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Es war ein windiger Tag; die breite See, mit weißen Gischtkämmen bedeckt, scharf blau in der Ferne und grell-grün in der Nähe, wogte nicht, sondern schien sich zu drehen. Alles war scharf und buntfarbig: die Schatten, das Sonnenlicht, die prächtigen Toiletten der Damen, die auf dem Dampfer standen, die Borde und Taue des Schiffes. Der Wind erfüllte alles mit launischer, gleißender Bewegung; die ganze Umgebung wurde dadurch ungeheuer groß, die Menschen aber und das Städtchen, das hinter der Bucht strahlte, fast spielzeugartig klein.
Auf die Abfahrt des Dampfers mußte sehr lange gewartet werden. Mishujew wie Maria Sergejewna fühlten sich traurig, schwer und unbehaglich.
Grob rasselte der Krahn, während er schwere Kisten durch die Luft trug und in den Kielraum versenkte. Über die Schiffsbrücke, zwischen Verdeck und Ufer, strömte ungeduldig eine bunte Menge, unter der sich auffallend viele Damen befanden. Vom Ufer schrie man zum Bord hinüber, vom Bord zum Ufer, man warf sich gegenseitig Blumen zu, die von scharfen Windstößen ins Wasser gerissen wurden. Die Damen hieltendie Hutkrempen fest; die Röcke flatterten bald auf, bald umschlangen sie die Kniee, zeigten die weichen Umrisse der Füße und verliehen dadurch dem Ganzen einen ungeduldigen, unsteten Charakter. Trotzdem sah es aus, als ob der Dampfer nie mit der Aufladung der zahllosen Kisten fertig werden und abfahren wird. Manchmal begann die Dampfhuppe ungestüm zu brüllen, und ihr gewaltiger, schriller Seufzer übertönte alle Laute, schwoll höher und höher an; erst als die Ohren bereits schmerzten und das Gebrüll ganz unerträglich wurde, riß es plötzlich ab, schrie kurz auf und verstummte. Eine seltsame Stille trat ein, lange hörte man in den fernen Bergen das verhallende Echo. Dann erhob sich wieder scharfes, eiliges Gerede, und ungeschlacht rasselte der Hebekrahn.
Mishujew stand am Bord und litt unter einer furchtbaren, drückenden Last. Er fühlte, daß Maria Sergejewna ihn immer wieder anschaute, und sah von der Seite ihre dunklen Augen, die sich anstrengten, ruhig und lächelnd auszusehen, in denen aber durchsichtige Tränen standen.
Sie sagte nichts. Die Entscheidung war schon gestern getroffen; nach der schweren, abscheulichen Unterredung gab es jetzt nichts mehr, worüber sie sprechen konnten.
Nun schön ... Ende, — mag es das Ende sein ... wiederholte sich Maria Sergejewna lautlos, und nur ihre Hand im weißen Handschuh fuhr ohne Grund über den blanken Messing des Schiffsbords. An dieser ununterbrochenen, gespannten Bewegung konnte Mishujew verstehen, was sie fühlte und dachte, was für auswegslose Trauer ihr kleines Herz zerriß. Sie tat ihm leid; er fühlte eine unendliche Schuld gegen sie. Doch in seiner Seele war es leer, und es war unmöglich, sich eine Rückkehr zu dem früheren, zu den Zärtlichkeiten, dem gemeinsamen Leben und der gegenseitigen Wärme, vorzustellen. Etwas war gerissen, zwischen ihnen lag kalte Leere, und jetzt hatte er nur noch einen Wunsch: nichts mehr in die Länge zu ziehen! Nur schneller alles zu enden!
Tja ... dachte Mishujew, unbeweglich auf die bunte Menge starrend. Sie wird auch ohne mich fertig werden. Wird das bisherige festliche Leben führen, nichts entbehren, nur Lust und Freude suchen.
Ihm schien, daß sie einen anderen Mann finden müsse, den sie so wie einst ihn lieb gewinnen kann, der sie aber aufrichtig und mit dem Gefühl des Dankes, mit warmer, inniger Achtung liebt. Doch aus irgend einem Grunde konnte er sich diesen anderen nicht vorstellen; statt dessenstieg vor ihm bald das schwarzbärtige, runde Gesicht Parchomenkos bald die hängende Unterlippe des Börsianers auf.
Auch das ist möglich, dachte Mishujew — sie hatte die reine, aufrichtige Liebe zu ihrem Mann, sie tauschte sie gegen mich ein, weil ich ihr neue Eindrücke, die Möglichkeit eines sorgenlosen, lustigen Lebens gab. Jetzt wird es ihr schwer sein, zum früheren zurückzukehren ... sie muß in dem neuen Gleise bleiben ... Und sie wird fröhlich sein, sich glücklich hingeben, lachen, sich schön kleiden ... Bis das Leben selbst erblaßt und in Leere aufgeht ... Es ist doch schade! ... Aber ich allein bin schuld ... Na, schön ... Ich werde leben, wie ich schon gelebt ... es wird öde, widerwärtig, einsam zugehen! Leer ...
Die Messinghuppe fing zu brüllen an. Die Luft erzitterte, das Verdeck zitterte, und eine Minute lang schien es, daß auch das Meer und der Himmel unter dieser unmenschlichen Stimme, die in den Bergen widerhallte, erbebten. Auf dem Verdeck schrie man, man bewegte sich und schwenkte die Tücher.
Maria Sergejewna wurde blaß, und in ihren dunklen Augen drückte sich unterwürfige Trauer aus. Mishujews Herz zog sich zusammen. Beide fühlten in diesem letzten Augenblick die hoffnungslose, traurige Zärtlichkeit.
Man konnte den Moment nicht bemerken, in dem der Dampfer abstieß, nur der trübe, grüne Wasserstreifen wurde plötzlich breit und wuchs zwischen der nassen Steinumfassung der Mole und dem schwarzen Borde schnell an.
Mishujew stand auf dem Verdeck und schaute lange aus, um unter der Menge die schlanke, winderfaßte Gestalt Maria Sergejewnas zu finden. Der Dampfer fuhr mit voller Geschwindigkeit, und die Gischtkronen der freien Wellen zeigten sich zwischen ihm und dem Ufer. Der Kai wurde immer kleiner und kleiner, aber lange noch sah Mishujew die in der Richtung des Dampfers hergehende, helle, weibliche Gestalt, deren Kleid der sonndurchstrahlte Wind hin und her zerrte und hochhob.
Ihre Gesichtszüge konnte er nicht mehr erkennen ... nicht mehr sehen, ob sie steht oder geht. Nur ein kleines, helles Fleckchen schmiegte sich an die lange, graue Steinwand, mitten im Wind, den rollenden Wellen und dem weißen Gischt, den der Wind von ihren Köpfen reißt.
Immer kleiner und kleiner. Und als das Städtchen, und der Kai, und das kleine, weibliche Figürchen zu einem Panorama, das wie Spitzenwerk durchleuchtet war, zusammenflossen, stach ein scharfer Schmerz tief in sein Herz; er fühlte sich in der ganzen Welt allein.
Abgebrochen war das frühere Leben; es verschwand für immer in der blauen Vergangenheit. Vor ihm breitete das leere, bewegliche Meer, hebend und fallend, seinen windigen, kalten Raum aus.
— — Na, sei’s so ... dachte Mishujew. Vielleicht ist es zum guten ... Irgendwie werde ich schon damit fertig werden.
Auf dem Dampfer ging es lustig und farbig zu. Viele Frauen in schönen Kleidern, mit Blumensträußen in der Hand, gaben ihm ein festliches Aussehen, und als auf dem Vorderteil unerwartet Musik zu spielen begann, glich das Ganze einem fröhlichen Ausflug. Die Fahrgäste teilten sich in Gruppen, zwischen den Damen tauchte bald der Kapitän auf, der in seinem schneeweißen Kittel halb wie ein Geck, halb wie ein Seemann aussah. Scherze, Lachen, weibliche Ausrufe erschollen. Und hinter dem Schiff schäumte das Meer und schwamm in die vergehende Ferne zurück.
Im blauen Nebel zogen grüne Ufer und rosige Berge vorbei. Auf einem Felsvorsprung lag ein weißes Kloster hoch über dem Meer und schwebte lange, wie eine Möve, in der Luft, bis es in der blauen Weite zerfloß. Das Meer rollte und bewegte sich, die weißen Wellen hoben sich und fielen nieder.
Unermüdlich schritt Mishujew auf dem Verdeck auf und ab, schaute auf das verschwindende Ufer und sann nach. In seiner Seele klang und schmerzte ein trauriges, hoffnungsloses Gefühl.
Wohin fahren? Wozu? dachte er, während sein Blick gleichgültig über Meer und Ufer schweifte, die er schon so oft gesehen hatte — hier, wie an der Küste Italiens und in Ägypten — und die ihm von der ergreifenden, blauen Schönheit der Natur, die das Herz des Menschen frei wie einen Vogel an einem hellen Sommertag macht, nichts mehr zu sagen wußten.
Nur fiel es ihm auf, wie eigentümlich die Möven kreischten, die den Dampfer begleiteten.