Ärgerlich lehnte sich der General in die Kissen zurück, und fuhr erstaunt auf, als das Auto mit einem plötzlichen Ruck mitten auf der Landstraße hielt. Eben wollte er den Chauffeur fragen, — da prasselten schon die ersten großen Tropfen auf sein Mützenschild. Es war dasselbe Gewitter, das, denen an der Front, eine kurze Feuerpause beschert hatte am Nachmittag.
Die beiden Unteroffiziere waren abgesprungen und spannten mit raschen Griffen das Dach über den Wagen. Der Excellenzherr hatte sich aufgerichtet, hielt ein Ohr in den Wind und lauschte gespannt. In das Brausen mischte sich ganz deutlich, aber ganz — ganz leise, ein dumpfes Brummen, ein hohles, kaum hörbares Pochen, wie das ferne Echo der Holzfäller im Wald.
Das Trommelfeuer! . . . .
Die Augen der Excellenz leuchteten auf, über das eben noch verärgerte Gesicht huschte ein Schein innerer Befriedigung.
Gott sei Dank! Noch gab es Krieg.
— Ein Tagebuch —
Auch mir hat der Weltkrieg einen Kameraden beschert. Einen bessern findst du nit.
Es sind nun genau vierzehn Monate her, daß ich in einem Wäldchen, hart an der Görzer Straße, seine Bekanntschaft gemacht. Für keinen Augenblick ist er seither von meiner Seite gewichen! Viele hundert Nächte haben wir schon zusammen durchwacht und immer noch marschiert er unentwegt neben mir her, wie’s im Liede heißt: in gleichem Schritt und Tritt.
Nicht daß er etwa zudringlich wäre! Im Gegenteil. Die Distanz, die ihn, als Gemeinen, von dem Offizier trennt, den er in mir verehren muß, hält er gewissenhaft inne. Stets bleibt er mir drei Schritt vom Leibe, genau nach dem Reglement. Respektvoll in eine Ecke, oder hinter eine Säule gepreßt, ist es nur sein Blick, den er mir schüchtern nachzuschicken wagt.
Er will eben nur zugegen sein. Verlangt nicht mehr, als daß ich ihn in meiner Nähe dulde; — immer und überall! Wenn ich zuweilen die Augen schließe, um wieder einmal allein zu sein, für einige Minuten nur ganz allein mit mir selbst, wie früher, vor dem Kriege, dann fixiert er mich aus seiner Ecke, mit einer zähen, vorwurfsvollen Beharrlichkeit so fest und durchdringend, daß sein Blick mich im Rücken brennt, sich unter meinen Augenlidern einnistet, mich so sehr mit seinem Bilde durchtränkt, daß ich mich fragend nach ihm umschaue, wenn er mich eine Weile nicht an seine Anwesenheit gemahnt.
Er hat sich in mich hineingefressen, sich häuslich in mir niedergelassen; er sitzt in mir, wie der geheimnisvolle Zauberer der Lichtspieltheater in dem schwarzen Kasten, über den Köpfen der Zuschauer an der Kurbel hockt, und wirft sein Bild, durch meine Augen, auf jede Mauer, jeden Vorhang, jede Fläche, die meine Blicke auffängt.
Aber auch wo kein Hintergrund für sein Bild sich findet, auch wenn ich aus dem Fenster krampfhaft in die Ferne starre, um ihn los zu werden für kurze Zeit, — auch dann ist er da, schwebt vor mir her, als wäre sein Bild auf die unsichtbare Stange meiner Blicke gespießt, wie eine Kirchenfahne, schwankend vor der Prozession. Gäbe es X-Strahlen, die durch die Schädeldecke dringen, man fände sein Bild, leicht verschwommen, — wie die Figuren alter Gobelins — in mein Gehirn eingewoben.
Ich entsinne mich einer Reise in Friedenszeiten, von München nach Wien, im Orient Expreß, an der herbstlichen Milde der bayerischen Seen vorbei, — durch die goldene Glut des welkenden Wiener-Waldes. Und über all’ die Herrlichkeiten, die ich, bequem gelagert, in wollüstiger Zufriedenheit eingesogen, lief unentwegt ein häßlicher, schwarzer Punkt: eine Luftblase in der Fensterscheibe meines Abteils. So huscht auch mein hartnäckiger Kriegskamerad über Wälder und Mauern, bleibt stehen, wenn ich stehen bleibe, tanzt über das Gesicht eines Vorübergehenden, über den regenfeuchten Asphalt, über alles was mein Auge streift; schiebt sich zwischen mich und die Welt, wie jene Luftblase alles vor mir zu ihrem eigenen Hintergrunde degradierte.
Die Ärzte, freilich, wissen es anders. Sie glauben nicht, daßErin mir wohnt und mir die Treue hält. Wissenschaftlich betrachtet läge es nur an mir, Ihn nicht länger hinter mir herzuziehen, Ihm die Kameradschaft zu künden, so etwa, wie ich auf jener Reise, das Fenster mit der lästigen Blase zornig in die Tiefe gefeuert. Die Ärzte glauben’s nicht, daß ein Mensch sich dem andern im Tode vermählen, sein Leben im andern mit zäher Unerbittlichkeit weiter leben könne. Sie meinen: wer am Fenster steht, müsse das gegenüberliegende Haus sehen; niemals aber die Zimmerwand, die hinter seinem Rücken lauert.
Die Ärzte glauben nur an Dinge, die sind. Daß man Tote in sich tragen, vor sich hinzustellen vermag, so daß sie ein Bild verdecken, das hinter ihnen liegt, — solcher Aberglauben reicht an die Herren Ärzte nicht heran. In ihrem Leben spielt ja der Tod keine Rolle, denn ein Kranker, der stirbt, hört eben auf krank zu sein. Und was weiß der Tag von der Nacht, die ihn doch auch ewig ablöst?
Ich aber weiß, daß nicht ich den toten Kameraden gewaltsam durch mein Leben schleife. Ich weiß, daß der Tote stärker in mir lebt als ich selbst! Mag sein, daß Gestalten, die über Tapeten huschen, in Ecken kauern, vom finsteren Balkon aus ins erleuchtete Zimmer stieren und ans Fenster pochen, so laut, daß man die Scheibe klirren hört, — nur Visionen sind, und nichts weiter. Wo kommen sie her? . . . . .MeinHirn liefert das Bild,meineAugen besorgen die Projektion, — an der Kurbel aber sitzt der Tote! Er ist der Filmarrangeur; die Vorstellung beginnt, wenn’s Ihm so paßt und hört nicht auf, so lange Er die Kurbel dreht. Wie könnte ich nicht sehen, was Er mir zeigt? Schließe ich die Augen, so fällt das Bild eben auf die Innenwand meiner Augenlider, und das Drama spielt in mir, statt weit weg über Türe und Tapete zu tanzen.
Ich sollte der Stärkere sein, heißt es? Einen Toten kann man doch nicht umbringen, das sollten die Herren Ärzte doch wissen!
Hängen nicht die Bilder Titians und Michel-Angelos immer noch in den Museen, nach Jahrhunderten noch? Und die Bilder, die ein Sterbender mit der ungeheuerlichen Kraft seines letzten Ringens, vor vierzehn Monaten in mein Gehirn gemeißelt, sollten verschwinden, nur weil jener, der sie schuf, in seinem Soldatengrabe liegt? . . . . Wer sieht denn nicht, wenn er das Wort „Wald“ liest oder hört, irgendeinen Wald, den er irgendmal, irgendwo durchwandert, aus dem Kupeefenster oder auf der Bühne gesehen? Wem erscheint nicht, wenn er von seinem verstorbenen Vater spricht, das längst vermoderte Antlitz, bald streng, bald milde, bald in der steinernen Starrheit des letzten Abschieds? Was wäre unser ganzes Sein, ohne die Bilder, die — jedes auf sein Stichwort —, wie im Lichtkegel des Scheinwerfers, für Augenblicke aus der Vergessenheit steigen?
Krankheit? . . . . Gewiß! Die Welt ist wund, und duldet kein anderes Stichwort, kein Bild, das nicht den Massengräbern gilt. Für keinen Augenblick kann der Kamerad in mir zu den Toten sich legen, weil Alles, was geschieht, ein Blitzlicht ist, das ihn streift. Das erste Zeitungsblatt am Morgen: versenkte Schiffe, — abgeschlagene Angriffe. Und schon wirbelt der Film keuchende, ringende Menschen, — gekrümmte Finger, die aus Wellenbergen noch einmal nach dem Leben greifen, — von Tollwut und Schmerzen entstellte Gesichter durcheinander. Jedes Gespräch, das man erhascht, jedes Schaufenster, jeder Atemzug: ein Stichwort! Ein Stichwort auch der stille Frieden der Nacht! Oder tickt nicht jeder Sprung des Sekundenzeigers das letzte Röcheln von Tausenden? Genügt nicht das Wissen von abgerissenen Kinnbacken, durchschnittenen Kehlen, von ineinander verbissenen Leichen, um die Hölle zu hören, die jenseits der dicken Luftmauer tobt?
Wer da mit Sicherheit wüßte, daß im Nachbarhause eben einer gemordet wird, während er behaglich in den Kissen liegt, — und aufspränge mit fliegenden Pulsen, wäre krank? Kann man denn anders als benachbart sein mit den Orten, wo Tausende in rasender Not sich ducken, die Erde zerfetzte Glieder in den Himmel speit und der Himmel mit eisernen Fäusten auf die Erde hämmert? Kann man wirklich entfernt leben von seinem eigenen, gekreuzigten Ich, wenn die ganze Welt von Stichworten widerhallt? . . . .
Nein!
Krank sind die andern. Krank sind jene, die mit strahlenden Augen Siegesnachrichten lesen und eroberte Quadratkilometer leuchtend über Leichenberge aufsteigen sehen, jene, die zwischen sich und ihre Menschlichkeit eine Wand aus buntem Fahnentuch gespannt, um nicht zu wissen, was in dem Jenseits, das sie„Die Front“nennen, an ihresgleichen verbrochen wird. Krank ist jeder, der noch denken, sprechen, streiten, schlafen kann, wissend daß andere, mit den eigenen Eingeweiden in den Händen, wie halbzertretene Würmer über Ackerschollen kriechen, um auf halbem Wege zum Verbandplatz, wie ein Tier zu verenden, während weit, irgendwo, ein Weib mit heißem Leibe neben einem leeren Bette träumt. Krank sind alle, die das Stöhnen, Knirschen, Heulen, Krachen, Bersten, — das Jammern, Fluchen und Verrecken überhören können, weil rings um sie der Alltag murmelt, oder selige Nachtruhe liegt.
Krank sind die Tauben und Blinden, nicht ich!
Krank sind die Stumpfen, deren Seele nicht Mitleid und nicht den eigenen Zorn singt; sind die vielen, die, wie ein saitenloser Geigenkasten, nur Echo sind jedem Dröhnen. Oder ist etwa der Gedächtnisschwache, der wie eine überlichtete Platte, kein Bild mehr aufnimmt, — dergesundeMensch? . . . . Ist nicht gerade Erinnerung der höchste Inhalt jedes Menschendaseins? Der Reichtum, den nur Tiere nicht kennen, weil sie Geschehenes nicht in sich weitertragen, nicht neu aus sich erstehen lassen können.
Soll ich von meinem Gedächtnis geheilt werden, wie von einem Leiden? Und wäre doch ohne mein Gedächtnis nicht mehr ich selbst, weil jeder Mensch aus seinen Erinnerungen gebaut ist und nur lebt, solange er wie eine geladene Kamera durchs Leben geht. Könnte ich nicht sagen: wo ich meine Jugend verlebt, wie die Haarfarbe meines Vaters, die Augen meiner Mutter gewesen; — könnte ich nicht, um Rede zu stehen, jeden Augenblick mein Gedächtnis durchblättern und das betreffende Bild aufschlagen, — wie schnell wäre die Diagnose: „senil“ oder „schwachsinnig“ bei der Hand! Ja, muß man denn, um als „geistig normal“ zu gelten, sein Gehirn wie Schwamm und Schiefertafel handhaben, Bilder, die gräßlichste Not in die Seele gebrannt, auf Kommando wegwerfen können, wie man Seiten aus einem Photographiealbum reißt? . . .
Einer ist vor meinen Augen gestorben; schwer und hart; nach grausamem Kampfe entzweigerissen von den Titanen: Leben und Tod. Und weil ich alle Phasen seines Ringens, — wie Momentaufnahmen in meinem Gehirn aufbewahrt, — neu erleben muß, so lange alles Geschehen unerbittlich diese Serie aufschlägt, wäre ich krank? . . . . Ich krank? — Und die anderen, die über das Zerfetzen, Zerfleischen, Zerstampfen ihrer Brüder, — über das langsame Verzappeln von Menschen im Stacheldrahte hinwegblättern können, wie über weiße Seiten,diesind gesund? . . . .
Ja, wo soll ich denn mit dem Vergessen anfangen, meine Herrn Doktoren?
Soll ich vergessen, daß ich im Kriege gewesen? Vergessen den Augenblick, da, in der verrauchten Bahnhofshalle, käseweiß, mit zusammengekniffenen Lippen, mein Junge neben seiner Mutter stand, und ich aus dem Waggonfenster, mit schlecht gemimter Heiterkeit, von Wiedersehen schwätzte, während meine Augen gierig die Gesichtszüge von Frau und Kind durchwühlten, ich ihr Bild in meine Seele einsog, wie nach tagelangen Märschen die brennende Kehle das rasend ersehnte Wasser schlürft? Vergessen das gallenbittere Würgen, als der Bahnhofsrachen langsam zuschnappte und Kind, Weib und Welt verschlang?
Soll ich die ganze Fahrt in den Tod, als Einzelreisender in einem Zuge, überfüllt mit Familienvätern, die über Sonntag in die Sommerfrische fuhren, mir aus der Erinnerung reißen, wie einen lästigen Wisch? Soll ich vergessen, wie mir’s war, als es mit jeder Station stiller um mich wurde, gleichsam das Leben von mir abbröckelte; bis, gegen Mitternacht, nur mehr ein — zwei schlafende Soldaten im Abteil saßen und ein käseweißes, schmerzverzerrtes Kindergesicht um das flackernde Öllicht schwebte? Muß man wirklich krank sein, um diesen Abschied von Heim und Wärme, dieses Losfahren, mit Haß und Gefahr als Reiseziel, wie einen unheilbaren Riß in sich zu tragen? Was wäre schwerer zu fassen, wann hätten Menschen je Rasenderes getan, als dieses: mit 6o Kilometer Geschwindigkeit durch die Nacht fahren, allem Lieben, aller Sicherheit entfliehen, den Zug verlassen und in einen andern steigen, weil dieser, und nurdieser, dorthin fährt, wo unsichtbare Maschinen glühende Eisenstücke schleudern, der Tod ein engmaschiges Netz aus Stahl und Blei zum Fang auswirft? Wer reißt mir das Bild der kleinen, schmutzigen Station, der fröstelnden, schlaftrunkenen Soldaten, die ohne Rausch, ohne Musik im Blute, dem Zivilistenzuge nachblickten, wie er sich mit hellen Fenstern, fröhlich pfeifend, in die Büsche schlug; wer reißt mir dieses Umsteigen in den Tod, im fahlen Zwielicht, jemals wieder aus der Seele?
Und wenn ich diese erste, endlose Nacht auch durchstreichen könnte, wie eine erledigte Angelegenheit; — bliebe mir nicht doch der Morgen, da der Zug, auf freier Strecke, mitten in einer weiten taufrischen Wiese, vor einer Weiche hielt und den Neugierigen der Bescheid ward, daß wir Lazarettzüge passieren lassen müßten? Wie soll ich sie je verscheuchen, die Erinnerung an die Wolke von Lysol und Blutgeruch, von Drachennüstern auf die fröhliche Wiese geblasen? Werde ich nicht ewig die endlosen Schlangen sehen, wie sie so träge herankrochen, als wären sie übersättigt mit zersetztem Menschenfleisch? Aus hundert Fenstern blitzten weiße Verbände, stierten verglaste, stumpfe Augen; liegend, hockend, aufeinander gepfercht, Leib an Leib, hingen sie, wie blutige Dolden, noch auf den Trittbrettern, als überquellender Reichtum an Schmerz und Not. Und diese jämmerlichen Reste von Kraft und Jugend, diese geschundenen, zertrümmerten Menschen sahenmitleidig, jawohl: mitleidig! auf unseren Zug. Bin ich wirklich krank, weil mir diese Blicke warmen Mitgefühls, von blutenden Krüppeln auf gesunde, stramme Burschen geworfen, unauslöschlich auf der Seele brennen? Und diese Ahnung, die damals fröstelnd den ganzen Zug durchlief, von einer Hölle, der man lieber in blutige Tücher gehüllt entflieht, als ihr unversehrt entgegen zu fahren, — dieser Schauder sollte zum Wissen, zum Erlebnis, zur Erinnerung geworden, einfach abzuschütteln sein, solange immer noch, Tag für Tag, solche Züge sich begegnen? . . . Ein hingeworfenes Wort über Truppenverschiebungen, jede Nachricht von neuen Kämpfen, läßt unfehlbar, wie das Anschlagen einer Taste einen bestimmten Ton erklingen macht, diese erste, leibhaftige Begegnung mit dem Kriege aus der Versenkung auftauchen, und ich sehe: auf dem freigewordenen Geleise, auf Steinen und Schwellen, die Blutstropfen im jungen Sommertag glitzern, als Wegweiser zur Front.
„Zur Front!“
Bin wirklich ich der Kranke, weil ich dies Wort nicht aussprechen oder niederschreiben kann, ohne daß inbrünstiger Haß mir die Zunge pelzig machte? Sind nicht die andern toll, die mit einem Gemisch von Andacht, romantischer Sehnsucht und scheuer Sympathie, wie hypnotisiert, auf diese Krüppel- und Leichenfabrik mit Maschinenbetrieb starren? Wär’s nicht klüger, mal diese andern auf ihren Geisteszustand zu untersuchen? Muß ich es den Herren Ärzten, die mich so mitleidig bewachen, verraten, daß ein paar Worte, die man wie tolle Hunde auf die Menschheit losgelassen, das ganze Unheil angerichtet haben?
„Front“ — „Feind“ — „Heldentod“ — „Sieg“ — mit hängender Zunge und rollenden Augen rasen die Köter durch die Welt. Millionen, die man vorsorglich gegen Typhus, Pocken und Cholera geimpft, hetzt ihr bis in Raserei! Millionen werden in Züge gepfercht, — hüben und drüben, — fahren singend einander entgegen, — und hacken, stechen, schießen aufeinander los, sprengen sich gegenseitig in die Luft, geben ihr Fleisch und ihre Knochen her für den blutigen Brei, aus dem der Friedenskuchen gebacken werden soll für jene Glücklichen, die ihre Kalbs- und Rindshäute gegen hundert Prozent Nutzen dem Vaterlande opfern, statt die eigene Haut auf den Markt zu tragen, für dreißig Heller täglich! . . . . . Man denke einmal: das Wort „Krieg“ wäre noch nicht erfunden; noch nicht durch tausendjährigen Gebrauch geheiligt, wie eine ungeheure Attrappe in raschelnde Buntheit gewickelt. Wer würde es wagen, das mangelnde Wort „Kriegserklärung“ durch folgende Rede zu ersetzen:
„Nach langen, fruchtlosen Verhandlungen ist unser Vertreter beim Nachbarstaate, heute von dort abgereist. Er hat aus dem Fenster seines Salonwagens zum letztenmal den Zylinder gelüftet vor den Herren, die ihm das Geleite gegeben, und wird ihnen nicht wieder freundlich lächelnd entgegentreten, eheihrnicht viele hunderttausend Männer des Nachbarstaates zu Leichen gemacht. Auf also! Hinein in eure Güterwagen für 6 Pferde oder 28 Mann! Fahrt ihnen entgegen, diesen anderen! Schlagt sie tot, sägt ihnen die Gurgeln ab, haust wie wilde Tiere in feuchten Erdhöhlen, verkommt, verwildert, verlaust, — bis wir den Zeitpunkt für gekommen erachten, uns wieder in den Salonwagen zu setzen, wieder die Zylinder zu lüften, um in prunkvollen Räumen, vornehm und manierlich über den Nutzen zu streiten, der unseren Fabrikherrn und Großkaufleuten aus dem Gemetzel zu erwachsen hat. Dann dürft ihr, soweit ihr noch nicht unter der Erde fault, oder als Bettler von Türe zu Türe humpelt, wieder nach Hause, zu euren halbverhungerten Familien, und dürft — nein: müßt! — mit doppeltem Eifer an die Arbeit, unermüdlicher und doch anspruchsloser als vorher, damit ihr die Schuhe, die ihr in hundert Todesmärschen zerfetzt, die Kleider, die an eurem Leibe verschimmelt, mit Schweiß und Entbehrung bezahlen könnt!“ . . . .
Ein Narr, wer mit solchen Worten um Gefolgschaft buhlte! UndkeineNarren die Opfer, die draußen frieren, hungern, töten, und sich töten lassen, nur weil sie glauben gelernt: dies ginge nicht anders, wenn der tolle Köter Krieg mal seine Ketten gesprengt und den Erdball gebissen?
Waren so die Kriege, die uns das Wort „Krieg“ überliefert? Waren „Krieg“ und „Beute“ nicht gegenseitig bedingt? Führte den Landsknecht nicht Hoffnung auf zügelloses Leben, — Hoffnung auf Weiber und Dukaten und goldgezäumte Hengste? Ist dieses Kauern in eiserner Zucht, dieses Kopfhinhalten, dieses passive Vabanque-spielen mit Ungeheuern, die aus blauer Ferne ihre Höllenkessel schleudern, — noch „Krieg“? Krieg war das Aufeinanderprallen der überschüssigen Kräfte, — der Raufbolde aller Nationen. Jugend, der das Städtchen zu klein, das Wams zu eng wurde, zog hinaus, vom Spiel der eigenen Muskeln berauscht. Und nun soll das gleiche Wort herhalten, wenn Männer, schon in Haus und Heim verankert, losgerissen, hinausgepeitscht, vor den Feind hingelegt werden, um in stumpfer Resignation, wehrlos, als Statisten auszuharren in diesem Duell der Munitionsindustrien? . . . .
Ist es erlaubt, das Wort „Krieg“ als Standarte zu mißbrauchen, wenn statt Mut und Kraft — Streukegel und Tragweite kämpfen, und der Fleiß von Weibern und Kindern im Granatendrehen? Wer wagt es: die Tyrannen finsterer Zeiten, die ohnmächtige Menschen vor Löwen und Tiger warfen, heute noch ohne Ehrfurcht zu nennen, wenn er sie an jenen mißt, die diesen Kampf zwischen Mensch und Maschine, wie ein Marionettenspiel am Telegraphendraht dirigieren, von der schönen Hoffnung beseelt, daß unser Vorrat an Menschenfleisch den Stahl und Eisenbestand der Gegner überdauern werde? — — —
Nein! Alle Worte, die geprägt waren, ehe dieses Schlachten begann, sind zu schön und zu ehrlich; wie das Wort „Front“, das ich hassen gelernt! Bietet man Geschützen, die hinter Bergen verkrochen, den Tod tagereisenweit über Land schicken, oder Sappen, die zehn Meter unter der Erde unsichtbar herankriechen die „Stirne“? Eine Kopfstation ist eure „Front“; ein zerschossenes Häuschen, hinter welchem die Schienen aufgerissen sind, weil die Züge da kehrt machen, ihre Ladung an frischen, braungebrannten Männern löschen, um sie nachher, wenn sie aus der Maschine kommen, mit blutigen Gliedern und grünspanüberzogenem Gesicht wieder aufzunehmen.
Als ich, gegen Abend, ausstieg an dieser Kopfstation, saß auf der Erde, gegen das Eisengitter der Perronsperre gelehnt, ein bärtiger Soldat, den rechten Arm in der Binde. Und als er mich blitzblank vorbeigehen sah, da streichelte er mit der linken Hand zärtlich seine zertrümmerte Rechte, warf mir einen häßlichen, gehässigen Blick ins Gesicht, und rief mit gefletschten Zähnen:
„Ja, ja, Herr Leutnant! Hier gibt’s an Menschensalat!“ . . . .
Sollt’ ich’s vergessen, dieses hämische Grinsen, das den schmerzumzuckten Mund in die Breite zog? Bin ich krank, weil ich das Wort „Front“ nicht mehr hören kann, ohne daß mir ein unvermeidliches Echo „Menschensalat“ in die Ohren krächzte? Oder sind doch die andern krank, wenn sie, statt „Menschensalat“ zu hören, gierig das feige Gewäsch jener zeitgenössischen Kriegsbarden verschlingen, die wie Weinreisende für die Marke „Weltkrieg“ emsig in Reklame machen, weil sie dafür, wie kommandierende Generäle, in Autos herumgondeln dürfen, statt, von einem Gefreiten beherrscht, in lehmigen Gräben dem Tode gegenüber zu liegen.
Gibt es wirklich Menschen aus Fleisch und Blut, die noch eine Zeitung in die Hand nehmen können, ohne daß ihnen der Schaum vor dem Mund stände? Kann man wirklich das Bild von angeschossenen Zweifüßlern, die unter strömendem Regen, auf einer schlammigen Wiese, langsam, stumpfsinnig verbluten, im Gehirn tragen, und doch ruhig die Schurkereien über lückenlosen Samariterdienst, federnde Krankenwagen und nobel tapezierte Schützengräben lesen, mit welchen diese Kerle sich militärfrei dichten?
Menschen kehren heim mit stillen, staunenden Augen, in denen der Tod sich noch spiegelt; gehen scheu, wie Traumwandler durch funkelnde Straßen. In ihren Ohren hallt noch das tierische Wutgeheul, das sie selbst in den Orkan des Trommelfeuers hineingebrüllt, um nicht bersten zu müssen vor innerer Not. Mit Grauen bepackt, wie ein Maultier, kommen sie an, den erstaunten Blick erstochener, erschlagener Feinde im Gewissen, — und wagen den Mund nicht zu öffnen, da alles ringsum, da Weib und Kind selbst, mit geschwätziger Neugier von Granaten, Gasbomben und Bajonettangriffen drehorgelt. So perlen die Urlaubstage an ihnen ab, und die Rückfahrt in den Tod ist Erlösung von der Scham: ein verkappter Feigling gewesen zu sein unter den Daheimgebliebenen, für die Sterben und Töten Gemeinplätze ohne Schauer geworden.
So mag’s denn so sein, meine Herren Doktoren! Es ist ehrenvoll, der Tobsucht bezichtigt zu werden diesen Hallunken gegenüber, die um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die Menschheit so herrlich abgehärtet, das Mitleiden abgeschafft und den Stolz auf fremdes Leid eingebürgert haben, statt, — als einzige Mittler zwischen Not und Macht, — das Gewissen der Welt zu wecken; statt mit einem Sprachrohr bewaffnet auf den belebtesten Plätzen so lange„Men-schen-sa-lat!“zu brüllen, bis allen, deren Väter, Männer, Brüder, Söhne zur Leichenfabrik gezogen, die Haare zu Berge stehen, und alle Kehlen der Welt ein Echo werden! . . . . .
Jetzt, — wenn Sie gerade in der Nähe wären, meine Herren Ärzte, — könnte ich Ihnen meinen Kameraden zeigen, zu leibhaftem Sein ins Zimmer gerufen von den Stichflammen des Hasses gegen Frontberichte und Hinterlandsgleichmut. Ich fühle ihn hinter meinem Rücken stehen; sein Gesicht aber liegt vor mir auf dem weißen Bogen, wie ein matter Wasserdruck, und meine Feder fliegt mit krampfhafter Eile, um wenigstens die Augen, die mich vorwurfsvoll anstarren, mit Buchstaben zu bedecken.
Groß, — auseinanderstrebend, — grauenhaft verzerrt hebt sich sein Antlitz, langsam anschwellend, aus dem Papier, wie das Bild des Erlösers aus dem Schweißtuche der Veronika.
Genau so sahen ihn, an jenem Hochsommermorgen, auch die drei Zeitungsschreiber am Waldrande liegen, und — wandten sich unwillig ab, mit einem fast militärisch exakten „kurz kehrt euch“. Mir galt ja ihr Besuch! Ich sollte ihnen Wagen und Pferde leihen, da das Auto, das sie mit Blitzesschnelle durch die Gefahrzone flitzen sollte, mit gebrochener Achse auf der Görzer Straße lag.
Liebenswürdige Herren waren’s, in märchenhaft geschwungenen Breaches-Hosen, mit Reisemützen, wie aus einem Sherlock-Holmes Film entwendet! Sie wollten Briefe mitnehmen, und Grüße ausrichten, fanden es entzückend bei mir, lachten aus voller Kehle über meine Matratze aus Weidenruten, — und wurden besonders dankbar, als der Wagen bereit stand, ehe das tägliche Bombardement der Italiener einsetzte.
Als sie aus dem Walde fuhren, mußten sie doch wieder an dem Manne vorbei, der mit seinem grausam entstellten Gesicht unbeweglich auf der Wiese kauerte. Aber sie sahen ihn wieder nicht! Wie auf Kommando warfen sie die Köpfe herum, beäugten die Zerstörungen, die ein Fliegerangriff tags vorher angerichtet, angeregt gestikulierend, als säßen sie bereits hinter den Spiegelscheiben eines Kaffeehauses.
Mein Atem ging kurz, als wäre ich ein ganzes Ende steil bergauf gerannt. Der Platz auf dem ich stand, kam mir plötzlich fremd und verändert vor. War das noch der gleiche Wald, in den oft krachend die Granaten schlugen, den die großen Caproniapparate mit weit gespannten Flügeln, wie Geier umkreisten, mit Bomben und Pfeilen durchsiebten, während das Abwehrfeuer der Maschinengewehre die Blätter wie Hagel peitschte? AusdiesemWalde fuhren drei Menschen gesund, unversehrt, mit fröhlichem Mützenschwenken? . . . . Wo war denn die Wand, die uns andere kauernd auszuhalten zwang unter den knickenden Ästen? . . . . Gab es da nicht ein Tor, das sich nur vor fahlen, eingefallenen Wangen, fieberglänzenden Augen, oder blutigen Gliedern auftat? . . . .
Glatt rollte der Wagen über die braungestampfte Wiese, und nur das leuchtende Rot Baedeckers fehlte, um das Bild einer Vergnügungsreise vollkommen zu machen.
Die fuhren heim!
Zu Frau und Kind vielleicht? . . . .
Ein schmerzvolles Ziehen und Zerren, als wäre der Blick an die Räder gebunden; — — dann schnellte der Körper, — wie losgerissen, — ins Leere zurück, und . . . . und in diesem Augenblicke, da die Seele, gleichsam aufgepflügt von dem davonfahrenden Wagen, klaffend und wehrlos war vor Sehnsucht, sprang jäh das Erlebnis mich an! Mit einem furchtbaren Satz, — mit einem einzigen Biß, — für’s ganze restliche Leben, unheilbar!.
Ahnungslos ging ich zu dem Verwundeten hin, dem die Drei so abweisend den Rücken gekehrt hatten, als gehörte er nicht auch zu dem interessanten Museum für Granattrichter, das sie neugierig durcheilten. Er kauerte neben dem schmutzigen, zerfetzten Fähnchen mit dem Rothenkreuz, den Kopf zwischen die hochgezogenen Knie gepreßt, und hörte mich nicht, hinter ihm lag der kreisrunde, kaffeebraune Fleck, der sich, wie eine Manege, aus der immer noch ein wenig grünschimmernden Wiese hob. Die Verwundeten, die tag-täglich bei Morgengrauen sich an dieser Stelle sammelten, um mit den Wagen, die uns Munition brachten, und für den Rückweg Verwundete luden, ins Feldspital gefahren zu werden, — hatten den Flecken aus der Wiese gewetzt, wie eine Lieblingsecke auf dem Familiensopha.
Wie viele hatte ich schon so kauern gesehen, zehn — zwölf Stunden lang oft, wenn die Wagen zu früh abgefahren, oder überfüllt, oder — nach heftigen Gefechten —, rückwärts, vor dem Munitionsdepot, Queue gestanden waren. Fröhliche Burschen mit zerschmetterten Armen oder Beinen, das Kriegswort„Tausendguldenschuß“auf den fahlen und doch lachenden Lippen, — neidvoll begafft von Leichtverletzten und den flackernden Augen der Typhuskranken, die alle gerne tausend Gulden und ein Glied dazugeopfert hätten, für die gleiche Gewißheit: nicht mehr wiederkehren zu müssen. Wie viele hatte ich sich wälzen, in die Erde beißen sehen vor Schmerz; — wie viele bei strömendem Regen, — halb schon begraben im aufgeweichten Lehm, — stöhnen und wimmern, mit aufgerissenem Leibe die Bora überbrüllen hören! . . . .
Doch dieser schien nur leicht am rechten Bein getroffen zu sein. Durch den flüchtigen Verband war das Blut an einer Stelle durchgesickert, und so bot ich ihm, außer Kognak und Zigaretten, auch mein Verbandpäckchen an. Aber er rührte sich nicht. Erst als ich ihm die Hand auf die Schulter legte, hob er den Kopf, — und das Gesicht, das er mir zeigte, warf mich zurück, wie ein Faustschlag vor die Brust.
Mund und Nase waren auseinandergegangen; wie überwuchernd krochen sie die rechte Wange hinauf, — die keine Wange mehr war. Ein Stück blaurotes Fleisch blähte sich da, überzogen von einer bis zum Platzen gespannten, von Straffheit hell glänzenden Haut! Eine exotische Frucht eher, als ein Menschenantlitz, war die ganze rechte Seite; während von links, aus fahler, zuckender Traurigkeit, ein banges, wehmütiges Auge zu mir emporblickte.
Wie ein Lasso schlang der jähe Schrecken sich mir um die Kehle!
Was war das? . . . . Solches Grauen hatte auch diese Wiese, dieser Warteraum zum Jenseits noch nicht gesehen. Selbst die schaurige Erinnerung an einen anderen, der wenige Tage vorher, genau an der gleichen Stelle, in den wie schöpfend zusammengefügten Händen behutsam die eigenen Gedärme gehalten hatte, — versank beim Anblick dieses Januskopfes, der links ganz Frieden, ganz milde Menschlichkeit; — rechts ganz Krieg, ganz verzerrtes, geblähtes Haßgebilde schien.
— Schrapnell? — . . . . stammelte ich schüchtern die einleitende Frage.
Die Antwort klang verworren. Nur daß sein rechtes Schienbein ein Dum-dumgeschoß zertrümmert hatte, konnte ich verstehen. Was aber murmelte er, so oft seine Hand bebend zur glühenden Backe griff, immer wieder von einerAngel? . . . .
Ich konnte ihn nicht verstehen, denn das Erlebte kochte noch so heftig in seinen Adern, daß er wie von gegenwärtigem Geschehen, wie zu einem Augenzeugen zu mir sprach. Sein Bauernsinn faßte es nicht, daß es Menschen geben könne, die von der ungeheuerlichen Not seiner letzten Stunden nichts gesehen und nichts gehört. So stieg, mehr erraten als erzählt, aus kurzen Sätzen, derben Flüchen, und gurgelndem Stöhnen, allmählich sein Schicksal.
Eine Nacht lang war er, nach abgeschlagenem Angriff auf den feindlichen Graben, mit seinem zerschmetterten Bein ohnmächtig vor dem eigenen Drahtverhau gelegen. Bei Morgengrauen dann warfen sie die Angel nach ihm. Die Angel, aus Eisenhaken und Seil konstruiert, um die Leichen von Freund und Feind in den Graben zu ziehen und verscharren zu können, ehe die Görzer Sonne ihre Arbeit begann. Mit diesem Haken, in hundert Leichen getaucht, hatte ihm ein Tölpel, — Gott verdamm ihn! — die Wange aufgerissen, ehe einer geübteren Hand der Fischzug gelang. Und nun wollte er — gehorsamst bittend —, bald ins Spital gebracht werden, denn es war ihm bange um — sein Bein, und vor einem Bettlerdasein als Krüppel.
Ich lief davon, wie gejagt, in weiten Sätzen, über Steine und Wurzeln hüpfend, quer durch den Wald, zur nächsten Kolonne. Umsonst! Im ganzen Walde war kein einziges Fuhrwerk aufzutreiben. Und ich hatte meinen letzten Wagen den drei Kerlen gegeben! . . . . . . .
Warum hatte ich sie nicht aufgefordert, den einzigen Verwundeten, der auf der Wiese lag, mitzunehmen, und im Vorbeifahren abzuliefern beim Feldspital? Warum hatten die drei nicht von selbst daran gedacht, ihre Menschenpflicht zu tun? Warum?! . . . . . .
Meine Fäuste ballten sich in ohnmächtiger Wut und ich ertappte mich bei einem Griff nach der Revolvertasche, als könnte ich jene Fröhlichen noch von ihrem Wagen schießen!
Atemlos, durchglüht vom langen Lauf, torkelte ich mit zitternden Knien den Weg zurück; geknickt, als schleppte ich auf den Schultern das zentnerschwere Bild von Menschen, die sportsmäßig auf Menschenaas angeln. Ein merkwürdiges, seit Jahrzehnten vergessenes Würgen und Kratzen stieg mir in die Kehle, als ich — zu meinem Lagerplatz zurückgekehrt, — dem leisen Wimmern des Hülflosen lauschen mußte.
Er war nun nicht mehr allein. Ein Häuflein von Leichtverwundeten hatte sich, — während meiner Abwesenheit, — zu ihm gesellt. Ich sah sie, — zwischen den Baumstämmen hindurchspähend, — im Kreise auf der Wiese hocken, während der Geangelte, von rasenden Schmerzen gepeinigt, das kranke Bein in der Hand, umherhüpfte, den Kopf von einer Schulter auf die andere werfend.
Gegen Mittag schickte ich meine Unteroffiziere auf die Suche, versprach ihnen fürstliche Belohnung für einen Wagen und lief, mit der Kognakflasche unter dem Arm, wieder auf die Wiese hinaus.
Jetzt tanzte er nicht mehr. Mitten im Kreise der andern lag er auf den Knien, den Leib vornüber gebeugt, und rollte den Kopf, wie einen fremden Gegenstand, hin und her auf der Erde. Als er plötzlich wieder hochschnellte, mit einem Wutgeheul, ging selbst durch die Reihe der Verwundeten, die, versunken ins eigne Leid, gleichgültig dagesessen waren, ein erschrockenes Murmeln.
Das war nichts Menschliches mehr! . . . . Die Haut, unfähig sich weiter zu dehnen, war geplatzt. Wie die Strahlen auf einem Kompaß liefen die breiten Spalten auseinander, und in der Mitte quoll glühend das rohe Fleisch hervor.
Und er schrie! . . . . Er hämmerte mit der Faust auf den riesigen, rötlich-blauen Klumpen los, bis er unter den Schlägen der eigenen Hand wehklagend wieder in die Knie fiel.
Es war schon finster als man ihn — endlich! auf einen Wagen lud. Und als langsam der Nachtnebel sein Gewebe durch den Wald zog und ich, in einen Berg von Decken gewickelt, als einziger noch wach lag im Gedränge der schwarzen Stämme, die zusammenrückten in der Finsternis; — da war er wieder zurück, stand, starr aufgerichtet im Mondlicht, und seine zermarterte, kürbisgroße Wange hob sich blauleuchtend aus dem schwarzen Schatten der Bäume. Wie ein Irrlicht flammte sie bald da, bald dort; — Nacht für Nacht; — leuchtete in jeden Traum hinein, daß ich die Augenlider mit den Fingern auseinanderspreizte, — bis mein Körper, nach zehn grauenvollen Nächten, zusammenbrach, und als ein heulender, zuckender Haufen eingeliefert wurde in das gleiche Feldspital, in welchem Er seinem verpesteten Blute erlegen war.
Und nun bin ich toll! Schwarz auf weiß steht es auf der Kopftafel meines Bettes zu lesen. Man klopft mich besänftigend ab, wie ein scheues Pferd, wenn ich aufbegehre und hinausverlange aus diesem Hause, das dieandereneinfangen sollte.
Aber die anderen sind frei! Aus meinem Fenster sehe ich über die Gartenmauer auf die Straße hinab, und sehe sie eilen, die Hüte lüften, sich die Hände schütteln, sich zusammenrotten vor dem Tagesbericht. Ich sehe Frauen und Mädchen, kokett geputzt, stolz leuchtend neben Männern trippeln, die ein Kreuz auf der Brust als Mörder zeichnet. Ich sehe Witwen, in wallenden Schleiern, immer noch geduldig; sehe junge Burschen, mit Blumen auf dem Helm, aufbruchbereit. Keiner muckt auf! Keiner sieht in finsteren Ecken zerschundene, zersetzte, geangelte Menschen lauern, mit aufgerissenem Leib, oder blauleuchtender Wange.
Sie laufen unter meinem Fenster vorbei, gestikulierend, begeistert; — weil die Worte der Begeisterung täglich frisch geprägt aus der Münze kommen, und jeder einzelne sich geborgen und von Zustimmung umrauscht fühlt, wenn sie ihm hell von den Lippen klingen. Ich weiß, daß sie schweigen, auch wenn sie sprechen, schreien, aufheulen möchten; daß sie auf „Drückeberger“ pirschen und kein Schimpfwort haben für jene tausendmal ärgeren Feiglinge, die von keinem Schlagworte berauscht, die ganze Sinnlosigkeit dieses Hinmordens von Millionen klar erkannt im Bewußtsein tragen, und dennoch den Mund nicht auftun, aus Angst vor einem Verweis der Gedankenlosen.
Ich sehe, von meinem Fenster aus, den ganzen Erdball wie einen tollgewordenen Kreisel tanzen, von stolzen Herren in schlauer Berechnung, von seilen Dienern in schleichender Ergebenheit gepeitscht.
Ich sehe die ganze Meute! Die Schreier, die zu hohl und zu träge um das eigene Ich zu formen, sich blähen wollen im gleißenden Lob, das ihrer Herde gilt. Die Schurken, die von der Menge geschirmt, getragen, genährt, scheinheilig zu einem selbsterdachten Popanz emporblicken und ihn Millionen Braven ins Gewissen hämmern, bis die Masse geschmiedet ist, die nicht Herz noch Hirn, nur Wut und blinden Glauben noch hat. Ich sehe das ganze Spiel, das in Blut und Schmerzen weiter rast, sehe die Zuschauer gleichgültig vorbeiwandern und heiße ein Narr, wenn ich das Fenster aufreiße, um hinunterzuschreien, daß die Kinder, die sie getragen und gehegt, — die Männer die sie geliebt haben, mit angstvoll rückwärts gewandten Augen wie Vieh geschlachtet, wie Wild gejagt werden!
Diese Narren da unten, die für respektsvolle Kondolenzbesuche, anerkennenden Augenaufschlag, Glanz und Wärme ihres Lebens opfern, — ihr Fleisch und Blut in den Stacheldraht werfen, — als Aas auf dem Felde faulen und angeln lassen, ohne anderen Trost als den: dem „Feinde“ das Gleiche angetan zu haben; — diese Narren bleiben frei, und dürfen mit ihrer armseligen Eitelkeit und lästerlichen Geduld täglich neue Hekatomben vor die Kanonen hinausschieben! Ich aber muß ohnmächtig hier sitzen, — allein mit dem unerbittlichen Kameraden, den mir mein Gewissen täglich neu gebärt.
Ich stehe am Fenster — und zwischen mir und der Straße liegen hochgeschichtet die Leiber der Vielen, die ich bluten gesehen. Machtlos stehe ich da, — denn der Revolver, den man mir gegeben, damit ich heimwehgeplagte arme Teufel, die eisernes Muß in andersfarbige Uniformen gesteckt, über den Haufen knalle, — wurde mir hier abgenommen, aus Angst: ich könnte einige Massenmörder aufstöbern in ihrer Sicherheit und als warnendes Exempel zu ihren Opfern schicken.
So muß ich hier harren, als Seher über den Blinden, — hinter meinen Gitterstäben; und kann nichts weiter tun, als diese Blätter dem Winde übergeben, — Tag für Tag von neuem niederschreiben und immer wieder hinausstreuen auf die Straße.
Unermüdlich will ich schreiben. Die ganze Welt übersäen! Bis in allen Herzen der Samen aufgeht, bis in allen Schlafstuben — gespenstisch blau — ein lieber Toter seine Wunden zeigt; und endlich, — endlich, als herrliches Erlösungslied der Welt, der millionenstimmige Wutschrei:„Men-schen-sa-lat!“unter meinem Fenster erklingt.
Der Herr Stabsarzt hatte nicht verstanden. Er schüttelte ärgerlich den Kopf und sah, über den Kneiferrand, fragend auf seinen Assistenten hinab.
Der blonde Oberarzt schwieg schüchtern und stramm, denn er hatte auch nicht verstanden.
Nur der Bursche, am Fußende des Bettes, schien immer noch einigen Kontakt zu haben mit den Wahnvorstellungen seines Herrn, denn auf den Spitzen seines aufgewichsten Schnurrbartes glitzerten, wie aufgespießt, zwei Tränentropfen. Aber der Bursche sprach nur ungarisch, und so ließ ihn der Herr Stabsarzt mit einem halblauten „dummes Luder“, neben dem Bett stehen und schob sich, gefolgt von der semmelblonden Schüchternheit, schwitzend und pustend in der Richtung des Operationszimmers weiter.
Die ungeheuerliche Wattekugel, die, laut der Tafel über dem Bette, den Kopf des Oberleutnants der Reserve Otto Kadar vom Feldartillerieregiment No . . . . in ihrem Innern barg, sank, als die Ärzte gegangen waren, auf die Kissen zurück. Miska setzte sich wieder auf seinen Rucksack, schnupfte die Tränen hoch und dachte, den Kopf zwischen die großen, ungewaschenen Hände gepreßt, verzweifelt über seine Zukunft nach. Denn, daß es mit dem Herrn Oberleutnant nicht mehr lange dauern könne, darüber war er sich im klaren. Er wußte ja, was unter der riesigen Wattekugel verborgen lag; hatte die zertrümmerte Schädeldecke gesehen, und das fürchterliche graue Gekröse unter den blutigen Splittern: das Gehirn des armen Herrn Oberleutnant, der so ein gar guter Mensch und Vorgesetzter gewesen. Ein zweites Mal durfte er auf so ein Mordsglück nicht hoffen. Ein zweites Mal gab es solch einen seelenguten Herrn überhaupt nicht mehr! Die vielen, vielen Scheiben Salami, die ihm der Herr Oberleutnant von seinem eigenen Vorrat immer geschenkt, — die sanften, warmen Worte, die er ihn hatte jedem Verwundeten zuflüstern hören, — alle Erinnerungen der langen, blutigen Zeit, die er, fast als Kamerad, an der Seite seines Herrn stumpfsinnig durchgelitten hatte, stiegen jetzt in ihm auf. Er tat sich ganz furchtbar leid, der gute Miska, in seiner grenzenlosen Wehrlosigkeit gegenüber der großen Kriegsmaschine, in die er nun irgendwo von neuem hineingeworfen werden sollte, ohne der sicheren Stütze des guten Herrn Oberleutnant an seiner Seite.
So kauerte er, den breiten Bauernschädel zwischen den Fäusten, wie ein Hund, zu Füßen seines sterbenden Herrn, und auf den Spitzen seines, mit Staub und Pomade festgekleisterten Schnurrbarts, spießten sich in sanfter Folge die herabrollenden Tränen auf.
Ganz klar war es ja Miska auch nicht, warum der arme Herr Oberleutnant immer wieder so furchtbar nach seinem Grammophon schrie. Er wußte nur, daß die Herren im Unterstand gesessen, und sich vom Grammophon den Rakoczymarsch hatten vorspielen lassen, als plötzlich die verdammte Granate heranpfiff und dann alles in Rauch und Erde verschwand. Ihm selbst war ja auch Hören und Sehen vergangen, denn ein losgerissenes Brett hatte ihn, wie vom Himmel kommend, über den Rücken geschlagen, daß er hinfiel und eine Ewigkeit nicht Atem holen konnte.
Dann . . . . dann, erinnerte sich Miska nur mehr, ganz unklar, an einen unerhörten Haufen von zerhackten Brettern, eingestürzten Balken, an einen Brei aus Sackfetzen, Beton, Erde, menschlichen Gliedern und viel Blut! . . . . und . . . . an den Herrn Kadetten Meltzar, der immer noch aufrecht dasaß, den Rücken gegen die Reste der Seitenwand gelehnt, mit der Grammophonplatte, die eben noch den Rakoczymarsch gespielt hatte und die, wie durch ein Wunder, ganz geblieben war, an der Stelle, wo eigentlich sein Kopf hingehörte. Aber der Kopf war nicht da. Der Kopf war weg, ganz weg, nur die schwarze Grammophonplatte stand, auch an die Wand gelehnt, direkt auf dem blutigen Kragen. Das war schauderhaft gewesen! Kein Soldat hatte Hand anlegen wollen an den sitzenden Körper, mit der Platte, die genau wie ein Kopf auf dem Halse oben saß. Brr! . . . . Miska fühlte, wie’s ihm kalt über den Rücken lief bei der Erinnerung, und das Herz blieb ihm stehen vor Schrecken, als just in diesem Augenblick der Herr Oberleutnant wieder zu schreien anfing:
— Grammophon! nur Grammophon! — . . . .
Miska sprang auf, sah die große Wattekugel sich mühselig von den Kissen lösen, sah das einzige Auge, das seinem Herrn geblieben war, gierig auf ein unsichtbares Etwas geheftet, und stand beschämt da, wie ein Schuldiger, als ihm aus allen benachbarten Betten unwillige Blicke zuflogen.
— Das ist ja nicht zum aushalten! — schrie ein schwerverwundeter Major vom anderen Ende des langen Korridors, — tragen Sie den Menschen doch weg! —
Aber der Major sprach deutsch, und so stand Miska erst recht ratlos da, wischte sich den Angstschweiß von der Stirne und meldete, — da ihn sein Herr ja doch nicht hören konnte, — einem nebenan liegenden Leutnant, daß das Grammophon kaput gegangen sei, in tausend Stücke kaput, sonst hätte er, Miska, es gewiß nicht liegen lassen, sondern mitgebracht, wie alles, was von den Sachen des Herrn Oberleutnant noch irgend aufzufinden gewesen.
Niemand gab ihm Antwort. Den ganzen langen Korridor entlang hatten die Herren Offiziere, wie auf Kommando, die Köpfe unter die Kissen gesteckt, die Decken über die Ohren gezogen; der alte Major wickelte sich sogar seinen blutigen Mantel wie einen Turban um, bloß um das fürchterliche, glucksende Lachen, das bald in Heulen, bald in wütende Schreie nach dem Grammophon überging, nicht zu hören.
— Herr Oberleutnant! . . . . Bitt’ gehorsamst Herr Oberleutnant — . . . . bettelte Miska, und strich mit seinen großen, harten Pratzen ganz — ganz leise über die zuckenden Kniee seines Herrn.
Aber Herr Oberleutnant Kadar hörte ihn nicht. Fühlte auch die schwere Hand nicht, die auf seinen Knieen lag. Denn ihm gegenüber saß immer noch der Kadett Meltzar, auf dem Halse einen flachen, schwarzen, runden Kopf, in welchen der Rakoczymarsch spiralförmig eingezeichnet war. Nun wurde es dem Oberleutnant auf einmal sonnenklar, daß er dem armen Meltzar bitter Unrecht getan hatte, sechs Monate lang! Was konnte denn der arme Teufel für seine Dummheit, für die abgeschmackten patriotischen Floskeln? Wie hätte er mit einer Grammophonplatte als Kopf vernünftig denken können? . . . . Der arme Meltzar! . . . . Oberleutnant Kadar konnte einfach nicht begreifen, es schien ihm unfaßbar, daß er nicht vor sechs Monaten schon, gleich als Kadett Meltzar seine Einrückung zur Batterie meldete, dahinter gekommen war, was man dem guten Jungen im Hinterlande angetan hatte! . . . .
Man hatte ihm den Kopf vertauscht! Den hübschen, blonden, achtzehnjährigen Kopf abgeschraubt und mit einer zerkritzelten schwarzen Scheibe ersetzt, die nichts konnte als den Rakoczymarsch krächzen, — das war ja jetzt erwiesen. Wie mußte der arme Junge gelitten haben, als ihm sein zwanzig Jahre älterer Oberleutnant immer wieder lange Vorträge hielt über Menschlichkeit! Mit der flachen, runden Scheibe, die man ihm aufgesetzt, konnte er es natürlich nicht begreifen, daß die italienischen Soldaten, die zerfetzt und blutig an der Batterie vorbei geführt wurden, auch viel lieber zuhause geblieben wären, wenn nicht ein Plakat an einer Straßenecke sie genau so gezwungen hätte alles stehen und liegen zu lassen, wie die Mobilmachung in Ungarn die ungarischen Kanoniere.
Jetzt erst begriff Oberleutnant Kadar den unbändigen Trotz seines Kadetten. Nun verstand er erst, warum der Junge, der ja sein Sohn hätte sein können, die schönsten, klügsten Reden und Erklärungen stumm hatte über sich ergehen lassen, um zum Schluß mit zusammengebissenen Zähnen den Rakoczymarsch zu pfeifen, und immer wieder knirschend den stereotypen Satz zu murmeln:
„Totschlagen soll man die Hunde!“
Also nicht weil er so jung und dumm gewesen! Nicht weil er, vom Hofe der Kadettenschule, schnurstracks ins Feld gekommen war. Die Grammophonplatte hatte die Schuld. Die Grammophonplatte!
Oberleutnant Kadar fühlte die Adern wie Stricke anschwellen, das Blut wie mit Hammerschlägen gegen die Schläfen pochen, so unbändig war seine Wut gegen die Missetäter, die dem armen Meltzar den lieben Jungenkopf, den er früher auf dem Halse getragen, heimtückischer Weise abgeschraubt hatten.
Und . . . . das war das gräßlichste an der Sache: er sah, wenn er jetzt an seine Untergebenen und Offizierskameraden zurückdachte, alle genau wie den armen Meltzar, ohne Kopf umherlaufen! Er preßte die Augen zusammen, wollte sich die Gesichtszüge seiner Kanoniere wieder ins Gedächtnis rufen, . . . . umsonst! Kein einziges Gesicht tauchte in seiner Erinnerung auf. Monate und Monate hatte er im Kreise derselben Menschen verbracht, — und kam jetzt erst dahinter, daß keiner von allen einen Kopf auf dem Halse getragen! Sonst hätte er sich doch entsinnen müssen, ob sein Feuerwerker einen Schnurrbart gehabt hatte; ob der Geschützführer vom ersten Geschütz blond oder brünett gewesen war. Aber nein! . . . . Nichts war ihm geblieben. Nur Grammophonplatten sah er, schwarze, scheußliche, kreisrunde Scheiben auf blutigen Blusen aufsitzend . . . . .
Die ganze Isonzogegend lag plötzlich, wie eine riesige topographische Karte tief unter ihm, so wie er sie oft in illustrierten Zeitungen gesehen. Das silberne Band des Flusses schlängelte sich durch Kappen und Hügel, und Oberleutnant Kadar flog über das Gewimmel hinweg, ohne Motor und ohne Flugzeug, nur von seinen ausgebreiteten Armen getragen. Und überall, wohin seine Blicke fielen, auf jedem Hügel, jedem Berg, in jeder Mulde, sah er die Schalltrichter von unzähligen Sprechapparaten in die Erde eingelassen. Tausende und abertausende von jenen bekannten Füllhörnern aus himmelblauem Blech, mit Goldkanten verziert, stierten mit geöffnetem Maul zu ihm empor. Und um jeden solchen eingegrabenen Schalltrichter wimmelte ein Ameisenhaufen von emsigen Kanonieren mit Patronen und Granaten.
Und nun sah es Oberleutnant Kadar ganz genau: alle trugen Grammophonplatten auf dem Halse, wie der Kadett Meltzar. Nicht einer hatte seinen eigenen Kopf auf! Wenn aber die Granaten heulend hinausflogen aus den himmelblauen Trichtern, mitten hinein in einen Ameisenschwarm, dann brachen die flachen, schwarzen Scheiben unter der Wucht der Sprengstücke krachend auseinander, und verwandelten sich im selben Augenblick auch schon wieder in richtige Menschenköpfe. Oberleutnant Kadar sah, aus der Höhe, das Gehirn aus den zertrümmerten Platten quellen, sah die gleichmäßig gerippten Flächen sich blitzschnell in fahle, leidende Menschenantlitze verwandeln.
Alle Geheimnisse des Krieges, alles, worüber der sterbende Oberleutnant monatelang Nächte durchgrübelt hatte, schien jetzt mit einem Schlage entschleiert. So war es also zu verstehen! Diese Leute bekamen offenbar ihre Köpfe erst zurück, wenn es schon ans Sterben ging. Weit — weit rückwärts, irgendwo, wurden sie ihnen abgeschraubt, mit Platten ersetzt, die nichts konnten, als den Rakoczymarsch spielen. So präpariert wurden sie in die Züge gepfercht, kamen so erst an die Front, wie der arme Meltzar, wie er selbst, wie alle . . . .
Von wütendem Zorn gepackt, schnellte die Wattekugel wieder in die Höhe. Oberleutnant Kadar wollte aufspringen, den Leuten das Geheimnis verraten, sie aneifern, ihre Köpfe zurück zu fordern. Jedem Einzelnen wollte er’s ins Ohr flüstern, auf der ganzen weiten Front: von Plava bis hinunter zum Meere. Jedem einzelnen Kanonier und jedem einzelnen Infanteristen, und auch den Italienern drüben! Auch denen wollte er es sagen. Auch denen hatte man ja Platten auf die Hälse geschraubt. Auch die sollten zurück, zurück nach Verona, nach Venedig, nach Neapel, wo ihre Köpfe aufgeschichtet lagen in Magazinen, zur Aufbewahrung bis nach dem Kriege. Von Mann zu Mann wollte Oberleutnant Kadar laufen, um jedem Einzelnen, Freund wie Feind, wieder zu seinem Kopfe zu verhelfen!
Aber da merkte er auf einmal, daß er nicht gehen konnte. Auch mit dem Fliegen war’s vorbei! Mit dicken, eisernen Trossen waren seine Füße ans Bett gefesselt worden, damit er das große Geheimnis nicht enthüllen könne.
Nun, dann wollte er es ausrufen, mit schmetternder, übermenschlich lauter Stimme. Mit einer Stimme, die über das Heulen und Krachen der Granaten, von Plava bis Triest, und hinüber nach Tirol, und bis ans Meer in Flandern, und bis zum Persischen Golf hinunter, wie die Fanfare des jüngsten Gerichtes, die Wahrheit verkünden sollte! Schreien wollte er, wie noch nie ein Mensch geschrien hatte:
— Grammophon . . . . . Holt die Köpfe! . . . . . Nur Grammophon! — . . . . .
Da brach seine Stimme, mitten in seiner Heilsverkündung, mit einem gurgelnden Schmerzenslaut plötzlich ab. Es tat zu weh! Er konnte nicht schreien. Ihm war’s, als bohrte sich bei jedem Worte, das er rief, eine spitze Nadel tief in sein Gehirn ein.
Eine Nadel? . . .
Gewiß! Wie hatte er das vergessen können? Auch ihm war ja der Kopf abgeschraubt worden. Auch er trug ja nur eine Grammophonplatte auf dem Halse, wie alle andern. Wenn er sprechen wollte, grub die Nadel sich in seinen Schädel und lief, erbarmungslos, über alle Windungen seines Gehirnes.
Nein! Das konnte er nicht ertragen! Lieber wollte er schweigen. Das Geheimnis für sich behalten. Nur nicht mehr diesen Schmerz, diesen wahnsinnigen Schmerz im Kopfe! . . . .
Aber die Maschine lief weiter. Oberleutnant Kadar packte seinen Kopf mit beiden Fäusten, krallte die Nägel tief in die Schläfen ein. Gelang es ihm nicht, die verdammte Maschinerie rechtzeitig zum Halten zu bringen, dann brach ihm sein eigener Kopf, immer weiter herumgedreht, unfehlbar das Genick in kurzer Zeit!
Eisig perlte der Angstschweiß aus allen Poren.
— Miska! — schrie der Oberleutnant in höchster Not.
Aber Miska verstand nicht, was er tun sollte. Die Platte drehte sich weiter und sang freudig schmetternd den Rakoczymarsch. Schon spannten sich alle Sehnen, . . . . . immer wieder fühlte Oberleutnant Kadar den eigenen Kopf seinen Händen entgleiten; . . . . . schon tauchte sein Rückgrat vor seinen Augen auf! Mit einer letzten, rasenden Kraftanstrengung versuchte er noch einmal in den Verband hinein zu greifen, den Kopf nach vorne zu pressen . . . . . . Dann . . . . . dann noch ein fürchterliches Knirschen und Stöhnen . . . . . und dann, dann ward es endlich mäuschenstill auf dem langen Korridor.
Als der semmelblonde Assistenzarzt aus dem Operationszimmer zurückkam, verriet ihm das Winseln Miskas von weitem schon, daß wieder ein Bett frei geworden war auf der Offiziersabteilung. Der ungeduldige alte Major winkte ihn, zum Überfluß, noch an sich heran, und verkündete mit respektvoll vibrierender Stimme, laut, damit es alle Herren hören:
— Der arme Teufel dort unten hat endlich ausgelitten. Als echter Ungar! Mit dem Rakoczymarsch auf den Lippen. —
Durch die Blätter blinkte zum ersten Mal der See, und auch die wohlbekannten grauen Kalkberge tauchten schon auf, griffen, wie drohende Finger, über den Bahndamm tief ins Wasser hinein. Da, hinter dem verrauchten, schwarzen Loch in der hellen Wand, gleich nach der Ausfahrt aus dem kurzen Tunnel, guckte für einen Augenblick die Kirchturmspitze über die Böschung, und ein Eckchen vom Schloß.
Johann Bogdán beugte sich weit zum Waggonfenster hinaus, mit gierigem Blick, wie einer, der sein Inventar revidiert, gespannt und voller Mißtrauen, ob ihm nichts abhanden gekommen, während seiner Abwesenheit. Bei jeder erwarteten Baumgruppe nickte er befriedigt, die Richtigkeit der Landschaft an dem Bilde messend, das er fest eingebrannt in der Erinnerung trug. Alles klappte. Jeder Kilometerstein auf der großen Chaussee, die jetzt neben dem Geleise einherlief, stand fest auf seinem Platze; eben blitzte auch flammend die Rotbuche vorbei, an der die Racker immer scheuten, und einmal auf’s Haar den Wagen umgeworfen hätten.
Johann Bogdán tat einen tiefen, schweren Atemzug, fischte seinen winzigen runden Spiegel aus der Tasche, und besah sich noch ein letztes Mal vor dem Aussteigen sein Gesicht. Es schien ihm mit jeder Station häßlicher zu werden. Die rechte Hälfte ging ja noch an: da war noch ein wenig von seinem Schnurrbart übrig geblieben, und auch die Wange war leidlich glatt, bis auf den schlecht verheilten Riß neben dem Mundwinkel. Links aber! . . . Über die linke Seite hatte er sich was aufschwätzen lassen von der verdammten Großstadtsippschaft, die im Krieg, genau wie in Friedenszeiten, doch nur darauf aus war, arme Bauersleute zum Narren zu halten. Schurken waren sie alle miteinander, der großartige Herr Professor sowohl wie die feinen Damen, mit den schneeweißen Mänteln und den albernen, geschraubten Redensarten. Es war, weiß Gott, kein Kunststück, einen einfältigen Kutscher, der mit Ach und Krach das bischen Lesen und Schreiben erlernt hatte, in eine Falle zu locken. Da haben sie ihn angegrinst und ihm schön getan, und ihm das Blaue vom Himmel herunter versprochen, und nun saß er da, hilflos, sich selbst überlassen, — ein verlorener Mann.
Mit einem wütenden Fluch riß er den Hut vom Kopfe und warf ihn neben sich auf die Bank.
War das ein menschliches Gesicht? War es erlaubt, einen Menschen so herzurichten? Die Nase wie aus kleinen, verschiedenfarbigen Würfeln zusammengestückelt, der Mund verzogen, die ganze linke Wange aufgedunsen, wie rohes Fleisch, so rot, und kreuz und quer von tiefen Narben durchzogen. Abscheulich! Dazu an Stelle des Backenknochens eine langgestreckte Höhle, so tief, daß ein Finger drin verschwand. Und dafür hatte er sich so quälen lassen? Dafür hatte er sich siebzehnmal, wie ein geduldiges Schaf, in das verfluchte Zimmer mit den Glaswänden, und den vielen, blitzenden Messern hineinlocken lassen. Ein heißer Schauer lief ihm heute noch über den Rücken bei der Erinnerung an die Qualen, die er zähneknirschend ertragen hatte, nur um wieder ein menschliches Aussehen zu kriegen, und heimkehren zu können zu seiner Braut.
Und nun war er da! Der Zug fuhr pfeifend aus dem Tunnel, die Kugelakazien vor dem Häuschen des Stationsvorstehers grüßten zum Fenster herein. Grimmig zerrte Johann Bogdán seinen schwerbepackten Rucksack durch den Korridor, stieg zögernd die Treppen hinunter, und stand ratlos, hilfesuchend da, als der Zug, der ihn gebracht hatte, hinter seinem Rücken davonfuhr.
Er zog sein großes, geblümtes Taschentuch hervor und trocknete den Schweiß, der in dicken Perlen auf seiner Stirne stand. Was sollte er nun anfangen? Warum war er überhaupt hergekommen? . . . . Nun, da er endlich den Fuß auf den heißersehnten Heimatboden gesetzt, überfiel ihn mit einemmal rasendes Heimweh nach dem Spital, das er am gleichen Morgen, vor wenigen Stunden erst, jubelnd verlassen hatte. Er dachte an den langen Korridor mit den vielen, in Verbände gewickelten Menschen, die alle humpelten, hinkten, lahm, blind oder entstellt waren. Dort stieß sich längst niemand mehr an seinem zerschundenen Gesicht. Im Gegenteil! Die meisten waren ihm neidisch, weil er doch wenigstens arbeitsfähig geblieben war, seine gesunden Arme und Beine behalten hatte, und das rechte Auge. Gar viele wären gerne bereit gewesen mit ihm zu tauschen. So mancher hatte mißgönnische Bemerkungen gemacht und es für ein Unrecht erklärt, daß der Staat ihm eine Invalidenrente bewilligt, für das verlorene Auge. Ein Auge, und ein bisl ein zerkratztes Gesicht, das war doch nichts gegen ein Holzbein, einen lahmen Arm, oder eine durchschossene Lunge, die wie eine schlechte Maschine pfiff und rasselte, bei jeder geringsten Anstrengung. Ein Glückspilz war er im Kreise der vielen Krüppel gewesen. Eine Berühmtheit! Alle Welt kannte dort seine Geschichte. Wer ins Spital kam, wollte vor allem den Johann Bogdán sehen, der sich siebzehnmal operieren, die Haut sich in Streifen hatte aus Rücken, Brust und Schenkeln schneiden lassen. Nach jeder neuen Operation stand, — wenn der Verband entfernt wurde, — die Türe seines Schlafsaales keinen Augenblick still, hundert Meinungen wurden abgegeben, jedem Neuhinzugekommenen ausführlich erklärt, wie arg das Gesicht vorher gewesen. Die wenigen, die von Anfang an mit Bogdán das Zimmer geteilt, schilderten den früheren, grausigen Zustand mit einer Art Stolz, als hätten sie Anteil an den wohlgelungenen Operationen. So war Johann Bogdán allmählich fast eitel geworden auf seine fürchterliche Verwundung, auf die Fortschritte, die seine Verschönerung machte, und hatte das Spital mit der Erwartung verlassen, in seinem Dorf wie eine Sensation bewundert zu werden. Und jetzt? . . .
Verwaist, allein mit seinem Rucksack und seinem Kofferl, überflutet vom prallen Sonnenschein der ungarischen Tiefebene, vor sich das weitgestreckte Dorf, fühlte Johann Bogdán sich jäh von Kleinmut überfallen, von einer Angst, die er beim Heransausen der Granaten, vor Sturmangriffen auf Leben und Tod, im grausamsten Handgemenge nicht gekannt. Tiefschürfende Betrachtungen waren seinem trägen Bauernverstand, seiner, aus Trotz und Eitelkeit roh zusammengezimmerten Natur, versagt. Aber ein instinktives Unbehagen, das feindselige Mißtrauen, das ihn übermannte, sagten ihm deutlich genug, daß er Enttäuschungen und Kränkungen entgegenging, von welchen er sich im Spital nichts hatte träumen lassen. Kleinlaut lud er sich sein Gepäck auf den Rücken und ging mit zögernden Schritten dem Ausgange zu. Hier, im Schatten dieser verstaubten Akazien, die er, und die ihn wachsen gesehen, fühlte er sich jäh mit seinem früheren Ich, mit dem schönen Johann Bogdán, der hier als fescher Herrschaftskutscher bekannt war, konfrontiert. Da waren alle Operationen und Flickereien den Teufel was wert! Da gab es keinen anderen Vergleich, als den einen, schmerzlichen, zwischen dem kecken, übermütigen Burschen, der hier am ersten Mobilmachungstag mit heisergesungener Stimme seiner Marcsa ein letztes Lebewohl zugerufen hatte, und dem Krüppel, der jetzt mit einem Auge, zertrümmerter Kinnbacke, zerflicktem Gesicht und halbierter Nase vor demselben Stationsgebäude stand, — verbittert und niedergeschlagen, als wäre ihm das Unglück an diesem Morgen erst zugestoßen.
Vor der kleinen Gittertüre schwatzte, mit der Lochzange in der Hand, die Frau des Bahnwärters Kovacs, — der seit Kriegsbeginn, irgendwo im Russischen Dienst tat —, und wartete ungeduldig auf den letzten Passagier. Johann Bogdán sah sie stehen, und sein Herz fing so heftig zu pochen an, daß er unwillkürlich noch langsamer ging. Würde sie ihn erkennen, oder nicht? Seine Knie knickten ein, wie plötzlich morsch geworden, und seine Hand zitterte vor Erregung, als er ihr das Billet entgegenhielt.
Sie nahm es ihm ab und ließ ihn passieren; — ohne ein Wort.
Dem armen Bogdán stockte der Atem. Er raffte seine ganze Kraft zusammen, sah ihr mit seinem einzigen Auge fest ins Gesicht, und sagte, mühsam seine Stimme festigend: — Grüß Gott! —
— Grüß Gott — wiederholte die Frau. Er begegnete ihren Augen, sah sie sich weiten, erstarren, über sein zerschundenes Gesicht tasten, und dann — schnell über ihn hinwegschauen, als könnte sie den Anblick nicht ertragen. Schon wollte er stehen bleiben, da merkte er, daß ihre Lippen bebend ein lautloses „Jesus Maria“ stammelten, als wäre er der leibhaftige Gottseibeiuns. Und taumelnd, gekränkt, ging er weiter.
— Nicht erkannt! — hämmerte das Blut ihm in den Ohren, — Nicht erkannt. Nicht erkannt! — Er schleppte sich bis zur Bank gegenüber dem Stationshaus, warf sein Gepäck ab und sank nieder.
Nicht erkannt! Die Frau des Bahnwärters Kovacs, den Johann Bogdán nicht erkannt. Das Haus ihrer Eltern grenzte an sein Elternhaus, sie waren mitsammen zur Schule gegangen, mitsammen konfirmiert worden; er hatte sie in den Armen gehalten, sie abgeküßt, weiß Gott, wie oft, ehe der Kovacs ins Dorf kam und um sie warb. Und sie hatte ihn nicht erkannt. Auch nicht an der Stimme, — so verändert war er!
Unwillkürlich warf er noch einen Blick hinüber, sah sie eifrig auf den Stationsvorsteher einsprechen, und erriet aus ihren Geberden, daß sie von dem schauderhaften Anblick erzählte, von dem greulich entstellten, fremden Soldaten, den sie eben gesehen. Er stieß einen kurzen, krächzenden Laut aus, einen mißglückten Fluch, dann fiel sein Kopf vornüber, und er heulte los, wie ein verlassenes Weibsbild.
Was sollte er nun anfangen? Hinaufgehen ins Schloß, die Tür aufstoßen zum Gesindehaus, und der verblüfften Marcsa ein patziges „Grüß Gott“ zurufen?
. . . Ja, so hatte er sich’s gedacht. Hatte sich, weiß der Teufel wie oft, — das Bild ganz genau ausgemalt: das Aufkreischen der Mägde, den Freudenschrei seiner Braut, ihren Sprung an seinen Hals, und die tausend Fragen, die sich über ihn ergießen würden, während er, die Marcsa auf den Knieen, nur so nebenher, dann und wann, eine Antwort gäbe der andächtig lauschenden Gesellschaft.
Wo war das jetzt alles? . . . Zur Marcsa gehen? Er? . . . Mit diesem Gesicht, vor dem die Bahnwärters Juli sich bekreuzigt? . . . War die Marcsa nicht im ganzen Komitat berüchtigt wegen ihrer spitzen Zunge und ihrer Hochnäsigkeit? Schockweise hatte sie die Männer abblitzen lassen, alle ausgelacht, alle zum Narren gehalten, ehe sie sich endlich in ihn vergaffte.
Johann Bogdán stopfte die Faust in den Mund und bohrte sich die Zähne tief ins Fleisch hinein, bis der heftige Schmerz ihm endlich das Schluchzen überwinden half. Dann vergrub er den Kopf in den Händen und versuchte nachzudenken.
Nie war ihm in seinem Leben irgend etwas schief gegangen, überall hatte man ihn gut leiden können, in der Schule, bei der Herrschaft im Schloß, und auch beim Militär. Als hübscher, aufgeweckter Junge, ausgezeichneter Reiter, schneidiger Kutscher, den seine Pferde liebten, wie er sie, war er, vergnügt vor sich hin pfeifend durch’s Leben gegangen, gewöhnt, die Weiber geschmeichelt lächeln zu sehen, wenn er ihnen im Vorbeisausen großmütig eine Kußhand zuwarf. Nur bei der Marcsa hatte es etwas länger gedauert; aber die war ja auch weit und breit als das schönste Mädel berühmt, und selbst der gnädige Herr hatte ihm fast neidisch auf die Schulter geklopft, als sie sich verlobten.
— Ein schönes Paar! — hatte der Herr Pfarrer gesagt.
Tastend fischte Johann Bogdán seinen kleinen Spiegel wieder aus der Tasche und sank zusammen, erdrückt von einer tiefen, wehmütigen Traurigkeit. Das sollte nun der Bräutigam der schönen Marcsa sein? Was hatte dieses Affengesicht, dieses zerflickte, scheckige Gefries, das ihm der verdammte Gauner, der Betrüger, der sich einen berühmten Professor schimpfen ließ, da zusammengeschustert hatte, mit Johann Bogdán zu tun, mitdemJohann Bogdán, dem die Marcsa die Ehe versprochen und weinend das Geleit gegeben hatte, als es losging. Für die Marcsa gab es nureinenJohann Bogdán, der war Herrschaftskutscher und der schönste Mann im Dorf. War er noch Herrschaftskutscher? . . . Der gnädige Herr wird sich hüten, sein schönes Zeugel mit so einer Vogelscheuche zu verschandeln und in die Komitatshauptstadt hineinzufahren mit einer Fratze auf dem Bock! Zum Heuen wird man ihn schicken, zum Ausmisten im Stall. Und die Marcsa, die schöne Marcsa, um die sich alle Männer reißen, sollte die Frau eines elenden Taglöhners werden?
Nein, das fühlte Johann Bogdán ganz genau, für die Marcsa war der Mensch, der da auf der Bank saß, nicht der Johann Bogdán mehr. Sie wird ihn nicht mehr haben wollen, so wenig die Herrschaft ihn wieder auf den Bock setzen wird. Ein Krüppel bleibt ein Krüppel, und die Marcsa hat sich mit dem Johann Bogdán verlobt, und nicht mit dem Kinderschreck, den er ihr jetzt nach Hause brachte.
Seine Traurigkeit wich allmählich einer unbändigen Wut gegen das Großstadtgesindel, das ihn beschwatzt, ihm weiß Gott was aufgebunden hatte. Stolz sein sollte die Marcsa, weil er im Dienste des Vaterlandes entstellt worden war? Stolz? Haha!
Er lachte höhnisch auf, und seine Finger krampften sich um den vermaledeiten Spiegel, bis er in tausend Scherben brach, und ihm die Hand zerschnitt. Das Blut tropfte langsam in den Ärmel, ohne daß er es merkte, so groß war sein Grimm gegen das vornehme Weiberpack im Spital, das ihn mit solchem Gewäsch ganz um seinen Verstand gebracht hatte. Die dachten wohl, für eine Bauerndirne wäre auch ein Mann mit einem Auge und halber Nase noch gut genug? Vaterland? . . . Ging sie denn mit dem Vaterland zum Altar? Konnte sie mit dem Vaterland Staat machen, wenn ihr die Weiber mitleidig nachschauten? Kutschierte das Vaterland mit fliegenden Bändern auf dem Hut durch das Dorf? Lächerlich! . . .
Hier auf der Bank, mit dem Stationshaus und der Aufschrift vor Augen, die in einem einzigen Wort, einem kurzen Namen, sein ganzes Leben, alle seine Erinnerungen, Hoffnungen und Erlebnisse zusammenfaßte, fiel Johann Bogdán ganz plötzlich der lahme Peter ein, der in dem verfallenen Häuschen hinter der Mühle logiert hatte, vor vielen Jahren, als er selbst noch ein Kind gewesen. Er sah ihn ganz deutlich vor sich stehen, mit seinem klappernden Stelzfuß und seinem verhungerten, traurigen Gesicht. Der hatte auch sein Bein hingeopfert „für’s Vaterland“, — in Bosnien unten, während der Okkupation, und mußte dann allein in der alten Hütte hausen, verspottet von den Kindern, die seinen Gang nachmachten; übellaunig geduldet von den Bauern, die es ihm nachtrugen, daß er der Gemeinde zur Last fiel, und von ihrem Gelde lebte. „Im Dienste des Vaterlandes?“ — — — — Nie hatte jemand vom Vaterland gesprochen, wenn der lahme Peter vorbeikam. Man nannte ihn verächtlich den Dorfarmen, und damit basta.
Johann Bogdán preßte die Zähne aufeinander, daß sie knirschten, vor Ärger darüber, daß ihm der Peter nicht im Spital schon eingefallen war. Dann hätte er den Städtischen tüchtig seine Meinung gesagt über ihr dummes Geschwätz vom Vaterland, und von der großen Ehre, wie ein Aff’ heimzukehren zur Marcsa. Wenn er jetzt den Professor hätte in die Krallen kriegen können! Photographiert hatte ihn der Betrüger, — und nichteinmalnur, — ein dutzend Mal wenigstens, von allen Seiten; nach jeder Schinderei von neuem; als wäre ihm weiß Gott was für ein Kunststück gelungen. Und nun hatte ihn nicht einmal die Bahnwärter Juli erkannt — die Bahnwärter Juli — — ein Nachbarskind! . . . .
So tief versunken war Johann Bogdán in seinen Kummer, so verbissen in grimmige Rachepläne, daß er den Mann, der seit einigen Minuten schon vor ihm stand, und ihn neugierig prüfend von allen Seiten begaffte, gar nicht sah. Eine Hitzwelle flog ihm ins Gesicht, und sein Herz blieb stehen vor freudigem Schreck, als ihn plötzlich eine Stimme aus seinem Brüten weckte:
— Bist du’s, Bogdán?
Er fuhr auf, selig, doch noch erkannt zu werden, und runzelte tief enttäuscht die Stirne, als er den buckligen Mihály vor sich stehen sah. Im ganzen Dorf, im ganzen Komitat, gab es keinen zweiten Menschen, dem Johann Bogdán nicht in aufquellender Dankbarkeit herzlich die Hand geschüttelt hätte in diesem Augenblick. Mit dem Buckligen aber wollte er nichts zu tun haben. Jetzt schon gar nicht! Der Kerl bildete sich am Ende ein, einen Kameraden an ihm gewonnen zu haben, und war wohl froh, nicht mehr der einzige Krüppel im Ort zu sein.
— Nun ja, ich bin’s. Was gibt’s weiter? —
Der Bucklige wühlte mit seinen kleinen, stechenden Augen neugierig in Bogdáns narbendurchfurchtem Gesicht und schüttelte mitleidig den Kopf:
— Aa, dich hat der Russ’ ja nett zugerichtet.
Wie ein kläffender Köter schnaubte ihn Bogdán an:
— Geht dich nichts an! Hast was zu reden, du! Wär’ ich aus ’m Mutterleib schon so zugerichtet auf die Welt kommen, mit dem Bauch auf dem Rücken, wie du, hätt’ mir der Russ’ nichts tun können.
Der Bucklige setzte sich ruhig neben ihn hin, ohne auch nur im geringsten gekränkt zu sein.
— Höflicher bist du nicht geworden im Krieg, Bogdán, — das merke ich schon, — sagte er trocken. — Bist nicht in rosiger Stimmung, kann’s mir denken. Ja, so geht’s! Die armen Leut müssen ihre gesunden Knochen hergeben, damit der Feind den Reichen nichts von ihrem Überfluß wegnimmt! Kannst noch froh sein, daß du so davon gekommen bist.
— Bin ich auch, — knurrte Bogdán, mit einem gehässigen Seitenblick. — Ob arm oder reich fragt die Granate nicht. Da liegen Grafen und Barone draußen und faulen in der Sonne, wie hingeworfenes Aas. Wen unser lieber Hergott nicht schon in der Wiege geschlagen hat, daß er nicht zum Mann, und nicht zum Frauenzimmer taugt, der ist jetzt im Feld, ob er nun arm ist wie eine Kirchenmaus, oder gewohnt ist aus goldenen Schüsseln zu essen.
Der Bucklige räusperte sich, und zuckte die Achseln:
— ’s gibt Solche und Solche, — meinte er; wollte noch was hinzufügen, besann sich aber eines besseren, und schwieg. Dieser Bogdán war immer schon eine elende Lakaiennatur gewesen, stolz darauf, den hohen Herren dienen zu dürfen. Fühlte sich solidarisch mit seinen Unterdrückern, weil er in verschnürten Joppen mit silbernen Knöpfen zu ihrem Glanze beitragen durfte. Nun hatten sie ihn vor die Kanonen gehetzt, damit er ihren Reichtum verteidigen half, und der Kerl saß da, entstellt, mit einem Auge nur, und ließ noch immer nichts auf die gnädigen Herrschaften kommen. Gegen solche Dummheit konnte man nichts ausrichten. Es war schade um jedes Wort.
Schweigend saßen sie eine Weile nebeneinander. Bogdán stopfte umständlich seine Pfeife, und der andere sah ihm interessiert zu.
— Gehst ins Schloß hinauf? — frug vorsichtig der Bucklige, als die Pfeife endlich brannte.
Johann Bogdán wußte ganz genau, wohin der verhaßte Kerl hinaus wollte. Er kannte ihn ja. Ein Sozi war der! So ein Hallunke, der die armen Leute um ihr Brot bringt, mit seinem dummen Geschwätz. Genau wie ein schlechter Hund, der die Hand beißt, die ihn füttert. Er hatte in der Ziegelei als Aufseher sein schönes Auskommen gehabt, und zum Dank die ganze Arbeiterschaft gegen die Herrschaft aufgehetzt, bis sie den doppelten Lohn forderten, und das Schloß anzünden wollten an allen vier Ecken. Auch bei ihm hatte er schon einmal sein Glück versucht, hatte den gnädigen Herrn schlecht machen wollen. Aber da war er an den Richtigen gekommen! Ein paar Ohrfeigen rechts und links und ein tüchtiger Fußtritt dazu war die Antwort gewesen, damit er’s nicht noch einmal versucht, den Johann Bogdán zu einem Sozi zu machen, zu solch’ einem Spitzbuben, der keinen Herrgott und kein Vaterland kennt.
Der andere rutschte unruhig hin und her auf der Bank, warf ab und zu von der Seite her einen prüfenden Blick auf seinen Nachbarn, faßte sich endlich ein Herz und sagte ganz plötzlich: