IV
Am Morgen des nächsten Tages ging Lande ins Gefängnis. Hinter der Stadt glänzten die Mauern schon von weitem auf; in scharfem Weiß hoben sie sich längs der breiten Flußböschung von einer zarten, grünen Wiese ab. Die in der Sonne glänzenden Bajonette einsamer, schwarzer Soldatengestalten durchstachen kräftig die blaue Luft.
Lande wurde zu dem Inspektor geführt; einem Mann mit einem langen, so silberweißen Vollbart, wie er auf den flachen Ssusdaler Heiligenbildern gemalt wird. Der Inspektor starrte Lande höflich an und bewegte mit fragender Miene seine dünnen, mißtrauischen Lippen.
„Mein Name ist Lande. Sie kennen mich wahrscheinlich? Ich möchte sehr gern den Tkatschow sehen — denjenigen, der vorgestern vor Gericht freigesprochen wurde. Ich habe erfahren, daß er noch hier sitzt.“
Der Gefängnisinspektor mit dem Heiligenbilderbartmachte eine leise Bewegung mit den knochigen Fingern.
„Das können Sie ... Er ist noch bei uns. Sehen dürfen Sie ihn, natürlich!“ wiederholte er, als ob er sich selbst noch einmal davon überzeugen wollte. „Ich lasse Sie zu ihm begleiten ... Oder soll er vielleicht hierher gerufen werden?“
„Ich würde lieber selbst zu ihm gehen, — er wird vielleicht gar nicht zu mir kommen wollen. Ich bin mit ihm eigentlich so gut wie unbekannt.“
Der Inspektor fixierte Lande scharf.
„Ssidorow, führe den Herrn hin!“ sagte er, indem er plötzlich die Augenbrauen barsch zusammenzog und aufhörte, Lande anzustarren.
„Wie dürfte ich denn über ihn verfügen, wissen Sie?“ sagte ihm Lande vertrauensvoll. „Ich möchte, sehen Sie, ihm vorschlagen ...“
„Das können Sie alles mit ihm selbst besprechen!“ herrschte ihn der Inspektor noch barscher an und machte sich mit Papieren auf dem Tisch zu tun.
Der Inspektor tat Lande seiner Grobheit und Kälte wegen leid; er beeilte sich.
Ein alter, rasierter und borstiger Soldat in schwarzer, sackartiger Uniform, die unter den Ärmeln zerrissen war, schob an Landes Seite denAufschlag mit den verschlissenen Litzen in die Höhe und sagte:
„Zu Befehl, Euer Wohlgeboren! Bitte, Herr!“
Lande folgte ihm nach dem Hof.
Der Hof war sauber und groß, aber trotz des weichen Frühlingshimmels, der über ihm lag, war die Luft in ihm schwül. Es roch nach saurer Kohlsuppe, Flickstuben und dem intensiven, penetranten Geruch des Abortes.
„Schön ist es bei Euch gerade nicht ...“ meinte Lande.
Ssidorow ließ die kleinen Bauernaugen über den Hof schweifen, als suche er in komischer Ratlosigkeit, was an ihm eigentlich nicht schön sein könnte.
„Jawohl!“ antwortete er trotzdem so eilig und lustig, als ob es ihm ein großes Vergnügen wäre, mit Lande einer Meinung zu sein.
Lande sah, wie schwer und fest der Soldat mit den ungeschlachten Bauernfüßen ausschritt, und fügte hinzu:
„Ein schlimmer Dienst ist das hier: Menschen zu überwachen.“
„Jawohl,“ antwortete Ssidorow ebenso bereitwillig.
„Besser wär’s doch, im Heimatsdorf auf demFeld zu arbeiten!“ fuhr Lande voll Mitleid mit dem Soldaten fort.
„Ja,“ meinte Ssidorow, „auch auf dem Feld zu arbeiten, das ist gut.“
Von seiner lustigen, bereitwilligen Stimme kam auch Lande in frohe Stimmung.
„Warum wird Tkatschow bisher noch nicht freigelassen? Er ist doch schon freigesprochen?“
„Er will von alleine nicht gehen!“ antwortete Ssidorow lächelnd.
„Warum?“
„‚Ich habe nirgends hinzugehen,‘ sagt er. So ’ne Geschichte. Ein komischer Kerl!“
Lande wurde nachdenklich; ein trauriger Schatten fiel ihm auf Gesicht und Seele.
Sie hatten den Hof passiert und gingen durch einen engen gewölbten Korridor; dort schien es nach dem hellen Sonnenlicht im Hof auffallend dunkel; überall sah man nur kalten, schmutzig-weißen Stein und altes, grünes Eisen.
Schmutzig und häßlich gekleidete Menschen jeden Alters, aber alle mit gleich blutlosem, ungesund aufgedunsenem Gesicht schlenderten teilnahmslos aus einer Tür in die andere. Sie begleiteten Lande mit unfreundlichen und frechen Blicken, blieben an der Wand stehen und schlichen dann wieder in die Tiefe der feuchten Korridore; in ihren sinnlosen, gleichgültigen Bewegungenlag etwas furchtbar Aufpeitschendes. In einer Zelle versuchte jemand zu singen, aber man konnte merken, daß er darauf mehr Kraft verwendete, als nötig war, und das Singen selbst glich mehr einem Fluchen — so wild war die Weise und so viel häßliche Worte enthielt das Lied.
„Tkatschow!“ rief Ssidorow fröhlich in den Korridor hinein.
„Hallo, Tkatschow! He ... du! ... Man ruft dich! Hörst du nicht?“ brüllten ungeordnet mehrere Stimmen, als ob sie froh wären, nicht mehr ziellos, sondern mit einem bestimmten Zweck schreien zu können.
An der Schwelle einer Zelle erschien ein Mann in einer zu großenGefangenenjacke, mager, schwarz. Sein dunkles Gesicht mit hervortretenden Backenknochen sah Lande düster und mißtrauisch an.
„Ich möchte zu Ihnen ...“ Lande reichte ihm die Hand und lächelte vertrauensvoll; er bemühte sich, durch dieses Lächeln Tkatschow näher zu kommen und verständlicher zu werden.
Linkisch und doch, als ob er über den Besuch gar nicht verwundert wäre, gab Tkatschow die Hand.
„Ich wollte mit Ihnen über einiges sprechen,“ fügte Lande hinzu.
Tkatschow blickte ihn noch mißtrauischer an, biß auf seine dünnen, trockenen Lippen, trat dann unwillig zwei Schritte zur Seite und sagte mit gebrochener, etwas dumpfer Stimme:
„Hier wohne ich ... da ...“
Lande trat hinter ihm in die Einzelzelle ein. Es war ein gewölbtes Zimmer, so klein, feucht und dumpf, daß einem der Gedanke, hier wohne ein ausgewachsener Mensch und nicht etwa ein kleines verjagtes Tierchen, sehr sonderbar vorkam.
Tkatschow überlegte eine Weile, zog die Augenbrauen zusammen und schob dann Lande einen Schemel hin.
„Setzen Sie sich bitte ...“ sagte er mit unbestimmbarem Ausdruck.
Lande ließ sich nieder und sah Tkatschow weich an.
„Was wünschen Sie von mir?“ fragte Tkatschow, während er unter diesem Blick unruhig die Augenbrauen zusammenzog.
Wenn er es tat, nahm sein Gesicht nicht einen herben, sondern einen bemitleidenswerten Ausdruck an, wie er gekränkten Kindern eigen ist.
„Ich wünsche nichts ...“ erwiderte Lande gutmütig. „Ich habe nur von Ihnen gehört und bin gekommen.“
„Wozu denn aber?“ meinte mißtrauisch Tkatschow.
„So, mir tat es weh, daß Sie so erbittert und unglücklich sind; ich dachte mir nun, daß es Ihnen vielleicht leichter wird, wenn ich zu Ihnen komme ...“
„Mitleid? Brauche ich nicht!“ erwiderte Tkatschow abgerissen und dumpf und wandte sich nach dem Fenster ab, während seine schmutzigen, mageren Finger an die Tischkante drückten.
Lande ergriff leise Tkatschows Hand.
„Wozu sagen Sie das? ... Das ist doch nicht wahr! ... Sie sind doch unglücklich und erbittert, und gestohlen haben Sie nur, weil Sie wenig Mitleid und Liebe in Ihrem Leben gesehen haben. Ich bin zu Ihnen ohne jeden Nebengedanken gekommen, mit offenem Herzen, mit aufrichtigem Wunsch, Ihnen durch irgend etwas zu helfen ... Warum verletzen Sie mich also?“
Tkatschow blickte scheu auf Landes Hand, die ihn weich und vertrauensvoll bei den schwarzen Fingern hielt, und errötete plötzlich.
„Niemanden brauche ich ...“ erwiderte er leise aber trotzig und zog unauffällig seine Hand zurück. „Das ist alles dummes Zeug ...“
„Warum?“ fragte Lande mit schmerzlich erhobenen Augenbrauen.
Tkatschow wandte ihm seinen Kopf zu und lächelte verächtlich und angestrengt.
„Ihre naive Frage bringt mich in eine dummeStellung,“ versetzte er in hochtrabendem Ton, durch den aber deutlich die Erbitterung klang. „Übrigens, aus welchem Grunde sollte ich mich denn mit Ihnen einlassen!“ Er zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Fenster, wo Tauben girrten, ohne daß man sie hinter dem Gitter und den Scheiben vernehmen konnte.
„Da ... ich füttre sie, meine Freunde!“ sagte Tkatschow nach dem Schweigen und lächelte verlegen mit einem Winkel seiner dünnen, abgemagerten Lippen.
„Die Tauben? ... Ja! ...“ Lande war über dieses Lächeln erfreut und lächelte selber. „Gewiß sind sie Freunde! Es ist doch nicht wahr, daß es nur ewige Feindschaft und die Notwendigkeit der Vernichtung gibt ... Eine solche Notwendigkeit kann es nicht, darf es nicht geben! ... Man muß im Gegenteil zu schützen suchen ... alle den Einzelnen und der Einzelne alle ... und Freunde sein, sogar Brüder! Ich glaube, wissen Sie, daß jetzt alles falsch ist, daß alles nicht so ist, wie es sein sollte. Man muß alles verbessern, abschließen, das ist eben die Aufgabe des Menschen! ... Ich glaube ...“
„Ich verstehe Ihre schönen Phrasen nicht!“ versetzte Tkatschow trotzig und düster, aber, wie es Lande vorkam, absichtlich schroff.
Lande lächelte traurig.
„Ich verstehe nicht, besser zu reden ... Verstehen Sie mich denn wirklich nicht? ... Ich glaube, doch! ... Ich wollte sagen, daß es das Böse und den Haß an sich gar nicht gibt, daß sie nur eine Folge der Arbeit an der Weltgestaltung sind und daß man sie bestätigen muß ...“
„Sieh mal!“ versetzte Tkatschow spöttisch. „Wie einfach!“
„Nein, nicht einfach ... schwer, furchtbar schwer ist es! Aber nicht unmöglich: kein Haß und Zorn ist so stark, daß man ihn nicht überwinden könnte!“
„Wozu erzählen Sie das alles?“ fiel ihm Tkatschow scharf ins Wort.
Lande beeilte sich, ihm zu antworten, als fürchtete er, daß Tkatschow fortgehen könnte. Er ergriff wieder seine Hand. „Ich sage es Ihnen, weil ich sehe ... es scheint mir, daß Sie aufgehört haben, an diese Möglichkeiten zu glauben, Sie meinen gewiß, daß das Böse ewig ist, daß das Böse überall triumphiert und daß man es nicht bekämpfen, sondern ihm nachgeben soll! Und das wäre schrecklich! ... Aber es ist nicht so. Sie haben einfach den Mut verloren, Sie sind verbittert worden, Sie verdichten jetzt selbst künstlich die Atmosphäre der Feindschaft um sich, als ob Sie in ihr erst richtig zu atmen gelernt haben ... Ach, Tkatschow, was für ein furchtbarer Irrtumist das! Und Sie fühlen ihn doch: es wird Ihnen doch schwer, so zu atmen, bedrückend schwer. Ja?“
Tkatschow schwieg düster und atmete schwer durch die Nase.
„Man soll nicht Feindschaft mit Feindschaft vergelten!“ fuhr Lande, Glanz in den offenen Augen, fort, als ob er über seine Worte gar nicht nachzudenken brauche, als ob er überhaupt nicht spräche, sondern sänge, das Lied gleich aus dem Herzen quellen ließ. „Nur so wird sie überwunden. Und nie fühlte man solche Leichtigkeit, solche Befriedigung, als dann wenn Sie das Feindselige in sich überwinden, ohne auf fremde Feindschaft in gleicher Weise zu antworten. Weist Sie denn dieses Gefühl nicht dorthin, wo der Weg ist? Welche Freude ist es, das zu fühlen! Welche Marter könnte man nicht um dieser Freude willen ertragen! Und mögen auch die Menschen zu Ihnen schlecht, ja grausam sein; — die äußeren Verhältnisse können ja bei allen Menschen gar nicht gleich sein, und mit ihnen kann man sich, im Grunde genommen, leicht versöhnen, wenn nur ...“
„Haben Sie jemals gehungert?“ fiel ihm plötzlich Tkatschow bissig ins Wort. — „Wie, Herr Lande?“
„Ach, wozu, wozu reden Sie so!“ in LandesStimme lag ein Flehen, das sich in die Seele bohrte. „Sie wissen doch, daß man Hunger und Qualen und selbst den Tod für seine Idee ertragen kann! ... Starben doch Märtyrer unter den entsetzlichsten Qualen! ...“
„Das sind eben Märtyrer!“ Tkatschow warf den Kopf in den Nacken.
„Meinen Sie denn, Tkatschow, daß die Märtyrer irgendwelche besonderen Menschen waren? Nein, ich, und Sie, und jeder, selbst der geringste Mensch, wird alles für eine Idee ertragen, wenn es nurseineIdee, sein Gefühl ist! Stimmt das nicht?“
„Vielleicht wahr ...“ meinte Tkatschow düster.
„Ja, wahr!“ Landes ganzes Gesicht leuchtete freudig auf. „Die Wahrheit lebt im Menschen, diese riesige Kraft, gerade im Menschen lebt sie! Und wenn dem so ist, dann kann der Mensch alles erreichen, dann kann jeder alles! ... Gegen jede Macht ankämpfen und siegen ... Warum haben Sie gestohlen, Tkatschow?“
Tkatschow erzitterte, fing an blaß zu werden, so daß man sehen konnte, wie ihm allmählich das Blut aus dem Gesicht wich, und starrte wütend, mit weit aufgerissenen Augen, aus denen furchtbare Qual hervorlugte, Lande an.
„Was geht das Sie an?“ schrie er ihmheiser zu, seinen langen, schwarzen Hals ausstreckend.
„Ich weiß warum,“ sagte Lande mit zitternden Lippen, „ich möchte darüber mit Ihnen sprechen ...“
Unverwandt durchstach Tkatschow mit einem furchtbaren Blick seine Augen. Nahe vor sich sah Lande die dunklen Pupillen, die völlig rund geworden waren; tief in ihnen wurzelte die ohnmächtige, unausreißbare Kränkung und Wut. Aus irgendwelchem Grunde schien Lande, daß ihn Tkatschow, wenn er jetzt blinzelt, niederschlagen oder ihm ins Gesicht spucken werde. Aber er blinzelte nicht.
Plötzlich senkte Tkatschow die Augen.
„Nichts wissen Sie!“ sagte er leise, grob und herausfordernd.
„O doch, ich weiß!“ erwiderte Lande fest. „Ich kenne Ihr ganzes Leben, ich habe viel von ihm gehört ... Und Sie haben selbst von vielem gesprochen, als Sie damals vor Gericht die Rede hielten ... Man hat es mir wiedererzählt. Sie haben alles so richtig und lebend geschildert, so daß schwerlich ...“
Ein törichter, prahlerischer Zug trat in Tkatschows Mienen.
„Und Sie meinten wohl, nur Ihr, die Herren Studenten, versteht zu reden? Nein,die Zeiten sind vorbei! Jetzt ...“ er redete fort, ohne bei der Sache zu bleiben.
„Sie haben doch auch nur gestohlen, obgleich Sie nie ein Dieb gewesen sind ...“ Lande hatte auf das Letzte nicht mehr gehört. „Ich weiß, Sie hatten stets ein bitteres Leben, und doch haben Sie weder gestohlen, noch tranken oder rauchten Sie. Ich weiß auch, wie Sie das Evangelium studierten, wie Sie aufhörten, Fleisch zu essen ...“
„Das ist dummes Zeug!“ erwiderte Tkatschow mit unnatürlicher, geheuchelter Verachtung.
„Nein, gewiß nicht dummes Zeug! Es ist eine gewaltige Tat, wenn der Mensch so an sich arbeitet! Dazu gehört eine große, eine ungeheure Kraft. Und Sie hatten sie, Tkatschow ... Warum fehlt Sie Ihnen jetzt?“ Lande fragte fest, flehend und griff nach seinen Händen. „Warum kämpften Sie nicht bis zum Ende mit sich?“
„Bis zu welchem Ende? Gestatten Sie die Frage, Herr Lande?“ Tkatschow verzog sein Gesicht zu einer schadenfrohen, aber gleichzeitig bemitleidenswerten Grimasse; er riß seine Hände los.
„Bis zum Sieg, Tkatschow! Alles kann der Mensch besiegen, wenn er um seine Idee kämpft.Sie hatten die Idee, daß alle Menschen Eins sind und daß das Leben und das Gefühl auch Eines, und schön sein muß! Und Sie würden gesiegt haben, Tkatschow — Sie sind ein starker Mensch! Warum haben Sie also den Mut verloren, was ist geschehen?“
Tkatschow schwieg. Auch Lande schwieg mit eigentümlichem Zittern. Die ungeheure Erregung, in der er sprach, erschöpfte ihn. Seine hellen Haare klebten an der Stirn, Lippen und Hände bebten und nur die Augen leuchteten wie früher, in Liebe und Mitleid.
Tkatschow schwieg ziemlich lange.
„Hören Sie, Herr Lande,“ sprach er mit erhobenem Kopf, doch ohne Lande anzublicken. „Sie sagten eben, daß Sie mich kennen; es ist richtig. Sie kennen ... kennen mein ganzes unglückseliges Leben und all das Leid, das in mir steckt ... Ja ... aber auch ich kenne Sie nicht weniger! Jawohl! Sie sind ein guter Kerl, — alle sagen das von Ihnen und ich weiß es auch. Besser als Sie gibt es bei uns in der Stadt, und vielleicht überhaupt keinen Menschen. ... Ich glaube, daß Sie vielleicht ein heiliger Mensch sind, weil Ihre Seele einfach ist ... gerade so wie Glas! Erlauben deshalb, daß ich frage: wo blieben Sie denn, als all das mit mir vorging?“
Lande hob die Hand.
„Nein, erlauben Sie, daß ich es jetzt ausspreche!“ schnitt ihm Tkatschow mit fester, gehässiger Stimme das Wort ab. „Alles haben Sie in meinem Leben bedeutet, Herr Lande, wenn ich die Wahrheit sagen soll. Ich kenne Sie schon lange. Sie waren damals noch ein Kind; ich war auch gerade noch nicht groß, als ... Sehr vieles haben Sie damals für mich bedeutet! Erinnern Sie sich aber, Herr Lande, wie ich zu Ihnen wegenBüchern kam? Sie waren damals in der Abreise, schnürten im Vorzimmer Ihren Koffer ... Ich hatte vorher drei Jahre auf Sie gewartet, und Sie — was haben Sie mir gesagt?“
Lande wurde in seiner qualvollen Erregung wie von Krämpfen durchschüttelt.
„Tkatschow, Tkatschow, das ist richtig ... aber ... doch ...“
Tkatschow wandte ihm ein schwarzes, steinernes Gesicht zu und sagte durch die gepreßten Zähne mit schneidender Stimme: „Sie haben mir gesagt, Sie wollten abreisen ... hätten keine Zeit, versprachen später einmal mit mir zu reden! Und das war alles ... Und ich erwartete damals von Ihnen ein Wort für mein ganzes Leben ... Irgendwas: entweder verstanden Sie mich nicht, sahen nicht, daß es in mir echt war, oder Siemerkten es, aber Ihre Abreise, Ihre privaten Angelegenheiten waren Ihnen wichtiger. So, Herr Lande, nicht? Oder verstehe ich es vielleicht falsch?“
„Bei Gott schwöre ich Ihnen,“ rief Lande, „daß ich geblieben wäre, wenn ich Sie damals verstanden hätte, Sie waren allein schuld, Tkatschow! Sie mußten offener, energischer an mich herankommen, gerade an die Seele pochen! Sie sahen doch, daß ich Sie nicht verstand!“
Tkatschow lächelte langsam und böse.
„Ich sah es! — Das ist es eben, daß ich es sah. Das war es auch, was mich ein für allemal von meinem Weg abbrachte!“
Lande riß weit die Augen auf.
„Hätten Sie Ihre Abreise, Ihre Interessen, einfach für wichtiger gehalten, Herr Lande, als daß ein Mensch mit seiner offenen Seele zu Ihnen gekommen war, so wollte ich wahrscheinlich auf Sie spucken und mir sagen: ‚Ein wertloses Menschenvieh, wie alle!‘ Aber das war es nicht. Ich sah, daß Sie mich einfach nicht verstanden, meine Qual nicht sahen ...“
Lande preßte die Finger zusammen.
„Jedem Menschen kann das doch passieren! Es gibt einen Zustand, den die Seele im Menschen schläft ... So schlief ich damals auch. UndSie ... Warum haben Sie mich nicht aufgeweckt, nicht aus dem Schlaf gestoßen?“
Wieder lächelte Tkatschow langsam und böse.
„Und ich dachte so, Herr Lande ...“ seine Stimme klang wie eine feierliche, längst erwartete, in der Seele brennende Beichte. — „Hier ist ein Mensch — der Beste, — solchen zweiten werde ich in meinem ganzen Leben nicht finden, selbst ihm an die Seele zu pochen, ist schwer ...“
„Nicht immer, Tkatschow ...“
„Na, nicht immer ... Dafür ist es ja diesmal ein besonderer Mensch. Und auch er muß manchmal ordentlich gerüttelt werden, bis er den fremden Schmerz empfindet! ... Was ist dann erst mit den anderen? ... Die werden sich schließlich wohl gar nicht aus dem Schlummer stoßen lassen? ... wie, was meinen Sie?“ fragte Tkatschow spöttisch.
„Nicht möglich! Man muß rütteln ... man erreicht es schon!“
„Aber auf diese Weise, wenn man bei jedem Menschen einzeln pochen soll, werden die Kräfte nicht ausreichen. — Was soll dann noch zum Leben bleiben?“
Tkatschow verstummte triumphierend.
Landes Mienen wurden von einem hellen Schein überzogen: „Tkatschow, schon das ist dochein ganzes Leben. Der Nachklang dieses Pochens allein ist schon ein Glück; ein packendes, ungeheures Glück, zu wissen, daß wir, wenn auch nicht in alle Herzen, doch in das gemeinsame Herz der Menschheit dringen, daß das von uns begonnene Pochen nicht abstirbt, daß andere ebenfalls pochen werden, nach uns, daß es von Herz zu Herz dringt, und einst ... Tkatschow! ...“
„A, ha—a!“ Tkatschow brach in ein heiseres Lachen aus, — vielleicht war es auch ein Schmerzensschrei. „Fju!“ Er stieß einen grellen Pfiff aus.
„Ihnen kommt es lächerlich vor, Tkatschow?“ fragte Lande mit Tränen der Begeisterung in den Augen. „Sie glauben nicht?“
„Und Sie meinten ja? Das heißt also nur in dem Wahn leben, im Leiden sein Glück zu suchen? Und ich selbst, ich soll ebenso sterben, wie ich lebte? Als ob ich gar nicht gepocht hätte? Oho! Trinken — Sterben, nicht Trinken — auch Sterben! Suchen Sie sich irgendwo anders einen Narren dazu!“
Seine Stimme wurde überlaut, frech und leer. Und wenn Lande noch eine Hoffnung gehabt hätte, daß Tkatschow ihn verstehen würde, so schob sich jetzt, beim Schall dieser Stimme, mit einem Mal eine unsichtbare, undurchdringliche Mauer empor, stand unüberwindlich zwischenihnen, und ihre Kühle drang den beiden bis ins Herz hinan.
„Tkatschow,“ begann Lande zaghaft und ratlos. „Kommen Sie doch zu sich. Begreifen Sie denn nicht? ... Gehen Sie von hier fort, — diese entsetzliche Umgebung hat auf Sie eingewirkt!“
„Wo soll ich hingehen?“ spottete Tkatschow.
„Irgendwohin ... zu mir ... Ich habe für Sie Geld mitgebracht ... Sie nehmen es und reisen von hier ab, vergessen alles; und wenn die Zeit vergangen ist, sind Sie zu sich gekommen ...“
„Geld?“ fragte Tkatschow mit zusammengekniffenen Augen, und plötzlich rief er, entsetzlich grob, schroff und verzweifelt: „Ich brauche kein Geld von dir! Mit Geld will er mir das Maul stopfen! Schere dich fort! ...“
„Tkatschow, Tkatschow, warum? Lieber Tkatschow, ich habe doch ...“ stammelte Lande und griff krampfhaft nach seinen Händen.
Tkatschow riß sich heftig los, wandte sich schroff um und ging rasch aus der Zelle. Er kehrte jedoch sofort zurück. Auf der Schwelle blieb er stehen, blickte Lande einige Sekunden unverwandt und scharf an und sprach dann leise, wie vor sich hin:
„Der Selige ...“ Noch leiser, aber beißend als ob es ein feines Gift wäre, das er ausfließenließ, fügte er hinzu: „Die heilige Seele auf Stelzfüßen ... Schafskopf! ...“
Dann machte er kurz, militärisch kehrt und ging den Korridor entlang.
„Tkatschow!“ rief Lande verzweiflungsvoll. „Tkatschow!“
Tkatschow antwortete nicht und ging fort.