— Keine Angst, Simmel, — stammelte der Hauptmann, auf die Schulter eines Sanitätssoldaten gestützt, — man wird sie runtertragen zum Train! — und tief atemholend, rang er sich mühsam die Lüge ab: — Jetzt kommen’s gar als Erster nach Wien zurück! — Er wollte auch noch etwas von der Familie, von dem rotlockigen Mäderl hinzufügen, brachte es aber nicht über die Lippen. Es war ihm bange vor einem Aufschrei des Sterbenden nach den Seinen, und ein inneres Zittern durchlief ihn, als der qualvoll verzerrte Mund sich langsam auftat. Er sah die Augen sich öffnen; erschauerte vor dem gläsernen Blick, der an nichts Körperlichem mehr einen Halt zu finden, durch alle Anwesenden hindurch in weiter Ferne was zu suchen schien. Der Körper krümmte sich unter den wühlenden Händen des Sanitäters; aus der aufgerissenen, blutüberströmten Brust stiegen gurgelnd unverständliche Laute, bliesen den roten Schaum vor dem Mund zu platzenden Luftblasen auf.
— Simmel! Was wollen Sie Simmel? — bat Marschner, tief über den Verwundeten gebeugt. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er dem Lallen, überzeugt, daß es eine letzte Botschaft zu erhaschen galt! Er atmete auf, als die verirrten Augen endlich zurückfanden, und ängstlich forschend haften blieben auf seinem Gesicht. — Simmel — rief er wieder und haschte nach der Hand, die zitternd die Wunde suchte. — Simmel! Kennen’s mich denn nicht?
Simmel nickte. Er riß die Augen auf, seine Mundwinkel sanken herab, und weinerlich, vorwurfsvoll, — wie es dem Hauptmann schien, — kam aus der zerfetzten Brust die Klage: — Weh — — Herr Hauptmann — — — so weh! — und nach einem kurzen, röchelnden Schmerzenslaut wiederholte er schäumend, mit einem gellenden Wutschrei: — Weh! — — — Weh! — — — und schlug um sich, mit Händen und Füßen.
Hauptmann Marschner sprang auf. — Tragt’s ihn hinunter! — befahl er, hielt sich, ohne zu wissen was er tat, die Ohren zu, und lief davon, der Kompagnie nach, die schon oben auf der Kammlinie stand. Er lief, den Kopf, wie in einen Schraubstock, zwischen die Hände gepreßt, torkelnd, atemlos; von einer Angst getrieben, als stürmte das Wehklagen des Verwundeten mit erhobener Axt hinter ihm her. Er sah den eingeschrumpften Leib sich winden, sah das blitzschnell verwelkte Gesicht, das vergilbte Weiß der Augen, und das „So weh, Herr Hauptmann“ klang in ihm fort, krallte sich ihm in die Brust, daß er, oben angelangt, halb erstickt niederfiel, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.
Nein, er konnte das nicht! Er wollte nicht mehr! . . . . Er war kein Henker; war nicht fähig, Menschen in den Tod zu peitschen; konnte nicht taub sein für ihren Jammer, für dieses Kinderwimmern, das wie bitterer Vorwurf sein Gewissen traf! Seine Füße stampften trotzig den Boden; alles in ihm bäumte sich gegen die Aufgabe, die ihn rief.
Unten dehnte sich das Schlachtfeld; trostlos grau. Kein Baum, kein Fleckchen Grün. Eine steinerne Wüste; zerhackt, zermürbt, aufgewühlt, ohne ein einziges Lebenszeichen. Die Laufgräben, die, in der Talsohle beginnend, hinaufführten zum Hügelrand, aus dem die Drahtzäune starrten, sahen wie zum Griff gespannte Finger aus; krallten sich tief in den erwürgten Boden ein. Marschner blickte sich unwillkürlich noch einmal um. Hinter ihm senkte sich die grüne Böschung steil zu dem Wäldchen, in dessen Schutz er seinen Train zurückgelassen hatte. Weiter rückwärts glänzte weiß die Landstraße, wie ein Fluß, von bunten Wiesen umrahmt. Eine kurze Wendung — und das Grün verschwand! Alles Leben ging unter, wie niedergebrüllt von den Geschützen, von dem Heulen und Knallen, das, gleich dem Pulsschlag eines ungeheuren Fiebers, in das jenseitige Tal hineinhämmerte. Granattrichter neben Granattrichter gähnte dort unten; dicke, schwarze Erdsäulen sprangen zuweilen auf, verdeckten für Augenblicke ein Teilchen dieser zu Asche gebrannten Öde, aus der die geborstenen, wie mit dem Federmesser zerschnitzelten Baumstümpfe höhnend emporragten, eine Herausforderung an die ohnmächtige Phantasie: in diesem Totenfeld aus Schutt die Landschaft wiederzuerkennen, die es gewesen, ehe der Wahnsinn darüber hinweggefegt, und es mit Trümmern besät zurückgelassen hatte, wie einen Tanzboden, auf dem zwei Welten um eine Dirn’ gerauft.
Und in dieses Höllental sollte er nun hinuntersteigen! Dort untenleben, fünf Tage und fünf Nächte lang, mit einem Häufchen Verdammter da hinausgespien, bei lebendigem Leibe auf den Angelhaken gespießt, als Köder für den Feind! . . . .
Ganz allein, von niemandem belauscht, umtobt von dem Platzen der Geschosse, die da oben dicht, wie Gewitterregen fielen, — gab Hauptmann Marschner sich ganz seiner Wut hin, der ohnmächtigen Wut gegen eine Welt, die ihm solches angetan! Er fluchte, schrie seinen Haß aus voller Kehle in den tauben Lärm hinein, und sprang auf, als weit unten, fast im Tal schon, seine Leute auftauchten, gefolgt von Leutnant Weixler, der hinter ihnen herlief, wie ein Metzgergesell, der seine Ochsen zur Schlachtbank treibt. Der Hauptmann sah sie eilen, sah die Sprengwolken sich mehren über ihren Köpfen, sah, zwischen sich und ihnen, da und dort auf dem Abhang, wie liegengebliebene Rucksäcke, blau-graue Häufchen zerstreut, regungslos die einen, wie große Spinnen zappelnd die anderen; — und stürmte los.
Wie toll raste er über die steile Böschung, fühlte kaum die Erde unter den Füßen, hörte das Prasseln der Sprengstücke nicht, flog mehr, als er lief, stolperte über verkohlte Wurzeln, fiel hin, raffte sich auf und sprang weiter, ohne nach rechts oder links zu schauen, mit geschlossenen Augen fast. Ab und zu sah er — wie aus dem Eisenbahnfenster —, ein blasses, verstörtes Gesicht vorbeihuschen; einmal war’s ihm, als wimmerte jemand um Wasser; aber er wollte nichts sehen, wollte nichts hören, lief weiter, blind und taub, unaufhaltsam, gejagt von der Angst vor jenem bösen, vorwurfsvollen „So weh!“ . . . .
Nur einmal blieb er stehen, fest gewurzelt, als wäre er in eine Falle getreten, die sich eisern an seine Beine klammerte. Eine Hand hielt ihn auf, eine graue, verkrampfte Hand, die mit gekrümmten Fingern, wie aus Stein gehauen, starr vor ihm aufragte. Ein Gesicht sah er nicht; hatte keine Ahnung, wer ihm drohend die tote Faust entgegenhielt. Nur, daß diese selbe Hand vor zwei Stunden noch gelebt, drüben im Wäldchen gemächlich Schwarzbrot in Scheiben geschnitten, oder eine letzte Feldpostkarte geschrieben hatte, wußte er. Und ein Grauen sprang ihn an vor diesen Fingern, gab seinen Beinen neue Kraft, daß er, wie ein Knabe, in großen Sätzen weiter stürmte, bis er mit fliegenden Flanken, eine rote Wolke vor den Augen, endlich bei der Kompagnie ankam, ganz unten im Tal schon, am Eingang der Laufgräben.
Leutnant Weixler trat stramm vor ihn hin, und meldete den Verlust von vierzehn Mann. Marschner hörte den Stolz, der in seiner Stimme klang, wie Triumph über das Geleistete, wie das Jubilieren eines unreifen Jungen, der mit den ersten Härchen auf der Oberlippe prahlt, mit Würde seinen jungen Baß forciert. Was waren diesem Burschen die Verwundeten, die oben, auf dem Abhang, sich kugelten? Der rothaarige Feigling mit seinem Gewimmer, — die Kinder, die ihrer Ernährer beraubt einem Bettlerdasein, dem Sumpf, vielleicht dem Gefängnis entgegenreiften — alles Statisten, Hintergrund, dessen Dunkel leuchtend den Heldenmut des Leutnant Weixler hob. Vierzehn blutige Leiber säumten den Weg, den er furchtlos gegangen. Mußten seine Augen nicht Hochmut sprühen? . . . .
Der Hauptmann eilte weiter, an Weixler vorbei. Nur nicht ihn anschauen — sagte er sich, — nur nicht diesem zufrieden leuchtenden Blick begegnen; sonst könnte der Zorn Herr werden über alle Vernunft, die Zunge sich lösen, die geballte Rechte den Weg des eigenen Willens gehen! Hier aber mußte er diesen Menschen schonen, hier war der Leutnant Weixler in seinem Recht, wuchs von Minute zu Minute, überragte alle, schwamm obenauf, während die anderen, mit der Last ihrer gereiften Menschlichkeit behängt, klotzig versanken. Hier galten andere Gesetze! Der finstere Schacht, in dem man nun mit zitternden Knien vorwärts wankte, führte zu einer Insel, die nur der Tod umspülte. Wer da strandete, durfte nichts mithaben, was er in einer anderen Welt gebraucht. Nur wer nichts herübergerettet hatte, als Faust und Axt, war hier der Meister; war der Reiche, an dessen Überfluß die anderen sich klammerten. Immer klarer wurde es Hauptmann Marschner, während er sich durch den glitschigen Graben betäubt weiter tastete, daß er seinen verhaßten Leutnant jetzt wie einen Schatz hüten müsse, daß er verloren wäre, ohne ihn! Er sah die Spur geronnener Blutlachen vor seinen Füßen, trat auf zerfetzte, blutdurchtränkte Uniformstücke, auf abgeschossene Hülsen, klirrende Konservenbüchsen, Geschoßtrümmer; gähnende Granattrichter öffneten sich plötzlich, mit angebrannten Brettern halsbrecherisch überbrückt; überall grinsten die Spuren tobsüchtiger Verwüstung, verkohlte Reste, ein Wust von Drähten, Pfosten, Säcken, zerbrochenen Werkzeugen, eine atemraubende, schwindelerregende Unordnung, eingehüllt in stickigen Brandgeruch, Pulverdampf, und den scharfen, stechenden Atem der Ecrasitgranaten; die Erde auf Schritt und Tritt von riesenhaften Explosionen zerfleischt, mühsam zusammengeflickt, wieder aufgerissen, noch einmal eingeebnet, — daß man, wie durch einen Orkan, wie von einem Wirbel erfaßt, bewußtlos dahintorkelte.
Zermalmt von der Wucht seiner Eindrücke, kroch Hauptmann Marschner wie ein Wurm durch den Graben, und seine Gedanken kehrten immer leidenschaftlicher, immer verzweifelter zu Leutnant Weixler zurück. Nur Weixler konnte ihm helfen, konnte ihn ersetzen, mit seiner frostigen, grimmigen Energie, mit seiner Blindheit für alles, was nicht an seinem eigenen Leben riß, was überstrahlt wurde von der glanzvollen Vorstellung eines mit Dekorationen übersäten, außertourlich beförderten Erich Weixler! — — Ängstlich sah er sich immer wieder nach seinem Leutnant um; atmete auf, so oft von rückwärts die schnarrende, treibende Stimme an sein Ohr schlug.
Noch immer wollte der Graben kein Ende nehmen! Marschner fühlte seine Kräfte erlahmen, stolperte immer häufiger, und schloß doch erschauernd die Augen vor den sich kreuzenden Blutspuren, die genau den Weg der Verwundeten zeigten. Auf einmal riß er den Kopf hoch. Ein neuer Geruch drang auf ihn ein, ein süßlicher Gestank, der immer stärker wurde, bis er, bei einer Einbuchtung der Grabenwand, die hier, nach links einschwenkend, halbkreisförmig zurücktrat, wie eine dichte Wolke vorbrach. Von Ekel geschüttelt, den Magen in der Kehle sah er sich um, erblickte in der Vertiefung einen Hügel von schmutzigen, zerfetzten Uniformen, übereinander geschichtet, mit merkwürdig starren Kontouren. Nur allmählich erfaßte sein Blick das Grauen, das sich vor ihm türmte. Gefallene Soldaten lagen da, wie zusammengetragene Bretter und Traversen auf einem Bauplatz; verkrümmt, wie der Todeskampf sie gelassen. Zeltbahnen waren über sie gebreitet, waren beiseite geglitten, enthüllten steingraue, grimmige Fratzen, herabgefallene Kinnladen, glotzende Augen. Die Arme der Obenaufliegenden hingen wie ein Spalier bis zur Erde hinab, griffen den Unteren ins Gesicht, waren schon übersät mit den bunten Flecken der Verwesung.
Hauptmann Marschner stieß einen kurzen, rülpsenden Schrei aus und torkelte vornüber. Sein Kopf erzitterte im Genick, wie haltlos geworden; seine Knie knickten ein, daß er den Boden schon auf sich zukommen sah, als plötzlich ein unbekanntes Gesicht vor ihm auftauchte, seinen Blick auf sich zog, ihm jäh wieder Haltung gab. Ein fremder Feldwebel stand vor ihm, starrte ihn sprachlos an, mit großen, fiebrig glänzenden Augen in dem totenbleichen Gesicht. Eine Sekunde lang blieb er wie gelähmt, dann riß er den Mund auf, klatschte in die Hände, sprang in die Luft, wie ein Tänzer, und lief, ohne an eine Ehrenbezeugung zu denken, in riesigen Sprüngen davon.
— Ablösung! — schrie er im Laufen, blieb stehen vor einem schwarzen Loch, das wie der Eingang zu einer Höhle in der Grabenwand gähnte, und rief mit unbeschreiblichem Jubel in der Stimme, mit einem Jauchzer, der wie durch Tränen klang, gebückt, in die finstere Öffnung hinein: — Ablösung! . . . Herr Oberleutnant! Ablösung is’ da! . . .
Der Hauptmann folgte ihm mit den Blicken, hörte den Ruf, und seine Augen wurden feucht, so rührend war dieser kindliche Freudenschrei, dieses Schmettern aus befreiter Brust. Langsam ging er dem Feldwebel nach, sah, — als hätte der Schrei die Toten geweckt, — aus allen Ecken blasse Gesichter hervorlugen, Verwundete mit blutigen Verbänden, schlotternde Gestalten mit dem Gewehr in der Hand. Von allen Seiten strömten Leute herbei, starrten ihn an, formten mit den Lippen lautlos das Wort „Ablösung“ nach, bis endlich einer losbrüllte, ein gellendes Hurrah ausbrachte, das wie Feuer weiterlief, ein Echo fand in unsichtbaren Kehlen, die es begeistert wiederholten. Erschüttert beugte Marschner den Kopf; — fuhr sich schnell mit der Hand über die Augen, als ihm der Kommandant aus der Höhle entgegenstürzte.
Nichts war mehr lebendig an diesem Menschen: sein Gesicht war aschgrau, seine Augen erloschen, glanzlos, von fingerbreiten Rändern umzogen; die Lider glühend rot vom Wachen. Haare, Bart, Kleidung waren überzogen mit einer dicken Kruste aus Lehm und Schmutz, daß er aussah, als wäre er eben aus dem Grab gestiegen. Die Hand, die, nach kurzer, militärischer Meldung, mit überschwenglicher Freude die Rechte des Hauptmanns umklammerte, war leichenkalt, und klebte von Schweiß und Erde. Unheimlich war der Gegensatz zwischen diesem, mit Kleidern behängten Knochengerippe, zwischen dieser starren Totenmaske, und der zappligen, überreizten Lebendigkeit, mit welcher der Oberleutnant über seine Befreier herfiel.
Die Worte strömten wie ein Wasserfall von seinen zersprungenen Lippen. Er zog Marschner in die Höhle hinein, drückte den Strauchelnden, der, wie geblendet um sich griff, auf eine unsichtbare Sitzgelegenheit nieder, und begann zu erzählen. Nicht einen Augenblick konnte er ruhig stehen. Er hüpfte, schlug sich an die Schenkel, lachte überlaut, lief tänzelnd auf und ab, warf sich auf das Lager in der Ecke, verlangte zwischendurch immer wieder eine Cigarette, schleuderte sie, — ohne es zu merken, — nach zwei Zügen schon weg, und bat gleich um eine neue.
— Also drei Stunden später, — krähte er selig, mit einer forcierten Heiterkeit, — Drei . . . nein! IneinerStund schon wär’s zu spät g’wesen. Weißt’, wie viel Patronen ich noch hab? Elfhundert im ganzen! Maschinengewehr: ausgeleiert; Telephon: kaput, seit gestern Nacht schon! Patrouille zum reparieren, — unmöglich, weil ich jeden Mann im Graben brauch. Hundertvierundsechzig san mir eingezogen, — jetzt hab’ ich noch einunddreißig, und elf Verwundete, die kein G’wehr mehr halten können. Einunddreißig Manderln, und damit soll ich den Grab’n halten. Heit Nacht war’n wir noch fünfundvierzig, wie’s kommen sind; haben’s auch zum Teufl g’jagt; aber vierzehn san wieder draufgangen! Die habn mir noch gar nicht begraben können. Hast sie nit liegen g’sehn, vor dem Mannschaftsunterstand? —
Der Hauptmann ließ ihn reden; hatte die Ellenbogen auf den primitiven Tisch aufgestützt, hielt den Kopf zwischen den Händen, und schwieg. Seine Augen irrten durch den finsteren, muffigen Raum, den ein blakendes Petroleumlämpchen mit seinem Gestank erfüllte. Er sah das verschimmelte Stroh in der Ecke, den verwaisten Fernsprecher neben dem Eingang, eine leere Konservenkiste, auf der eine verknüllte Landkarte ausgebreitet lag; sah einen Berg von Gewehren, Bündel von Uniformen, mit Zetteln besteckt; und fühlte, wie langsam ein stummes, eisiges Grauen in ihm hochstieg, ihm den Atem verschnürte, als läge die Erde, die da oben von geborstenen Brettern gehalten, jeden Augenblick niederzustürzen drohte, mit Zentnerlast auf seiner Brust. Wie ein böser Traum wirkte dieses tänzelnde Gespenst, mit dem kichernden Totenkopf, der vor acht Tagen vielleicht noch jung gewesen; und der Gedanke, daß jetzt an ihn die Reihe kam, in diesem Grabgewölbe fünf, sechs, acht Tage lang auszuharren, die gleichen Greuel zu erleben, die der andere lachend erzählte, steigerten seine Mutlosigkeit zu einer heißen, hämmernden Empörung, die er kaum noch meistern konnte. Er hätte brüllen mögen; aufspringen, hinauslaufen, und aus tiefster Seele heraus die Menschheit anbrüllen, warum sie ihn dahergeworfen, warum er da liegen bleiben sollte, bis er zu Aas oder zum Narren geworden. Er konnte es nicht begreifen, wie er sich hatte hier hinaustreiben lassen; sah keinen Sinn, kein Ziel, nur dieses Erdloch, die verwesenden Leichen draußen und — gleich daneben —, einen Schritt weit nur von dieser Tobsucht, sein Wien, wie er es vor zwei Tagen erst verlassen hatte, — mit Trambahnen, Schaufenstern, grüßenden Menschen und Theatersälen. Was war das für ein Wahnsinn, hier zu kauern, in blöder Geduld auf den Tod zu warten, — in Schmutz und Blut, wie ein Tier, auf nackter Erde zu verrecken, während andere froh, sauber, geschmückt, in hellen Sälen saßen, sich was vormusizieren ließen, in ihr weiches Bett krochen, ohne Angst, ohne Gefahr; gehütet von einer Welt, die entrüstet über jeden herfiele, der ihnen auch nur ein Härchen krümmen wollte! . . . . War er schon irr, oder waren’s die anderen?
Seine Pulse tobten, als müßte die Brust ihm platzen, wenn er sich diese Not nicht von der Seele schreien durfte. Und in diesem Augenblick kam Leutnant Weixler in geschäftiger Eile, wie ein Ballarrangeur, in den Unterstand, stellte sich stramm vor ihn hin und meldete, daß oben alles in Ordnung sei, daß er die Posten schon bestimmt, die Wachen abgeteilt, die Maschinengewehre schon plaziert habe. Der Hauptmann sah ihn an, und mußte die Augen niederschlagen, wie geohrfeigt von dieser Gelassenheit, die seine Wut jäh zu einer tiefen, brennenden Scham welken ließ. Warum blieb dieser unberührt von der großen Todesangst, die hier die Luft schwängerte? Warum konnte dieser da ordnen, befehlen, mit der Umsicht eines reifen Mannes walten, während er wie ein verschüchtertes Kind sich verkroch, mit dem sinnlosen Trotz der bedrängten Kreatur sich gegen das Schicksal bäumte, statt es zu meistern, wie es seinem Alter geziemte? . . . War er denn feig? . . War er wirklich von niedriger, kläglicher Angst beherrscht, — von jener erbärmlichen Blindheit der Seele, die über das eigene Ich nicht emporblicken, für keine Idee sich selbst übersehen kann? War er so, ohne Sinn für Gemeinschaft, wirklich ganz von kurzsichtiger Selbstsucht beherrscht; um sein nacktes, elendes Dasein nur besorgt? . . . .
Nein, so war er nicht! Hing nicht mehr an seinem Leben, als irgend ein anderer; könnte es begeistert hingeben ohne Fahnen, ohne Rausch, ohne Applaus! Wenn der feindliche Graben da drüben mit Menschen, wie der Weixler gefüllt wäre, wenn der Kampf gegen diese verbohrte Härte ginge, gegen diese mit Menschenfleisch aufgemästeten Schlagworte, gegen diese ganze, raffiniert aufgebaute Gewaltmaschine, die ihre Schützlinge als Schutzwall vor sich hertrieb, — — — er würde sich mit den bloßen Fäusten hineinstürzen, ohne das Platzen der Geschosse, das Wimmern der Verwundeten zu hören! . . . Nein, er war nicht feig. Nicht so, wie diese beiden dachten! Er sah sie spöttisch blinzeln, sich heimlich lustig machen über den unglücklichen Landsturmonkel, der wie ein Häufchen Elend in der Ecke saß. Was wußten die von seiner Not! Standen da als „Helden“, fühlten den Blick der Heimat auf sich ruhen, sprachen Worte, die, getragen von dem Echo einer Welt, die Einsamkeit mit Gleichgesinnten bevölkerten und die Kraft von Millionen in ihre Seele strömten; — und lachten über einen, der töten sollte ohne Haß, und sterben ohne Begeisterung, für einen Sieg, der ihm nichts war als Gewalt, die sich durchsetzte, weil sie stärker zuschlug, nicht aber weil sie im Rechte, weil ihr Ziel gut und edel war. Möchten diese nur über ihn spotten; — er hatte keinen Grund sich zu verkriechen vor ihrem Mut!
Ein kalter, stolzer Trotz durchströmte ihn, daß er aufstand, auf einmal stark geworden, wie gehoben von der übermenschlichen Last, die er allein auf seinen Schultern trug. Er sah den Oberleutnant immer noch umhertänzeln, alles zusammenraffen und in seinen Rucksack stopfen; hörte ihn brüllend den Burschen beschimpfen, zur Eile treiben, und zwischendurch immer wieder neue Einzelheiten auskramen, grausige Episoden aus den Kämpfen der letzten Tage, die Weixler mit gespannter Aufmerksamkeit verschlang.
— Was fragst? — schrie er eben lachend seinen Zuhörer an, — ob d’Italiener auch große Verluste g’habt haben? Ja, meinst, wir hab’n uns nur so z’ammpfeffern lassen wie die Has’n? Kannst dir ja ausrechnen, was die verloren haben, in den elf Angriffen, wann mir schon auf dreißig Manderln zammg’schmolz’n san, ohne aus’m Graben zu kriechen. Die soll’n nur so weiter machen, noch a paar Woch’n lang, dann werden’s bald fertig sein mit ihrem Menschenmaterial! —
Hauptmann Marschner hatte nicht aufpassen wollen, stand über die Karte gebeugt und fuhr in die Höhe, als das Wort „Menschenmaterial“ an sein Ohr schlug. Das klang in seine Gedanken hinein, wie ein Hohnschrei; — als hätten die beiden ihn durchschaut und sich verabredet, ihm so recht zu zeigen, wie allein er war.
„Menschenmaterial!“
In einem Graben, den Leichengeruch durchzog, der Einschlag der Granaten durchzitterte, standen zwei: jeder selbst Einsatz, und sprachen, während auch um ihre Knochen die Würfel noch rollten, von „Menschenmaterial“! Brachten dies ruchlos-schändliche Wort über die Lippen, ohne jede Empörung, als wäre es nur natürlich, daß ihr Leib nicht mehr als eine Spielmünze war in der Hand von Menschen, die sich das Recht nahmen, wie Götter zu spielen! Legten ihr einzig-unwiederbringliches Leben ohne Bedenken einer Macht unter die Füße, die es erst mit ihren Leichen beweisen konnte, ob sie den Einsatz richtig zu plazieren weiß. Und die so sprachen, waren Offiziere! . . . . Wo gab es da noch einen Hoffnungsschimmer?
Draußen bei den Einfachen, beim Kanonenfutter vielleicht! Die kauerten jetzt ergeben auf ihren Plätzen, dachten nach Hause, und fühlten sich doch jeder immer noch als Mensch. — Es zog ihn zu seinen Leuten, zu ihrer stillen, stumpfen Trauer, zu dieser wirklichen Größe, die ohne Pathos und ohne Feierlichkeit, gleichsam in der Hausjoppe, geduldig den Heldentod erwartete. Lautlos ging er, an den beiden Schwätzern vorbei, hinaus ins Freie.
Vor dem Ausgang standen marschbereit die Übriggebliebenen der abgelösten Kompagnie im Laufgraben: immer zwei Mann mit einem toten Kameraden auf der Zeltbahn zwischen sich. Ein langer Zug, erschütternd in der lautlosen Erwartung, in die von oben das Zischen und Knallen der Schrapnells, das Krachen der Granaten wie eine Drohung an die noch Lebenden sich mischte. Marschner ballte erbittert die Fäuste gegen diese dröhnende Unersättlichkeit, als plötzlich der bleiche Feldwebel vor die Toten trat, und ihn aus seiner Versunkenheit schreckte.
— Herr Hauptmann, ich meld’ gehorsamst, wir haben noch drei Schwerverwundete, die net geh’n können, außer unsere vierzehn Toten. Für die drei Italiener sind mir keine Träger geblieben.
— Die lass’n wir euch zum Andenken da! — fiel mit seinem dröhnenden Lachen der Oberleutnant ein, der eben mit Weixler den Unterstand verließ. — Bei der Nacht kannst du sie da oben, zwischen den Laufgräben, verscharren lassen, Herr Hauptmann. Wann’s finster wird, verlegen die Herrn Katzelmacher ihr Sperrfeuer weiter zurück, da kann man schon hinauf. Viel Ruh werdens zwar net hab’n, denn die Granaten reiß’n alles wieder auf; aber unsere eigenen Toten habens auch net schöner. Meinen armen Kadetten hab ich scho’ dreimal begraben lass’n.
— Wie kommen denn die drei überhaupt her? — fragte Leutnant Weixler sich vordrängend, — Habt’s ihr denn einen Grabenkampf g’habt?
Der Oberleutnant schüttelte stolz den Kopf: — Ja warum net gar! So weit hab’ns die Herrschaften nie ’bracht. Die Drei hab’n uns vorgestern Nacht den Stacheldraht abzwick’n wollen. Aber unser Maschinist hat’s erwischt und hat ihnen den Spaß verdorb’n mit seiner Kugelspritz’n. Na, und nachher san’s uns grad so vor der Nas’n g’legen, und haben so wunderschöne kanariengelbe Schuh ang’habt; die haben ihnen meine Leut net gönnt. Da — schloß er mit einem Fingerzeig auf die Füße des blassen Feldwebels, — da hast gleich ein Paar davon. Jetzt müss’n wir aber gehn! Los, Feldwebel! Respekt, Herr Hauptmann. Die Katzelmacher wer’n schaun, heut abend, wann’s so daherkommen, um uns schön bequem abzukrageln, und auf einmal legen hundertfünfzig Gewehre los und zwei feine neue Kugelspritzen. Haha! Schad’, daß i net dabei sein kann! Servus Kleiner, viel Glück! — Einen lustigen Gassenhauer trällernd folgte er seinen Leuten; ohne sich noch einmal umzusehen, ohne zu bemerken, daß Marschner ihm noch ein Stück weit das Geleite gab.
Fröhlich, wie einen Sonntagsausflug, traten da Menschen den Weg an, der über das grausige Trümmerfeld, den steilen, zerschossenen Hügel führte. Welche Hölle mußten die hier, in diesem Maulwurfsbau, durchlitten haben! . . . . Mit einem schweren Seufzer blieb der Hauptmann stehen. Es war, als ginge mit der langen, grauen Kolonne, die sich langsam durch den Graben schlängelte, die letzte Hoffnung weg. Der Rücken des letzten Soldaten, wie er so schaukelnd immer kleiner wurde, war die Welt; der Blick klammerte sich an diesen Rücken, maß bang die schwindende Entfernung von der Grabenecke, die ihn bald für immer verdecken mußte. Noch konnte man einen Gruß nachrufen, — im Laufschritt noch einen Brief nachtragen! Dann verschwand auch dieser letzte Mittler, die letzte Möglichkeit, die Weite in zwei Hälften zu teilen. Und die Sehnsucht scheute zurück vor dem endlosen Raum, den sie nun allein zu überbrücken hatte.
Marschner sank in sich zusammen, als er nun ganz verlassen im leeren Graben stand. Wie ausgehöhlt fühlte er sich, sah hilfesuchend umher, und sein Blick blieb haften an der Mulde, die nun freigemacht war von den Leichen. Nur die drei Italiener lagen noch da. Der eine zeigte sein Gesicht, sperrte immer noch den Mund auf, zu einem Schrei, und seine Hände krallten sich, wie abwehrend, in den aufgedunsenen Leib. Die anderen lagen mit hochgezogenen Knien, den Kopf zwischen den Armen. Die nackten Füße starrten mit den grauen, verkrampften Zehen wie ausgeraubt, wie eine stumme Anklage in den Laufgraben hinein. Es lag eine Ferne um diese Leichen, eine Verlassenheit um diese entblößten Füße! Ein wirres Gewebe aus Erinnerungen, ein Gedränge von verwehten Gesichtern flimmerte auf: Ruderknechte aus Venedig — — geschwätzige Kutscher — — eine zahnlose Wirtin aus dem Posilipo; — — — zwei Urlaubsreisen durch Italien jagten ein Heer von Leidtragenden vorbei, — — und als Letzte schloß die eigene Schwester den Reigen, saß sorglos bei der Musik auf der Türkenschanze, während der Bruder schon irgendwo starr auf der Erde lag, als toter Feind, den man mit dem Fuß beiseite schob.
Schaudernd eilte der Hauptmann weiter, als gingen die drei Toten, auf ihren nackten Sohlen, lautlos hinter ihm her; fühlte sich wie geborgen, als er endlich bei seinen Leuten ankam. Die Granaten fielen jetzt so dicht, daß keine Pause mehr die einzelnen Einschläge trennte, daß alle Geräusche zu einem einzigen, gleichmäßig fließenden Donner zusammenschmolzen, der die Erde wie einen Schiffsleib erzittern machte. Nur einem Volltreffer, der oben die Deckungen auseinanderwirbelte, folgte ein scharfes Krachen und Splittern, und, wenige Minuten später, schleppten zwei Männer ächzend eine Leiche herunter, lehnten sie an die Grabenwand und stiegen, durch den schmalen Schacht, wieder zurück auf ihren Posten. Marschner sah den Feldwebel aufstehn, den Mund bewegen, — dann erhob sich in der Ecke ein Soldat, nahm sein Gewehr und stapfte mit schweren Schritten den beiden anderen nach. Das war so trostlos! So unbarmherzig sachlich; etwa, wie man bei Einzelübungen im Kasernenhof, gelangweilt „der Nächste“ ruft. Nur daß sich um den Toten sofort eine kleine Gruppe zusammenscharte, von der scheuen Neugier getrieben, die einfache Leute unwiderstehlich zu Leichen und Beerdigungen zieht. Auch von ihm erwarteten die meisten, — er fühlte es an ihren Blicken, — daß er nun hinübergehen werde, um dem Toten seine Reverenz zu erweisen. Aber er wollte nicht! Er war fest entschlossen, nicht zu erfahren, wie der Gefallene hieß; fest entschlossen, sich endlich beherrschen zu lernen, allen kleinen Ereignissen gegenüber gleichgültig zu bleiben! So lange er das Antlitz des Toten nicht gesehen, seinen Namen nicht gehört hatte, war nur „ein Mann“ gefallen, Einer von den vielen Tausenden. Wenn man Distanz behielt, sich nicht über jeden Einzelnen beugte, kein fest bestimmtes Schicksal vor sich aufsteigen ließ, war es gar nicht schwer, gleichgültig zu bleiben.
Trotzig ging er vor den zweiten Schacht hin, der nach oben führte, und merkte jetzt erst, daß es ganz still geworden war; daß kein Heulen, kein Bersten mehr herunterdrang. Lähmend löste dieses Schweigen den betäubenden Lärm ab, — füllte den Raum mit einer gespannten Erwartung, die ängstlich in allen Augen flackerte. Er wollte sich befreien von diesem beklemmenden Druck, und kroch durch den bröckelnden Schacht in die Stellung hinauf.
Das erste was er erblickte, war der gekrümmte Rücken Weixlers, der sich mit dem Fernglas vor den Augen an ein Schutzschild schmiegte. Auch die anderen standen wie angesaugt an ihren Schießscharten, und die Regungslosigkeit ihrer Schulterblätter hatte etwas Erschreckendes. Auf einmal durchlief ein Zucken die erstarrte Reihe! Weixler sprang zurück, prallte gegen den Hauptmann, schrie: — Sie kommen! — stürzte weiter zum Schacht, und blies, mit geblähten Backen in seine Alarmpfeife.
Hilflos starrte ihm Marschner nach, trat zaudernd zur Schießscharte, und sah hinaus in das weite, rauchdurchzogene Feld, das jenseits der zerzausten Drähte, grau, zerrissen und blutbefleckt sich wölbte, wie der geblähte Leib einer riesenhaften Leiche. Weit rückwärts ging eben die Sonne unter, wuchs, halb schon versunken, rotglühend aus dem Boden. Und vor diesem blendenden Hintergrund tanzten schwarze Silhouetten, wie Mücken im Mikroskop, wie Indianer, die das Kriegsbeil schwingen. Ganz klein waren sie noch verschwanden bisweilen, sprangen hoch, kamen näher, fuchtelten mit den Gewehren wie mit Polypenarmen, und ihr Geschrei wurde allmählich hörbar, anschwellend, wie fernes Hundebellen; hell heulend, wenn sie „Avanti“ brüllten; wie von dumpfem Donnerrollen abgelöst, wenn der Ruf „Coraggio“ durch ihre Reihen lief.
An der Böschung stand jetzt, dicht gedrängt, Kopf an Kopf die Kompagnie; die Gesichter aus Stein, verbissen, kreideweiß, mit lippenlosem Mund, das Gewehr im Anschlag; — ein einziges Raubtier mit hundert Armen und Augen.
— Nicht schießen! Nicht schießen! Nicht schießen! — gellte die Stimme Weixlers ohne Atempause durch den Graben; schlang sich um alle Kehlen, und hielt die Finger fest, die sich in bleicher Gier um die Hähne krallten. Schon flog die erste Handgranate in den Graben! . . . . Der Hauptmann sah sie kommen; — sah einen Mann sich aus der Masse lösen, dem Ausgange zutaumeln, mit ausgebreiteten Armen, vornübergebeugt, einen roten Schleier aus Blut vor dem Gesicht. Da setzte — endlich! — erlösend das Tacken der Maschinengewehre ein, und sofort rasten auch die Gewehre los, wie eine schnaubende Meute. Eine abstoßende, kalte Gier lag auf allen Gesichtern. Manche schrieen laut auf vor Haß und Wut, wenn wieder neue Gruppen auftauchten hinter den gelichteten Reihen; — die Gewehrläufe glühten schon, — und immer noch kam das gröhlende „Coraggio“ näher und näher.
Wie von Tobsucht befallen hüpften draußen die Silhouetten, sprangen in die Luft, fielen hin, kollerten durch einander, als hätte der Kriegstanz jetzt erst seinen Paroxismus erreicht.
Da sah Hauptmann Marschner, wie der Mann neben ihm für einen Augenblick das Gewehr senkte, und mit hastigen, schlotternden Händen das Bajonett auf den rauchenden Lauf klemmte. Ein Erbrechen stieg in ihm hoch, daß er schwindelnd die Augen schloß und sich gegen die Grabenwand gelehnt, auf die Erde niedergleiten ließ. — Sollte, . . . sollte er das . . . das sehen? . . . Menschen morden sehen, aus nächster Nähe? . . Er riß den Revolver aus der Tasche, nahm das gefüllte Magazin heraus und warf es weg. Nun war er wehrlos, — wurde auf einmal ruhig, richtete sich auf, von einer wunderbaren Gefaßtheit gehoben, bereit sich niedermachen zu lassen von einem dieser keuchenden Tiere, die da, von blinder Todesangst gehetzt, heranstürmten. Er wollte als Mensch sterben, ohne Haß, ohne Wut, mit sauberen Händen! . . .
Ein heiseres Aufbrüllen, ein fürchterlicher, entmenschter Schrei in seiner nächsten Nähe, riß seine Gedanken in den Graben zurück. Ein breiter Strahl aus Licht und Feuer fiel in steilem Bogen, blendend neben ihm nieder; floß spritzend über die Schulter des großen, pockennarbigen Schneiders vom ersten Zug. Im Nu stand die ganze linke Seite des Mannes in Flammen. Er warf sich heulend auf die Erde, wälzte sich kreischend, sprang wieder auf, lief wie eine lebende Fackel jammernd umher, bis er zusammenbrach, halb schon verkohlt, zuckend um sich griff, und erstarrte. Hauptmann Marschner sah ihn liegen, atmete den Geruch des verbrannten Fleisches, und sein Blick fiel unwillkürlich auf die eigene Hand, wo, unter dem Daumen, ein winziger, weißer Fleck, an die Qualen einer Brandwunde erinnerte, die er sich als Junge zugezogen.
Durch den Graben lief in diesem Augenblick ein brausendes, jauchzendes Hurrah aus hundert befreiten Kehlen. Der Angriff war abgeschlagen! Leutnant Weixler hatte den Flammenwerfer auf’s Korn genommen und auf den ersten Schuß getroffen. Die erstarrte Hand des Gefallenen hatte die Flammen, steil aufsteigend wie eine Fontaine, auf die eigenen Kameraden ergossen, und die dezimierten Reihen waren von der unerwarteten Gefahr jäh zurückgescheut, — wichen Hals über Kopf, — verfolgt von rasendem Feuer aus allen Gewehren.
Wie leblos fielen die Soldaten hin, mit schlaffen Zügen und erloschenen Augen, als hätte jemand den Kontakthebel der Leitung abgestellt, die diese toten Leiber von irgendwoher mit Kraft gespeist hatte. Einzelne lehnten käseweiß an der Grabenwand, legten den Kopf beiseite, und erbrachen sich vor Übermüdung. Auch Marschner fühlte ein Übelsein in sich aufsteigen; tastete sich dem Ausgange zu. Nun wollte er in seinen Unterstand, — ganz allein sein, — sich irgendwie befreien von der Verzweiflung, die ihn umklammerte.
— Holla! — rief Leutnant Weixler ganz unerwartet in die Stille hinein, und galoppierte nach links, wo die Maschinengewehre standen.
Der Hauptmann wandte sich noch einmal um, stieg auf den Antritt und sah ins Vorfeld hinaus. Da, dicht vor den Drahthindernissen, kniete ein Italiener, die Linke schlaff am Leib, die Rechte flehend erhoben, und rutschte langsam heran. Weiter rückwärts, halb verdeckt von dem Knienden, regte sich etwas auf der Erde. Drei Verwundete krochen dort, an den Boden gepreßt, dem eigenen Graben zu; man sah genau, wie sie hinter Leichen Deckung suchten, immer wieder eine Weile regungslos liegen blieben, um nicht entdeckt zu werden vom Feind. So jämmerlich war der Anblick dieser gottverlassenen Kreaturen, die so mit Zähnen und Krallen an das bißchen Leben sich klammerten, vom Tod umlauert, jede Sekunde wie eine Ewigkeit über sich.
— Geht’s, ist nicht irgendwo ein Strick da? — rief ein alter Korporal in den Graben zurück, — Der arme Teufel von an Salamucci dauert mich. Ziehg mer ihn rein! —
Mitten in seine Rede perlte eine Skala des Maschinengewehres. Der Knieende vor dem Stacheldraht horchte auf, warf sich zurück, wie zum Anlauf, und fiel aufs Gesicht. Hinter ihm sah man die Erde stauben vom Einschlagen der Kugeln, und die anderen, weit rückwärts, sich wie Schlangen aufrichten. Dann machten alle drei einen kurzen Satz nach vorne; — und blieben liegen.
Einen Augenblick stand Hauptmann Marschner sprachlos, sperrte den Mund auf, und brachte keinen Laut aus der Kehle. Endlich löste sich seine Zunge, und er schrie, mit einer wahnsinnigen, würgenden Wut in der Stimme: — Herr Leutnant Weixler! —
— Befehlen Herr Hauptmann? — kam es unbefangen zurück.
Er lief dem Leutnant entgegen mit geballten Fäusten, krebsrot im Gesicht. — Haben Sie geschossen? — keifte er atemlos.
Der Leutnant sah ihn erstaunt an, legte die Hände an die Hosennaht und meldete stramm: — Zu Befehl, Herr Hauptmann. —
Wieder blieb Marschner für einen Augenblick die Stimme aus; seine Zähne schlugen klappernd aneinander. — Schämen Sie sich! — stammelte er am ganzen Leibe zitternd, — auf wehrlose Verwundete schießt ein Soldat nicht, merken Sie sich das! —
Weixler wurde kreideweiß. — Melde gehorsamst, Herr Hauptmann, der eine, der bei uns war, hat mir die anderen verdeckt; ich hab’ ihn nicht verschonen können. — Dann, mit jäh sich aufbäumendem Zorn, fügte er trotzig hinzu: — Ich dachte auch, wir hätten genug hungrige Mäuler daheim.
Wie ein bissiger Hund fuhr der Hauptmann ganz nahe an ihn heran, stampfte mit dem Fuß und schrie: — Was Sie denken interessiert mich nicht. Ich verbiete Ihnen, auf Verwundete zu schießen! So lange ich hier das Kommando führe, ist jeder Verwundete heilig! Ob er zu uns will, oder zum Feind! Haben Sie mich verstanden?
Der Leutnant reckte sich hochmütig. — Dann muß ich Herrn Hauptmann gehorsamst bitten, mir diesen Befehl schriftlich zu geben. Ich halte es für meine Pflicht, dem Feinde möglichst viel Schaden zuzufügen. Ein Mann, den ich heute laufen lasse, kommt in zwei Monaten geheilt zurück, und schießt mir vielleicht zehn Kameraden tot.
Eine Sekunde lang standen sie sich regungslos gegenüber, und starrten sich an, wie zwei Kämpfer auf Leben und Tod. Dann nickte Marschner ganz leise mit dem Kopf, und sagte tonlos: — Sie sollen es schriftlich haben! — machte kehrt, und ging. Vor seinen Augen tanzten farbige Kugeln, er mußte alle Kraft zusammennehmen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und fiel zerschlagen auf die Konservenkiste nieder, als er endlich den Unterstand erreicht hatte. Sein Haß wandelte sich langsam in eine tiefe, erbitterte Mutlosigkeit. Er wußte genau, daß er im Unrecht war. Seinem Gewissen gegenüber nicht! Ihm galt die Tat als feiger Meuchelmord, — aber er und sein Gewissen hatten hier nichts zu sagen, hatten sich hierher verirrt, und mußten Unrecht behalten. Was sollte er tun? Gab er den Befehl schriftlich aus der Hand, dann bescherte er Weixler eine erwünschte Gelegenheit, sich hervorzutun, und brachte sich selbst vor den Auditor. Und diesen Triumph wollte er dem hämischen Kerl nicht gönnen! Lieber selbst Schluß machen: hingehen zum Brigadekommando, und es den hohen Herren offen ins Gesicht sagen, daß er das blutige Scheibenschießen nicht länger mitanschauen, daß er Menschen nicht wie reißende Tiere jagen könne, gleichviel welche Uniform sie trugen. Wenigstens hörte das Versteckenspielen endlich auf. Sie sollten ihn nur füsilieren, oder aufknüpfen lassen, wie einen gemeinen Verbrecher. Er würde ihnen zeigen, daß er zu sterben wußte.
Mit festen Schritten ging er hinaus, befahl einem Soldaten, den Herrn Leutnant zu holen. So hell war es jetzt in ihm, und so ruhig! Er hörte das höllische Feuer, das die Italiener wieder auf den Graben legten, und ging langsam, wie ein Spaziergänger, nach vorne.
— Jetzt schmeißens mit schweren Minen! — meldete der alte Korporal, — und schaute den Hauptmann verzweifelt an. Aber der ging vorbei, ungerührt von dem flehenden Kummer. Das alles ging ihn nichts mehr an. Der Herr Leutnant übernahm hier das Kommando. Das wollte er ihm eben sagen; konnte es kaum erwarten, die Verantwortung von sich zu wälzen! . . . Und kroch, als Weixler noch immer nicht kam, durch den Schacht in die Stellung hinauf.
Die kleinen, schlechten Augen flogen ihm entgegen, suchten den geschriebenen Befehl in seiner Hand. Er tat, als merkte er den fragenden Blick gar nicht, herrschte ihn hochfahrend an: — Herr Leutnant, ich übergebe Ihnen jetzt die Kompagnie bis . . . .
Ein kurzes Heulen von unerhörter Stärke schnitt ihm das Wort ab. Er hatte das Gefühl: — Das trifft mich! — sah im selben Augenblick auch schon etwas wie einen schwarzen Walfisch, vor seinen Augen aus dem Himmel sausen, kopfüber in die rückwärtige Grabenwand hineinfahren — — — dann brach ein Krater aus der Erde, ein Flammenmeer, das ihn aufhob, und ihm die Lunge mit Feuer füllte.
Als er langsam zu sich kam, lag er unter einem Erdwall begraben, nur der Kopf und der linke Arm waren frei; die anderen Glieder fühlte er nicht mehr. Sein ganzer Körper war gewichtlos geworden, er fand seine Beine nicht, es war nichts da, was er hätte bewegen können, nur ein Brennen und Wühlen, das von irgendwo her in sein Gehirn mündete, die Stirne versengte, und die Zunge zu einem schweren, würgenden Klumpen anschwellen ließ.
— Wasser! — stöhnte er. — War denn niemand da, um ihm einen Schluck Wasser in die ausgebrannte Mundhöhle zu träufeln? War niemand? . . . . Wo war denn Weixler? Der mußte doch da in der Nähe stehen, oder? — — — oder sollte der . . . am Ende auch verwundet? . . . Er wollte hochschnellen, — wissen, was mit Weixler geschehen war — — — er wollte! . . . . Wie ein überlasteter Dampfkran mühte sich seine linke Hand, den Kopf zu erreichen, und als es ihm endlich gelang, sie unter den Nacken zu schieben, da fühlte er erschauernd, daß der feste Widerstand der Hirnschale ausblieb, daß er in einen weichen, warmen Brei hineingriff, in dem seine Haare, vom geronnenen Blut verkleistert, wie ein feuchter, warmer Filz an den Fingern pappen blieben.
— Sterben! — durchfuhr es ihn kalt, — Hier sterben, ganz allein. . . . . Und Weixler? . . . Er mußte erfahren, was mit dem . . . . mußte! . . . .
Mit übermenschlicher Anstrengung stemmte er seinen Kopf, mit der Linken, so weit hoch, daß er einige Schritte weit den Graben überblicken konnte. Und nun sah er Weixler, mit dem Rücken gegen sich, mit dem rechten Arm an die Wand gelehnt, schief dastehen, die linke Hand an den Leib gepreßt, die Schultern hoch oben, wie im Krampf. Noch eine Spanne höher reckte er sich, erblickte den Boden, und einen breiten, dunklen Schatten, den Weixler warf. — Blut? . . . Er blutet! . . . . Oder? — Das war doch Blut! . . . Konnte nur Blut sein . . . . Und dehnte sich doch so merkwürdig, zog wie ein dünner, roter Faden zu Weixler hinauf, dorthin, wo er sich den Leib hielt, — — — als wollte er die Wurzeln abreißen, die ihn an die Erde fesselten. — — —
Er mußte doch sehen! . . . schleuderte den Kopf nach vorne — — — und stieß einen röchelnden Schrei aus, einen Schreckensschrei, — als er erkannte, daß der Unglückliche seine Eingeweide hinter sich herzog. — Weixler! — entfuhr es ihm gellend, von heißem Mitleid durchzittert.
Der Angerufene wandte sich langsam, sah fragend zu Marschner hinunter, blaß, traurig, mit erschrockenen Augen. Nur den Bruchteil einer Sekunde lang stand er so, dann verlor er das Gleichgewicht, taumelte und fiel nieder, verschwand aus dem Gesichtskreis des Hauptmanns. Kaum daß ihre Blicke Zeit gehabt hatten, sich zu kreuzen, — vorbeigehuscht war nur das bleiche Gesicht! Und doch stand es da; blieb haften in der Luft, mit einem milden, weichen, klagenden Zug um die schmalen Lippen, mit einem unvergeßlichen Ausdruck von sanftem, ängstlichem Sichergeben.
— Er leidet! — . . . . durchflammte es Marschner. — Er leidet! — . . . . jauchzte es in ihm. Und ein Leuchten ergoß sich über seine Blässe, . . . . seine blutverklebten Finger fuhren wie streichelnd durch die Luft . . . . bis der Kopf zurücksank, und die Augen brachen.
Die ersten Soldaten, die durch den hochgetürmten Erdwall endlich bis zu ihm vordrangen, fanden ihn schon entseelt; um seinen Mund schwebte, trotz der gräßlichen Verwundung, ein zufriedenes, fast glückliches Lächeln.
Auf dem großen Platz vor dem alten Rathaus, das jetzt dem Armee-Oberkommando als Amtsgebäude diente, und die drei zauberkräftigen Buchstaben A. O. K. wie ein kabalistisches Zeichen auf der Stirne trug, konzertierte auf Befehl seiner Excellenz, von drei bis vier Uhr nachmittags, täglich eine Militärkapelle. Es sollte der Zivilbevölkerung für die vielen Unannehmlichkeiten, die das Einquartieren von mehreren hundert Stabsoffizieren und einer Reihe niederer Kommandostellen unvermeidlich im Gefolge hat, dieses kleine Vergnügen als Entschädigung geboten werden. Auch trugen — nach Ansicht des Excellenzherrn —, derartige Veranstaltungen viel zur Beliebtheit des Militärs bei, und förderten den Patriotismus der Schuljugend und der kompakten Masse. Für die Stimmung im Publikum zu sorgen und für gutes Einvernehmen zwischen den Militärs und Zivilbehörden, hielt der gestrenge Herr Oberkommandierende — bei aller Wahrung seiner Vorrechte —, im Interesse der Kriegführung für dringend geboten. — Nebenbei aber hatte der Umstand, daß die Herren des Generalstabes, mit Excellenz an der Spitze, um diese Zeit ihren Schwarzen einnahmen, nicht unwesentlich zu der Einführung dieser Nachmittagskonzerte beigetragen.
Unter den hundertjährigen Platanen, die mit ihren riesigen, ineinander greifenden Kronen den ganzen Platz wie ein Kirchenschiff überwölbten, saß es sich sehr angenehm. Die Herbstsonne lag mit mattem Glanz auf den Mauern ringsum, streute, wie durch Butzenscheiben, goldene Ringe durch das dichte Laub, auf die kleinen, runden Tische, die in langen Reihen vor dem Kaffeehaus standen. Für die Herren vom Generalstab war eine Extrareihe da, schneeweiß gedeckt, mit kleinen Blumenvasen, und frischen, knusprigen Kuchen, die ein Verpflegsfeldwebel, täglich Punkt drei, aus der großen Feldbäckerei herüberbrachte, wo sie für Excellenz und seine Kaffeegesellschaft eigens, und mit entsprechender Sorgfalt, unter persönlicher Aufsicht des Kommandanten verfertigt wurden.
Es war ein schönes, lustiges Bild, ein buntes, richtiges Großstadttreiben um den Musikpavillon, so lebendig und sorglos fröhlich, wie auf dem Graben in Wien, an einem schönen Frühlingssonntag, im tiefsten Frieden. Die Kinder umstanden andächtig das Orchester, schlugen den Takt, und klatschten begeistert Beifall nach jedem Stück. In den Straßen, die auf den Platz mündeten, zirkulierte die heranwachsende Jugend, kichernde Backfische mit buntbemützten Gymnasiasten; während die haute-volée, die Damen der ortsansässigen Beamten- und Kaufmannschaft, in der benachbarten Konditorei auf der Lauer saßen, um sich emsig zu entrüsten über die unternehmungslustigen Hüte, durchschimmernden Strümpfe, und fast kniefreien Röcke einer gewissen zugereisten Weiblichkeit, die da, trotz aller Proteste und Verfügungen, bei hellichtem Tage, schamlos ihr Unwesen trieb.
Die Hauptnote aber gaben doch die durchreisenden Offiziere. Alles was auf Urlaub ging, oder wieder zur Truppe einrückte, mußte durch die Stadt, und genoß in vollen Zügen den ersten oder letzten freien Tag. Jeder geringste Mangel draußen an der Front, ob es nun Hufnägel, Sattelseife, Sanitätsmaterial oder Flaschenbier zu holen galt, — alles konnte hier am nächsten und raschesten besorgt werden, in dieser ersten kleinen — großen Stadt. Wer Pech hatte oder unbeliebt war, erhielt eine Auszeichnung für seine Heldentat, und damit basta. Wer aber die Gunst seines Kommandanten genoß, wurde vor allem hierher zum Einholen geschickt, als Lohn. Eine unglaubliche Findigkeit im Entdecken dringender Bedürfnisse hatte sich allmählich herausgebildet, und ein geheimnisvolles, aritmethisches Verhältnis waltete unverkennbar, zwischen dem Aufwand der einzelnen Truppenteile an Holzkohle, Wagenfette etc. und der Entfernung ihres Standortes von der beliebten Etappenstation.
Lange währte das Vergnügen ja nicht. Gerade die Zeit ein heißes Wannenbad zu nehmen, seine besten Uniformstücke, frisch aufgebügelt, einigemal in den Hauptstraßen herumzuzeigen, zwei Mahlzeiten an weißgedecktem Tisch, und eine kurze Nacht in einem richtiggehenden Bett, mit, oder, — wenn’s durchaus sein mußte —, ohne Zärtlichkeit; — dann ging es wieder betrübt und in nervöser Reizbarkeit hinaus zum rasend überfüllten Bahnhof, und zurück zur Front, in das feuchte Erdloch oder sonnendurchglühte Blockhaus.
Die Lebensgier dieser jungen Offiziere, die so mit hungrigen Augen durch das Städtchen bummelten, ein Hasten im Blut, wie der Taucher, der in einem Augenblick die Lunge sich voll saugt, — hatte allmählich das ganze, langweilige Provinznest angesteckt. Es prickelte, schäumte, bereicherte sich und wurde leichtlebig; konnte gar nicht genug haben an Sensationen, nun es einmal im Mittelpunkte des Weltgeschehens stand und einen Anspruch hatte auf Ereignisse.
Kopf an Kopf wogte die Menge auch an diesem Wochentage an der Musik vorbei, festlich gekleidet und festlicher Laune, durchzuckt von den Rythmen des Blauen-Donau-Walzers, den das Orchester mit Trommelwirbel und Tschinellenschlag hinreißend exekutierte. Wie hinter den Kulissen eines ganz großen Festspielhauses, während der Aufführung einer Tragödie mit Chören und Massenaufzügen, ging es eigentlich zu. Von dem blutig ernsten Stück, das vorne gespielt wurde, sah und hörte man nichts. Das Gesicht der Akteure entspannte sich hier auf der Hinterbühne; sie rasteten, warfen sich hinein in den farbigen Rummel, herzlich froh, nichts zu wissen von dem Fortgang des Trauerspiels; genau wie richtige Schauspieler auch in ihr bürgerliches Dasein zurückfallen, bis zum nächsten Stichwort.
Wer da, im Schatten der alten Bäume sitzend, bei Kaffee und Cigarre diesem Treiben zusah, konnte leicht von der Illusion erfaßt werden, auch das Drama, das vorne an der Front gespielt wird, sei nur ein lustiges Spetakelstück. Der ganze Krieg präsentierte sich, von hier aus gesehen, wie ein lebenspendender Strom, der Musikkapellen heranschwemmt, Geld und Frohsinn unter die Leute bringt, und von promenierenden Offizieren betrieben, von gemächlich verdauenden Generalstäblern dirigiert wird. Von seiner blutigen Seite war nichts zu sehen! Kein Geschützdonner schlug an’s Ohr, kein Verwundeter trug sein persönliches Elend als störende Note in die allgemeine Lebenslust hinein.
Das war freilich nicht immer so gewesen. In den ersten Tagen, als das tägliche Kaffeekonzert noch den Reiz der Neuheit hatte, ergossen sämtliche Sanitätsanstalten, alle Ergänzungs-, Not- und Reservelazarette ihren ungeheueren Bestand an Rekonvalescenten und Leichtverwundeten in die Stadt hinein, auf die Promenade. Aber das dauerte nur zwei Tage. Dann befahl seine Exzellenz der Oberkommandierende den Garnisonschefarzt zu kurzer Audienz und erklärte dem zerknirschten Sünder in scharfen Worten, wie ungünstig ein solcher Anblick die Stimmung im Publikum beeinflußte. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß alles was Verbände trägt, verstümmelt ist, oder sonstwie geeignet erscheint, deprimierend auf die allgemeine Kriegsbegeisterung einzuwirken, künftighin in den Spitälern konsigniert bleiben werde.
Und seine Hoffnung wurde nicht enttäuscht! Nichts Unerfreuliches trübte mehr sein Vergnügen, wenn er, mit der geliebten Virginia zwischen den Zähnen, über die lange Reihe seiner Untergebenen hinweg, auf die Straße hinaus sah. Niemand ging da vorbei, ohne einen ehrfurchtsvoll scheuen Seitenblick auf den allmächtigen Schlachtenlenker zu werfen, der wie andere gewöhnliche Sterbliche seinen Kaffee schlürfte, trotzdem er der berühmte Generaloberst X. war, unbeschränkter Herr über hunderttausende von Menschenleben, in den Zeitungen mit Vorliebe „Der Sieger von ***“ genannt. Kein Schicksal gab es in dieser Stadt, das er nicht mit einem Federstrich hätte umbiegen, — nichts was er nicht nach Gutdünken hätte fördern oder vernichten können. Seine Gunst bedeutete Lieferungen und Reichtum, oder Auszeichnung und Avancement; seine Ungnade Aussichtslosigkeit, oder eine Marschroute in den sicheren Tod.
Mollig zurückgelehnt in den großen Korbstuhl, der einmal historisch zu werden versprach, saß lächelnd der Gewaltige und scherzte mit der Frau seines Generalstabschefs. Er wies mit der Hand hinaus auf die Straße, wo im grellen Sonnenschein die Menge wogte, und sagte mit einer satten, triumphierenden Heiterkeit in der Stimme:
— Da! Dieses Treiben möchte ich einmal den Herren Pazifisten zeigen, die immer so tun, als wäre der Krieg nichts, als ein scheußliches Gemetzel. Sie hätten dieses Nest im Frieden sehen sollen, gnädige Frau. Zum Einschlafen! Der Dienstmann an der Ecke verdient heute mehr Geld, als früher der größte Kaufmann. Und haben Sie sich schon die jungen Leute angesehen, die von der Front hereinkommen? Sonnenverbrannt, gesund und vergnügt! Die meisten sind im Frieden in irgendeiner Kanzlei gehockt; schlapp, käsig, verbummelt. Glauben Sie mir, die Welt ist noch nie so gesund gewesen, wie heute. Nehmen Sie aber eine Zeitung in die Hand, dann lesen Sie von einer Weltkatastrophe; vom Verbluten Europas, und was die Herren sonst noch zusammenschmieren. —
Die buschigen, weißen Brauen glitten hoch hinauf, bis zur Mitte der stark gewölbten Stirne; die kleinen, stechend schwarzen Augen huschten beobachtend über die Gesichter der Anwesenden.
Die Anregung des Excellenzherrn wurde sofort emsig aufgenommen. An allen Tischen flammte das Gespräch auf, wurde die segensreiche Wirkung des Krieges abgewandelt, ergingen die Spaßmacher sich in witzigen Bemerkungen über das Schreibergeschwätz der Friedensfreunde. Nicht ein Einziger saß in der ganzen Gesellschaft, dem der Krieg nicht wenigstens zwei Auszeichnungen, materielle Sorglosigkeit und eine herrschaftliche Lebensführung beschert hatte, wie sie in Friedenszeiten nur vielbeneideten Geldmagnaten beschieden ist. Der Krieg trug, in diesem Kreise, die Maske Knecht Rupprechts, einen Sack voll guter Gaben auf dem Rücken, und eine Anweisung auf glänzende Karriere in der Hand. Wohl hatte der eine oder andere der Herren einen Trauerflor auf dem Ärmel, für den Bruder, oder Schwager, der, als Truppenoffizier, das andere, das todbringende Gorgonenantlitz des Krieges geschaut. Aber dieses Antlitz war so weit, — über sechzig Kilometer in der Luftlinie; und ein gelegentlicher Ausflug in seine Nähe war kurzer Nervenkitzel, spannendes Erlebnis. In einer Stunde raste das Auto wieder in die Sicherheit zurück, zur Badewanne; und man ging wieder in Stiefeletten über asphaltierte Straßen. Wer hätte da nicht einstimmen mögen in das Loblied der Excellenz? . . . .
Der hohe Herr lauschte eine Weile noch befriedigt dem Stimmengewirr, das seine Worte entfesselt hatten, und zog sich dann allmählich wieder in seine Gedanken zurück. Er blickte ernsthaft vor sich hin, sah die Sonnenringe, die durch das bewegliche Laubdach, wie durch ein Sieb auf ihn herabfielen, glitzernd mit den Kreuzen und Sternen spielen, die in drei dichtgesäten Reihen seine linke Brusthälfte bedeckten. Alles, was die Herrscher vier mächtiger Reiche für Heldenmut, Todesverachtung und hohe Verdienste als sichtbares Dankeszeichen zu vergeben hatten, war vollzählig da in der reichen Sammlung. Es gab keine Ehrung, die der Sieger von *** noch hätte erstreben können. Und das alles hatten ihm elf kurze Kriegsmonate an den Hals geworfen; war die Ernte eines einzigen Kriegsjahres. Neununddreißig Dienstjahre hatte er vorher in öder Gleichmäßigkeit, in ewigem Kampfe mit schäbigen Alltagssorgen abgehaspelt; hatte sich müde gerungen mit all den Nöten eines hoffnungslosen Kleinbürgerdaseins, das den kläglichen Bemühungen eines verschämten Armen gleicht, der einen Defekt seiner Kleidung mit tausend Kniffen zu verbergen sucht, und das verräterische Loch immer wieder hervorlugen sieht aus der krampfhaft drapierten Verhüllung. Neununddreißig Jahre lang hatte er sich unentwegt auf Enthaltsamkeit träniert, mit sehr viel Gold auf der Uniform und sehr wenig in der Tasche; war eigentlich längst schon bereit gewesen abzugehen, gründlich satt des billigen Vergnügens, als Nero auf dem Exerzierfeld den Krampus zu machen für junge Offiziere. Und da kam das Wunder! Im Handumdrehen war aus dem grantigen alten Herrn eine Art Nationalheld, eine europäische Berühmtheit, war er „der Sieger von ***“ geworden. Genau wie im Märchen, wenn die gütige Fee erscheint, der verwunschene Prinz in strahlender Jugend der garstigen Hülle entsteigt, und, von Lakaien und Rittern umringt, sein prächtiges Schloß bezieht.
Die strahlende Jugend blieb ihm wohl versagt; aber er war doch wieder elastisch geworden, das ereignisreiche Jahr hatte ihn aufgerüttelt, Lebenslust und Arbeitskraft eines Vierzigjährigen pulsierten, neu erwacht, in seinen Adern. Als Herrscher saß er da, im Schatten der Platanen; das Glück an seiner Brust spiegelte leuchtend die Sonne, — und eine Stadt lag ihm zu Füßen! Nichts, gar nichts fehlte, um das Märchen vollkommen zu machen. Vor dem Kaffeehaus schlummerte das riesige, graue Tier, von zwei strammen Unteroffizieren bewacht, mit der Lunge von hundert Pferden im Brustkasten, des Kurbelschlages harrend, der es weckt, um den Herrn mit Windeseile hinauszufahren auf sein Schloß, hoch über Stadt und Tal. Wo war die Zeit, da man, mit Generalsstreifen auf der Hose, noch mit der Trambahn nach Hause fuhr, in die standesgemäße Sechszimmerwohnung, die, eigentlich, eine Fünfzimmerwohnung war mit einer Kammer? Wo war das alles? . . . Jahrhunderte hatten ihre edelsten Kräfte, Generationen ihren Kunstsinn aufgeboten, um das Schloß, — das jetzt für seine Excellenz den Oberkommandierenden der —ten Armee requieriert war, — mit den erlesensten Schätzen zu füllen. Sonne und Zeit hatten unermüdlich ihre Arbeit getan, bis der laute Glanz des aufgestapelten Reichtums, zu wohltemperierter Pracht gedämpft, wie durch einen feingewobenen Schleier schimmerte. Wer da täglich, als Herr des Hauses, die mächtige Freitreppe hinanstieg, seinen Willen laut durch die vornehm schlummernden Räume hetzte, — mußte sich als König fühlen, konnte den Krieg nur wie ein herrliches Märchen erleben. Oder gab es je einen Hofhalt, der näher das Wunder streifte? In der Küche regierte ein Meister seiner Kunst: der Chef des ersten Hotels im Lande, — sonst mit doppeltem Generalsgehalt nicht zufrieden, — für einen Lohn von fünfzig Heller täglich; und wandte doch seine ganze Kunst auf, — hatte nie angstvoller gestrebt, dem Gaumen, dem er diente, zu schmeicheln! Der Braten, den er servieren ließ, war das schönste Stück Fleisch, das zweihundert Ochsen, die täglich im Armeebereich ihr Leben für’s Vaterland ließen, bei sorgfältigster Wahl zu vergeben hatten! Die würdigen Männer, die ihn auf silbernen Schüsseln, — von Schülern Benvenutos für den Ahn des Hauses geschmiedet, — auftrugen, waren Generäle des Kellnerstandes, ließen, im Frieden, den Frack in London bauen, und lauerten jetzt, wie verprügelte Piccolos, zitternd auf jeden Wink des Gebieters! Und dieser ganze Train, dieser ganze fürstliche Haushalt funktionierte automatisch, und — ganz ohne Geld! Ohne daß der Herr, für den alles sich mühte, jemals den sonst so unvermeidlichen Griff zur Brieftasche tat. Unerschöpflich zirkulierte das Benzin in den Adern der drei Kraftwagen, die Tag und Nacht auf den Marmorquadern des Schloßhofes sich rekelten; — wie von Feenhänden gespendet strömte alles herbei, was Mund und Auge begehrten. Kein Bedienter forderte seinen Lohn, alles schien selbstverständlich da zu sein, wie in Märchenschlössern, wo jeder Wunsch Schöpferkraft besitzt.
Allein nicht nur das „Tischlein deck’ dich“ war Ereignis, war ernste, greifbare Wirklichkeit geworden. Das Wunder war nicht erschöpft, wenn es neunundzwanzig Tage lang alle Vorratskammern gefüllt hatte. Es trieb am dreißigsten Tag auch den Esel, der sich streckt und Reichtum spendet noch auf, und an Stelle der leidigen Lieferantenrechnungen flatterten Banknoten ins Haus. Statt Ärger, Streit, notwendige Knauserei seufzend zu tragen, stopfte man sich die Taschen gelangweilt mit den Scheinen voll, die ja doch gänzlich überflüssig waren in dem Schlaraffenland, das der Krieg seinen Vasallen erschlossen hatte.
Eine einzige finstere Wolke nur huschte ab und zu über das strahlende Firmament dieses Wunderlandes, und ihr Schatten streifte die Stirne seiner Excellenz. Der Gedanke, das Märchen könnte der Wirklichkeit weichen; die Angst, eines Tages erwachen zu müssen aus diesem herrlichen Traum, störte zuweilen die reine Freude. Nicht vor dem Frieden war es dem Excellenzherrn bange. An den dachte er gar nicht. Aber wie, wenn die Mauer, aus Menschenleibern kunstvoll gebaut, eines Tages doch in’s Wanken geriete? Wenn der Feind alle Riegelstellungen durchstößt, die Disziplin der Panik weicht, und die mächtige Mauer in ihre Bestandteile zerfällt, sich in angsterfüllte, um ihre Leben jagende Menschen auflöst? . . . Dann würde der Sieger von ***, der allmächtige Märchenkönig wieder in den schäbigen Alltag zurücksinken, müßte irgendwo, in einem stillen Nest, unbemerkt, seine Pension verzehren, seine Trophäen in eine bescheidene Etagenwohnung pfropfen, und, unter andern Ausrangierten, als Stammtischgröße sich bescheiden! Ein Mißerfolg, — und die Welt vergißt im Nu ihre Begeisterung; ein Anderer zieht in’s Schloß hinauf, ein Anderer rast im Kraftwagen als Herrscher durch die Stadt, der ganze riesige Troß blickt demütig zum neuen Herrn empor, und der alte wird zur Anekdote, eine entlarvte Vogelscheuche, die jeder Spatz frech besudelt!
Die kleine, fleischige Hand ballte sich unwillkürlich zur Faust und die gefürchtete Querfalte über der Nasenwurzel, das „Gewitterzeichen“, das die eigenen Soldaten wie der Feind fürchten gelernt, grub sich, für einen Augenblick, in die hochgewölbte Stirne. Dann hellte sich das Gesicht wieder auf, und Excellenz sah sich stolz im Kreise um.
Nein! Der Sieger von *** hatte keine Angst. Seine Mauer stand fest und wankte nicht. Drei Monate hatte jede Nachricht, die in der Abteilung für Kundschafterdienste einlief, von den ungeheueren Vorbereitungen im feindlichen Lager berichtet. Drei Monate lang hatten sie drüben Munition gehäuft, und Kräfte zusammengezogen für den Monstreangriff, der nun, seit heute Nacht, entfesselt war. Der General wußte, was die Menschenmenge, die da lustig in der Sonne wimmelte, erst am nächsten Morgen aus den Zeitungen erfahren sollte, daß draußen an der Front seit zwanzig Stunden eine erbitterte Schlacht im Gange war; daß, kaum sechzig Kilometer von dem Promenadenkonzert, die Geschütze ohne Atempause tobten, ein dichter Hagel von glühendem Eisen zischend auf seine Soldaten niederprasselte. Drei restlos abgewiesene Infanterieüberfälle hatten die Morgenberichte schon gemeldet, und jetzt hämmerte mit rasender Wut die Artillerie, als Einleitung zu neuen Kämpfen während der Nacht.
Nun, sie sollten nur kommen!
Mit einem Ruck richtete sich der Excellenzherr auf, und sein Blick bekam einen gespannten Ausdruck, als könnte er, — während seine Finger auf der Tischplatte nervös den Takt zum Donauwalzer trommelten, — das Trommelfeuer hören, das draußen an der Front wie Sturmwind brüllte. Seine Vorkehrungen waren getroffen: das Menschenreservoir bis zum Überlaufen aufgefüllt! Zweimalhunderttausend junge, kräftige Burschen, die erlesensten Jahrgänge, lagen rückwärts bereit, um im geeigneten Moment vor die Walze geworfen zu werden, bis sie in einem Sumpf von Blut und Knochen stecken blieb. Sie sollten nur kommen, je stärker desto besser. Der Sieger von *** war bereit, seinen Lorbeeren einen neuen Zweig hinzuzufügen, und seine Augen blitzten, wie die vielen Tapferkeitszeichen an seiner Brust.
Da erhob sich am Nachbartisch sein Adjutant, kam zögernd heran, und flüsterte Excellenz einige Worte zu.
Der hohe Herr schüttelte ablehnend das Haupt.
— Es ist eine wichtige ausländische Zeitung, Excellenz! — drängte der Adjutant, und fügte, als der Gebieter immer noch energisch abwinkte, bedeutungsvoll hinzu: — Der Herr hat ein Empfehlungsschreiben aus dem Hauptquartier mitgebracht, Excellenz.
Da gab der General den Widerstand endlich auf, erhob sich seufzend und sagte, halb scherzhaft, halb ergrimmt zu seiner Nachbarin: — Ein rechtschaffenes Kartäschfeuer wär’ mir lieber! — Dann folgte er ergeben dem Adjutanten, reichte dem kahlköpfigen Zivilisten, der stürmisch hochschnellte und in der Mitte auseinanderbrach, wie ein zuklappendes Federmesser, jovial die Hand, und lud ihn zum Sitzen ein.
Der Journalist stammelte einige Worte der Bewunderung, schlug erwartungsvoll sein Notizbuch auf, eine Reihe von Fragen auf den Lippen. Allein der Excellenzherr ließ ihn gar nicht erst zu Worte kommen. Er hatte sich für derlei Fälle — im Laufe der Zeit — einige wohlüberlegte, unverfängliche Äußerungen zurechtgelegt, und sagte nun seine Rede, mit scharfer Betonung und kurzen Denkpausen, gehorsam her.
Vor allem gedachte er rühmend seiner braven Soldaten, lobte ihre Tapferkeit, ihre Todesverachtung, ihre, über alles Lob erhabenen Leistungen. Sodann sprach er sein Bedauern aus über die Unmöglichkeit, jeden Einzelnen dieser Helden nach Gebühr zu belohnen, und forderte vom Vaterlande, — mit erhobener Stimme, — unvergängliche Dankbarkeit für so viele Treue und Selbstverleugnung bis in den Tod. Er erklärte, mit einem Fingerzeig auf den dichten Ordenswald, die Auszeichnungen, die ihm zu Teil geworden waren für eine Ehrung, die seinen Soldaten galt. Endlich flocht er noch einige maßvoll lobende Worte über den Gefechtswert der feindlichen Soldaten und die Umsicht ihrer Führung ein; und schloß mit der Äußerung seines unerschütterlichen Vertrauens in den Endsieg.
Der Journalist lauschte andächtig und warf nur ab und zu ein kurzes Stichwort zu Papier. Die Hauptsache war ja doch das Auftreten des Gewaltigen, seine Art zu reden, seine Gesten zu beobachten; seine Persönlichkeit in wenigen, markanten Zügen einzufangen.
Der Excellenzherr legte, nachdem er seine Rede geschlossen, den Feldherrn gleichsam ab, wandelte sich aus dem Sieger von *** zum Weltmann. — Sie gehen jetzt an die Front, Herr Doktor? — frug er mit verbindlichem Lächeln, und antwortete auf das begeisterte „Ja“ des Schriftstellers mit einem schweren, melancholischen Seufzer. — Sie Glücklicher! Ich kann Sie nur beneiden. Sehen Sie, das ist der tragische Zug im Leben des Feldherrn von heute, daß er seine Truppen nicht mehr selbst in’s Feuer führen darf! Ein ganzes Leben lang hat er sich auf den Krieg vorbereitet, ist Soldat mit Leib und Seele, und kennt die Aufregungen des Kampfes nur vom Hörensagen. —
Hoch erfreut über die subjektive Äußerung, die er nun doch noch ergattert hatte, und die ihm durchaus geeignet erschien, den allmächtigen Befehlshaber in der gewinnenden Rolle des Entsagenden, der auch nicht immer konnte wie er mochte, zu zeigen, hatte der Journalist sich für einen Augenblick über sein Notizbuch gebeugt, und fand, als er wieder aufblickte, das Gesicht der Excellenz — zu seinem Erstaunen —, gänzlich verändert. Die Stirne lag in drohenden Falten, die Augen starrten, weit aufgerissen, erwartungsvoll über den Interviewer hinweg. Der wandte sich rasch um und sah einen blassen, abgemagerten Infanteriehauptmann, mit merkwürdig schlotterndem Gang, grinsend auf die Excellenz zusteuern. Immer näher kam er, — starrte mit gläsern glotzenden Augen und lachte ein häßliches, stumpfsinniges Lachen. Schon sprang der Adjutant erschrocken auf von seinem Tisch, — die Adern seiner Excellenz schwollen wie Taue aus der Stirne, — der Journalist sah ein Attentat kommen und erblaßte. Bis auf einen halben Schritt wankte der unheimliche Hauptmann an die beiden heran. Dann blieb er stehen, kicherte blödsinnig und griff, — wie ein Kind, das nach dem Lichte hascht, — in die dichtgehäuften Orden der Excellenz hinein.
— Sehr schön — — — glänzt schön! — lallte er mit schwerer Zunge; wies mit seinem endlos dünnen, zitterigen Zeigefinger zur Sonne hinauf, gröhlte: — Sonne! — dann, wieder nach den Orden greifend, noch einmal: — Glänzt schön! — Dabei wanderte sein unruhiger Blick, wie suchend, hin und her, und das häßliche, vertierte Lachen wiederholte sich nach jedem Wort.
Die Rechte des Excellenzherrn war in die Höhe geschnellt, um den Kerl, der da so respektlos auf ihn loskam, vor die Brust zu stoßen. Nun legte sie sich dem armen Narren begütigend auf die Schulter.
— Sind wohl aus dem Spital hereingekommen, Herr Hauptmann, zur Musik? — sagte er, und winkte seinem Adjutanten mit den Augenbrauen. — Es ist weit hinaus zum Spital mit der Trambahn! Setzen Sie sich in mein Automobil, das fährt schneller.
— Auto — — — schneller! — — — echote der Irrsinnige mit seinem gräßlichen Lachen, ließ sich geduldig unter den Arm fassen und wegführen. Noch einmal wandte er sich grinsend nach den glitzernden Ordenskreuzen um; dann zog ihn der Adjutant mit sich.
Der General folgte mit den Blicken, bis die beiden das Auto bestiegen hatten. Zwischen seinen Augenbrauen stand, unheildrohend, das „Gewitterzeichen“. Er kochte vor Zorn über die unerhörte Nachlässigkeit, so einen Menschen frei herumlaufen zu lassen! Aber der Zivilist an seiner Seite fiel ihm noch rechtzeitig ein; er bezwang sich und sagte achselzuckend:
— Ja! Das sind so die traurigen Seiten des Krieges. Sehen Sie, schon darum muß der Führer heute weit rückwärts bleiben, wo nichts zu seinem Herzen spricht. Kein Feldherr brächte sonst die nötige Härte auf, wenn er alles Elend in der vordersten Reihe mitansehen müßte.
— Sehr interessant! — hauchte dankbar der Journalist; machte sich rasch eine kurze Notiz, und klappte das Heft zu. Er mußte befürchten, die kostbare Zeit seiner Excellenz bereits allzulange in Anspruch genommen zu haben. Nur eine einzige Frage bat er sich noch erlauben zu dürfen:
— Für — — — wann glauben Euer Excellenz, daß wir den Frieden erhoffen dürfen?
Der General zuckte zusammen, biß sich in die Unterlippe und sah bei Seite, mit einem Blick, vor dem jeder Generalstäbler der . . . ten Armee sich in die Erde verkrochen hätte. Mit sichtbarer Mühe setzte er noch einmal das verbindliche Lächeln auf, wies mit der Hand quer über den Platz, auf das offene Portal der alten Basilika: — Da kann ich Ihnen nur raten, dort hinüberzugehen und den Herrn im Himmel zu fragen! Er ist der Einzige, der Ihnen diese Frage beantworten kann.
Ein freundliches Nicken, ein kräftiger Händedruck, — dann ging er, ehrfurchtsvoll gegrüßt von der Menge, mit großen Schritten zu Fuß in sein Amt hinüber.
Als er das Gebäude betrat, stand die gefürchtete Querfalte fingertief auf seiner Stirne. Eine angehaltene Ordonnanz führte ihn zitternd vor das Zimmer des Garnisonschefarztes. Dann hielt das ganze Haus einige Minuten lang den Atem an, während die Stimme des Gewaltigen durch alle Korridore donnerte. Er kommandierte den würdigen, alten Oberstabsarzt, wie einen Schreiber, an seinen Tisch, und diktierte ihm einen Erlaß in die Feder, der allen Spitalinsassen, ohne Unterschied der Charge, gleichviel ob krank oder verwundet, das Verlassen der Anstaltsmauern strengstens untersagte. — Denn — so schloß der Befehl —, wer krank ist, gehört ins Bett; und wer sich genügend kräftig fühlt, um in die Stadt zu gehen und im Kaffeehaus zu sitzen, der melde sich an die Front zurück, wohin die Pflicht ihn ruft. —
Das Auf- und Abgehen mit klingenden Sporen, das Hinabdonnern auf den zusammengekauerten alten Doktor, hatte seinen Zorn besänftigt. Schon galt das Unwetter für überstanden, da spielte ihm ein unglücklicher Zufall die Meldung der Brigade in die Hand, die, am stärksten vom Feinde berannt, schwere Verluste erlitten hatte und nur noch weiter auf ihrem Platze belassen wurde, um dem Gegner, in verzweifeltem Ringen, das Vordringen möglichst kostspielig zu machen. Hinter ihr lauerten schon die Flatterminen, hockte — seit gestern schon —, eine ganze frische Division in unterirdischen Kasematten, um dem siegesfroh heranflutenden Feinde eine kleine Überraschung zu bereiten. Natürlich hatte es der Oberkommandierende dem Brigadier nicht auf die Nase gebunden, daß er auf einem verlorenen Posten stand und keine andere Aufgabe hatte, als seine Haut teuer zu verkaufen. Je länger das Ringen dauerte, desto besser! Und die Leute schlugen sich viel zäher, wenn sie bis zum letzten Augenblick auf Entsatz hofften.
Das alles hatte der Excellenzherr eigenhändig so verfügt; war im Grunde hoch erfreut, daß die Brigade nach drei übermächtigen Infanterieangriffen immer noch standhielt. Aber nun lag da eine Meldung vor ihm, die allen soldatischen Traditionen widersprach, und den schon verebbten Sturm jäh neu entfesselte.
Dieser Generalmajor, — seinen Namen wollte sich Excellenz, auf alle Fälle, genau merken, — schilderte, mit einer durchaus unmilitärischen Gesprächigkeit und Nervosität, die furchtbare Wirkung des Trommelfeuers, erklärte; — statt sich auf zahlenmäßige Angaben zu beschränken, — seine Brigade für dezimiert, die Widerstandskraft der Mannschaft für erschöpft, und bat zum Schluß dringend um Verstärkung, da er, mit den Resten seines Bestandes, den Abschnitt gegen die bevorstehenden Nachtangriffe unmöglich halten könne.
— Unmöglich halten? . . . Unmöglich? . . . — Wie eine Fanfare schmetterte der Excellenzherr diesen Satz seinen regungslos dastehenden Herren immer wieder in die Ohren. — Unmöglich?! — Seit wann hatte sich denn der Oberkommandierende von seinen Abschnittskommandanten darüber belehren zu lassen, was „möglich“ war? . . .
Purpurrot vor Empörung nahm er die Feder in die Faust, und schrieb als Antwort den einzigen Satz auf die Meldung: — Der Abschnitt wird gehalten! — und darunter seinen Namen, mit den großen steilen Strichen, die jedes Schulkind im Lande von den Postkarten mit dem Bildnis des Siegers von *** her kannte. Er selbst drückte den Umschlag dem Motorradler in die Hand, zur Beförderung an die Funkenstation, da die Telephondrähte der betreffenden Brigade längst schon in Grund und Boden getrommelt waren. Dann brauste er wie eine Gewitterwolke durch alle Räume, blieb eine halbe Stunde im Kartenzimmer, hatte eine kurze Besprechung mit seinem Generalstabschef, und erbat sich die Abendmeldungen in’s Schloß hinauf. Als er endlich sein dröhnendes „Gute Nacht, meine Herren“ in den großen Kuppelsaal hineinrief, seufzte alles erleichtert auf. Die Wache trat unter’s Gewehr; der Chauffeur warf den Motor an; und die große Maschine stürzte aufknurrend, wie ein wildes Tier, auf die Straße los. Fauchend, mit Sirenengeheul, wandt sie sich blitzschnell durch die engen Gassen, hinaus ins Freie, wo das Schloß mit der Perlenreihe seiner erleuchteten Fenster, wie ein Feenpalast, in das dunstdurchzogene Tal hinabsah.
Fest in seinen Kragen gehüllt, saß der Excellenzherr nachdenklich im Wagen, und ließ, — wie immer um diese Zeit, — alle Ereignisse des Tages noch einmal an sich vorbeiziehen. Auch der Journalist fiel ihm wieder ein und seine tolpatschige Frage: — Für wann hoffen Excellenz auf den Frieden. — „Hoffen?“ . . . War das zum Glauben, daß so ein Mensch, der doch schon was Besseres sein mußte in seinem Beruf, — sonst hätte er kein Empfehlungsschreiben aus dem Hauptquartier mitgebracht, — mit einer solchen Ahnungslosigkeit jedem soldatischen Gefühle gegenüberstand? Auf den Frieden hoffen? Was hatte denn ein Feldherr vom Frieden Gutes zu erwarten? Konnte denn so ein Zivilist gar nicht begreifen, daß ein kommandierender General eben nur im Krieg wirklich kommandierte und wirklich General war, im Frieden aber nur so was wie ein strenger Herr Lehrer mit goldenem Kragen; ein Ölgötze, der sich aus Langeweile zuweilen heiser schreit. Und nach dieser öden Tretmühle sollte er sich zurücksehnen? Sollte, — den Herrn Zivilisten zu Liebe, — die Zeit herbei „hoffen“, die den siegreichen Führer der . . . . ten Armee wieder nur zu Inspizierungen verwenden würde; sollte es nicht erwarten können, wieder jenen anderen, aussichtslosen Kampf leiten zu müssen, zwischen einer zu knappen Gage und einer auf Glanz polierten Lebensführung, in welchem von Monat zu Monat doch immer der Geldmangel Sieger blieb? . . .