Da war keine Zeit mehr für das Mahl, und rasch ging es an das Zusammenpacken und Zusammenraffen! Selbst in der ärmsten Wirtschaft haben so manche Stücke, so lange sie von ihrem Fleckchen nicht entfernt werden, noch ihren Wert. Wenn man sie aber von ihrem Orte rückt, zerfällt, zerbricht das abgenutzte Zeug. Und wohin sollten diese Armen ihre armselige Habe bringen, wenn sie noch kein Obdach hatten? Waren sie doch jetzt kaum imstande, eine kleine Komerne (Schlafstelle) zu mieten.
Die Frau füllte unter Seufzern, Klagen, Schreien und Fluchen ihren Kasten zur Hälfte mit ihren Armseligkeiten und nahm dann die Kleine vom Arm ihres Mannes. Der Alte aber begann nun, seine Schätze einzupacken — die großen und kleinen Folianten des Talmuds, die Gebetbücher, die damals jeder Jude, mochte er noch so arm sein, besaß — und dieser Mann war ein Hausbesitzer! Bald kam die Chanukalampe an die Reihe, die vier messingnen Sabbathleuchter der Frau, der Hängeleuchter, die Schabbeskleider, der lange Kaftan, der seidene Gürtel und der Streimel (Pelzmütze). Das übrige Hausgerät, das Wasserfaß, der wurmstichige Eßtisch, hölzerne Bänke, mehrere Holzstangen usw. wurden auf die Diele geworfen, und die Armen stolperten einmal über das andere darüber. Es war furchtbar! — Meine Mutter stand mit mir an der Tür und sprach diesen Unglücklichen Mut und Gottvertrauen zu und suchte auch die Wut des Polizisten zu dämpfen, der dann auch bald fortging.
Meine Mutter erinnerte an die Bilder, die, im Trubel vergessen, an der Wand hingen. Da waren Moses mit den heiligenTafeln auf dem Berge Sinai, Jacob mit seinen zwölf Söhnen, die zwölf Stämme des jüdischen Volkes, und ein Bild der Menorah, jenes siebenarmigen Leuchters, der im Tempel zu Jerusalem stand. »Misrach« war dem Bilde aufgedruckt (auf deutsch Osten), denn nach Osten gerichtet stand jeder Jude beim Gebet. In ähnlichen Bildern suchte der damalige Jude seine Tradition, seine einstige Glanzperiode seiner Nachkommenschaft zu erhalten! — Der Wirt erhob bei dieser Ermahnung seine Augen, wollte die Bilder herunternehmen, aber die Wirtin schrie mit tränenerstickter Stimme zu ihm hinüber: »Sollen sie hier bleiben, diese Bilder!! Wozu haben wir sie schon nötig in der Komerne? Es ist aus mit uns! Ich bin nicht mehr Wirtin; du nicht mehr Wirt; wir haben kein eigenes Winkelchen mehr; sollen auch diese Bilder zum Teufel gehen, wie unser Hab und Gut! O Gott, warum hast du mich diesen Churben (Zerstörung) erleben lassen!«
Der Alte packte geduldig weiter. Und als er seine traurige Arbeit zu Ende gebracht hatte, holte er einen Bauernwagen und lud seine Habe auf: den grüngestrichenen Kasten, der das wichtigste Gerät in sich barg, die langen hölzernen Stangen und das Bettzeug, worin man die drei vor Kälte zitternden Kinder bettete. Eine zerlumpte, wattierte Decke wurde über den Plunder geworfen. — Der Mann, als der stärkere Teil, hatte noch den Mut, sich in den wüsten Räumen umzuschauen, fand aber nichts mehr, das fortzubringen sich gelohnt hätte; dann hob er mit Fassung und beherzt die Fenster, die Türen und Fensterläden aus den Angeln und trug sie auf den Wagen. »Dafür werde ich doch einiges Geld bekommen«, sagte er.
Verlassen stand das Haus ohne Türen, ohne Fenster da — wie eine Witwe. Ein Anblick, noch viel packender als der einerBrandstätte. Die Wolken schauen hoch hinein, und der Herbstwind jagt heulend durch die toten Räume.
Und langsam führte über die ungepflasterte Landstraße das bis zu den Rädern in den Kot eingesunkene Gefährt die gebrochenen, verzweifelten Insassen in eine hoffnungslose Zukunft nach der Neustadt.
Meine Mutter rief den Armen ein inniges »Gotthelf« auf den Weg. Die Wirtin gab ein »Seid gesund« zurück. Der Mann weinte. Die Kinder aber begleiteten mit lautem Geschrei diese Szene, keiner dachte daran, sie zu beruhigen, denn die Trauer dieses Momentes umschnürte alles Sinnen. Auch ich fühlte, daß hier sich ein furchtbares Geschick vollzog, und Träne um Träne quoll mir aus den Augen.
Daheim erzählte meine Mutter die eben erlebte Szene, und Schwermut legte sich auf alle Hausgenossen. Ein jeder hatte das schmerzhafte Empfinden, daß uns bald, vielleicht schon morgen, ein ähnliches Schicksal kommen könnte.
Meine verheirateten Schwestern wußten wohl, daß sie fernerhin nicht mit den Eltern zusammen wohnen konnten, da der Vater sein ganzes Vermögen mit den liegenden Gütern verlieren würde. Sie mußten daran denken, sich selbst Wohnungen einzurichten. Eine neue Aufgabe, die ihnen bis jetzt fremd und unbekannt war, trotzdem eine jede schon eine Familie, einige Kinder hatte. So sorgenlos, so gemütlich war hier im Elternhause das Leben mit Mann und Kinderchen. Und nun sollte alles anders werden! — Die Sorge legte sich wie zentnerschwerer Stein auf aller Herzen, obwohl die Behörde im Vergleich zu den anderen Stadtbürgern meinen Vater in dieser schrecklichen Zeit ohne jede Strenge behandelte. Von Zeit zu Zeit nur fragte man ihn, wann er nach der Neustadt ziehen würde, worauf er nursagen konnte, daß er noch kein Haus gekauft hätte. Aber auf die Dauer konnten uns die Beamten selbst beim besten Willen nicht in der Altstadt wohnen lassen.
Eines Morgens kam mein Vater aus der Neustadt und erklärte, er wolle vorläufig nur eine Wohnung mieten. Er hatte auch eine gefunden; die Mutter solle sie sich ansehen. Wenn sie ihr gefiele, so könnten wir schon in kurzer Zeit nach der Neustadt übersiedeln. Ich hörte mit größtem Interesse zu. Trotz der traurigen Szenen bei der Übersiedelung unserer Nachbarn empfand ich doch eine gewisse, frohe Erregung bei dem Gedanken an die großen, bevorstehenden Veränderungen. Wo die Erwachsenen schaudernd an die Mühe und Unbequemlichkeit eines Umzuges denken, hat es für Kinder besonderen Reiz und Behagen, in eine neue Wohnung zu ziehen. Vor den leeren Räumen möchte der Große fliehen, indessen jedes Kind mit Lust darin umherspringt und lustig auf das Echo seiner lauten Worte lauscht.
Meine Mutter begab sich mit einer der älteren Töchter auf die Neustadt und besah die Wohnung. Siemußteihr gefallen.
Und bald ging es ans Packen und Zusammenräumen. Viele Stücke unseres reichen Mobiliars mußten verkauft werden, da die kleinen Räume in der Neustadt sie nicht alle hätten aufnehmen können. An einem Dienstag sollte der Umzug nach der Neustadt vor sich gehen. Zuerst sollten meine verheirateten Schwestern mit ihren Familien übersiedeln.
Der festgesetzte Tag kam heran. Wir frühstückten noch alle beisammen — zum letzten Male! — am elterlichen Familientische. Alle schwiegen beredt, übermannt von Gefühlen, die sich durch Worte schwer ausdrücken lassen! Die Trauer dieses Momentes war inhaltsreich. Die neue Situation war schwererals ein Feuerschaden zu ertragen. Hier waltet die Wucht der Elemente — die Hand, die wir anbeten, auch wenn sie zerstört! Aber Haus und Hof in dem besten Zustande zu verlassen und aus trauter Heimlichkeit der Ungewißheit einer dunkeln Zukunft entgegen zu gehen, ist die Qual aller Qualen!...
Nach dem Frühstück wurden die Wagen aufgeladen mit den Möbeln meiner Schwestern. Meine ältere Schwester, Chenje Malke Günzburg, wurde behutsam auf die Straße geführt, da sie erst vor kurzem ein Töchterchen geboren hatte. Das kleine, zarte Wesen wurde in Polsterchen, Deckchen eingebettet und in den Wagen gebracht, wo noch die zwei älteren Kinderchen saßen. Als wäre es gestern gewesen, steht mir das Bild vor Augen, wie die alte Kinderwärterin Raschke das Kindchen in den leeren Zimmern aus der Wiege hob, um es meiner Schwester in den Wagen zu bringen; viele heiße Tränen liefen ihr die gerunzelten Wangen herunter....
Von diesem Tage an hörte das patriarchalische Leben im Hause meiner geliebten Eltern auf! Es löste sich ein Glied des Hauses nach dem anderen ab.... Es kamen weit andere Zeiten, als wir bis jetzt gelebt hatten und niemals wieder kamen wir Kinder so alle unter des Vaters unumschränkter Leitung zusammen.
In jenen Tagen war es auch, da der jüdische Friedhof nach der Neustadt überführt wurde. Mit Bestürzung und Entsetzen vernahm die jüdische Gemeinde in Brest, daß die Erde, in der viele Tausend Menschengebeine seit Jahrhunderten ruhten, für die projektierten Festungsbauten verwendet und daß der alte Gottesacker mit seinen uralten Gedenksteinen demoliert werden sollte. War die Zerstörung der Altstadt von Brest ein finanzieller Ruin, so wirkte diese Kunde von der Entweihungder Gräber geradezu vernichtend auf die Gemüter. Vergebens waren alle Bemühungen, Bittschriften, das Flehen, man möge die Toten ruhen lassen. Umsonst, die Behörde blieb unerbittlich wie das Schicksal und befahl die Räumung des Friedhofes.
Und es geschah.
Die ganze jüdische Bevölkerung mit dem Rabbiner, Reb L. Katzenellenbogen an der Spitze, vermehrte ihre Gebete und die Fasttage. Es half alles nichts. Man mußte sich schließlich dem grausamen Befehl fügen. Es wurde ein Tag festgesetzt, an dem dieses noch nie erlebte Leichenbegängnis von vielen Tausenden vorsichgehen sollte. Die ganze Judengemeinde, jung und alt, reich und arm, fastete an diesem Tage. Jeder wollte an der schweren Arbeit teilnehmen. Nachdem die Männer, auch viele Frauen, in der Synagoge in der frühen Morgenstunde — es war an einem Montag, wie ich mich entsinne — mit zerknirschtem Herzen gebetet hatten und der Abschnitt in der heiligen Rolle vorgelesen war, begab sich die Gemeinde auf den alten Gottesacker und verrichtete auch da Gebete. Man las Psalmen, bat die Toten um Vergebung, wie es sonst bei Bestattungen üblich und ging an das traurige Werk.
Einer der schrecklichsten Flüche bei den Juden lautete: »Die Erde soll deine Gebeine herauswerfen!« Und so sah man den furchtbaren Fluch an diesen Gebeinen sich vollziehen!...
Schon einige Tage vorher hatte man Säckchen aus grauer Leinwand angefertigt, die dazu bestimmt waren, die Überreste der Toten aufzunehmen. Und diese kleinen Säckchen genügten vollkommen, den ganzen Menschen zu bergen, der einst im Leben so stolz, so selbstbewußt, so unersättlich, so unermüdlich im Wünschen und Begehren war — das alles wurde nun zu einemHäuflein Staub, kaum eine Last füreineHand.
Die ganze Gemeinde beteiligte sich daran, den Inhalt der aufgeschaufelten Gräber in die Säckchen zu schütten, mit einem dicken Bindfaden zu verschnüren und dieselben auf die bereitstehenden Wagen zu schichten. Hier gab es keinen Unterschied, Rang und gesellschaftliche Stellung kamen nicht in Betracht. Alle waren gleich. Die ganze Volksmenge war bei dieser Handlung tief ergriffen. Hier trauerte nicht eine Familie um einen Angehörigen, sondern eine ganze Bevölkerung um ihre geschändeten Toten.
Endlich waren alle Gräber ausgehoben, viele Wagen mit dem leichten und doch zentnerschweren Inhalt beladen und mit schwarzen Tüchern bedeckt. Der Kantor stimmte ein Gebet an, sagte Kadisch (das übliche Totengebet), und der große Kondukt setzte sich in Bewegung. Viele folgten dem Zuge den langen Weg von der Altstadt in die Neustadt barfuß. Ein solches Leichenbegängnis war noch nicht dagewesen. Die Regierung hatte Militär gestellt als Ehreneskorte, zum Teil vielleicht auch darum, weil unter den ausgegrabenen Leichen sich viele Opfer einer großen Epidemie befanden. Die Soldaten schritten mit geschultertem Gewehr dicht neben den Wagen; die Bürgerscharen folgten in tiefem Schweigen.
Auf dem neuangelegten Friedhof, bei dem Dorf Bereswke — sechs Werst von der Altstadt — wurden die Säckchen mit den Gebeinen derjenigen, auf deren Gräbern man keine Leichensteine vorgefunden hatte, in Massengräber versenkt, während die Überreste der anderen in einzelnen Gräbern beerdigt wurden, auf die man die alten Steine wieder setzte. Da kann man noch heute die hebräischen Inschriften lesen, die einige Jahrhunderte zurückführen. Der Grabstein des Rabbiners Abraham Katzenellenbogen lautet in der Übersetzung:
»Hier ruht der große Rabbi, unser Gaon und LehrerAbraham ben David des gewesenen Rabbiners in Brest,Litauen, gestorben 1742.«
»Hier ruht der große Rabbi, unser Gaon und LehrerAbraham ben David des gewesenen Rabbiners in Brest,Litauen, gestorben 1742.«
Auf einem anderen Leichenstein liest man:
»Öffnet die Tore und lasset den Gerechten eintreten!Hier ruht der berühmte Gaon, der heimgegangene Josefben Abraham, sein Andenken sei gesegnet. Möge seineSeele im Reiche des Ewig-Lebenden aufgenommen sein!«
»Öffnet die Tore und lasset den Gerechten eintreten!Hier ruht der berühmte Gaon, der heimgegangene Josefben Abraham, sein Andenken sei gesegnet. Möge seineSeele im Reiche des Ewig-Lebenden aufgenommen sein!«
Die Jahreszahl ist verwischt. Auf einem anderen Steine steht:
»Hier ruht der außerordentlich tugendhafte Rabbi und Prediger, unser Lehrer und Leiter, Kiwe's Sohn Moses, verschieden Montag, am Vorabend des Versöhnungstages 5591 nach Erschaffung der Welt. Er ist hingegangen, wo das Licht seiner Weisheit ewig leuchten wird.... Er spricht zu uns in seinen Werken und lebt nach seinem Tode fort.... Der Duft seiner blumenreichen Sprache ist unvergänglich.«[T]
»Hier ruht der außerordentlich tugendhafte Rabbi und Prediger, unser Lehrer und Leiter, Kiwe's Sohn Moses, verschieden Montag, am Vorabend des Versöhnungstages 5591 nach Erschaffung der Welt. Er ist hingegangen, wo das Licht seiner Weisheit ewig leuchten wird.... Er spricht zu uns in seinen Werken und lebt nach seinem Tode fort.... Der Duft seiner blumenreichen Sprache ist unvergänglich.«[T]
Es dunkelte bereits, als die Massen-Beerdigung auf dem neuen Friedhof zu Ende war. Nach dem vollbrachten Werk zerstreute sich die Menge wieder lautlos.
An diesem Abend herrschte in unserem Hause große Trauer. Meine Eltern standen unter dem tiefen Eindruck dieses schweren Tages.
Im Innersten bewegt, waren sie stumm und in sich gekehrt. Es wurde nicht gesprochen, man hörte keinen Laut. Alle waren mit ihren Gedanken über den Tod und die Vergänglichkeit des irdischen Lebens beschäftigt.
Die Stadt Brest konnte an diesem Tage viele Heilige aufzählen, die alles Irdische vergaßen und dessen Vergänglichkeit erkannten.
Vielleicht, daß dieser schwere Tag sich lähmend auf die Schwungkraft meines teuren Vaters legte. Er hat sich eigentlich von dem schweren Schlage, der ihn von seiner Scholle riß, nie recht erholt.
Nach fünfzehn Jahren vieler schwerer Prozesse bekam mein Vater von der Regierung eine ansehnliche Summe Geldes für seine liegenden Güter. Aber er war ein alter Mann, seinen Geschäften entfremdet und ein rechter Bankdrücker geworden — ein Gelehrter, dessen Tätigkeit nur in seinem Studierzimmer an Talmudfolianten fruchtbar werden konnte.
Es gab wohl noch mancherlei Aufträge für den Festungsbau. Aber es war, als wäre der Vater aus seiner Wurzelerde herausgerissen — es wollten keine Früchte mehr reifen.
Mit der Übersiedlung von der alten Stadt Brest in Litauen nach der Neustadt nahm das Leben in meinem Elternhause eine ganz andere Form an. Während das alte Heim, vom Gastzimmer bis zur Wagenscheune, vornehm eingerichtet war, waren hier die kleinen Räume ärmlich. Zwar waren es noch die alten, mit Goldbronze imprägnierten Mahagoniholzmöbel, die diese kleinen Räume erfüllten, aber ach, in welchem Zustande! Verblichen, schäbig. Von mancher Garnitur fehlten schon Stücke, mancher Tisch hinkte auf einem Fuß,die Lehnen der Stühle boten keinen sicheren Halt mehr, von den Rahmen der großen Spiegel war das Gold abgeritzt. Aber die Wohnung ist immer ein Spiegelbild ihrer Bewohner! Beiden sah man an, daß sie einst freundliche Tage gesehen. Das Material war im Kerne solid und hatte seine guten Dienste geleistet; und hätte jetzt noch das Schicksal einen gütigen Blick auf Menschen und Möbel geworfen, so hätten sie noch den alten Glanz annehmen können! Aber das Schicksal war unhold für lange, lange Zeit.
Jedoch war jene Periode für meinen Vater eine der inhaltsreichsten. Sie brachte den Adel seiner Individualität zum Vorschein. Er hatte mehr als früher Zeit und Gelegenheit, seinen Nächsten mit Rat und Tat beizustehen, sich durch seine großen, talmudischen und sonstigen Kenntnisse in der hebräischen Literatur Liebe und Verehrung in der jüdischen Gesellschaft zu erwerben.
Nachdem er alle seine Geschäfte liquidiert hatte, widmete er sich dem Talmudstudium vollends und lebte »Al hatauro w'al hoawaudo« (der Lehre und dem Gottesdienst)! Der Tag war in unserem Hause so eingeteilt, daß für Talmudstudien so viel Zeit wie für Essen und Schlafen gelassen wurde. Auch hier in der kleinen Wohnung war sein Kabinet mit vielen Fächern versehen, wo zur früheren Bibliothek noch viele Bücher hinzugekommen waren, und dort schrieb er im Anfange der vierziger Jahre die beiden Werke, von denen ich schon vorher berichtet habe.
Auch in dem neuen Heim pflegte mein Vater um 4 Uhr früh, im Sommer wie im Winter, aufzustehen und seine Morgengebete singend zu verrichten. Diese Gebete hatten keine zusammenhängenden Weisen. Es waren mehr Rezitative; abermeinem liebenden Kinderherzen schmeichelten sie sich wie die schönsten Melodien ein. Unter diesen Tönen pflegte ich aufzuwachen und in einer tiefen, religiösen Stimmung bis zum Tagesanbruch zu träumen. Man könnte aber glauben, daß die Lebensweise meinen Vater von uns Kindern entfernte und von ernster Erziehung abhielt. Dem ist jedoch nicht so. Er hatte immer noch Zeit und Lust, den Gemeindeangelegenheiten sein größtes Interesse entgegenzubringen und mit seinen zärtlichen, väterlichen Augen, seinem weisen Worte Sitten und Gehaben der Kinder zu überwachen.
Wohl war unter den neuen Verhältnissen vieles anders geworden, aber unser Betragen, unser gemessenes Selbstbewußtsein aller Welt gegenüber veränderten sich nicht, wenn auch mit dem Verlust des großen Vermögens in der Altstadt, d. h. mit dem Niederreißen unseres Hauses und der Ziegelei der Wohlstand meiner Eltern schwer erschüttert worden war. Viele der kostbaren Sachen verschwanden aus dem Hause, aber die kostbarere Persönlichkeit aller im Hause blieb erhalten. Unser Haus blieb auch jetzt der Sammelpunkt der intelligenten Gesellschaft. Jeder vornehme Gast, der in die Stadt Brest kam, kam zuerst zu uns, wo er sicher war, herzlich willkommen zu sein. —
Unsere Kleidung war unter den gegenwärtigen Umständen einfach, jedoch war keines der Kinder auf die teuren Kostüme der Freundinnen neidisch. Das Leben im Hause floß auch jetzt regelmäßig, gemütlich dahin. Die sechs Wochentage vergingen ohne Sonderheit. Der Freitag jedoch zeigte ein anderes Gesicht, wurden doch schon vor Tagesanbruch in der Küche die Vorbereitungen zum Sabbat getroffen, die herrlichen, großen Strietzeln und mancherlei Kuchen gebacken,wobei ich der Köchin bereitwillig half und dafür das erste Süße zu essen bekam. Ich zählte damals schon 14 Jahre. — Schon früh am Tage standen die Hausgenossen auf. Wir frühstückten warmes Weißbrot mit Butter und Kaffee. Ich schrieb einen Zettel, auf dem alle Besorgungen für den Sabbat, alle Einkäufe auf dem Markte verzeichnet waren, bewaffnete mich mit einem Handkorb und Serviette, und begab mich auf den Marktplatz, wo meine vornehmlichste Aufmerksamkeit der ersten Besorgung, den Fischen, galt, den Fundamenten eines richtigen Sabbats! Auf gute Fische legte mein Vater großen Wert. Ich kaufte den allerfrischesten Hecht, der bei uns Juden in besonderer Gunst steht, machte mich dann an die Obstgestelle und ging raschen Schrittes nach Hause, wo ich meine Mutter, den Sabbatabschnitt lesend, fand. Bei meinem Erscheinen jedoch legte sie die Bibel zur Seite und betrachtete meine Einkäufe. Mein Vater kam auch aus seinem Kabinet, besichtigte den Fisch, blieb meistenteils zufrieden, ermahnte mich, viel Pfeffer beim Kochen zu geben, versprach sich guten Appetit dabei; und nachdem ich den Fisch der Köchin zum Reinigen übergeben, band ich mir eine lange Schürze um, machte mich rasch an die kleine Wäsche der Taschentücher des Vaters, der Kragen und Musselinärmelchen, welche noch bis vor Abend zur Sabbattoilette der Eltern getrocknet und geplättet werden mußten. Dann kam der Fisch an die Reihe. Mein Vater liebte es, der Prozedur zuzuschauen, und schmunzelnd lobte er meine Fertigkeit, kostete von der Sauce, und mahnte nochmals, noch mehr Pfeffer zu zugeben. Nach vielem Probieren und Schmecken wurde der Fisch fertig. Ich legte diesen auf die Schüssel, stellte sie auf einen Topf heißen Wassers, damit die Sauce nicht eintrockne. Noch einmal wurde das Gemüse gekostet, das Fehlendezugegeben, und dann der Köchin der Platz am Herde geräumt. Von da ging ich zum Teetisch, wo ich für die Eltern und meine Geschwister den Tee bereitete und einschenkte. Am Freitag wurde er früher als gewöhnlich eingenommen und in aller Eile getrunken. Hernach ging ich durch alle Zimmer, um die letzte Hand an das Reinigungswerk zu legen, bald eins, bald das andere von den Möbeln zurechtzustellen, den Staub in den Winkeln zu entfernen usw. Unterdessen war die kleine Wäsche getrocknet. Ich machte mich ans Plätten. Hernach verteilte ich an die Eltern und Geschwister die große Wäsche. Alle im Hause machten Sabbattoilette. Die meine bestand im Winter in einem wollenen Kleidchen blauer Farbe, meiner Lieblingsfarbe; im Sommer in einem steif geplätteten Kattunkleidchen. Die Jugend mußte mir Samt und Seide ersetzen.
Meine Eltern begaben sich in den nur für den Sabbat bestimmten Kleidern in die Synagoge, meine Mutter freilich erst, nachdem sie mit einem weißen Tischtuch den Tisch bedeckt, auf den oberen Sitz die zwei Sabbatbrote gelegt, die sie mit eigens dazu hübsch gesticktem Deckchen verhüllte, dann wurden die Kerzen mit einem Segensspruch angezündet, wobei sie der übrigen zwei Gebote für jede jüdische Frau gedachte. Sie dankte in diesem Gebete Gott, daß es ihr bestimmt ist, die Gemächer zum Sabbatfest zu beleuchten. Während sie in der Synagoge war, hatten wir drei Mädchen auch die Pflicht, jede zwei weitere Kerzen am Freitag Abend im Kronleuchter des Eßzimmers anzuzünden. Auch in den übrigen Zimmern wurden die Kerzen in den Wandleuchtern angesteckt. Und bald strahlte das ganze Haus im Kerzenglanze. Wir Mädchen in frischer Sabbattoilette fühlten uns in den geputzten Räumen in jener Stimmung, von der die Chassidim sagen, daß derHimmel für Sabbat die »Neschome Jessaire«, die zweite Seele verleihe. Diese Zeit war die einzige in der Woche, wo wir Mädchen, ohne gestört zu werden, unsere russischen, polnischen, deutschen und jüdischen Lieder mit ganzer, voller Stimme singen konnten. Ein anderes Mal wurde getanzt, wozu sich unsere Nachbarskinder einfanden. Auch das Beten wurde nicht vergessen! Unterdessen deckte der Bediente den Tisch zum Abendessen. Auf Vaters Platz stellte ich den großen, silbernen Becher mit der Karaffe Wein. Wir erwarteten die Eltern von der Synagoge. Der Vater kam, und schon wenn er mit seiner kräftigen Stimme »gut Sabbat« rief, kehrte die ganze Sabbatgemütlichkeit bei uns ein. Er breitete seine Hände aus, und wir Kinder empfingen, die älteren zuerst, den Segen. Des Vaters Gesicht strahlte in glücklicher Sabbatruhe, in seinen lachenden Mienen ruhte der Frieden der Seele. Sorgen und Kummer, von denen er die letzte Zeit so reich geplagt war, waren verjagt, vergessen — von ihm und seinem Hause. Er betete über unser vor Liebe und Verehrung gebeugtes Haupt, während er es oft in seine Hände drückte und streichelte. Zu einem Kuß jedoch und ähnlichen, zärtlichen Äußerungen durfte es nie kommen, da Religiosität und sittliche Anschauungen sie nach damaligem Begriff als Leichtfertigkeiten verpönten.
Nachdem wir alle des Vaters Segen erhalten, wurden vom Vater und den übrigen Herren Verse, die man »Scholem Alechem« — Friede mit euch — nennt, gesungen, mit denen jeder Jude seinen Sabbatfriedensengel empfängt. Darauf folgt der Lobgesang auf die arbeitsame Hausfrau (Psalm 18), die »Esches Chajil«, die Heldenfrau. Der Frau, die aufsteht, wenn es noch Nacht ist, und die Speise für ihren Mann und Kinder und Gesinde bereitet, ihren Handarbeiten und rot gewebten Gürtelngilt das Lob in den Stadttoren. Sie ist eine Krone für ihren Mann. Doch Schönheit und Anmut ist eitel Tand, vergänglich, und nur der gottesfürchtigen Frau gilt alles Lob. Diese Gesänge pflegten die Männer, im Zimmer auf- und abgehend, in einer schönen Weise zu singen. Ich war damals Backfisch und pflegte mich bei diesen Gesängen, da ich sie zur Hälfte verstand, ordentlich stolz zu fühlen, und nahm mir vor, des Lobes selbst würdig zu werden. — Mein Vater machte »Kidusch«, trank zur Hälfte den Inhalt des Bechers und gab ihn der Mutter, die davon nippte, und ihn uns Kindern der Reihe nach reichte. Dann ging es, ohne ein Wort zu sprechen, ans Händewaschen; und ein Gebet beim Abtrocknen wurde gesprochen. Diese Handlung, die trotz der vielen Anwesenden, doch so still verrichtet wurde, reizte uns Kinder oft zu leisem Flüstern, noch öfter zu einem ganz verführerischen Kichern. Aber ein strenger Blick des Vaters verjagte allen Mutwillen. Der Vater sagte ein Gebet über die zwei Brote, die man »Lechem Mischne« nennt, schnitt das eine in zwei Teile, aß davon einen Bissen und sprach, bis er ihn verzehrt hatte, kein Wort. Wir alle am Tisch bekamen auch eine Scheibe. Der Fisch wurde aufgetragen, eine fromme Sabbathymne mit lieblichen Melodien gesungen. Dann folgte die fette, schmackhafte Nudelsuppe; dann ein zweites Lied, bei dem wir Mädchen leise mitsummten. Laut durften wir es nicht tun, da es als eine Sünde für die Männer galt, weibliche Stimmen singen zu hören! Mit einem Gemüse endete die Mahlzeit. Zum Schluß wurde ein Dessert gereicht das aus Äpfeln, gerösteten Nüssen, abgekochten Erbsen bestand. Die Mützen wurden aufs Neue aufgesetzt, Wasser über die Finger gegossen, das »Majim Acharaunim«, d. h. das letzte Wasser genannt wird. Mit der Rezitation des Tischgebetes wurde einer der Herren der Tischgesellschaft beehrt, dem einBecher mit Wein gefüllt wurde, und alle fielen mit einem Amen an bestimmter Stelle ein. Nach dem Abendbrot blieb man nicht mehr lange beisammen; schon um zehn Uhr lag das ganze Haus in tiefem Schlaf.
Mein Vater, seiner Gewohnheit treu, wachte um 4 Uhr früh auf, da er jedoch des Sabbats wegen, selbst kein Licht anzünden konnte, rief er den Bedienten und befahl, daß er dem christlichen Nachtwächter auftragen solle, Licht ins Haus zu bringen. Der Bediente brachte auch bald »Michalka«, den bewährten Nachtwächter, der die Kerze in Vaters Kabinet und in der Küche für den Bedienten anzündete. Vater sang seine Morgengebete, blätterte ein wenig in dem großen Talmudfolianten, trank seinen Tee, der, gestern zubereitet, auf dem großen Küchenofen im heißen Sand bis zum Morgen heiß geblieben war. (Der Samowar wurde in meinem elterlichen Hause nie am Samstag aufgestellt, auch kein Kaffee oder sonst eine Speise gekocht oder gewärmt.) Und nun begab sich mein Vater, in finsterer Nacht, im Winter des tiefen Schnees, des Frostes nicht achtend, nach dem sogenannten »Chewra-thillim-bethamidrasch«, die ihren Namen herleitet von der Übung, jede Woche alle Psalmen von Anfang bis zu Ende zu sagen. Jeden Tag wurde ein Teil im Chor gesungen, wobei einer von der Gemeinde mit dem ersten Satze im Kapitel anfing und die Gemeinde ihm folgte. Mein Vater gehörte zu diesem Verein, beteiligte sich jedoch an dem Gesange nur am Samstag. Die Mitglieder dieses Vereins bestanden größtenteils aus Handwerkern, denen es die ganze Woche unmöglich ist, sich in früher Morgenstunde diesen seelischen Genuß zu gönnen. Heute aber ist der heilige Sabbatruhetag, der schon von gestern vor Abend begonnen hat. Jeder Jude hat schon um 9 Uhr abends gestern in tiefem Schlaf geruht,ist um 4 Uhr nach Mitternacht physisch und geistig gestärkt erwacht und hat mit Wonne seiner Gemeinde im »bethamidrasch« gedacht, wohin er unverzüglich sich begab, und wo er im hell beleuchteten, gut durchwärmten, geräumigen Bethause seine Kameraden traf. Es ist keine bestimmte Weise zu diesen Psalmen vorgeschrieben, aber ein jeder Jude gibt den Worten der Psalmen, die er ganz versteht und tief empfindet, und in denen er seine eigenen Erlebnisse findet, die passende Melodie selbst, weil sie ihm aus innerster Seele kommt; und mit diesen individuellen Tönen preist er und singt seinem Schöpfer Hallelujah. So ging es bis Tagesanbruch, wo dann das Morgengebet »Schachariß«, das Mittagsgebet »Musaph« gebetet wurden, und dazwischen der Wochenabschnitt aus der Thora gelesen ward. Gegen 11 Uhr vormittags ging dann jedes Mitglied der Gemeinde in der besten Stimmung nach Hause, nicht zuletzt, weil es wußte, daß seiner schon von gestern her ein schmackhaftes Mittagessen harrte. Jeder ergötzte sich an »Schalet« und »Kugel«, den der Sabbatengel so prächtig abgekocht hat. Dieser Schalet, von dem Heinrich Heine behauptet, daß die Bewohner des Olymp Griechenlands nur deswegen Ambrosia speisten, derweil sie von Schalet nichts wüßten! — Wir Kinder waren schon in vollem Sabbatputz. Der Vater segnete uns und machte Kidusch über einen Becher Wein. Wir mußten auch davon nippen. Darauf wurde mit Honigkuchen und Konfitüren in Honig und Zucker »angebissen«.
Unterdessen trug der Bediente gesalzene, kalte Fische auf, hartgekochte Eier mit Zwiebelsalat, Gänseleber, Gänsefett, Rettig, Kalbsfüße mit Eiern und Knoblauch; die bitteren, pikanten Kräuter, an denen sich unsere Vorfahren schon in der Wüste erlabten, ergötzen noch bis heute die NachkommenJacobs. Nachdem die Tischgesellschaft den ersten Hunger gestillt hatte, wurde der Schalet aufgetragen. Er schmeckte vortrefflich! Obwohl die Speisen mehr als 20 Stunden im Ofen gestanden hatten, bekamen sie jedem gut. Die damaligen, jüdischen Magen waren gut. Je fetter der »Kugel«, das Symbol des Sabbatmittagmahles war, um so schmackhafter erschien er den Tischgenossen und er fand Gnade! Auch heute wurden fromme Lieder, Hymnen auf die Sabbatruhe, mit munteren Weisen im Chor gesungen. Am Sabbat nach Tisch zu schlafen, ist eine »Mitzwa« und — wir waren fromm! Nur wir Kinder konnten uns jetzt austoben, im Eßzimmer während des Winters, auf Wiese, Berg und Tal im Sommer.
Am Spätnachmittag gingen die Männer wieder ins Bethaus zum Vorabendgebet. Es war in der Dämmerung. Daheim mußte dann die dritte Sabbatmahlzeit gegessen werden. Auch die Kinder hatten nach ihrem Umhertollen Wolfsappetit. Bei dieser »Schalssude« im Halbdunkel vor Abend mußten Fisch und Fleisch nach Vorschrift gegessen werden. Auch jetzt wurden schöne Hymnen gesungen und dann das Tischgebet verrichtet. Darauf ging alles wieder in die Synagoge zum Abendgebet, und es war schon dunkel, als die Männer zurückkehrten. Alsdann betete mein Vater bei einem Becher Wein »Awdole«.
Dann wurden weiter wohlklingende »Smiraus« gesungen d. h. Verse, die sich auf die kommende Woche (Werkeltage), auf Sonne, Mond und Sterne beziehen. — Der Abend war noch ein halber Feierabend, an dem nichts gearbeitet wurde. Gegen 11 Uhr wurde aufs neue eine Mahlzeit eingenommen, die sich »reb Chidkes Ssude« — Melawe Malke — Abschiedsgebet für die Königin Sabbat nannte. Für dieses Mahl wurde ein »Borscht«, eine aus Geflügel und roten Rüben bestehendeBrühe, gekocht, die erst um 11 Uhr fertig wurde, da man Feuer erst dann anmachen durfte, wenn es vollständig Nacht war. Alle, selbst wir kleinen Kinder, mußten zu dieser späten Mahlzeit zu Tisch kommen. Mit dieser späten Mahlzeit endete erst die Sabbatfeier.
Ich war 15 Jahre alt, als meine zwei Jahre ältere Schwester verlobtwurde. Ja, siewurdeverlobt und nicht (wie es jetzt bei den Mädchen heißt) sie haben sich verlobt. Unsere Eltern und die des Bräutigams unterhandelten durch den Heiratsvermittler »schadchen« miteinander und besprachen, wieviel Mitgift, Kleider und Schmuck von beiden Teilen der Heiratspartei gegeben werden solle. Meine Schwester bekam ihren Bräutigam, ihren Lebensgefährten, vorerst überhaupt nicht zu Gesicht und konnte sich nicht überzeugen, ob sie ihn lieben könnte, und ob er ihrem Geschmack und den Idealen entspräche, die sich ein Mädchen von ihrem Zukünftigen heimlich bildet. Unsere Eltern teilten ihr nur mit, daß ein gewisser Herr F. aus der Stadt S. um sie werbe. Und da er aus gutem Hause, reich, nicht häßlich, und schon ein selbständiger Kaufmann (zwar schon einmal geschieden) wäre, fanden unsere Eltern diese Partie zweckmäßig und gaben ihre Zustimmung. Nun sollte es auch meine Schwester tun. Weit entfernt, den mindesten Zweifel in die Worte der Eltern zu setzen, machte meine Schwester keinerlei Einwendungen. Mit dem, was die Eltern bestimmten, war man eben einverstanden! Daß sie mit der Wahl zufriedenwar, war selbstverständlich; war es doch üblich, in dieser Form die Töchter zu verheiraten und — sie waren in der Ehe glücklich. Die Mädchen von anno damals wußten, daß der Mann, den ihnen dieElternbestimmten, vonGottbestimmt war. Gott wollte, daß er ihr Lebensgefährte wurde, und so fügte man sich vom ersten Augenblick in alle Schicksale des Ehelebens mit Geduld und Ergebung, richtete danach Sinn und Tun ein. So wurde die damalige Ehe von Frau und Mann als einheiligesBand betrachtet, das nur der Tod trennen kann, und nicht wie jetzt, wo die Ehe lediglich auf dem gutenWillender Ehegatten basiert ist. Bei einer auf die alte Weise geschlossenen Ehe kamen selten Zwist oder Uneinigkeit unter den Gatten vor; meistenteils haben sie ein glückliches, zufriedenes Leben bis zum hohen Alter geführt, und ein solches war auch meiner Schwester vom lieben Gott beschieden.
Meine Schwester wurde also Braut, bekam von ihrem Bräutigam hübsche Brillanten zum Geschenk geschickt und sehr oft Briefe, auf die sie sofort antwortete. Der Briefwechsel war zwar nicht ohne gewisse innere Anteilnahme, Anhänglichkeit und Liebe, aber durchaus nicht schwärmerisch. Immerhin kam doch darin zum Ausdruck, daß man sich nacheinander sehnte und mit Herzenslust einen Brief erwartete und empfing.
So vergingen fünf Monate. Eines Morgens, da meine Mutter mit uns allen beim Frühstückstisch saß, sagte sie zu meiner Schwester: »Ich hoffe, daß deine Hochzeit nach drei Monaten stattfinden wird.« Meine Schwester wurde bei den Worten der Mutter blaß. Die Mutter fing an, sie mit einschmeichelnden Worten zu beruhigen. Mit lächelnden Mienen, aber doch ganz ernst, sagte sie: »Es ist schon Zeit, du bist bereits achtzehn Jahr!« Meine Schwester aber antwortetenichts, stand rasch vom Stuhl auf, ging in ihr Zimmer, wo sie heftig zu schluchzen anfing. Welche Gefühle ihr diesen Tränenstrom erpreßt haben, konnte man wohl erraten. Unsere Mutter legte jedenfalls weiter kein Gewicht darauf. Meine Schwester selbst konnte sich über ihre Tränen wohl keine Rechenschaft geben. Vielleicht hat verletzter Stolz sie erpreßt; sie kannte nicht einmal ihren Bräutigam persönlich und sollte ihn erst zur Hochzeit zu sehen bekommen.
Nun fingen die Vorbereitungen zur Hochzeit an. Zuerst Garderobe! Es wurden von den Geschäften Stoffe, Zeuge, Leinwand usw. gebracht. Meine Schwester aber kümmerte sich scheinbar nur wenig darum. Sie wurde nachdenklich, still, und ging in sich gekehrt herum. Meine Mutter und die älteren Schwestern bestellten die Näharbeit. Die Braut aber schrieb jetzt öfter an ihren Bräutigam, wohl um ihre erschütterte Ruhe wiederzufinden. Die Antworten waren sehr liebenswürdig.
Unsere Eltern und die des Bräutigams setzten bei der Verlobung als den Tag der Hochzeit einen Donnerstag im Septembermonat des Jahres 1848 fest. (Es war ein Rausch Chaudesch.) Ich sollte schon ein langes Kleid zu dieser Hochzeit bekommen — als älteres Mädchen im Hause, folglich auch Kandidatin der Ehe. Die Wirtschaft und Vorbereitung zur Hochzeit nahm mich sehr in Anspruch. Tagelang hatte ich in der Küche mit Backen, Braten, Kochen zu tun. Aber ich liebte diese Beschäftigung, während meine Schwester das Lesen und Nähen vorzog. Meine älteren Schwestern besorgten den Hausrat und die Kleidungsstücke für die Braut. Sie bekam ein hell-lila Seidenkleid, mit weißen Blendenspitzen besetzt, zum Brautkleid, einen Myrtenkranzund langen Schleier dazu. (Der Anzug war im Vergleich mit den damaligen Sitten auffällig modern!) Sonnabend vor dem festgesetzten Termin war Polterabend, damals nannte man ihn »smires«. Alle Freundinnen und Bekannten kamen, und wir waren lustig und tanzten uns müde, da wir Mädchen auch die Kavaliere vorstellen mußten. Mit einem Mann zu tanzen, verbot unsere religiöse Erziehung. Vater und die bekannten Herren sahen zu und ergötzten sich an dem schönen Anblick des Solotanzes der russischen »Kasatzke«, der so reich ist an künstlerischen Tanzfiguren, an graziösen Bewegungen und Schwenkungen. Bald war die im raschen Tempo getanzte Galoppade an der Reihe, die zu zweien in der Runde des Salons getanzt und wobei in jeder der vier Zimmerecken für einen Moment Halt gemacht wurde. Dazwischen kam auch das lustige Tänzel Bègele, eine Art Rundtanz, dann »chosidl«, zu dem eine höchst muntere Weise mit Fanfarenmusik und Tamburin gespielt wurde. Endlich wurde auch der Contredanse gar zierlich-manierlich getanzt. Der Walzer aber war nicht sonderlich beliebt.
Die Tage von Sonnabend bis Donnerstag waren unruhig und reich an Arbeit. Aber an jedem Abend dieser Tage kam die Musik, um der Braut einen »guten Abend« aufzuspielen, einen »dobri weczer« und an jedem Morgen hörten wir ein »Guten-Morgen-Ständchen«, »dobri dsen«, wobei wir Mädchen ein lustiges Tänzchen machten. Es herrschte ganz die patriarchalische Sitte, die fordert, daß die jüdische Hochzeit vier Wochen dauern soll. Meine Schwester hoffte, daß ihr Bräutigam wenigstens zwei Tage vor der Hochzeit kommen würde und war in den letzten Tagen munterer geworden. Als jedoch schon der Mittwoch der letzten Woche nahte, und ihreHoffnung sich nicht erfüllte, wurde sie verstimmt und weinte im Geheimen oft, und ihr ganzes Wesen sprach von Ungeduld. Die Vorbereitungen zur Hochzeit nahmen ihren Fortgang, und der festgesetzte Hochzeitstag, ein Donnerstag, ließ sich mit prächtigem Wetter und Sonnenschein an — ohne jedoch den Bräutigam in unsere Stadt zu führen.
Doch kaum war es 11 Uhr geworden, als eine Estafette die ungeduldig erwartete, frohe Nachricht brachte, daß der Bräutigam und seine Begleitung auf der letzten Poststation angelangt seien und weiterreisten. Eilig kleideten wir uns an; das Frühstück wurde bereitet. Ich mußte helfen und wurde darum nur zur Hälfte mit der Festtoilette fertig. Die Braut aber wollte sich nicht eher ankleiden, bis sie erst ihren Bräutigam gesprochen hätte — ein Verlangen, das uns heute nur recht und billig klingt. Allein ein strenger Blick unserer Mutter und ein Wort der Schwestern waren hinreichend, diese Forderung aufzugeben. Bald erschien die Schwester bräutlich gekleidet; in den Spiegel freilich hatte sie kaum geschaut! Ihre Seufzer ließen den Sturm ihrer Gefühle ahnen! Es lag in der Wucht der Sitten jener Zeit, daß sie ruhiger wurde und sich damit abfand, erst im Trauungskleide zum ersten Male ihren Lebensgefährten zu Gesicht zu bekommen.
Es war 12 Uhr geworden. Die Einladungen zur Trauung an die Freunde und Bekannten waren in der Frühe desselben Tages verschickt worden, und einige Gäste fanden sich schon ein. Musik erklang und unsere Eltern traten mit ernsten Gesichtern, bewegten Herzens und tränenvollen Augen in den Hochzeitssaal, in ihrer Mitte die jugendliche, hübsch geschmückte, erregte Braut am Arm haltend. Meine Schwester war keine ausgesprochene Schönheit, aber ihre hohe Statur, ihr stolzes,hochragendes Haupt, die hohe Stirn und klugen Augen ließen auf ihren Verstand schließen. Der Ernst dieser Stunde war bei ihr, wie es schien, von einem romantischen Glanz umleuchtet und goß über ihre strengen Gesichtszüge die milde Hingebung und Ergebung, die wir in der letzten Zeit bei ihr vermißten. — Mein Vater hatte inzwischen den Bräutigam in seinem Logis begrüßt, und er konnte meine Schwester mit Überzeugung versichern, daß der junge Mann ein liebenswürdiger Mensch sei. Unter den Klängen einer zu Tränen rührenden Musik, wie es bei ähnlichen Gelegenheiten üblich und passend ist, führten unsere Eltern die Braut bis in die Mitte des Hochzeitssaales, wo auf einem Teppich ein Armstuhl mit einer Fußbank stand, und mit tränenerfüllten Augen ließen sie die Braut aus ihren Armen darauf nieder. Sie blieb nachdenkend, in sich gekehrt, sitzen. Bange Erwartung, freudige Erregung, der Gedanke, sich fürs ganze Leben zu fesseln, durchtobten sie..... Ach! Ein Frauenleben!... Wieviel sagt doch dieses eine Wort ... Der Vater entfernte sich, die Mutter aber und wir alle, reich geschmückt, blieben in ihrer Nähe. Es dauerte auch nur kurze Zeit, als wir aus dem Vorzimmer den Bedienten melden hörten, daß der Bräutigam vorgefahren sei. Meine Mutter erhob sich und warf einen unruhigen, aber von mütterlichem Stolz erfüllten Blick auf die Braut, die blaß und starr vor sich hinsah. Sie sprach ihr nochmals mit zärtlichen Worten Mut zu und begab sich dann in den zweiten Salon, um die willkommenen Gäste zu empfangen. Der Vater trat ihnen schon im Vorzimmer entgegen, umarmte und küßte den Bräutigam und führte ihn ins zweite Zimmer zur Mutter, die nach damaliger Sitte weder durch einen Händedruck noch durch einen Kuß ihre Freude oder Zufriedenheit äußern durfte. Aber ihre Augenund ihre hastigen Worte sagten, daß sie zufrieden war. Der Bräutigam schien der zärtlichen Umarmung des Vaters und der freundlichen Worten der Mutter nur wenig zu achten; seine Augen suchten gierig und gespannt die, nach der sein Herz sich sehnte. Er sah über alle, die neben ihm standen, hinweg in den zweiten Salon, von wo ihm der Stern seines künftigen Lebens entgegenleuchtete. Die Festgenossen, geleitet von unserm Vater, gingen nun in das Hochzeitzimmer. Meine Schwester hatte sich von ihrem Stuhl erhoben und stand in ihrer ganzen Würde dem Bräutigam gegenüber, das Auge beharrlich auf ihn gerichtet, vor dessen Blick er die seinigen, wie ich denke, senken mußte, da sein Charakter nachgiebig, mild und friedfertig war und der ihrige zwar nur wenig Sentimentalität besaß, aber kernig gesund, kalt, hell wie der Wintertag war. Auch zwischen Braut und Bräutigam durfte selbst bei dieser feierlichen Gelegenheit kein Händedruck gewechselt werden. Ihre ganze Erscheinung jedoch wirkte auf ihn elektrisierend; er konnte sich kaum fassen und murmelte einige unverständliche Worte, worauf meine Schwester eine maßvolle Antwort gab. Es wurde dem Brautpaar gestattet, sich ins zweite Zimmer zu begeben, zunächst in Begleitung der beiderseitigen Eltern, die sich übrigens bald entfernten, damit die jungen Leute endlichohne Zeugenmiteinander sprechen könnten. Wenn das Dictum: »Gekommen, gesehen, gesiegt« irgendwo berechtigt ist, so hier! Es verging kaum eine halbe Stunde, da traten die jungen Leute freudestrahlend in den Hochzeitssaal zurück.
Man beeilte sich zu frühstücken; es geschah in großer Gesellschaft und in sehr munterer Weise. Schon sammelte sich die Menge der geladenen Gäste; und da es im späten Herbst war und der Tag kurz, so mußte man eilen. Unterdessen war es dreiUhr geworden. Im Hochzeitssaal wurde getanzt, und die Braut auch in den Wirbel hineingezogen, was nach den damaligen Begriffen ganz in der Ordnung war. Der Bräutigam bat sich die Erlaubnis aus, im Tanzsaal zu bleiben; es wurde erlaubt, aber nicht für lange! Unsere Mutter zeigte sich bei ähnlichen Gelegenheiten viel milder als der Vater. Sie setzte sich in einen Winkel des Hochzeitssaales und bat ihren künftigen Schwiegersohn, neben ihr Platz zu nehmen.
Eine Stunde mochte in Tanz und Lust vergangen sein, da mahnte meine Mutter den Bräutigam, daß es Zeit sei, zu gehen. Er tat es mit einer sehr langen Verbeugung und einem Lächeln gegen die Braut. Und nun fing die Zeremonie des sogenannten Besetzens und Bedeckens an, die darin besteht, daß man Brautkranz und Schleier vom Kopfe der Braut herunternahm, und die Frauen und die Freundinnen die Haare der Braut, die eigens heute zu kleinen Zöpfchen geflochten waren, auflösten und über Hals und Nacken breiteten, wobei die Musik nur stille Töne anschlägt. Die noch vor einer kleinen Weile so lustig tanzende Hochzeitsgesellschaft wurde still. Eine traurige Stimmung umhüllte alle. Der Batchen oder Marschalik — wie man diese Kasualienredner damals nannte — erinnerte die Braut, daß der heutige Tag für sie einen Lebensabschnitt markiere; sie trete in ein neues Stadium und dieser Tag solle ihr heilig wie der Versöhnungstag sein. Sie sollte Gott anflehen, ihr die Sünden zu vergeben. Der damalige Jude glaubte, daß die Eltern die Sünden eines jeden Kindes bis zu seiner Vermählung vor Gott zu verantworten haben. Nach der Hochzeit ist aber jedes Kind selbst für sich verantwortlich. Bei meiner Schwester bedurfte es keiner Ermahnung! Ihre Tränen flossen reichlich und innig. Nach dieser Rede kam, in Begleitung der Eltern und Gäste,geführt von dem Ortsrabbiner, der Bräutigam in den Hochzeitssaal, nahm von der vorbereiteten, mit Hopfen und Blumen gefüllten Platte den Schleier, und auf die Aufforderung des Rabbiners bedeckte er damit das Haupt der tiefbewegten Braut. Bei dieser Handlung bestreuten ihn alle Umstehenden mit Hopfen und Blumen, und unter lauten Glückwünschen, Umarmungen und munterer Musik verging noch eine gute halbe Stunde, in welcher man die Braut von der schweren Brauttoilette befreite, ihr ein leichtes, lichtes Kleid anlegte, eine leichte Mantille überwarf und den Schleier auf dem Kopf zurechtlegte und befestigte. Nun ging es in die Synagoge, jedoch nicht wie jetzt in Equipagen, sondern zu Fuß durch die oft sehr schmutzigen Gassen. — Die Trauung wird von den Juden als öffentlicher Akt betrachtet und muß daher unter freiem Himmel vollzogen werden. Das Volk soll Braut und Bräutigam sehen können, vielleicht weiß jemand, daß einer der Brautleute schon verheiratet ist!
Der Bräutigam wurde bald nach dem »Bedecken« mit Musik — ein Marsch wurde gespielt — vor die Synagoge geführt, wo er unter den dort aufgestellten Baldachin gestellt wurde. Und die Musikanten begleiteten nun auch die Braut unter die »Chuppe« mit demselben Marsch. Die Braut wurde von den »Unterführerinnen« (Brautschwestern) an die linke Seite des Bräutigams gestellt; die Musik schwieg. Die Zeremonie der Einweihung des Brautpaares begann. Der »Schammes« (Synagogendiener) füllte ein Glas mit Wein, über den den Segen zu sprechen, ein geachteter Mann beehrt wurde. Bei einem bestimmten Satze hielt er inne. Der Synagogendiener übergab dem Bräutigam den Trauring, den dieser in die Höhe hielt, und mit den gesetzlichen Worten in bestimmtem Rhythmus: »Hare ad mekudeschesli betabas sukedas Mausche w' Isroel« steckte er den Ring auf den Zeigefinger der rechten Hand der Braut. Dann rezitierte der den Wein segnende Mann die sogenannten »schiwo broches« — die 7 Segenssprüche — auf die schönsten Tugenden und edelsten Regungen des Menschenherzens, wie Liebe, Freundschaft, Treue, Bruderschaft des Ehepaares. Dann wurde die »ksube« (Heiratsurkunde) vorgelesen. Diese lautete wie folgt: »Dieser Herr N. heiratet dieses Frauenzimmer N. Er verpflichtet sich, ihr Mann zu sein, sie zu ernähren, standesgemäß zu kleiden und sie zu beschützen. Sie bekommt von dem Herrn N. dreißig Goldmünzen.« Die »ksube« wird der Braut hier unter der »chuppe« überreicht. Nachdem das Gebet über den Wein zu Ende gesprochen war, mußten Bräutigam und Braut aus dem Glase trinken. Das Glas aber legte man auf die Erde, und der Bräutigam mußte es mit dem Fuße zerstampfen! Die Hochzeitgesellschaft rief »Masel tow« (Gut Glück), und das Brautpaar trat Arm in Arm den Heimweg an, von der rauschenden, betäubenden Fanfarenmusik und dem gesamten Publikum begleitet, wobei besonders die älteren Weiber einen Reigen dicht vor dem Brautpaar tanzten, denn als größte »Mizwe« (d. h. gottgefällige Tat) galt: »M'ssameach chosen wekalo« (d. h. Braut und Bräutigam belustigen!). Sie tanzten bis zu unserem Hause. Dort schwieg die Musik und nun galt es, zu sehen und zum Teil zu bewirken, daß die Braut zuerst über die Schwelle trete. Ein alter Aberglauben lehrte nämlich, daß, wer von dem Ehepaare zuerst über die Schwelle tritt, durchs ganze Leben die Oberhand im Eheleben behalten würde. Sämtliche Frauen nahmen ihren Schmuck ab und legten ihn hier auf die Schwelle; darüber sollte das neuvermählte Ehepaar schreiten. Hier bei uns vollzogen sich alle diese Bräuchein gemütlicher Ordnung, während es bei dem einfachen Volk bei dieser Gelegenheit sehr oft zu einem Handgemenge kam, in dem bald die Verwandten der Braut ihrem Schützling den Vortritt zu erkämpfen suchten, während ihrerseits die Verwandten des Bräutigams dasselbe Manöver übten.
Man denke sich diesen ganzen »Chuppegang« (Trauungszug) mit allen oben geschilderten Szenen bei Regenwetter unter freiem Himmel, wo wenige von den Tanzenden Schirme besaßen. Da gab es schlumpige Weiberröcke und Pantoffeln, und die arme Braut mußte laut die bittersten Vorwürfe hören, da sie, wenn es zu ihrer »chuppe« regnete, wohl naschhaft gewesen sein und aus den Kasserollen geleckt haben mußte. —
In großem Gedränge kamen die Brautleute zu Hause an, wo das junge Paar in sein Zimmer geführt wurde und bei Tee, Bouillon und Leckerbissen sich von den Strapazen des Chuppeganges erholte. Es war auch hohe Zeit! Denn das Brautpaar fastete bis nach der Trauung. Man nannte die erste Bouillon, die man dem Brautpaar gab, die »goldene Suppe«. Nur die intimeren Freundinnen und die Brautschwestern wurden in das Zimmer der Brautleute hineingelassen. Die übrigen Gäste verabschiedeten sich, um sich zwei Stunden später zum Abendbrot, das sich »chuppewetschere« nannte, einzufinden. Bei diesem Mahle führte die Gesellschaft allerlei leichtsinnige Gespräche, die nicht der Frivolität entbehrten. Nach der luxuriösen Mahlzeit, die mit einer grossen Zecherei endete, blieb die Gesellschaft noch bei Tisch sitzen. Es war Brauch, dass der Bräutigam das Mahl durch eine talmudische Rede (Drosche) würzen musste. Nun wurden die »Droschegeschenke«, d. h. Hochzeitsgeschenke, von den Verwandten, Eltern und Freunden den Neuvermählten dargebracht. — Der »batchen«trat wieder in Aktion. Aber er zeigte sich jetzt von einer gemütlicheren Seite. Er mußte das Publikum mit allen möglichen Possen und improvisierten Anekdoten in Versen unterhalten, auf jeden Gast, je nach der Spende, ein launiges »Wörtchen« sagen, und endlich auch dem Brautpaar Scherze, aber auch bittere Wahrheiten in humoristischer Form erzählen. Unter diesen Batchonim gab es oft geniale Leute. Einer, Sender (Alexander) Fiedelmann, hat eine köstliche Sammlung seiner launigen Verse hinterlassen. Fiedelmann hat in Minsk »gewirkt«, während in Wilna ein gewisser Motche Chabad und Elijokum Batchen beliebt waren.
Der »batchen« stellte sich auf einen Stuhl und rief mit lauter Stimme, das ihm eingehändigte Hochzeitsgeschenk in die Höhe haltend, den Namen des Gebers und pries mit vielen Übertreibungen den Wert und die besonderen Qualitäten des Geschenkes. Seine »Chochmes« brachte er in singenden Rezitativen vor, wobei die angeheiterte Tischgesellschaft herzlich lachte. Diese Possen dauerten bis spät in der Nacht. Das Tischgebet wurde gesagt, das mit den »schiwo broches« über einem Becher Wein endigte, von dem man dem Brautpaar zu nippen gab. Dann kam der sogenannte Koschertanz an die Reihe. Die Braut unter ihrem Schleier setzte man in die Mitte der Brautschwestern, von denen eine ein seidenes, viereckiges Taschentuch in der Hand hatte. Der »batchen« forderte einen der Herren auf, mit der Braut zu tanzen, wobei die Brautschwester einen Zipfel des Tuches der Braut in die Hand gab und den zweiten Zipfel dem Tänzer reichte. Auf diese Weise machten sie zweimal die Runde und der Batchen rief: »Schon getanzt!« und die Braut setzte sich wieder zwischen die Brautschwestern. Auf solche Weise tanzte die Braut mit allenanwesenden Herren. Das dauerte bis spät nach Mitternacht. Die arme Braut aber durfte den Schleier nicht lüpfen.... Endlich, vor Tagesanbruch, mahnte die große Müdigkeit zur Ruhe. Ein jeder suchte sich irgend ein Plätzchen und nickte selig ein. Am nächsten Morgen wurde es spät Tag. Die Braut blieb in ihrem Zimmer, bis meine Mutter und die älteren Schwestern in Begleitung einer einfachen Frau, der sogenannten »Gollerke«, kamen. Diese Frau war mit einer großen Schere bewaffnet und nahm auf der Mutter Geheiß dreist den armen Kopf meiner Schwester in Besitz, lehnte ihn gegen ihre Brust, und unter ihrer mörderischen Schere fiel bald eine Strähne des schönen Haares nach der andern vom Kopf meiner Schwester — wie das Gesetz es befiehlt! Nach kaum 10 Minuten war das Lamm geschoren. Man ließ ihr nur ein wenig Haar über der Stirn, um es besser nach hinten streichen zu können. Denn es durfte keine Spur von ihrem eigenen Haar zum Vorschein kommen. Dann bekam sie eine glatt anliegende seidene Haube, an der sich vorn ein breites, seidenes Stirnband in der Farbe des Haares befand, wodurch nach damaligen Begriffen das Haar sehr gut imitiert wurde. In den frommen jüdischen Häusern, wie dem meiner Eltern, hat man die altjüdischen Bräuche, die mit der Zeit als Gesetz betrachtet wurden, möglichst streng beobachtet. Der Braut wurde ein hübsches, kokettes Häubchen aufgesetzt, wenn auch darunter das jugendliche Gesicht bedeutend älter erschien. Man führte sie in den Salon, wo bereits alle Herren des Hauses und viele Gäste versammelt waren. Die Brautschwestern bedeckten ihr Gesicht mit einem weißen, seidenen Tuch, und wer ihr Gesicht zum ersten Male unter der Haube sehen wollte, mußte ein Almosen für die Armen geben; auch der Bräutigam und die beiderseitigen Eltern mußten es tun. Da gab es verschiedene Meinungenüber ihr verändertes Aussehen, und bald war ein gemütlicher Streit im Gange. —
Meine Schwester blieb auf Kosten der Eltern mit ihrem Manne bei uns wohnen. Seine Eltern reisten, nachdem sie ihr viele hübsche Präsente zurückgelassen hatten, nach ihrer Heimatsstadt Saßlaw zurück.
Und ein junges Paar lebte das alte Leben....
Nur noch diese Schwester wurde in der hier geschilderten Weise verlobt und verheiratet. Schon meine Verlobung, zwei Jahre später hatte ein wesentlich verschiedenes Gepräge, hatte doch die Reform unter der Regierung Nicolaus I. die jüdische Lebensweise stark beeinflußt.
Es will mir scheinen, daß es kein Zufall sein kann, wenn heute das Wort »Tracht« fast ganz aus dem Wortschatze verschwunden ist. Es ist eigentlich nur noch in der Schriftsprache üblich. In der Umgangssprache ist es kaum noch zu hören. Es hat dem Worte »Mode« weichen müssen. Darin scheint mir aber mehr zu liegen als ein nur rein äußerlicher Ersatz des einen Wortes durch ein anderes. Es liegt Psychologie, Zeitpsychologie in diesem Wandel. Sollte es wirklich nur ein Zufall sein, daß das Wort »Mode« zumeist in einem ganz prägnanten Sinne gebraucht wird? Bezeichnet es ursprünglich nur, daß irgendein Etwas — ein Kleidungsstück, ein Buch, ein Kunstwerk zu einer bestimmten Zeit besonders beliebt ist, so hat es jetzt seinen Hauptsinn in der Vorherrschaft einer besonderen Kleidung! Die Frühjahrsmode schlechtweg bezeichnet die neue Form, die die Kleidung im Frühjahr hat. Und wenn wieder »eine neue Mode herauskommt«, so denkt man lediglich an eine neue Tracht. Mit dem Begriff Mode ist uns wie durch eine feste Ideenverbindung der Begriff des schnellen Wechsels verknüpft. Was modern ist, will nur den Erfolg eines Tages haben. Mode und Tracht stehen zueinander wie hastige Abwechslung und Dauer.
In einem Punkte freilich finden die Begriffe »Mode und Tracht« eine gewisse Einigung! Sie haben beide einen imperatorischen Charakter. Sie zwingen unter ein Joch. Undwenn auch dem einzelnen Menschen ein Spielraum für die Betätigung seines individuellen Geschmacks bleibt, so fordert das Gesetz der Tracht doch Einheitlichkeit und Uniformiertheit.
In früheren Zeiten hatte die Tracht freilich auch die Aufgabe, bestimmte Gruppen von Menschen voneinander zu differenzieren. Die Pariser Mode hatte noch nicht alle feineren und gröberen Nuancen verwischt. Jeder Volksstamm, jede scharf abgesonderte Klasse von Menschen hatte ihre eigene Tracht; man wollte nicht in den großen Menschheitsbrei untertauchen, sondern sofort erkannt werden als das, was man ist. So bekam die Tracht den Charakter des Zähen, Stabilen, Traditionellen, und die Gloriole der Ehrwürdigkeit umleuchtete sie.
Nur so kann man verstehen, wie der im Jahre 1845 veröffentlichte Ukas der russischen Regierung auf die russischen Juden wirkte, welcher die Juden zwang, ihre alte Tracht abzulegen und sich der modernen zu fügen.
Die Wirkung auf die große Masse war so furchtbar wie die einer Katastrophe. Eine wilde Erbitterung war die Folge. Und nur das Gefühl der eigenen Ohnmacht, der Wehrlosigkeit, die Golusangst ließ diese Erbitterung nicht zu rasender Wut sich steigern. Wären die Juden damals stark, organisiert, mächtig gewesen, so hätte die Veränderung der Tracht zu Aufständen und Revolutionen geführt. So aber blieb es bei schmerzhafter Resignation. Man trauerte um die eigene Tracht wie um einen lieben Toten. Und tiefer blickende Geister begriffen bald, daß die Anpassung an die modische Kleidung nur der erste Schritt sei auf dem Wege tiefer greifender Assimilationen, die nicht nur die Lebenshaltung, sondern auch Kulturanschauungen und die überlieferten Lehren einer spezifischenReligion, Sitte, Gewohnheit und der Bräuche des jüdischen Volksstammes würden ummodeln müssen. Der Ukas wurde als »Gesere« bezeichnet; nicht als eine von den vielen Geseraus, die das jüdische Volk überfielen, sondern als die »Gesere« schlechtweg. Viele waren der Ansicht, daß das jüdische Gesetz — Jehorek wéal ja'wor (man muß sich opfern) — unter diesen Umständen erfüllt werden müsse. Allein die russische Regierung kümmerte sich wenig um jüdische Gesetze, um die erregten Debatten in den Gemeinden, um die Trauer und das Wehklagen der Frommen, sondern setzte kurzerhand eine Frist fest, nach deren Ablauf alle Juden in Rußland, Männer und Frauen, sich nur in europäisch-russischer Tracht durften sehen lassen. Und diese Frist war natürlich sehr kurz bemessen. So mußte denn die jüdische Bevölkerung von ihrer liebgewordenen Tracht lassen. Und wer wie ich den hastigen Wandel der Moden durch viele Jahrzehnte miterlebt hat, und wie ich oft hat erkennen müssen, daß die Tyrannin Mode nicht immer gerade die Ästhetik als Genossin hat, der muß gestehen, daß das Opfer der alten Tracht in manchem Belange die Aufgabe einer nicht nur hygienischen, sondern auch recht kleidsamen Tracht war.
Die Männer trugen ein weißes Hemd, dessen Ärmel durch Bändchen geschlossen wurden. Am Halse lief das Hemd in eine Art Umlegekragen aus, der aber nicht gesteift und gestärkt wurde. Auch am Halse war das Hemd durch weiße Bändchen geschlossen und es wurde in der Art der Schleifenbindung besondere Sorgfalt aufgewandt, wie auch ein gewisser Luxus bei der Auswahl des Stoffes für diese Krawatten ähnlichen Bändchen entfaltet wurde. Selbst ältere Herren aus vornehmen Häusern ließen eine leise Koketterie bei dem Schlingendieser Schleifen häufig erkennen. Erst später kamen breite, schwarze Halstücher auf. Aber in den Familien, die Gewicht auf die Tradition legten, waren diese Binden verfehmt, und daß sie als »goijisch« bezeichnet wurden, zeigt schon die starke Empfindlichkeit an, mit der selbst so kleine und doch eigentlich recht harmlose Abweichungen von der üblichen Tracht aufgenommen wurden.
Die Beinkleider reichten nur bis zum Knie und waren gleichfalls durch Bänder unten verschnürt. Die Strümpfe waren von weißer Farbe und ziemlich lang. Den Fuß bekleideten niedrige Lederschuhe, die aber keine Absätze hatten. Die Stelle des Rockes vertrat der lange Chalat — der aus kostbaren Wollstoffen bestand. Die niedere Klasse trug an Werktagen Kleider aus Demi-cotton, an Festtagen aus Rissel — einem billigen Wollstoff — , während sich die Armen im Sommer mit Nanking, einem Baumwollstoff mit schmalen, dunkelblauen Streifen, im Winter mit grauem, dickem Tuch bekleideten. Dieser Chalat war sehr lang und reichte fast bis auf die Erde. Allein der Anzug wäre nur unvollständig gewesen, wenn nicht über die Hüften ein Gürtel herumgeschlungen wäre. Auf diesen Gürtel wurde besondere Sorgfalt verwandt; galt er doch für die Erfüllung eines religionsgesetzlichen Gebotes. Er sollte sinnfällig den reinen Oberkörper von dem mehr unreinliche Funktionen ausübenden Unterkörper scheiden. Besonders am Sabbath und an den Feiertagen wurde mit dem Gürtel ein besonderer Luxus getrieben. Selbst Männer niedrigen Standes pflegten zur Weihe der Feste einen seidenen Gürtel zu wählen.
Die Kopfbedeckung der Armen war an Wochentagen eine Mütze, die an beiden Seiten Klappen hatte, die meistensaufgeschlagen waren, im Winter aber über die Ohren heruntergezogen werden konnten. An der Stirnpartie hatten diese Mützen ebenso wie an den Seitenflächen dreieckige Pelzflecke. Diese Mütze nannte man »Lappenmütze«. Ich weiß nicht, woher dieser Name stammt; vielleicht gaben die Ohrenklappen diese Bezeichnung, vielleicht aber hat auch die Ähnlichkeit mit der Kopfbedeckung der Lappländer diesen Namen gezeitigt. Unter dieser Mütze trug jeder Jude, welchen Standes oder Berufes er auch sein mochte, ein Sammetkäppchen, das eigentlich niemals vom Haupte verschwand, galt es doch fast als ein schweres Vergehen, b'kalaus rosch, mit entblößtem Haupte umherzugehen. Natürlich wurde dieses Käppchen vom Kopfe auch nicht entfernt, wenn man bei Nachbarn zu Gaste war.
Sommer und Winter trugen die Wohlhabenden eine Zobelmütze, die »Streimel« hieß. Sie war hoch, lief spitz aus und war eine, wenn nicht immer mit Zobel, so doch mit teuren Pelzstreifen besetzte Sammetmütze. Unter diesen Mützen lugten die Pejes hervor, breite Haarsträhnen, die sich fast bis unters Kinn hinschlängelten. Als besonders schön galten gekräuselte Pejes und es war ein edler Ehrgeiz, nicht nur der glücklichen Besitzer von lockigem Haar, sondern auch der Straffhaarigen, lieblich geringelte Pejes zu besitzen. Die Pejes waren direkt ein Requisit des denkenden Menschen. Eine ernsthafte Diskussion war gar nicht möglich, ohne daß die Männer mit dem Zeigefinger die Pejes drehten. Und nun gar beim Lernen des Talmuds war dieses Spiel eine fast automatische Beschäftigung. Man zog die besten Gedanken gewissermaßen aus den Pejes. Und ich habe so manches Mal die Empfindung gehabt, als habe das Talmudstudieren seine Intensität, seine logische Schärfe deswegen verloren, weildie Pejes dem grübelnden Forscher nicht mehr zur — Hand sind.
Es gab Leute, die mit besonderem Wohlgefallen sich möglichst lange, bis auf die Schultern reichende Pejes wachsen ließen. In unserer Stadt gab es einen großen Gelehrten, einen Iluj, der den ganzen Tag die T'fillim schel rosch trug, freilich bedeckt von den darüber gestrichenen langen Pejes. So ähnlich trägt auch Reb Jankew Meyer aus Minsk die Pejes über den T'fillim schel rosch, dieser fromme Mann, der fast wie ein Heiliger verehrt wird und dessen Gespräche nie enden, ohne daß er mahne: »Kinder, gibt Geld far orme Leut«.
Der lange Rock aus Seide, der Gürtel, die Pelzmütze und die berühmten Pejes mußten nun entfernt werden. Schwer fanden die Männer sich in ihr Schicksal. Sie hätten es vielleicht leichter getragen, wenn man ihnen wenigstens die Schläfenlocken gelassen hätte. Sie erst gaben den Juden — in der damaligen Auffassung — die Gottähnlichkeit. Nun war das Zelem elohim dem jüdischen Volk genommen.
An die Stelle der alten Tracht trat nun eine modische. Die Männer mußten einen schwarzen Rock tragen, der aber nur bis zu den Knien reichen durfte. An die Stelle der kurzen Kniehosen traten lange Beinkleider, die bis über die Stiefel fielen. Im Sommer mußten die Männer einen Hut tragen, im Winter eine Mütze. Sie war aus schwarzem Tuche plump gefertigt und hatte vorne einen Schirm. Man nannte sie Kartus. Die strengen Befehle der russischen Regierung galten freilich nur den Straßenkleidern. Bis ins Haus drang das Kleider-Reglement nicht. Und man wird ohne weiteres begreifen, daß sich es sehr, sehr viele Juden nicht nehmen ließen, daheim die Kleidung zu tragen, die ihnen allein gefiel — die alte Tracht. Auchwenn es dunkel war, sah man oft Juden umherlaufen wie einst.
Dagegen wurden, scheints, von den russischen Behörden keine Einwendungen erhoben. Bei der elenden Beleuchtung, die in jenen Zeiten die relativ kleinen Städtchen abends und nachts hatten, konnte ja die Tracht ohnehin nicht auffallen. Daß Ausnahmen von den allgemeinen Bestimmungen möglich waren, kann bei der damaligen Verwaltungstechnik durchaus nicht Wunder nehmen; konnte man sich doch durch eine bestimmte Abgabe für die Dauer von zwei Jahren die Beibehaltung der alten Tracht erkaufen!
Ebenso tiefgreifende Änderungen wie die Tracht der Männer erfuhr die Kleidung der Frauen. Und man kann wohl behaupten, ohne daß man dem Vorwurfe eines Lobredners der alten Zeit zu verfallen braucht, daß der Tausch nicht gerade ein günstiger war. Die Tracht der jüdischen Frauen in litauisch Rußland wies bis dahin bis in viele Einzelheiten hinein orientalischen Charakter auf. Sie war bunt und bei den Reichen sehr kostbar, es wurden recht große Summen auf kostbare Stoffe und künstlerisches Geschmeide verwandt. Das sehr lange Hemd war hoch geschlossen und aus feinstem Linnen gefertigt. Unterröcke und Beinkleider waren selbst den Frauen der vornehmsten Familien unbekannt. Die langen Strümpfe der heutigen Mode waren damals nicht üblich. Sie reichten nur bis zum Knie herauf. Ihre Farbe war immer weiß und bei den Damen der reicheren Familien waren durchbrochene Strümpfe beliebt. — Gummiband war damals noch garnicht im Gebrauch. Und so hielt man denn die Strümpfe durch breite Atlasbänder, die sich oft an mit Kreuzstichen bestickten Strumpfbändern befanden. Auch gestrickte und gehäkelte Strumpfbänder wurden vorn mit solchen Schleifen geschlossen. MechanischeVerschlüsse aus bronziertem Blech oder anderm Metall stellte die damals noch kaum entwickelte Eisenkurzwarenindustrie den Damen nicht zur Verfügung. — Die Schuhe hatten eine große Ähnlichkeit mit Sandalen. Sie waren sehr niedrig und hatten keine Absätze. Am Fuß wurden sie durch schmale, schwarze Bändchen festgehalten, die kreuzweis verschlungen, oft bis zu den Waden hinaufgeführt wurden. Diese Schuhe waren aus schwarzem Wollstoff oder Saffianleder gefertigt und wurden zu allen Jahreszeiten getragen. Von hohen Stiefelchen und Galoschen hatte damals niemand eine Ahnung. So sehr auch bis in alle Einzelheiten die Fußbekleidung der alten Zeit verschieden war von den Formen, die man in den nächsten achtzig Jahren im Gebrauch sah, so hatten sie doch eine prinzipielle Übereinstimmung. Die weibliche Natur konnte sich auch damals nicht verleugnen und, dem Charakter jener Tracht entsprechend, die mit ihrem Goldschmuck die Eitelkeit besonders betonte, wählte man die Sandalen sehr klein und sehr eng und manche Frauen hatten einen etwas trippelnden Gang.
Über dem Hemd trugen die Frauen ein Mieder aus Seide. Rosa und rot waren hierfür als Farben besonders beliebt. Vorne war das Mieder zum Schließen. Durch große silberne Ösen wurde ein breites, seidenes Band geführt mit Hilfe einer oft bis 8 cm langen silbernen Nadel, in die das Band endigte.
Die Obertaille war sehr kurz. An ihrem unteren Rande waren drei Rollen angenäht, die aus Watte bestanden, welche mit steifem Kattun überzogen war. Auf diesen Rollen ruhte der Rock. Ruhte ist eigentlich falsch gesagt: er war vielmehr von einer bösartigen Unruhe und hatte die natürliche Tendenz, von diesen Rollen herabzugleiten. Und so wie bei der heutigen Mode die Frauen vielfach gezwungen sind, an ihren Blusen herumzunesteln,so mühten sich die damaligen Jüdinnen ab, den Rock auf die Rollen zu ziehen. Und es war nichts seltenes, daß die Geplagten sich bei dem ununterbrochenen Zurechtschieben des Rockes die Finger wund rieben. Die Ärmel waren sehr eng und so lang, daß sie oft bis an die Finger reichten. Die ganze Obertaille war ringsum mit Pelzwerk eingefaßt und es war natürlich, daß mit diesem Pelzwerk ein besonderer Luxus getrieben wurde. Vornehme Frauen wählten immer Zobel. Die Halspartie war abgeschlossen durch einen Stehkragen, der auch im Sommer niemals fehlen durfte.
Diese Obertaille hatte ungefähr die Form der heutigen Figaro- oder Bolero-Jäckchen. Sie war vorn offen, so daß das Mieder so weit zu sehen war, als es nicht von dem Brusttuch verdeckt war. Als Stoff für diese Obertaille diente das Karpo-Voluska (Karpfenschuppen). Dieser Name war durchaus zutreffend. Es waren silberne, mattvergoldete Schüppchen so dicht nebeneinander befestigt, daß das Wollgewebe fast garnicht mehr zu sehen war. Heut sieht man derartige Stoffe eigentlich nur noch an Maskenkostümen.
Auf das Brusttuch wurde ganz besondere Sorgfalt verwandt. Man wählte dazu silber- und goldgestickte Stoffe, die eine echt orientalische Zeichnung hatten. Halbmonde waren eigentlich am beliebtesten.
Die obere Partie war mit weißen Spitzen bedeckt, die aus Frankreich bezogen wurden. Diese Blonden waren meist aus Flock- und Cordon-Seide und wiesen außerordentlich künstlerische Muster auf.
Einen ganz besonderen Schnitt hatte der Rock. Er war außerordentlich eng, kaum einen Schritt weit und natürlich immer fußfrei. Am meisten bevorzugt für diesen Rock wurdeder Atlas. In Zwischenräumen von etwa zwei Querfingern zogen sich Längsstreifen den Rock herab aus feinsten, golddurchwirkten Stoffen. Ich entsinne mich noch ganz genau des Kleides meiner Mutter. Da waren die Muster dieser Borte übereinandergereihte Ellipsen, die ein feines Blättchen einschlossen. Nur die vorderen Teile des Rockes waren nicht mit diesen kostbaren Goldborten versehen, soweit sie von der Schürze überdeckt waren. Die Schürze war ein unbedingtes Erfordernis für ein vollständiges Kostüm. Sie wurde auch auf der Straße und selbstverständlich bei allen Festlichkeiten getragen. Sie war lang und reichte bis zum Saum des Rockes. Die wohlhabenden Frauen verwandten bunten Seidenstoff oder einen weißen, kostbaren Battist, der mit Samtblumen und künstlerisch feinen Mustern und Goldfäden bestickt war. (Die Ärmeren begnügten sich mit Wollstoffen oder farbigen Kattunen.) Den Stoff des Rockes mit seiner Abwechslung zwischen bestickten Längsstreifen und Atlasstreifen nannte man ganz allgemein in Littauen »Güldengestick«.
Über diesem Anzug wurde eine Art Mantel getragen, die Katinka. Die Ärmel dieses Kleidungsstückes hatten eine weite Glockenform. Sie waren oben bauschig und unten schmal. Diese Katinka war sehr lang und hatte vorn ganz glatte Breiten. Der Rücken war in der Taille anschließend. Als Stoff wurde meistens Atlas verwandt, und da es sich bei der Katinka meist um ein Kleidungsstück für die kältere Jahreszeit handelte, war sie wattiert und mit Wollstoff gefüttert. Reichere Damen ließen sie mit Atlas füttern. Und ich entsinne mich noch, daß meine Mutter, die besonderen Wert auf sorgsame Kleidung legte, eine mit blauem Atlas gefütterte Katinka trug.
Dieser Mantel wurde aber nur selten wie ein Überziehergetragen. Wahrscheinlich, weil er den besonders kostbaren Anzug verdeckte und nicht zur Geltung brachte. So war es üblich, den Mantel einfach über die Schultern zu werfen, so daß die Ärmel auf dem Rücken herunterhingen. Manche Frauen, besonders die Gabbetes, diese Helferinnen der Armen, pflegten nur einen Ärmel überzuziehen, den andern aber über die Schulter fallen zu lassen. Wir würden das heute als recht leger und einer vornehmen Dame unwürdig bezeichnen. Damals galt es aber als standesgemäß. So ändern sich eben die Zeiten und so wandelt sich der Geschmack.
Weitaus die größte Aufmerksamkeit verwandten Reiche und Arme auf den Kopfputz. Bei den Reichen stellte er sogar eines der wesentlichsten Vermögensstücke dar. Dieser Kopfputz bestand aus einer schwarzen Sammetbinde, die dem Kokoschnik der Russinnen sehr ähnlich sah. Der Rand war in grotesken Formen ausgezackt und mit großen Perlen und Brillantsteinen reich besetzt. Dieser Kopfputz wurde oberhalb der Stirn getragen. Den Hinterkopf bedeckte eine glatt anliegende Haube, die man Kopke hieß. In der Mitte dieser Kopke war eine Schleife aus Tüllband und Blumen befestigt. Über den Nacken zog sich von einem Ohre bis zum andern eine Spitzenkrause, an der in der Nähe der Augen, an den Schläfen kleine Brillantohrringe angebracht waren. Natürlich fehlten auch Ohrringe nicht, und es war bei den vornehmen Frauen üblich, sehr große Brillanten in den Ohren zu tragen. Die hübschen Frauen sahen außerordentlich vorteilhaft in diesem Schmuck aus, aber man muß auch gestehen, daß die — sagen wir: weniger hübschen durch den Kopfputz recht schmuck erschienen. Diese kostbare Binde bildete einen Hauptbestandteil der Ausstattung einer Frau. Und man konnte niemals eine Frau ohne diesen Zierrat sehen.