X
Am andern Tag trat Firsow, im Rock und hohen Kragen, trocken und gerade wie ein Stock, in Ssemjonows Zimmer. Lande saß angekleidet am Fenster und schrieb, den Kopf zur Seite geneigt, eifrig, mit etwas kindischen, säuberlichen Schriftzügen ein großes Manuskript ab, das ihm Ssemjonow zur Abschrift verschafft hatte. Der kranke Student lag noch auf dem Bett und rauchte.
„Ah, Firsow!“ rief Lande freudig und erhob sich, um ihm entgegenzutreten, wobei er auf das sauber abgeschriebene Blatt einen Klecks machte. Ssemjonow bemerkte von weitem diesen Klecks, sagte aber nichts.
Firsow warf einen kühlen Blick auf Lande; reichte aber die Hand nicht.
„Ich bin gekommen, meinen Sohn abzuholen!“ sagte er trocken und übermäßig offiziell.
„Sserjoscha ist schon längst in den Garten gelaufen ...“
„Ssonja ging mit ihm spazieren ...“ warf Ssemjonow in gleichgültigem Ton hin.
„Ich danke Ihnen!“ Firsow verneigte sich ebenso unnatürlich nach seiner Richtung. „Und nun bitte ich um Entschuldigung ...“
Und er wandte sich zum Fortgehen.
„Was soll das heißen, Firsow?“ fragte Lande betrübt.
„Nichts!“ Firsow zuckte mit merkwürdig flottem Vergnügen die Achsel.
„Aber lassen Sie doch das!“ erwiderte Lande.
„Macht eine Pose wie ein Idiot!“ bemerkte Ssemjonow zornig.
Firsow drehte sich rasch zu ihm herum; er geriet aus einem stockdürren plötzlich in einen äußerst biegsamen Zustand.
„Ich weiß nicht, wer der Idiot ist!“ erwiderte er scharf. „Aber da es nun dazu kommt ... so bitte, ich will mich mit Ihnen auseinandersetzen.“
Er legte rasch Stock und Hut auf den Stuhl und setzte sich ebenso rasch und impulsiv daneben.
„Sehr notwendig!“ schnaubte Ssemjonow. „Hampelmann!“
„Ruhig, Wassja!“ bat Lande.
Firsow tat, als ob er nichts gehört hätte und drehte sich kurz nach Lande um.
„Ich sehe mich gezwungen, etwas weit zurückzugreifen ...“ begann er hochtrabend, mit offensichtlichem innerem Behagen an der vorbereiteten Rede. „Sie ... Iwan Ferapontowitsch, hatten einmal auf mich einen bedeutenden Einfluß ausgeübt, ich muß das gestehen ... ja, ich will es aufrichtig gestehen ... Ja, ich darf schließlich sagen, daß wir sogar Freunde waren.“
Tiefe Ziegelröte trat auf die welken, trockenen Backen Firsows; für einen Augenblick schien es, daß er in seiner Rede gestolpert wäre, als fürchtete er, Lande könne es bestreiten.
„Ich war Ihnen immer zugeneigt, Firsow ...“
Ein Zug verborgener, ihn selbst erniedrigender Befriedigung huschte über Firsows Mienen; doch sofort wurde er grob und unverschämt.
„Sie haben mich durch den äußeren Eindruck Ihrer Handlungen, deren wahren Sinn ich damals meiner Jugend wegen nicht durchschauen konnte, verlockt ...“
„Ich glaube, ich habe Sie doch als erwachsenen Menschen kennen gelernt ...“ fiel ihm Lande, der ihm mit äußerstem Interesse zuhörte, naiv ins Wort.
Firsow wurde wieder von einer besonderen blaugelb gedeckten Röte überzogen.
„Jawohl ... Allerdings, ich ... Ich wollte gesagt haben, daß, als Sie, noch ein Jüngling, Arme und Kranke besuchten und alles verteilten ... und so weiter, da meinte ich, einen wahren Christen gesehen zu haben ... und auch Ihre Reden bekräftigten mich darin ... Ich fühlte große Sympathie für Sie. Ich muß es auch jetzt gestehen ... Dadurch, daß Sie infolge Ihrer Beredsamkeit die vertrauensvolle Jugend fortrissen,wurden Sie sozusagen zum Mittelpunkt ... zu einem Abgott für viele. Selbst ich, ein Mann, — ich darf es ohne Überhebung sagen —, von innerem Halt und gefestigtem Charakter, ein Mann von Überzeugungen, konnte lange Zeit nicht den wahren Sinn Ihrer Reden und Handlungen begreifen ...“
„Und welchen Sinn hatten sie, nach Ihrer Meinung?“ fragte Lande mit Interesse.
„Das werden Sie schon selbst wissen ...“ Firsow warf ihm einen schlauen Blick zu und hob den Finger, als ob er ihn zur Seite schieben wollte.
„Nun, doch?“
„Den folgenden ... wenn Sie es durchaus zu hören wünschen ... Indem Sie sich am Dienst der Kirche in keiner Weise beteiligten, wollten Sie gleichsam betonen und ... und hervorheben, daß die wahre christliche Religion außerhalb der Kirche liegt ... Jawohl! Und Sie haben auch in der Tat viele verlockt, so daß sie aufhörten, die Kirche zu frequentieren und sogar in eine Kritik der Dogmen verfielen! ... Viele, aber nicht ich ... Ihnen ging es natürlich gegen den Strich, ich aber bin kein dummer Junge von Student; nicht Sie wären imstande, mich zu beirren. Eher werde ich Sie auf den wahren Weg leiten!“
„O Gott!“ seufzte Lande schmerzlich auf.„Was Sie nur da alles zusammenreden, Firsow!“
Ssemjonow drehte sich mit unterdrückter Aufregung schwer auf dem Bett hin und her.
„Jawohl, jawohl!“ wiederholte Firsow hochmütig. „Nicht mich.“
„Und doch kann ich nicht verstehen, was das alles soll ...“ Lande schlug die Hände auseinander.
„Das Folgende!“ schrie Firsow grob; sein dunkelgrauer Backenbart ging borstig in die Höhe. Es war offensichtlich, daß er sich verwickelt hatte und sich, da er es einsah, in seiner Eitelkeit gekränkt fühlte. „Erlauben Sie, schließlich, Ihnen geradezu die Frage zu stellen: Sind Sie ein Christ oder nicht?“
Ssemjonow schnaubte.
„Ich weiß wirklich nicht ... und wir wollen doch lieber ein andres Mal darüber sprechen ...“ versuchte Lande, den es um Firsow schmerzte, das Gespräch abzulenken.
Wie von einem Strom mitgerissen, schlug Firsow kurz Wort für Wort herunter: „Soo, — — Glauben Sie an die rechtgläubige Kirche?“
Lande lief aufgeregt im Zimmer umher.
„Was ist das für eine Frage, Firsow? Wozudas? Übrigens, wenn es Ihnen wichtig ist, an die Kirche glaube ich ganz und gar nicht, das ist selbstver— ...“
„So—o!“ fiel ihm Firsow ins Wort, während er aufsprang und sich mit enger Freude die Hände rieb. „Dieses Gespräch im Zusammenhang mit vielem anderen, sowie mit der Lossagung von Ihrer Mutter ...“
Lande riß die Augen weit auf.
„Das ist nicht wahr, ich habe mich niemals von meiner Mutter losgesagt ... nur habe ich mich entschlossen, getrennt von ihr zu leben, weil —“
„Aber wozu redest du noch ein Wort mit diesem Aas!“ brauste Ssemjonow plötzlich auf und setzte sich im Bett auf, zerzaust und gelb. „Weshalb erlaubst du jedem Strolch, in deine Seele hineinzufassen!“
„Ich verstehe!“ stieß Firsow in dem früheren falschen Ton zwischen den Zähnen hervor, und zog vorsichtig seine Mütze zu sich heran. „Mehr habe ich nicht zu fragen, obgleich ich noch einiges sagen wollte ... was möglicherweise —“ er fügte es mit augengesenkter stolzer Bescheidenheit hinzu — „Ihnen einen gewissen Nutzen bringen könnte ... Aber da es einmal ... genug! Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe ... Und Sie können versichert sein, daß ich so handelnwerde, wie es mir meine Pflicht und mein Gewissen vorschreiben! ... Jawohl!“
Und Firsow erhob sich triumphierend.
„Ach, du altes Mistvieh!“ schrie wütend Ssemjonow, wollte aufstehen, begann aber furchtbar heiser zu husten und fiel, von kaltem Schweiß übergossen, mit dem Gesicht in die Kissen zurück. Der dünne bloße Fuß, der sich unter der Decke hervorgestreckt hatte, zitterte in krampfhafter Anstrengung.
Schadenfroh sah ihn Firsow an und bleckte die Zähne. „Ja, so—o!“ sagte er gedehnt von oben herab, dann wendete er sich ebenso wieder an Lande. „Und Ihnen möchte ich noch das eine sagen: alle Ihre Handlungen sind nichts als Heuchelei und Lüge ... Den wahren Glauben haben Sie nicht, vielleicht können aber Menschen, die Sie für tieferstehend halten, als sich ... Sie sind eben ein Diener des Antichrist und ...“
„Scher dich zum Teufel!“ kreischte, außer sich vor Wut Ssemjonow, und seine kranke, gespannte Stimme zerschnitt die Luft, wie ein Peitschenhieb. „Raus mit dir!“
Firsow sah ihn stolz an, setzte die Mütze auf und öffnete die Tür.
„Dieser halbkrepierte Hund!“ sagte er abgesetzt mit unendlichem Haß und Genuß, hinterder Tür. „Schweigen sollte der wenigstens, wenn er schon von Gott geschlagen ist! Will auch noch mit den andern weiter!“
Lande stand blaß und kopflos mitten im Zimmer und lächelte unbeholfen. Ssemjonow sah ihn an und begann sich, wie verschämt über seine Wut, immer noch zitternd und nach Luft ringend, anzukleiden.
„Gott! ... Soviel Haß und Grimm, und weshalb? Habe ich denn ...“
Ohne aufzublicken, warf Ssemjonow still hin: „Du mußt das einfach nicht beachten ...“
Aber Lande hörte ihm nicht zu. Er hatte nur das einzige, unüberwindliche Bedürfnis, sofort, ohne Verzug, den Haß und Grimm auszulöschen, die neben ihm und, wie ihm schien, durch seine Schuld emporgelodert waren, weil er nicht verstanden hatte, ihnen vorzugreifen, und die ihm jetzt unerträglich das Herz verbrannten; ohne Überlegung stürzte er kopfüber aus dem Zimmer.
„Wo willst du hin?“ rief Ssemjonow. Er erschrak über dieses unnötige und seiner Ansicht nach erniedrigende Vorhaben Landes.
„Ich komme gleich wieder ...“ murmelte Lande, lief die Stufen herunter und stürzte auf den Flügel zu, in dem Firsow wohnte. Die Tür war zugeschlossen; Lande prallte hart an ihr zurück.
„Firsow! Machen Sie auf!“ schrie Lande; er klammerte sich an die Türklinke.
Hinter der Tür konnte man nichts als dumpfes, triumphierendes Schweigen hören, es schien, daß gleich hinter ihr jemand verborgen war, der sich in geheimem Vergnügen sein Schweigen auskostet. Lande drehte und rüttelte an der Klinke.
„Firsow! Es ist ein Irrtum! machen Sie auf — ich will Ihnen alles erklären ... Machen Sie auf!“
Firsow ließ nichts von sich hören. Lande sah sich mit traurigen Augen um, biß sich auf die Lippe, um nicht von seinem Schmerz überwältigt zu werden, und trat zurück.
Aus dem Garten kam die zarte, schlanke Ssonja, vor der Sonne von einem durchsichtigen weißen Kopftuch geschützt, unter dem große Augen forschend und düster hervorblickten, auf ihn zu.
„Wanja,“ sagte sie streng und ernst, „gehen Sie von hier fort, Sie erniedrigen sich.“
„Ssonjetschka,“ erwiderte Lande ernst, „kann man denn das lassen? Es ist doch entsetzlich, sinnlos ... Wozu, weshalb diese Wut?“
„Er ist ein Schuft, ein Stück Dreck, ein Nichts!“ sagte Ssonja überzeugt. „Er haßt Sie schon lange, weil Sie besser sind als er ...“
„Ach, was Sie für dummes Zeug reden, Ssonja!“ wehrte Lande ab.
„Es ist wahr!“ rief Ssonja beharrlich und riß das Kopftuch herunter.
„Na, mag sein ... Nicht darum handelt es sich, Ssonja, wer besser oder nicht ... Nicht das ist wichtig.“
Auf den Stufen erschien Ssemjonow, halbbekleidet, ungekämmt und safrangelb.
„Lande,“ rief er kurz. „Komm her, gleich! Sonst prügle ich dich durch, bei Gott!“
In seiner Stimme klang deutlich Liebe und Mitleid und eine gewisse helle Verwunderung.