IX

IX

Es war noch finster, der Mond war noch nicht aufgegangen, als sich Lande seiner Wohnung näherte. Er dachte unablässig über Tkatschow nach; seine Gedanken waren eigentümlich starr und schneidend.

... Als er mich auslachte, litt er mehr als ich, ich sah es ... Das ist entsetzlich, aber wer hat Schuld, ich oder er ... oder irgend einer außer uns beiden? ... Ich weiß nicht ... Man muß kämpfen, aber wie kämpfen, wenn ich nicht einmal weiß, woher es kommt? ...

Es war still. Lande ging und starrte mit Augen, die nichts sahen, auf die dunkle Erde, die langsam unter seinen Füßen nach hinten glitt.

„Pa—a!“ schrie irgendwo in der Nähe verzweifelt, schmerzlich flehend ein Kind; plötzlich lebte die ganze öde, dunkle Straße in wilden, gräßlichen Tönen auf.

„Papa ... ich tu’s nicht wieder ... Papachen!“ schrie hilflos das Kind; es schien sich zu wehren.

„Tust es nicht? ... Tust es nicht? ... Tust es nicht? ...“ knarrte gleichmäßig eine abgerissene und fast ausgetrocknete Baßstimme, immer höher und nachdrücklicher im Ton. Es war, als ob in den kurzen Zwischenräumen von einemWortfetzen zum anderen etwas Grauenhaftes geschah.

Unter einem Fenster stand jemand und lauschte gespannt. Der dünne, blasse Schatten eines jungen Mädchens mit weißem Gesichtchen und großen, bang glänzenden Augen schwankte eigentümlich undeutlich in der Dämmerung.

„Sind Sie das, Ssonja?“ Lande erkannte Ssemjonows Schwester und faßte ihre magere Hand. „Was geht hier vor?“

„Sie hören, er schlägt es tot!“ erwiderte sie mit eigenartiger, halb kindlicher, halb weiblicher Stimme; mit einer Bewegung grausamer, wilder Neugierde reckte sie den Hals zum Fenster hoch.

Lande, der sich nur mit Mühe von seinen Gedanken losreißen konnte, begriff im Augenblick alles, ächzte auf, rannte kopfüber in den Hof hinein, wobei er mit dem Knie gegen einen in der Finsternis unsichtbaren Holzpfahl stieß, sprang die Stufen hinauf und riß die Tür zum Zimmer auf.

Dort brannte groß und hell eine Lampe und warf eine Garbe goldiger Funken in einen Haufen Heiligenbilder, die in einer Ecke bis an die Decke aufgetürmt waren. Und in der Mitte des Zimmers stand, mit dem Gesicht zur Tür, in einer sonderbaren, fast wollüstig vornübergebeugtenStellung, Firsow ohne Rock, nur in der Uniformweste mit den kleinen glänzenden Metallknöpfen, und schlug, gleichmäßig durchziehend, mit einem langen, schmalen Riemen über einen geröteten schmalen Hinterteil, den er zwischen seinen langen, eckigen Knien fest eingeklemmt hielt.

„Tust es nicht wieder! Tust es nicht wieder!“ wiederholte er mit schneidender Stimme und schlug in den Zwischenräumen von einem Ausruf zum anderen klatschend und genußsüchtig mit dem Riemen, der in dunklen Streifen das zartrosige abgerundete Fleisch durchschnitt, darauf los.

Eine kalte, neblige Welle schlug Lande durch den Kopf, und ehe er sich besinnen konnte, was zu tun wäre, stürzte er, fast hingerissen von Wut, auf Firsow zu, ergriff die dünne, sehnige Hand und stieß ihn aus voller Kraft gegen die Brust. Firsow schlug mit den ausgleitenden Beinen hoch, ließ Riemen und Kind fallen, klammerte sich aber noch rechtzeitig an den Tisch. Es klirrte etwas und zerschlug am Boden.

„Was ist das wieder? Was wollen Sie?“ brüllte er, die Fäuste ballend.

Lande drückte das laut weinende Kind an sich und blickte Firsow mit weitgeöffneten, zornigen Augen entgegen.

„Firsow, kommen Sie zu sich!“ sagte er mitzitternden Lippen, aber mit eigentümlich unbesiegbarer Kraft.

Eine Minute lang blickte ihm Firsow halb wahnsinnig in die Augen und erkannte ihn nicht; dann wurde er plötzlich tiefrot; im gleichen Moment erlosch das düstere, wilde Feuer, das in seinen geöffneten Augen brannte. Er strich sich krampfhaft über den Kopf, und murmelte.

„Aah, Sie sind es, Iwan Ferapontowitsch! ... Entschuldigen Sie ... ich ...“

„Wieder, Firsow, wieder! Schämen Sie sich denn nicht; fürchten Sie nicht die Sünde!“

Er wandte sich um und schob das Kind Ssonja zu, die schweigend in der Tür stand.

Das gelbe lange Gesicht Firsows wurde kupferrot.

„Erlauben Sie, Iwan Ferapontowitsch ...“ sagte er heiser. „Sie können nicht wissen ... ich habe nicht ohne Grund ...“

„Welchen Grund könnte es dafür geben!“ rief Lande mit der früheren Kraft und mit zorniger Verachtung. „Kein Grund kann solchen Greuel rechtfertigen!“

Firsow trat plötzlich auf ihn zu und erhob seine knochige, zitternde Hand.

„Nein, doch!“ rief er, indem er die gelben Wurzeln der abgenützten Zähne zeigte und die Augen wieder weit aufriß. „Wissen Sie denn,was dieser Lausebengel hier getan hat? Wissen Sie es?“ Er stieß die Worte mit wachsendem Triumph aus.

„Was?“

„So, ‚was‘! Hier, bitte, Sie können es bewundern!“ Firsow trat siegesfreudig zur Seite und steckte den ausgestreckten langen Finger zwischen die Heiligenbilder.

Lande blickte hin, verstand aber nichts; er sah anfangs nur einen Kasten mit Farben, einen Pinsel und ein Glas voll schmutzigen, grünen Wassers.

„Was?“ wiederholte er.

„Hier!“ rief Firsow wieder mit dem gleichen Triumph und riß Lande am Arm zu den Heiligenbildern hin.

Lande unterschied, daß zwei auf Papier gedruckte Szenen aus der Heiligen Schrift kindlich mit widersinnigen Farben bemalt waren; den weiblichen Gesichtern waren Schnurr- und Kinnbärte aufgesetzt worden.

„Ah so!“ sagte er gleichmütig.

Das Kind schluchzte still.

„Weine nicht ... Wir lassen ihn nicht mehr ...“ Ssonja sprach ganz mechanisch; sie wandte keinen Blick von Lande.

„Aber es ist doch ein Kind, Firsow!“ Landenahm ihn an der Hand und versuchte, ihn zu beruhigen.

„Das weiß ich, daß es ein Kind ist!“ Firsow warf den Kopf in den Nacken. „Wenn er kein Kind wäre, so hätte ich ihn vielleicht totgeschlagen! ...“

„Was reden Sie!“ Lande machte eine abwehrende Handbewegung.

„Gewiß ... totgeschlagen, totgeschlagen hätte ich ihn!“ schrie Firsow hartnäckig und klopfte mit den Fingerknochen auf den Tisch.

„Lassen Sie das, Firsow,“ befahl Lande energisch und nahm ihn an der Hand; dann sah er sich nach Ssonja um. „Lassen Sie ... wegen einer solchen Bagatelle! ...“

Firsow richtete sich blitzschnell auf, als ob er gerade auf diese Worte gewartet hätte.

„Bagatelle?“ wiederholte er, das Wort unnatürlich dehnend.

„Ja, wie kann man denn dem irgendwelche Bedeutung beimessen! Verstehen Sie denn nicht, daß Sie unendlich viel mehr sündigen als der arme Knabe?“ sagte Lande überzeugend und traurig.

„Ha! ... Das halten Sie für eine Bagatelle? So ...“ fing Firsow an, und plötzlich rief er in dem früheren, geheuchelt wütenden Ton, als ob er sich künstlich erhitzen müsse:

„Eine Bagatelle ist das?“ Er kreischte schrill und stampfte mit den Füßen. „Hinaus, hinaus mit dir! Gotteslästerer, Teufel! Hinaus, daß hier keine Spur von dir bleibe.“

„Firsow,“ sagte Lande erstaunt, „was haben Sie?“

„Hinaus!“ brüllte Firsow. Er hörte absichtlich nicht, spritzte Speichel, trampelte mit den Füßen und geriet nun wirklich in Wut.

Zum zweiten Mal in seinem Leben schien es Lande, daß es nicht ein Mensch war, der schreit, sondern irgend ein hinterlistiges, böses Wesen in ihm. Der Ekel stieg ihm in den Hals; aber dieses Gefühl war ihm so ungewohnt und qualvoll, daß er sich schnell abwandte und zurückwich.

„Ich gehe fort ...“ sagte er hastig. „Sie sind heute sehr eigentümlich ... Lieber will ich morgen kommen ... Nur nehme ich auch Sserjoscha mit, sonst können Sie ...“

Firsow erstickte fast vor Wut, sperrte die Augen auf, blieb aber stumm.

Lande wandte sich zu Ssonja.

„Wir nehmen ihn zu uns, Ssonja!“ sagte er.

Ssonja warf einen raschen Blick auf ihn, nickte schweigend mit dem Kopf, hob angestrengt den dicken, verweinten Jungen auf den Arm und ging zur Tür.

„Wir gehen fort, Firsow, und nehmen Sserjoscha mit ...“ wiederholte Lande.

„Glück auf den Weg!“ rief heiser Firsow und blieb wie angewurzelt vor den Heiligenbildern in der Ecke stehen.

„Wir nehmen ihn ja nur, weil Sie zu aufgeregt sind,“ sagte Lande in versöhnlichem Ton.

„Schon gut, schon gut!“ nickte Firsow schadenfroh mit dem Kopf. „Bringen Sie ihn nur zurück ... Dann werden wir weitersehen!“

Eine Sekunde lang stand Lande unbeweglich und blickte lange und gramvoll Firsow gerade in die Augen. Aber der wandte sich ab und ließ seine Blicke über die Heiligenbilder, den Fußboden, die Wände laufen.

„Aber was haben Sie?“ rief Lande bitter. „Niemals waren Sie so zu mir.“

„Schon gut, schon gut!“ murmelte Firsow. „Sie haben sich auch was in den Kopf gesetzt. Bilden Sie sich nichts ein! ... Es gibt noch andere wie Sie, wenn Sie sich auch nicht in den Vordergrund drängen ... Wie manch andere! Jawohl, und ... diesem Lausebengel werde ich es noch beibringen, wie er ...“

„Aber er ist doch vor allen Dingen Ihr Sohn!“ Lande schlug sich mit der Faust an die Brust.

„Es ist nicht Ihre Sache, mich über meine Pflichten gegen meinen Sohn zu belehren! VerstehenSie? Nicht Ihnen und nicht mich! Der Herr weiß, wo das Richtige ist ... Der Sohn — ich weiß, was ein Sohn ist! Ich habe keinen Sohn über meinem Gott!“ rief er wieder, indem er sich plötzlich umwandte. „Hier! ...“

Er konnte nicht zu Ende reden und begann, sich krampfhaft an die Heiligenbilder zu klammern, während er etwas auf den Boden fallen ließ und sinnlos murmelte:

„Hier alles ... alles ... alles hier!“

Lande blickte Firsow fragend an, zuckte schwer mit den Achseln und ging aus dem Zimmer:

„Ich werde jetzt lieber fortgehen ... meine Gegenwart regt Sie wahrscheinlich auf ...“ sagte er weich.

Ssonja stand an den Stufen mit dem Kind auf dem Arm.

„Gehen wir, es ist unmöglich, mit dem Vater zu sprechen ... Er ist jetzt fast wahnsinnig!“

Er nahm das Kind zu sich auf den Arm und trug es, die Wange an das weiche kindliche Bäckchen geschmiegt. Ssonja ging hinter ihm und schaute mit einem unnatürlich begeisterten Blick auf Landes Nacken, während sie mechanisch die von Tränen genäßte Hand abwischte.


Back to IndexNext