Konotop, das von nun an meine zweite Heimat werden sollte, war ein kleines Städtchen von zehntausend Einwohnern. Dem Aussehen nach machte Konotop ganz den Eindruck eines Dorfes.
Die Hauptbevölkerung in Konotop bildeten Christen — Kaufleute, Beamte und Ackerbauer. Die Juden, die hier in einer ganz geringen Zahl lebten, waren hauptsächlich Getreidehändler und Schankwirte. Mein Schwiegervater, der reichste Mann im Orte, war der »Otkupschczik« von Konotop. In jener Zeit übergab die Regierung einem reichen Kaufmann — Russen, Juden oder Griechen — kontraktlich das Monopol auf Branntwein und alkoholische Getränke. Nach diesem Vertrag war der Konzessionär »Otkupschczik« verpflichtet, außer der Kaution, die in liegenden Gütern und Staatspapieren bestand, jeden Monat eine bestimmte Summe in die Staatskasse zu entrichten; blieb die Zahlung einen, höchstens zwei Monate aus, so ging die Kaution verloren, und die Konzession fiel an die Regierung zurück. Jede Stadt hatte einen solchen Konzessionär. Diese Verpachtung war für den Staat sehr einträglich — der Gewinn wurde auf hundert Millionen Rubel jährlich berechnet, eine Summe,die, wie es allgemein hieß, ausschließlich für die Armee verwendet wurde. Aber auch die Konzessionäre hatten, wenn die Geschäfte normal gingen, ihren guten Verdienst dabei. Sie erfreuten sich aller Freiheiten und des Schutzes seitens der Behörden, führten ein vornehmes, reiches Leben, gaben oft große Gesellschaften, bei denen üppig geschmaust und getrunken wurde. Die schönsten Pferde, die elegantesten Equipagen der Stadt gehörten ihnen. Kleinen Selbstherrschern gleich lebten sie in ihrer Umgebung.
Mein Schwiegervater besaß, wie gesagt, eine solche Branntweinkonzession. Den Genuß von Wein und Bier kannten damals nur die oberen Schichten der Gesellschaft. Das Volk trank Schnaps. Freilich verachteten auch die oberen Zehntausend den Schnaps nicht und tranken gern ein Gläschen, um ihren Appetit anzuregen. Der Arbeiter gebrauchte schon größere Dosen, um in den Ruhepausen »seine Kräfte zu stärken«. Den größten Absatz fand aber der Schnaps auf dem Lande bei dem Bauern, der ihn trank, um sich zu betäuben. Die Schänkstube war sein Klub, wohin er stets nach der Arbeit seine Schritte lenkte, wo er seinen »Wodka« trank, bald traurige, bald lustige Lieder dabei singend und oft im Rausche tanzend.
Der verführerische Schnaps war in den Städten viel teurer als auf dem Lande. Daher wurde Schmuggel damit getrieben. Es gab damals eine »Rogatka« (Schlagbaum) vor jeder Stadt. Ein »Straschnik« (Wächter mit einem großen Messingzeichen, dem Embleme der Konzession, auf der Brust und dünnem Eisenstock in der Hand) war der Hüter der Grenze. Mit diesem Stock durchstöberte er jeden Wagen, der an ihm vorbeifuhr, und wehe dem Bauern oder demKaufmann, bei dem etwas gefunden wurde. Der Unglückliche wurde ins Verwaltungsbureau geschleppt, der Tatbestand zu Protokoll genommen. Man behandelte den Ertappten dabei wie einen Verbrecher; und er entging nie einer großen Geldstrafe.
Mit solchen glücklichen Zufällen rechneten die Konzessionäre von vornherein. Sie bestritten teilweise die großen Ausgaben für das Personal, für die zahlreichen Aufseher zu Fuß und zu Pferde. Aber trotz der zahlreichen Hüter der Grenze wurde sehr viel geschmuggelt, und ganze Sendungen von 20 bis 30 Fässern auf Umwegen durch Schluchten, durch Wälder in finsteren stürmischen Winternächten in die Städte befördert. Da kam es nicht selten zu erbitterten Kämpfen zwischen den bewaffneten Hütern der Grenze und den ebenfalls bewaffneten Schmugglern. Wie oft gab es bei diesen Zusammenstößen Tote und Verwundete! Die erbeuteten Wagen wurden mit Triumph in das Verwaltungsgebäude gebracht; und nun begann der Prozeß. — Die Angestellten kannten keine Ausnahme — jeder, der durch die Grenze kam, mußte sich einer Revision unterziehen. Und so behelligten sie auch die Pilger, die von allen Enden Rußlands barfuß nach der heiligen Stadt Kiew wallfahrteten, wo die Katakomben der unermeßlich reichen Kirche »Peczerskaia Lawra« die Überreste vieler Heiliger aufbewahren und wo sich das Grab des ersten russischen Herrschers Wladimir des Heiligen, befindet. Das Fläschchen Branntwein, das die Pilger, unter denen sich oft die vornehmsten Frauen und Männer des Landes befanden, zu ihrer Stärkung und zur Einreibung der wunden Füße bei sich trugen, wurde ihnen zumeist unter Schimpfen und Drohen fortgenommen.Nur selten ließ man die Pilger ungestraft ihres heiligen Weges gehen.
Die meisten Juden in Konotop waren Chassidim, eine in ihrem Wesen so vielfach verkannte, in ihren Lehren so oft verleumdete Sekte. Vor etwa hundertfünfzig Jahren ist der Chassidismus in Wolhynien entstanden als Reaktion gegen die vornehmlich in Litauen herrschende, trockene Talmudgelehrsamkeit. Es war gleichsam der Kampf des aufkommenden Mystizismus und der Romantik gegen den kühlen Rationalismus. Nicht in Klügeleien und komplizierten spitzfindigen Auslegungen eines Bibelwortes, nicht in unaufhörlichem Brüten über dem Talmud, nicht in den leblosen Wortgefechten besteht die echte, wahre Frömmigkeit. Mit Herz und Gefühl soll Gott gedient werden. Begeisterung, Inbrunst, Ekstase müssen den Menschen allem Materiellen entrücken und ihn in die geistigen Höhen zu der Sphärenharmonie emporheben. So lehren die Chassidim. Nach ihren späteren Lehren können immer nur wenige — durch absolute Vergeistigung eine höhere Erleuchtung, eine göttliche Inspiration erlangen. Dies ist der Zaddik, der Rebbe, dem unbedingter Glaube und Vertrauen entgegenzubringen ist. Das Leben soll nicht getötet, sondern erhöht und gesteigert werden. Der Gottesdienst muß freudig und jauchzend verrichtet werden, und überall muß Schönheit sein. Die Schönheit des Rebben offenbart sich in allen seinen Bewegungen und reißt seine Anhänger zur Entzückung hin. Und so pilgern die Chassidim bei jeder Gelegenheit zum Rebben, nicht nur um Thora zu lernen und Gebete zu sagen, sondern um in der Frömmigkeit zu leben und seine Schönheit zu genießen. Der Rebbe hat Anteil an Gott. Seine Anhängerwollen Anteil haben an ihm. So greifen sie leidenschaftlich nach den Resten seiner Speisen. So verfolgen sie in Ekstase seine kleinsten Bewegungen, suchen ihn in seinem Tanze zu beobachten und tanzen mit ihm. Tanzend werden Gebete verrichtet, freudig gemeinsame Mahlzeiten eingenommen und zwischen den einzelnen Mahlzeiten Lieder im Chor gesungen, die der Rebbe einleitet. So erzählt ein chassidischer Weiser, Rabbi Leib: »Ich fuhr oft zum Magid (Prediger) von Mezritz, (einem Fleckchen in Polen), nicht etwa um Thoraneuigkeiten zu hören, sondern um zu sehen, wie er seine Strümpfe ab- und anlegt.«
In einem anderen chassidischen Buche wird erzählt: »Nie ist der Großvater aus Spale[6]Gott so nahe gekommen, nie hat er sich so innig mit ihm vereinigt, wie während seines Tanzes am Sabbath und Jomtow.« Er besaß dann die natürliche Leichtigkeit und Fröhlichkeit eines vierjährigen Kindes. Wer seinem Tanze zuschaute, dem würden sofort die Gefühle der Buße und Reue wach. Das Herz füllte sich mit Freude, und die Augen wurden tränenvoll. Rabbi Scholem war einst beim »Großvater aus Spale«. Voll Ekstase saß er in einer Zimmerecke, während in einer anderen der »Großvater« saß. Nach dem Essen richtete plötzlich der Großvater an Rabbi Scholem die Frage, ob er tanzen könne. »Nein,« antwortete Rabbi Scholem. »Dann sieh, wie der Großvater tanzt.« Der Großvater erhob sich schnell von seinem Platze und begann einen herrlichen Tanz. Voll Begeisterung stand Rabbi Scholem da: »Seht, seht, wie der Großvater tanzt!« Diese Szene wiederholte sich einige Mal, und RabbiScholem sprach zu den Anwesenden: »Glaubt mir, seine Gliedmaßen sind unendlich weihevoll, mit jedem Schritt hebt er sich zur Gottheit empor, vereint sich mit der Gottheit.« Am anderen Tage saß Rabbi Scholem unbeweglich da und betrachtete bewundernd den alten Großvater.
Auch für die Naturschönheiten haben die Chassidim großes Verständnis; und es mutet uns fast pantheistisch an, wenn von Rabbi Nachman aus Bratzlaw erzählt wird, er habe die höchsten Stufen der Göttlichkeit erklommen, weil er in Feldern und Wäldern umherirrte, gemeinsam mit der Natur Lobhymnen an Gott richtete, in tiefen Höhlen Psalmen hersagte und ganz allein in einem kleinen Kahn auf dem großen, weiten See umherfuhr.
Der Rebbe ist die Verkörperung alles seelischen Adels. In ihm ist Gott am reinsten offenbart. Muß es da nicht selbstverständlich sein, daß man das Leben des Rabbi loslöst von allen materiellen Sorgen? Jeder, selbst der ärmste Chossid hält es für seine vornehmste Pflicht, für den Unterhalt des Rebben die sogenannten Pidjonim zu spenden. In diesem Eifer sind sich die mannigfachsten Untergruppen der Chassidim einig.
Es ist ein seltsames Leben, das die Chassidim führen. Sie weihen ihren Körper, denn auch er ist ein Geschenk des Herrn. Nur in höchster Reinheit wollen sie vor ihren Gott treten. Häufige Waschungen, mehrmalige Bäder am Tage, besonders in fließenden Gewässern, ganz gleich, ob es Winter oder Sommer ist, sind gottesdienstliche Handlungen.
Trotz all den frommen Übungen muß doch bemerkt werden, daß die litauischen Chassidim viel nüchterner sind und dem praktischen Leben mehr Verständnis entgegenbringen als diepolnischen. Sie sind besonnene Kaufleute, gute Familienväter und treue Ehemänner. Ihre ganze weltentrückte Ekstase findet ihren Ausdruck im Gebete. Vollends in jenen heiligen Stunden, wenn sie einmal im Jahre zum Rosch-Haschonoh-Feste zu ihrem Rebben fahren. In ihrem Rebben ist Seligkeit und die Gewißheit der Zukunft. Da braucht man nur auf das Grab des Zaddiks ein Stück Papier zu legen, das alle Wünsche für das kommende Jahr enthält, und man kann getrost heimgehen. Der Rabbi wird das Schicksal beugen. Tiefe, mystische Vorstellungen beherrschen das Sinnen und Handeln der Chassidim. Und es hieße, die verschlungenen Wege der Kabbala wandeln, wollte man die tieferen Beziehungen ihrer oft seltsamen Bräuche zu erkennen suchen. So entsinne ich mich, daß vor dem furchtbaren Tage der Versöhnung, an dem der Allmächtige über Leben und Tod entscheidet, in den chassidischen ebenso wie in den misnagdischen Häusern große Wachslichte angefertigt werden. Aber der siebenmal gefaltete Docht wird nicht früher in das Wachs gelegt, als bis aus den Fäden die Namen eines jeden lebenden Familienangehörigen, wie jedes toten zusammengelegt worden ist. Zwischen den Lebenden und den Toten ist ja nur ein äußerer Unterschied.
Reicher an Bräuchen, ungleich verinnerlichter ist das Leben der polnischen Chassidim. Hat doch auch heute noch — in diesen aufgeregten Tagen — der Chassidismus gerade in Polen die größte Zahl seiner Anhänger. Dort hat er nur wenig von seiner alten Kraft und seinen alten Formen verloren. In jenen Zeiten, von denen ich hier berichte, war der polnische Chossid ein Wesen, dessen Leben zwischen Himmel und Erde schwebte und in seiner Verklärtheitdem praktischen Alltag entrückt schien. Im Gebet erst reifte sein Menschtum zur Ganzheit und Schönheit aus. So heilig war das Gebet, daß es erst aus der Seele emporsteigen konnte, wenn alle irdischen Gedanken verbannt waren. Lieber gar nicht beten, als ohne Inbrunst beten, war ihr Grundsatz. Sie verschmähten darum die zeitlichen Grenzen, die für das Gebet vorgeschrieben waren, sie harrten der Feierstunden. Und wollte sich die Seele nicht aufschwingen zur Weltvergessenheit, dann mußte ein Gläschen Wein — des Brechers der Sorgen, des Bringers der himmlischen Freuden — nachhelfen. Ihr Auge, aus dem die Flammen des inneren Brandes schlugen, sah die Welt erfüllt mit guten und bösen Geistern. Sie nahmen mannigfache Formen an. So erschien ihnen die Frau als ein Dämon, der die Menschen verführt und in die Niedrigkeit herabzerrt. Lieber einen weiten Umweg machen, als zwischen zwei Frauen hindurchgehen.
Das Verhältnis der übrigen Judenheit — der Misnagdim — zu den Chassidim ist sehr feindlich. Zwischen den litauischen Chassidim und Misnagdim bestehen weniger Unterschiede. Und Konflikte sind nur selten, weil sie auch viel Gemeinsames haben, hauptsächlich die Talmudverehrung. Die polnischen Chassidim dagegen ignorieren mehr oder weniger den Talmud und schöpfen ihre Weisheit und Begeisterung ausihrenheiligen Büchern. Ein interessanter und bezeichnender Beleg für dieses feindliche Verhältnis zwischen den beiden Richtungen ist das Liedchen der Misnagdim über die Chassidim:
:|: Wer geht in Schül arayn?:|:Unsere heilige Idelach.
:|: Wer geht in Schül arayn?:|:Unsere heilige Idelach.
:|: Wer geht in Schenk arayn?:|:Unsere Kotzker Chassidimlach.:|: La, la, la, la, la, la:|::|: Unsere Kotzker Chassidimlach.:|:
:|: Wer geht in Schenk arayn?:|:Unsere Kotzker Chassidimlach.:|: La, la, la, la, la, la:|::|: Unsere Kotzker Chassidimlach.:|:
Auch die Wengeroffs waren Chassidim, aber litauische. Ich, die Tochter des Misnagid, sah und hörte hier viel Neues und mußte mich allmählich an manches Fremde gewöhnen.
Meine Schwiegereltern waren sehr gastfreundlich, und in ihrem Hause verkehrten viele Leute. Dieser Verkehr war aber ein ganz anderer als der bei den Meinigen in Brest. Da es in Konotop keine vornehmen jüdischen Familien gab, so bildete sich allmählich der Verkehr mit Nichtjuden aus, der sich bald recht freundschaftlich und rege gestaltete. Junge Offiziere, Gutsbesitzer mit ihren Frauen und Geschwistern besuchten meine Schwiegereltern oft und gerne. Auch manche künftige Berühmtheit Rußlands befand sich darunter, wie: Dragomirow, der spätere Generalgouverneur von Kiew und Lehrer Alexander des III., Ponamariew, Mescenzow und noch andere, die später als Schriftsteller oder auf militärischem Gebiete bekannt wurden. Durch diesen Verkehr schlichen sich unvermerkt auch »christliche« Sitten ins Schwiegerelternhaus ein. Es entstand ein Gemisch von echt jüdischer Religiosität und nichtjüdischen Gebräuchen.
Allmählich fing ich an, mich an das neue Leben zu gewöhnen und schloß mich fest und innig meinen Schwiegereltern und den Geschwistern meines Mannes an. Sie bemühtensich alle, mir über den Schmerz der Trennung von den Meinigen hinwegzuhelfen, mir das eigene Elternhaus zu ersetzen. Ich war wie die Tochter im Hause. Auch manche Arbeit in der Wirtschaft übernahm ich. So war das Teeeingießen des Morgens und Abends, das je zwei Stunden andauerte, bald mein Amt. Anstrengend war die Erfüllung dieser Pflicht im Hochsommer während der großen Hitze. Nach vollendeter Arbeit war ich triefend naß. Hier, am brodelnden Samowar war es, wo mein Schwiegervater, sonst ein schweigsamer und etwas mürrischer Mann, mit mir die liebevollsten Gespräche führte und sich stets nach meiner Gesundheit erkundigte.
Zwei Menschen im Hause waren am meisten tätig: der Schwiegervater und die Großmutter. Ungeachtet ihres hohen Alters versorgte die alte Frau eine große Wirtschaft. Sie war das Muster einer Wirtin und verstand vortrefflich zu backen und zu kochen. Vom einfachsten Schwarzbrot bis zu den schmackhaftesten Leckerbissen wußte sie alles herzurichten. Sie war ein besonderer Künstler im Einkochen der mannigfachsten Früchte, denen sie dabei ihr natürliches Aussehen zu wahren verstand. Sehr beliebt waren ihre »Knischi«, Pastetchen, die sie mit Gänseschmalz, Grieben, Gänseleber, auch mit in Gänseschmalz gedämpftem Sauerkohl zu füllen pflegte. Ihr Meisterstück aber auf dem Gebiete stellten ihre Honiglekachs (Lebkuchen) dar. Sie siedete weißen Honig und goß ihn nebst etwas fein gesiebtem Ingwer in Roggenmehl, rührte alles mit einem Holzlöffel gut durcheinander und ließ die Masse ein wenig abkühlen. Dann nahm sie etwas von dem Teig, in den noch gute große Haselnüsse hineingeknetet wurden, zwischen beide Hände und rieb, zog,drückte ihn so lange, bis er ganz weich wurde und sich leicht von den Handflächen ablöste. So wurde mit dem ganzen Teig verfahren, der dann in einer Blechkasserolle im Ofen gebacken wurde.
Neben ihrer Kocherei hatte sie noch viel zu tun. Denn den ganzen Tag kamen Leute zu ihr, um sich Rat und Unterstützung zu holen. Sie war der Geburtshilfe ebenfalls beflissen und stand auch in dieser Hinsicht den Armen stets zur Seite. Täglich fast sah man die alte Frau von einer Menschenmenge umgeben aus der Synagoge zurückkehren. Der eine wollte von ihr Rat wegen einer Stellung. Ein anderer wegen Verheiratung seiner Tochter. Ein dritter klagte ihr über Schmerzen in der Brust. Eine Frau bittet sie, schleunigst zu ihrer Schwiegertochter zu kommen, die in Geburtswehen daliegt, usw. Die meisten fertigte sie noch unterwegs mit guten, verständigen Worten ab. Die andern, bei welchen die Not größer war, begleiteten sie ins Haus. Zu Hause sah sie sich zuerst in der Wirtschaft um, nahm eine Kleinigkeit zu sich und entfernte sich ins Kontor, um sich hier über verschiedene geschäftliche Angelegenheiten zu informieren. Hastig kehrte sie zurück, warf ihren Mantel um und eilte zu der Wöchnerin.
Sie leistete ärztliche Hilfe Juden und Christen in gleicher Weise. Sie verfügte über eine große Reihe von Rezepten und Heilmethoden, von denen mir noch einige in Erinnerung sind. Bei Brustschmerzen und starkem Husten ließ sie während eines ganzen Monats das folgende Getränk nehmen: Hafermehl, Sahne, Butter und vier Lot kandierten Zuckers mußten zusammen gut aufgekocht werden. Dieses außerordentlich nahrhafte Getränk kräftigte die Leute sehr bald und derHusten ließ nach. Zur Nachkur mußte der Kranke süße Sahne nehmen, die in einer Flasche so lange geschüttelt wurde, bis sich an der Oberfläche kleine Krümel Butter zeigten. Wurde diese Kur gewissenhaft durchgeführt, so war sie meistens erfolgreich. — Bei Rheumatismus, Blutstockungen und Kopfschmerz ließ sie vier bis sechs Wochen lang einen großen Kelch einer Abkochung von Sarsaparilla trinken. Bei Blutwallungen nach dem Kopfe und Schwindelanfällen war ihr souveränes Mittel der Aderlaß, wobei ein Teller voll Blut abgelassen wurde. Bei Fußbeschwerden ließ sie Bäder von durchgekochten grünen Pappelblättern machen. Sehr häufig empfahl sie auch Bäder aus einer Abkochung von trockenem, zerriebenen Heu. Dabei bevorzugte sie jene zerriebenen Heubröckel, wie sie sich in der Scheuer bei lange lagerndem Heu am Boden finden. Diese Bäder galten ihr übrigens auch als ein treffliches Mittel für kranke und schwächliche Kinder. Als allgemeines ableitendes Mittel bei den mannigfachsten Beschwerden liebte sie Pflaster von spanischen Fliegen. Diese wurden so lange auf der kranken Stelle belassen, bis sich eine Blase bildete, die sie dann mit einer Scheere öffnete und mit Buchnersalbe — eine Art auf Leinwand gestrichener Zugsalbe — längere Zeit offen hielt. Bei skrofulösen Kindern empfahl sie, Bäder aus Malz oder Rinde von jungen Eichen zu machen. Senfpflaster gab sie zwei- und dreijährigen Kindern bei Leibschmerzen. Ein sehr rabiates Mittel wandte sie bei Halsschmerzen und Mandelentzündungen kleiner Kinder an. Sie tauchte ihren Zeigefinger in heißes Wasser und massierte die Drüsen vom Munde her. Die Kinder machten dabei natürlich einen großen Lärm; und ich sehe noch die Alte, wie sie durch Schnalzenund Schmatzen mit den Lippen die Kinder zu beruhigen suchte. Versagten aber alle ihre Methoden, dann griff sie zu einem heroischen Mittel. Ich selbst hatte die Gelegenheit, diese Prozedur bei meinem Kinde zu verfolgen. Nach dem Tode meines erstgeborenen Kindes gebar ich ein Mädchen, das in seinem ersten Jahre — es wurde noch an der Brust ernährt — plötzlich zu kränkeln anfing. Es wurde immer blasser, immer schwächer und magerte ganz ab. Die Alte hatte alle ihre Mittel schon angewandt. Aber keines half. Das Kindchen siechte immer mehr und mehr dahin. Mit einem feierlichen Ernste sagte sie mir: sie werde noch ein Mittel probieren, aber das sei ein furchtbares Mittel, und es sei nicht unmöglich, daß das Kind unter Umständen dabei zugrunde gehen könnte. Das Kind schien uns ohnehin verloren. Und so entschlossen wir uns denn, diesen letzten entscheidenden Versuch zu wagen. Ein Ochse wurde auf dem Hof geschlachtet. Noch ehe man das Fell abzog, schnitt man den Leib auf und nahm den dampfenden Magen heraus. Er wurde in eine Krippe gelegt und mit einem wollenen Tuch bedeckt, damit er warm bliebe. So wurde er in das Krankenzimmer gebracht. Die Alte schnitt nun mit einem großen Küchenmesser den Magen auf, schob den dampfenden Speisebrei auseinander und setzte nun das halbtote Kind mitten hinein. Mit der einen Hand hielt sie das Köpfchen fest, mit der andern bedeckte sie immer wieder das Körperchen des kranken Kindes mit dem dampfenden Mageninhalt. Schon nach wenigen Minuten röteten sich die Wangen des blassen Kindes wieder. Die sonst halbgeschlossenen Augen öffneten sich und mit schwacher Stimme rief es mich: — Mamm', Mamm'. Nun nahm die Alte das Kind aus denOchsenmagen, badete es und legte es in die Wiege. Nach einem halbstündigen, ruhigen Schlaf verlangte es zu essen. Seit jener Stunde, von der an es sich immer kräftiger und kräftiger entwickelte, aß es mit bestem Appetit und ich kann versichern, daß dieser Appetit auch heute noch meine Tochter — sie ist nun schon 55 Jahre alt — nicht wieder verlassen hat.
Man kann von der Großmutter wie von einem gesuchten Arzte sagen, daß sie eine große Praxis besaß. Natürlich hatte sie auch in der Nacht keine Ruhe. Ihr Zimmer, das einen Schrank mit Medikamenten enthielt, hatte ein Seitenfenster, an welches zu jeder Stunde der Nacht angeklopft werden durfte, wenn ihre Anwesenheit bei einer kreißenden Frau unentbehrlich war. Man brauchte nur ganz leise zu klopfen und den Namen »Beileniu« zu rufen, so erwachte die alte Frau sofort. In zehn Minuten stand sie fertig zum Ausgehen da. Ihre Kleidung war den Verhältnissen angepaßt. Sie trug große, warme Stiefel, ein warmes Kleid, auf dem Kopfe eine schwarze, warme Atlashaube und einen langen Pelz. Rasch nahm sie einige Medikamente mit und fuhr davon. Manchmal war die Armut der Leute, zu denen sie hinkam, so groß, daß sogar Windeln für das Neugeborene fehlten; da überlegte die menschenfreundliche Frau nicht lange. Sie riß ihr eigenes Hemd entzwei und wickelte darin das Kind ein. Sie machte selbst das Feuer im Ofen an, kochte Tee, badete das Kind, bedeckte die Kranke mit ihrem warmen Mantel und wich nicht von ihrer Seite, bis die Schmerzen ganz nachgelassen. Von solchen Wegen kam sie gutgelaunt zurück und erzählte häufig und gern von ihren Erlebnissen.
Nach der unter den Juden dieses Ortes herrschenden Sitte wurde die Hebamme stets nach der geleisteten Geburtshilfe mit einem weißen Hemd beschenkt. Meine Großschwiegermutter besaß viele solcher Hemden, deren Annahme sie aus Zartgefühl nie verweigerte. Sie lagen in einer Kommode aufbewahrt. Verlobte sich im Städtchen ein armes Mädchen, oder war die Not irgendwo so groß, daß sogar Wäsche fehlte, dann wurde die Kommode geöffnet und der Vorrat hervorgeholt.
Wenn ich jetzt die russisch-jüdischen Mädchen betrachte, die zahlreich und wissensdurstig die Universitätsauditorien und Kliniken füllen und der Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und Wissenschaft den Weg ebnen, so taucht in meiner Erinnerung das Bild jener Matrone auf, die sich in ihrem kleinen beschränkten Kreise ein Betätigungsfeld schuf und das soziale Empfinden in diesen edlen Formen betätigte. So sehe ich den Entwicklungsgang der jüdischen Frauen als eine lange ununterbrochene Kette, bei der sich Glied an Glied reiht, und nicht als etwas Zufälliges, Plötzliches und Neues im jüdischen Leben an.
Es könnte dem Leser etwas vag vorkommen, daß ich an ein einziges Beispiel anknüpfend zu solch allgemeinen Schlüssen gelange. Aber die Frau, deren Wesen und Leben ich hier so ausführlich geschildert habe, war keine Ausnahme, keine Einzelerscheinung. Es lebten unter den Juden viele solcher Frauen, und man kann von ihr wie von einem Typus erzählen. — Es war eine wunderbare Frau. Nach ihren nächtlichen Ausflügen ging sie oft, ohne zu ruhen, an die Tagesarbeit, versorgte schnell die ganze Wirtschaft und widmete dann den Rest des Tages dem Geschäfte.
Gewöhnlich stand sie um fünf Uhr morgens auf, sang mit Andacht viele Kapitel aus den Psalmen und nahm dann eine Tasse Tee. Um 7 Uhr morgens besprach sie die wirtschaftlichen Angelegenheiten mit der Köchin und ging dann in die Synagoge.
Ihre persönlichen Bedürfnisse waren sehr gering. Sie aß wenig und einfach. Für die Gäste aber mußte stets ein reichbesetzter Tisch hergerichtet werden, was in jenen Zeiten injedemreichen, vornehmen jüdischen Hause üblich war.
Die Bevölkerung, auch die christliche, von Konotop verehrte sie, alle Bekannten und Freunde brachten ihr die größte Achtung entgegen. Ihr Wunsch war jedem heilig. Ihr Wort galt als ein Gesetz, besonders bei ihrem Manne und uns Kindern.
Trotzdem sie aber die Macht besaß, ließ sie dies niemals jemanden fühlen. Nichts von Egoismus und Selbstüberschätzung war in dieser Frau, keine Starrheit der Gesinnungen, nur tiefer Ernst, religiöse Bescheidenheit und eine ungeheuchelte fromme Unterwerfung unter den Willen Gottes — das waren die Hauptmerkmale ihres Wesens. — Daß diese Frau das meiner sterbenden Schwiegermutter einst gegebene Wort in Treue hielt, braucht es besonderer Betonung? Sie war den drei Waisen gewordenen Kindern eine wahre Mutter, eine treffliche Erzieherin, die in ihrem weiten Blicke die Kinder zum Talmudstudium, wie auch zu dem der russischen Sprache anhielt.
Ihr Gatte, ein hageres Männchen mit blitzenden, gutmütigen Augen, war ihr ganz ergeben und fügte sich, weil er wußte, daß sie ihm in jeder Hinsicht überlegen war, ihrem Willen. Er war zwar auch im Geschäfte tätig. Dasentscheidende Wort führte jedoch seine Frau. Wohl konnte er gelegentlich gegen die Enkelkinder streng werden. Aber niemand fürchtete ihn, weil man sein weiches Gemüt kannte. Er war tief ergriffen von allem menschlichen Elend. Szenen auf dem Hofe, die sich unter Dienstleuten abspielten, und die sonst niemand bemerkte, konnten ihn tief rühren. Im gewöhnlichen Leben war er ohne Initiative, energielos... Aber beim Vorbeten in der eigenen kleinen Synagoge wurde er ein neuer Mensch. Seine ganze Gestalt veränderte sich in dem Augenblick, da er die ersten Gebetworte sprach. Eine Kraft und ein Feuer kamen in seine Stimme, daß man staunen mußte, wo dieser winzige Körper sie hernahm. Der Ton seines Betens wurde immer bewegter, immer verinnerlichter. Er geriet in eine weltentrückte Verzückung. Der kleine gebückte Mann wurde groß, so groß und erhaben, wie die Worte es waren, die er sprach.
Mir persönlich war er sehr gewogen und später, als mein Erstgeborener einige Monate zählte, kam der Urgroßvater jeden Morgen vor Tagesanbruch zu ihm ins Zimmer und spielte eine Stunde mit dem Kinde. Der Kleine erkannte ihn stets und streckte ihm die Händchen entgegen. Er nahm ihn aus der Wiege, hob ihn hoch über den Kopf und sang dabei: Haisurki, haisurki...
Das Kind lachte laut, zappelte vergnügt in der Luft und fuhr mit den Händchen dem Alten ins Gesicht und in den Bart.
Diese Szene wiederholte sich regelmäßig jeden Morgen. Halbschlummernd hörte ich manchmal aus meinem Schlafzimmer dem Spiel zu, und es wurde mir dabei stets so warm, so behaglich zu Mute.
Eine Geschichte, die in der Familie ein Geheimnis warund mir erzählt wurde, knüpft sich an dieses Ehepaar: Vor vielen Jahren wurde der Mann infolge einer Denunziation ins Gefängnis gebracht. Die tief erschütterte Frau schreckte vor keiner Gefahr zurück, um ihrem Mann Trost und Mut zu bringen. Sie besuchte ihn häufig im Gefängnis, als Soldat verkleidet — eine Tat, die, wäre sie entdeckt worden, ihr den sicheren Tod gebracht hätte.
Auch in dieser heroischen Tat kommt sie mir wie ein Vorbote derjenigen jüdischen Frauen vor, die seit den 80er Jahren an der russischen Revolution teilnahmen und unerschrocken für die gute Sache kämpfen. Aber zu jener Zeit war Rußland noch in tiefen Schlaf versunken, und für eine jüdische Frau gab es damals noch keine andere Möglichkeit, ihren heroischen Geist zu offenbaren, als im engen, geschlossenen Familienleben. Innerhalb dieses Kreises hat sie auch vollauf ihre Mission erfüllt.
Munter trug meine Großschwiegermutter ihre Sorgen und blieb bis ins hohe Alter gesund und rüstig. Als ich ins Wengeroffsche Haus kam, war sie noch schön — eine Gestalt von mittlerer Stärke, ein ovales Gesicht, kluge, gute Augen, eine leicht gebogene Nase und ein sehr kleiner Mund mit blendend weißen Zähnen, der sich aber fast nie zum Lachen verzog; ein Kinn, auf dem seltsamerweise ein Bart wuchs, den sie sich jede Woche entfernen lassen mußte.
Ihr ganzes Trachten und ihre Mühe galten ihrem Sohne, meinem Schwiegervater. Er war der Mittelpunkt ihrer Gedanken und Bestrebungen, ihrer Sorgen und Wünsche. Sie hatte wohl noch eine Tochter. Aber ihr brachte sie wenig Interesse entgegen. Ihr ganzes Mutterherz gehörte dem Sohne, dem lichten Stern ihres mühevollen Lebens.
Meinen Schwiegervater hatte ich nur wenig Gelegenheit näher kennen zu lernen, weil er sehr oft auf Geschäftsreisen ging; und wenn er nach Hause zurückkehrte, nahmen ihn auch die Geschäfte ganz in Anspruch. Er war ein kluger Mann mit großen, talmudischen Kenntnissen; taktvoll gegen jedermann und seiner Frau gegenüber der liebenswürdigste Kavalier und geduldigste Ehemann. Seine Frau, eine gescheite, aber zugleich herrschsüchtige Gattin war von ihrer Allwissenheit überzeugt. Die allgemeine Achtung seitens aller Hausgenossen und die grenzenlose Vergötterung ihres Mannes unterstützten sie noch mehr in ihrem Selbstbewußtsein. Sie besaß Kenntnisse des Hebräischen, was ihren Stolz noch vergrößerte, um so mehr, als Bildung bei den Frauen nicht nur in Konotop, sondern in ganz Klein-Rußland damals zur Seltenheit gehörte.
Sie stand sehr spät auf. Wenn sie im Eßzimmer erschien, suchten entweder meine ältere Schwägerin oder ich ihr das Frühstück mit aller Aufmerksamkeit zuzubereiten. In diesem Augenblick schon setzte ihre Kritik ein. Sie kritisierte den ganzen Tag, und alle Stubenmädchen und Bediente erhielten ihr Teil sogleich während des Frühstücks. Nach dem Frühstück nahm sie auf einer Veranda Platz, von wo sie einer Fürstin gleich ihr ganzes Hab und Gut übersah und beherrschte. Und alle im Hause, männliche und weibliche Dienstboten zitterten bereits vor ihrer Stimme.
Außer einem Schwager und seiner Frau, der Schwägerin Kunze, einer ungewöhnlich guten und schönen Frau, waren die übrigen Mitglieder des Hauses ganz junge Geschwister meines Mannes, noch Kinder.
Das war die Umgebung, in der ich mein neues Lebenlebte. Es war ein vornehmes jüdisches Haus. Hier bot sich mir die Gelegenheit, alles das, was ich im Elternhause gelernt hatte, weiter auszuüben und zu entwickeln: Gastfreundschaft, Armenpflege, Studium, Gottesfurcht und Verehrung der Eltern — Tugenden, durch die wir Juden selig zu werden hoffen und die hier mit großem Eifer gepflegt wurden. Besondere Achtung und Verehrung empfand ich für meine Schwiegereltern deshalb, weil sie Waisenkinder wie Kinder armer Verwandten ins Haus nahmen, sie standesgemäß erzogen, sie verheirateten, und ihnen Geschäfte gründeten.
Auch der Sabbath wurde hier heilig gehalten. Aber ihn verschönte nicht jene Feierlichkeit, wie in unserem Elternhause. Der Freitagabend kam mir im Schwiegerelternhause gar nüchtern vor. Es störte meine Andacht, daß am Tisch von Geschäften die Rede war. Mein Schwiegervater unterhielt sich mit seinem Vater über neu gekaufte Pferde, ihre guten und schlechten Eigenschaften und ihre Krankheiten. Die jungen Leute — mein Mann machte es nicht anders — schliefen oft aus Langeweile bei Tisch ein, bis sie die Schwiegermutter lachend und neckend zum Tischgebet weckte... An Smiraus, die heiligen Sabbathlieder, dachte hier niemand. Man erfüllte zwar die Sabbathsitte ganz so wie sie vorgeschrieben war; man umging sie aber, wenn der Nutzen es forderte, auf eine schlaue Weise. Kam ein Geschäftsbrief am Sabbath an, so öffnete ihn der Schabbesgoj, und man las ihn dann ruhig durch.
Wie anders war es in meinem Elternhause! Der Sabbath war wirklich heilig, und mein Vater glich an diesem Tage einem ehrwürdigen Rabbi! Nichts verriet in ihm denGeschäftsmann, und weder Freitag abends, noch den ganzen Sabbath durch fiel ein einziges Wort über geschäftliche Angelegenheiten; sogar Briefe, die an diesem Tage ankamen, wurden beiseite gelegt und erst am Abend geöffnet. Im Wengeroffschen Hause war man nüchterner. Die stille, verklärte, fromme Begeisterung, die an Feiertagen in meinem Elternhause herrschte, fehlte hier ganz. Sonst erinnerte mich die Art, wie das Haus eingerichtet war, stets an mein Elternheim: ebenfalls große Räume, kostbares Mobiliar, schönes Silbergeschirr, Equipagen, Pferde, Dienerschaft, häufige Gäste...
Ich las in Konotop sehr viel, hauptsächlich russisch. Die deutschen Bücher, wie Schiller, Zschokke, Kotzebue, Bulwer, die ich aus Brest mitgebracht hatte, waren schon alle durchgelesen, — und jetzt kamen die russischen Bücher, welche die Wengeroffsche Bibliothek aufwies, an die Reihe. Ich las die Journale »Moskauer Nachrichten«, »die Nordbiene« usw. und unterrichtete meinen Mann, der äußerst lerneifrig war, in der deutschen Sprache. Sein Hauptstudium aber widmete er dem Talmud; jeden Montag und Donnerstag verbrachte er die Nacht mit seinem Rebben, über großen Folianten gebückt. Beim Tagesanbruch verließen sie erst das Studierzimmer.
Häufig saß er dort mit seinem Melamed, stundenlang auf einem niedrigen Schemel, von oben bis unten in einen großen Lappen, »Plachte,« gehüllt, das Haupt mit Asche beschüttet und tat »Goles abrichten« d. h. das Joch des Exils beklagen. Ein alter Brauch, den heute vielleicht von Tausenden Juden einer übt.
Seit unserer Verlobung erfüllte meinen Mann mehr undmehr eine mystisch-religiöse Stimmung. Er vertiefte sich in die heiligen Geheimnisse der Kabbala. Dieses Studium weckte allmählich in dem schwärmerischen Jüngling den heißen Wunsch, nach Libawitz, dem Sitz des Oberhauptes der Litauischen Chassidim, zu wallfahren. Dort müsse er vom Rebben eine erschöpfende Antwort auf alle qualvollen Fragen und Rätsel erhalten. Dort wollte er seine Jugendsünden bekennen und um Ablaß bitten.
Kaum vor zwei Jahren noch hatte mein Mann freie Ideen vertreten, — was sogar zu Zwistigkeiten mit den Eltern geführt hatte. Nun verfiel er nach so kurzer Zeit in das Gegenteil und verlor sich in mystisch-ekstatischen Stimmungen.
Eines Morgens — es war Purim — während ich in der Wirtschaft tätig war, kam mein Mann zu mir in die Küche und erzählte mir freudestrahlend, aufgeregt, sein Vater erlaube ihm und seinem älteren Bruder in Begleitung ihres Rebben nach Libawitz zu reisen. Als Misnagdim-Tochter verstand ich nicht die Tragweite und den Ernst dieses Ereignisses. Zweifelnd fragte ich meinen Mann, ob es sein Ernst sei. Ich erhielt zur Antwort ein kurzes, aber vielsagendes »Ja«.
Man traf die Vorbereitungen. Und bald stand eine Kutsche mit drei kräftigen Pferden zur Abreise bereit.
Ich weiß nicht, was bei dem Rebben vorgefallen war, denn nie sprach mein Mann von diesem traurigen Erlebnis; ich weiß nur, daß ein Jüngling voll Hoffnung und Begeisterung die Seinigen verließ und zu dem Rebben wallfahrtete, wie zu einem Heiligen, der einzig und allein die Macht besitzt, den Schleier von den großen Geheimnissen zu heben... und daß er ernüchtert zurückkehrte. Die blaue Blume, auf deren Suche er, so manchem anderen gleich, auszog, fand er nicht sonnenbeglänzt am Rande einer reinen, erfrischenden Quelle, sondern welk und unähnlich dem Bilde seiner Träume. Nicht Verzweiflung, sondern eine ruhige Trauer legte sich über sein Wesen. Der Zauber schwand und mit ihm das Interesse und die Inbrunst, die er im letzten Jahre den religiösen Gebräuchen und Pflichten entgegengebracht hatte. Und es begann das Sichlossagen von all dem, was bisher teuer und nahe war, so nahe, daß es mit dem Menschen verwachsen und in sein Blut übergegangen zu sein schien. Nicht plötzlich, nicht auf einmal kam es zum Vorschein — nur allmählich und leise, so leise, daß man es zuerst kaum merkte... Mein Mann verrichtete immer noch seine Gebete. Auch das Lernen mit dem Rebben dauerte fort. Ja, sogar das nächtliche Sitzen und Arbeiten über den Foliantenhörte nicht auf... Aber das liebende Herz eines Weibes, das zu lauschen versteht und die leiseste Regung wahrnimmt, kann nichts täuschen... Das war nicht mehr das lebhafte Interesse des Forschers und Suchers, nicht mehr das inbrünstige, heiße Beten, das sich zur Ekstase erhebt, in welcher sich der Mensch Gott nahe fühlt und mit ihm redet ... Nein, es war eine tote Erfüllung der Pflicht. Jung und unerfahren, wie mein Mann war, verstand er es nicht, den goldenen Mittelweg zu finden. Von Enthusiasmus und religiöser Begeisterung zur vollkommenen Ernüchterung war bei ihm ein Schritt. Er tat ihn und betrat den entgegengesetzten Weg, den viele Juden bereits gegangen waren. Mein tiefreligiöses Gemüt erfaßte sogleich diese Wandlung. Es wurde mir gar schwer zumute. Ich ahnte schon damals all die Kämpfe, die mir in den nächsten Jahren bevorstehen sollten.
Die Erfüllung der religiösen Pflichten ohne die religiöse Überzeugung wurde meinem Manne auf die Dauer lästig. Er fing allmählich an, sie zu vernachlässigen. Die Eltern merkten es bald. Es entstand eine Spannung zwischen ihnen und dem Sohn. Die erste Auseinandersetzung erfolgte, als mein Mann sich den Bart schneiden ließ. Die Eltern waren darüber ungehalten und machten ihm bei dieser Gelegenheit schwere Vorwürfe, auch wegen der Vernachlässigung anderer religiöser Gebräuche, die sie bisher stillschweigend geduldet hatten.
Damals kam es auch zum ersten Konflikt zwischen mir und meinem Mann. Ich beschwor ihn, der Eitelkeit nicht nachzugeben und den Bart weiter wachsen zu lassen. Er fühlte sich verletzt, wollte nichts davon hören, erinnerte an seine Herrenrechte und forderte von mir Gehorsam und die Unterwerfungunter seinen Willen... Das war ein scharfer Stich für mein zartfühlendes Herz; der blaue Himmel meines Eheglücks trübte sich...
In dieser Zeit wurde ich Mutter. Der Wunsch meiner Eltern und Schwiegereltern ging in Erfüllung: Gott schenkte mir einen Sohn. Es war der erste Enkel und Urenkel männlichen Geschlechts. Die Freude war groß.
Es war eine schwere Stunde, aber die Liebe und die Sorgfalt halfen mir darüber hinweg. Im Getto hatte man ganz besondere Mittel, um der kreißenden Frau die Geburt zu erleichtern. Die erste Bedingung war, daß niemand im Hause außer der Hebamme und der ältesten Frau von der bevorstehenden Geburt erfahren durfte. War aber die bevorstehende Niederkunft bekannt, so war man sicher, daß sie lange dauern würde und gefährlich werden konnte. Neunmal wurde die Kreißende um den Eßtisch herumgeführt. Dann mußte sie dreimal über die Schwelle ihres Zimmers hin und her gehen. Alle Schlösser an den Schränken, Kommoden und Türen, sogar die Hängeschlösser an der Speisekammer wurden aufgeschlossen. Alle Knöpfe an der Leibwäsche der Kreißenden wurden aufgeknöpft, alle Knoten wurden aufgebunden. Dann, so glaubte man in der naiven Symbolik des Volkes, müßte auch das Kindchen leichter entbunden werden.
Die Wöchnerin wurde natürlich aufs sorgsamste gepflegt. Am ersten Tage bekam ich nur Schleimsuppe und Tee mit geröstetem Weißbrot. Am zweiten Tage begann die spezifische Wöchnerinnenschwelgerei. Schon früh am Morgen wurde Tee mit der besten Sahne gereicht. Nach zwei Stunden kam jene »Trianke« an die Reihe, jene Haferschleimsuppe,von deren Zubereitung ich besonders bei der Behandlung von Brustkranken sprach. Die Alte reichte sie mir immer mit den Worten: Dieser Teller Suppe, mein Kind, wird dir deine Eingeweide und deine Brust stärken und heilen. — Nach weiteren zwei Stunden mußte ich eine fette Hühnersuppe mit etwas Huhn zu mir nehmen. Bald folgte wieder eine »Trianke«. Die war aber wieder anders hergerichtet. Sie bestand aus gekochtem Honig, der einige Tage im Warmen offen gestanden hatte, und war mit einem spirituosen Auszug von Gewürzen, wie Kalhan, Badjan, Muskatnuß, Kaneel, Nelken, Zimt, Feigen, Johannesbrot übergossen. Ein Glas von diesem Nektar — und man schlief köstlich. Beim Erwachen hatte man meist starken Durst, der mit Tee kräftig bekämpft wurde. Natürlich fehlten Butterzwiebacke nicht. Nach weiteren zwei Stunden gab es Pflaumenkompott mit Mandeltorte, zum Vorabend wieder Hühnersuppe mit Huhn. — Diese Schwelgerei dauerte acht Tage. In besonderen Fällen wurde sie bis zu vier Wochen fortgesetzt. Es war eine feststehende Anschauung bei den alten Frauen: solange nicht ein ziemlich großer Topf mit Hühnerknochen gefüllt war, d. h. solange die Wöchnerin nicht eine bestimmte Anzahl von Hühnern verzehrt hatte, war sie immer noch als Wöchnerin zu betrachten.
Nach der allgemeinen Sitte kamen im Laufe der ersten Lebenswoche meines Sohnes jeden Abend mehr als zehn Knaben mit dem »Behelfer« (Hilfslehrer) zu mir ins Zimmer, um die erste »Parsche« (Teil) des Krias Schema (Abendgebet) herzusagen. Dieses geschah nach dem Glauben der frommen Juden zur Behütung des Neugeborenen vor den bösen Mächten. Die Kinder erhielten jedesmal nach demGebet Rosinen, Nüsse, Äpfel und Kuchen und der »Behelfer« nach Verlauf dieser Woche eine Geldgabe.
Zu dem gleichen Zweck der Behütung des Neugeborenen wurde bei den Juden kabbalistische Gebete, »Schemaus« genannt, über dem Kopfe der Wöchnerin an der Wand angeheftet, ein zweites Blatt an der Tür und ein drittes zwischen die Kissen des Kindes gelegt. In der letzten Nacht vor dem »Briß« (Beschneidung) wurde das Kind am meisten behütet — man nannte sie die »Wachnacht«. Am Vorabend der rituellen Zeremonie pflegte der »Mohel« das Messer in einer Scheide und häufig ein kabbalistisches Werk zu bringen, und die Hebamme legte beides unter die Kissen des Neugeborenen. Wenn nun das Kind gerade aufschluchzte, so bemerkte gewöhnlich die Hebamme bedeutungsvoll: Er weiß schon, was kommen wird. Lächelte er aber im Schlaf, so hieß es, daß der »Malach« (gute Engel) mit ihm spiele.
Am Vorabend der Beschneidung meines Sohnes gaben wir den Armen ein Mahl, wie es bei den vornehmen Juden vor einem Briß und einer Hochzeit Sitte war. Den Tag vorher sandte man den Synagogendiener »Schames« in die Armengegend und lud die Armen formell ein — sogar die Straßenbettler wurden mit »zur Wachnacht gebeten«. In einem großen Raume des Hauses, das die Gastgeber bewohnten, stellte man einige Reihen langer Tische auf, an denen die Gäste Platz nahmen. Zuerst wurden die Männer und dann gesondert die Frauen bewirtet. Die Speisenfolge selbst wurde mit der Zeit ebenfalls typisch. Und so befand sich auf jedem Platz eine »Bulke« (Weißbrot), daneben ein Glas Branntwein und ein Stück »Lekach« (Lebkuchen); sodannfolgten Fische oder Heringe, Braten und Grütze. Große Krüge Bier standen auf den Tischen. Man trank nach Belieben. Der Wirt, die Wirtin und ihre Kinder bedienten selbst die Gäste. Vor einer Hochzeit kamen auch die Braut und der Bräutigam zu der Armen und nahmen die übliche Gratulation — »Maseltoff« — entgegen. Die Armen benahmen sich gewöhnlich mit Anstand. Die Mahlzeit verlief nach allen Vorschriften der Religion. Zuerst wusch man sich die Hände. Dann wurde das Gebet gesprochen. Am Schluß wurde mit »M'sumon gebenscht« — es waren ja mehr als drei Leute da, an unserer Tafel sogar mehr als zweihundert. Nach dem Tischgebet gingen die Männer unter Segen- und Dankessprüchen. Dann kamen die Frauen an die Reihe. Vor dem Fortgehen erhielt noch jeder Arme ein Almosen.
Zu unserer Familienfeier bekamen wir liebe Gäste von auswärts: den Vater meiner GroßschwiegermutterReb Abraham Selig Selenskyund seine Frau aus Poltawa. Das war ein kluger, vornehmer, religiöser, sehr alter Mann, der alteSelensky, der sich in Poltawa einer sehr großen Popularität erfreute. Es war noch einer vom alten Schlage, den der Geschäftseifer nicht hinderte, den Talmud stets fleißig zu studieren und die religiösen Pflichten streng auszuüben. Seine vier Söhne erhielten bereits europäische Bildung, haben es aber verstanden, das Neue zu erfassen und es in sich zu verarbeiten und gleichzeitig dem Alten nicht zu entsagen. Der älteste unter ihnen war ungewöhnlich sprachkundig, der zweite Hofmaler, der dritte Rechtsanwalt und der jüngste ein berühmter Talmudist. Dieser Talmudist war dermaßen fromm, daß er sich nicht dazu entschließen konnte, seinen langen Bart schneiden zu lassen.Er trug ihn stets in einer Halsbinde halb versteckt, um nicht ausgelacht zu werden.
Doch ich wollte ja vom Briß sprechen. Schon früh am Morgen traf die Hebamme ihre Vorbereitungen für das Bad. Denn das Baden vor der Beschneidung ist eine ganz besonders feierliche Zeremonie. Das Kind wird sehr frühzeitig gebadet. Das Wasser darf nicht sehr warm sein, denn das Kind durfte nicht erhitzt werden. Sonst würde in der damaligen Anschauung nach der Operation eine Blutung eintreten. Beim Baden waren immer eine große Menge alter Frauen zugegen. Galt es doch als ein verdienstliches Werk, über das Kind zwei Hände voll Wasser zu schütten. Bei dieser Prozedur ließen die Frauen eine Silbermünze in das Wasser gleiten. Sie war für die Hebamme bestimmt.
In dem Zimmer, in dem die Beschneidung stattfindet, werden schon früh um 10 Uhr zwei große Kerzen in hohen Leuchtern angezündet. Auf einem besondern Tisch sind die Utensilien des Briß hergerichtet. Eine Flasche Wein, ein Becher, der mindestens den Inhalt von einundeinerhalben Eierschale fassen muß, ein Teller voll Sand, eine Büchse mit Puder, das aus altem verfaulten Holz besteht. Gegen 10 Uhr kommen schon die ersten Gäste an. Der Mohel ordnet an, daß das Kind jetzt gewickelt werden soll. In den reichen Häusern wurde für diese Windeln die feinste Leinwand verwendet. Das Kind erhält ein Mützchen auf den Kopf, wird in ein seidenes Steckkissen getan und mit einem Deckchen aus ebenso feiner Seide zugedeckt. Für das Wickeln vor der Beschneidung war eine ganz bestimmte Methode üblich. Eine Windel wurde dreieckig gelegt. DieHändchen des Kindes wurden gerade an die Körperseiten angelegt und mit je einer Ecke der Windel umschlungen. Das feine, mit Spitzen besetzte Hemdchen wurde über dem Leibe des Kindes in einem breiten Saum hochgeschlagen. Dann wurde das Kind in eine große Windel gepackt, um die ein sehr langes und breites Wickelband so fest herumgeschlungen wurde, daß das Kind wie eine Mumie aussah. Nur die Füßchen blieben frei, damit dem Kinde nicht zu heiß würde, weil ja jede starke Erhitzung die Gefahr der Blutung gäbe.
Wehmütig blickte ich mein Kind an, das nun das Opfer für sein Volk darbringen sollte. Ich preßte es an mein pochendes Herz. Aber bald nahm mir die Hebamme das Kind fort und reichte es der ältesten und würdigsten Frau, die neben dem Bett stand. Sie wiegte es ein paarmal auf ihren Armen und reichte es dann der nächststehenden Frau, die es auch mehrmals hin und her schaukelte, um es dann weiterzugeben. So wandert das Kind von Arm zu Arm, bis es schließlich der Gevatterin überreicht wird. Sie tritt mit dem Kinde bis an die Schwelle des Zimmers, in dem der Akt vor sich gehen soll. Sobald die Festversammlung des Kindes ansichtig wird, rufen die Herren ihm ein Boruch Habo »Gesegnet sei der Kommende« zu. Der Gevatter (Quatter) übernimmt dann das Kind und reicht es dem Sandik (Syndikus), der, in einen großen Tallis gehüllt, auf einem Lehnstuhl Platz genommen hat. Seine Füße stehen auf einem Holzschemel. Dann spricht der Mohel ein ergreifendes Gebet. Er fleht Elijahu, den Schutzengel der Beschneidung, den wundertätigen Schirmer der Juden in Not und Fährde, um seinen Beistand an. Und nun folgt die eigentliche Beschneidung.Ein heftiger Aufschrei des Kindes. Und während der Mohel den Segen über den Wein spricht und dem Kinde den Namen gibt, hört man noch das leise Wimmern des Kindes, das sich erst dann manchmal beruhigt, wenn ihm der Mohel mit dem kleinen Finger ein paar Tropfen Wein auf die Lippen gibt. Vielfach ist es Sitte, daß bei den einzelnen Akten nach der Beschneidung beim Segen über den Wein, beim Namengeben und beim Schlußgebet je ein anderer Herr mit der Ehre, das Kind halten zu dürfen, ausgezeichnet wird. — Die Zeremonie endet damit, daß der Gevatter das Kind wieder der Gevatterin überreicht. Glückstrahlend nimmt dann die Mutter das Kind in Empfang, und das kleine Kerlchen darf nun an der Mutter Brust wieder seine genußreiche Ruhe finden. Er ist nun in den Bund Israels aufgenommen und ein Nachkomme des Patriarchen Abraham. Die Gäste bleiben noch lange bei einem Festmahl zusammen, gilt doch diese Szude als ein ganz besonders heiliges Mahl.
Ist die Beschneidung glücklich vorüber, — und ich erinnere mich eigentlich nie eines traurigen Zwischenfalles — dann ist die Macht der bösen Geister gebrochen. Nach drei Tagen war bei meinem Kinde die Wunde geheilt. Diese glückliche Heilung wurde wieder durch ein Festmahl gefeiert. Und bald konnte nun die mütterliche Sorgfalt sich ganz der körperlichen Pflege ihres Kindes widmen.
Es war ganz selbstverständlich, daß damals jede Mutter ihr Kind selbst stillte. Bevor die Mutter dem Kinde die Brust reichte, wurden jedesmal einige Tropfen zur Seite abgedrückt, weil Aufregungen, Kummer und Sorgen die ersten Tropfen vergiftet haben könnten. Die Entartung der Saugflasche war in das Getto noch nicht eingedrungen. Hatte eine Mutterzu wenig Nahrung, so steckte sie dem Kinde einen Schnuller in den Mund. Sie tat Weißbrot, im Notfalle Schwarzbrot mit einem Stückchen Zucker, nachdem sie es ordentlich durchgekaut hatte, in ein Läppchen und band es mit einem Faden zu. Ganz wunderliche Methoden gab es, um schreiende Kinder zu beruhigen. Das Kind wurde gebadet und nach dem Abtrocknen von der zumeist alten und erfahrenen Wärterin auf ein großes Kissen gelegt. Dann wurde der Leib mit Provenceröl tüchtig eingerieben, das linke Füßchen mit dem rechten Händchen über dem Bäuchlein des Kindes so zusammengedrückt, daß Ellenbogen und Knie nebeneinander kamen. Das gleiche Manöver wurde mit dem linken Händchen und dem rechten Füßchen vorgenommen. Dann wurden die Beinchen gestreckt und die Arme fest an den Körper gelegt. So wurde das Kind in die Höhe gehoben und für einen Augenblick mit dem Kopf nach unten geschaukelt. Alsdann wurde das Kind auf den Bauch gelegt, Rücken und Füßchen zart gestrichen. Mochte das Kind auch aus Leibeskräften geschrien haben, es wurde still.
Noch viel drastischer war die folgende Methode. Wollte noch so wildes Hin- und Herschaukeln der Wiege, die meist zwischen zwei am Kopf- und Fußende angebrachten Stricken frei schwebte, nichts helfen, so trug die Wärterin das Kind in die Küche, schaukelte es zunächst auf den Händen, und hob es dann für ein paar Minuten über den Herd in den Schornstein, wobei sie unverständliche Worte murmelte. Und wirklich: das Kind wurde ruhig, vorausgesetzt, daß die Wärterin nicht vorher vergessen hatte, Pfeffer und Salz in zwei kleine Beutelchen zu tun oder im Notfall in ihre Hand zu schütten und damit mehrmals um das Kind herumzugehen.Manchmal genügte dieses Umkreisen des Kindes schon allein, um es zu beruhigen. Sicher aber war es ein Mittel gegen den bösen Blick, der besonders dann zu fürchten war, wenn fremde Leute ein schlafendes Kind betrachteten. Ein anderes »unfehlbares Mittel« war, daß die Mutter sich auf ein Knie niederlassen mußte, während das Kind dreimal zwischen den Beinen hin und her geschoben wurde.
Leider aber gab es viele Kinder, bei denen die Unruhe schon der Beginn einer Krankheit war. Kam ein Kind nicht vorwärts, blieb es mager und schwach, dann stellten die alten erfahrenen Weiber die Diagnose: Rippküchen. Die Rippen des Kindes fingen zu dörren an. Ich glaube, das muß wohl so eine Krankheit sein, die man heute als englische Krankheit bezeichnet. Diese Kinder weinten natürlich sehr viel. Und um der Ursache dieser Unruhe zu begegnen, wußten die wohlweisen Weiber ein kräftiges Mittel. Sie legten das Kind aufs Bett und nahmen ein Rollholz, um das man in jenen Zeiten die Wäsche zu wickeln pflegte, legten dieses Rollholz auf die Rippen des Kindes und schlugen mit einem gekerbten dicken Brett, mit dem man ansonstens über das umwickelte Rollholz fuhr, neunmal darauf. Das war ein hartes Mittel, aber es half, wenn man die richtigen Beschwörungsworte wußte. Die bösen Geister liefen dann davon.
Allein es gab Kinder, die selbst nach dieser Prozedur und selbst nach den noch so feierlich gesprochenen Beschwörungen nicht ruhig wurden. Die Wärterin überlegte dann. Aber Gott half ihr, und sie fand die richtige Diagnose: das Kind hat Haare auf dem Rücken. War diese Diagnose gestellt, so ging man schnell an die Therapie. Das Kindwurde gebadet, abgetrocknet; und dann wurden Kugeln aus frisch gebackenem weichen Roggenbrot fest auf dem Rücken des Kindes hin und her gerieben, wobei ein Teil der Rückenhärchen sich an die Brotkugel festsetzte. Dann rieb sie nur mit der Handfläche den Rücken des Kindes weiter, bis die kleinen Härchen fest wie die Borsten standen. Und wirklich, meist wurden die Kinder ruhig.
Für ganz elende und abgemagerte Kinder wandte man noch die folgende Methode an: Das Kind wurde nach dem Mittagessen in das noch mit allen Brotkrumen bedeckte Tischtuch gewickelt, dann auf einen Augenblick in einen großen, verschließbaren Koffer gelegt. Schnell wurde der Deckel geöffnet. So machte man es täglich durch vier Wochen. In dem Tischtuch pflegte man das Kind alle Woche zu wägen. Wenn das Kind gesunden sollte, so nahm es jede Woche an Gewicht zu. Wenn dann die erste schmale Sichel des Mondes sichtbar wurde, dann hielt man das Kind so dem Monde entgegen, daß es ihn sehen konnte. Dazu sprach man die folgenden Worte: Mjesjatz, Mjesjatz wisokoss, dai tyello nassej kosst, zu deutsch: Mond, Mond, wachse, gib Fleisch auf diese Knochen.
Nach 18, oft schon nach 15 Monaten wurde das Kind entwöhnt. Gab die Mutter dem Kinde zum letztenmal die Brust, so setzte sie sich auf die Schwelle und gab dem Kinde so lange zu trinken, bis es von selbst aufhörte und müde den Kopf zur Seite legte. Das war ein schwerer, aber doch festlicher Tag. Die grobe Abhängigkeit des Kindes wurde da gelöst. Hatte aber die Mutter an diesem Tage so manchen Schmerz, so war es ein Jubeltag, wenn das Kind zum ersten Male sich auf die Beinchen stellte undging. An dieser Stelle machte dann die Mutter einen Einschnitt in die Diele, das bedeutete: die »Pente zerschneiden«. Die Fesseln waren von den Füßchen des Kindes genommen.
Gleichzeitig mit dem Briß meines Sohnes fand noch eine große religiöse Zeremonie statt. Meine noch junge Schwiegermutter Cäcilie ließ seit einem Jahre eine »Sefer Thora« schreiben, wofür sie mehrere hundert Rubel bezahlte. Sie wollte die heilige Rolle in der Synagoge, welcher sie gewidmet war, einweihen lassen. Diese Handlung meiner Schwiegermutter fand sowohl in ihrem Hause, wie im Städtchen großen Beifall und wurde einer Frau hoch angerechnet. Der Sofer, d. h. der Schreiber der Thora, ein wahrhaft religiöser Jude, der mit Beten und Fasten sein Leben verbrachte und als ehrlicher Mann in Konotop bekannt war, brachte die heilige Rolle zu uns ins Haus.
Die Zeremonie der Thoraeinweihung beging man wie eine Hochzeit; man holte die »Chuppe« (Baldachin), stellte sie in einem großen Saal auf. Dem Rabbiner war die Ehre zugeteilt, die Thora zuerst auf die Hände zu nehmen und mit ihr unter die Chuppe zu treten. Dann begab man sich nach der Synagoge — der Rabbiner voran, und ihm folgten die Würdigsten und Ältesten der Stadt. Zuletzt die Frauen und Mädchen mit brennenden Kerzen in silbernen Leuchtern. Selbst die Mädchen in diesem Zuge durften nicht mit entblößtem Haupt mitgehen. Als sich der Zug gerade in Bewegung setzte, ertönte die fröhliche Musik einer Kapelle. Ein munterer Marsch erschallte durch die Straßen. Unter seinen Klängen hüpfte der ganze Zug im Tanz. Lebhafttanzten die Männer, leidenschaftlich in die Hände klatschend. Hinterher hüpften die Frauen und Mädchen. Alle zusammen jubelten, jauchzten, freuten sich und ehrten die schöne Tat der frommen Frau.
So kam der Zug in der Synagoge an. Da die Zeremonie bis zum Vorabend dauerte, verrichtete die große Menge gleich dort das Minchagebet.
Die Einweihung der Thora gehörte zu den feierlichsten Handlungen. In einem jüdischen Städtchen war es ein Ereignis, das man nicht leicht vergaß. Ich erlebte es zum erstenmal. Es machte auf mich einen großen Eindruck. Aus einem Fenster sah ich dem Zuge zu und bedauerte sehr, ihn nicht mitmachen zu können.
Nach diesen Feierlichkeiten verreisten unsere Gäste aus Poltawa. Jedermann nahm seine Pflichten wieder auf. Das Leben im Schwiegerelternhause ging seine gewohnten Wege. Ich erholte mich allmählich. Das Mutterherz schwelgte in neuen Seligkeiten. Ich vergaß die Sorgen der letzten Zeit, als ich das Büblein anschaute, das kleine winzige Wesen, das noch so ruhig schlummerte, nichts hörte, nichts sah und nichts von der jungen Mutter wußte, die stundenlang an seiner Wiege stand, ihn anblickte, ihm zulächelte und von seinem künftigen Glück und seiner Größe träumte. — Monate vergingen, und mein lieber herziger Bub — er war blond und hatte blaue Augen, ganz verschieden von dem Wengeroffschen Typus — wurde immer größer, er gedieh zu einem kräftigen, gesunden Kinde. Mit jedem Tag wuchs meine Freude an ihm... Welchen neuen Inhalt erhielt mein Leben! Meine Liebe teilte sich jetzt zwischen meinem Mann und dem Kinde, und wahrlich, beide kamen nicht zukurz dabei! Selbstverständlich war der Kleine der Liebling des ganzen Hauses.
Daß unser Eheleben noch zärtlicher, unsere gegenseitige Anhänglichkeit und treue Liebe durch dieses Kind noch intensiver wurde, brauche ich das noch zu sagen?
Es verging die Zeit, und unser Sohn wurde zwei Jahre alt. Seine geistige Entwicklung eilte der körperlichen weit voraus. Er war über sein Alter aufgeweckt und klug. Ich war mit meinem Manne stolz auf unseren Erstgeborenen. Wir schmiedeten große Pläne für seine Zukunft.
Aber es gefiel Gott anders, und er nahm ihn zu sich, diesen unseren Liebling... Vom ununterbrochenen Wachen an seinem Krankenbette müde, verließ ich das Lager meines kranken Kindes. Im Nebenzimmer legte ich mich kraftlos auf das Sofa und versank in einen schweren Schlaf. Mir träumte, ich wäre im Eßzimmer; durch die geschlossenen Läden dringe etwas Licht hinein; im Zimmer herrschte Halbdunkel. Trotz der geschlossenen Läden konnte ich doch alles, was draußen vorging, wahrnehmen. Ein großer schwarzer Hund heulte furchtbar, den Kopf ganz in den Nacken werfend, und hinter ihm stand eine Anzahl Musikanten; sie spielten auf Geigen, die mit schwarzem Tuch überzogen waren und die sie verkehrt in den Händen hielten. Erstaunt fragte ich sie, warum sie auf diese Weise spielten, und erhielt die düstere Antwort: »Heute müssen wir so spielen«... Ich erwachte in Angst und Schrecken und stürzte in das Krankenzimmer. Doch man ließ mich nicht mehr zu meinem Kinde. — Es war nicht mehr das meine! — Weit, weit von mir, in die Himmelshöhen ging es und nahm mein junges, verzweifeltes Mutterherz auf immer mit sich.
Es war der erste schwere Schicksalsschlag, der mich traf, und erst die beiden Kinderchen, die mir Gott in den nächsten Jahren schenkte, trösteten mich ein wenig und linderten meinen Schmerz.
Inzwischen hatte sich der Konflikt zwischen meinem Gatten und seinen Eltern noch zugespitzt. Mein Mann fand keine Freude mehr daran, mit dem Rebben gemeinsam den Talmud zu studieren. Er holte die großen Folianten (Gemores) zu sich in unsere Wohnung und lernte selbständig. Er sah es gern, wenn ich mit einem Buch oder einer Handarbeit neben ihm saß, und wenn er müde wurde, lasen wir dann zusammen in einem deutschen Werke. Dieses Talmudstudium verlor aber ganz den früheren religiösen Charakter und wurde bei meinem Manne mehr zum Philosophieren, zu einer kritischen Betrachtung und Prüfung und spielte nicht mehr die Hauptrolle in seinem Leben. Er widmete sich jetzt mehr dem Erwerbsleben und unternahm sogar mit meiner Mitgift selbständige Geschäfte, wobei er aber das ganze Geld verlor. In den kaufmännischen Angelegenheiten hatte ich bei ihm keine Stimme; meine Ratschläge nannte er Einmischung und wollte von ihnen nichts hören. Er war der Meinung, daß eine Frau, besonders aber die seinige, keine Begabung in dieser Richtung besitze und empfand meine Einmischung als eine Erniedrigung für sich. Diese Meinung war damals bei den meisten Juden Kleinrußlands verbreitet, besonders aber bei den Konzessionären, die in ihrem Dünkel sich als Selbstherrscher fühlten und keine Ratgeber dulden wollten.
Wohl keinem meiner Geschwister ist das Lied von der Wanderung so oft und so vernehmlich an der Wiege gesungen worden wie mir. Die vier Jahre, welche wir im Schwiegerelternhauseverleben sollten, waren um; und nun hieß es, ein selbständiges Leben beginnen. Die Schwiegereltern besorgten für uns ein Geschäft, ebenfalls eine Konzession auf Branntwein, und wir mußten nach einer anderen Stadt übersiedeln.
Eines Morgens stand eine große, bequeme Equipage vor dem Hause zur Reise fertig und noch ein Wagen mit Lebensmitteln daneben. Die Abschiedsstunde war gekommen. Begleitet von Segenssprüchen, bestiegen wir, mein Mann, ich, zwei Kinder und zwei Bediente, unseren Wagen, und fort ging es in die Welt, den neuen Schicksalen entgegen.
So verließen wir nach vierjährigem gemeinsamem Leben dieses Haus, wo wir das patriarchalische jüdische Familienleben zuletzt gelebt haben; wir verließen es für immer.
Luben hieß der Ort, in dem wir unsere selbständige Existenz begründen wollten. Die jüdische Bevölkerung in diesem zu Kleinrußland gehörenden Städtchen war in der Kultur weiter fortgeschritten als die in Konotop; zumal in der äußeren Lebensweise, den Gebräuchen und Sitten näherte sie sich mehr der europäischen Art. Die wenigen Juden in Luben, die dem überlieferten Judentum noch treu anhingen, spielten hier keine Rolle. Man führte hier ein Leben, das durchsetzt war mit Sitten und Gebräuchen der großen Mehrheit der christlichen Bevölkerung. Es gab dort keine Talmudisten, keine großen jüdischen Gelehrten, nicht einmal eine große Synagoge. Es war aber nicht eine Irreligiosität,die die Aufklärung mit sich bringt. Es war einfach ein Mangel an Tradition, Unwissenheit und ein Aufgehen in fremder Art.
Es existierte in Luben eine kleine jüdische Gemeinde, deren Mitglieder ganz ungebildete und unwissende Leute waren, die uns als die geistige Aristokratie betrachteten.
In Luben fanden wir bereits eine kleine Wohnung vor, welche die Schwiegereltern unseren Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechend eingerichtet hatten. Es dauerte nicht lange, und ich fand mich in meiner ziemlich großen Wirtschaft zurecht und führte sie mit Sachkenntnis. Mein Mann übernahm das Geschäft, für das er, wie sich erwiesen hat, Fähigkeiten besaß.
Nun war die Rücksicht auf die Eltern nicht mehr wirksam. Mein Mann durfte frei nach eigenem Willen sein Leben gestalten. Das tägliche Beten in Tallis und Tefillin hörte jetzt auf. Aber das Interesse am Talmud dauerte noch an. Er diskutierte gern und lange mit dem Rabbiner der Stadt, welcher häufig als Gast in unserem Hause verkehrte; doch hatte dieses Interesse, wie ich schon früher bemerkte, einen rein wissenschaftlichen Charakter angenommen.
Die berühmte kleinrussische Gastfreundschaft herrschte auch in unserem Hause; wir wurden schnell bekannt und beliebt, und die Besuche von Verwandten, Freunden und Bekannten hörten gar nicht auf. Dreimal täglich war der Tisch reichlich für acht bis zehn Personen gedeckt. Es gab fast nie eine Mahlzeit ohne Gäste. Unsere Wirtschaft vergrößerte sich von Tag zu Tag. Sie wurde freilich viel zu groß für unsere Verhältnisse. Die Schwiegereltern machten uns schwere Vorwürfe wegen dieser Verschwendung.
»Es ist eine Nachricht von Kathy gekommen.« Mit diesen Worten trat mein Mann an einem Samstag Morgen in mein Schlafzimmer und reichte mir ein Blatt Papier, auf dem mit Bleistift folgendes geschrieben war: »Schwester, schicke mir etwas zu essen, ich und mein Kind sind hungrig und wir haben nichts bei uns.« Mein Mitleid und mein Schreck waren grenzenlos, und ich überhäufte meinen Mann mit Fragen. Ich erfuhr, daß der Bote in der Küche wartete, warf hastig etwas über und lief zu ihm hinaus. Von dem Überbringer des Briefes, einem jungen Bäuerlein, erfuhr ich, daß der jüdische Fuhrmann, mit dem meine Schwester gekommen war, Freitag abends in einem Dorfe unweit Luben haltgemacht hatte und wegen der Sabbathruhe und eines Schadens an dem Wagen nicht hatte weiter fahren wollen, trotzdem er selbst, sowie seine Passagiere, auf diese Weise ohne Lebensmittel bis zum Abend des nächsten Tages unterwegs zu bleiben gezwungen waren. »Heute Abend«, fügte das Bäuerlein hinzu, »kann sie schon hier sein.«
Ich überlegte nicht viel, lief ins Speisezimmer, packte in eine Serviette lauter gute, schmackhafte Speisen ein: ein Sabbathbrot, kaltes gekochtes Huhn, Butter, Käse, etwas Likör und Mandeltorte, die meine Schwester, wie sie mir nachher erzählte, sofort an unsere Kindertage, an die Heimat erinnerte. Dieses Paket sollte der Bauer, welcher für seine Mühe einen Silberrubel erhielt, schleunigst meiner Schwester hinbringen.
Nachdem der Bote abgefertigt war, kleidete ich mich an, ordnete das Nötige in der Wirtschaft, wobei mich eine nervöse, freudige Ungeduld gar nicht verlassen wollte. Am liebsten hätte ich den Wagen anspannen lassen, um meinerSchwester entgegenzufahren und sie abzuholen. Aber es war ja Samstag, und in jenen Zeiten, in denen die Religion bei uns Juden in Rußland das ganze Leben, Tun und Handeln regelte und bestimmte, durfte ich meinem Herzenswunsch nicht nachgeben; hatte doch auch der Kutscher fast nur des Sabbaths wegen seine Passagiere beinahe verhungern lassen...
Es wurde dunkel; ich deckte den Teetisch, traf Vorbereitungen für die lieben Gäste und wartete. Endlich kamen sie. Wie herzlich war unsere Begrüßung! Wir freuten uns so sehr miteinander! An diesem Abend gingen wir spät zur Ruhe. Ich begleitete meine Schwester in das für sie bequem eingerichtete Zimmer, küßte sie herzlich und lud sie ein, gemeinsam mit uns morgen zu frühstücken. Als wir am nächsten Morgen zum Tee erschienen, erwartete uns bereits mein Mann. Ich bemerkte sogleich eine Befangenheit im Benehmen meiner Schwester, suchte nach der Ursache, konnte sie aber nicht finden. Mein Mann verließ uns. Wir beide blieben noch lange am Teetisch sitzen und plauderten von unseren Erlebnissen. Wir vergaßen vollkommen die Gegenwart und verloren uns in der Vergangenheit. — Dann kehrte mein Mann vom Geschäft zurück. Wir speisten in munterer Stimmung zu Mittag und plauderten immerfort bis spät in die Nacht hinein. — Das Fragen und Erzählen hatte kein Ende; was wollten wir alles voneinander erfahren nach der vierjährigen Trennung!
Als ich Schwester Kathy an diesem zweiten Abend unseres Zusammenseins auf ihr Zimmer begleitete, lud ich sie wieder herzlich ein, mit mir und meinem Manne gemeinsam das Frühstück einzunehmen. Da umarmte sie michund bat befangen, in ihrem Zimmer allein frühstücken zu dürfen, und als ich sie befremdet nach der Ursache fragte, antwortete sie mir verlegen: »Ich habe außer meinem Manne noch keinen Mann im >Chalat< (Morgenrock) gesehen, und das geniert mich bei deinem Manne.« Obwohl ich diese für die damaligen Jüdinnen bezeichnende Schamhaftigkeit etwas seltsam fand, bat ich doch meinen Mann, dem Wunsch der Schwester nachzugeben. Er erschien von nun an, trotz seines Hanges zur Bequemlichkeit, am Frühstückstisch vollständig angekleidet. So rücksichtsvoll blieb er die ganze Zeit; er bezeigte seiner Schwägerin vom ersten Tage ihrer Ankunft an stets die größte Ehrerbietung und Aufmerksamkeit und fand es ganz in der Ordnung, daß ich ihr stets den ersten Platz am Tisch einräumte, auch wenn die vornehmsten Gäste zugegen waren. Ihr fünfjähriges Töchterchen wurde von uns allen zärtlich geliebt und gepflegt.
Drei Monate vergingen seit der Ankunft der Schwester Kathy, als wir von unserer älteren Schwester Marie die Nachricht erhielten, daß sie uns in den nächsten Tagen besuchen würde. Wieder umfing mich eine ungeduldige, freudige Spannung. Es vergingen aber mehrere Tage, und sie kam immer noch nicht. Auch blieb jede weitere Nachricht von ihr aus. Unsere Unruhe wuchs. Eine Möglichkeit der schnellen Verständigung in die Ferne wie heute gab es nicht. Und so blieb uns nichts anderes übrig, als geduldig zu warten, bis sie uns eines Tages überraschte. Stürmisch war die Freude des Wiedersehens. Ihr Aufenthalt in unserem Hause verbreitete allgemeinen Frohsinn. Wir wurden lustiger, jugendlicher. Das Verhältnis zwischen meinem Mann und Marie gestaltete sich viel gemütlicher und unbefangener alsseine Beziehungen zu Kathy. Man lachte, sang und scherzte den ganzen lieben Tag. Wir suchten alles, was Luben an Unterhaltung bot, auszunutzen, um uns gut zu amüsieren.
Zu den Belustigungen, die Luben während des Aufenthalts meiner Schwester Marie bei uns bot, gehörte auch das Theater, das regelmäßig einmal im Jahre zur Zeit des großen Jahrmarkts in unser Städtchen kam. Dieses Theater, das aus einer wandernden Truppe bestand, befand sich noch in einem sehr primitiven Zustande. Als Theatergebäude diente hier, wie auch sonst in Provinzstädten, eine Scheune. Die Wände schmückte man mit bunten Bettüchern. Aus Brettern wurde eine Erhöhung, die Bühne, hergestellt. Bänke, Stühle, sowie das ganze notwendige Mobiliar, ja selbst einzelne Kleidungsstücke lieferten die wohlhabenden Bewohner von Luben. Dafür hatten sie freien Zutritt. Man erhielt aber keine Freikarten, wie es heute zu geschehen pflegt. Es genügte, wenn man vor der Kasse den geliehenen Gegenstand laut nannte, um ohne weiteres hineingelassen zu werden. »Ein Leuchter«; »drei Kattundecken«; »zwölf Stühle«; »ein Rock«, hörte man die Gäste rufen. Gleich zog sich der geliehene Kattunvorhang zurück, und der Gast konnte seinen Platz einnehmen.
Die Vorstellung in diesen Theatern sollte gewöhnlich um neun Uhr abends beginnen, fing aber fast nie vor elf Uhr an, weil stets auf die Würdenträger des Ortes gewartet wurde.
Während der Pausen spielte eine Musikkapelle, zumeist ausschließlich aus jüdischen Musikanten — »Klesmorim« — bestehend. Da diese mit dem Publikum gut bekannt waren, so geschah es oft im Theater, daß die Gäste von ihren Sitzenaus den Musikanten ihre Wünsche zuriefen: »Jankel, spiel a Polke!« Dann wieder »a Walzer« usw. Jankel erfüllte selbstverständlich den Wunsch seines Bekannten, sein Kollege wieder den des seinigen, so daß die Pausen sich bis ins Unendliche hinauszogen. Oft kam es vor, daß es schon heller Tag war, wenn die Leute das Theater verließen.