IX

IX

Ähnliche Szenen hatte es auch früher schon mehr als einmal gegeben, aber in ihrer Wiederholung wuchsen sie unheimlich an. Jede neue wurde immer sinnloser und abstoßender als die vorhergehende. Maria Sergejewna konnte es nicht verstehen: manchmal erschien ihr Mishujew wie wahnsinnig, manchmal aber warf sie sich mit brennender Reue allerhand Verbrechen, die sie niemals in ruhigem Zustand anerkannt hätte, vor. Sie sah, daß irgend ein unabwendbares Unglück an sie heranrückte, wußte aber nicht, wie sie den Alb überwinden sollte und litt ohnmächtig und jammervoll unter ihm.

Am allerentsetzlichsten war der Verlust an Selbstachtung und der Schmutz, den diese widerwärtigen Szenen hervorriefen. Sie erniedrigten sie und brachten sie in eine gewisse Abhängigkeit von ihrer Umgebung, selbst von den Dienstboten. Von allen Seiten sahen Augen undlauschten Ohren neugieriger, fremder Menschen, denen es gleich war, ob sie litten oder Dummheiten trieben, für die aber das Ganze ein amüsantes Schauspiel war. Sie mußten ihre Stimmen dämpfen, rasch die ätzenden Tränen verbergen, den schmerzverzogenen Gesichtern unwahre Mienen aufzwingen und sich unglücklicher als der elendeste Knecht fühlen.

In den letzten Tagen pflegten solche Szenen nur noch mit hysterischen Anfällen und völliger Erschöpfung zu enden. Es schien, daß sie von Zeit zu Zeit alles Schöne und Kultivierte verließ; in wilder Wut schlugen sich zwei Halbverrückte herum, die selbst nicht mehr wußten, was und wozu sie einander ins Gesicht schrien, und die nur darüber nachdachten, wie einer den anderen schmerzhaft zu kränken und zu verletzen vermöchte.

Mitunter überkam sie völlige Verzweiflung, und sie wünschten ein Ende, nur ein Ende zu machen. Aber in dem Augenblick, wenn Schmerz und Wut bis zum äußersten angeschwollen waren, fielen sie plötzlich zusammen, die Nerven gaben nach, es gab Tränen, gegenseitige Nachgiebigkeit, dann eine krankhafte, unerwartete Erregung, die sie beide in einem brennenden, wollüstigen Anfall zueinander trieb. Es kam ihnen wieder zum Bewußtsein, wie unsinnig dasVorgefallene war, und gleichzeitig überfiel sie hoffnungslose, qualvolle Reue.

„Wir sind verrückt!“ sagte Maria Sergejewna verzweifelt und schmiegte sich weinend an Mishujew, als suchte sie bei ihm Schutz. Er litt es schweigend; vor seinen Augen sah er den schwarzen Abgrund des unvermeidlichen Endes.

In derselben Weise war der heftige Auftritt auch an diesem Tage verlaufen.

Maria Sergejewna lag, todmüde, weich und erhitzt, mit tränennassem Gesicht und dunkelgewordenen Augen neben ihm. Das noch nicht befriedigte Verlangen zog sie mit krankhaft verstärkter Macht zueinander. Da sagte sie leise und treuherzig:

„Ich weiß, daß ich es deiner Ruhe wegen nicht tun sollte ... Aber glaube mir doch! Er tat mir einfach leid; so unglücklich kam er mir vor. Krank! ... Wie man es nehmen will ... Schuld habe ich doch ihm gegenüber! ...“

Und dem ermüdeten, vielleicht auch nach der Aufregung klaren Gehirn Mishujews schien es jetzt in der Tat ganz einfach und natürlich:

... Selbstredend hat sie ihm gegenüber Schuld ... Wie dem auch sei, einst liebte sie ihn doch ...

Alle Verdächtigungen schienen ihm sinnlos, unbegründet, nichts als unerträgliche Launen.

„Verzeihe mir ... ich bin tatsächlich verrückt ...“ stammelte er, voll schmerzlichen Mitleids, voll Liebe, Reue, Selbstverachtung und küßte das nasse, heiße Gesichtchen.

Sie glaubte sofort, daß nunmehr alles in Ordnung sei, — jetzt werden sie sich aussprechen, und vom nächsten Tag an wird alles so glücklich verlaufen wie noch nie zuvor. Sie überstürzte sich fast, um ihm alles zu sagen:

„Ich weiß, du meinst, ich hätte dich nicht lieb und wäre nur deines Geldes wegen zu dir gekommen ... Vielleicht hast du Grund, so zu denken ... Ich bin ein dummes, garstiges Ding, aber es ist doch nicht so: wirklich, ich liebe dich mehr als mein Leben! ... Du hast mir schon immer gefallen, schon lange ... Du bist so ... so groß, so stark, so feinfühlig! ...“

Im Zimmer war es finster, und Maria Sergejewnas Gesicht schimmerte trübe, weiß auf dem dunklen Divankissen. Ihre Augen taten sich weit wie zwei Abgründe auf. Ihre Stimme klang zart und abgebrochen, wie die eines gekränkten Kindes.

„Ich war immer froh, daß du dir deiner Macht bewußt bist und daß sich alle dir unterwerfen. Natürlich machte es mir auch Vergnügen, daß du für mich soviel hinauswerfen kannst, wie ich gar nicht wert bin ... Aber reiche Menschengab es doch so viel! Wenn ich nur wollte ... Aber du bist größer, stärker als sie alle! ... Wir Frauen lieben im Manne die Kraft und die Macht ...“

Mit Tränen der Zärtlichkeit und der Rührung küßte sie Mishujew; unter ihren stillen, verliebten Worten war es um sie wohlig und glückverheißend geworden. Sie flüsterte eilig und treuherzig, sie glühte am ganzen Körper, sie war unterwürfig und hingebend! Ihm kam das stolze Bewußtsein seiner Kraft, das Bewußtsein, daß sie ihn liebt und sich ihm wie ihrer Sonne, für die allein sie existiert, hingibt.

„Ich bin ein dummes Ding, ich kann es nicht erklären,“ flüsterte leise Maria Sergejewna, „ich hatte ein so eintöniges, langweiliges Leben ... es schien, als ob alles schon vorbei wäre und mir nichts mehr bevorstände ... Da brachtest du etwas Kraftvolles hinein, ich war wie wahnsinnig vor Glück geworden! ... Ich träumte von dir, lief dir wie ein Backfisch nach.“

„Aber doch habe nicht ich es gebracht ...“ bemerkte Mishujew mit dem unbewußten Wunsch, noch weiter in sie zu dringen; seine Stimme erzitterte im voraus in leichter Angst.

„Nein — du! Du ... So wie du bist: groß, stark, mächtig wie ein König! Aber das ist nicht das Wichtigste: wärest du arm, so hätte ich michdir ganz ebenso hingegeben ... Du bist mein Alles!“ Maria Sergejewna schmiegte ihren Körper mit rührender Schamhaftigkeit und doch schamlos an den seinen.

Sie flüsterte noch etwas, während sie unter seiner Liebkosung wie eine Blume aufblühte; Mishujew schien sein früheres Mißtrauen immer unbegründeter.

— Ich bin einfach nur ein Despot! dachte er.

Er wünschte nur, daß sie weiter spräche, noch mehr seine fürchtenden Gedanken zerstreue, sie widerlege, es beweise.

„Ja, aber ... dein Mann war doch klüger und talentvoller als ich ... Was bin ich denn im Grunde genommen ...“

Er fragte mit gedämpfter Stimme, als könne er dadurch seinen Wunsch verbergen; er erschrak selbst vor diesem Verhör, wie wenn er über einen Abgrund gleite. Er strengte sich an, sie zu überbieten, ihr den Gatten von neuem in Erinnerung zu bringen, ihr zu beweisen, daß jener besser sei als er.

„Wofür hast du mich im Grunde lieb gewonnen? ... Gewiß nicht, weil ich gesund bin wie ein Bulle?“ er sprach mit Absicht verletzend von sich; er war ganz gespannt in der sehnsüchtigen Erwartung nach Widerlegungen, nach leidenschaftlichen, erhebenden Worten.

Maria Sergejewna war durch seine letzte Frage tief beleidigt. Ihr ganzer Körper sträubte sich dagegen, als wäre er plötzlich entblößt auf die Straße geworfen worden; sie fing an zu beteuern, daß es nicht wahr sei.

„Aber, wie denn?“

Sie antwortete nicht gleich, fand nicht die richtigen Worte. Es war finster, und Mishujew konnte den Ausdruck ihrer Augen nicht erkennen. Er wartete und fühlte mit Entsetzen, wie ein schlüpfriger, fürchterlicher Verdacht in dem Dunkel seiner Seele entstand und herumschlich.

Doch sie begann ihm auseinanderzusetzen, warum sie ihn für klüger, besser, origineller als die anderen hielte. Sie bewies es leidenschaftlich, aufgeregt, hastig. Aber er widersprach ihr immer wieder und erklärte mit falscher, gehässiger Stimme, daß ihr Mann ein hervorragender, prächtiger Mensch sei. Er schilderte ihn wahrheitsgetreu und erniedrigte sich selbst dabei. Vor Maria Sergejewna tauchte allmählich immer klarer und deutlicher die bekannte Gestalt auf; das feinfühlige Gesicht des schönen, zärtlichen, eigenartigen Menschen, das sie auch noch jetzt, ohne es zu wissen, liebte. Irgendwo in der Ferne zeigten sich Erinnerungen an das erlebte Glück, an die ersten Liebkosungen; sie riefen bis zur Unfaßbarkeit feine Trauer hervor. Sieerschrak und begann zu streiten, ganz eigentümlich zu streiten, als ob sie nicht Mishujew zu widerlegen suchte, sondern etwas anderes, das im Innern ihrer selbst entstanden war. Das krankhaft angespannte Gehör Mishujews erfaßte diesen eigentümlichen Klang der gebrochenen weiblichen Stimme. Auch in seinem eigenen Flüstern änderte sich etwas: er stieß seine Werte mit trockener, unbegreiflich gehässiger Hartnäckigkeit hervor. Und mit einem Mal merkte Maria Sergejewna mit Entsetzen, daß es ihr, sobald sie nicht mehr leugnen konnte, daß ihr Mann ein hervorragender, guter Mensch ist, an den Beweisen fehlte, weshalb sie Mishujew liebgewann.

Ohne Worte wurde es klar, daß sie ihren Mann liebte und ihn auch jetzt noch nicht vergessen hatte, und daß sie nur von dem Drang nach neuem, prunkvollem Leben, den sie bis jetzt mit solcher Beharrlichkeit, und, wie sie glaubte, auch mit Aufrichtigkeit geleugnet hatte, fortgerissen worden war.

Als sie dahin kam, verstummte sie plötzlich, ungeschickt, ratlos, schwach, während sie sich angstvoll sagte, daß sie jede Sekunde dieses Schweigens zugrunde richten müsse. Mishujew wartete, drückte noch immer mit seiner schweren Schulter auf ihre weiche Brust und schob sein Bein nicht von ihren runden, warmenSchenkeln zurück. Seine Augen starrten unverwandt geradeaus in die Finsternis, sein ganzer Körper lag abgestorben in der entsetzlichen Erwartung dessen, was er längst vorausgesehen hatte. Eine unabwendbare, eisige Kälte stieg allmählich von ihnen herauf und trennte sie voneinander. Sie versuchte, noch etwas zu sagen, brachte es aber nicht fertig und brach plötzlich in ohnmächtiges Weinen aus.

„Warum folterst du mich so! ... Ich weiß von nichts ... von nichts ...“

Mishujew schwieg und atmete schwer. Er fühlte, wie sein ganzer Körper, sein Herz und Gehirn in schwarze Leere versanken.

Maria Sergejewna schluchzte auf und verstummte. Er schwieg und wartete auf etwas. Ohne mit dem Weinen aufzuhören, hob sie schüchtern ihren Blick. Da klatschte plötzlich eine scharfe Ohrfeige mit furchtbarer Kraft über ihr Gesicht.

„Ah!“ schrie Maria Sergejewna; sie verlor für einen Augenblick vor Entsetzen und Schmerz fast die Besinnung.

„Luder!“ sagte Mishujew heiser. Schwer und vierschrötig, in der Finsternis unsichtbar, kroch er fort, wobei er sich bemühte, ihren warmen, regungslosen Körper nicht zu berühren,und ging rasch, an die Möbel stoßend, aus dem Zimmer.

„Ende!“ sagte in ihm dumpf eine Stimme.

Inmitten seines Arbeitszimmers blieb er stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin. Dort, hinten, suchte das gespannte Ohr irgend einen Laut zu fassen, aber alles blieb still, wie ausgestorben. Er fürchtete sich, auch nur einen Finger zu rühren, ihm schien, daß die leiseste Bewegung den Tod mit sich bringen würde. Sein ganzes Wesen war ein einziger, unsäglicher Schmerz. Entsetzliche Scham, tiefste Vereinsamung und tödliches, herzzerreißendes Mitleid mit sich und mit ihr verschlangen sich chaotisch mit kalter, böser Freude, als ob er endlich an jemandem Rache nahm, indem er, ihm zum Trotz, sich selbst vernichtet hatte.

„Ende!“ sagte Mishujew mit sonderbarem Lächeln.

Er wollte dieses unsinnige Lächeln unterdrücken, aber es wuchs in die Breite, wurde größer, zerrte an seinem Gesicht, er konnte die klappernden Kiefer nicht ruhen lassen, und mit einem Mal zuckte sein ganzes Gesicht ineinemfurchtbaren, wahnsinnigen Krampf auf.


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