Eine Stunde darauf hatte Mely den Vorfall vergessen. Der Abend kam, und Falk mußte fortgehen, da er nachmittags die Leute nicht zu Hause getroffen hatte. Er hatte sich verspätet. Als das Nachtmahl vorbei war, stand er auf, verbeugte sich gegen die Damen und wollte hinaus. Da sah er Melys blasses Gesicht mit einem bekümmerten Ausdruck auf sich gerichtet. Lange zögerte er; er wußte nicht, was er sagen sollte, um Frau Bender und Helene dies auffällige Warten zu erklären. „In einer Stunde bin ich wieder da,“ murmelte er endlich, ganz zu sich redend, und stürmte hastig hinaus. Helene lächelte spöttisch. Mely war gereizt und fuhr sie schroff an. „Warum lachen Sie denn? Was soll das bedeuten?“ Helene zuckte die Achseln. „Wie mißtrauisch sind Sie,“ fuhr Mely leiser fort. „Sie sind mißtrauisch, ich glaube aus Vorsatz.“ Helene schüttelte den Kopf. Das wollte sagen: Ich habe so viele Erfahrungen, daß ich dergleichen riskiren darf. Ihre glatte, übergroße Stirn leuchtetewie eine geschliffene Platte, und die Augen blitzten streitlustig. Aber sie war viel zu bequem, um zu reden. Sie verschränkte die Arme und sah vor sich hin mit dem unveränderlich klugen Gesichtsausdruck, der ihr eigen war. Frau Bender nähte, besserte die Wäsche aus und seufzte oft aus schwerem Herzen. „Meine Tochter thut gar nichts,“ klagte sie etwas schüchtern, als fürchte sie Helenes Erwiderung. Aber die runzelte bloß die Stirn.
Mely hatte sich auf den Divan gelegt, mit dem Gesicht gegen die Wand. „Eine Stunde ist lang,“ flüsterte sie in sich hinein und horchte auf das Ticken der Wanduhr. Der Wind sauste und Schneekörner knatterten gegen die Fenster. Die Nacht war schwer und kalt. Es war ganz ruhig im Zimmer. Ein Schloß im Schwarzwald, dachte Mely, wie fein! Aber wie kann das sein! Wie kann das jemals Wirklichkeit werden? Er ist so arm wie ich, und wie will er so viel Geld erwerben? Allerdings, wenn er Arzt sein wird ... Aber was thu’ ich da, was für närrische Gedanken sind das! Ich muß mich schämen. Er spielt ja nur mit mir. Ein bißchen Zeitvertreib, die Männer lieben das, und alle sind sie gleich; einer ist wie der andere. Wie komisch, – und wozu kann das alles führen. Wie unbegreiflich ist die Liebe, ich verstehe sie nicht. Es ist etwas so Märchenhaftes dabei, so erstaunlich ist es. Nein,ich könnte lachen, und wenn ich an ihn denke, muß ich erröten. Ob er wohl noch so nett ist, wenn wir verheiratet sind? Wie dumm bin ich! Früher einmal, da hatte ich den Oberst ganz gern, aber wie anders ist die Liebe! Ich fürchte mich eigentlich. – Ach, ist denn die Stunde noch nicht vorbei?
Die Stunde verflog und Falk kam nicht. Da fühlte sie sich tief unglücklich. Jede Minute, die verstrich, ohne daß er kam, machte sie unglücklicher. Ihr Herz preßte sich zusammen wie unter einem unwiderstehlichen Schmerz, und das Tapetenmuster flimmerte vor ihren Augen. Endlich krachte das Hausthor, und atemlos, immer noch das Gesicht der Wand zugekehrt, lauschte sie den allmählich lauter werdenden Schritten auf der Treppe.
Pustend und die Hände reibend, trat Falk ein. „Ah, Fräulein Mirbeth schläft!“ sagte er leise, wie um sie nicht zu wecken. Sie wünschte, daß er in diesem Glauben bleibe, und regte sich nicht. Sie glaubte, er müsse sonst die überstandenen Leiden von ihrer Stirn lesen können.
„Sehn Sie!“ sagte Falk frohlockend: „Gerade eine Stunde.“
Schlaftrunkenheit heuchelnd, wandte sich Mely schwerfällig um und gähnte, wie Erwachende zu thun pflegen. „Gar nicht wahr,“ sagte sie vorwurfsvoll, „das war viel länger als eine Stunde.“
„Neun Minuten mehr,“ bestätigte Helene ernsthaft.
Lange konnte Mely in dieser Nacht nicht schlafen. Und sie wünschte es auch nicht. Die Nacht war so still, und ihre Sinne waren durch die Ruhe, wie durch das Erlebte so geschärft, daß sie die pfeifenden Atemzüge der Erdmann vom Nebenzimmer vernahm. Es war nichts Bestimmtes, an das sie dachte, kein verlockendes Phantasiebild, sondern eine unterdrückte Erregung hielt sie wach, eine bohrende Unruhe, die sie mit Spannung gegen die kommenden Ereignisse erfüllte. Alle anderen Lebensinteressen waren für sie unbedeutend geworden. Es war nicht der Mühe wert, darüber zu sinniren.
Als sie einschlief, war es drei Uhr und erst gegen elf Uhr vormittags wachte sie auf. Dann lag sie noch über eine halbe Stunde mit offenen Augen und mühte sich ab, einem Traum, der ihr entfallen, auf die Spur zu kommen. Sie lächelte in der Erinnerung an diesen Traum, aber sie wußte durchaus nicht, welcher Art er gewesen.
Nach dem Mittagessen verwickelte das Fräulein von Erdmann Vidl Falk in ein sinniges Gespräch über die Rubenssche Amazonenschlacht. Mely saß am Fenster. Sie war verstimmt, und die dicke Dame bemerkte es. Instinktiv erriet sie auch den Grund und war um so mehr bemüht,den jungen Mann in die Fäden ihrer Konversation zu ziehen.
Plötzlich sprang sie von ihrem Thema ab und sagte: „Ach, beantworten Sie mir einmal eine Frage: haben Sie sich schon einmal verliebt?“ Und sie legte vorsichtig ihre Hand auf die seine. Ihre Ohrlappen waren röter als sonst. Dann lachte sie, während Falk seine Hand in Sicherheit brachte. „Wie er schaut! ach! – Sie sind erstaunt über meine Frage?“
„O nein, – oder vielmehr ja.“
„Reizend! O nein, oder vielmehr ja.“ Und wiederum trällerte sie ihr Lachen wie eine Kadenz herunter. Falk runzelte die Stirn.
„Warum diese Falte?“ fragte die allzulaute Dame; sie schmolz in Hingebung. „Fort damit, sie ist häßlich. Wie kann man ein so finsteres Gesicht machen, wenn man so schöne Augen hat. Nicht wahr, Fräulein Mirbeth? Finden Sie das nicht auch?“
Mely bejahte, dann verließ sie langsam das Zimmer, – zögernd, damit es nicht scheine, als ob sie dieser Scene wegen ging.
Die Erdmann bog sich ganz zu Falk hinüber. „Ich will meine Frage einschränken,“ flüsterte sie. „Sagen Sie: sind Sie verliebt, sind Sie verliebt?“ Es war ihre Gewohnheit, jede Frage oder jeden Ausruf zu wiederholen. Sie war jetzt erregt, und ihre Augen funkelten.
Falk errötete und lächelte kindisch. „Ich bitte Sie, Fräulein,“ stammelte er. Seine Augen blitzten zornig.
„Nein, diese Jugend!“ gellte die Dame spöttisch und schleuderte die geballte Serviette über den Tisch. Es entstand ein langes Schweigen.
„Merkwürdig,“ sagte Falk; „wenn solche Verlegenheitspausen eintreten, bin ich nie derjenige, der sie unterbricht.“
Das Fräulein starrte ihn verblüfft an und bemühte sich, geheimnisvoll zu lächeln.
Als Falk allein war, befand er sich in einer Stimmung, in der ihn jedes Geräusch schmerzte. Wenn streitende Stimmen oder Gelächter von der Straße erschallten, schreckte er zusammen. Wenn ein Hund bellte oder ein Lastwagen rasselte, so versetzte ihn das in unbegreifliche Erregung. Besonders das Hundegebell nahm gar kein Ende.
Es dunkelte, als er, von der Stadt zurückkommend, Mely im Korridor traf. Sie stand vor dem Spiegel und richtete das Haar. Sie trug den grüngrauen, großgeblümten Schlafrock, der ihr Gesicht noch bleicher erscheinen ließ. Es war, als wünsche sie mit diesem Kostüm zu sagen, daß es ihr gleichgültig sei, ob sie den Leuten gefalle oder nicht.
„Ich mache Kaffee, Fräulein Mely,“ sagte Falk. „Wollen Sie mittrinken? In meinemZimmer natürlich. Wir laden auch Frau Bender und Helene dazu ein.“
Mely, die zuerst gezögert hatte, war jetzt freudig dabei. Falk ließ das Zimmer heizen und stellte einen Topf Wasser auf den Spiritusapparat. Als er nach einiger Zeit ins Wohnzimmer trat, saßen Mely und Frau Bender dicht bei einander, und Frau Bender weinte. Sie sah dabei scheu nach ihm, und er hatte das Gefühl, als ob man soeben von ihm gesprochen hätte. Mely stützte den Kopf in beide Hände und sah unbeweglich auf die Tischplatte. Falk rührte sich nicht mehr von der Stelle. Indem er das junge Mädchen ansah, ohne mit den Lidern zu zucken, stieg Zweifel auf Zweifel in ihm auf. Woran er zweifelte, das wußte er nicht. Es war der dunkle Ingrimm eines Menschen, der betrogen zu werden fürchtet, während er bereit ist, sich hinzugeben mit ganzer Seele.
Er sagte nichts, sondern ging, nachdem er sich etwas erstaunt geräuspert hatte, in sein Zimmer zurück und zündete die Lampe an. Bald darauf kam Mely. Sie sah bestürzt aus, und als bereue sie ihre Zusage, blieb sie unentschlossen an der Thüre stehen. Falk, gleichfalls befangen, schob einen Fauteuil zum Ofen und lud sie mit einer Handbewegung zum Sitzen ein. „Helene kommt gleich,“ sagte Mely, gleichsam sich selbst entschuldigend. „Frau Bender hat zu viel Arbeit.“
„Warum hat denn Frau Bender geweint?“fragte Falk, mehr um ein Gespräch anzuknüpfen, als aus Neugierde.
Das junge Mädchen lächelte schwermütig und schüchtern. Ihr Blick, sonst ein wenig unstät, war plötzlich sanft und ruhig geworden. „Ich weiß das wirklich nicht,“ sagte sie, und Falk bemerkte, wie sie immer noch erstaunt war über das Benehmen dieser Frau. „Sie sagte, – doch wie kann ich Ihnen das erzählen!“
„O bitte –!“
„Nun gut. Sie lobte Sie, – Sie seien so gescheit und so ein herzlicher Mensch – diesen Ausdruck gebrauchte sie – und ich möchte doch ein wenig lieb zu Ihnen sein. Später bereuen Sie es sonst, sagte sie zu mir. Gar gern läuft das Glück vorbei, auf Nimmersehen. Ja, und auf einmal brach sie in Thränen aus.“
Falk erwiderte nichts darauf. Er blickte an Mely vorbei, aber er sah doch, daß ihr Gesicht rot war; nur konnte er nicht unterscheiden, ob es der Widerschein des roten Lampenschirms oder natürliche Färbung war. Eine schwüle Dämmerung herrschte in dem kleinen Gemach und es war sehr still. Am Kaffeekessel zuckten die blauen Spiritusflämmchen und schlugen manchmal gleich Wellen empor. Das Wasser begann zu sprudeln, und Falk ging, um die Flamme zu löschen. Er verrichtete diese Dinge mit ironischer Wichtigkeit. In seinem Innern hatten sich, während er jetztden Kaffee bereitete, alle trüben Stimmungen geklärt; sie waren zerflattert. Er war Mely dankbar, – doch weshalb? Vielleicht für ihre Offenheit. Denn ein Geständnis lag in dem, was sie ihm mitgeteilt; daran zweifelte er nicht.
Als Helene eintrat, knixte sie spöttisch, nahm Platz und sah mit wohlwollendem Ernst umher. „Hübsch – stimmungsvoll!“ sagte sie und plötzlich lachte sie in ihrer hölzernen Art. „Nein, – wie Sie dastehen und kochen!“ rief sie und schlug die Hände zusammen. Diese Lustigkeit hatte bei ihr stets etwas Unglaubwürdiges.
Gar bald dampfte der wohlriechende Kaffee aus den Tassen.
„Wie wir jetzt beisammen sitzen, – das ist komisch,“ meinte Helene. „Gerade, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Wenn jetzt wer Fremdes käme und zusähe, – er müßte uns für Geschwister halten, – oder so was Ähnliches,“ fügte sie hinzu, wieder spöttisch werdend. „Derweil ist der eine aus Norden, der andere aus Süden und der dritte vielleicht aus der Hölle.“
„Ich bin doch hoffentlich nicht der Dritte?“ fragte Falk unwirsch. „Was Sie da sagen, ist übrigens ganz gut. Aber seltsam, während Sie reden, habe ich immer das Gefühl, als dächten sie bei sich: ach was, die sind ja doch nicht wert, daß ich was Ordentliches rede.“
„Ja, – ja!“ bestätigte Mely eifrig.
„Das wäre sehr keck von mir,“ gab Helene obenhin zurück.
„Wie verschieden sind Sie von Ihrer Mutter,“ fuhr Falk fort. „Sie haben keinen Zug von ihr. Aber man kann Ihnen Glück wünschen zu dieser Mutter, – eine ideale Frau.“ Weshalb diese Hymne? fragte er sich gleich darauf etwas beklommen. Man muß abwarten. Dieselbe Frage hatte sich Mely gestellt.
In der Küche rief Frau Bender nach ihrer Tochter, und Helene huschte davon.
„Ich fühle mich jetzt ganz glücklich,“ sagte Mely, tief aufatmend. Und dann sah sie scheu zu Falk hinüber, ob er sie nicht verspotte. Sie begegnete seinem nachdenklichen, fast grüblerischen Blick, der sie zu durchdringen schien. Oder nein, er schien nur zu fragen: bist du wirklich so, wie du jetzt scheinst? Ist dies dein wahres Wesen? O, ich möchte in deine Seele sehen – so redete dieser Blick – wie auf den Grund eines klaren Sees.
Falk rückte ihr näher. Sein Schatten fiel auf sie, so daß sie förmlich begraben war in Dunkel. Nur ihre Augen glänzten daraus hervor mit einem feuchten, perlenden Glanz und mit einem kindlich bangen Ausdruck. Nach einer langen Pause sagte sie mit unsicherer Stimme: „Ihr Amor da droben hat ja keinen Kopf mehr.“
Er lächelte. „Das ist natürlich. Wissen Siedenn nicht, daß man in der Liebe den Kopf verliert?“
Sie schaute ihn verwundert und erschreckt an. Diese Verwunderung, dieses Erschrecken, all das war kindlich. Es erregte ihm ungefähr folgende Empfindung. Als Kind hatte ihm die Mutter bisweilen von der märchenhaften Pracht erzählt, die bei dem oder jenem reichen Manne herrschte. Genau das zweifelnde Entzücktsein und die furchtsame Sehnsucht, die er damals empfunden, fand er jetzt bei ihr.
„Sie sind immer so still,“ sagte Mely. „Sie reden so selten. Und wenn ich dann was sage und Sie überlegen so lange, da mein’ ich dann immer, ich hätte eine Dummheit gesagt.“ Sie hielt inne, wie um zu prüfen, welchen Eindruck ihre Worte machten. Dann fuhr sie fort: „Ich denke mir, Sie müssen immer recht allein gewesen sein. Es hat sich vielleicht Niemand um Sie gekümmert –? Nicht?“
„Da haben Sie recht,“ erwiderte er mit so langsamer Stimme, als könne er nicht Raum genug finden, um all die Dankbarkeit durchhören zu lassen, die er für ihre Worte hatte. „Und solche Leute, die immer allein sind, verlieren dann allen Maßstab für sich. Ich hatte wohl einen Freund, aber eines Tages mußte ich Geld von ihm leihen und dann ging das so in die Brüche, sehen Sie.“ (Warum sage ich das? dachteer. Ich will mich nur putzen: will nur zeigen, daß ich für diese Geldborgerei ein feines Gefühl habe.) „Eine Zeitlang hab ich so gut wie gehungert, das dürfen Sie glauben. Kaum, daß ich manchmal Brot hatte. Denken Sie, was ich vor ein paar Monaten für eine sonderbare Leidenschaft gehabt habe. Jeden Mittag besuchte ich den nördlichen Kirchhof, und sah mir im Leichenhaus die Toten an. Ich hatte dafür das größte Interesse. Ich studirte den verschiedenen Gesichtsausdruck bei den verschiedenen Leichen, und wenn ich mich in Not befand, war es mir eine Wohlthat, stets ein Bild des Todes vor Augen zu haben. Aber das entsetzt Sie?“
„Wissen Sie, was ich zuerst gedacht habe, wie ich Sie kennen lernte?“ sagte Mely. „Ich hielt Sie für einen großen Weiberfeind. Erinnern Sie sich, wir sprachen einmal bei Tisch von Schopenhauers Aufsatz über die Weiber, und Sie waren so begeistert dafür –“
„Ach ja, wie dumm war das!“ rief Falk errötend und ärgerlich. „Aber das ist wahr, ich habe mich einmal gefürchtet vor der Liebe. Das glauben Sie nicht?“
Mely wandte sich ab, wie um eine Veränderung in ihren Zügen zu verbergen. „Was haben Sie?“ fragte Falk, zitternd vor Besorgnis, ihr wehe gethan zu haben. „Bitte, sehen Sie mich an!“ Und er ergriff ihre Hand und bedeckte dieFinger mit Küssen. Sie seufzte lange, wie Jemand, von dessen Rücken eine gar schwere Last gehoben wird.
„Sagen Sie mir, wie ist das mit dem Oberst?“ fragte Falk. „Das müssen Sie mir genau erzählen. Wollen Sie?“
„Nicht jetzt,“ entgegnete Mely betrübt und enttäuscht. „Was ist da auch zu sagen. Ich hänge von ihm ab, denn ich bin arm. Deshalb muß ich nett und freundlich gegen ihn sein. Ich muß repräsentiren und das Haus in Ordnung halten, – aber jetzt ist ja das alles vorbei. Wir haben uns schon vor der Begegnung neulich ganz zerkriegt. Mehr war es nicht, das dürfen Sie mir glauben.“
„Mehr war es nicht,“ wiederholte Falk sehr langsam. Die Art, wie sie die Aufklärung gab, der Ton, in dem gleichsam die Bitte lag, ihr nicht zu mißtrauen, entfachte seinen Argwohn plötzlich und lebhaft. „Und was wollen Sie jetzt beginnen?“ fragte er.
Mely schwieg. Sie lächelte sonderbar kühl. Weshalb dann diese Furcht vor Jenem? grübelte Falk, gleichsam seinen Argwohn hätschelnd.
Es läutete draußen, und das junge Mädchen fuhr erschrocken zusammen und lauschte regungslos. Bald darauf wurden Stimmen laut: Begrüßungen, staunende Ausrufe des Wiedersehens. „Das sind Lottelotts,“ sagte Mely. „Die Frauist schrecklich. Sie hat den Wahn, eine geistreiche Frau zu sein und ist, o! so ungebildet. Sie ist klein, dürr und frech: sie schreit beständig, und wenn sie lacht, hört man es bis auf die Straße. O, sie haßt mich. Mich hassen überhaupt alle Menschen. Auch Helene haßt mich.“
Falk beugte sich so weit zu ihr hinüber, daß ihre Wimpern sich fast berührten. Sie blickten sich Auge in Auge, und er stammelte mit dem Mut der Schüchternen: „Du – hast – mich.“ Verwirrt ließ Mely den Kopf sinken. Vor lauter Scham lachte sie, – lautlos. Sie öffnete den Mund, die Zähne schimmerten hindurch, und sie stieß den Atem aus, aber dies Lachen war nicht hörbar. Falk ließ sie nicht aus den Augen. Das that er aus Feigheit vor der Wirkung seiner Worte. Nur einer Bewegung des Halses hätte es bedurft, und er hätte sie küssen können, aber wie ungeheuerlich, wie vermessen erschien ihm jetzt ein solches Beginnen! „Wann werden Sie reden? wann endlich reden?“ flüsterte er völlig unmotivirt. „Wirst du denn immer schweigen?“
Mely war wie gelähmt. Ihr war, als müßte das Gewand über der Brust zerspringen. Wenn es eine Freude gibt, die zugleich die beklemmendste Angst ist, so war es diese. In einem Augenblick übersah sie ihr vergangenes Leben, und sie hatte dabei ein Gefühl wie Jemand, der ermüdet von einer großen Reise nach Hause kommt und rasten kann.
Wiederum läutete es. Beide achteten nicht darauf. Nach kurzer Zeit wurde an der Thür gepocht, und das Dienstmädchen kam herein. „Es ist Jemand da vom Herrn Oberst,“ sagte sie. „Das Fräulein Mirbeth möchte sofort hinüberkommen.“
Nachdem die Magd wieder hinausgegangen war, stand Mely auf und blickte verstört umher. Ist es denn möglich? dachte sie. Freilich, jetzt hat er Angst, mich ganz zu verlieren, da er mich mit einem Andern gesehen. Aber darf ich denn das thun, – hinübergehen? Was nützt es, ich muß. Ich kann ja nicht verhungern. Er kann machen mit mir, was er will. Ich bin arm. So überlegte sie in stummer Qual.
„Sie gehen ja doch nicht hinüber,“ sagte Falk, indem er sie gespannt anblickte.
„Ich muß,“ wiederholte sie laut. „Was nützt es, wenn ich dableibe? Frau Bender kann mich nicht ernähren. Niemand fragt nach mir. Bald komm’ ich wieder, sobald es geht.“ Und sie wollte fort. Aber Falk vertrat ihr behend den Weg. Er schaute sie an, – lange Zeit. Seine Lippen zitterten, als ob er reden wollte. Mely hielt seinem Blick Stand. Sie ließ die Arme schlaff herunterhängen, und eine herzliche, tiefe Betrübnis lag in ihrem Gesicht. Dann nickte sie flüchtig und ging.
Falk warf sich aufs Bett, bedeckte die Augen mit den Händen, und verblieb so fast eine halbe Stunde lang. –
Als er ins Wohnzimmer kam, stellte man ihm Herrn und Frau Lottelott vor. Frau Bender war etwas kühl, doch er bemerkte es nicht. Sehend und doch nicht sehend, ging er umher. Er hörte wohl, daß die Leute um ihn herum sprachen, aber was sie sprachen, verstand er nicht. Eine weiche Rührung hatte ihn überfallen, eine milde, gleichsam opferfreudige Stimmung. Wenn er an die Zukunft dachte, geschah es so: es wird nicht lange währen, dies alles. Flüchtig wird es sein, wie der Winterschnee, gewiß. Aber es ist schön. Es ist ein schöner, schöner Traum.
„Wo ist denn Fräulein Mirbeth heute?“ fragte Frau Lottelott ein wenig schnippisch und rümpfte die Nase. Falk wurde aufmerksam.
„Der Herr Oberst hat sie rufen lassen,“ erwiderte Frau Bender mit einem vielsagenden Blick.
„So, – der Herr Oberst!“ –
Dies kurze Zwiegespräch versetzte Falk in wilde Aufregung. Er sah, wie Herr Lottelott geheimnisvoll grinste und wie sein rotes Biergesicht einen Ausdruck gutmütigen Bedauerns annahm. Die Worte, die gefallen, waren harmlos, aber es lag alles darin, was ihn bedrückte mit schwerer Wucht.
Er setzte sich ans Klavier und spielte: einen Marsch, einen Walzer, eine Schubertsche Sonate ... er spielte polternd, ungraziös und viel zu schnell.
Als Mely zurückkam vom Oberst – das war gegen zehn Uhr – fiel Falk zunächst die große Blässe ihres Gesichts auf. Sodann war ihr Blick so unstät, so unsicher flackernd, so verdüstert, wie er es noch nicht an ihr beobachtet hatte. Oder suchte er all das blos und war es in Wahrheit gar nicht vorhanden? Auch verletzte ihn die übertrieben liebenswürdige Art, mit der sie Frau Lottelott anredete, und er sagte sich: das thut sie aus Furcht. Sie fürchtet offenbar die böse Zunge dieser Frau und will sich nun durch Zuvorkommenheit bei ihr einschmeicheln. Es erregte ihn, daß er sie mit solchen Augen beobachtete, die auch den kleinsten Umstand nicht übersahen. Selbst wenn er mit Andern sprach, achtete er nur auf sie. Immerfort hörte er, was sie sprach, und er fühlte es schmerzlich, daß sie sich heute gesucht lustig gab. Sie wollte unbekümmert scheinen und unterhaltend sein. Er hatte das Gefühl, als hätte sie Wein getrunken, um sich zu betäuben. Er witterte etwas Dunkles, etwas Lichtscheues hinter dieserHeuchelei. Oft blickte sie nach ihm, aber er wich ihrem Blick aus und sie, die es bemerkte, schloß dann jedesmal für zwei, drei Sekunden die Augen.
„Was haben Sie denn heute Schönes erlebt, Mely?“ fragte Helene, indem sie sich vor Frau Lottelott den Anschein zu geben versuchte, als stehe sie den Interessen dieser jungen Dame völlig fern.
„Ja, Sie sind so übermütig; das ist man an Ihnen gar nicht gewohnt,“ setzte Frau Bender hinzu, und ein Leuchten aufrichtiger Freude ging über ihre seltsam verschwommenen Züge.
„Bin ich auch!“ antwortete Mely burschikos. Sie lachte. Dies Lachen schien aus ihrem Magen zu kommen. Sie bog sich dabei etwas vor und zog die Schultern in die Höhe. Warum herrscht nun diese feindselige Stimmung zwischen uns? dachte sie im gleichen Augenblick mit Beziehung auf Falk. Wir haben ja noch kein Wort miteinander gesprochen. Das Herz wurde ihr schwer und zitterte gleichsam in ihrer Brust. Wieder schloß sie die Augen und als sie sich von Frau Lottelott beobachtet sah, gähnte sie.
„Sie haben Schlaf, gnädiges Fräulein,“ sagte der Mann der Frau Lottelott – er war in der That sonst nichts – „Sie sehen auch schlecht aus. Ich habe eine vorzügliche Idee für Sie. Wie wäre es, wenn sie Kephirmilch trinken würden?“ Herr Lottelott hatte zwei Schwächen; die eine, daßer das Familienoberhaupt, die andre, daß er den Arzt spielen wollte.
Seine Frau verhöhnte ihn erbarmungslos. Sie liebte es, ihn vor Andern zu blamiren, damit alles Licht auf sie, als auf die kluge Frau eines dummen Mannes falle. Dabei war sie noch wie ein junges Mädchen in ihn verliebt.
Mely lächelte dankbar. „Warum kümmern Sie sich eigentlich um mich?“ fragte sie so traurig, daß Falk erstaunt aufhorchte. Was mochte in ihr vorgegangen sein? Er erschien sich roh und verständnislos, und er machte eine Geste der Selbstverachtung, wobei ihn Helene ironisch anschielte. Ohnmächtig sah er zu, wie sich die Empfindungen in seiner Seele kreuzten, wie sie stritten, wie es aufkochte in seinem Innern und wie es stürmte. Bis zu dieser Stunde hatte er sich treiben lassen von einer ihm verborgenen Macht. Er hatte das süße Bewußtsein, daß er Mely teuer sei, gleichsam nur geduldet in sich, weil es wohlthuend für ihn gewesen war. Nun aber wurde er mit Schrecken gewahr, wie der Gedanke an dies Weib Besitz genommen hatte von seinem ganzen Körper, von seiner ganzen Seele. Nichts Anderes hatte Raum daneben.
Er bekam Kopfschmerz und verließ das Zimmer. Das fortwährende Gelächter der Frau Lottelott that ihm weher als Keulenschläge. Es war keinLachen, sondern glich einer Folge von schrillen Schreien, einem epileptischen Krampf.
Er ging durch die Küche auf den Balkon und blickte in die besternte Winternacht. Auf der Theresienstraße rollten Pferdebahnwagen.
Er hörte ein Rauschen von Kleidern hinter sich und wandte sich um. Mely war es, die in der finsteren Küche stand und zu ihm hinblickte. Er sah nur einen dunklen Schatten, und auch sie gewahrte nur Umrisse. – ‚Warum bist du eigentlich herausgegangen? Ich konnte es nicht mehr aushalten und mußte dir folgen.‘ – ‚Nur an dich denk ich hier; drinnen bin ich gestört. Dich lieb ich, dich lieb ich.‘ – ‚Ich weiß, daß du mich liebst, und noch tausendmal mehr lieb ich dich: aber sagen kann ich es nicht.‘
So redeten sie zu einander, aber ohne Worte. Es war ein stummes Zwiegespräch in der Finsternis.
„Ich finde kein Licht,“ sagte endlich Mely leise und mühsam, als müsse dies Hinträumen nun beendet werden. „Ich möchte ein Glas, um Wasser zu trinken.“
„Kommen Sie, ich will Ihnen meine Kerze geben,“ versetzte Falk ebenfalls leise, wie wenn er ein Geheimnis verriete. Und Mely folgte ihm willig. Er zündete Licht an in seinem Zimmer und schloß dann die Thüre. Sie ließ es geschehen.
„Wann kommst du wieder, wann werden wirwieder allein sein?“ stammelte Falk, wie trunken von diesem Du.
„Nie mehr!“ erwiderte sie heftig.
Bestürzt und unwillig trat er zurück.
„Ach, es ist ja nicht möglich!“ stieß sie jammernd und leidenschaftlich hervor.
„Wenn du nicht kommst – – dann –!“ Er stand an der Thür und breitete die Arme aus, wie um zu verhüten, daß sie ging. In der Rechten hielt er das Licht. Wie groß sind seine Augen und wie leuchten sie, dachte Mely.
„Sehen Sie, Frau Bender hat mir heute Abend schon Vorwürfe gemacht, daß ich so lang allein bei Ihnen war. Ich kann ja nicht und darf es nicht!“
Er blickte sie fassungslos an, und sie flehte: „Bitte, lassen Sie mich hinaus jetzt.“
Falk ließ die Arme sinken und öffnete die Thüre. Finster blickte er zu Boden, und Mely eilte hastig zum Wohnzimmer, wo man lustig plauderte. Ihr Körper war kalt wie Stein, und ihre Wangen glühten wie Kohlen. Sie saß taub unter den Gesprächen der Leute. Sie sah nur immer Falk an, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, und sie sah sein finsteres Gesicht und wie er die Augen nicht erhob vom Boden. Da regte sich Angst in ihr. Sie suchte einen Beschluß zu fassen und einen Ausweg zu finden, und die Unfähigkeit dazu verursachte ihr große Qual. Ich mußmit ihm reden, das ist klar, dachte sie. Alles muß ich ihm sagen, wie mir zu Mut ist. An diesen Gedanken klammerte sie sich mit aller Kraft.
Unter den Lottelotts entstand ein Streit. Sie wollte noch Bier trinken, und er wollte heim. Er schalt sie eine Säuferin, und sie schalt ihn Esel. „Ich weiß, wie du heimgehst,“ sagte sie wütend. „Unterwegs nimmst du alle Wirtshäuser mit, die an der Straße liegen. Sumpf und Stumpfsinn ist dein Vergnügen.“ Lottelott lächelte Frau Bender entschuldigend an und hörte nicht auf, sich mit beschäftigter Miene den Kopf zu kratzen.
Helene beendete den Streit mit der ihr eigenen Entschiedenheit. Sie erbot sich, Bier zu holen, und stand gleich auf, um das Glas in der Küche mitzunehmen. Falk fühlte die Verpflichtung, sie zu begleiten, und folgte stillschweigend. Draußen ließ ihn Helene hochmütig an. „Nun, – Sie bemühen sich gar zu mir herab – o!“ Baß erstaunt thuend, hob sie die Hände. Sie trug ein knallrotes Kleid, das Falk wie abgestimmt erschien zu ihrem ganzen Wesen. Er wußte ihr nicht zu antworten. Für ihn war sie halb Kind, halb Greisin, und nie wußte er sich ihr gegenüber zu benehmen.
Sie hatten schon die Korridorthüre geöffnet, als Mely nachkam. „Ich will mitgehen,“ sagte sie mit müder Stimme. „Es ist mir zu heiß imZimmer.“ Sie schritt mit Helene die Stufen hinab, und Falk, der seinen Mantel um die Schultern geworfen hatte, tappte mit der Kerze hinterdrein. Aber bald stand Mely still und drückte die Hand aufs Herz. Falk blieb neben ihr stehen, und Helene ging, ohne auf sie zu achten, weiter.
Nur mechanisch hatte Falk Halt gemacht. Er blickte Mely nicht an, sondern sah die Stufen hinab ins Dunkle. Da haschte Mely nach seiner Hand und flüsterte beklommen: „Herr Falk, – sei’n Sie nimmer böse! Ich will kommen. Ich will heute Nacht kommen, wenn alles schläft. Auf einen Augenblick.“ Dann ging sie weiter.
Falk glaubte sie nicht recht verstanden zu haben. Wie ein Träumender kam er im Hausflur an. Ihre Worte hatten einen dumpfen Schrecken in ihm erregt. Das erste, was er dachte, war: sollte ich mich in ihr getäuscht haben? Doch dieser Gedanke verlor sich gleichsam in die Finsternis. Er fühlte etwas in sich zerfließen, etwas Kaltes und Drückendes, das ihm sein Leben schwer gemacht hatte und nüchtern. Wäre er jetzt gezwungen worden, zu reden, er hätte nur zu lallen vermocht. Verwunderung und Scheu und ein beglücktes Nachsinnen erfüllten ihn. Und dann die Furcht, daß sie sich in seiner Achtung geschadet haben könne, oder daß sie ahnungslos wie ein Kind sich einer großen Gefahr hingab.
Helene hatte schon das Thor aufgesperrt, undhüpfte nun über die Straße. Mely stand unterm Thor, und jetzt sah sie Falk an mit einem vollen, funkelnden und fast triumphirenden Blick. Schüchtern begegnete er ihren Augen. Er gewahrte, daß sie zusammenschauerte im Frost, und legte seinen Mantel um ihren Körper. Sie ließ es geschehen, doch sagte sie: „Innerlich ist mir heiß. Eigentlich friert mich gar nicht.“ Ihr Gesicht war sehr bleich. Doch dies Triumphirende und zugleich Verträumte wich nicht von ihren Zügen. Bisweilen huschte ein fast wahnsinniges Lächeln um ihre Lippen. „Ich bin nicht so ruhig, als es scheint,“ sagte sie ein wenig bekümmert und seufzte. Falk nickte. „Ich kenne ein Gedicht von Stauffer-Bern,“ erwiderte er. „Der Mann hat es im Irrsinn geschrieben. Die erste Strophe heißt: Hinter des Kerkers Gitter singt traurig ein Vögelein: O Lieb, wie bist du bitter, o Schatz, wie bist du fein.“
Sie sahen sich an, und Beider Lippen bewegten sich, gleichsam Worte des Glücks suchend. Jetzt kam Helene zurück.
Erst um halb zwölf Uhr gingen die Lottelotts nach Hause. In seinem Zimmer warf sich Falk in den Fauteuil und regte sich nicht mehr. Bald war alles still im Hause. Die nachgelegten Kohlen prasselten im Ofen. Ich könnte jetzt ein bißchen lesen, dachte Falk, doch er war unfähig, sich zu erheben. Und er sinnirte: Was hat es auchfür einen Zweck, wenn ich jetzt lese? Was kann mich noch interessiren von den Dingen der Welt? Ihm war wie einem Menschen, der am Vorabend einer großen Reise steht, ohne daß er weiß, wohin das Schiff steuern wird. Er dürstete danach, den schwarzen Schleier der Zukunft zu lüften, nur für eine Stunde. Was wird in einer Stunde sein? fragte er sich, und er vermochte sich durchaus nicht vorzustellen, welche Ideen, welche Empfindungen ihn nach Ablauf dieser Zeit beherrschen würden. Wenn nun die Thüre aufging und sie kam herein, mußte da nicht ein neues Zeitalter beginnen –? So dachte er, solche Wichtigkeit besaß dieser Vorgang in seinen Augen. Geheimnisvoll und zugleich schmerzlich war dies. Er glaubte, sein Herz sei versengt. Wer ist sie? grübelte er. Warum hat sie das gesagt? Und sein Argwohn erfüllte ihn mit Zagen und Beklommenheit.
Draußen wurde eine Thüre geöffnet und wieder zugeschlagen. Die Katze miaute. Bald war es wieder still, und es blieb auch still. Aber je länger er wartete, je mehr nahm seine Erregung zu, und er seufzte, gequält von diesem inneren Brand.
Da klirrte die Thürklinke. Die Thüre wurde gar vorsichtig geöffnet, und Mely trat auf den Zehen ein. Vorsichtig schloß sie die Thüre wieder, wandte sich um und schaute sekundenlang wie geblendet ins Licht. Sie war die ganze Zeit hindurchim Finstern gesessen, dachte Falk, und diese Vorstellung erfüllte ihn mit Zärtlichkeit und mit Sorge für sie. All seine trüben Gedanken waren verschwunden, und Freude und Stolz ergriffen ihn. Er wußte nichts zu sagen, als: „Du bist gekommen –“ Und er wollte auf sie zugehen.
Aber sie machte eine heftige und kummervolle Geste mit den Armen und rief flehend aus: „Herr Falk, Sie dürfen nicht du zu mir sagen.“ Rasch eilte sie dem Fauteuil zu und ließ sich darin nieder. Sie drückte die Hände vor das Gesicht und begann zu weinen, – unaufhaltsam.
Falk setzte sich auf die Lehne des Sessels, dicht neben sie. Er schlang seinen Arm um ihren Hals, und er preßte ihren Kopf fest und heftig an seine Brust. Vor tiefer Erschütterung konnte er nicht sprechen, und er ließ sie weinen und fragte nicht warum. Sie löste die Hände von ihren Wangen und preßte das Antlitz ganz und gar an seinen Körper, und der Geruch ihrer Haare berauschte ihn. Und es machte ihn völlig verstört, ihren Leib so nahe neben sich zu wissen, der so warm war, so jung und so schön. Er beugte sich nieder, – tief, so daß seine Lippen bald die ihren berühren konnten, und nun drückte er seinen Mund auf ihren Mund. Ihr Mund war schwellend und so weich wie Sammet, und so heiß wie der Mund eines Fieberkranken. Langsam, den Genuß der Näherung bis zur Neigekostend, geschah dies Aufeinanderdrücken. Und wie angeschmiedet hafteten die Lippen zusammen, und ihre Herzen preßten sich eines dem andern entgegen, und sie wollten die dünne Decke des Körpers zerbrechen in freudiger, glücklicher Qual. Minuten vergingen und reihten sich zu Viertelstunden, aber ihre Lippen trennten sich nicht. Das große Vergessen war gekommen für beide, die lange und einzige Stunde, die den Entgelt bietet für die Leiden des Lebens. Mit geschlossenen Augen küßten sie diesen langen Kuß, und Falk saugte die bitteren Thränen ein, die von ihren Lidern niederflossen.
Warum weint sie? dachte er dann. O, wenn ich das nur wüßte. Was kann der Grund sein? Ist es ein Schuldbewußtsein in ihr? Oder ist es nur, weil jetzt ein liebloses Dasein aufhört für sie? Nein, nein, sie fühlt sich schuldig, das allein ist es! Könnt ich doch lesen in ihrer Seele! Aber sie ist ein Rätsel, ein Geheimnis. Nicht umsonst heißt sie Melusine.
Aber er wollte diese Gedanken ersticken, darum küßte er sie auf die Augenbrauen, in das Haar, auf den Hals, auf die Stirn, auf die Lider, auf die Wangen, küßte ihre Thränen fort und dann wieder auf die Lippen, daß sie sich öffneten wie Kelche und er die Zähne küßte. Als ob sie sich hätte wehren wollen, hielt sie sein Handgelenk fest und bäumte sich bisweilen auf, bevor sie sich seinen Küssen ganz hingab. Dann umarmte sie ihn, undaufschluchzend und immerfort weinend, klammerte sie sich fest an ihn. „Warum weinst du?“ fragte Falk fassungslos. Aber sie schwieg. „Warum weinst du? Warum weinst du?“ drängte er. Sie schüttelte den Kopf und preßte sich wie schutzsuchend an ihn. „Ist es meinetwegen?“ fuhr er zu fragen fort. Sie verneinte. „Deinetwegen? Ist es wegen des Obersts? Ach warum? warum? So sprich doch!“ – „Ach, ich weiß es ja nicht,“ flüsterte sie schmerzlich. – „Liebst du mich denn? Liebst du mich? Sag Schatz, küßt dich der Oberst auch?“ – Sie nickte, und als er sich abwandte, legte sie schüchtern den Arm um seinen Hals und sagte hastig, ihn zu sich herziehend: „Aber nicht so wie wir.“ Und sie lächelte sanft und aufrichtig. Alles hatte sich erfüllt, was sie zusammengeträumt, all das Glück und die bittere Schönheit dieser heimlichen Liebe.
„Küsse mich,“ bat Falk, aber sie schüttelte den Kopf, halb neckend, halb betrübt. Er schloß sie so fest in die Arme, daß sie seufzte, und über eine Stunde lang sprachen sie kein Wort. Sie dachten beide dasselbe: wunderbar und überaus erstaunlich kam ihnen das Geschehene vor, und wenn sie in die Vergangenheit blickten, so erschien alles, was sie erlebt, nur deswegen vorhanden, um sie zusammenzuführen.
Aber immer mehr erwachten Unruhe und Mißtrauen in Falk. Er schaute finster in die abnehmendeKohlenglut; dann erhob er sich und schraubte die Lampe etwas niederer. Ist es denn möglich, daß sie ahnungslos in aller Reinheit zu mir kam? dachte er. Weshalb hat sie dann geweint? Und er stand in tödlicher Furcht vor einer Thatsache, die viele Andre ausgenützt hätten auf jeden Fall und um jeden Preis. Er ging wieder zu ihr und küßte sie bedachtsam und zärtlich. Dann nahm er ihre beiden Hände und blickte sie unverwandt an. Er studirte die Linien ihres Gesichts in diesem bläulichen Dämmerlichte, und er fand Manches daran auszusetzen. Weshalb hat sie diese Falte von den Nasenflügeln aus abwärts? grübelte er. Auch ihre Stirn hat Falten, kaum sichtbar, aber sie sind da. Und diese Züge, im Ganzen ihm so teuer, wurden ihm in ihren Einzelheiten eine Minute lang förmlich verhaßt. So wird es sein, so lange die Welt steht: Haß und Liebe werden nebeneinander einhergehen, eng verschwistert.
Er ließ sich auf die Kniee nieder und spielte ein wenig Komödie. „Immer wirst du bei mir bleiben, ich laß dich gar nimmer fort.“ Und er zog ihren Kopf herab, wo es völlig Nacht war. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie verstand ihn nicht. Er sah sie an: erklärend und forschend. Diesen Blick verstand sie. Schreck und Enttäuschung erfüllten sie plötzlich, und sie vermochte kaum zu reden. „Nein, ach nein,“ preßte sie hervor, außersich vor Jammer. „Nicht das, – niemals, wenn du mich nicht töten willst.“
Schuldbewußt legte er den Kopf in ihren Schooß. Und Melys Finger krampften sich in seine Haare, immer fester und fester. „Sag, hat der Oberst noch niemals etwas von dir verlangt, was – verstehst du mich denn nicht?“ Mühsam brachte Falk das hervor, und er hob den Kopf nicht dabei. „Nur das Eine sag: hat er es gewollt?“ drängte er und umklammerte ihre Hand.
„Ja, aber ich bin gegangen. Das ist wahr.“
Warum habe ich ‚das ist wahr‘ gesagt? dachte Mely. Atemlos wartete sie auf seine Antwort. Aber er entgegnete lange nichts. Sie blickte verzagt und beschwörend zu ihm nieder, aber er sah sie nicht an, sondern drückte den Kopf tiefer in ihren Schooß. „Schatz, süßer, süßer Schatz,“ stammelte er dumpf und leidenschaftlich. Dann löste er ihre Frisur, indem er die beiden Nadeln in dem griechischen Knoten entfernte, und streifte das lange dunkle Haar über seinen Kopf. Drohend und immer drohender stieg das Bild des Andern vor ihm auf, und alles was sie sagte, diente nur dazu, seinen Argwohn zu schüren. Rätselhaft war sie ihm in allem, was sie sagte, und deshalb stieg seine Liebe zu ihr mit jeder Minute. „Wie still ist die Nacht,“ flüsterte er. „Wirst du je diese Nacht vergessen? Mely sprich, wirst du mich jevergessen? Wirst du nie aufhören, mich zu lieben? Bin ich es auch wirklich allein, den du liebst? Ach, wer hätte das gedacht noch vor kaum zwei Tagen. Und jetzt diese stille Nacht dazu. Sieh, die Lampe flackert nur noch, bald wird sie aus sein, und es wird finster werden. Schau mich an, Schatz, – o, warum wendest du dich denn ab? Fürchtest du dich vor mir?“
„Ja –“ hauchte Mely, und sie zitterte vor Erregung. Dies Zittern ging durch ihren ganzen Körper, auch innerlich. Seine Stimme war so weich, so einschmeichelnd, wenn er leise sprach, und es lag eine kindliche Güte darin. Alles war ein wenig phantastisch, was er sagte, aber das gerade, das Märchenhafte beseligte sie, und seine Güte zog sie zu ihm hin. Noch immer war das Scheue und Bewundernde in ihren Blicken, wenn sie ihn ansah, und seine wilden Küsse durchdrangen sie bis ins Mark.
„Was hast du für herrliche Augen,“ begann er nun wieder, und lehnte seine Wange an die ihre. „Sie sind wie Meere. Wenn du so rasch die Lider aufschlägst und verwundert und erschreckt dreinschaust wie ein ganz kleines Kind, – o, das ist herrlich!“
Wenn Jemand, durchnäßt vom Regen, heimkommt und in wärmende Kleider geschlüpft, lächelnd am Herdfeuer sitzt und auf den Sturm horcht, so empfindet er ungefähr das wohlthuendeBehagen, das Mely bei diesen fast wehmütig hingesprochenen Worten Falks empfand. Sie fühlte sich klein und förmlich bußbereit; sie mußte die Augen schließen, und in den Minuten, in denen er nicht sprach, suchte sie sich schöner, verheißungsvoller Träume zu entsinnen, um das Märchengleiche dieser Minuten nicht zu verletzen.
„Sieh, jetzt wird das Licht aus sein,“ fuhr er fort, indem er immer leiser sprach, wie eingeschüchtert durch die größere Dunkelheit. „Sag, wirst du nie aufhören, mich zu lieben? Ich will nicht schwören,“ – seine Stimme zitterte – „aber ich lege zwei Finger in deine Herzgrube, das bedeutet mehr, wie schwören: nie, nie will ich aufhören, dich zu lieben.“ Er hatte ihr das Gewand aufgeknöpft, und hatte seine Hand wirklich auf ihre bloße Brust gelegt, in der das Herz hämmerte, wie gejagt.
Trunken starrte Mely in das winzige blaue Flämmchen, das noch übrig war. Dann füllten ihre Augen sich mit Thränen, und sie konnte sich nicht enthalten, zu schluchzen. „Was hast du, Schatz?“ flüsterte er, sie stürmisch umfassend. „Bitte, sag doch blos, was hast du? Antworte, du bringst mich ja zur Verzweiflung.“
Aber sie blieb stumm. Sie vermochte nicht zu reden. Sie empfand selbst, wie seltsam das alles war, wie die dunkle, späte Stunde und das enge Beieinandersein die Gefühle krankhaft verfeinerteund übertrieb. Wie hätte sie ihm sagen können, daß schon der Gedanke an ein Aufhören seiner Liebe sie mit Gram und Beklommenheit erfüllte ... Vieles hätte sie ihm noch mitteilen mögen, aber sie fand die Form nicht. Sie konnte es nicht übers Herz bringen, Du zu sagen, trotzdem sie wußte, wie kindisch und blöde diese Scheu war. Sie erwiderte schüchtern seine Küsse, als bäte sie ihn dafür um Verzeihung. Aber in ihm erwachte das dunkle und drückende Bewußtsein, daß in diesem Weib noch ein ganz andres Wesen stecke, als jenes, das sich ihm jetzt hingab mit aller Macht. Dies eine, gegenwärtige, war ein mädchenhaftes, liebevolles Geschöpf, rein und gut und frevellos. Aber das andere war ein gefährliches, wetterwendisches und unberechenbares Wesen, sphinxhaft und unfaßbar. Ganz plötzlich, wie durch Ahnung, wurde er sich dessen bewußt. Aber er küßte sie, und je mehr er sie küßte, desto unersättlicher wurde er. Traumhaft und voll von unbegreiflichem Zauber waren diese Stunden für ihn. Sie standen beide vor der Schwelle jenes schwülen, finsteren Glücks, das zur Auflösung jedes persönlichen Bewußtseins führt. Und sie haschten nach dem Flatternden, Ungewissen, aber hinein in die Finsternis schritten sie nicht. Sie ist zu feig, oder sie verbirgt mir etwas, dachte Falk.
Da schlug es fünf Uhr, und erschrocken fuhren sie zusammen.
Er begleitete Mely bis zur Thür ihres Schlafgemachs. Unter der Thüre umarmten sie sich noch einmal, ganz trostlos, scheiden zu müssen, und dann kehrte Falk auf den Fußspitzen in sein Zimmer zurück.
Er schraubte die Lampe wieder hoch, und saß noch lange wachend im Lehnstuhl. Ein träumendes Staunen lag auf seinen Mienen. Zunächst war er verwundert, daß alles, was er jetzt erlebt, in wenigen Stunden einer einzigen Nacht vor sich gegangen war. Monate schienen es ihm zu sein, in denen er abgeschlossen von aller Welt nur mit ihr allein gelebt hatte, in denen er sie kennen gelernt bis auf den letzten Grund ihres Herzens, ohne daß sie deshalb aufgehört hatte, ein Wunder, ein Rätsel für ihn zu sein. Auch war sie noch gegenwärtig; der Duft ihrer Haare war noch im Zimmer. Noch empfand er die Wärme ihres Körpers, noch spürte er das bittre Naß ihrer Thränen auf den Lippen. Noch redete er mit ihr, und er wußte, daß sie jetzt ebensowenig schlief, wie er, sondern daß sein Schatten, sein anderes Selbst neben ihr war, wie das ihre neben ihm. Und doch, wenn er sich genau prüfte, so mußte er sich gestehen, daß etwas wie Übersättigung in ihm war, und jene Erleichterung, mit der jeder Mensch von einem Vergnügen scheidet, das ihn vollständig zufriedengestellt hat. Ja, allgemach nahm ein solches Behagen in ihm Platz, daß ernoch eine Cigarette anzündete, und behaglich schmauchend in die laue Winternacht hinaussah. In der Art, wie er sorglich und vergnügt den Rauch hinausblies in die windlose Nacht, lag eine Fülle geschmeichelter Eitelkeit.
Oft vermag der Mensch das Heiligste seiner Seele dadurch zu verunreinigen, daß er sich zufrieden fühlt.
Als Mely am andern Morgen erwachte, fiel es ihr schwer, sich auf die Vorgänge der Nacht zurückzubesinnen. Und als ihr diese klar wurden, erschrak sie bis ins Herz. Sie klagte sich eines unverzeihlichen Leichtsinns an und faßte den Entschluß, Vidl Falk gar nicht mehr zu begegnen. Was muß er von mir denken! dachte sie beständig und faltete die Hände, so unbegreiflich erschien ihr, was sie gethan. Eingeschlummert war sie, den süßen Druck seiner Lippen gleichsam nachkostend, und jetzt zeigte ihr das Tageslicht die ganze Bitterkeit eines Fehltritts. Trotzdem es schon zwölf Uhr war, konnte sie sich lange nicht entschließen, das Bett zu verlassen. Überdruß und Furcht beherrschten sie; hauptsächlich fürchtete sie eine Begegnung mit Falk. Ich werde in meinem Zimmer essen, beschloß sie. Ich werde auch den Nachmittag über da bleiben. Aber mein Gott, am Abend ist ja der Ball des französischen Clubs, zu dem auch er gehen wird. Es ist unmöglich, auszuweichen....
Aber als sie angekleidet war, als sie die Fenster geöffnet hatte, als die strahlende Schneelandschaft vor ihr lag, blendend und glitzernd, leuchtend und förmlich fleckenlos, fühlte sie sich bald froher. Die Träume waren es, dachte sie, die mich so unzufrieden gemacht haben. Der Rauch stieg in dünnen Säulen empor. Die Glöckchen der Fuhrwerke tönten nah und fern, und von dem Blechsims des Vorfensters erhob sich der farblose Dunst des verdampfenden Schneewassers.
Wie bangte ihr aber trotzdem vor dem gemeinschaftlichen Mittagessen! Ein haßähnliches Gefühl gegen Falk stieg in ihr auf. Er muß mich ja verachten, grübelte sie; was sind das für Beteuerungen, die ein Mann giebt in der Nacht – – und ich habe mich ihm an den Hals geworfen, das ist klar. Sie erbleichte bei dieser Überlegung. An allem begann sie zu zweifeln und am meisten an der Aufrichtigkeit ihrer eignen Gefühle.
Im Korridor stelzte Helene gravitätisch einher. „Was ist denn los?“ fragte Mely, belustigt von der komischen Gespreiztheit des Mädchens. Helene tippte den Finger an den Mund und blieb gedankenvoll stehen. „Pst! Nicht reden!“ lispelte sie. „Die dicke Gnädige hat Migräne. Sie leidet an Tobsuchtsanfällen. Schon um zehn Uhr hat sie nach Herrn Falk geschickt. Natürlich, der ist billig.“
Mely runzelte die Stirn. Einem Stich gleich empfand sie Eifersucht, doch nur eine Sekunde lang. Dann erschien ihr das lächerlich, nur die Sorge beschlich sie, daß jenes Weib mit Verleumdung umgehen möchte. Doch geheimnisvoll ergriff Helene sie am Arm und zog sie ins Schlafzimmer der Familie. Dort lag über einer Stuhllehne ihr kanariengelbes Ballkleid. Es war im Empirestil gehalten. An manchen Stellen ging die Farbe in rostiges Orange, an andern in ein sattes Dottergelb über. Mely war entzückt. Im Innern überlegte sie, wie sie wohl von diesem Ball loskommen könnte. „Ich gehe so ungern mit, Helene,“ sagte sie. „Sie wissen ja, daß der Oberst nichts davon erfahren darf. Und diese Heimlichkeit – ach!“
Dann mußte sie ins Wohnzimmer. Ihr bangte davor. Sie wußte, daß Falk drinnen war, und mit klopfendem Herzen öffnete sie die Thüre.
Er war allein da. Als sie ihn sah, füllte sich ihre Seele mit einer Flut neuer Liebe. „Wie hast du geschlafen?“ flüsterte er hastig. – „O herrlich,“ gab sie zurück, mit funkelnden Augen und jenem erwärmenden Lächeln, das sie so merkwürdig machte.
Der Abend kam und mit ihm die Vorbereitungen zum Ball. Als Mely fertig war, trat sie zu Falk und sagte mit unterdrückter Stimme: „Soll ich dableiben? Ja? –“ Er sah sie bestürzt an. Sie zitterte. Hinter demdünnen Spitzengewebe des Dominos schimmerte ihre Brust. Er hatte ein schwindelähnliches Gefühl und ohne den Blick von ihr abzuwenden, versuchte er, sorglos zu lächeln.
Dann fuhren sie zum Luitpold-Block. Der Ball war sehr besucht. Es gab viele befrackte und eilfertige Herrn mit einfältigen Gesichtern. Sie trugen das Bewußtsein ihrer Vornehmheit spaziren. Sie schwitzten und lächelten sanft, beinahe vorwurfsvoll. Manche standen ernst und wächtergleich an Säulen und sie gähnten in wohlvorbereiteten Pausen. Ihre Haltung war kühl und welterfahren. Was die Damen betrifft, so lächelten sie ohne Ausnahme: ein offizielles, temperamentvolles Lächeln.
Falk tanzte nicht. Er war niedergeschlagen. „Ohne Zweifel sehe ich aus wie alle andern jungen Herrn,“ sagte er sich. „Nur ist meine Rolle noch komischer. Ach, das Leben muß heiter sein, denn diese Leute sind sehr fröhlich. Man erwartet von Jedem, daß er lustig sei. Bunt und sorglos ist das Leben und die schwarzen Philosophen sind im Unrecht. Da ist Frau Lottelott, sie tanzt mit Feuer und ihr Gesicht ist krebsrot. Und diese Frau soll unglücklich sein, sagte Helene. Sie sollen oft kaum zu essen haben. Siehe, auch Frau Bender tanzt. Sie wird sich hübsch zurichten bei ihrem Leiden ...“
Sein Gesicht verfinsterte sich und er preßteboshaft die Lippen zusammen. Er wollte nicht nach der Richtung sehen, wo Mely tanzte. Er fand die Musik unerträglich und machte die Beobachtung, daß alle Leute beim Tanz ein sehr blödes Gesicht zeigen. Einige sahen traurig aus, andre witzig, einige senkten die Lider, andre richteten die Augen verzückt nach oben; manche machten Bewegungen, als wollten sie im Finstern eine Treppe besteigen und fänden die Stufen nicht. „Alle diese Gesichter hasse ich bis auf den Tod,“ murmelte er und der Walzer, das Kleiderrauschen, das Schlürfen der Tänzer, das Lachen und Liebeln, all das schmerzte ihn bitter. Sein Gesicht überzog sich mit Leichenblässe, als er Mely dicht neben sich mit einem kleinen, weißblonden Herrchen vorübertanzen sah. Sie konnte über ihren Tänzer hinwegsehen, aber sie schlug die Augen nicht auf, ihr Gesicht hatte einen angestrengten und leidenden Ausdruck und sichtlich mühevoll schleppte sie den kleinen Mann mit sich fort. Ihre Frisur hatte sich ein wenig gelockert und darüber empfand Falk Schadenfreude.
Er schlich in einen Nebensaal, wo nur einige Flammen brannten. Ein paar alte Damen saßen in einem beleuchteten Winkel tuschelnd beisammen. Unterwegs hielt ihn Frau Bender an und machte ihm über sein mürrisches Wesen Vorwürfe. „Warum sind Sie so uninteressant?“ fragte sie. „Sehen Sie mich an. Ich habemehr Sorgen als Likör und fühle mich doch wie neugeboren.“ Wenn sie witzig sein wollte, schlug sie stets einen melancholischen Ton an.
Kurze Zeit hatte er im Halbdunkel gesessen, als Mely auf ihn zuschritt. „Mich friert,“ sagte sie und nahm seufzend Platz. „Weshalb so verstimmt?“ fragte sie plötzlich besorgt und ergriff seine Hand. Und als wüßte sie, was in ihm wühlte, setzte sie hinzu: „Ich bin ja so ungern hier! Viel lieber wär ich daheim. Ich bin ganz krank vor Angst.“
„Angst –?“ Er zuckte verächtlich die Achseln. „Nun, war der Tanz recht unterhaltend?“ fragte er hart und höhnisch.
Sie bejahte trotzig. Aber als er aufstehn wollte, hielt sie ihn zurück. „Das dürfen Sie nicht sagen!“ flüsterte sie mit unterdrücktem Händeringen.
„Sie –! Warum Schatz, – warum sagst du nicht du zu mir?“
„Ich kann ja nicht.“ Sie war verlegen.
„Dann sag ich auch Sie.“
„Bitte, – nein.“ Und sie lachte ihn glückselig an. Mit einer müden Geste ordnete sie das Haar und Falk ließ sie nicht aus den Augen. Er vermochte sich ihrem Blick nicht zu entziehen. Ein feiner und bedrückender Zauber war in ihren Augen verborgen, die einen kindlich rührenden, klagenden Ausdruck hatten. Aber seine Gedankennahmen eine feindselige Färbung an. Hier sollte sie nicht sein, dachte er. Das entfernt uns. Überaus zart ist diese junge Liebe. Sie erträgt weder fremde Augen, noch erträgt sie Vergnügungen und Tanz. Wie sie voll ist von Furcht. O, wenn ich wüßte, was hinter dieser Furcht versteckt ist! – Und wie Alkohol stiegen ihm Zweifel und Argwohn zu Kopf, so daß er die Gegenstände um sich her kaum erkennen konnte.
Als sie dann an Frau Benders Tisch Platz genommen hatten, brütete er finster vor sich hin. Er rauchte unablässig. Helene beobachtete bald ihn, bald Mely. Ihre Mutter hatte sich einer maßlosen Fröhlichkeit überlassen. Sie war ein wenig betrunken, redete und lachte unablässig mit Frau Lottelott und hatte in Wirklichkeit alle Sorgen ihres Lebens vergessen.
Falk wandte sich endlich an Mely, während Helene ging, um zu erhorchen, ob Dr. Brosam nicht gekommen sei; er hatte es versprochen; selbst wenn es Mitternacht werden sollte, würde er kommen.
Mely hörte erst gar nicht auf ihn. Unablässig suchend, wanderte ihr Blick umher. Die Furcht, einen der Freunde und Bekannten des Obersts zu sehen, verzehrte sie. O warum bin ich mitgegangen, dachte sie, ich kann es nicht begreifen.
„Sie haben mir noch nie erzählt, welch ein Mensch dieser Herr Oberst eigentlich ist,“ begann Falk. „Wenn ich Sie so beobachte, muß ich ihn für einen wahren Räuberhauptmann halten.“
„Nein, nein,“ antwortete sie. „Er ist ein seelenguter Mensch. Ich glaube es wenigstens, ich werde selbst nicht klug aus ihm. Im Zorn ist er von maßloser Heftigkeit. Wie hat mich der Mann schon gequält! Die reinsten Schurkenstreiche hat er schon verübt an mir; und doch ist er dann wieder so liebevoll, so gut, ach es macht mich verrückt, darüber nachzudenken. Wenn Sie ihn kennen würden, Sie wären sicher begeistert von ihm, Sie würden mich für die größte Lügnerin halten.“ Sie hielt inne, denn sie sah sich von Frau Lottelott belauscht. Ihr Blick richtete sich traurig in die Ferne.
Und plötzlich wurde dieser Blick starr. Die Augen öffneten sich unnatürlich weit und das tiefste Entsetzen lag in ihnen. Eine Totenblässe überzog ihr Gesicht und die Lippen bewegten sich. Erschrocken folgte Falk der Richtung ihres Blickes. Er sah nichts, als daß zwei neue Ballgäste, Doktor Brosam und Doktor Wendland angekommen waren. „Was ist Ihnen denn?“ fragte er mit heiserer Stimme, während er wie hülfesuchend Frau Bender anschaute. „Der Hausarzt des Obersts,“ stotterte Mely, beide Händeauf die Brust legend; „er darf mich nicht sehen, um keinen Preis.“
„Wer? wer denn?“
„Doktor Wendland.“
„Ja, aber was sollen wir thun?“
„Heimgehen, Frau Bender, ich bitte Sie darum, fort, nur fort.“
„Ja warum nicht gar!“ kreischte Frau Lottelott mit einem drohenden und haßerfüllten Blick auf Mely.
„Natürlich gehen wir!“ entgegnete Falk finster und mit einer ihm sonst fremden Entschiedenheit.
Die beiden Herren kamen näher. Mely stand mechanisch von ihrem Platz auf. Ihre Augen erweiterten sich noch mehr. Sie fühlte, wie ihre Gedanken stillstanden. Die Menschen um sie her wurden zu Schatten und schienen zu zerfließen. Ein Sausen entstand in ihren Ohren. Wie eine Ertrinkende umklammerte sie Falks Arm und er sah sie ebenso wahnsinnig lächeln, wie damals, als sie beide dem Oberst begegnet waren. „Frau Bender,“ stammelte sie, „das dürfen Sie nicht verweigern, das können Sie nicht.“ Und sie eilte fort, blindlings in einen der Nebensäle hinein.
Falk ging ihr nach. Erschöpft lehnte sie an einem der Wandpolster. Auch Frau Lottelott kam. Geifer floß von ihrem lippenlosen Mund. Frau Bender schleppte sich am Arm ihrerTochter nach. Sie war schon zu heiß im Kopf, um zu begreifen, was vorging. „Gott sei den Gläsern und Tassen daheim gnädig,“ murmelte Helene. Ihre Mutter pflegte, wenn sie betrunken war, alles Zerbrechliche zum Fenster hinauszuwerfen und danach weinte sie dann stundenlang.
Falk schaffte Melys Garderobe herbei. Sie ließ sich den Mantel von ihm überwerfen und den Shawl festbinden. Sie war schwach und sterbensmüde. Eine neue Sorge nagte bereits an ihr und sie fragte Frau Lottelott, ob sie noch hier bleibe.
Frau Lottelott bejahte verwundert.
„Und kommen Sie mit den Herren zusammen?“
„Mit wem? Ach so! freilich, ich hoffe.“ Sie lachte mit überreizter Koketterie.
„Wollen Sie das verschweigen? Bitte, liebste Frau Lottelott, sagen Sie nichts, daß ich da war. Ja?“
„Beruhigen Sie sich nur,“ entgegnete die magere Dame kühl.
„Helene, du bist meine bravste Tochter,“ sang Frau Bender mit feuchten Augen und umarmte das Mädchen. Mit verstörtem Lächeln sah Mely zu. Sie schlug den Shawl um die untere Hälfte ihres Gesichts und erleichtert aufseufzend durcheilte sie schnell, beinahe laufend, den Tanzsaal. Helene und Frau Bender folgten, erstere mit verbissenen, unzufriedenen Mienen.Sie schaute sich vergebens nach Doktor Brosam um, den sie so gern getroffen hätte.
Falk ließ die drei Damen in eine Droschke steigen, bezahlte den Kutscher und machte sich dann auf den Heimweg.
Die Nacht war kalt und windstill. Die Straßen waren ausgefüllt mit Schnee. Er schlug eine falsche Richtung ein, änderte aber den Weg nicht, trotzdem er es bald bemerkte. Die Stille that ihm wohl, auch die Kälte. Er dachte nichts Bestimmtes, er hatte nur das Gefühl, einer Bedrängnis entronnen zu sein. Er suchte sich ein Bild des Obersts zu konstruiren und glaubte, durch Melys Angst verleitet, auf einen grausamen Despoten schließen zu müssen. So entstand in seiner Phantasie ein Bösewicht mit rollenden Augen und einem hämischen Grinsen. Damals an der Maffeistraße hatte er ihn kaum gestreift mit den Blicken, da er nur für Mely Augen gehabt.
Klirr, klirr, tönten seine Schritte auf dem Schnee. Ja damals hatte es begonnen: die Unruhe in ihm, das Suchen nach dem Geheimnis. Er blieb stehen und gedachte ihrer herzzerreißenden Angst an diesem Abend. Schleier auf Schleier schien sich zu heben vor seiner Überlegung. Aber er fürchtete die Klarheit. Scham und Verzweiflung erfüllten ihn.
In immer größerer Erregung und immerschnellerem Tempo ging er der Heßstraße zu. Als er am Hausthor angelangt war, zitterte er vor Ungeduld, mit ihr abrechnen zu können. Denn daß sie ihn belogen, galt ihm für unwiderlegbar. Er sprang die Treppen hinauf, immer vier Stufen auf einmal nehmend und vergaß völlig, daß es nachts ein Uhr war und Mely doch wahrscheinlich schon schlief.
Jedoch er traf sie noch wach. Sie hatte auf ihn gewartet. Frau Bender lag schon im Bett und Helene schlief auf dem Divan. Die Lampe stand auf dem Tisch, ohne Sturz und der Zylinder hatte eine schwarze Rauchkrone. Die Gardinen waren zurückgezogen und das Mondlicht lag mattschimmernd auf den Dielen. Perlend und gleißend breitete sich die schneebedeckte Straße aus.
Mit offenen Haaren kam Mely ihm entgegen und reichte ihm die Hand. „Wie unglücklich war ich!“ sagte sie.
„Warum?“
„Nun weil ... weil Sie so lange nicht gekommen sind. Nicht böse sein, – ich kann nicht du sagen.“
„Pst!“ machte Falk und deutete mit den Augen auf Helene. Ein freudiger Rausch war über ihn gekommen. Gleich der leichten Spreu waren die finstern Gedanken verweht. Ihr liebliches, gütiges Lächeln demütigte ihn. „Ich liebedich unaufhaltsam,“ flüsterte er inbrünstig und drückte ihre Hand, daß sie einen Schrei unterdrückte. Dies „Unaufhaltsam“ klang ihr ungewohnt und deshalb erregte es in ihr die Vorstellung einer großen, übermächtigen Liebe. Ihr Inneres war erfüllt von seinem Bild wie der Tempel von dem Geist der Gottheit, der er geweiht ist. Bisweilen betete sie für ihn. Doch niemals und unter keinen Umständen hätte sie ihm dies gestanden. –
Am nächsten Tag war sie bettlägerig. Nach dem Mittagessen ging Falk in ihr Zimmer. Sie schien nicht erfreut über seinen Besuch. Er setzte sich an den Bettrand. „Du fürchtest wohl Frau Bender? Aber ich hatte zu sehr Sehnsucht, dich zu sehen.“
Sie schaute ihn ungläubig an. „Ich habe einen schrecklichen Traum gehabt,“ sagte sie. „Ich habe geträumt, der Oberst hätte alles entdeckt und dann –“
„Und dann –?“
„Er stand auf dem Fenstersims und schrie fortwährend nach der Polizei. Seltsam, wie?“ Sie lachte.
Es klopfte und Helene kam. Sie machte große Augen und ein strenges Gesicht, als sie Falk gewahrte. Sie beachtete Mely nicht, sondern stellte eine gleichgültige Frage in die Wand hinein und ging wieder. Dann läutete es im Korridorund Mely fuhr zusammen wie bei einem Böllerschuß. Falk bemerkte wohl ihre Aufregung; er stand auf und verabschiedete sich traurig von ihr. Er suchte sein Zimmer auf und wanderte rastlos auf und ab. Wieder läutete es, und jemand ging in Melys Zimmer. Er legte das Ohr an die Wand, um zu erhorchen, wer drüben sei, aber er hörte nichts. Dann fragte er die Magd in der Küche mit erheuchelter Gleichgültigkeit, wer geläutet habe. Der Doktor Wendland sei es gewesen. Falk verzog den Mund und versank in finsteres Sinnen. Später kam Melys Schwester und als Falk sie erblickte, erwachten plötzlich all seine Zweifel und bedrängten ihn schwer. Sie hat gelogen, dachte er. Daß sie ihre Schwester verleugnet, ist unbegreiflich, aber es ist doch klar, daß sie lügt.
Nach dem Abendthee saß er allein bei Frau Bender. Unvermittelt wandte er sich mit der Frage an sie: „Was halten Sie eigentlich von Fräulein Mirbeth? Und von diesem Herrn Oberst, d. h. welch ein Verhältnis ist das? Was halten Sie davon?“ Er that als interessire ihn das nur als Klatsch, als wolle er kein eigenes Urteil fällen und frage darum bei Andern.
Doch Frau Bender machte ein verlegenes Gesicht und sagte, fein lächelnd: „Ach Sie wissen doch selbst, was man darüber spricht. So ein Mann –!“
„Nun – und was spricht man denn?“ erwiderte Falk ungeduldig und zornig und wurde weiß wie eine Wand. Das erschien ihm über alles wichtig: was man sprach. Das erschien ihm in diesem Augenblick entscheidend.
Frau Bender hatte die Lider gesenkt und fältelte an einem Puppenkleidchen. „Mein Gott, ein alleinstehendes und noch dazu armes Mädchen, es ist bedauerlich,“ sagte sie bekümmert. „Und was für ein Leben führt sie drüben! Wie drangsalirt er sie oft mit seiner Eifersucht und seiner grenzenlosen Willkür. Manchmal, wenn ein Brief kam, oder wenn ihr Name draußen genannt wurde, war sie einer Ohnmacht nahe vor Herzklopfen. Und doch kann ich den Mann eigentlich nicht verurteilen. Sie ist ja furchtbar herb und eigenwillig und – ach, Herr Falk – ich kann Ihnen nur als Freundin raten, lassen Sie es nicht zu tief gehen.“
Ein namenloser Schreck ergriff ihn. Bald bunt, bald dunkel waren die Gegenstände um ihn. Flehend starrte er Frau Bender an. „Wissen Sie denn etwas Bestimmtes?“ fragte er rauh.
„Wer kann da entscheiden? Schließlich sind ja alle darüber einig, daß – es ist ja doch nicht anders möglich, die Männer sind eben so. Umsonst thun sie nichts. Wir haben erst gestern im Club darüber gesprochen ...“
„Ja, aber was? Was denn um Gotteswillen?“
Frau Bender antwortete nicht gleich. Sie riß die Reihfäden aus ihrem Puppenkleidchen und sagte errötend: „Man hält sie eben für die Geliebte des Obersts.“
Falk schwieg. Er schluckte ein paar Mal hintereinander und atmete mit Mühe. „Ach – wirklich!“ machte er dann, scheinbar sehr verwundert, und plötzlich lachte er aus vollem Herzen. Frau Bender sah ihn bestürzt und langsam begreifend an. In vielen Dingen war sie eine feinfühlige Frau. Und dies äußerte sich besonders darin, daß sie jetzt nicht zu trösten, oder zu widerrufen versuchte. Als er sich erhob, und ihr höflicher als sonst gute Nacht wünschte, sah sie ihm lange voll mütterlicher Güte nach.
Mely hatte sich mit Helene unterhalten, und als diese gegangen war, lag sie da, träumend, und ganz ihren Träumen hingegeben. Es wurde still in der Pension, aber sie hatte kein Bedürfnis zu schlafen.
Gegen elf Uhr öffnete sich die Thür leise und Falk trat ein. Er sah sie nicht an, sondern ging an ihrem Bett vorbei zum Sopha und lehnte sich in dessen Ecke zurück, so daß er ganz im Schatten saß.
Mely richtete sich halb auf, stützte den Kopf in die Hand und wandte schmerzlich befremdet das Gesicht dem Sopha zu. In dumpfer Betrübnis starrte sie zu Falk hinüber. In Wahrheit, diesist qual-, qualvoll, ging es ihr durch den Kopf. Die Furcht, ihn zu verlieren, legte sich jäh wie schwere Müdigkeit in ihre Glieder.
Nach diesem langen Schweigen stellte er sich vor das Bett und sagte barsch und gehässig: „Du hast mich belogen.“
„Ich – hätte gelogen?“ Eine flüchtige Blässe ging über Melys Gesicht.
„Also –; jetzt bitte ich dich um Wahrheit. Und wäre sie noch so furchtbar, verschweige sie nicht. Sieh, ich verspreche dir, daß ich kein Wort des Vorwurfs sagen werde: nichts. Ganz still will ich fortgehen; ich will mich nicht mucksen. Nur die Wahrheit. Ich kann diese Leiden nicht länger tragen.“
„Aber mein Gott, was denn?“ flüsterte Mely, und ihr Gesicht war ganz aufgelöst in Bangnis.
„Dies: bist du frei von Schuld? Ist dir der Oberst nicht mehr, als, – wie soll ich sagen, du verstehst mich doch!“
Melys Gesicht verfinsterte sich. Sie preßte zornig die Lippen zusammen, und dann sagte sie kalt: „Ich bitte Sie, Herr Falk, verschonen Sie mich doch damit. Ich will nichts hören.“ Sie streckte sich aus im Bett und blickte zur Decke.
Falk setzte sich auf den Bettrand und sagte traurig: „Ich werde ja sterben, wenn es wahr ist. Wenn ich dich nicht so liebte, daß du mir allesbist, die Luft und der Schlaf, und die Erinnerung und die Ruhe, weiß Gott, ich machte nicht viel Umstände. Aber du bist mir teuer, ich schwöre dir. Ich kann nimmer arbeiten und nichts. (Er schüttelte langsam den Kopf.) Das ist keine Eifersucht, denn ich kann mir vorstellen, daß ich diesen drückenden, heißen Schmerz des Argwohns noch hätte, selbst wenn ich aufgehört hätte, dich zu lieben ... Wer kann das begreifen!“
Eine lange Pause entstand. Dann richtete sich Mely auf und griff schüchtern nach seiner Hand. Sie bohrte ihren Blick förmlich in den seinen, und diesen Blick vergaß er nie: so reich war er an Verzweiflung und Mutlosigkeit. Sie sagte weich und bedachtsam: „Schau, warum soll ich dich denn anlügen? (Wie froh und beglückt war er über dies plötzliche Du!) Das könnte doch keine ewige Lüge bleiben. Du willst nicht sehen, wie einfach alles ist. Weshalb kannst du nicht mir vertrauen? Weshalb mußt du auf das Geschwätz der Leute horchen? Es ist mir so gleichgültig geworden, was die Leute sagen, – ach!“
Unaufhörlich hatte sie ihn bei diesen Worten angeschaut. Und ihre Augen waren so sehr erfüllt von Treuherzigkeit und Offenheit, daß Falk erleichtert aufseufzte. Er drückte ihre Hand und schwieg einige Zeit, wie überlegend. „Nun gut, ich glaube dir,“ sagte er endlich. „Und ich will dir glauben, ohne Zweifel und Argwohn bis inalle Zukunft. Aber das will ich dir sagen: wenn du mich getäuscht hast – und du weißt ja, alle Lügen kommen ans Licht, – wenn du mich betrogen hast, werde ich zuerst dich erschießen und dann mich.“ Wie romanhaft klingt das, dachte er bei sich. Aber Mely lächelte zustimmend, und ihre Lippen öffneten sich ein wenig, als sehnte sie sich, geküßt zu werden. Ihr Wesen hauchte eine wilde, beengende Glut aus. „Liebst du mich denn auch wirklich?“ fragte Falk. Und als ob sie einer Eingebung folgte, erwiderte sie rasch: „Bitter.“ Er sah sie erstaunt an und senkte den Kopf.