Das Brautjahr.

Schejn bin ich, schejn,Schejn is mein Numen;Ich kim doch harausVon lauter Rabunim.Auf dem Dach sitz ich,Von der Sünn schwitz ich,Bloe Socken trog ich,Tausend Toler vermog ich.

Schejn bin ich, schejn,Schejn is mein Numen;Ich kim doch harausVon lauter Rabunim.

Auf dem Dach sitz ich,Von der Sünn schwitz ich,Bloe Socken trog ich,Tausend Toler vermog ich.

Kawe in die Kriglach,Met in die Flaschen,Tausend Toler...In die Taschen. —

Kawe in die Kriglach,Met in die Flaschen,Tausend Toler...In die Taschen. —

Die Vorbereitungen zu meiner Verlobung waren großartig. Ich erhielt sehr schöne Sachen. Es wurde beschlossen, daß die jüngst vermählte Schwester mit ihrem Manne, der ältere Bruder, Schwester Käthy und der ältere Schwager Samuel Feigisch uns begleiten sollten.

Vierzehn Tage lang währte die Reise der Wengeroffs bis zu dem vereinbarten Städtchen. Endlich war das Ziel ihrer Reise erreicht, und sie setzten uns durch eine Estafette davon in Kenntnis. Wir reisten ab und erreichten bereits am nächsten Tage in der Nacht Kartuskaja Berjosa.

Es war der 15. Juni 1849 — ein Datum, das sich tief in mein Herz eingeprägt hat und das ich nie vergessen werde.

Im Gasthaus, in dem wir Quartier nahmen, wurde uns gesagt, die Wengeroffs wohnten im Gasthaus uns gegenüber; eine kleine, enge Gasse liege nur dazwischen, und der Wirt versicherte uns, wir könnten von unseren Fenstern auch in die ihrigen hineinschauen, zumal von dem Stübchen, das für mich hergerichtet wurde. Ich begab mich auf mein Zimmer, ordnete die Sachen und versäumte nicht, obwohl ich sehr müde war, den Musselinvorhang zu lüften, um einen verstohlenen Blick ins Nachbarfenster zu werfen. Eine heimliche Stimme in meinem Herzen schmeichelte mir leise, daß von der anderen Seite das gleiche Manöver öfters erfolgtsein mußte. Endlich übermannte mich die Müdigkeit, und ich schlief fest ein.

Am nächsten Morgen weckten mich laute Stimmen aus dem Schlaf, die aus dem Nachbarzimmer meiner Eltern herrührten, und die ich unwillkürlich hören mußte. Die heftige Debatte zwischen meiner Mutter und meinem Schwager berührte — nach damaliger Sitte sehr eingehend — die materielle Seite der bevorstehenden Verlobung: Mitgift, Geschenke, Juwelen usw. Man war über diese Fragen nicht einig und redete hin und her. Erst mein Vater machte dem Streit ein Ende, indem er versicherte: »Wenn nur die Talmudkenntnisse des jungen Mannes gut sind, wird sich das andere schon machen lassen.«

Und nun rüstete sich mein Vater zu dem Akt, der mein Schicksal eigentlich erst entscheiden sollte — nämlich den zukünftigen Schwiegersohn in seinen Talmudkenntnissen zu prüfen; denn der Grad der Talmudkenntnisse war zu jenen Zeiten fast ausschlaggebend dafür, in welche Familie der junge Mann hineinzuheiraten würdig sei. Kein Wunder. Denn ausschließlich der Talmud war es, der als geistige Nahrung der damaligen jüdischen Jugend zugänglich war und auf sie veredelnd und verfeinernd wirken konnte. Zu anderen Wissensquellen führte die meisten kein Weg.

Nun ging mein Vater zu den Wengeroffs. In freudiger Stimmung kehrte er zu uns zurück; erging sich in den schmeichelhaftesten Äußerungen über den jungen Mann und lobte überschwenglich seine talmudischen Kenntnisse.

Von dem alten Wengeroff war er ebenfalls ganz eingenommen. Kurz, er wollte die Angelegenheit nicht verzögern und war entschlossen, noch an demselben Tage die Verlobung zu feiern. Wir beide, ich und mein Zukünftigersollten noch vor dem offiziellen Verlobungsakt miteinander bekannt werden. Zu diesem Zweck wurden Vater und Sohn zu uns eingeladen.

Als ich ins Speisezimmer hineinkam, waren meine Angehörigen schon dort versammelt. Nach einigen Minuten trat ohne jede Meldung ein schöner, ältlicher Herr ein, begleitet von einer jugendlichen, aber mächtigen Gestalt. Alle erhoben sich und gingen auf die beiden zu. Ich konnte mich vor Aufregung kaum aufrechthalten. Wir setzten uns. Ich suchte mich zu beherrschen, um nach der damaligen Sitte ein Gespräch mit dem Vater meines Zukünftigen anzuknüpfen. Es fand sich bald so reichlicher Gesprächsstoff, daß die Unterhaltung allgemein wurde.

Die Meinigen sprachen das sogenannte Russisch-deutsch, während die beiden Wengeroff einen litauisch-jüdischen Jargon gebrauchten und auch den nur mangelhaft. Es stellte sich heraus, daß ihnen die russische Sprache viel geläufiger war, und deshalb unterhielten wir uns weiterhin meistens russisch. Bald war der kleine Kreis so vertraut miteinander, als hätte man sich seit Jahr und Tag gekannt.

Allmählich entfernten sich die jungen Leute in das Nachbarzimmer, mein Zukünftiger schloß sich ihnen ebenfalls an, und zuletzt forderte mich meine Schwester Kathy auf, den anderen zu folgen. Hier wurde die Etikette beiseite geschoben. Wir setzten uns zwanglos nebeneinander und selbstverständlich kam ich in die Nähe meines Bräutigams. Kaum saßen wir eine Weile nebeneinander, als das Zimmer leer wurde — alle entfernten sich, um uns beide ungestört zu lassen. Dieses Benehmen ärgerte mich dermaßen, daß ich nicht fähig war, ein einziges Wort hervorzubringen,und ich schwieg verlegen. Da fing aber mein Zukünftiger an zu reden. Zitternd vor Bewegung sprach er zu mir von seinen Gefühlen, von Liebe, Treue, von unvergänglicher Seligkeit. Viel mehr als seine Worte sagten mir seine Augen.

Aber zwei junge Leute vor ihrer Verlobung durften nicht zu lange miteinander allein bleiben. Es klopfte leise an der Tür, und Schwester Kathy kam uns abzuholen.

Im großen Zimmer warteten alle auf uns, um die Verlobung zu feiern. Nach der althergebrachten Sitte, die bei den frommen Juden noch heute gilt, wurde ein Schriftstück, die »Tnoïm« aufgesetzt, worin genau verzeichnet stand, wieviel Vermögen mein Bräutigam und ich mitbekommen, wann die Hochzeit stattfinden sollte usw. Nachdem dieses Dokument laut vorgelesen worden war, zerschlug man ein Gefäß. Diese Sitte war ein Symbol für die Zerbrechlichkeit des irdischen Daseins. Und eine Mahnung.

Man gratulierte einander. Wein und Süßigkeiten wurden gereicht. Es begann ein lustiges, munteres Treiben. Man speiste gemeinschaftlich zu Mittag, und mein Bräutigam wich nicht von meiner Seite. Am Nachmittag waren wir alle zum Tee bei den Wengeroffs eingeladen, wo uns am brodelnden Samowar und reich gedecktem Teetisch in gemütlicher Unterhaltung die Zeit verging. Mein Vater äußerte den Wunsch, sein zukünftiger Schwiegersohn solle die deutsche Sprache lernen, weil sie in unserem Lande aus gesellschaftlichen Rücksichten unentbehrlich sei, und sowohl der Schwiegervater wie sein Sohn erkannten die Berechtigung dieses Wunsches an.

Bei Wengeroffs erfolgte das gleiche Manöver wie beiuns: der Jugend wurde es zu enge bei der sachlichen Unterhaltung der Eltern, und einer nach dem andern verschwand in das naheliegende Zimmer meines Bräutigams. Es entstand die Frage, ob ich mich zu den anderen gesellen durfte. Meiner Mutter kam es als Sittenverletzung vor. Aber mein älterer Schwager trat für mich ein, und sie erlaubte es schließlich. Als ich am Arme des Schwagers im Zimmer meines Bräutigams erschien, wurde er vor Freude ganz närrisch. Mit jeder Stunde wuchs unsere Neigung, Sympathie und Anhänglichkeit, und wir schlürften vom Kelche der Glückseligkeit mit vollen Zügen. —

Ach wenn sie ewig grünen bliebe,die schöne Zeit der jungen Liebe!

Ach wenn sie ewig grünen bliebe,die schöne Zeit der jungen Liebe!

Es wurde spät — nach der Meinung der Eltern. Die Mutter trat ins Zimmer und flüsterte mir zu, daß es unpassend sei, so lange beim Bräutigam zu verweilen, und ich fühlte in ihrem Ton eine leise Mißbilligung meines Benehmens. Wir gingen nach Hause. Auf dem dunklen Gange, der zu unserer Wohnung führte, hörte ich hinter uns die Schritte des jungen Wengeroff, der uns begleitete. Ich wagte aber nicht, mich umzuschauen, um die Unzufriedenheit meiner Mutter nicht noch zu vergrößern.

So streng wurden wir damals erzogen. So behüteten uns unsere Mütter, nicht etwa aus Mißtrauen, sondern einzig und allein, weil sie es als ihre durch Tradition geheiligte Aufgabe betrachteten, über ihren Töchtern zu wachen. Es war Zartheit und Fürsorge, die unserer Naivität zu Hilfe kommen wollte, keineswegs aber Furcht vor den Folgen weiblicher List. Die Mütter von heute, wenn sie dieseZeilen lesen, dürften sich vielleicht in jene guten alten Zeiten zurücksehnen.

Am folgenden Tage erwachte ich glücklich, freudestrahlend; und ohne jede Aufforderung zog ich meine besten Kleider an. Bald aber trübte sich meine Freude, als ich erfuhr, daß wir noch an demselben Tage nachmittags die Rückreise antreten sollten. Als aber unsere Eltern mir und meinem Bräutigam in die betrübten Gesichter schauten, fühlten sie Erbarmen, und die Abreise wurde bis zum nächsten Morgen verschoben.

Wir jubelten vor Freude. Die Älteren störten uns Junge nicht. Wir unternahmen im Wagen eine Spazierfahrt, waren unterwegs fast ausgelassen lustig, erlebten Abenteuer mit Bauern und kehrten in der glücklichsten Stimmung zu den Unsrigen zurück. Den übrigen Teil des Tages verbrachten wir mit Teetrinken, Naschen, mit allerlei Possen; wir sangen im Chor unsere polnisch-jüdischen Lieder, mein Bräutigam seine russischen, und so verging uns die Zeit bis zum Abendessen. Nach dem Abendessen übermannte uns die Müdigkeit, und wir trennten uns zeitig voneinander.

Aber ich fand keine Ruhe in jener Nacht, ich konnte nicht einschlafen. — Verwegene Gedanken und Bilder hielten mich wach. Mein Herz schwelgte in Seligkeit.

Der Leser wird den Umfang der Umwälzung gemerkt haben, die sich in der kurzen Zeit seit der Verlobung meiner Schwester im jüdischen Familienleben vollzogen hatte. Meine Schwester Eva erblickte ihren Bräutigam zum erstenmal in ihrem Leben unmittelbar vor der Hochzeitszeremonie. Sie sträubte sich zwar dagegen, indem sie sich weigerte, das Hochzeitskleid anzuziehen, bevor sie ihn gesprochen hatte.Doch genügte ein strenger Blick der Mutter, die Widerspenstige zu zähmen. Als nun endlich die beiden sich als Brautleute gegenüberstanden, durfte auch jetzt noch nicht ein Händedruck zwischen ihnen gewechselt werden. Mir aber erlaubte man, schon zusammen mit meinen Geschwistern in sein Zimmer zu kommen; gemeinsam mit ihm und ausschließlich in junger Gesellschaft einen Ausflug zu unternehmen.

Hier sehen wir die Zeit anbrechen, in der sich die Abgeschlossenheit des jüdischen Familienlebens zu lockern beginnt. Unvermerkt dringen in die urwüchsigen jüdischen Familiensitten fremde, nichtjüdische Elemente ein. Noch eine Generation, und die alte jüdische Sitte mutet wie ein längst verklungenes Märchen an.

Am folgenden Tage stand ich sehr früh auf, und in dumpfer, trüber Stimmung machte ich mich zur Abreise bereit. Der Wagen stand schon vor der Tür, meine Eltern und Geschwister waren reisefertig; die Wengeroffs kamen, um gemeinsam mit uns das Frühstück einzunehmen. Als ich meinen Verlobten ansah, bemerkte ich auf seinem Gesicht die Spuren von Tränen. —

Wir hatten uns noch so viel zu sagen und schwiegen beide.

Am Frühstückstisch sprachen nur die Älteren. Die Jugend schwieg beklommen. Die Stunde der Trennung kam. Man erhob sich vom Tisch. In diesem Augenblicke konnte ich mich nicht länger beherrschen und, als mein Bräutigam mich beim Abschied umarmte, — eine für jene Zeiten unerhörte Tat — da brach ich in ein heftiges Weinen aus. Die Eltern waren gerührt und erlaubten uns, eine ganze Strecke allein vorauszugehen. Die übrige Gesellschaft undder Wengeroffsche Wagen folgte. Ein Zwischenfall verlängerte unser Zusammensein: Ich entdeckte plötzlich, daß mir die neugeschenkte prächtige Uhr und Kette fehlten. Das gab Anlaß, einen Teil des Weges zurückzugehen, um das Verlorene zu suchen. Wir fanden beides wieder, und alle behaupteten, es sei von guter Bedeutung für uns.

Wir erreichten die Unsrigen und stiegen in die Wagen. Noch ein letzter Blick, und rasch entfernten sich die Wagen voneinander. Ich drückte mich in eine Wagenecke und versank in trübe Gedanken. Mir war, als schwinde das Teuerste, Schönste und Erhabenste meines Lebens von mir. Ich litt unsäglich in meinem Schmerz. Die Schwester versuchte mich zu beruhigen. Da ward mir plötzlich bewußt, daß ich das Innerste meines Herzens verraten hatte. Ich schämte mich meiner Schwäche. Das half. Ich wurde immer ruhiger und tröstete mich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Meine Eltern aber suchten mich mit dem Versprechen zu beruhigen, daß wir mit meinem Bräutigam noch einmal vor der Hochzeit zusammenkommen würden. So legte sich denn der Trennungsschmerz. Frisch und munter kamen wir zu Hause an.

Bald besuchten uns Verwandte, Freunde und Bekannte und gratulierten uns herzlich. Ich zeigte die kostbaren Geschenke, eine große Perlenschnur, lange Brillantohrringe, Kette mit Uhr. Zugleich mußte ich versichern, daß ich mich, wie der damalige Ausdruck lautete, »gottlob sehr glücklich fühle.«

In der Wahl der Geschenke, die man Kalle- und Chossen-Matones (Braut- und Bräutigamsgeschenke) nannte, folgte man gewöhnlich nicht nur dem persönlichen Geschmack,sondern richtete sich hauptsächlich nach der allgemein herrschenden Sitte. Gewisse Geschenke wurden als unumgänglich betrachtet, und jede Kalle und jeder Chossen, auch die Ärmsten, mußten sie erhalten. Auch der ärmste Chossen bekam zur Hochzeit vor allem einen Talles (Gebetmantel) und einen »Kittel« (Totenhemd), den der jüngere Mann ausschließlich am Jom-Kippur, der ältere, der schon erwachsene Kinder hat, auch an den Sederabenden anlegt. Wenn die Kalle arm war, so wurde für sie »gesammelt«, zu allererst für einen Talles für ihren Chossen. Zu den Geschenken gehörte noch ein Mützchen aus Silberfäden; zur Verlobung eine Uhr ohne Kette (die Herren trugen damals ihre Uhren an schwarzen seidenen Schnüren, welche die Braut gewöhnlich selbst verfertigte). Ich erinnere mich noch jetzt an das Kettchen, das meine Schwester für ihren Verlobten gemacht hatte — es war sehr kunstvoll geflochten, mit kleinen bunten Glasperlchen verziert.

War die Kalle ein reiches Mädchen, so erhielt der Chossen noch zur Hochzeit einen Streimel — eine Mütze aus dem kostbarsten Pelz — und eine »silberne Puschkele« (Schnupftabakdose).

Der Kalle schenkte man vor allem zur Hochzeit ein Gebetbuch, »Korben Minche« genannt.

Unter den Geschenken der sogenannten Balbatimtöchter (Töchter von wohlhabenden Leuten), welche oft nicht mehr als 100 Rubel Mitgift hatten, befand sich stets ein »Kanek« — ein Halsband aus schwarzem Sammet, reihenweise mit kleinen, echten Perlen besetzt; die Perlen mußtenechtsein; das Vermögen der Mechutonim (Schwiegereltern) konnte nur ihre Größe bestimmen. Am Kanek waren als Anhängsel einigeDukaten befestigt, oder bei den reichsten einige größere goldene Münzen, im Werte von 15 Rubel, oder noch größere Münzen, an der drei Königsköpfe im Profil zu sehen waren und die einen Wert von 30 Rubel hatten. Man nannte diese GeldstückeSchaustück. Ferner erhielt die Braut zwei »Schleierlach« aus feinem, weißen Nesselzeug, die man auf dem Kopfe trug. Bei den reichen Partien schenkte man der Braut Brillanten, hauptsächlich Ohrringe, Perlenschnüre und eine goldene Kette, aber ohne die Uhr — die als Brautgabe erst in den vierziger Jahren aufkam. Diese Kette trug man oft beim Ausgehen über den Straßenkleidern, wie ich es im ersten Bande geschildert habe. Sie wurde mit einer Nadel an der Brust in phantastischen Formen befestigt.

Diese Geschenke machten nicht die Verlobten einander, sondern sie wurden von den zukünftigen Schwiegereltern den Brautleuten am Tage der Hochzeit überreicht. Gegen 12 Uhr mittags brachte der »Baddchen«, begleitet von der Musik, die Geschenke ins Haus der Braut.

In dem patriarchalischen Leben jener Zeiten hatte die Sitte das ganze Leben geregelt. Die heutige Generation in ihrer übertriebenen Empfindsamkeit mag diese so sehr minutiöse Vereinbarung seltsam anmuten, vielleicht gar peinlich berühren. Und doch darf man sagen, daß die genauen Abmachungen nur den einen Zweck hatten, von vornherein alle Mißstimmungen, Zänkereien und Feindseligkeiten zwischen den beiderseitigen Familien zu vermeiden.

Ich kehrte in mein Alltagsleben zurück. Es war mir peinlich, als Kalle (Braut) behandelt zu werden. Ich bat meine Angehörigen, von meinem Bräutigam nicht zu sprechen. Ich duldete keine Bevorzugung im Hause und erfüllte alle meine Pflichten wie vorher. Ich besorgte jetzt hauptsächlich die Wirtschaft; denn meine ältere Schwester hatte kein Interesse dafür und unsere liebe Mutter verbrachte den Tag mit Beten, Psalmensingen und Lesen von heiligen Büchern, wie »Menojres Hamoer« und »Nachlas Zwi«.

Dabei lernte ich fleißig weiter bei Herrn Podrowski; denn ich hielt fest an dem Vorsatz, bis zu meiner Hochzeit die beiden Grammatiken, die russische von Wostokow und die deutsche von Heyse, ganz durchzuarbeiten. Jede Arbeit war mir jetzt leicht, soviel Frische, Freudigkeit und Lebenslust war in mir, solch ein Glücksgefühl übermannte mich; es teilte sich auch den andern mit, und Freude herrschte in unserm Hause.

Erst mehr als drei Wochen nach meiner Verlobung kam mein Vater freudestrahlend aus der Stadt zurück und übergab mir einen versiegelten, an mich adressierten Brief mit den Worten: »Da hast du einen Brief, gewiß von deinem Bräutigam.« Zum erstenmal in meinem Leben erhielt ich einen Brief; mit zitternden Händen öffnete ich ihn und las folgendes:

»Vielgeliebte und teure Peschinke, leben sollstu mir, gesund sein, einzige Seele meine!Jetzund seinen wir in Sluzk. Du bist schoin gewißzu Haus, bin schoin von Dir weit 275 Werst. Nur erst gestern bin gewen leben Dir (neben Dir), und ich habe gehört Deine süße, liebe Rede! O, wie glücklich ich bin gewen! Ober jetzund seh ich einzig, daß nach zwei Stunden, wos der Vater will hier verbrengen, wel ich müssen weiterfahren und weiter, mit jeder Minut, jeder Sekunde derweiten (entfernen) sich vun Dir, meine teure Pessunju. Meine teure, einzige Seele Pessunju, Du kennst Sich (Dir) vorstellen, wie mir ist gewen, als ich hob mich gesetzt in Wogen, die Reise zu machen, und zwei Sekunden nachdem hob Dich schojn mehr nit gesehn! Wie es ist mir gewen nochdem, konnte Dir beschreiben Seiten, aber ich fürcht mich efscher (vielleicht) west Du sein unruhig; nor Du kennst allein verstehen, Engel meiner, einzig das wet kennen sein mein Trost, as ich wel lesen Deine mir teure Handschrift, in welche ich wel lesen Deine Gefühle zu mir. Oh, daß wet mich neugeboren machen! Nachdem wet schon bleiben Eins, wie zu verbringen gicher (schneller) die Zeit, welche zerteilt uns einem von dem andern. Dazu wel ich halten Dein Befehl, dos wet sein mein Vergnügen und as ich wel noch erhalten Deine süße Briefe mit Deine Worte!Inmitten der Reise hoben mir gehat noch ein Zustell (Aufenthalt). Zwei Stanzies (Stationen) obforendig von Berese. Mir seien dort gestanen sechs Stunden, von 10 Uhr des Morgens bis 4 Uhr des Abends. Diese Zeit ist mir gewen viel freilacher, ich hob mir baklert (überlegt) mit wie viel weiter wollt ich gewen von Dir als ich wollt gefohren jene Zeit. —Ich verhoff, as Du west mir ton dem Vergnügen zuerfreien mich mit Deine Briefe, darum bet ich schon mehr nit.Sei mer gesind und freilach, geb Gott mir sollen sich gicher (schneller) sehen mit Dir, meine teure Pessunju!Chonon Wengeroff.P. S. Teuere! west kennen schreiben auf mein Nomen den Konwert, bet ich Dich sehr. Verzeih mir, wos hob so schlecht geschrieben, darum, wos ich hob geschrieben mit dem Bleifeder. —Ich bet Dich, bet von mir meinetwegen allemen sollen mir verzeihen, wos ich schreib sei nit; mir heilen (eilen) sehr. Verbleib mir noch a mol gesund, wie es wünscht Dir DeinDich liebenderChonon.8. Juli 1849. Uhr 10 Morgens.Ich schreib dem Adreß of Dein Nomen, worim der Vater hot mir dos geheißen.« —

»Vielgeliebte und teure Peschinke, leben sollstu mir, gesund sein, einzige Seele meine!

Jetzund seinen wir in Sluzk. Du bist schoin gewißzu Haus, bin schoin von Dir weit 275 Werst. Nur erst gestern bin gewen leben Dir (neben Dir), und ich habe gehört Deine süße, liebe Rede! O, wie glücklich ich bin gewen! Ober jetzund seh ich einzig, daß nach zwei Stunden, wos der Vater will hier verbrengen, wel ich müssen weiterfahren und weiter, mit jeder Minut, jeder Sekunde derweiten (entfernen) sich vun Dir, meine teure Pessunju. Meine teure, einzige Seele Pessunju, Du kennst Sich (Dir) vorstellen, wie mir ist gewen, als ich hob mich gesetzt in Wogen, die Reise zu machen, und zwei Sekunden nachdem hob Dich schojn mehr nit gesehn! Wie es ist mir gewen nochdem, konnte Dir beschreiben Seiten, aber ich fürcht mich efscher (vielleicht) west Du sein unruhig; nor Du kennst allein verstehen, Engel meiner, einzig das wet kennen sein mein Trost, as ich wel lesen Deine mir teure Handschrift, in welche ich wel lesen Deine Gefühle zu mir. Oh, daß wet mich neugeboren machen! Nachdem wet schon bleiben Eins, wie zu verbringen gicher (schneller) die Zeit, welche zerteilt uns einem von dem andern. Dazu wel ich halten Dein Befehl, dos wet sein mein Vergnügen und as ich wel noch erhalten Deine süße Briefe mit Deine Worte!

Inmitten der Reise hoben mir gehat noch ein Zustell (Aufenthalt). Zwei Stanzies (Stationen) obforendig von Berese. Mir seien dort gestanen sechs Stunden, von 10 Uhr des Morgens bis 4 Uhr des Abends. Diese Zeit ist mir gewen viel freilacher, ich hob mir baklert (überlegt) mit wie viel weiter wollt ich gewen von Dir als ich wollt gefohren jene Zeit. —

Ich verhoff, as Du west mir ton dem Vergnügen zuerfreien mich mit Deine Briefe, darum bet ich schon mehr nit.

Sei mer gesind und freilach, geb Gott mir sollen sich gicher (schneller) sehen mit Dir, meine teure Pessunju!

Chonon Wengeroff.

P. S. Teuere! west kennen schreiben auf mein Nomen den Konwert, bet ich Dich sehr. Verzeih mir, wos hob so schlecht geschrieben, darum, wos ich hob geschrieben mit dem Bleifeder. —

Ich bet Dich, bet von mir meinetwegen allemen sollen mir verzeihen, wos ich schreib sei nit; mir heilen (eilen) sehr. Verbleib mir noch a mol gesund, wie es wünscht Dir Dein

Dich liebender

Chonon.

8. Juli 1849. Uhr 10 Morgens.

Ich schreib dem Adreß of Dein Nomen, worim der Vater hot mir dos geheißen.« —

Grenzenlos war meine Verwirrung, während ich diese zärtlichen Herzensergüsse las. Meine Eltern fragten mich nach dem Inhalt des Briefes; den konnte ich ihnen aber nicht sagen. Nur mit Tränen in den Augen bat ich sie, die Bitte meines Bräutigams, ihm oft zu schreiben, erfüllen zu dürfen. Die Eltern willigten ein, was bei der orthodoxen Weltanschauung jener Zeit sehr erstaunlich und für die beiden Menschen bezeichnend war. So groß war ihre Freude, daß ihre Pessele einen auf ihren Namen adressierten Brief erhalten hatte, daß sie nachsichtiger wurden und wirklich ihreErlaubnis zu diesem Briefwechsel gaben; und so fing unsere Korrespondenz an.

Die Briefe meines Bräutigams hab ich stets als mein Teuerstes aufbewahrt, und noch heute, nach neunundfünfzig Jahren, sind sie alle in meinem Besitz. Manchmal blättere ich in den vergilbten Papieren, beschwöre die schöne Zeit herauf und sonne mich noch heute in den Strahlen des einst erlebten Glückes.

Ich zögerte nicht mit der Antwort, bat aber meine Eltern stets, einige Worte zuzuschreiben, was ihre Zustimmung bedeuten sollte. Denn in jenen Zeiten konnte es als Frivolität gelten, wenn ich allein mit meinem Bräutigam den Briefwechsel geführt hätte.

Ein trauriger Zwischenfall trübte mein Glück. Meine jüngste Schwester Helene erkrankte plötzlich an einem gefährlichen Nervenfieber. Sie war schon von den Ärzten aufgegeben, als plötzlich Besserung eintrat, und unsere liebste kleine Schwester war uns von Gott wiedergeschenkt. Und das kam so: Als mein Schwesterchen leichenblaß und ohne Bewußtsein so dalag, versuchten die Ärzte ein letztes Mittel. Das Kind wurde in ein kaltes Bad gelegt, in dem es zehn Minuten blieb. Dann wurde es wieder in das gut vorgewärmte Bett gepackt. In der Erregung des Augenblicks hatte man eine heiße Wärmflasche vergessen. Das Kind lag auf der Flasche. Es bildete sich eine tiefe Brandwunde. Das war ein Glück für das Kind. Die Ärzte meinten, ohne diese Wunde wäre es zugrunde gegangen. Ich glaube, das hing mit den damaligen medizinischen Anschauungen zusammen. Man liebte es ja einst, bei gefährlichen Krankheiten die Methode des »Haarseiles« anzuwenden. Die eiternde Wunde— so meinte man — zöge die Krankheit aus dem Körper. Langsam, aber stetig machte die Genesung Fortschritte. Aber das Kind blieb doch noch monatelang ans Bett gefesselt. Ich mußte zugleich mit meiner jüngeren Schwester die Pflichten einer Pflegerin versehen, weil es dem leidenden Kinde angenehmer war, Anverwandte statt einer fremden Pflegerin in seiner Nähe zu haben. Tag und Nacht war ich bei ihr. Ich hatte ein Lager neben ihrem Bette und, da sie selbst nicht langen konnte, führte ich ihr die Speisen zum Munde. Es war eine böse Zeit für mich. Nur die Briefe meines Verlobten stärkten meinen Mut und gaben mir neue Kraft.

Aber auch für mich sollte eine Prüfungszeit kommen. Ich bekam es so »durch die Blume« zu hören, daß die Eltern den häufigen Briefwechsel mit meinem Bräutigam jetzt nicht mehr billigten, denn nach ihrer Meinung wäre »die Sache, d. h. mein ganzer Brautstand überhaupt nicht ganz sicher«. Mein Schmerz war grenzenlos. Tage und Nächte brachte ich in Tränen zu. Ich forschte nach der Ursache der Verstimmung, konnte aber längere Zeit nichts erfahren. Endlich erbarmte sich meiner der jüngere Schwager und erzählte mir, mein Bräutigam wäre bei unseren Eltern verleumdet und als Ausbund aller bösen Eigenschaften bezeichnet worden. Ich litt unsagbar. Der Vater grämte sich. Die Stimmung im Hause war sehr gedrückt. Endlich schrieb der Vater nach Homel, einem Städtchen bei Konotop, wo ein Verwandter von uns, Reb Eisek Epstein, wohnte, und bat ihn, sich genau nach dem Stand der Sache zu erkundigen. Bald langte eine Antwort an, welche die Haltlosigkeit aller Verleumdungen erwies. Die Familie Wengeroff, schrieb unserVerwandter, wäre eine vornehme und der junge Mann ein braver Mensch und guter Talmudist. Diese Nachrichten dämpften den Sturm in unserem Hause. Die dunklen Wolken zerstreuten sich. Über meinem Leben strahlte wieder der helle, klare Himmel.

Ich jubelte auf. Meine Liebessehnsucht wurde noch mächtiger. Unser Briefwechsel häufiger. Die Geschwister neckten mich und lachten, wenn ein Brief kam. Aber sie freuten sich mit mir.

Das Leben im Elternhause ging seinen gewohnten Weg. Der Winter nahte seinem Ende, und der Frühling kündigte sich in diesem Jahre sehr zeitig an. Meine Schwester erholte sich gut und konnte bereits das Bett verlassen. Unsere Mutter traf große Anstalten zur Herstellung meiner Aussteuer. Leinewand, seidene und wollene Stoffe. Spitzen wurden bezogen. Man beriet, wählte, kaufte ein. Es war ein hastiges Treiben.

Auch mich zog man oft zu Rate. Aber ich äußerte meine Meinung stets nur schüchtern und errötend.

Die Wäsche wurde außerhalb des Hauses angefertigt, die Kleider aber daheim genäht. Nicht Schneiderinnen, sondern Schneidergesellen arbeiteten daran. Es waren alles junge Burschen, die zufällig zugleich dem Synagogenchor angehörten. Während der Arbeit sangen sie oft und gern Lieder, meistenteils religiösen Charakters, wie Purimspiele, Ahasverusspiel, Josephspiel. Das letztere war ihr Lieblingsspiel, das sie sehr oft wiederholten. Sie verteilten die Rollen untereinander und sangen folgendermaßen:

1.

Jacob:

Ich bin der Bäum vün der ganzer Welt, ün' duhsSeinen meine Zweigen (mit der Hand auf seine Kinder weisend)Drum bitt ich den Ojlom (Publikum),Soll a Bissele schweigen.

Ich bin der Bäum vün der ganzer Welt, ün' duhsSeinen meine Zweigen (mit der Hand auf seine Kinder weisend)Drum bitt ich den Ojlom (Publikum),Soll a Bissele schweigen.

2.

Schon zwei Johr bin ich vün Häus ojsgezojgen,Ün nitchasw'schulem (gottbewahre) vün mein Parnusse wegen (geschäftshalber),Nur vün die Zores (Leiden), wus is mir gekümmen entgegen,La la la, la la la, lalalalala la la.Mein Sühn Schimen, mein Sühn Schimen,Di bist doch mein bester Sühn,Di bist doch mein liebster Sühn,Sug'sche (sage doch) mir die Wuhrheit,Sug'sche mir die Wuhrheit,Wie (wo) is er, wi is er, mein Sühn Josefl?

Schon zwei Johr bin ich vün Häus ojsgezojgen,Ün nitchasw'schulem (gottbewahre) vün mein Parnusse wegen (geschäftshalber),Nur vün die Zores (Leiden), wus is mir gekümmen entgegen,La la la, la la la, lalalalala la la.Mein Sühn Schimen, mein Sühn Schimen,Di bist doch mein bester Sühn,Di bist doch mein liebster Sühn,Sug'sche (sage doch) mir die Wuhrheit,Sug'sche mir die Wuhrheit,Wie (wo) is er, wi is er, mein Sühn Josefl?

Die Söhne:

Vuter (Vater), lieber Vuter sießer,Wir weißen nit, wi er is.

Vuter (Vater), lieber Vuter sießer,Wir weißen nit, wi er is.

(Wiederholung.)

Jacob:

Mein Sühn Riwen (Ruben), mein Sühn Riwen,Du bist doch mein bester SühnDu bist doch mein liebster Sühn,Dir wellen doch tun alle loiben,Sug'sche mir die Wuhrheit, sug'sche mir die Wuhrheit,Wo is er, wo is er, mein Sühn Josefl?

Mein Sühn Riwen (Ruben), mein Sühn Riwen,Du bist doch mein bester SühnDu bist doch mein liebster Sühn,Dir wellen doch tun alle loiben,Sug'sche mir die Wuhrheit, sug'sche mir die Wuhrheit,Wo is er, wo is er, mein Sühn Josefl?

Die Söhne:

Vuter, lieber Vuter sießer,Wie kennen mir dir derweisen den Ponim (Gesicht),As mir hoben ihn verkäuft zu die Midjonim.

Vuter, lieber Vuter sießer,Wie kennen mir dir derweisen den Ponim (Gesicht),As mir hoben ihn verkäuft zu die Midjonim.

Jacob:

Willt ihr mir das Leben schenken,Sollt ihr mir ihn bald brengen.

Willt ihr mir das Leben schenken,Sollt ihr mir ihn bald brengen.

Joseph wird hineingeführt; Jacob gerät in freudige Ekstase. Joseph singt:

Ich hob viel Schuff (Schafe) ün' viel Rinder,Ich hob a Frau mit zwei Kinder,Einer heißt Menasse, der andere heißt Ephraim,Hoben sie mich gemacht zum Groißen in dem Land MizraimLa, la, la, la, lalalala, la, la, lalalala.

Ich hob viel Schuff (Schafe) ün' viel Rinder,Ich hob a Frau mit zwei Kinder,Einer heißt Menasse, der andere heißt Ephraim,Hoben sie mich gemacht zum Groißen in dem Land MizraimLa, la, la, la, lalalala, la, la, lalalala.

Auch das kleine lustige Liedchen eines Schneiders sangen sie mit Vorliebe:

Sitz ich mich, a Fissele iber a FißUn sing mir a Liedele zucker-siß.N' Schnaider zu sain is gor aus die Welt, —Wohin er kummt, verdient er Geld!As die Jolden (lustige Jungen) wollten sich wellen beklären,Wollten sie alle Schnaiders weren. —

Sitz ich mich, a Fissele iber a FißUn sing mir a Liedele zucker-siß.N' Schnaider zu sain is gor aus die Welt, —Wohin er kummt, verdient er Geld!As die Jolden (lustige Jungen) wollten sich wellen beklären,Wollten sie alle Schnaiders weren. —

Manchmal sangen sie Lieder, die mir und meinem Brautstand galten. Einige von diesen Liedern leben noch ganz frisch in meiner Erinnerung:

Kalele, Kalele, wein, wein, wein,Der Chosen wet dir schicken a Tellerl Chrein(Meerrettich)Wellen sech die Trären gießenBis die Zehen.Sitz ich auf ein SteinNemt mich on a groiß GewejnAlle Medelach Kales werdenIch nebech nejn. —

Kalele, Kalele, wein, wein, wein,Der Chosen wet dir schicken a Tellerl Chrein(Meerrettich)Wellen sech die Trären gießenBis die Zehen.Sitz ich auf ein SteinNemt mich on a groiß GewejnAlle Medelach Kales werdenIch nebech nejn. —

Oder:

Nemmt der Bucher (Jüngling) die Mojd (Mädchen) far der Hand,mejnt er die Welt is sein,Git (gibt) er ihr grobe Woll spinnen auf'n dünnen Seid.

Nemmt der Bucher (Jüngling) die Mojd (Mädchen) far der Hand,mejnt er die Welt is sein,Git (gibt) er ihr grobe Woll spinnen auf'n dünnen Seid.

Die Mojd:

Ich wel dir grobe Woll spinnen auf'n dünnem Seid,Di sollst mir a Leiterel machen, wus in Himmel soll sein.

Ich wel dir grobe Woll spinnen auf'n dünnem Seid,Di sollst mir a Leiterel machen, wus in Himmel soll sein.

Der Bucher:

Ich wel dir a Leiterl machen, wus in Himmel soll sein,Di sollst mir die Stern zählen, wus in Himmel wet sein.

Ich wel dir a Leiterl machen, wus in Himmel soll sein,Di sollst mir die Stern zählen, wus in Himmel wet sein.

Die Mojd:

Ich wel dir die Stern zählen, wus in Himmel wet sein,Di sollst mir dem Jam ausschöppen mit a Krigele dilein (klein)

Ich wel dir die Stern zählen, wus in Himmel wet sein,Di sollst mir dem Jam ausschöppen mit a Krigele dilein (klein)

Der Bucher:

Ich wel dir dem Jam (das Meer) ausschöppen mit a Krigele dilein (klein),Di sollst mir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein.

Ich wel dir dem Jam (das Meer) ausschöppen mit a Krigele dilein (klein),Di sollst mir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein.

Die Mojd:

Ich wel dir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein,Di sollst mir dem Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.

Ich wel dir dem Fischele chappen, wos in Jam wet sein,Di sollst mir dem Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.

Der Bucher:

Ich wel dir das Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.Di sollst mir sieben Kinder huben ün a jinge Frau zi sein. —

Ich wel dir das Fischele kochen ohn Feuer in Wasser darein.Di sollst mir sieben Kinder huben ün a jinge Frau zi sein. —

Auch die Wärterin Mariasche neckte mich mit einem Lied, wenn sie sah, daß ich froh und glücklich im Hause herumlief oder wenn sie mich in irgendeinem Winkel verträumt antraf:

Oj, weih, wie kenn men lebenSchwäh'r und Schwieger kowed (Ehre) obzugeben.Steih ich auf spätSogt main beise Schwieger:Ich lieg wie a Nweile (faule)Bis halben Tog in Bett!Oj, weih, wie kenn men lebenSchwäh'r und Schwieger kowed obzugeben!Geh ich gich (schnell), sogt sie, ich zerreiß die Schich,Geh ich pameilach (langsam), sogt sie, ich bin freilach —:|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:Back ich greiße (grosse) ChallesSogt main beise Schwieger,As ich stell ihr gor b'dalles (ruiniere sie):|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

Oj, weih, wie kenn men lebenSchwäh'r und Schwieger kowed (Ehre) obzugeben.Steih ich auf spätSogt main beise Schwieger:Ich lieg wie a Nweile (faule)Bis halben Tog in Bett!

Oj, weih, wie kenn men lebenSchwäh'r und Schwieger kowed obzugeben!Geh ich gich (schnell), sogt sie, ich zerreiß die Schich,Geh ich pameilach (langsam), sogt sie, ich bin freilach —:|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

Back ich greiße (grosse) ChallesSogt main beise Schwieger,As ich stell ihr gor b'dalles (ruiniere sie):|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

Back ich kleine ChallesSogt main beise Schwieger,As ich zieh auf ihr dem Dalles:|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:Geih ich ongeton schein,Sogt main beise Schwieger,As ich mach ihr gor gemein (arm).:|: Oj, weih, wie kenn men leben:|:Geih ich ongeton mieß (hässlich),Sogt main beise Schwieger,As ich tu ihr on a Büsch (Unehre).Oj, weih etc. —

Back ich kleine ChallesSogt main beise Schwieger,As ich zieh auf ihr dem Dalles:|: Oj, weih, wie kenn men leben etc.:|:

Geih ich ongeton schein,Sogt main beise Schwieger,As ich mach ihr gor gemein (arm).:|: Oj, weih, wie kenn men leben:|:

Geih ich ongeton mieß (hässlich),Sogt main beise Schwieger,As ich tu ihr on a Büsch (Unehre).Oj, weih etc. —

Oder:

Tochter du liebste, Tochter du main,'ch wel dir lernen wie ba (bei) a Schwieger zu sain:As die Schwieger wet gaihn vun weiten,Sollstu nit teilen kein oreme Leiten.Tochter du liebste, Tochter du main,'ch wel dir lernen, wie ba a Schwieger zu sain:As die Schwieger wet geihn vün Schul,Sollstu ihr trogen antkegen (entgegen) a Stuhl.Tochter du liebste etc.As die Schwieger wet geihn zum Tisch,Sollstu ihr geben die beste Stick Fisch.

Tochter du liebste, Tochter du main,'ch wel dir lernen wie ba (bei) a Schwieger zu sain:As die Schwieger wet gaihn vun weiten,Sollstu nit teilen kein oreme Leiten.

Tochter du liebste, Tochter du main,'ch wel dir lernen, wie ba a Schwieger zu sain:As die Schwieger wet geihn vün Schul,Sollstu ihr trogen antkegen (entgegen) a Stuhl.

Tochter du liebste etc.As die Schwieger wet geihn zum Tisch,Sollstu ihr geben die beste Stick Fisch.

Immer näher rückte die Zeit meiner Trennung vom Elternhause — eine Aussicht, die mein Glück störte. Vorder Abreise nach Konotop sollte ich noch nach Warschau gehen, um von Verwandten, vor allem aber vom Großvater Abschied zu nehmen und den Segen zu meiner Vermählung zu erhalten.

Es war Anfang August 1849. In jener Zeit existierte noch die polnisch-russische Grenze bei dem kleinen Städtchen Terespol, das vier russische Werst von Brest entfernt lag. Diese Reise unternahm ich mit meinem Vater. Aber vor der Grenze war er gezwungen, mich zu verlassen; und ich mußte selbst alle Grenzformalitäten erledigen. Es war mein erster selbständiger Schritt. Ich muß gestehen, mein Mut war nicht groß. Als ich in das Bureau kam, wo ich meinen Paß vorzuzeigen hatte, fühlte ich mich sehr beklommen. Tränen kamen mir in die Augen. Am liebsten hätte ich geschluchzt wie ein kleines Kind. Ich schämte mich dieser Schwäche und versuchte mich zu beherrschen. Im Bureau ließ man mich ein Dokument unterzeichnen: wieder eine selbständige Tat! Endlich befand ich mich auf der anderen Seite der Grenze. Hier wurde ich von unserem Freund Reb Jossele erwartet, der mich zu seiner Familie in das kleine Städtchen Terespol brachte. Am nächsten Tage kam mein sehnsüchtig erwarteter Vater, und wir reisten gemeinsam nach Warschau.

Unser Aufenthalt in Warschau dauerte acht Tage. Der Großvater empfing mich mit besonderer Aufmerksamkeit. Die Tanten und Onkel behandelten mich die ganze Zeit mit großer Zärtlichkeit. Ich erhielt von allen hübsche Hochzeitsgeschenke und vom Großvater ein Silberstück und — den Segen.

Es war ein Augenblick, den ich nicht vergessen kann:Großvater stand in der Mitte des Salons. Mit klopfendem Herzen näherte ich mich ihm und beugte das Haupt in demütiger Ergebung. Er legte seine Hände auf meinen Scheitel und sprach laut den Segen mit bewegter, zitternder Stimme. Feierliche Stille herrschte im Zimmer. Nur die Tanten schluchzten leise. — Mir war so ernst zumute, so traurig. Hier erst fühlte ich so recht, welche ernste Wendung mein Leben nehmen sollte. Bangen Herzens verabschiedete ich mich von meinem lieben, ehrwürdigen Großvater; denn der Gedanke wollte mich nicht verlassen, daß ich ihn zum letztenmal in meinem Leben sah.

Nachdenklich und ernster, als ich gekommen war, kehrte ich nach Hause zurück. Die Aussteuer war fertig. Meine Mutter packte all die schönen neuen Sachen mit Liebe und Sorgfalt in einen massiven, großen, mit Eisenblech beschlagenen Koffer ein. Außer der Wäsche erhielt ich folgende Sachen:

1. Das Hochzeitskleid: aus schwerer grauer Seide — ein Streifen »moiré antique« und ein Streifen Atlas, mit breiten grauen Blondenspitzen (Spitzen aus Flockseide) garniert;2. ein Kleid aus Mousseline de laine — dunkelblau und weiß kariert; fußfrei, ganz leger, einfache Fasson; oben mit einem Sattel, in der Mitte Gürtel, lange griechische Ärmel;3. ein Kleid ans dunkelblauem Atlas, mit dunkelblauem Samt vorne garniert; schmale, lange Ärmel mit Samtmanschetten;4. ein schwarzes Taftkleid — »Mantine« genannt — ohne jede Garnitur;

1. Das Hochzeitskleid: aus schwerer grauer Seide — ein Streifen »moiré antique« und ein Streifen Atlas, mit breiten grauen Blondenspitzen (Spitzen aus Flockseide) garniert;

2. ein Kleid aus Mousseline de laine — dunkelblau und weiß kariert; fußfrei, ganz leger, einfache Fasson; oben mit einem Sattel, in der Mitte Gürtel, lange griechische Ärmel;

3. ein Kleid ans dunkelblauem Atlas, mit dunkelblauem Samt vorne garniert; schmale, lange Ärmel mit Samtmanschetten;

4. ein schwarzes Taftkleid — »Mantine« genannt — ohne jede Garnitur;

5. ein Kleid aus grünem Wollenstoff mit schwarzer Tresse in schönen Mustern garniert;

5. ein Kleid aus grünem Wollenstoff mit schwarzer Tresse in schönen Mustern garniert;

ferner: 2 Schlafröcke:

einen aus hellblauem Musselin mit einfachen weißen Spitzen,einen anderen aus »Teefteek« (türkischem Stoff); ganz lose verfertigt — »Rubaschka« (Hemdchen) genannt.

einen aus hellblauem Musselin mit einfachen weißen Spitzen,

einen anderen aus »Teefteek« (türkischem Stoff); ganz lose verfertigt — »Rubaschka« (Hemdchen) genannt.

Ferner: 3 Mäntel:

eine »Mandaronka« — so wurde die damalige übliche Regenmantelform genannt — aus dunkelblauem Tuch;eine »Ziganka« — grauer Seidenstoff; ein viereckiges Stück einfach am Halse und an den Ärmeln zusammengerafft; garniert mit rotem, seidenem Band und grauen Quasten;eine »Algierka« — ein langer Mantel mit griechischen Ärmeln, empire, aus schwarzer Seide. Vorne an der Brust waren zwei seidene Schnüre befestigt, die über die Schultern auf den Rücken mit zwei großen Quasten lose herabfielen.

eine »Mandaronka« — so wurde die damalige übliche Regenmantelform genannt — aus dunkelblauem Tuch;

eine »Ziganka« — grauer Seidenstoff; ein viereckiges Stück einfach am Halse und an den Ärmeln zusammengerafft; garniert mit rotem, seidenem Band und grauen Quasten;

eine »Algierka« — ein langer Mantel mit griechischen Ärmeln, empire, aus schwarzer Seide. Vorne an der Brust waren zwei seidene Schnüre befestigt, die über die Schultern auf den Rücken mit zwei großen Quasten lose herabfielen.

Ferner 2 Tageshauben:

eine aus Blondenspitzen mit blauem Band — für Feiertage, die andere einfacher für jeden Tagund dazu sechs Morgenhäubchen in koketten Formen.Ferner ein Paar rosa Handschuhe mit weißen Tüllspitzen garniert — zur Trauung! —

eine aus Blondenspitzen mit blauem Band — für Feiertage, die andere einfacher für jeden Tag

und dazu sechs Morgenhäubchen in koketten Formen.

Ferner ein Paar rosa Handschuhe mit weißen Tüllspitzen garniert — zur Trauung! —

Alles war also bereitet, und man machte Anstalten zu der großen Reise. Ich war mir selbst überlassen und hatte Zeit, von allem, was mir lieb war, Abschied zu nehmen.Es waren schwere Tage für mich — ein Durcheinander von Gefühlen und Empfindungen tobte in meinem Inneren. Bald brachte mich der Gedanke an das Wiedersehen mit meinem Heißgeliebten in solch eine strahlende Freude, daß jeder, der mir in den Weg kam, lächeln mußte. So glücklich sah ich aus. Bald kamen mir Tränen in die Augen, und ich schluchzte leise in irgendeinem Winkel, vom Trennungsschmerz übermannt. Bald aber lachte ich schon wieder und lachte vor Seligkeit und Glück.

Den letzten Sonntag vor der Abreise hatte ich noch Abschiedsbesuche bei Verwandten, Freunden und Bekannten zu machen — ich erfüllte diese Pflicht in Begleitung einer älteren Frau, Reisele genannt, die in der ganzen Stadt als Sarwerke[3]bekannt war und allen jüdischen Bräuten in Brest als Ehrenbegleiterin diente.

Es kam der vorletzte Tag. Wir saßen alle beisammen am Mittagstisch, als meine ältere Schwester auf mein ungewöhnlich blasses Aussehen aufmerksam wurde. Auch die anderen bemerkten es, und der Vater forderte mich zärtlich besorgt auf, ihm die Ursache meiner Sorgen zu sagen. Es war ein Traum, der mich quälte: Mir träumte, ich wäre ganz allein in der kleinen, engen Gasse, durch die ich einst als kleines Mädchen täglich mit dem »Behelfer« zum Cheder gegangen war. Plötzlich raste ein großer, schwarzer Ochse in wilden Sprüngen auf mich zu. Ich bebte vor Schrecken, denn der Ochse mit seinen Riesenhörnern kam immer näher. Ichsuchte mich zu verbergen, konnte aber keinen Winkel finden, lief nach rechts und links. Doch das schwarze Ungeheuer folgte mir überall. Ich war endlich ganz erschöpft vor Angst und Müdigkeit und ergab mich meinem Schicksal. Da tauchte plötzlich im Halbdunkel des engen Gäßchens ein kleines Männchen auf. Es trug einen seidenen schwarzen Kaftan mit Gürtel und hoher Zobelmütze. Sein Gesicht war ganz runzlig. Es hatte die Züge meines Großvaters. Sein Gesicht umrahmte ein ungewöhnlich langer grauer Bart, der bis zu den Knien reichte. Das Männchen näherte sich mir, nahm mich an der Hand und sagte, indem es einen Seitenblick auf das Ungeheuer warf: »Komm mit mir, fürchte dich nicht!« Vertrauensvoll und dankbar ging ich mit ihm. Nach einer Weile aber blieb er stehen, ließ meine Hand los, wies mir den geraden Weg und verschwand ganz plötzlich meinen Blicken. Mit einem Male war auch das Ungeheuer nicht mehr da. Am ganzen Körper zitternd, erwachte ich und konnte den Eindruck dieses schweren Traumes gar nicht mehr loswerden. Alle hörten mir mit Spannung zu. Am meisten bewegt aber war der Vater. Als ich mit dem Erzählen zu Ende war, erhob er sich rasch vom Tisch und begab sich in sein Arbeitszimmer, wo er in einem Buch nachblätterte. Freudestrahlend kam er zurück und rief mir zu: »Sei ruhig, meine Tochter, du wirst Kinder haben, die viel lärmen werden.«

Ich wurde schamrot und wagte niemanden anzuschauen. Die Meinigen lachten und neckten mich und wollten mich zum Aufschauen zwingen. Ich aber verharrte bis zum Schluß des Mittagmahles in der gleichen Haltung.

Für den nächsten Tag war unsere Abreise bestimmt.Schon stand unser Reisewagen vor dem Hause. Es war ein langes, mit Leder überzogenes und mit kleinen Fenstern und Vorhängen versehenes Fuhrwerk, »Fürgon« genannt. Drei Postpferde waren davorgespannt. — Die Aufregung im Hause erreichte ihren Höhepunkt. Man lief hin und her. Man raffte noch mancherlei zusammen und packte es in den Wagen: es gab noch sehr viel zu tun in dieser letzten Stunde vor der Abreise. Der Wagen war also außen und innen stark beladen, sollten wir doch vierzehn Tage unterwegs bleiben. Deshalb nahmen wir großen Vorrat von Backwerk, geräuchertem Fleisch, gesalzenen Sachen mit, ferner eine ganze Kiste mit Cognak, Rum, Schnaps, Wein, Tee und Zucker. Das mußte ja reichen für uns alle. Diese Nahrungsmittel fanden Platz in einer großen, viereckigen, mit weißem Fell überzogenen und mit Blechstreifen beschlagenen Kiste, »Pogrebez« genannt. Fünf bequeme Sitze wurden für die Reisenden hergerichtet.

Ich konnte mich gar nicht vom Hause trennen. Da rief der Vater in befehlendem Tone: »Genug, genug!« und entschlossen half er mir zuerst in den Wagen. Es folgte meine Mutter, die jüngere von mir innig geliebte Schwester und der achtjährige Bruder. Ein kurzer, echt russischer Befehl »pascholl!« (los), und der Wagen setzte sich in Bewegung. Unter den Tränen, Wünschen und Segenssprüchen der Zurückgebliebenen fuhren wir ab. Ich schluchzte wie ein kleines Kind: der Wagen rollte immer schneller. Durch Tränen hindurch sah ich alte vertraute Straßen schwinden, Häuser, in denen ich jahrelang ein- und ausgegangen, um liebe Freunde zu besuchen, Menschen, denen ich solange jeden Tag begegnet. Meine Lieblingsplätzchen zogen an mirvorbei. Und hinter mir verschwand, um nie zurückzukehren, die schöne Zeit der sorglosen, glücklichen ersten Jugend. —

Es war im Jahre 1850, den 5. August.

Wir fuhren Tag und Nacht, unterbrachen die Reise nur der Sabbathruhe wegen von Freitag Mittag bis Samstag Abend. Nach sieben Tagen, als wir die Hälfte unseres Weges zurückgelegt hatten, versagte der Wagen. Wir waren gezwungen, auf freiem Felde ein Lager aufzuschlagen. Es wurde ein Teppich ausgebreitet und unser Vorrat herausgeholt. Bald brodelte und summte der Samowar. Wir setzten uns alle um ihn herum und bei seinem Summen, im vertrauten Geplauder vergaßen wir unsere unangenehme Lage.

Der Hochzeitstag rückte immer näher heran, und wir waren noch so weit von unserem Ziele entfernt. Der Vater sandte eine Stafette nach Konotop und bat um Verschiebung der Hochzeit. In Konotop war man darüber untröstlich und trug diese achttägige Verzögerung noch lange meinen Eltern nach, mußten doch die großen Vorräte an Geflügel und anderen Speisen bei der heißen Jahreszeit verderben.

Wir reisten noch volle sechs Tage, erlebten verschiedene Abenteuer und gelangten endlich nach der vorletzten Station,Baturim.[4]Hier brachte uns ein Bote die Nachricht, daß uns der Schwiegervater in Gesellschaft einiger Herren auf der nächsten Station erwarte.

Mein Herz schlug stürmisch. Aber ich schwieg beharrlich. Denn ich fühlte, daß gleich dem ersten Worte ein Tränenstrom folgen müßte. Ich war ja am Ziele meiner schönsten Träume: in einer Stunde sollte meine Sehnsucht zur Wirklichkeit werden. — Ich wagte kaum zu denken an solche Seligkeit, die wohl nicht jedem Mädchen vom Schicksal beschieden wird.

Wir Mädchen machten Toilette. Ich wählte ein Kleid, das mir sehr gut stand, und musterte mich selbst im Spiegel, der mir von meinem eigenen Glücke erzählte. — Dann stiegen wir ein und fuhren rasch weiter. Unterwegs kam uns ein Wagen entgegen. Wir erkannten bereits aus der Ferne meinen Schwiegervater und den Herrn Brim. Die letzte Station vor Konotop erreichten wir in einer halben Stunde, und von da aus waren wir unserm Reiseziel ganz nahe. Wir fuhren in Konotop ein. Die Vorstadt war nicht vielversprechend: lauter kleine Hütten mit Strohdächern. Meine Schwester war fast entsetzt über den Dorfcharakter des Städtchens. Mir aber war alles gleichgültig. Was ging mich damals die Stadt an! Es schwebte nur das Bild meines Verlobten vor mir gleich wie die leuchtende Feuersäule in der Nacht vor den Israeliten in der Wüste und bannte alle trüben Gedanken.

Wir fuhren durch eine lange ungeebnete Straße. Rechts und links die gleichen strohbedeckten Hütten. Endlich kamenwir an einen weiten Platz, wo das erste große, vornehme, steinerne Haus mit einem grünen Blechdach stand. Es war das Ziel unserer Reise; das Haus der Familie Wengeroff. Begleitet von einer neugierigen Menge fuhr unser Wagen durch das Einfahrtstor und machte vor einem großen Balkon, der ganz mit Menschen besetzt war, Halt.

Meine zukünftige Großschwiegermutter kam mir entgegen, küßte mich und übergab mir ein »süßes Brot«. Ernst und ehrfurchtsvoll war der Eindruck, den diese Frau auf mich machte. Dagegen wußte die Tante, die Stiefmutter meines Bräutigams, sogleich mein Vertrauen und meine Zuneigung zu gewinnen. Auch schien mir ihre Umarmung herzlicher, traulicher und zärtlicher als die der anderen. Es wurden mir noch die Frau des älteren Bruders meines Bräutigams und seine jüngere Schwester vorgestellt. Von dieser wußte ich bereits soviel Gutes und Liebes, daß ich sie wie eine längst vertraute Freundin herzlich umfing. Aber über all diese Menschen hinweg schweifte mein Blick weiter und suchte den Liebsten, den Nächsten, nach dem ich mich das ganze lange Jahr so heiß gesehnt hatte. Aber nirgends war er zu sehen. Von allen begleitet gelangte ich durch das Vorzimmer in den Salon. Hier empfing mich glückstrahlend mein Bräutigam. Unsere Begrüßung war stumm: es bedurfte wirklich keiner Worte. Die Augen sagten so viel; sie sagten so manches, wofür noch kein Dichter den Ausdruck gefunden hat. —

Es wurde Abend. Zahllose Lichter brannten, und Wohnung und Menschen sahen feierlich aus. Man reichte den Tee. Die ältere Schwägerin wich nicht von der Seite meiner Mutter, die jüngere nicht von der meinigen.Mein Bräutigam mußte, um die Sitte nicht zu verletzen, meinem Vater Gesellschaft leisten und in der Herrengesellschaft bleiben. Er wagte es aber, ab und zu auf eine Weile an meiner Seite Platz zu nehmen, um mir einige liebe Worte zuzuflüstern.

Bald forderte man uns zum Tanz auf. Wir beide, meine Schwester und ich, mußten uns auch daran beteiligen, obwohl unsere Lust nicht sehr groß war. Wir tanzten die Polka-Mazurka mit Figuren, was großen Beifall erregte. Überhaupt: an diesem Abend waren wir der Mittelpunkt der lustigen Hochzeitsgesellschaft.

Nach dem Tanze wurde zu Tisch gebeten. Mein Bräutigam saß wieder mit den älteren Herren an der anderen Seite des Tisches, und nur durch Blicke konnten wir uns verständigen.

Das Abendessen war zu Ende. Halbschlafend vor Müdigkeit trennte ich mich von meinem Bräutigam und allen Anwesenden. — Als ich mit meiner Schwester in unserem Logis allein zurückblieb, tauschten wir noch allerlei Bemerkungen und Beobachtungen über die Gesellschaft aus, die wir soeben verlassen hatten. Plötzlich öffnete sich die Tür, und im Zimmer erschien ein ganz komisches Wesen. Es war eine kleine, untersetzte Person mit sehr stumpfer, echt russischer Nase, kleinen lebhaften Augen, breitem, sonnverbranntem Gesicht in einer ganz eigenartigen, kleinrussischen Tracht. Auf dem Kopfe trug sie einen Turban aus wollenem, buntem Tuch, an welchem grellrote, künstliche Rosen mit noch grelleren, grünen Blättern befestigt waren, die ihr tief ins Gesicht fielen. Vorn und hinten war der ganze Körper mit zwei bunten Schürzen bedeckt —darunter ein viel längeres weißes Hemd mit bauschigen, buntgestickten Ärmeln. Am Halse eine Masse Korallen, bunte Perlen, Messingmünzen und große Ringe in den Ohren. Schuhe und Strümpfe fehlten, und die nackten Füße ließen an Reinlichkeit viel zu wünschen übrig. Es war das Dienstmädchen, das uns frisches Wasser brachte und sich nach unseren Wünschen erkundigte. Wir sahen zum erstenmal diese wunderliche Tracht, waren im ersten Augenblick sprachlos vor Überraschung und brachen plötzlich in ein lautes, mutwilliges Lachen aus. Wir lachten noch lange, nachdem das Mädchen fort war und plauderten vergnügt. Vor dem Einschlafen umarmte mich meine Schwester Cäcilie stürmisch und rief aus: »Du bist glücklich und wirst sehr glücklich sein, Schwester!« Auch ich glaubte an mein Glück. Das Herz war so voll, schlug so stürmisch. Ich hätte die ganze Menschheit in jener Stunde umarmen können. Vom Glücksgefühl übermannt, in süße Träume eingewiegt, schlief ich ein.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war der Vater bei den Mechutonim[5]. Mutter und Schwester waren zum Ausgehen bereit. Von drüben fragte man schon einige Male nach mir. Ich zog mich rasch an, und als ich mit meiner Toilette fertig war, brachte mir die Mutter selbst den Ziganka, und wir verließen unser Quartier. Bei Wengeroffs wurden wir zum Frühstück erwartet.

In der zwanglosen, intimen und herzlichen Stimmung schwand auch meine Schüchternheit; wir jungen Leute durften uns in ein anderes Zimmer zurückziehen. Zweimal ließen wir uns dies nicht sagen und waren lustig und ausgelassen.

Die Schwiegermutter und die zukünftige Schwägerin äußerten den Wunsch, meine Aussteuer zu sehen. Sie betrachteten alles Stück für Stück mit Sachkenntnis und eingehendem Interesse, und meine Mutter erntete bei dieser Besichtigung großen Beifall. Über einen Gegenstand in der Wäsche waren sie aber sehr erstaunt, nämlich über die Unterröcke, denn als ich nach Konotop kam, trug keine einzige Frau solche. Auch in der Aussteuer meiner Schwester Eva fehlte dieses Stück Wäsche. In der kurzen Zeit seit der Verheiratung meiner Schwester war so manche neue Sitte in unserem Hause eingeführt worden. Die Frauen in Konotop trugen auch noch keine Unterröcke, sondern das Kleid direkt über dem Hemd. Unterröcke zu tragen, wurde schon als »christlich« betrachtet. Nur im Winter hatten die Frauen dicke Flanellunterröcke und sehr dicke hohe Herrenstiefel an. — Selbstverständlich wußte man nach kurzer Zeit in ganz Konotop von diesem Bestandteil meiner Aussteuer; und es dauerte nicht lange, so folgten andere Frauen in Konotop meinem Beispiel. Jedenfalls brachten es die Jüdinnen in Konotop leicht über sich, ein neues, modernes Kleidungsstück in ihre Toilette aufzunehmen.

Kulturell hauptsächlich aber gesellschaftlich stand Konotop noch weit hinter Brest zurück. Von der Mode wußte man hier nicht viel. Meine Sachen wurden bewundert; ich selbst, so oft ich durch die Straßen ging, angestaunt; und nach kurzer Zeit galt ich in Modesachen für tonangebend in ganz Konotop.

Am Tage vor der Hochzeit erwartete man noch Gäste aus Petersburg, einen Bruder und Schwager meiner künftigen Schwiegermutter. Sie kamen während des Mittagessens an.Es waren zwei hübsche, vornehm aussehende Herren. Sie trugen kurze hellseidene Sommerkostüme, eine Art Reiseanzug, und breitrandige weiße Strohhüte, die sie beim Eintritt ins Speisezimmer abnahmen, so daß sie mit bloßem Haupt sitzen blieben, während die übrigen Herren beständig ein kleines, schwarzes Samtkäppchen aufbehielten. Mein Schwiegervater war sogar etwas betroffen. Das freie, ungezwungene Benehmen seiner Gäste störte ihn um so mehr, als die Gegenwart meines lieben Vaters eine tiefreligiöse Stimmung verbreitete. Doch merkten die jungen Leute schnell ihren Fehler und suchten sich bald den anderen anzupassen. So setzten sie zum Nachtischgebet die Hüte auf und murmelten gezwungen vor sich hin, was uns sehr possierlich vorkam.

Nach dem Mittagessen verließ ich die Gesellschaft, denn nach den althergebrachten Gesetzen mußte ich mich vor meiner Hochzeit der rituellen Reinigung unterziehen. Bei dieser Zeremonie litt ich die unerträglichsten Qualen, und meine Feinfühligkeit wurde dabei auf eine harte Probe gestellt. Die religiösen Formalitäten in der »Mikwe« (dem rituellen Bade) wollten kein Ende nehmen. Ich wurde gewaschen. Man putzte mir sorgfältig die Nägel und zum Schluß mußte ich nach der Vorschrift dreimal ganz im Bassin untertauchen. In stummer Ergebung erfüllte ich die Befehle der alten Weiber, die mich wie ein Opferlamm behandelten. Wie froh war ich, als ich sie endlich verlassen durfte!

Am Abend wurde wieder getanzt. Und jetzt waren es nicht nur Mädchen allein, sondern auch einige junge Leute nahmen daran teil. Es war zwar gegen die Sitte; die Alten waren aber in einem entfernten Zimmer versammelt, unddie günstige Gelegenheit nutzte die Jugend aus. An diesem Abend, dem Vorabend meiner Hochzeit, trennten wir uns zeitig voneinander, doch konnte ich lange nicht einschlafen und nahm mit Wehmut von meinen Mädchenträumen Abschied.

Am nächsten Tag erwachte ich mit dem Gedanken, daß es der bedeutendste Tag meines Lebens sei. Wir machten heute alle große Toilette. Ich legte das schwere grauseidene Kleid an, setzte den Myrtenkranz mit dem langen, weißen Schleier auf. Weiße Handschuhe, Fächer und ein zierliches Spitzentaschentuch ergänzten meinen Anzug. Man warf mir den Zigankamantel um, und wir bestiegen den Wagen, der uns, von einer gaffenden, neugierigen Menge begleitet, vor das Wengeroffsche Haus brachte. Die beiden Schwägerinnen empfingen uns. Im Salon wurden wir von den Schwiegereltern und vielen fremden Damen und Herren begrüßt. Erst nach einiger Zeit erschien mein Bräutigam, umgeben von zahlreichen Herren. Er wagte kaum mich anzusehen, denn nach der Sitte des Ortes sollten Braut und Bräutigam in der letzten Stunde vor der Trauung am meisten voneinander entfernt bleiben.

Ohne jede Feierlichkeit führte man mich in den Hochzeitssaal. Nicht einmal der bei uns gebräuchliche Lehnsessel wurde mir angeboten. Ich mußte an die Hochzeit meiner Schwester zurückdenken —: wie feierlich war dort alles zugegangen, wie bewegt waren wir Geschwister, als Vater und Mutter unter Klängen einer rührenden Musik die Braut in den Saal hineinführten, und sie dann auf einen Armstuhl, der sich in der Mitte des Salons auf einem Teppich befand, niederließen —. Mir wurde traurig bei dieser Erinnerung,und ich verspürte eine leise Enttäuschung. Meine Empfindlichkeit steigerte sich bis zum Ärger, als ich erfuhr, daß die ganze Zeremonie der Hochzeit nach der dort herrschenden Sitte auf dem Hofe in einer großen Bretterscheune stattfinden sollte. Mutter, Schwester und ich konnten es kaum fassen. An eine Weigerung war aber nicht zu denken, und wir mußten uns fügen. Zu unserer Beruhigung versicherte man uns, daß eine Hochzeit in Konotop nie anders gefeiert würde, wenn auch die prächtigsten Räume zur Verfügung ständen.

In der Scheune nahmen wir auf Stühlen Platz, während die Menge sich auf Bänken niederließ. Die Musik stimmte in grellen, schrillen Tönen an, und in die Scheune tanzte in wilden Sprüngen, sich im Kreise drehend, eine alte Frau herein. Hoch überm Haupte hielt sie einen runden Kuchen, und, lustig singend, brachte sie folgende Worte hervor:

»Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow, Ziwie Kumanow!« Dabei ermunterte sie die Musik, weiter zu spielen.

Ich und meine Schwester hatten noch nie Ähnliches erlebt. Unser Erstaunen war grenzenlos. Bald aber ergriff uns eine Lachlust, der wir gar nicht widerstehen konnten. Die Schwägerin merkte es und beeilte sich, uns diese Szene zu erklären: Nach dem Brauch des Ortes sandte jede Freundin des Hauses der Hausfrau einen Kuchen, der in dieser seltsamen Weise überreicht wurde. Diese Erklärung machte die Sache nicht weniger komisch und unsere Lachlust nicht geringer. Die gleiche Zeremonie wiederholte sich noch mehrmals, nur mit dem Unterschied, daß jedesmal der Name einer anderen Freundin ausgerufen wurde.

Um drei Uhr nachmittags waren die Feierlichkeiten inder Scheune zu Ende, und ich entfernte mich, um das Vorabendgebet zu verrichten und das Kleid zu wechseln. Die Mutter begleitete mich. Mit bewegter Stimme sprach sie zu mir von dem Ernste des Hochzeitstages, der für die Braut einen zweiten Versöhnungstag bedeute, an dem sie Gott um Vergebung aller ihrer bisherigen Sünden anflehen müsse. Tränen entflossen unaufhaltsam meinen Augen. Ich umklammerte krampfhaft das Gebetbuch und betete... Meine fromme und weihevolle Unterredung mit Gott dauerte eine gute Stunde, und mit verweinten Augen erschien ich wieder in der Scheune. Die anwesenden Mädchen näherten sich mir, nahmen mir den Brautkranz ab, lösten das Haar, das zu kleinen Zöpfchen geflochten war, damit die ganze Frauengesellschaft an dem Auflösen der Haare teilnehmen könnte, und breiteten es auf Schultern und Nacken aus. Ich schluchzte vor Bewegung. Da erschien der Bräutigam im Kreise der Herren, nahm das weiße Seidentuch, das über einer mit Hopfenblumen gefüllten Platte ausgebreitet lag, und auf Anweisung des Rabbiners bedeckte er damit meinen Kopf, wobei alle Umstehenden mich mit Hopfen bestreuten, ganz in derselben Weise, wie ich es bei der Hochzeit meiner Schwester Eva ausführlich beschrieben habe. — Dann wurde mein Bräutigam zur Synagoge gebracht, und ich wurde von Vater und Mutter dorthin geführt, wo der Akt der Trauung vor sich ging. Darauf trat ich am Arme meines Neuvermählten unter lustigen Musikklängen den Rückweg an. Ich sah den Weg nicht, da mein dichtes seidnes Tuch über den Augen mich wie blind machte.

Zu Hause angelangt, zogen wir uns ins Gastzimmer zurück, wo ich endlich das seidene Tuch auf einen Augenblicklüften durfte, um meinen Mann zum erstenmal nach der Trauung ins Auge zu sehen. Man servierte uns Tee, den wir mit wahrer Wonne tranken. Denn nach der jüdischen Sitte hatten wir bis zu dieser Stunde gefastet.

Während des Abendessens, zu dem in der Scheune gedeckt wurde, und an dem das ganze Städtchen teilnahm, saß ich am Damentisch und mein Mann am Herrentisch. Die »Schewa broches«, die sieben Segenssprüche, welche der Rabbiner bei der Einsegnung des Ehepaares rezitiert hatte, wurden hier wiederholt, eine Zeremonie, die eine ganze Woche hindurch, aus besonderem Anlaß sogar während des ganzen Honigmonats, beobachtet werden muß. Dieses Trauungsmahl (Chuppewetschere) dehnte sich bis Mitternacht aus, denn die Aufheiterung des Chossen und der Kalle (m'ssameach chosson w'kaloh) gehörte zu den größten Mizwaus, d. h. gottwohlgefälligen Handlungen.

Am nächsten Morgen erschien die mit einer Schere bewaffnete Frau, und auf Befehl meiner Mutter schnitt sie mir das Haar ab. Man ließ mir zum Andenken noch etwas vom Stirnhaar zurück. Aber auch dieses verdeckte die Perücke.

Die Perücke war bereits ein Fortschritt; meine letztverheiratete Schwester hatte nur eine festanliegende Kopfbedeckung aus Stoff und einem haarfarbenen Bande erhalten.

Die Operation war zu Ende. Ich warf einen Blick in den Spiegel und war entsetzt, über mein verwandeltes Äußere. Mein Mann tröstete mich aber liebevoll und versicherte, daß ich ebenso nett wie früher aussehe. So beruhigte ich michallmählich. In der kunstvoll gearbeiteten Perücke mit einem koketten Häubchen, im hübschen Seidenkleid erschien ich, von Mutter und Schwiegermutter geführt, im Saale. Ich gefiel allgemein in meiner neuen Tracht, und es fiel so manche Bemerkung, die mich erröten ließ. Mein Mann wich nicht von meiner Seite.

Die letzten vier Wochen vor der Hochzeit wurde ich dermaßen behütet, daß ich buchstäblich keinen Schritt allein machen durfte. Ein Aberglaube herrschte sowohl im Volke, wie unter der damaligen jüdischen Intelligenz, daß die bösen Geister in den letzten vier Wochen, die man: kupferne, messingne, silberne und goldene nennt, besonders aber in der letzten, von der Braut Besitz ergreifen und leichten Zugang zu ihr haben könnten, wenn sie allein sei. Aus diesem Grunde wurde eine Braut, sowohl am Tage, wie bei Nacht, bis nach der Chuppe keinen Augenblick allein gelassen. Nach der Chuppe verloren die bösen Geister die Macht. Nun hörte auch meine Angst vor den Geistern, die ich überall auf mich lauern sah, auf, und ich freute mich meiner Freiheit.

Einige Tage vergingen in Lust und Freude. Ich fühlte mich heimisch in den neuen Lebensbedingungen und dachte nicht mehr mit solcher Angst an die Trennung von den Eltern.

Roschhaschonoh war vor der Tür, und meine Eltern wollten fort. Aber die Wengeroffs ließen sie nicht fahren. Sie nahmen die herzliche Einladung an, und wir verlebten gemeinsam die Feiertage. Aber nach den Feiertagen traten sie ihre Rückreise nach Brest an, und wir nahmen Abschied voneinander auf einige Jahre.

Und so kam ich als Gattin eines heißgeliebten, aber mir noch unbekannten Mannes in ein fremdes Land, unter fremde Leute, fremde Sitten und mußte mich in all dem Neuen mit meinen achtzehn Jahren zurechtfinden. So haben die Eltern in jenen Zeiten ihre unvorbereiteten, fast ahnungslosen Kinder verheiratet und, obwohl sie sie zärtlich liebten, hegten sie keinen Zweifel und keine Bedenken. Mit Zuversicht in Gottes Beistand übergaben sie die Kinder ihrem Schicksal. So nahm denn mein geregeltes jüdisches Eheleben seinen Anfang...


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