Traubenkraut, s. Chenopodium.
Traubenkur, der mehrere Wochen lang fortgesetzte reichliche Genuß von Weintrauben, wobei sehr nahrhafte, fette, mehlige oder blähende Speisen vermieden werden müssen. Mit hinreichender Körperbewegung verbunden, soll diese Kur bei Stockungen im Unterleib und davon abhängiger Hypochondrie, bei Hämorrhoidalbeschwerden und bei Gicht gute Dienste leisten. Die Wirksamkeit der Weintrauben beruht vornehmlich auf dem starken Zuckergehalt derselben, welcher als Nahrungsstoff von Wert ist; anderseits haben sie, in größerer Menge genossen, eine leicht und angenehm abführende Wirkung, so daß sie das mildeste Mittel gegen Unterleibsstockungen darstellen. Die besuchtesten Kurorte sind Meran in Tirol, Dürkheim in der Rheinpfalz und Grünberg in Schlesien. Vgl. Knauthe, Die Weintraube (Leipz. 1874).
Traubenmade, s. Wickler.
Traubenöl, s. Drusenöl.
Traubensäure(Paraweinsäure) C4H6O6 findet sich im rohen Weinstein und entsteht aus der isomeren Weinsäure bei anhaltendem Erhitzen von deren Lösung mit Salzsäure oder verdünnter Schwefelsäure, auch bei oxydierender Behandlung von Mannit, Rohr- und Milchzucker, Gummi etc. Bei Verarbeitung des rohen Weinsteins erhält man sie in den spätern Kristallisationen in kleinen Kristallen mit einem Molekül Kristallwasser. Sie ist farb- und geruchlos, vom spez. Gew. 1,69, schmeckt sauer, löst sich leicht in Wasser und Alkohol, ist optisch inaktiv, verwittert an der Luft, wird bei 100° wasserfrei und verhält sich im allgemeinen der Weinsäure sehr ähnlich. Von ihren Salzen ist das saure Kalisalz viel löslicher als Weinstein, während das Kalksalz schwerer löslich ist als weinsaurer Kalk. Das Kaliumnatrium- und das Ammoniumnatriumsalz, das Cinchonicin- und Chinicinsalz kristallisieren nicht, sondern geben große, hemiedrische Kristalle, von denen man zwei Formen unterscheiden kann, die sich zu einander wie Spiegelbilder verhalten. Bei der einen Form liegen nämlich die hemiedrischen Flächen rechts, bei der andern links. Aus den Kristallen der ersten Art kann man durch eine stärkere Säure gewöhnliche Rechtsweinsäure, aus der andern Linksweinsäure abscheiden, und wenn man die Lösungen dieser beiden Säuren mischt, so kristallisiert wieder T. Bei Einwirkung von Fermenten auf T. wird die Rechtsweinsäure zerstört, und es bleibt Linksweinsäure übrig.
Traubenvitriol, s. Eisenvitriol.
806
Traubenzucker - Trauer.
Traubenzucker(Krümel-, Stärke-, Kartoffel-, Obst-, Honigzucker, Glykose, Glukose, Dextrose) C6H12O6 findet sich im Pflanzenreich, fast stets begleitet von Levulose (Fruchtzucker) oder Rohrzucker, sehr verbreitet, besonders in süßen Früchten (kristallisiert im gedörrten Obst, in Rosinen, auf welchen er oft als weißer Beschlag erscheint), auch im Honig, im tierischen Organismus normal im Dünndarminhalt und Chylus nach dem Genuß stärkemehl- und zuckerhaltiger Nahrung, in der Leber des Menschen und der Säugetiere, im Lebervenenblut, im Harn schwangerer Frauen, in der Amnion- und Allantoisflüssigkeit der Rinder, Schafe und Schweine, pathologisch im Harn bei Zuckerruhr und nach Reizung und Verletzung des verlängerten Marks. T. entsteht aus den übrigen Kohlehydraten (am leichtesten aus Rohrzucker) bei Einwirkung eigentümlicher Fermente oder verdünnter Säuren (daher in Bier- und Branntweinwürze) und bei der Spaltung der Glykoside. Dargestellt wird T. aus Most, indem man denselben durch Kreide entsäuert, mit Blut klärt und verdampft; viel mehr T. aber wird aus Kartoffelstärke dargestellt und als feste Masse, gekörnt, als Sirup (Stärkesirup, Kartoffelsirup) oder als zähflüssige Masse (sirop impondérable, weil er nicht mit dem Saccharometer gewogen werden kann) in den Handel gebracht. Man erhitzt Wasser mit etwa 1 Proz. Schwefelsäure zum Kochen, trägt die mit Wasser zu einer milchigen Flüssigkeit angerührte Stärke unter lebhaftem Umrühren ein und kocht, bis das zuerst gebildete Dextrin vollständig in T. umgewandelt ist (bis 1 Teil der Flüssigkeit mit 6 Teilen absolutem Alkohol keinen Niederschlag mehr gibt). Bei Zusatz von etwas Salpetersäure soll die Umwandlung viel schneller erfolgen. Zur Beseitigung der Schwefelsäure neutralisiert man mit Ätzkalk, Kreide oder Marmor oder kohlensaurem Baryt, zapft die Flüssigkeit von dem abgelagerten unlöslichen schwefelsauren Kalk oder Baryt ab, verdampft sie bis 15 oder 16° B., filtriert über Knochenkohle und verdampft den Sirup (meist in Vakuumapparaten) bis 30° B. (Stärkesirup) oder bis zur Kristallisation. Läßt man die kristallisationsfähige Masse in Fässern oder Kisten vollständig erstarren, so erhält man ein sehr unreines Produkt (Kistenzucker, Blockzucker). Zur Gewinnung eines reinern Produkts preßt man die in Kristallisation befindliche Masse in starken hydraulischen Pressen (Preßzucker), um den Sirup abzuscheiden, schmelzt wohl auch den gepreßten Zucker (hart kristilisierter Zucker), oder man läßt aus der weniger stark eingekochten Masse den Sirup von den Kristallen abfließen und trocknet letztern auf Gipsplatten in der Trockenstube. 1 Ztr. Stärke liefert etwa 1 Ztr. Zucker oder 1,5 Ztr. Sirup. Auch Holzfaser, Flechten, Lumpen etc. geben bei Behandlung mit Schwefelsäure T.; doch kann die aus solchen Materialien gewonnene zuckerhaltige Flüssigkeit nur auf Spiritus verarbeitet werden. Der T. des Handels enthält 60-76 Proz. reinen T., 9-17 Proz. Dextrin, 11-25 Proz. Wasser, 2-7 Proz. fremde Bestandteile. Reinen T. erhält man durch Lösen von Rohrzuckerpulver in salzsäurehaltigem Alkohol und Verdampfen der Lösung zur Kristallisation. T. bildet meist warzig-krümelige, farb- und geruchlose Massen mit 1 Molekül Kristallwasser, schmeckt weniger süß als Rohrzucker (man braucht 2,5 mal so viel T. als Rohrzucker, um demselben Volumen Wasser dieselbe Süßigkeit zu erteilen), löst sich in 1,3 Teilen kaltem, in allen Verhältnissen in kochendem Wasser, auch in Alkohol, dreht die Ebene des polarisierten Lichts nach rechts (daher Dextrose), erweicht bei 60°, wird bei 100° wasserfrei, schmilzt bei 146°, zersetzt sich bei 170° und gibt in höherer Temperatur Karamel. Mit Alkalien zersetzt sich die Lösung schon bei 60-70°. Eine mit Kali versetzte Traubenzuckerlösung reduziert in der Siedehitze Kupferoxydhydrat zu Kupferoxydul, Silberoxyd zu metallischem Silber. Durch Hefe zerfällt T. in Alkohol und Kohlensäure; in alkalischer Lösung vergärt er zu Milchsäure und Buttersäure, und unter gewissen Umständen tritt schleimige Gärung ein, und es bilden sich Mannit und ein gummiähnlicher Körper. T. dient in großer Menge zur Weinbereitung (beim Gallisieren), als Surrogat des Braumalzes in der Bierbrauerei, des Honigs in der Zuckerbäckerei und Lebküchlerei, zum Verschneiden des indischen Sirups und Honigs, in Mostrich- und Tabaksfabriken, zur Darstellung von Zuckerkouleur, Likören, Bonbons etc. T. wurde zuerst während der Kontinentalsperre fabrikmäßig dargestellt. Später verschwand dieser Industriezweig und gewann erst neuerdings durch das Gallisieren und die Benutzung des Traubenzuckers in Brauereien größere Bedeutung. Vgl. Wagner, Die Stärkefabrikation (Braunschw. 1876).
Trauer, die durch ein betrübendes Ereignis, namentlich durch den Verlust nahestehender oder verehrter Personen, oder durch die Erinnerung an solche Verluste (wie in den religiösen Trauerfesten um Adonis, Osiris etc.) verursachte Gemütsstimmung und deren Kundgebung nach außen. Letztere äußert sich beim weiblichen Geschlecht, bei sanguinischen Naturen, südlichen Völkern etc. in mehr lauter, aber schneller vorübergehender Klage, bei nordischen Völkern in länger nachwirkenden, aber stummen und gefaßten Gemütsbewegungen. Natürlich sind die Kundgebungen vor der aufgebahrten Leiche und am offenen Grab am stärksten, und man hatte dazu bei Natur- und Kulturvölkern bestimmte Trauergesänge, wie die von Schiller umgedichtete "Nadowessische Totenklage", das Adonis-, Linos- und Maneros-Lied der Griechen, Syrer und Ägypter. Im Orient wie bei den Slawen und im südlichen Italien werden besondere Klageweiber angenommen, die das mit Cypressen und andern Trauersymbolen geschmückte Sterbehaus mit ihrem Geschrei erfüllen. Religiöse Vorstellungen und Herkommen bedingen für den äußern Ausdruck mannigfache Verschiedenheiten. Bei den Naturvölkern gilt die Trauerverstümmelung (s. d.) als der natürliche Ausdruck des beherrschenden Gefühls, die Kulturvölker deuten durch Unterlassen jedes Putzes, Vernachlässigung der Haarpflege, Anlegen von Florstreifen etc. an, daß sie für eine gewisse, nach der Sitte bestimmte und für Frauen länger als für Männer dauernde Zeit allen Freuden der Welt abgestorben sind, weshalb auch alle weltlichen Vergnügungen, wie Theater, Bälle, Konzerte u. dgl., streng gemieden werden. In Attika dauerte die Privattrauer 30 Tage, in Sparta mußte sie bereits am 12. Tag mit einem Opfer an Demeter beendet werden; in Rom war nur den Frauen (seit Numas Gesetzgebung) eine bestimmte Trauerzeit geboten. Bei den Griechen und Orientalen, wo Bart und Haupthaar den Stolz des Mannes bilden, wurden und werden vielfach beide geschoren; doch galt anderwärts, z. B. in Rom, eine gewisse Vernachlässigung durch Langwachsenlassen ebenfalls als Trauerzeichen. In der Kleidung wurden überall bunte Farben und kokette Formen vermieden. Die Juden verhüllten den Körper mit einem groben, sackartigen, in der Mitte gegürteten Gewand und bestreuten, wie auch die Griechen (und katholischen Christen zu Aschermitt-
807
Trauerbäume - Traum
woch), das Haupt mit Asche, woher die Redensart: "in Sack und Asche trauern". Als Trauerfarben galten vorwiegend, z. B. den Griechen und Römern, die dunkeln, schwarzen, welche auch früh bei den Christen Eingang fanden, obwohl Cyprian, Chrysostomus und andre Kirchenlehrer dieselbe tadelten, weil sie der Hoffnung auf die ewigen Freuden zu widersprechen schienen. Dagegen trauerten die alten Ägypter in gelben Kleidern, die Argiver weiß; bei den Chinesen sind noch heute weiße, blaue und graue Trauerkleider üblich. Grau gilt auch bei uns als die Farbe der nach einer gewissen Zeit eintretenden sogen. Halbtrauer, die besonders bei der schon in alten Kulturländern gesetzlich oder durch bestimmte Erlasse (Trauerordnungen) geregelten Landes- und Hoftrauer nach dem Tode des eignen oder befreundeter Landesfürsten streng beobachtet wird, wobei alle öffentlichen Lustbarkeiten für eine bestimmte Zeit unterbleiben, die Flaggen in halber Höhe geheißt werden und Militär wie Hofbeamte in vorgeschriebener Trauerkleidung zu erscheinen haben. Das schon bei den Römern gesetzlich vorgeschriebene und auch bei uns meist eingehaltene sogen. Trauerjahr der Witwen bezieht sich nur auf etwa noch zu erwartende Nachkommenschaft und kann daher auf ärztliches Attest abgekürzt werden.
Trauerbäume, Gehölze mit hängenden Zweigen, welche als Symbol der Trauer auf Gräbern, aber auch wirkungsvoll im Park und Garten einzeln stehend angepflanzt oder zu Lauben benutzt werden. Den schönsten Effekt machen T. mit dünnen Zweigen und schmalen Blättern, während starkästige Bäume mit großen, breiten Blättern leicht plump erscheinen. Der klassische Trauerbaum ist die Trauerweide (Salixbabylonica), der sich andre Weidenarten anschließen. Sehr schön sind auch einige Birkenformen, Fichten und namentlich weiße Rosen, während die Traueresche nur in höherm Alter ihre Steifheit verliert.
Trauerjahr, s. Trauer.
Trauerkrüge, Kreußener Kannen aus perlgrauem Steinzeug, welche weiß und schwarz emailliert und zuweilen vergoldet sind.
Trauermantel, s. Eckflügler.
Trauerparade, s. Ehrenbezeigungen.
Trauerspiel, s. Tragödie.
Trauerverstümmelung. Bei den Naturvölkern und ältern Kulturvölkern, die jenen noch nahestanden, äußerte sich die Trauer um Verstorbene nicht bloß in Farbe und Schnitt der Kleider, sondern in heftigen Angriffen und Verstümmelungen des eignen Körpers. Die Bewohner der Nikobaren verbrennen, wie Hamilton erzählt, das Besitztum des Toten, und sein Weib muß sich am Grab ein Fingerglied abschneiden lassen. Bei den Charruah sind beim Tode des Familienhauptes die Witwen, Töchter und verheirateten Schwestern verpflichtet, sich ein Fingerglied abnehmen zu lassen. Bei den Fidschianern wurden (nach Williams) beim Tode des Häuptlings 100 Finger als Opfer verlangt. Diese Fingeropfer sind offenbar Ablösungsformen für das Leben der Witwe oder fürstlichen Diener, die früher dem Gatten oder Häuptling in den Tod zu folgen hatten, und bei einigen nordamerikanischen Indianerstämmen, die ebenfalls das Fingeropfer kennen, muß die Witwe einige Augenblicke ihr Haupt neben das des Toten auf den Scheiterhaufen legen (vgl. Manendienst und Menschenopfer). Auf den Sandwichinseln wurde (nach Ellis) beim Tode des Herrschers jedem Unterthanen ein Vorderzahn ausgeschlagen, oder es wurden ihm beide Ohren abgeschnitten. An vielen Orten trat die Hergabe von Blut am Grab an die Stelle des Fingeropfers, und die Lakedämonier hatten (nach Herodot) die barbarische Sitte, daß sich beim Tode des Königs Männer, Weiber und Sklaven in großen Haufen versammeln und mit Dornen und Nadeln das Fleisch von der Stirn reißen mußten. Den Juden gebot das mosaische Gesetz: "Ihr sollt euch keine Wunden in euer Fleisch schneiden für die Toten . . . . " (3. Mos. 19, 28). Bei dem Begräbnis Attilas zerfleischten die Hunnen ihr Gesicht, und dieselbe Sitte blieb noch länger bei den Türken herrschend. Als letztes Überbleibsel dieser Hingabe des Teils für das Ganze gilt das Abschneiden von Bart- und Haupthaar. Diese Sitte hatte eine weite Ausdehnung; nordamerikanische Indianer opferten ihre Skalplocke, und bei den Neuseeländern wurden (nach Pollack) die abgeschnittenen Haare auf dem Begräbnisplatz an Bäumen aufgehängt.
Trauervogel, s. Fliegenfänger.
Trauformular, s. Trauung.
Traufrecht, die Dienstbarkeit, vermöge deren ein Grundeigentümer berechtigt ist, von seinem Gebäude den Wasserabfall auf ein Nachbargrundstück fließen zu lassen. Zuweilen bezeichnet man auch damit den Grund und Boden, welcher durch ein vorspringendes Dach überdeckt wird, und von welchem man annimmt, daß er zu dem betreffenden Gebäude gehöre.
Traum(lat. Somnium), die Fortsetzung der geistigen Thätigkeit während des Schlafs bei mangelndem vollen Bewußtsein des Schläfers. Nach den neuern Anschauungen liegt der Unterschied zwischen Schlaf und Wachen wesentlich darin, daß das Bewußtsein "ausgeschaltet" ist, und daß der Blut- und Sauerstoffstrom, der dazu dient, die geistige Thätigkeit zu unterhalten, im Schlaf dazu verwendet wird, das Gehirn und den übrigen Körper von den Schlacken der Tagesarbeit zu reinigen und neu zu kräftigen. Nun brauchen aber nicht alle Teile des geistigen Organs gleichmäßig außer Thätigkeit gesetzt zu sein, oder es können vielmehr einzelne wieder in Thätigkeit treten, ohne daß volles Selbstbewußtsein und damit Erwachen eintritt. Es sind dies namentlich die Sinnessphäre, in der die äußern Eindrücke bewußt werden, und die Erinnerungssphäre, in welcher ältere Eindrücke als Erinnerungsbilder aufbewahrt werden (s. Gedächtnis). Manche unsrer Sinnespforten bleiben bekanntlich auch im Schlaf offen, und wie im wachen Zustand die völlig geöffneten Sinnesorgane die Anregung zur Seelenthätigkeit geben, so sind es im Schlaf meist das Ohr, die Nase, das Tast- und Gemeingefühl, welche den ersten Anlaß zu innern Erregungen und Traumbildern liefern. Mit dem Pulsmesser oder Plethysmographen kann man nachweisen, daß sodann alsbald eine stärkere Blutströmung als vorher ins Gehirn eintritt, aber zunächst wahrscheinlich nur in die durch äußere oder innere Empfindungen erregten Teile. Die Empfindung gestaltet sich alsdann zu einer ihr entsprechenden dunkeln Vorstellung. So bewirkt eine unbequeme Lage oder ein körperlicher Schmerz einen T. von Fesselung und thätlichen Angriffen, Senfpflaster oder ein brenzliger Geruch erregen Träume von Feuersgefahr, ein plötzliches Ausstrecken soll das bekannte, meist mit Erwachen verknüpfte Gefühl eines tiefen Sturzes erzeugen, Töne und Geräusche aller Art, in der Nähe gesprochene Worte und dergleichen werden mit wunderbarer Schlagfertigkeit zu einem T. ausgesponnen, namentlich gegen Morgen, wenn der Geist nur noch im Halbschlummer liegt. A. Maury hat dies durch zahlreiche Selbstversuche erprobt, indem
808
Trauma - Traumdeutung.
er sich nach der Mittagsmahlzeit unmittelbar nach dem Einschlafen gewisse Geräusche und andre Eindrücke beibringen und gleich darauf wecken ließ, um sich der dadurch hervorgerufenen Traumvorstellungen zu erinnern. Man kann sich so ganze Träume einblasen (soufflieren) lassen. Häufig spiegeln sich die sogen. Binnenempfindungen oder krankhafte Zustände im T. So träumen die Personen, welche an Atmungsbeschweren oder Luftmangel leiden, von einem durch das Schlüsselloch eindringenden und sie bedrückenden Gespenst (s. Alp), von engen Höhlengängen, Menschengedränge, Stößen gegen die Brust, Herzleidende haben beängstigende Träume, Erregungen in der Sexualsphäre bringen wollüstige Träume hervor. Der Inhalt der Träume besteht meist aus Wiederbelebung und Verbindung von Erinnerungsbildern, wobei frische Erinnerungen, Dinge, mit denen man sich zur Zeit stark beschäftigt, oder an die man in den Stunden vor dem Einschlafen lebhaft erinnert wurde, den Vordergrund einnehmen. Eine besondere Erklärung verlangt die dramatische Lebendigkeit dieser Bilder, welche den Träumer verleitet, sie für Wirklichkeiten zu halten und zu glauben, daß er seinen T. mit offenen Sinnen erlebt. Einige Forscher haben deshalb an eine besonders starke Erregung des Sensoriums geglaubt und den T. mit den Zuständen der Opium- und Hanfnarkose verglichen, in denen der Betäubte mit offenen Augen träumt. Andre, wie Johannes Müller, Gibbert und Brewster, haben sogar gemeint, die innere Erregung gehe so weit, daß sie von innen aus ein Bild auf der Netzhaut erzeuge, im Ohr Klänge errege, kurz die peripherischen Nerven zu wirklichen Empfindungen veranlasse. Gegen diese Annahmen, die auch in neuerer Zeit von Lazarus und Hagen wiederholt wurden, hat zuerst E. Krause in seiner "Naturgeschichte der Gespenster" geltend gemacht, daß Empfindungen immer nur im Zentarlorgan zu stande kommen, und wozu oder auf welchen Wegen sollte das letztere Empfindungen erst nach außen werfen, um sie von da wieder zurückzuerhalten. Auch eine abnorme Erregung des Gehirns braucht zur Erklärung der Vorgänge nicht angenommen zu werden; die Lebhaftigkeit der Traumbilder erklärt sich vielmehr ganz von selbst durch die Abwesenheit der Sinnenkonkurrenz und des wachen Urteils, vor denen im Wachen alle diese innern Bilder verblassen. Das Selbstbewußtsein ist nicht ganz aufgehoben, regt sich vielmehr, namentlich gegen Morgen, oft in Zweifeln und in der Frage: "Träume ich denn?", worauf in der Regel baldiges Erwachen folgt. Durch den Mangel des vollen Bewußtseins erklärt sich sowohl das Durcheinander der Bilder als das Unsinnige, ja Unmoralische vieler dabei vor sich gehender Handlungen, die Ideen und Bilder folgen einfach dem Gesetz der Ideenassociation (s. d.), und das Urteil ist so schwach, daß verstorbene Personen lebend erscheinen, die Einheit des Ortes nicht beobachtet wird, jedes Zeitmaß verschwindet und selbst die Person des Träumers sich in ihren Urteilen und Handlungen oftmals dramatisch in mehrere Personen spaltet. Ein bedeutendes Licht wird in dieser Richtung durch das Studium des Hypnotismus (s. d.) und namentlich durch die Möglichkeit der Suggestion (s. d.) auf den T. geworfen, denn hierbei ist das Selbstbewußtsein so tief niedergedrückt, daß sich die unsinnigste Idee einflößen läßt und zur Wirklichkeit gestaltet, selbst die Verleugnung der eignen Persönlichkeit. Gleichwohl sind diese wie die Traumeindrücke so schwach, daß sie nach dem Erwachen mehr oder weniger vollständig aus dem Gedächtnis verschwunden sind; nur Träume, aus denen man mitten herausgerissen wird, pflegen eine genauere Erinnerung zu gestatten. Unter bestimmten Körperbedingungen kann aber der Schlaf und das Niederliegen der Urteilskraft von selbst so tief werden wie in der Hypnose, und dann kann der Schläfer umhergehend und handelnd weiterträumen, beim sogen. Schlaf- oder Traumwandeln (s. Somnambulismus). Das Traumleben spielt in der Völkerpsychologie und in den religiösen Vorstellungen eine sehr bedeutende Rolle, und eine Anzahl der namhaftesten Forscher auf diesem Gebiet nimmt an, daß sich die Grundpfeiler der religiösen Lehrgebäude (namentlich der Glaube an übernatürliche, den Schranken der Leiblichkeit, der Zeit und des Raums entrückte Wesen, sowie an das Fortleben nach dem Tod) vorzugsweise aus den Erfahrungen des Traumlebens entwickelt haben. Das Naturkind nimmt eben das Geträumte für Wirklichkeit; es glaubt im T. von seinen Göttern und Toten besucht zu werden und meint anderseits, daß seine eigne Seele, wenn es von fremden Ortschaften träumt, sich vorübergehend vom Körper gelöst habe und frei umherschwärme. Daher bildete der Tempeltraum noch bei manchen Kulturvölkern einen Bestandteil des anerkannten Kults (vgl. Traumdeutung). Auch neuere Mystiker, wie K. du Prel, sprechen noch von "Eingebungen", Lösungen schwieriger Probleme im T., und wollen dem Traumleben sogar einen höhern geistigen Wert beimessen als dem wachen Leben; allein die erwähnten Lösungen und Eingebungen, die von dem Träumenden angestaunt werden, erweisen sich nach dem Erwachen meist als vollendeter Blödsinn. Vgl. Scherner, Das Leben des Traums (Berl. 1861); Maury, Le sommeil et les rêves (4. Aufl., Par. 1877); Siebeck, Das Traumleben der Seele (Berl. 1877); Spitta, Die Schlaf- und Traumzustände der Seele (Tübing. 1878); Binz, Über den T. (Bonn 1878); Radestock, Schlaf und T. (Leipz. 1879); Simon, Le monde des rèves (2. Aufl., Par. 1888).
Trauma(griech.), Wunde, äußere Verletzung; daher traumatisch, s. v. w. durch eine Verletzung, Wunde etc. entstanden. Traumatische Entzündung, eine Entzündung, hervorgerufen durch Verwundung, Quetschung, Verletzung irgend eines Körperteils (s. Gehirnbruch).
Traumaticin, s. Guttapercha.
Traumbücher, s. Traumdeutung.
Traumdeutung, die von der ehemals allgemein verbreiteten Anschauung, daß der Traum das natürliche Verbindungsmtttel mit der übersinnlichen Welt sei, und daß der Träumende mit seinen Göttern und verstorbenen Vorfahren verkehre und von ihnen Eingebungen, Ratschläge und Winke für die Zukunft in einer Art Bildersprache erhalte, veranlagte Bemühung, diese Bilder zu deuten. Anderseits suchte man aber auch solche Traumoffenbarungen absichtlich herbeizuführen. Bei den meisten Naturvölkern übernimmt der Medizinmann oder Schamane gegen Bezahlung den Auftrag, sich durch allerhand erprobte Mittel in Traumzustände zu versetzen und dann die Götter oder Vorfahren über das Schicksal einer Person zu befragen. Diese Traum- oder Totenorakel bestanden noch bei Griechen und Römern; die peruanischen Priester bedienten sich der scharf narkotischen Gräberpflanze (Datura sanguinea), um Götter- und Ahnenerscheinungen zu erhalten. Von der Rolle prophetischer Träume in der alten Geschichte weiß Herodot und die Bibel zu erzählen: Joseph und Daniel erlangten als Traumdeuter ihren Einsluß. In Assyrien befand sich auf der Plattform der Stufenpyra-
809
Traumwandeln - Trautenau.
miden das Gemach, in welchem die babylonische Sibylle den nächtlichen Besuch des Orakelgottes empfing, und das Amt Daniels bei Nebukadnezar finden wir schon im altbabylonischen Heldengedicht von Izdubar, dem sein Traumausleger Eabani als steter Begleiter zur Seite steht. Von den Ägyptern hat Brugsch mitgeteilt, daß sie zu solchen Zwecken die Hypnotisierung durch Anschauen glänzender Gegenstände übten. Bei den Griechen und Römern fanden Traumorakel, außer an den Stätten der Totenorakel, namentlich in den Äskulaptempeln statt; die Kranken (oder auch an ihrer Stelle die Priester) streckten sich auf den Fellen frisch geopferter Widder nieder, und aus der Art ihres Traums wurde das einzuschlagende Heilverfahren von den Priestern gefolgert. Für die Kreise des Volkes, die sich nicht wie die Fürsten einen eignen Traumdeuter halten konnten, dienten früh Traumbücher, Aufzeichnungen über die angebliche Bedeutung der einzelnen Träume. Das älteste derselben hat man bruchstückweise auf Ziegelstein in der Bibliothek von Ninive gefunden, und man kann dort lesen, was es bedeutet, wenn man von Hunden, Bären, Tieren mit fremden Füßen und andern Dingen träumt, die sich hier nicht bezeichnen lassen. Im klassischen Altertum genoß dann des höchsten Ansehens' das Traumbuch ("Oneirokritika") des Artemidoros (s. d. 2), welches bald nach Erfindung der Buchdruckerkunst auch in lateinischer Übersetzung gedruckt wurde. Ein mohammedanisches Traumbuch gab Vattier nach dem arabischen Text ("L'oneirocrite musulmane", Par. 1664) heraus. In neuerer Zeit haben zwar die Naturphilosophen G. H. v. Schubert ("Die Symbolik des Traums", 4. Aufl., Leipz. 1862) und Pfaff ("Das Traumleben und seine Deutung", 2. Aufl., Potsd. 1873) den Glauben an vorbedeutende Träume zu retten gesucht, aber die Traumbücher werden nur noch von der Landbevölkerung auf Jahrmärkten gekauft. Vgl. Büchsenschütz, Traum und T. im Altertum (Berl. 1868); Lenormant, Die Magie und Wahrsagekunst der Chaldäer (deutsch, Jena 1878).
Traumwadeln, s. Somnambulismus.
Traun(lat. Truna), Fluß in Österreich, entsteht im steirischen Salzkammergut aus den Gewässern des Aufseer, Grundel- und Ödensees, fließt durch den Hallstätter und den Gmundener oder Traunsee, bildet bei dem Dorf Roitham einen Wasserfall (der durch einen Kanal umgangen wird) und mündet nach 178 km langem Lauf unweit Linz in die Donau. Ihre Zuflüsse bringen ihr das Wasser aller andern Seen des Salzkammerguts: die Ischl vermittelt den Abfluß des St. Wolfgangsees, die Ager den des Attersees, dem die Ach das Wasser aus dem Mondsee, Zeller See und Fuschelsee zuführt, endlich die Alm den Abfluß des Almsees. Außerdem empfängt die T. die Krems. Die Schiffahrt auf derselben, einst sehr lebhaft, hat durch die Eisenbahnen Eintrag erlitten.
Traun, Julius von der, Pseudonym, s. Schindler 1).
Traunsee(Gmundener See), einer der schönsten Seen der Deutschen Alpen (s. Karte "Salzkammergut"), liegt bei der Stadt Gmunden in Oberösterreich, 422 m ü. M., ist 12 km lang, 3 km breit und 191 m tief, bedeckt eine Fläche von 24,6 qkm und wird von S. nach N. von der Traun durchflossen. Die Ufer sind im N. und W. wohlbebaut und dicht bevölkert (hier befinden sich die schönen Villen der Familien Toscana, Hannover, Herzog von Württemberg etc.); nur im O. und S. ragen steile Felswände aus dem grünen Gewässer empor. Am Ostufer erhebt sich der Traunstein zu 1661 m Höhe. Der See hat bei normalem Wetter seinen regelmäßigen Passatwind, wirbelt aber oft ohne deutlich sichtbare Ursache heftig auf und friert sehr selten zu (zuletzt 1830 und 1880). Köstliche Fische (Lachsforellen, Saiblinge, Hechte etc.) bevölkern ihn. Zwischen Gmunden, am Nordende, der Saline Ebensee, am Südende, und dem reizend auf einer Landzunge am Westufer gelegenen Traunkirchen (mit schöner Pfarrkirche und 523 Einw.) besteht rege Dampfschiffahrt. Längs des Westufers zieht sich die Salzkammergutbahn hin.
Traunstein, unmittelbare Stadt und klimatischer Terrainkurort im bayr. Regierungsbezirk Oberbayern, an der Traun, Knotenpunkt der Linien Salzburg-München und T.-Trostberg der Bayrischen Staatsbahn, 534 m ü. M., hat eine schöne kath. Kirche, eine Realschule, ein Institut der Englischen Fräulein, ein Waisenhaus, ein Landgericht, ein Forstamt, eine große Saline (s. Reichenhall), ein Solbad, große Brauereien, bedeutenden Holzhandel und (1885) 4820 meist kath. Einwohner. In der Umgegend große Waldungen mit hübschen Spaziergängen und das schön gelegene Bad Empfing mit alkalisch-erdiger Mineralquelle. Zum Landgerichtsbezirk T. gehören die 13 Amtsgerichte zu Aibling, Altötting, Berchtesgaden ,Burghausen, Laufen, Mühldorf, Prien, Reichen-hall, Rosenheim, Tittmoning, T., Trostberg und Wasserburg. Vgl. Sailer, Traunstein (Münch. 1886).
Trauordnung, s. Trauung.
Trauringe, s. Trauung und Ring.
Trausnitz, 1) Pfarrdorf im bayr. Regierungsbezirk Oberpfalz, Bezirksamt Nabburg, mit (1885) 541 Einw. Im dortigen Schloß wurde der 1322 in der Schlacht bei Mühldorf gefangen genommene Erzherzog Friedrich der Schöne von Österreich bis 1325 vom Kaiser Ludwig dem Bayern gefangen gehalten. -
2) Über der Stadt Landshut in Niederbayern gelegenes ehemaliges Residenzschloß der Herzöge von Niederbayern (1255-1340) und von Bayern-Landshut (1402-1503), um 1230 erbaut, enthält das Kreisarchiv von Niederbayern, in neuerer Zeit restauriert.
Trautenau, Stadt im nordöstlichen Böhmen, im Aupathal des Riesengebirges, an der Österreichischen Nordwestbahn (Linie Chlumetz-Parschnitz, mit Abzweigung nach Freiheit), ist nach einer großen Feuersbrunst seit 1861 größtenteils neu gebaut, hat 4 Vorstädte, eine schöne Dechanteikirche, eine Bezirkshauptmannschaft, ein Bezirksgericht und Hauptzollamt, eine Oberrealschule, Lehrerbildungsanstalt, 2 Flachsspinnereien (40,000 Spindeln), eine Kunstmühle, Bierbrauerei, Papierwarenfabrik, Gasanstalt, große Flachs-, Garn- und Leinwandmärkte, eine Filiale der Böhmischen Eskomptebank, Sparkasse (Einlagen 4,3 Mill. Guld.) und (1880) 11,253 Einw. In der Nähe mehrere andre Flachsspinnereien und Steinkohlenwerke. - T. bildete während des österreichisch-preußischen Kriegs im Sommer 1866 den Schauplatz wiederholter Kämpfe. Am 27. Juni wurde das 1. preußische Korps unter Bonin beim Einrücken in Böhmen bei T. vom 10. österreichischen Korps unter Gablenz zurückgeschlagen. Die Österreicher verloren 190 Offiziere und 4596 Mann an Toten und Verwundeten, die Preußen 56 Offiziere und 1282 Mann. Vgl. Roth, Achtzig Tage in preußischer Gefangenschaft und die Schlacht bei T. 27. Juni 1866 (3.Aufl., Prag 1868). Im zweiten Gefecht von T., auch als Gefecht bei Soor oder bei Burkersdorf und Altrognitz bezeichnet, ward das 10. österreichische Korps unter Gablenz 28. Juni von der preußischen Garde geschlagen und verlor 4000 Gefangene, 2 Fahnen und 10 Geschütze. Vgl.
810
Trautmann - Trauung.
Simon Hüttels "Chronik der Stadt T. 1484-1601" (bearbeitet von Schlesinger, Prag 1881).
Trautmann, 1) Franz, Schriftsteller, geb. 28. März 1813 zu München als Sohn des Hofjuweliers T., verlebte einen Teil seiner Jugend im Kloster Wessobrunn, wo ihm eine Fülle romantischer Eindrücke zuströmte, studierte in München die Rechte und trat dann beim Münchener Stadtgericht in die juristische Praxis ein, verließ aber dieselbe nach sieben Jahren, um sich hinfort, in seiner Vaterstadt lebend, ausschließlich der schriftstellerischen Thätigkeit und eingehenden Kunststudien zu widmen. Bereits mit 17 Jahren hatte er ein Bändchen "Gedichte" herausgegeben, dem andres Lyrische folgte, dann eifrig an verschiedenen Blättern mitgearbeitet, sich auch hin und wieder in dramatischen Arbeiten versucht, bis er sich endlich dem Gebiet zuwandte, das recht eigentlich seine Domäne ward, und auf dem er die allgemeinste Anerkennung fand. Seine dem Mittelalter entnommenen Erzählungen gehören zu den vorzüglichsten Leistungen, welche unsre Litteratur in dieser Richtung aufzuweisen hat. Den Reigen derselben eröffnete die köstliche Geschichte von "Eppelein von Gailingen" (Frankf. 1852). In rascher Folge schlossen sich derselben an: "Die Abenteuer des Herzogs Christoph von Bayern" (Frankf. 1853, 2 Bde.; 3. illustr. Aufl., Regensb. 1880); "Die gute alte Zeit", Münchener Geschichten (Frankf. 1855); der Schelmenroman "Chronika des Herrn Petrus Nöckerlein" (das. 1856, 2 Bde.); "Das Plauderstüblein" (Münch. 1855); das "Münchener Stadtbüchlein" (das. 1857). Weiter folgten: "Münchener Geister" (Münch. 1858); "Heitere Städtegeschichten aus alter Zeit" (Frankf. 1861); das satirische Buch "Leben, Abenteuer und Tod des Theodosius Thaddäus Donner" (das. 1864); der Roman "Die Glocken von St. Alban" (Regensb. 1875, 3 Bde.; 2. Aufl. 1884); "Meister Niklas Prugger, der Bauernbub von Trudering" (das. 1878, 3 Bde.); "Heitere Münchener Stadtgeschichten" (Münch. 1881); "Im Münchener Hofgarten, örtliche Skizzen und Wandelgestalten" (das. 1884) und "Aus dem Burgfrieden. Alt-Münchener Geschichten" (Augsb. 1886). Von seinen lyrischen Arbeiten der spätern Zeit sind die Sammlungen: "Astern und Rosen, Disteln und Mimosen", Zeitgedichte (Berl. 1870), "Hell und Dunkel" (das. 1885) und "Traum und Sage" (das. 1886), von den dramatischen die Lustspiele: "Frauenhuld tilgt jede Schuld^ (1853) und "Meine Ruh' will ich, oder: Blemers Leiden" (1864) zu erwähnen. T. starb 2. Nov. 1887 in München. Die Ergebnisse seiner Kunststudien, behufs deren er auch ausgedehnte Reisen in Deutschland, nach England und Schottland unternommen, legte er nieder in dem Werke "Kunst und Kunstgewerbe vom frühsten Mittelalter bis Ende des 18. Jahrhunderts" (Nördling. 1869). Auch veröffentlichte T. eine Biographie Schwanthalers ("L. Schwanthalers Reliquien", Münch. 1858).
2) Moritz, Philolog, geb. 24. März 1847 zu Kloden in der Provinz Sachsen, studierte zu Halle und Berlin klassische Philologie und neuere Sprachen, machte 1867-70 Reisen nach Italien, Frankreich und England, war dann als Gymnasiallehrer in Leipzig thätig, habilitierte sich für englische Sprache und Litteratur daselbst und wurde 1880 als außerordentlicher Professor nach Bonn berufen, 1885 zum ordentlichen Professor daselbst befördert. Sein Hauptwerk ist: "Die Sprachlaute im allgemeinen und die Laute des Englischen, Französischen und Deutschen insbesondere" (Leipz. 1886). Außerdem schrieb er: "Über Verfasser und Entstehungszeit einiger alliterierender Gedichte des Altenglischen" (Halle 1876), "Lachmanns Betonungsgesetze und Otfrieds Vers" (das. 1877) u. a.
Trauttmansdorff, österreich. Adelsgeschlecht, in ältester Zeit auf Stuchsen (Stixenstein) im Wienerwald seßhaft; von demselben sollen in der Schlacht auf dem Marchfeld (1278) 14, bei Mühldorf (1322) 20 Mitglieder unter habsburgischem Banner gefallen sein. Das Geschlecht erhielt 1625 die reichsgräfliche und 1805 die reichsfürstliche Würde und teilte sich im 17. Jahrh. in mehrere Linien. Der erste Fürst war Ferdinand, geb. 12. Jan. 1749, gest. 27. Aug. 1827 als k. k. Obersthofmeister; jetziger Fürst ist Karl, geb. 5. Sept. 1845. Bemerkenswert sind:
1) Maximilian, Graf von T., österreich. Staatsmann, geb. 23. Mai 1584 zu Graz, gewann seine Bildung teils durch Studien, teils auf Reisen und in Feldzügen, erwarb sich durch seinen Übertritt zum Katholizismus die Gunst Ferdinands II., schloß 1619 dessen Bündnis mit Maximilian von Bayern und verabredete dann als kaiserlicher Gesandter in Rom mit dem Papst und dem spanischen Gesandten die gemeinschaftlichen Maßregeln zur Führung des Kriegs. Er war einer der ersten, welche Wallenstein bei dem Kaiser hochverräterischer Absichten beschuldigten, und ward mit zur nähern Untersuchung des Tatbestandes in dessen Lager abgesendet. Nach der Nördlinger Schlacht 1634 bewog er den Kurfürsten von Sachsen, sich von Schweden zu trennen, und 1635 schloß er den Frieden zu Prag ab. Bei den Friedensunterhandlungen zu Münster und Osnabrück fungierte er als kaiserlicher Prinzipalkommissarius und hatte den wesentlichsten Anteil am Zustandekommen des Friedens. Er starb 7. Juli 1650 in Wien als Hauptgünstling Kaiser Ferdinands III. und dessen Prinzipalminister.
2) Ferdinand, Graf, österreich. Staatsmann, geb. 27. Juni 1825, widmete sich wie sein Vater Graf Joseph von T., der längere Zeit österreichischer Gesandter in Berlin war und 1870 starb, dem diplomatischen Beruf, war mehrere Jahre Gesandtschaftssekretär in London, dann Legationsrat in Berlin, ward 1859 als außerordentlicher Gesandter und bevollmächtiger Minister an den badischen Hof nach Karlsruhe versetzt, wo er den Großherzog 1863 zur Teilnahme am Fürstentag in Frankfurt a. M. und 1866 zur Teilnahme am Kriege gegen Preußen zu bewegen wußte, 1867 zum Gesandten in München befördert und 1868 zum Botschafter bei der päpstlichen Kurie in Rom ernannt. 1872 legte er diesen Posten nieder und ward zum zweiten Vizepräsidenten des Herrenhauses ernannt, dem er schon längere Zeit als Mitglied angehörte. Als nach dem konservativ-partikularistischen Ausfall der Wahlen zum Abgeordnetenhaus im Juli 1879 Fürst Carlos Auersperg das Amt eines ersten Präsidenten des Herrenhauses niederlegte, ward T. vom Kaiser zu seinem Nachfolger und 1884 zum Oberstkämmerer ernannt.
Trautv. et Mey., bei botan. Namen Abkürzung für E. R. v. Trautvetter, Professor der Botanik in Kiew, bereiste Sibirien. Salix, Pentastemon. Flora Nordrußlands. - Mey., s. d.
Trauung(Kopulation), die kirchliche Weihe eines Ehebundes. Auch die in der gesetzlichen Form erfolgende Eheschließung wird als T. bezeichnet, und man spricht daher von einer Ziviltrauung, wenn die amtliche Bestätigung des Ehebundes durch eine weltliche Behörde (Standesamt) erfolgt. Nachdem jedoch in Deutschland die obligatorische Zivilehe eingeführt ist (s. Ehe, S. 339), versteht man unter T. schlechthin regelmäßig nur die kirchliche Einsegnung der Eheleute, nachdem die Eheschließung selbst vor dem
811
Travailleur-Expedition - Travankor.
weltlichen Standesbeamten erfolgt ist. Im ältern deutschen Recht ist T. die Übergabe der Braut in die Schutzgewalt (Mundium) des Verlobten, dem sie "anvertraut" wird. Fast bei allen Völkern werden eheliche Bündnisse mit gewissen Zeremonien gestiftet (s. Hochzeit). Die T. in der christlichen Kirche ist aber weder von Christus noch von der alten Kirche angeordnet. Zwar ward es bald Sitte, das Verlöbnis dem Bischof oder Kirchenältesten anzuzeigen, und zum wirklichen Anfang der Ehe wurde die kirchliche Einsegnung häufig begehrt und erteilt; ein die Gültigkeit der Ehe bedingendes Erfordernis ward jene aber erst im 9. Jahrh., im Abendland durch Karl d. Gr., für die griechische Kirche durch Leo VI. Philosophus. Auch Papst Nikolaus I. machte die Gültigkeit des ehelichen Bündnisses davon abhängig, daß dieses mit dem kirchlichen Segen und einer Messe geschlossen sei. Noch aber erfolgte die Eheschließungserklärung vor dieser Brautmesse. Erst seit 1100 etwa befragt der segnende Priester die Eheschließenden um die Ernstlichkeit ihres Vorhabens. Aber noch die großen Dichtungen des deutschen Mittelalters lassen die Paare erst am Tag nach ihrer Verehelichung sich zur Kirche begeben, und erst seit dem 15. Jahrh. finden sich Trauungsformulare, in welchen der Priester als Stellvertreter Gottes die Eheleute zusammenspricht. Aber selbst das tridentinische Konzil verlangt zur Gültigkeit einer Ehe nur die Willenserklärung derselben vor dem Pfarrer und zwei oder drei Zeugen, ohne die T. selbst für etwas Wesentliches zu erklären. Dies that erst die protestantische Kirche, und so herrschte bald in der alten wie in der neuen Kirche dieselbe Praxis, wonach die Ehe ganz als Kirchensache behandelt, ihre Gültigkeit aber von der kirchlichen T. abhängig gemacht ward. Die T. wurde vollzogen, wenn nach dem öffentlichen Aufgebot kein Einspruch erfolgte. Das tridentinische Konzil erklärte die Advents- und Fastenzeit für geschlossene Zeiten, d. h. Zeiten, in denen Trauungen nicht stattfinden sollen. Neuere evangelische Trauordnungen haben die geschlossenen Zeiten erheblich reduziert, so z. B. in Preußen auf die Karwoche, die ersten Festtage der drei hohen Feste, das Totenfest und die Bußtage. Der Ort der T. ist die Kirche; zu Haustrauungen bedarf es einer besondern Dispensation. Die T. wird von dem Pfarrer verrichtet, in dessen Kirchspiel die Braut einheimisch ist (ubi sponsa, ibi copula); zum Vollzug an einem andern Ort gehört das Dimissoriale (Entlassungsschein) des berechtigten Geistlichen. Neuere Gesetze erklären aber auch den Pfarrer am Wohnort des Bräutigams sowie denjenigen des Wohnorts, welchen die Eheleute nehmen, für zuständig. In der katholischen Kirche gehört das schon bei den alten Griechen, Römern und Germanen übliche Wechseln der Trauringe zu den notwendigen Formalitäten der T., was bei den Protestanten meist schon bei der Verlobung geschieht. In der griechischen Kirche trinken die eine metallene Krone tragenden Verlobten vor der Einsegnung Wein aus einem vom Priester dargereichten Kelch. Von den Hochzeitskränzen, die in der alten Kirche beiden Verlobten bei ihrer Einsegnung aufgesetzt wurden, ist unter den abendländischen Christen nur noch der Brautkranz als Bild der unverletzten Jungfrauschaft übriggeblieben und die Verweigerung desselben für solche, die nicht mehr Jungfrauen sind, als Mittel der Kirchenzucht. Fürstliche Personen lassen ihre Bräute, wenn sie weit von ihnen entfernt wohnen, zuweilen mittelbar durch einen Bevollmächtigten sich antrauen (T. durch Prokuration). Bei morganatischen Ehen wird die T. "zur linken Hand" bewirkt (s. Ebenbürtigkeit). Personen, die 50 Jahre in der Ehe gelebt haben, werden als Jubelpaar gewöhnlich wieder kirchlich eingesegnet. Die katholische Kirche verlangt bei gemischten Ehen, daß das Paar jedenfalls von einem ihr angehörigen Geistlichen eingesegnet sowie daß das Versprechen gegeben wird, die Nachkommenschaft der katholischen Kirche zuzuführen. Ist dies nicht zu erreichen, so leistet der katholische Geistliche bei der T. nur "passive Assistenz". Nach dem deutschen Reichsgesetz vom 6. Febr. 1875 darf kein Geistlicher eine T. vornehmen, bevor ihm nachgewiesen ist, daß die Ehe vor dem Standesbeamten abgeschlossen worden. Die ausdrückliche Erklärung des Personenstandsgesetzes, daß die kirchlichen Verpflichtungen in Beziehung auf die T. durch dies Gesetz nicht berührt werden, enthält eigentlich nur etwas Selbstverständliches. Die katholische Kirche, welche die Ehe als Sakrament auffaßt und das bürgerliche Eheschließungsrecht grundsätzlich ignoriert, hat nach der Einführung der Zivilehe in Deutschland sich nicht veranlaßt gesehen, den bisherigen Ritus bei der T. zu verändern. Dagegen haben die in den einzelnen Staaten erlassenen protestantischen Trauordnungen (z. B. preußisches Kirchengesetz vom 30. Juli 1880, Trauordnung für die Provinz Hannover von 1876, für Bayern von 1879, Sachsen von 1876, Württemberg von 1875, badische Agende von 1879 etc.) namentlich das sogen. Trauformular, d. h. die agendarische Formel, mit welcher der Geistliche die Eheschließenden zusammengibt, abgeändert, indem dabei der Gedanke zum Ausdruck gebracht wird, daß die Ehe selbst bereits abgeschlossen sei. Die von den Eheleuten zu bejahende Gelöbnisfrage des Geistlichen ist dem entsprechend nur darauf gerichtet, ob die Eheleute als christliche Ehegatten einträchtig miteinander leben, einander treu und herzlich lieben, sich weder in Leid noch in Freud' verlassen, sondern den Bund der christlichen Ehe heilig und unverbrüchlich halten wollen, bis der Tod sie einst scheiden werde. Das vorgängige kirchliche Aufgebot ist meistens als eine einmalige "Eheverkündigung" beibehalten, sei es vor, sei es nach dem bürgerlichen Aufgebot; doch ist Dispens von dem erstern zulässig. Eine ohne nachfolgende kirchliche T. nur vor dem Standesbeamten geschlossene Ehe ist bürgerlich gültig. Die Kirche kann nur durch Disziplinarmittel auf die Nachholung einer unterlassenen T. hinwirken. Als Kirchenzuchtmittel kennt die protestantische Kirche bei hartnäckiger Verweigerung der Traupflicht die Entziehung der kirchlichen Wahlrechte, mitunter auch die Unfähigkeit zur Patenschaft oder auch die Ausschließung vom Abendmahl. Vgl. Friedberg, Das Recht der Eheschließung (Leipz. 1865); Derselbe, Verlobung und T. (das. 1876); Sohm, T. und Verlobung (Weim. 1876); Derselbe, Zur Trauungsfrage (Heilbronn 1879); Dieckhoff, Zivilehe und kirchliche T. (Rost. 1880); v. Scheurl, Das gemeine deutsche Eherecht (Erlang. 1882); Grünwald, Die Eheschließung (nach den Bestimmungen der verschiedenen Staaten, Wien 1881).
Travailleur-Expedition 1880-82, s. Maritime wissenschaftliche Expeditionen, S. 257.
Travankor(Travancore), britisch-ind. Vasallenstaat auf der Südspitze (Westseite) von Vorderindien, 17,230 qkm (319 QM.) groß mit (1881) 2,401,158 Einw. (498,542 Christen, nur 146,909 Mohammedaner, im übrigen Hindu). Von der flachen Küste, hinter der sich Strandseen hinziehen, welche als vorzügliches Kommunikationsmittel dienen, steigt das Land
812
Trave - Trawna.
allmählich zu den bis 2500 m hohen Bergzügen auf, welche die östliche Grenze bilden. In den Ebenen werden Reis, Kokos- und Arekapalmen, Pfeffer, Tapioka, in den Hügeln Kardamome und Kaffee kultiviert, die Wälder enthalten vorzügliche Holzarten (Teak-, Ebenholz) sowie zahlreiche Elefanten, Tiger, Leoparden, Bären, große Hirscharten. Das Klima an der Küste ist heiß, der Regenfall stark. Die Verwaltung ist eine gute, für das Schulwesen wird gesorgt, eine höhere Schule zu Trivandrum ist gut besucht. Die Einkünfte betragen 600,000 Pfd. Sterl. jährlich. Die Armee besteht aus 1470 Mann mit 4 Geschützen; die Post hat 87 Ämter. Hauptstadt ist Trivandrum (s. d.). Der erste Freundschaftsvertrag mit England wurde 1788 geschloffen, der letzte 1805, wodurch T. in ein Vasallenverhältnis zu England trat.
Trave, Fluß in Norddeutschland, entspringt bei Giesselrade in dem zu Oldenburg gehörigen Amt Ahrensbök, geht bald nach Schleswig-Holstein über, fließt hier erst südwestlich durch den Wardersee nach Segeberg, auf dieser Strecke bei Travenhorst durch den Seekamper und Seedorfer See, mit der Tensfelder Aa (zum Plöner See) zusammenhängend, dann nach S. bis Oldesloe, wendet sich hierauf nach O. und NO. und tritt in das lübecksche Gebiet, wo sie sich unterhalb Lübeck seeartig erweitert und kurz vor ihrer Mündung bei Travemünde in die Lübische Bucht die Pötenitzer Wiek bildet, mit welcher der Dassower See zusammenhängt. Die T. ist 112 km lang, von Oldesloe ab 38 km schiffbar, trägt von Lübeck ab Seeschiffe bis zu 5 m Tiefgang und nimmt links die Schwartau, rechts die Beste, die Stecknitz, aus welcher der Stecknitzkanal zur Elbe führt, die schiffbare Wakenitz und durch den Dassower See die schiffbare Stepenitz auf.
Traveller(engl., spr. träwweler), Reisender.
Travemünde, Amts- und Hafenstadt im Gebiet der Freien Stadt Lübeck, an der Mündung der Trave und an der Eisenbahn Lübeck-T., hat eine evang. Kirche, einen Leuchtturm, ein besuchtes Seebad, Schiffahrt, Fischerei, eine Lotsenstation, eine Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger und (1885) 1666 fast nur evang. Einwohner. T. gehört seit 1329 dauernd zu Lübeck. Vor der Vollendung der Stromlaufkorrektion der Trave war T. der Hafenort für Lübeck.
Traventhal(Travendal), Amtsort im preuß. Regierungsbezirk Schleswig, Kreis Segeberg, an der Trave, mit einem frühern Lustschloß der Herzöge von Holstein-Plön, Landesgestüt und 160 Einw., ist bemerkenswert wegen des hier 18. Aug. 1700 zwischen Karl XII. von Schweden und Friedrich IV. von Dänemark abgeschlossenen Friedens, worin letzterer den Herzog Friedrich IV. von Holstein-Gottorp zu entschädigen und das Bündnis mit Polen und Rußland aufzugeben versprach.
Travers(das, franz., spr. -währ), Quere, Unregelmäßigkeit; Grille, Wunderlichkeit.
Travers, Val de (spr. wall d'trawähr), Thal im schweiz. Kanton Neuenburg, von der Areuse (fälschlich La Reuse) durchflossen und der Eisenbahn Pontarlier-Neuchâtel durchzogen, öffnet sich vor Boudry zur Ebene des Neuenburger Sees und enthält in elf Gemeinden eine protestantische, gewerbfleißige Bevölkerung von (1888) 16,664 Seelen. Seine Asphaltminen sowie die Fabrikation von Schokolade und Absinth haben ihm Ruhm verschafft. Der Asphalt, in der Nähe des an der genannten Eisenbahn liegenden Dorfs T. (2000 Einw.), bildet ein Lager von 6 m Mächtigkeit mit einem durchschnittlichen Bitumengehalt von 10 Proz. Aus dem Thalkessel von St.-Sulpice (779 m ü. M.) steigt die Bahn zu den Höhen von Les Verrières (933 m) an, zwei Grenzorten, Verrières Suisses und Verrières Françaises. Hier betrat 1. Febr. 1871 die geschlagene Armee Bourbakis, 80,000 Mann stark, den Boden der Schweiz, um von den Schweizer Milizen entwaffnet und interniert zu werden. Hauptort des Thals ist Motiers; aber die volkreichsten Gemeinden sind Fleurier (3208 Einw.) und Couvet (2285 Einw.).
Traverse(franz., "Querstück, Querweg"), in der Kriegsbaukunst ein Querwall, der hinter der Brustwehr von Befestigungen senkrecht zu dieser aufgeworfen wird, um die Verteidiger gegen Feuer von seitwärts zu decken. Die T. ist entweder voll in Erde angeschüttet, Volltraverse, oder mittels Schanzkörben, resp. in Mauerwerk als Hohltraverse aufgeführt zum Schutz für Mannschaften und leichte Geschütze und heißt dann Schutzhohlraum. Befindet sich in einem solchen eine Geschoßhebevorrichtung, so heißt die T. Munitionsfördertraverse. Sie liegt senkrecht über dem Verbrauchsgeschoßmagazin des Ladesystems (s. d.). In den Flügelmauern der Hohltraversen befinden sich durch Stahlblechläden geschlossene Munitionsnischen. - T. heißt auch eine Querschranke, ein Querverschlag in einem Saal; im Bauwesen ein eiserner Träger; an Dampfmaschinen auch die Teile zwischen Kolbenstange und Balancier.
Traversieren(franz., travers reiten), der Quere nach bewegen, durchschneiden, überschreiten; in der Reitkunst Schullektion, bei welcher das Pferd auf zwei Hufschlägen, und zwar mit dem Vorderteil gegen die Wand, mit dem Hinterteil gegen das Innere der Bahn gerichtet, sich so vorwärts bewegt, daß die äußern Beine vor und über die inwendigen gesetzt werden. Die Vorhand beschreibt somit den größern Kreis (vgl. Renversieren). In der Fechtkunst bedeutet der Ausdruck: seitwärts ausfallen.
Travertin(Lapis Tiburtinus), Kalktuffbildungen in Italien, bildet stellenweise mächtige Ablagerungen, z. B. bei Tivoli (Tibur), und ist seit dem Altertum ein gesuchtes Baumaterial (Kolosseum, Peterskirche etc.). Vgl. Kalktuff.
Travestie(vom ital. travestire, verkleiden), eine komische (auch wohl satirische) Dichtungsart, in welcher ein ernst gemeintes poetisches Erzeugnis dadurch lächerlich gemacht wird, daß dessen Inhalt beibehalten, aber in eine zu demselben nicht passende äußere Form gekleidet (verkleidet, daher der Name) wird, während bei der Parodie (s. d.) das Umgekehrte geschieht, d. h. die Form beibehalten, aber ihr ein unpassender Inhalt gegeben wird. In Hinsicht der Form kann die T. episch, lyrisch und dramatisch sein. Unter den Neuern hat die französische Frivolität sich am meisten dieses Feldes bemächtigt; vorzugsweise sind hier Marivaux und Scarron zu nennen. In Deutschland wird die T. fast allein durch Blumauers "Äneide" vertreten, hinter welcher der holländische "Virgilius in de Nederlanden", von Leplat im 18. Jahrh. gedichtet, weit zurücksteht.
Traviata(ital.), die Verirrte, Verführte.
Trawl(engl., spr. trahl), Schleppnetz, s. Fischerei, S. 304.
Trawna, Kreishauptstadt in Bulgarien, am Balkan, über den von hier der Paß von T. führt, das "bulgarische Nürnberg" genannt, liefert treffliche Holzschnitzereien und Heiligenbildnisse, Posamentierarbeiten, Rosenöl, Decken und andre Artikel aus Pferdehaar etc. und hatte 1881: 2222 Einw. In der Nähe ein großes, aber noch unbenutztes Kohlenflöz.
813
Trawnik - Trebonius.
Trawnik, Kreisstadt in Bosnien, im schmalen Lasvathal gelegen und teilweise auf einer steilen Lehne einer Seitenschlucht erbaut, bietet mit seinen zahlreichen Minarets, Kuppeln und Bauminseln, den steilen Felshöhen des Vlasic, der alten Burgfeste, den imposanten Kasernenbauten sowie den zahllosen Landhäuschen und Kiosken von der Ferne einen herrlichen Anblick. T. hat 16 Moscheen und (1885) 5933 meist mohammedan. Einwohner und ist Sitz eines Militär-Platzkommandos und Kreisgerichts. Bis 1850 war T. die eigentliche Hauptstadt und die Residenz des bosnischen Gouverneurs. Das Trawniker Becken enthält reiche Braunkohlenlager.
Traz os Montes(spr. tras. "jenseit der Berge"), die nordöstlichste Provinz Portugals, grenzt nördlich und östlich an Spanien, südlich an die Provinz Beira, westlich an Minho und umfaßt 11,156 qkm (201,9 QM.), nach Strelbitsky nur 11,033 qkm, mit (1878) 393,279 Einw. Diese Provinz ist das am höchsten gelegene Terrain Portugals und von wilden Felsgebirgen durchzogen. Das höchste Gebirge, die Serra de Monte Zinho, mit Heiden bedeckt, steigt bis zu 2270 m auf; aus der Provinz Minho ziehen sich die Serra de Gerez und Serra de Marão herüber; niedriger sind die südlichen Bergreihen. Der Hauptfluß ist der Douro, welcher die Ost- und Südgrenze der Provinz bildet und von hier den Sabor, die Tua und die Tamega aufnimmt. Das Klima ist im Sommer sehr heiß, im Winter aber rauh und kalt. Der Boden, obgleich meist felsig und steinig, ist doch in vielen Gegenden trefflich angebaut. Der Norden erzeugt Roggen und Weizen, Flachs und Hanf, der Süden Mais, Mandeln und Orangen; Haupterzeugnis aber ist der Wein, besonders am obern Douro (Portwein). Die Provinz ist reich an Erzen (besonders Eisen), welche aber nicht mehr ausgebeutet werden, und hat auch mehrere Mineralquellen. Die Bewohner charakterisiert der heitern Bevölkerung der Provinz Minho gegenüber ein düsteres und abergläubisches Wesen. Ausfuhrartikel sind namentlich: Maulesel, Wolle, Seide und Wein. Die Provinz zerfällt in die beiden Distrikte Villa Real und Braganza. Hauptstadt ist Braganza.
Treasure(engl., spr. tresch'r), Schatz; Treasurer, Schatzmeister; Lord High Treasurer (First Lord of the Treasury), Großschatzmeister; Treasury, Schatzkammer, Schatzamt; Treasury Note, Schatzschein, Kassenschein. Der First Lord of the Treasury in England ist gewöhnlich der erste Minister, und sein Departement (Treasury) kontrolliert sämtliche Einnahmen und Ausgaben des Staats, während der eigentliche Finanzminister den Titel Chancellor of the Exchequer führt.
Trebbia(im Altertum Trebia), Fluß in Oberitalien, entspringt am Nordabhang des ligurischen Apennin in der Provinz Genua, fließt nordöstlich, tritt in die Provinz Piacenza und fällt dort nach einem Laufe von 115 km oberhalb der Stadt Piacenza rechts in den Po. Die T. ist historisch berühmt durch zwei Schlachten: in der ersten besiegte Hannibal 218 v. Chr. den römischen Konsul Sempronius Longus. Die zweite fand 17.-20. Juni 1799 statt zwischen den Franzosen unter Macdonald und den vereinigten Österreichern und Russen unter Suworow, wobei erstere unterlagen.
Trebbin, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Potsdam, Kreis Teltow, an der Nuthe und an der Linie Berlin-Halle der Preußischen Staatsbahn, 39 m ü. M., hat eine evang. Kirche, ein Amtsgericht, Zigarrenfabrikation, Dampfdrechslerei, Ziegelbrennerei und (1885) 2855 meist evang. Einwohner. Hier 21. Aug. 1813 siegreiches Gefecht des französischen Korps Oudinot gegen die preußische Brigade v. Thümen.
Trebel, Fluß im preuß. Regierungsbezirk Stralsund, entspringt im Kreis Grimmen, fließt westlich und südöstlich, bildet eine Strecke weit die Grenze Pommerns gegen Mecklenburg, steht durch den Mohrgraben mit der Recknitz in Verbindung und mündet bei Demmin links in die Peene. Sie ist bei hohem Wasserstand 28 km weit schiffbar.
Trebellins Maximus, röm. Konsul 62 n. Chr., nach welchem der Senatsschluß über die Universalfideikommisse (senatusconsultum Trebellianum) benannt ist, womit Justinian das Pegasianische Senatuskonsult (unter Vespasian) verschmolz, das vom Abzug des rechtmäßigen Viertels handelt. Letzteres heißt daher Quarta Trebelliana.
Treber(Träber, Trester, Seih), die ausgezogenen Malzhülsen der Bierbrauereien und die ausgepreßten Weintrauben. Erstere bilden ein wertvolles Viehfutter, dessen Nahrungswert mit der Stärke des Biers schwankt. Am besten eignen sich die T. zu Milchfutter. 100 kg Darrmalz liefern durchschnittlich 133 kg nasse T., welche, auf den Darrungsgrad des Malzes zurückgebracht, 33 kg betragen. Die Weintreber verfüttert man mit Spreu, Häcksel, Ölkuchen, Getreideschrot für Rindvieh, Schafe und Schweine; auch dienen sie zur Bereitung von Tresterwein, Branntwein, Essig, Grünspan, Leuchtgas, Frankfurter Schwarz.
Treberausschlag, s. v. w. Schlempemauke, s. Mauke.
Trebinje, Bezirksstadt in Bosnien, Kreis Mostar, am Fluß Trebincica, leicht befestigt, hat ein Schloß und (1885) 1659 Einw., ist Sitz eines katholischen Bischofs, eines Militär-Platzkommandos und Bezirksgerichts und war früher die Hauptstadt des Fürstentums Terbunia. Sehr interessant ist das gegen NW. sich hinziehende Thal der Trebincica, auch Popovopolje (Popenfeld) genannt, zu dem ein steiler Geröllpfad hinaufführt. Daselbst wohnen die im ganzen Land herumziehenden Mauren (Katholiken).
Trebisonda, Stadt, s. Trapezunt.
Trebitsch, Stadt in Mähren, an der Iglawa und der Eisenbahn Brunn-Okrzisko, Sitz einer Bezirkshauptmannschaft und eines Bezirksgerichts, besteht aus der eigentlichen Stadt, 5 Vorstädten und der Judenstadt, hat ein gräflich Waldsteinsches Schloß mit schöner Schloßkirche und Park, eine baulich interessante Abteikirche im Übergangsstil mit großer Krypte und reichem Nordportal, eine Synagoge, ein Staatsobergymnasium, bedeutende Leder- und Schuhfabrikation, Dampfmühle, Bierbrauerei und Mälzerei, Likörfabrikation, Tuchweberei, Leimsiederei, stark besuchte Märkte und nebst dem angrenzenden Unterkloster (1880) 10,452 Einw.
Trebnitz, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk Breslau, am Trebnitzer Wasser und am Fuß des Trebnitzer Landrückens (Katzengebirge), 146 m ü. M., an der Linie Hundsfeld-T. der Preußischen Staatsbahn, hat eine evangelische und eine kath. Kirche, ein Amtsgericht, Bierbrauerei und (1885) 4920 meist evang. Einwohner. T., das 1228 deutsches Stadtrecht erhielt, ist ein berühmter Wallfahrtsort; das ehemalige Cistercienserkloster (jetzt Krankenanstalt der Schwestern vom heil. Borromeus) wurde 1203 von Hedwig, der Gemahlin Herzog Heinrichs des Bärtigen, gestiftet.
Trebonius, Gajus, röm. Ritter, gab als Volkstribun 55 v. Chr. die nach ihm genannte Lex Trebonia, wodurch Pompejus Spanien, Crassus Syrien aus fünf Jahre als Provinzen verliehen und Cäsar die Provinz Gallien auf weitere fünf Jahre verlängert wurde. Er begleitete Cäsar als Legat nach Gal-
814
Trebsen - Treiben.
lien, wurde 45 Konsul, nahm aber später an der Verschwörung gegen Cäsar teil. Im Mai 44 ging er als Prokonsul nach Asien und wirkte hier für Brutus und Cassius, ward aber im Februar 43 von P. Dolabella in Smyrna erschlagen.
Trebsen, Stadt in der sächs. Kreishauptmannschaft Leipzig, Amtshauptmannschaft Grimma, Knotenpunkt der Linien Glauchau-Wurzen und Döbeln-Wermsdorf der Sächsischen Staatsbahn, hat eine evang. Kirche, ein Schloß, Porphyrbrüche und (1885) 1122 evang. Einwohner. Dabei der 220 m hohe Kohlenberg mit Aussichtsturm.
Trebur, Flecken in der hess. Provinz Starkenburg, Kreis Großgerau, unweit des Rheins, hat eine evang. Kirche, bedeutende Käsefabrikation und (1885) 1826 Einw. - T. (ursprünglich Tribur) war schon zu Karls d. Gr. Zeit eine königliche Pfalz, kam später unter die Vogtei der Herren von Münzenberg, ward 1246 von Wilhelm von Holland an den Grafen Diether III. von Katzenelnbogen verpfändet und mit dem größten Teil seines Gebiets von Rudolfvon Habsburg dem Grafen Eberhard von Katzenelnbogen verliehen. Den Rest der Besitzungen, welcher bisher den Herren von Falkenstein gehört hatte, erwarb Graf Johann 1422. T. war in der Zeit der Karolinger und der salischen Kaiser häufig Sitz von Reichstagen; am bekanntesten sind die von 1066, wo Adalbert von Bremen gestürzt wurde, und von 1076, wo die Fürsten Heinrich IV. aufgaben, die Lossprechung vom Bann binnen Jahresfrist zu erwirken. 895 fand daselbst eine Synode statt, zu welcher auch König Arnulf erschien.
Trecate, Flecken in der ital. Provinz Novara, an der Eisenbahn Mailand-Novara, hat Reste alter Befestigungswerke, Reis- und Seidenbau, Käsebereitung und (1881) 5259 Einw.
Trecento(spr. -tschennto. "dreihundert"), in der Kunstgeschichte übliche Bezeichnung für die italienische Kunst des 14. Jahrh., insbesondere für Giotto und seine Schule und für Giovanni Pisano und seine Nachfolger (Trecentisten). Vgl. Quattrocento und Cinquecento.
Treckfahrtskanal, Schiffahrtskanal zwischen Emden und Aurich, in der preuß. Provinz Hannover, ist 23,5 km lang und 3 m tief.
Treckschuiten(holl., spr. -scheuten), s. Halage.
Tredegar, Stadt in Monmouthshire (England), inmitten des reichsten Kohlen- und Eisenreviers, mit (1881) 18,771 Einw.
Tredgold, Thomas, Zivilingenieur, geb. 22. Aug. 1788 zu Lerrendon bei Durham, trat, nachdem er längere Zeit praktisch gearbeitet, 1813 in das Büreau des Architekten Atkinson, Erbauers des Zeughauses in London, ein und trieb eingehende theoretische Studien. Neben zahlreichen Aufsätzen über physikalische Gegenstände veröffentlichte er: die vielfach aufgelegten "Elementary principles of carpentry" (Lond. 1820, 7. Aufl. 1886; daneben andre Ausgaben); "Essay on the strength of cast iron" (neue Ausg. 1860) und die "Treatise on warming and ventilating" (neue Ausg. 1842); "Practical treatise on rail-roads and carriages"; "The steam-engine" (1827; neue Ausg. 1853, 3 Bde.). Er starb 28. Jan. 1829.
Tredici Comuni(spr. treditschi), s. Comuni.
Tredjakowskij, Wasilij Kirillowitsch, russ. Schriftsteller, geb. 1703 zu Astrachan, starb als Hofdichter 6. Aug. (a. St.) 1769. Er war ein talentloser Reimschmied, der durch Liebedienerei sich die Gunst des Hofs erwarb und dadurch zu hohen Ehren stieg, so unter anderm von der Kaiserin Anna Iwanowna zum Mitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften ernannt wurde und den Auftrag erhielt, "die russische Sprache sowohl durch Verse als auch durch Prosa zu reinigen". Alle seine Festgesänge in steifen schwunglosen Versen sind längst vergessen; sein Name lebt nur noch in der litterarischen Kritik fort als Synonym für Talentlosigkeit, dichterische Überhebung und Buhlerei um Hofgunst.
Treene, Fluß in Schleswig-Holstein, entsteht südöstlich von Flensburg, ist 21 km schiffbar und mündet bei Friedrichstadt rechts in die Eider.
Treffen, Kampf zwischen größern Truppenmassen (s. Gefecht); ferner die einzelnen Schlachtlinien, in denen die Truppen nacheinander mit dem Feind in Berührung treten. Man unterscheidet in dieser Hinsicht: ein Vorder- und Hintertreffen, ein erstes, zweites, drittes T. Während das erste T. im unmittelbaren Kampf mit dem Feind sich befindet, ist das zweite zur Unterstützung, Ablösung, Sicherung des Rückens und der Flanken bereit; das dritte dient in der Regel nur als Reserve.
Treffurt, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Erfurt, Kreis Mühlhausen, an der Werra, hat eine evangelische und eine kath. Kirche, eine Schloßruine (Normanstein), Zigarrenfabrikation, Obstbau und (1885) 1814 meist evang. Einwohner.
Trèfle(franz., spr. träfl, "Klee, Kleeblatt"), Farbe der franz. Spielkarte, deutsch Treff ("Eichel").
Trefort, August, ungar. Staatsmann, geb. 1817 zu Homonna im Zempliner Komitat, studierte zu Pest die Rechte, trat 1837 in den Staatsdienst, gab 1840 im Verein mit Baron Joseph Eötvös und Ladislaus Szalay die "Budapesti Szemle" (Revue) heraus, wurde 1843 von der Stadt Pest in den Reichstag gewählt, trat 1844 in die Redaktion des Kossuthschen "Pesti Hirlap" ein, ward 1848 Staatssekretär des damaligen Handelsministers Gabriel Klanzal, nach dessen Rücktritt selbst Minister, zog sich aber schon im Oktober vom politischen Leben zurück und reiste (bis 1850) mit Baron Joseph Eötvös ins Ausland. Seit dem Wiedererwachen des konstitutionellen Lebens 1860 war er fortwährend öffentlich thätig teils als Deputierter, teils als Leiter öffentlicher Unternehmungen. Die Alföldbahn ist sein Werk. Seit 1865 Mitglied des Abgeordnetenhauses, stand er stets in den vordersten Reihen der Deákpartei. 1872 wurde er zum Kultusminister ernannt und 1885 zum Präsidenten der ungarischen Akademie erwählt. Er starb 22. Aug. 1888 in Pest. Von ihm erschienen "Reden und Studien" (deutsch, Leipz. 1883) und "Essays und Denkreden" (das. 1887).
Tréguier(spr. treghjeh), Stadt im franz. Departement Côtes du Nord, Arrondissement Lannion, am gleichnamigen Küstenfluß, welcher die größten Schiffe trägt und bald darauf in den Kanal (La Manche) fällt, hat einen guten Handelshafen, Stockfisch-, Makrelen- und Austernfang, Schiffahrt, Handel und (1881) 3125 Einw.
Treibeis, s. Eis, S. 399, und Polareis.
Treibel, s. Lammfelle.
Treiben, das Jagen der Tiere und Ricken durch die Hirsche und Böcke in der Brunftzeit, um sie zu beschlagen; auch ein Revierteil, aus welchem das Wild dem vorstehenden Schützen zugetrieben wird.
Treiben, dehnbare Metalle mit Hammer (Treibhammer) und Amboß (Treibstock) bearbeiten, namentlich Gefäße etc. aus Blech herstellen, indem man durch Ausdehnung der mittlern Teile eines Blechstücks eine Vertiefung erzeugt (Auftiefen) oder den Rand aufbiegt (Aufziehen) und die Wandung ver-
815
Treibendes Zeug - Treibjagd.
engert (einzieht) oder erweitert (schweift). Hierbei kommen auch die übrigen Blecharbeiten, wie Bördeln, Sieken etc., zur Anwendung und bei kunstindustriellen Gegenständen namentlich das T. mit Bunzen. Vgl. Getriebene Arbeit. In der Metallurgie s. v. w. abtreiben. - In der Gärtnerei heißt T., gewisse Pflanzen durch Anwendung künstlicher Wärme und andrer Bedingungen früher als naturgemäß zur Ausbildung von Blättern, Blüten und Früchten bringen. Die Treiberei bezieht sich besonders auf feinere Gemüse, Blütenpflanzen u. Obst. Zur Wärmeerzeugung benutzt man, um gleichzeitig feuchte Luft zu erhalten, Mist, Laub, Lohe, Baumwollabfälle, Wasser- und Dampfheizung in Treibkästen oder Gewächshäusern (s. d.). Das T. beginnt, je nach Bedürfnis und Treibfähigkeit der Pflanzen, früher oder später vom Oktober bis März, z. B. bei Hyazinthen im November, bei Tulpen, Roman-Hyazinthen, Maiblumen noch früher. Von Blumen werden getrieben: Blumenzwiebeln, Stauden, schön blühende Gesträuche, vorzugsweise Rosen; von Früchten: Wein, Pfirsiche, Himbeeren, Ananas, Erdbeeren, Aprikosen, Pflaumen und Kirschen; von Gemüsen in Mistbeeten und Treibhäusern: Blumenkohl, Kohlrabi, Kopfsalat, Gurken, Bohnen, Melonen, Karotten, Radieschen etc. Alle getriebenen Blumen sind empfindlich gegen Luftwechsel und müssen weit von Öfen aufgestellt, auch sorgfältig verwahrt transportiert werden. Blütensträucher, Blumenzwiebeln u. a. bedürfen einiger Zeit der Ruhe, ehe sie zu ungewöhnlicher Zeit in Blüte gebracht, d. h. getrieben, werden können. Letztere, Hyazinthen, Tulpen, Krokus u. a., pflanzt man, nachdem sie bereits mehrere Wochen außerhalb der Erde zugebracht, in Töpfe mit leichter Erde und gutem Wasserabzug, gräbt sie dann sortenweise 50 cm tief im Erdboden ein oder stellt sie im kühlen, dunkeln Keller auf, bis sie genügend Wurzeln gebildelt haben, was man bemerkt, wenn man den Topf mit der Zwiebel zwischen den Fingern der linken Hand umkippt; dann kann man sie sofort warm stellen, gibt ihnen aber eine Papierhaube, um durch Abschluß des Lichts den Blütenschaft zu verlängern; Krokus müssen aber im Keller angetrieben werden. Blütensträucher werden erst kalt und nach und nach wärmer gestellt, auch öfters durch Spritzen angefeuchtet; Staudenblumen dürfen nicht vor Sichtbarwerden der Blüte warm stehen. Gemüsepflanzen zieht man zuerst im besondern Kasten an und bringt sie genügend entwickelt in einen andern, inzwischen warm angelegten Kasten. Gurken u. a. treibt man auch im Gewächshaus. Für das T. von Obst, auch Erdbeeren, hat man besondere Häuser, in denen die Sträucher, Bäumchen und Pflanzen nach und nach wärmer und feuchter gehalten werden. Ananasfruchtpflanzen kommen sofort ins warme Haus, am besten mit Unterwärme von Mist, Baumwollabfällen und ausgekochtem Hopfen, die wie beim Mistbeet (s. d.) vorbereitet werden. Vgl. Jäger, Winterflora (4. Aufl., Weim. 1880); Derselbe, Gemüsetreiberei (2. Aufl., das. 1863); Lucas, Gemüsebau (4. Aufl., Stuttg. 1882); Tatter, Anleitung zur Obsttreiberei (das. 1878).
Treibendes Zeug, gangbares Zeug, s. Vorgelege.
Treibhaus, s. Gewächshäuser.
Treibjagd, eine Jagd mit Schützen und Treibern. Im Wald können meist nur Vorstehtreiben (Standtreiben), d. h. solche Treiben eingerichtet werden, bei welchen sich eine Treibwehr auf die an der andern Seite des Treibens angestellten Schützen zu bewegt und das Wild auf diese zutreibt. Die Treiber müssen in einer solchen Entfernung voneinander aufgestellt werden, daß sie sich gegenseitig sehen können, sie müssen mit Innehaltung derselben auf ein gegebenes Signal sich in möglichst gerader Linie langsam fortbewegen und dabei durch Klappern, Husten, Schlagen an den Stämmen Lärm machen. Die Schützen, welche an Wegen, Schneisen etc. möglichst geräuschlos in 50-60 Schritt Abstand angestellt werden, müssen sich thunlichst an Bäumen oder Sträuchern zu decken suchen, bewegungslos verhalten und dürfen ihre Stände nicht vor beendetem Trieb verlassen. Bei den auf Hasen abgehaltenen Feldjagden können die Treiben als Vorstehtreiben, als Kesseltreiben und als böhmische Treiben veranstaltet werden. Die Vorstehtreiben werden ebenso wie im Wald gemacht, nur gräbt man wohl für die Schützen Standlöcher in die Erde oder baut Jagdschirme aus Reisig, wenn es an Bäumen und Sträuchern fehlt, um sie gedeckt aufstellen zu können. Bei den Kesseltreiben läßt man Treiber und Schützen von einem geeigneten Punkt ablaufen. Rechts und links davon wird zur Bestimmung der Entfernung, in welcher sie gehen sollen, in 60-80 Schritt Abstand je nach der Zahl derselben und der Größe des Kessels ein Treiber aufgestellt oder ein Markierpfahl errichtet. Zuerst laufen nun die beiden Flügelführer, d. h. Jäger oder Treiber, die genau ortskundig sind, ab und richten ihren Zug so ein, daß sie nach rechts und links auf der Grenzlinie des Kessels entlang gehen, um auf dem der Auslaufstelle entgegengesetzten Punkt wieder zusammenzutreffen. Sobald sie den Markierpunkt überschritten haben, folgt je ein Treiber und, nachdem 2-4 Treiber abgelaufen sind, nach dem Verhältnis zwischen Treibern und Schützen, je ein Stütze. Ist sämtliches Personal in der vorstehenden Weise abgelaufen, so rückt der Sack, d. h. die hintere Linie, nach, bis die Flügelführer durch ein Hornsignal melden, daß sie zusammengetroffen sind, also der Kessel geschlossen ist. Nunmehr bewegen sich alle langsam nach dem Mittelpunkt, welcher öfters durch eine Stange bezeichnet wird, zu, bis der Trieb so weit ins Enge gekommen ist, daß die Schützen auf 40-50 Schritt Entfernung stehen. Auf das Signal oder den Ruf "Treiber vor" begeben sich diese in den Kessel, während die Schützen stehen bleiben und von da ab auf das Wild, welches noch aufgetrieben wird, nicht mehr in den Kessel, sondern nur noch rückwärts schießen dürfen. Zur Veranstaltung der böhmischen Treiben sind zwei mindestens tausend Schritt lange Leinen erforderlich, in welche auf etwa 40 Schritt Entfernung Zeichen eingeknüpft sind. Auf einen Haspel gewunden, werden diese auf den beiden Punkten des Treibens aufgestellt, von welchen die Flügel ablaufen sollen. Die Flügelführer nehmen die Enden derselben in die Hand und gehen wie beim Kesseltreiben vorwärts. Sobald nun beim Abhaspeln der Leine ein Markierzeichen erscheint, faßt ein Treiber dieselbe dort mit der Hand und folgt den voraufgehenden u. s. f., bis die Lappenleinen abgewickelt sind. Auf der Linie, welche in ihren Endpunkten durch die Enden der Lappenleinen bestimmt ist, werden nun die Schützen aufgestellt, zwischen welchen man noch, falls die Entfernungen beträchtlich sind, je 1-3 Treiber einreiht, damit diese etwa auf sie zulaufendes Wild nach den Schützen abkehren. Ebenso werden noch 2-3 Schützen zwischen den dem Sack zunächst an der Lappenleine gehenden Treibern postiert, welche Lappenschützen heißen und gewöhnlich die meisten Hasen erlegen. In der angegebenen Aufstellung wird nun das ganze für einen Trieb bestimmte Feld abgestreift. Die Hasen rücken anfangs vorwärts, sobald aber die Entfernung
816
Treibrad - Treja.
von ihrem Lager zu erheblich wird, kehren sie um und versuchen durch die im Sack postierte Schützenlinie zurückzugehen, wobei sie zu Schuß kommen. An der Grenze des Treibens angelangt, schwenken zuletzt die Flügelführer zusammen und bilden dadurch schließlich einen Kessel. Die Vorstehtreiben, welche man auf Rot-, Dam- und Rehwild sowie auf Sauen veranstaltet, haben gewöhnlich dann wenig Erfolg, wenn man dazu eine aus vielen Treibern bestehende, sehr geräuschvolle Wehr verwendet. Das Wild geht leichter zurück, es wird eher von wenigen ortskundigen Leuten, welche die Treiben abgehen, vorgebracht. Man erlegt auch Waldschnepfen und Wildenten, selbst Gänse und Trappen auf Standtreiben. Am leichtesten lassen sich der Wolf und der Fuchs treiben, und letzterer wird meist auf solchen Treibjagden erlegt, welche man im Wald zugleich auf Hasen veranstaltet.
Treibrad(Triebrad), ein Rad, auf welches die bewegende Kraft, z. B. bei Dampfmaschinen die Kolbenstange, direkt einwirkt.
Treibriemen(Transmissionsriemen), bandförmige Riemen zum Betrieb der Riemenräderwerke (s. d.). Das beste Material zu denselben ist starkes Leder, welches mit der genügenden Festigkeit die wertvolle Eigenschaft verbindet, auf den abgedrehten eisernen Riemenscheiben durch beträchtliche Reibung zu haften. Diese T. bestehen aus einfachem, doppeltem oder dreifachem Leder und werden in Breiten bis zu im ausgeführt. Die Zusammensetzung der einzelnen Teile in der Längsrichtung geschieht durch Nähen, am besten aber durch Zusammenleimen der auf 15-20 cm schräg gefrästen Enden mit einem besonders präparierten Leim. Die Enden der Lederriemen näht man mit dünnen Lederstreifen zusammen oder verbindet sie durch Bolzen, Schrauben, Niete oder durch besonders konstruierte Verbindungsstücke (Riemenschlösser). Zum Aufbringen des Treibriemens auf die Riemenscheiben dient ein Riemenspannflaschenzug. Um die ledernen T. vor dem Brechen zu bewahren, legt man sie vor dem Gebrauch 24 Stunden in Glycerin. In sehr feuchten Räumen verdienen die Guttaperchariemen mit Einlage von festem Hanfgewebe den Vorzug. Seit einiger Zeit hat man versucht, die Lederriemen durch Gurte aus Baumwoll- oder Hanfgewebe zu ersetzen, ohne jedoch damit den erstern gegenüber wesentliche Vorteile zu erzielen. Andre Bestrebungen sind dahin gerichtet, an Stelle der Lederriemen etc. solche aus Metall herzustellen. Dieselben bestehen entweder aus einer Anzahl paralleler Drahtseile, welche durch Stücke von Hirnleder in der Querrichtung verbunden sind, oder aus Ketten mit daran befestigten Riemenstreifen, welche nur die Reibung vermehren sollen, oder aber aus ordentlichen Drahtgeweben. Bis jetzt hat sich jedoch noch keine Art der Metalltreibgurte einer allgemeinen Anwendung zu erfreuen. Vgl. auch Riemenräderwerke.
Treibsätze, s. Feuerwerkerei, S. 225.
Treibschnur, s. Seiltrieb.
Treibstock, s. Treiben.
Treibströmungen, s. v. w. Driftströmungen.
Treideln, s. Halage.
Treignac(spr. tränjack), Stadt im franz. Departement Corrèze, Arrondissement Tulle, an der Vézère, hat ein Kommunalcollège, ein Zweigetablissement der Waffenfabrik zu Tulle, Gerberei, Bierbrauerei, Hutfabrikation, lebhaften Handel und (1881) 1803 Einw.
Treilhard(spr. träjar), Jean Baptiste, Graf, Mitglied des franz. Direktoriums, geb. 3. Jan. 1742 zu Brives im Limousin, studierte zu Paris die Rechte, wurde Advokat beim Parlament, 1789 von der Stadt Paris als Deputierter in die Generalstaaten, nach dem Schluß der Nationalversammlung zum Präsidenten des Kriminalhofs im Departement Seine-et-Oise und 1792 von der Stadt Paris in den Nationalkonvent gewählt. Er stimmte für den Tod des Königs, jedoch für Aufschub der Hinrichtung. Im April 1793 ward er Mitglied des Wohlfahrtsausschusses und mit einer Sendung in die westlichen Departements beauftragt, aber nach seiner Rückkehr wegen allzu großer Milde nicht wieder gewählt. Erst nach Robespierres Sturz trat er wieder in den Wohlfahrtsausschuß, dessen gewöhnlicher Berichterstatter er war. 1795 trat er in den Rat der Fünfhundert und ward endlich Präsident desselben. Am 20. Mai 1797 schied er aus und übernahm die Präsidentschaft einer Sektion des Kassationshofs, ward aber bald darauf als Unterhändler des Friedens mit England nach Lille, sodann als bevollmächtigter Minister nach Neapel und zuletzt zum Kongreß nach Rastatt geschickt, wo er aber nur kurze Zeit verweilte. 1798 ward er Mitglied des Direktoriums, unterstützte den Staatsstreich Bonapartes vom 18. Brumaire und ward daher von demselben später zum Präsidenten des Pariser Appellhofs und Mitglied des Staatsrats ernannt, als welcher er bei der Bearbeitung des Code Napoléon wesentliche Dienste leistete. 1804 ward er zum Präsidenten der Gesetzgebungssektion im Staatsrat ernannt und in den Grafenstand erhoben. Er starb 1. Dez. 1810.