber einem andern, jüngern guten Bekannten, ich meine den armen Steuermann, Herrn Karl Schaake, so teuer zu stehen kam —«
Jetzt fuhr die junge Dame im Ernst zusammen, wurde erst sehr bleich, dann sehr rot und rief:
»Mein Herr?«
»Ja, mein liebes Fräulein, auch ihn habe ich bereits einige Male besucht.Er leidet große Schmerzen, trägt sie mit leidlichem Humor und macht seineUmgebung um so trostloser, je vergnügter er sich stellt. Die Ärzte undChirurgen sind noch immer nicht sicher, ob sie ihm seine unglückseligenFüße lassen dürfen oder nicht.«
Gertrude Tofote lehnte sich sehr bleich zurück; dann faßte sie heftig, auf einen kürzesten Augenblick, meine Hand:
»Was sagen Sie?… was ist?… o ich weiß gar nichts!… ich habe nichts von dem erfahren!… ich bitte Sie —«
»Ich habe auch die Bekanntschaft seiner Muhme oder Base gemacht. Ein kurioses Weibchen! ein wenig sehr taub; aber ein alt Jüngferchen wie aus dem Märchenbuch, — und noch dazu ausunseremMärchenbuch, mein teures Fräulein.«
»Jawohl, jawohl, ich bin — früher auch dann und wann mit ihr zusammengetroffen; — er hat den Fuß gebrochen? Karl hat den Fuß gebrochen?«
»Beide Füße! Sie wurden ihm arg verletzt infolge jener bedauernswerten Entgleisung, von welcher Ihnen die Zeitung gesagt haben wird; aber er trägt wirklich sein Elend wie ein braver Mann. Mit seinem Seefahren und sonstigen abenteuerlichen Liebhabereien wird es freilich unter allen Umständen zu Ende sein.«
»Und den Onkel Kunemund haben Sie auch gesehen?« rief die Elfe. »Ich habe ihn lange nicht gesehen. O sagen Sie mir —«
Es war mir augenblicklich unmöglich, weiter etwas zu sagen, denn wir wurden in unserer Unterhaltung unterbrochen und zwar auf die liebenswürdigste Weise von der Welt.
Eine schöne, durchaus nicht alte, eine stattliche, fröhlich lächelnde, dunkeläugige Dame in Dunkelblau und weißen Spitzen glitt durch die Wellen der Gesellschaft zu uns heran, in ihrem Fahrwasser einen jungen Herrn der Tochter des Försters Tofote zuführend. Der Herr war ein Jüngling von zwei-, fünf-, sechs- oder siebenundzwanzig Jahren mit einem etwas knabenhaft rundlichen, sommersprossenübersäeten, gänzlich bartlosen und ganz gutmütigen Gesicht, runden mädchenhaften Schultern und einem Lächeln um den Mund, das, wenn es klar für die Güte des Herzens sprach, von den geistigen Fähigkeiten des jungen Mannes ein wenig undeutlicher redete. Nach einer letzthin bekannter gewordenen Theorie war er also unbedingt mehr der Sohn seines Vaters als seiner Mutter.
»Da bringe ich dir endlich meinen Vetter, Gertrude!« rief die schöne Dame. »Das ist Vollrad, und — sieh, Vollrad, das ist meine süße Hausgenossin. Ihr werdet Euch sicherlich zusammen vertragen? Nicht wahr, ihr versprecht mir das auf der Stelle? Denke dir, liebes Herz, er ist über mich gekommen, wie der Dieb in der Nacht, oder wie die Ameise — nein wie der gepanzerte Mann im Evangel — auch nicht, sondern in den fünf Büchern Moses. Vor einer Stunde ist er von Berlin angelangt; — ich lag, wie du weißt, mit meiner Migräne und meiner Journalmappe auf meinem Zimmer und hatte dich armes Lamm heut abend allein und schutzlos in die böse, schlimme Welt hineinfahren lassen, als er plötzlich vor mir stand. Du kennst mich, Gertrude, du weißt also auch, wie rasch mein Unwohlsein verflogen war, und hier sind wir, und das ist nun die Gertrud, Vollrad! und das ist mein Vetter Vollrad, liebe Gertrud; und wie gesagt, vertragen werdet ihr euch ja wohl — wenigstens so lange, als es dem jungen Herrn hier in der Stadt zu gefallen belieben wird — nicht wahr?«
Ich hatte den Wortstrom dicht neben mir vorüberrauschen lassen; jetzt wurde mir auch noch das Vergnügen zu teil, der näheren Vorstellung zwischen den beiden jungen Leuten anwohnen zu dürfen. Darauf aber empfahl ich mich, und Gertrude Tofote sagte:
»Ach, wir haben uns eigentlich noch so vieles zu sagen!… und ich hätte so vieles zu fragen! Nun, wir sehen uns sicher noch häufiger in der Gesellschaft!«
»Ich hoffe das,« sprach ich und zog mich zurück mit einer höflichenVerbeugung. Auch die gnädige Frau grüßte und der Vetter gleichfalls. ImZurückweichen sah ich noch, wie die schöne Dame sich gegen das jungeMädchen neigte, und nahm die Frage von ihren Lippen mit:
»Wer ist es denn, Gertrud? Der Herr kommt mir bekannt vor; aber ich kenne sehr viele Leute.«
Was mich anbetraf, so kannte ich auch sehr viele Leute: die schöne stattliche Dame war die Frau Christine von Wittum, die junge rasche Witwe eines in sehr reifen Jahren entschlafenen hohen Staatsbeamten, und Gertrud Tofote wohnte mit ihr unter ein und demselben Dache. Daß die gnädige Frau sich auch meiner aus früherer schönerer Zeit erinnern mußte, stand mir in unumstößlicher Gewißheit fest. Doch davon später. —
Achtzehntes Kapitel.
Von meinem ersten Besuche bei dem Steuermann an waren acht Tage vergangen. In diesen acht Tagen hatte ich mich von neuem häuslich in der Stadt eingerichtet, hatte unter meiner sonstigen Korrespondenz den Brief an den Meister Autor abgeschickt, hatte die hübsche Gertrud im Schoße der besten Gesellschaft des Ortes gefunden, war mit der schönen Witwe Christine von Wittum und ihrem Berliner Vetter Vollrad in Berührung — angenehme Berührung — gekommen, und saß am neunten Tage auf meiner Stube und an meinem Schreibtische in der festen Gewißheit, daß nicht alles gut war — weder was mich selber, noch was die andern anbetraf.
Sehr unbegründet ärgerte mich heftig der Meister Autor Kunemund, der aus den mitgeteilten stichhaltigen Gründen nichts von sich hören ließ. Dem Steuermann ging es schlecht; dem Töchterlein des Försters Arend Tofote ging es zu gut, und ausgezeichnet gut ging es der Frau Christine, welche die einzige unter uns war, die das Leben vom rechten Standpunkt aus ansah und also auch sich in es zu schicken wußte, und — — andere Leute auf ihre Seite hinüberzuziehen wußte.
Es ist eine im Grunde lächerliche und dem denkenden Menschen auffällige Tatsache, daß je mehr das unbefangene Interesse am Dasein und den Bedingungen desselben wächst, in demselben Grade das Vergnügen und Behagen dran abnimmt. Denn wenn auch in früheren Epochen die Menschen es sich gleichfalls recht sauer haben werden lassen in der Arbeit, sich es behaglich auf dieser Erde zu machen, so fehlte ihnen doch das intensive Bewußtsein dieser großen Mühe, und das haben wir jetzt im vollsten Maße, und das ist das Elend! Darüber habe ich lange und tief nachgedacht, auch kluge Nachbarn zur Rechten und Linken um ihre Ansicht und Meinung darob befragt, und nachdem auch sie länger und genauer darüber nachgedacht hatten, haben sie die Achseln gezuckt, mich seufzend von der Seite angesehen und sind — wieder an ihre Geschäfte gegangen. Wer Ohren hat zu hören, der höre, und nehme Rat an und setze sich hart! — ein Schemel von weichem Holz, vor dem Lehrstuhle der Erfahrung ist das einzige, was der Menschheit noch helfen kann. »Bitte Platz zu nehmen,« sagt der Mann aus Sinope; und: »Bitte Platz zu behalten!« sagte schon lange vor ihm der Prediger Salomo; — »Wer aber stehend besser hören kann, den soll man gleichfalls nicht hindern!« sprach lange nach den beiden der heilige Simon Stylites, der syrische Mönch mit einem sonderbaren Blicke auf die Stadt Antiochia; — ich persönlich setze mich selbstverständlich am Schlusse dieser Historia so weich als möglich. —
Man spinnt dergleichen philosophische Gedankengespinste dann und wann nicht ungern und, seltsamerweise, dann am liebsten, wenn der Lehnstuhl recht bequem ist, und man auch sonst durch keine geistige und körperliche Abhaltung gehindert ist, sich seinem asketischen Behagen mit vollkommener Freiheit hinzugeben. Mit diesen und ähnlichen Gedanken, wie man das nennt, beschäftigt, drehte ich in meinem Lehnstuhle vor meinem Schreibtisch die Daumen umeinander, als es an meiner Tür pochte.
Es klopft häufig an meiner Tür, wie der Leser bereits erfahren hat, und ich pflege mich nie durch ein »Nicht zu Hause« zu verleugnen; den Kreis meiner Bekannten habe ich niemals zu verengern gesucht, und dazu gehörte der Mensch, der jetzt kam, sogar zu meinen Freunden, und nach dem Meister Autor konnte mir niemand gelegener kommen.
Der Teufel, dem das weißeste Weiberfleisch nicht zu weiß und zu zart und nicht zuwider ist, wenn er in der Maske das Seinige bequemer zu verrichten hofft, kann schwarz, recht schwarz auf der Bühne erscheinen; aber schwärzer kann er sich unmöglich aus der Kulisse schieben, wie mein jetziger Besuch.
»Ceretto! Signor Ceretto!« rief ich. »Von Allen aller Hautschattierungen mir Gesegneter! Mein schwarzer Diamant! mein Sonnenstrahl vom Mondgebirge! mein unsträflicher Äthiopier aus dem Schüsselkorbe zu Bremen, — seid Ihr es denn wirklich? Alter Freund, ist es wirklich kein Gerücht, wandelt Ihr wirklich noch unter den Lebendigen, um mit dem Meister Kunemund dieser schlechten Welt die Stange zu halten?«
»An jedem Ende einer,« lachte der Schwarze, den schlossenweißen wackelnden Haarwulst mir entgegenschüttelnd. »Und sie springt, Herr! sie springt gut und überschlägt sich mit Grazie. Ich hab' es meiner Zeit im Zirkus kaum besser gemacht; aber ich verstehe mich eben drauf, und habe also auch heute noch mein Vergnügen dran, was auch der Herr Kunemund seinerseits dagegen vorbringen mag.«
»Und wie er sich konserviert hat!« rief ich, entzückt und zärtlich das schwarze Greuel in die Arme fassend. »Seine siebenzig Jahre hat er bald gut auf dem Nacken; aber wie steht er noch auf den Füßen! wie sieht er noch aus den Augen!«
»Und erst der Magen, Herr,« grinste der Alte, den zahnlosen Mund vor Behagen so weit als möglich öffnend. »Ich brachte ihn schwach mit auf die Welt, den Magen, aber die Mäßigkeit und solide Diät hat ihm und mir durchgeholfen. Die Leute sollten nur recht wissen, wie gut einem das Feuerschlucken, Säbelklingenverschlingen und Lebendige-Kaninchen-fressen tut; — wahrhaftig, sie ließen sich bald viel mehr auf den Jahrmärkten als in den Bädern sehen. Da muß man in seiner Jugend den wilden Indianer selber gespielt haben, um darüber mitreden zu dürfen; übrigens glaube ich, gibt es keinen zweiten Menschen, der sich so fest vorgenommen hat, noch einen Blick in das zwanzigste Jahrhundert zu tun, wie ein gegenwärtiger Wichselmeyer, Signor Ceretto Meyer aus Bremen.«
»Und nach einem zweiten gleich gebildeten Mohren, Neger oder Nigger wird man gleichfalls lange suchen dürfen!« rief ich lachend. »Daß Sie Ihre Diätetik aus sich selber haben, weiß ich; aber woher Sie den Blick in das zwanzigste Jahrhundert nehmen, das mag der Teufel raten.«
»Danke, Mynheer. Vielleicht kommen Sie noch dahinter; verlieren Sie nur den Mut nicht. Ei freilich, wir haben unsere Gelegenheiten, uns zu bilden, und nehmen sie auch wahr; sonst aber, verehrter Herr von Schmidt, lassen Sie sich jetzt vor allen Dingen sagen, daß ich diesmal nicht aus eigenem Antrieb die Ehre habe, sondern mit einem Kompliment und einer Bestellung geschickt werde. Wenn Sie es gütigst erlauben, will ich ein andermal —«
»Aus eigenem Antrieb kommen und vorlieb nehmen; — natürlich. Wer aber schickt Sie heute denn, alter Freund?«
Da verwandelte sich das breite Grinsen auf der uns Japhetiden trotz allem stets so verwunderlichen Physiognomie des Spötters Ham in sein vollständiges Gegenteil.
»Sie!« sagte der Mann aus dem bremischen Schüsselkorbe kurz.
»Sie? ja freilich sie! Das läßt sich wohl erraten, ohne daß man lange darüber nachzudenken braucht. Was wünscht das Fräulein?«
Ich hatte dem Greise meinen weichsten und bequemsten Sessel zugeschoben, und da saß er, eine wahre, wirkliche echte Meßrarität, den Kopf zwischen den Schultern und nur das Weiße in den Augen zeigend — eine Rarität, auch für die Büchermesse.
»Was wünscht das Fräulein, Ceretto?«
Das ganze Elend Hams, nachdem der Vater Noah das Seinige gesagt hatte, sah mich aus den Augen dieses Mohren an, als er endlich erwiderte:
»Vielerlei. Das heißt, wahrscheinlich sehr vieles; — vor allem andern aber wünscht sie, daß Sie die Freundlichkeit haben möchten, morgen abend eine Tasse Tee bei ihr zu trinken.«
»Mit Vergnügen!« sagte ich, zustimmend das Haupt neigend. »Der Wunsch mag dem Kinde in Erfüllung gehen; aber, Freund, da ich Euch habe und halte, lasse ich Euch nicht eher wieder, bis ich — ein wenig genauer weiß, wie Euer Leben verlaufen ist, — seit — seit jenem Tage, an welchem Ihr uns über Mynheer van Kunemunds Gartenhecke aus unserm Suchen nach der Erbschaft Mynheers in dieselbe hineinwinktet.«
»Ich habe eben mit zu der Erbschaft Mynheers van Kunemund gehört, meinHerr.«
»Wahrhaftig! und Sie und unser schönes naives Waldkind wohnen mit der Frau von Wittum untereinemDache. Der Förster ist tot, der Meister Autor haust einsam und geheimnisvoll in seines Vaters Hütte, und Herr Vollrad von Wittum kommt von Berlin, um sich der Gertrud vorzustellen zu lassen: weshalb, weshalb und hundertmal weshalb dieses alles?! Wir leben in Tagen, denen es auf eine genaue Einsicht in die Dinge überall im hohen Grade impertinent ankommt, und Sie, Ceretto, sind der Mann, der diesmal hier die nötige Aufklärung geben kann. Nehmen Sie eine Zigarre!«
Der Alte griff dankend in das angebotene Kistchen und sagte lächelnd:
»Wenn ich nur das erzähle, was ich weiß, so nehmen Sie mir dieses wohl nicht übel?«
»Die Frage tut man auch nur an einen, den man bereits genauer kennt. Ich werde es nicht übel nehmen; aber Ihr habt Glück, Wichselmeyer; Tausende würden es sehr übel nehmen und allem Eurem Widerstreben zu Trotz alles Mögliche in Euch hineinfragen.«
»So ist es,« sagte der Schwarze, »kommen wir also wie alles Gute und Verständige schnell zu Ende. Es war ein zierlich, einfach, niedlich Ding, Herr, was Sie in unsern Garten einführten, und es kam in glücklicher Begleitung, aber es ging unsichtbar hinter ihm etwas, was nicht zur Gesellschaft gehörte, was sich aber, wie Sie wissen, merkwürdig fein und frech aufzudrängen versteht, bis es alles, was es nicht auf dem Wege vor sich brauchen kann, richtig und ruhig im Graben hat. Wir aus der Bedientenstube sehen es häufiger, als die Herrschaften meinen, die Treppe hinaufschleichen; und wenn wir es zu melden haben, oder ihm nachher in der Garderobe den Überrock hinhalten oder den Schal umhängen, so zahlt es meistens durchaus nicht die schlechtesten Trinkgelder.«
»Signor Ceretto, Ihr seid ein großer Mann!« unterbrach ich in vollsterBewunderung.
»Das heißt, wir haben die Jahrmärkte und Messen bezogen, sind alt geworden und jung geblieben — Herr, man kann das letztere auch, ohne auf dem Markte ausgestanden zu haben — der Herr Autor Kunemund kann sich in der Hinsicht auf das Aushängeschild malen lassen — na wie ist's, was das anbetrifft, darf man Sie doch mit der Trompete vor die Bude schicken?«
»Sie sind ein großer Mann, Ceretto; und da Sie das auch wissen — was wollen Sie mehr?«
»Die beiden alten Herren, der Förster Tofote, der Meister Kunemund und — ich, wir waren also machtlos gegen Das, was sich mit einschlich in den Garten Mynheers, und der junge Mensch, der Leichtmatrose, ebenfalls, obgleich der vielleicht noch am ehesten etwas dagegen hätte tun können, wenn er nicht im natürlichen Lauf der Dinge den veränderten Umständen gegenüber sofort so sehr verdrossen und unerträglich geworden wäre. Er ging schneller wieder zu Schiff und auf die See, als er verantworten kann. Der Teufel hole ihn dafür.«
»Das hat er bereits so halb und halb besorgt; — erzählen Sie weiter,Ceretto.«
»Hat er ihn geholt? Herr, entschuldigen Sie, aber es werden viele Ansichten in Spiritus gesetzt, die ihn nicht wert sind! Uns — uns hat er am Kragen und hält uns ziemlich fest; aber Sie haben recht, und ich erkläre weiter, wie ich in meiner angenehmen Jugend auf dem Hamburger Berg schon berühmt dafür war. Also wir drei Alten mit dem Fräulein waren nun allein unter uns — eine fidele Menagerie, Herr, und das Publikum fand das auch, ohne daß wir das Fräulein, sozusagen, den Honoratioren mit den Zetteln in die Häuser zu schicken brauchten. Das Publikum kam ganz von selber, und das Schlimme dabei war nur, daß das Fräulein binnen kurzem sich ein Separatkabinett einrichtete, das Hauptgeschäft schädigte und uns den Stuhl vor die Bude schob, natürlich ohne es selber ganz genau zu wissen. O Herr, Herr, welche und wie viele Leute kamen, um uns zu gratulieren und um an unserm Glück innigen Anteil zu nehmen, das heißt ihren Anteil! Ich hätte Sie wohl dabei haben mögen, um den Spaß anzusehen. Für einen, der nichts damit zu tun hatte, wie zum Exempel mich selber, war es wirklich eine Lust, denn die drei — der Arend, der Autor und die Gertrud waren wie die unmündigen Kinder in der Hand der Kriegsknechte Herodis oder noch ein wenig schlimmer. Zu Bethlehem war dem Jammer wenigstens schnell ein Ende gemacht, aber hier zog sich das Vergnügen länger hin, und was das gnädige Fräulein angeht, so —«
Hier griff sich der Greis so komisch-kläglich in die weiße Wolle und seufzte so gewaltig, daß ich schnellstens in der Phantasie nach dem Sonnenschein, Lerchensang, Wachtelruf und Thymiangeruch in den Dornstrauch an jenem Hohlweg zu greifen hatte, um in meiner Teilnahme an den alten Tagen des Meisters Autor nicht ins Bodenlose zu versinken.
»Die Obervormundschaft mochte manchmal ihr blaues Wunder haben,« fuhr mein so sehr europäisch gewitzigter Afrikaner in seinem Berichte fort. »Erst nach und nach, so ganz nach und nach konnte es zutage kommen, was für eine Erbschaft eigentlich Mynheer van Kunemund uns hinterlassen hatte. Es fanden sich ausgeliehene Kapitale an Orten, wo es sehr, sehr übel roch, — Kapitalien, die nicht gewinnbringender angelegt werden konnten. Wir hatten zwar unsere Advokaten dafür; aber dem Kunemund und dem Tofote konnte doch niemand davon helfen, mit Volk verkehren zu müssen, das wie die Regenwürmer bei Laternenschein aus der Erbschaft heraufwimmelte. Großer Barnum, jetzt erst kam es so nach und nach heraus, was für ein Geschäft der Erblasser selber besorgt hatte, ehe er es uns auf die Schultern ablud. O und an Bekanntschaften fehlte es dem lieben Kinde bald gar nicht, — wir fanden sie von allen Sorten — ganz herrliche und nobele Leute, die sich unserer aufs freundlichste annahmen; aber auch das Gleiche von uns verlangten. Und kurioserweise zeigte es sich bald, daß das, wobei den zwei alten Herren übel genug wurde, diesen Eindruck auf den Magen der jungen Dame gar nicht machte. Im Gegenteil fand sie sich mit vielem Geschmack in das neue gute Leben hinein, nahm zu an Weisheit und Tugend, und wenn ich nicht schon vorher gewußt hätte, was für ein Schlaukopf mein seliger Herr, der kleine Bruder des langen Meisters, gewesen war, so wäre es mir jetzo wie durch ein Gaslichtmikroskop deutlich gemacht worden. Eine hunderttausendfach vergrößerte Käsemilbe ist mir heute gar nichts mehr gegen Mynheer van Kunemund; ich bin selber einmal eine Zeitlang mit einem Doktor, der aus einem solchen Vergrößerungsglase sein Dasein zog, gereist und muß das wissen. Der selige Herr, mein Mynheer, hatte es sich genau überlegt — er überlegte sich alles genau — und sein Vermögen war in den besten Händen. Er hatte sich vorgenommen, seinen Herrn Bruder auch nach seinem Tode zu ärgern, und er ärgerte ihn gründlich.«
»Sie sind ein großer Mann, Ceretto!« sagte ich leise, und viel mehr zu mir selber, als um das meinem Besucher von neuem auszusprechen. Er aber nickte und fuhr im kläglichen Tone in seinem Berichte fort, um ihn schnell durch eine Frage zu unterbrechen:
»So lebten wir denn vergnügt hin … Entschuldigen Sie, haben Sie sich nicht wie die andern auf der Stelle in die gnädige Frau verliebt?«
»Die gnädige Frau? Frau Christine von Wittum? … bei allen Fetischen Ihrer Heimat, lieber Meyer, Sie bringen mich darauf — es ist eine schöne Frau — ein schönes Weib! Das aber habe ich freilich schon ziemlich lange gewußt.«
»Sie ist die Hexe in der Geschichte — aber es ist eine junge und hübscheHexe, das muß ihr der Böse lassen; — die beiden alten Herren aus demkünstlichen Urwalde fanden das auch bald heraus, und der Herr AutorKunemund zuerst.«
»Wieso?«
»Er verließ uns zuerst; das heißt, sie jagte ihn zuerst zur Tür hinaus. Der Herr Förster Tofote ging erst, als von der Gesellschaft der erste Baum im Garten niedergehauen wurde, und die neue Straße über die alte Hecke, über die ich Sie bewillkommnete, sich hinlegte. Der Herr Autor brannte bei dunkler Nacht durch, aber der Herr Förster ging am hellen Tage, und die gnädige Frau und das gnädige Fräulein brachten ihn zärtlich zur Eisenbahn, und ich besorgte ihm sein Gepäck. Es war am besten so, denn den Tag darauf kamen die Maurer, um das alte Haus im Garten niederzureißen, und im Hause der gnädigen Frau würde der Herr Förster sich doch wohl ein wenig unbehaglich gefühlt haben. In dem hundertjährigen Garten aber sind auch nicht immer unschuldige Kinder- und Schäferspiele aufgeführt, also fort mit ihm! das war meine Ansicht von der Sache, und da meine Hautfarbe der gnädigen Frau konvenierte, so blieb ich und ging mit, denn ein Esel war ich nicht, und in des Meisters Kunemund Dorfe würde ich ein recht liebliches Dasein gelebt haben, wenn ich da den Tee hätte präsentieren wollen. Also —«
»Also?« …
»Bin ich hier und lade freundlichst ein, morgen abend eine Tasse Tee bei dem gnädigen Fräulein zu trinken und — wie man hier und da in der Provinz sagt, mitunsvorlieb zu nehmen.«
»Würden Sie mir raten, die Einladung anzunehmen, Ceretto?« fragte ich nachdenklich.
»O gewiß! Ich an Ihrer Stelle würde sicherlich hingehen, — schon des Herrn Meisters und des seligen Herrn Vaters wegen würde ich mir den Spaß ansehen. Es ist eine Hauptkomödie! — in meinem ganzen Leben bin ich noch nicht so an meinem Platze gewesen, wie jetzo in dieser gegenwärtigen Kondition. Kommen Sie unter allen Umständen; Sie finden auch sonst bei uns die schönsten Leute der Stadt, und daß Sie unserer gnädigen Frau nicht übermorgen einen Heiratsantrag machen werden, davor sind Sie noch gar nicht sicher; denn wenn die Gnädige ihren Kopf darauf setzt, so darf ich heute schon gratulieren. Mir ist es mit ihr grade ebenso ergangen.«
»Ceretto?!« stammelte ich, im Gemüte schwankend zwischen Schrecken undHeiterkeit; aber die letztere siegte ob, und ich rief lachend:
»Ich komme! ich komme! verlassen Sie sich drauf, Sie dunkelfarbigesMeßungeheuer!«
»Es wird uns eine große Ehre sein,« sprach der Mohr aus dem BremerSchüsselkorbe mit der ernsthaftesten Miene; dann aber grinste er in einerWeise, die die Wand ihm gegenüber hätte anreizen können, dasselbe zu tunund einen Spalt zu erzeugen, querüber von der Decke bis zum Fußboden. —
Neunzehntes Kapitel.
Ich ließ mich erkundigen, wie es dem Steuermann Schaake gehe, und erhielt die Antwort: Schlecht! — Er liege im argen Fieber, berichtete mein Bote, — er spreche das tollste Zeug und halte sich meistens auf dem Wasser auf.
Mein Bote selber hatte ihn, von der Tür aus, reden hören.
»Es wird einem ganz schwindlig dabei zumute,« sagte er. Der alte Hafenkapitän aber hatte geweint und ließ sagen: wenn es mir möglich wäre, so würde es ein Trost im Hofe sein, wenn ich noch einmal im Laufe des Tages vorsprechen wolle.
Ich ging am Nachmittage und ging ebenfalls aus der »langweiligenDasselbigkeit des Daseins«, aus der Trivialität der Werkeltagswelt und desAlltagslebens hinaus auf die hohe — hohe See.
Und sie kamen in langgezogenen weich-gewaltig sich rundenden und majestätisch vornüberbrechenden Wogen heran, die großen Wasser. Sie wälzten sich eine nach der andern her gegen das Ufer jener Dasselbigkeit, von der Marina spricht; aber es war eine Täuschung, daß die Wellen den, der sich in sie eintauchte, freudiger und lustiger an diesen langweiligen Strand zurückbringen würden. Die bittern Wasser zogen dem Lebendigen die Füße vom Boden weg, hoben und trugen ihn — aber sie spielten mit ihm; nicht er mit ihnen! — nur die Leichen und Trümmer kamen zurück an den Strand.
Es war heiß in den Gassen der Stadt, aber kühl in dem dunkeln mittelalterlichen Hofe, in welchem der Steuermann von der See träumte. Ich saß am Bette des fiebernden Kranken zu Häupten, die Muhme zu Füßen, und sie, die dem braven Schiffsmann so oft, seinen guten, sichern, behaglichen Ankerplatz hinter dem Hafendamm angewiesen hatte, sie hatte die Schürze über den Kopf gezogen und den Mut verloren.
Es hatte sich in der Tat mit dem armen Karl verschlimmert. Die Ärzte sagten das, was sie zu sagen hatten, mit dem bekannten gedämpften Tone. Sie hatten wenig Aussicht, ihren Patienten am Leben zu erhalten, und gestatteten sich bereits vor der Tür die Bemerkung, daß dieser Mann von Rechts wegen eigentlich nicht auf dem Lande und zwar so tief im Binnenlande hätte begraben werden sollen. Es war eine naheliegende Bemerkung. —
Der Verwundete erkannte mich noch; er hatte mir die heiße Hand entgegengestreckt und gerufen:
»Das ist schön! Nun was sagen Sie aber? das Schiff ist klariert bei Zoll-und Hafenbehörde; — alles fertig — mit der Ebbe seewärts, und — hoffe,Maat, daß Sie nicht ausspucken werden, wie ein Chinese, wenn er eineSternschnuppe sieht.«
Ich sagte natürlich etwas Angemessenes; aber der Kranke, von einer neuenWelle weiter von mir weggezogen, schüttelte heftig den Kopf:
»Da! ich sagte es doch, — steif aus Norden. Leichte Segel fest! da haben wir's — große Royalrah zum Teufel. Wie gut, daßsiees so gut am Lande, im Walde hat, — wenn ich nur des Alten Hunde noch einmal in der Ferne hinter den Büschen anschlagen hören könnte!.. Was?.. und das schon die Berge von Ceylon?… eben klarste Kimmung und bezogene Luft im Augenblicke drauf! Der Teufel werde klug aus dem Wetter, daß man den Wald vor Bäumen nicht sieht, wie der Meister Autor sagt.«
Nun erkannte er mich wieder und rief, das letzte Wort aus seinen Phantasien mithernehmend:
»Es ist doch schön im Walde, in dem alten Hause bei dem Tofote — man muß die See befahren haben, um das auszufinden. =Ay, Sir=, aber Gertrud — unser Trudchen, unser Trudchen, kennen Sie unser Trudchen Tofote? Sie haben mir gesagt, der Herr Förster sei gestorben; aber das ist bloß der Nebel auf dem Meer — die bezogene Luft — sehen Sie, Kapitän, wie ich es gesagt habe — gegen Abend schönes Wetter, abnehmender Seegang, leichte ebene Brise und — da stehen wir dicht unter der Küste von Travancore, es wird sich schon machen, Supercargo, daß wir auch Arabien noch einmal im Mondschein liegen sehen.«
»Nun hören Sie ihn nur! Haben Sie ihn gehört?« flüsterte die Muhme Schaake in einer Pause, während welcher der Kranke unruhig hinschlummerte. Ich aber nahm jetzt die Hand der Greisin und hielt sie stumm fest; der Kranke fing bald wieder an, von neuem zu reden.
»In Arabien erzählt man Geschichten; die Bücher von den tausend Nächten sind daher, sagt man. =Damn=, die Korallenbänke und blinden Klippen! die ganze Küste von Aden soll zur Hölle fahren! Nicht wahr, Herr, die Gertrud kommt so her wie aus dem arabischen Märchen und — Mynheer — van Kunemund auch; — wir gingen alle in den schönen Garten — Schiff glatt vor dem Winde unter beiden Marssegeln, und wäre der Stein der Abnahme nicht gewesen, so hätt' mir kein größerer Spaß widerfahren können. Hab' ich's nicht gesagt, Kapitän? von Aden an Sturm, — da haben wir's, und das Kajütendeck fängt sofort an zu lecken — warmes Regenwasser in den Grog — und da — Bab el Mandeb — das Tor des Todes!… ich wollte, wir säßen sicher auf dem Lande und wär's auch bei Dscheddah in der Wüste auf Mutter Evas Grabe!«
»Das muß man nun anhören!« klagte die Muhme Schaake. »Von Mutter Evas Grabe hat er die letzten Tage durch alle Augenblicke angefangen zu sprechen. Er muß wohl einmal dagewesen sein; — o lieber Herr, manchmal hat er während der letzten Tage fürchterlich auf die Weiber geschimpft, der arme Junge. Ich habe es ihm für meine Part nicht übelgenommen, von mir mochte er sagen, was er wollte; aber er muß uns auch wohl von allen Farben gesehen haben — schwarz und gelb und braun — von den melierten und den weißen gar nicht zu reden.«
Der Kranke lachte jetzt in seinem Fieber; es mußte doch wohl etwas von den Worten der Greisin sich in seinem Bewußtsein festgehäkelt haben; er sprach aber weiter nichts, sondern fiel in einen etwas festern Schlummer.
»Es wäre arg gewesen, Frau Schaake, wenn er von Ihnen etwas Böses hätte sagen wollen,« bemerkte ich, jedoch ein wenig zerstreut, denn — bei Mutter Evas Grabe, ich sah plötzlich die Hexe vor mir — ja die Hexe im Märchen — hübsch, jung, wohlhabend und lebensfroh, und ich dachte daran, daß sie mich auf morgen abend zum Tee eingeladen, und daß ich dem Zaubermohr Signor Ceretto Wichselmeyer aus Bremen versprochen habe, zu kommen.
Eine ziemliche Zeit saßen wir einander nun stumm gegenüber, die alte Frau und ich, und horchten den keuchenden Atemzügen des Verwundeten. Dann flüsterte die Greisin:
»Und den Kunemund versteh' ich doch nicht. Jetzt müßte er doch Ihren Brief längst erhalten haben.«
Ich konnte nur die Achseln zucken:
»Man weiß eben nie, was anderen Leuten passierte, während das Schicksal einem selber in das Nackenhaar griff. Wenn der Meister morgen nicht kommt, werde ich zu ihm gehen.«
»Oh, Herr, wenn Sie das tun wollten!« rief die Alte. »Sie verdienten sich einen Gotteslohn an uns. Wenn einer dem armen Karl noch ein gutes Wort sagen könnte, so ist das der Autor Kunemund. Nach uns Weibern hat der Junge von keinem Menschen soviel in seiner Abwesenheit gesprochen, als von dem Kunemund. Sehen Sie, es ist so gut von Ihnen, daß Sie doch ganz von selber darauf gekommen sind, — von meiner Seite wäre es zu unverschämt gewesen, Sie darum anzugehen.«
Ich wies diese gute Meinung natürlich mit Wort und Gestus weit von mir.
»Dick mit Regen! wenn es gegen Abend nicht abklart, kriegen wir eine harteSturmböe dicht vor dem Ankerplatz; — werden uns dem Hafenmeister mit allenSegeln in Fetzen präsentieren!« rief der Steuermann, und die Alte mit demSchürzenzipfel wieder vor den strömenden blauen Wunderaugen flüsterte:
»Da spricht er wieder von mir! O Gott, zu solchem Elend so alt werden zu müssen!«
Ich ging bald, und saß den Abend noch eine Stunde im Theater und sah den geharnischten Geist des alten Dänemark über die Bretter schreiten, hörte das: Sein oder Nichtsein — sah die Komödie in der Komödie, aber sie spielten und sprachen alle mit falschem Pathos und verrenkten Gliedmaßen, und die ganze Geschichte kam mir entsetzlich einfältig vor. Wer hebt die Gärten, die uns versinken, wieder herauf aus der Tiefe? —
Zwanzigstes Kapitel.
Also die Hexe — die Hexe im Märchen, die junge schöne Witwe eines wahrlich nicht sehr jung gestorbenen Ogers oder kleinstaatlich juristischen Menschenfressers freute sich auf mein Kommen!? Sie, die den Vetter Vollrad herbeschieden hatte, um ihren letzten Fang, das dumme Gänschen Trudchen Tofote und die Erbschaft Mynheers van Kunemund zu heiraten.
Der Mohr hatte es gesagt, und mir träumten in der Nacht, die diesem Teeabende voraufging, fast ebenso sonderbare Dinge wie dem Steuermann Schaake in seinem Wundfieber; ich werde mich aber wohl hüten, das, was ich sah, hörte und sagte, hier der Welt kundzumachen. Als die Hexe noch eine Jungfrau war, kaum aus dem Backfischalter herausgewachsen, war sie mir schon einmal quer über den Weg gelaufen; und gute Gesellen, treue Kameraden, die sie damals bereits besser kannten, als ich heute, hatten mich natürlich weniger vor ihr gewarnt, als ihren Spaß an der Verzückung gehabt, in welche sie mich versetzte.
Und neulich hatte sie ebenso selbstverständlich nicht das mindeste von mir gewußt, hatte sich meinen Namen nennen lassen, und nur durch eine dem ganzen übrigen Universo unverständliche Fächerbewegung merken lassen, daß — sie mich sehr wohl kenne, daß ich ein guter alter Bekannter von ihr sei.
Die schöne Sonne des neuen Sommertags war wiederum untergegangen, und ichverfügte mich nach der Höhle der Hexe, die natürlich nicht in der Mitte desZauberwaldes der alten Stadt gelegen war, sondern in ihrem modernstenQuartiere.
Ich hatte aber die alte Stadt zu durchschreiten, und da mich mein Weg an dem Cyriacushofe vorüberführte, so trat ich auch jetzt ein, um wenigstens an der Tür Erkundigung über den Kranken einzuholen. Ich traf den Wundarzt an der Tür, und er strich auf meine Frage glatt vor sich hin durch die Luft, was soviel heißen sollte, als: O, er ist auf gutem Wege, unter den irdischen Behörden kennen wir vom Fach keine, die ihn aufhalten könnte; der Stadtphysikus ist ganz meiner Meinung.
Dabei fühlte der Mann nach seinem Handwerkszeug in der Brusttasche und ging: ich aber hörte von der Tür — wie gesagt — aus, wie der Steuermann mit klarer Stimme rief:
»Da haben wir die rote Tonne!« und dann den Lotsengruß:
»Willkommen in See!«
Ich wich zurück, ohne die Base Schaake begrüßt zu haben; ich traute mir nicht recht, ihr in meinem Gesellschaftsanzuge die Hand zu geben. Ich kann nicht sagen, ob ich mich richtig und verständlich ausdrücke; aber die Sorgfalt, die ich auf meine Toilette verwendet hatte, hinderte mich: ich kam mir zu gleicher Zeit abgeschmackt und allzu begräbnismäßig frisiert vor. In ziemlich unbehaglicher Stimmung rief ich eine Droschke an und fuhr weiter, von nun an mich ein wenig mehr mit der Tochter des Försters Arend Tofote als mit der Frau Christine von Wittum beschäftigend — wenigstens bis zum Anhalten des Wagens und während des ersten Teiles des Abends.
Es sahen mir sehr hell erleuchtete Fenster in der Abenddämmerung entgegen, und das erhob auch meine Lebensgeister wieder etwas; da jede veränderte Dekoration und vor allem eine ins Freundliche und Helle veränderte Bühnenbekleidung in Verbindung mit Zeit- und Ortswechsel auf das vergrillteste Gemüt Wunder zu wirken vermag, — was ich übrigens hier durchaus als keine ganz neue Erfahrung vorführe.
Auf dem Balkon stand eine hellgekleidete Dame, die jedoch zurückwich, als ich aus dem Wagen stieg. Auf der Treppe wurde ich von meinem alten schwarzen Freunde begrüßt.
»Da sind Sie also! Na, dann gehen Sie nur hinein; Sie kommen früh, und das ist recht hübsch von Ihnen. Das Kind finden Sie in einer merkwürdig weichen Stimmung; aber die andere in ihrer richtigen Laune.«
Er war mir voran gewatschelt, hatte mir die Tür geöffnet, und nach einem Augenblick stand ich abermals vor der Tochter des Försters Tofote in einem ziemlich geräumigen, glänzenden, von einer Gaskrone tageshelle erleuchteten Gemache. Ganz reizend sah das junge Mädchen in ihrer bunten, blendenden, aber durch das verschiedenartige Grün vieler kunstvoll zusammengestellter künstlicher Gärtnergewächse gesänftigten Umgebung aus, und einen Moment lang verstand ich einmal wieder den Meister Autor, der sie doch auch wohl in einer solchen Umgebung gesehen hatte, nicht mehr.
»Dieser Herr Vollrad von Wittum wär ein Urnarr, wenn er nicht bleiben würde,« sagte ich in der Tiefe meiner Seele, als das Fräulein mir entgegentrat, mir die Hand bot und sagte:
»Es ist sehr freundlich, daß Sie meine — unsere Einladung nicht ablehnten.«
»Haben Sie das glauben können, gnädiges Fräulein?«
Es war eine etwas heiße Hand, die sich in die meinige legte, und das Kind sah ein wenig angegriffen aus; auch ein etwas unbehagliches Zucken spielte durch das Lächeln, in welchem Gertrude meinte:
»Man hat jetzt so wenig Zeit. Jedermann ist so sehr beschäftigt — so sehr in Anspruch genommen. Nur wir — haben immer Zeit.«
»Wer wir, mein Fräulein?«
»Ich!« sagte das Waldfräulein. »Ich habe Zeit — o, ich habe viele Zeit!«
»In diesem bunten Dasein?«
»Ja, in diesem bunten Dasein. Wollen wir uns nicht setzen? wir sind noch allein, — die übrigen Herrschaften, welche die Freundin lud —«
Die Elfe vollendete ihren Satz nicht, und wir setzten uns, und zwar in einen weich ausgepolsterten Winkel eines zierlichen Nebengemaches, das nur durch eine einzige aus einem Lilienkelche züngelnde Flamme erhellt wurde. Da fand ich denn bald im Laufe des Gespräches, daß sie beide lebten wie sie mußten — der Meister Autor Kunemund sowohl wie Gertrud Tofote, und daß der Garten versunken war, wie die Gärten eben versinken; der Garten Mynheers van Kunemund ganz beiseite gelassen. —
Wir unterhielten uns über dieses und jenes, und da das Trudchen schon seit längerer Zeit daran gewöhnt war, von den Herren unterhalten zu werden, so tat auch ich das Meinige, leider jedoch ohne sie zu dem gewöhnlichen Gesellschaftslächeln bringen zu können. Ich erzählte von meinem Briefe an den Oheim Autor, und wie es uns so sonderbar erscheinen müsse, daß wir bis jetzt noch keine Antwort darauf erhielten. Ich berichtete, daß ich nunmehr morgen selber zu dem Meister fahren werde, um mich persönlich nach den Gründen seines sonderbaren Betragens zu erkundigen, und die Elfe sagte:
»Er hat vielleicht wieder etwas übelgenommen!«
»Den angenehmen Zug kenne ich noch gar nicht an ihm,« erwiderte ich hierauf. »Nimmt der gute Mann wirklich so leicht irgend etwas übel, Fräulein?«
»O — nein,« stotterte die Waldelfe, »andern Leuten nicht; aber — aber mir. Er weiß sich so schwer in die selbstverständlichsten Dinge zu finden, und wenn das auch nicht ganz seine Schuld ist, so kann ich doch auch nicht einzig und allein dafür. O Gott, ich wollte gleichfalls, es wäre manches anders in der Welt!«
»Wer wünschte das nicht, mein Fräulein?« rief ich höflich, und dann wurden wir sehr philosophisch und trugen uns einander die tiefsten Wahrheiten, die urälteste Kinderweisheit der Welt in den urältesten Fassungen, Redewendungen und Sprichwörtern vor, bis uns auf einmal aller fester Boden unter den Füßen weg und abhanden gekommen war, und wir die See — den Himmel und das Wasser um uns hatten, wie der Steuermann Karl Schaake in seinen Fieberphantasien.
»Ja, es war ein guter Junge, und ich hatte ihn sehr gern!« flüsterte Trudchen Tofote. »Er war zu Hause mein bester Spielkamerad, und er tut mir so leid, so sehr leid! Wäre ich auch ein Junge gewesen, so hätte ich mit ihm aufs Schiff gehen können; aber wir machen uns ja nicht selber, und jetzt bin ich in einem eben solchen Wirbel, wie er, wenn er von einem seiner schlimmsten Wirbelwinde und Stürme erzählte, wenn er nachher vom Schiffe einmal wieder zu uns nach Hause in den Wald kam.«
Es kam mir vor, als spüre ich einen Hauch aus dem Walde im Gesicht und auf der Brust. Die Frau Christine würde die Ausdrucksweise ihrer jungen Schutzbefohlenen wahrscheinlich nicht ganz haben gelten lassen; aber ich entnahm daraus einige Erfrischung, indem ich mir jetzt mit einem schwülen Seufzer sagte:
»Ja, was kann denn das Kind eigentlich dafür? Wer will denn grade von diesem kleinen Mädchen verlangen, daß es das Universum über den Haufen werfe, indem es ein Glied in der Kette seiner Entwicklung überspringe?«
Wir sprachen nun davon, wie liebenswürdig und gutmütig die Frau Christine von Wittum sei, und was alles das Trudchen ihr zu verdanken habe; von dem Vetter Vollrad sprachen wir freilich nicht. So tief waren wir in unserm Schlupfwinkelchen nach und nach in unser Gespräch hineingeraten, daß wir gar nicht gemerkt hatten, wie sich die Gemächer jenseits des purpurnen Türvorhanges allmählich mit den übrigen Gästen gefüllt hatten, und daß unter denselben der Vetter wahrscheinlich auch bereits wieder gegenwärtig war.
Wir sollten aber jetzt darauf aufmerksam gemacht werden; denn eben hatte ich gesagt: »Aber mein Fräulein — mein liebes Kind, weinen Sie doch nicht! ich bitte Sie dringend, weinen Sie doch nicht so sehr!« als der rote Vorhang plötzlich zurückgeschoben wurde, die schöne, schlimme, lustige Hexe — die gnädige Frau in einer Flut von blendendem Licht, begleitet von dem lustigsten Stimmengewirr, auf der Schwelle erschien und fröhlich rief:
»Ich habe es wahrhaftig lange genug ertragen, aber jetzt ist meine Geduld zu Ende, und ich ertrage es nicht länger. Ich habe euch Zeit gelassen, euch gegeneinander auszusprechen, doch jetzt beanspruche auch ich mein Recht. Ja, mein Herr, wir wollen auch unser Recht haben, — wir!«
Ich war mit einer Verneigung aufgesprungen, und sie, die Hexe, lachte und sah wundervoll aus in ihrer üppigen, reifen Schönheit. Das bleiche, nachdenkliche Liebchen, das bis jetzt neben mir gesessen hatte, hatte aber das Taschentuch auf das Gesicht gedrückt und war hastig durch eine Seitenpforte entschlüpft. Was blieb mir übrig, als der Frau Christine den Arm zu bieten und mit ihr in den mit fast sämtlichen geladenen Gästen angefüllten Salon zu treten? Es war ein in seiner Raschheit etwas peinlicher Übergang aus der Dämmerung in die glänzendste Helle; aber es war doch ein Vergnügen — ein gar nicht zu verachtender Genuß.